(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Grundzüge der Psychoanalyse [2., verbesserte und erweiterte Auflage]"

PLAN 




IN DIE 



;■ ^ 




..! 



I< 



?vm 




X 



l/' 






{ 






T 












LEO KAPLAN 
GRUNDZÜGE DER PSYCHOANALYSE 



y 



e yU.\t . ^J ^ 



LEO KAPLAN 

GRUNDZÜGE DER 
PSYCHOANALYSE 



ZWEITE VERBESSERTE UND ERWEITERTE 
AUFLAGE 




1929 



MERLIN-VERLAG/BADEN-BADEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Alle Rechte vorbelialten 

Copyright 1929 by Merlin -Verlag G. m. b. H. / Baden- Baden 

Druck von Manicke & Jahn A.-G. / BudoUtadt 



Vorwort 

Als ich das Manuskript der ersten Auflage des vorliegenden Wer- 
kes (erschienen Wien, Frantz Deutieke, 1914) schrieb, gab es noch 
keine systematische Darstellung der Psychoanalyse. Jetzt haben wir 
Freuda „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse", die 
ich als am besten geeignet für die erste Bekanntschaft mit der 
Psychoanalyse halte. Wenn ich mich dennoch entschlossen habe, 
an eine zweite umgearbeitete Auflage meines Buches heranzutre- 
ten, so geschah es aus folgenden Gründen: Die „Verdrängung", die 
in der Psychoanalyse eine so wichtige Rolle spielt, wurde gewöhn- 
lich als etwas Selbstverständliches vorausgesetzt, man übersah die 
Problematik, die in diesem Begriff steckt. In den letzten Jahren 
hat zwar Freud versucht, das Problem der Verdrängung in An- 
griff zu nehmen; die von ihm gegebenen Lösungen befriedigen 
mich aber nicht, in manchen Punkten scheinen sie den Tatsachen 
Gewalt anzutun. 

Meine eigenen Überlegungen führten mich zur Einsicht, daß 
die Verdrängung nur auf der Grundlage einer dynamischen Auf- 
fassung der Seelentätigkeit begriffen werden kann. Außerdem zeigte 
mir meine Beschäftigung mit dem Problem der Magie, daß viele 
Momente in der Verdrängung durch die magische Denkweise (die 
ihrerseits vom „Narzißmus" abzuleiten ist) bedingt sind. 

In diesem Sinne habe ich nun meine „Grundzüge der Psychoana- 
lyse" gänzlich umgearbeitet: ich habe die dynamische Seite betont 
und die Bedeutung des Narzißetisch-Magischen stärker hervoi> 
gehoben. 

Zürich, im September 1928. 



Inhaltsverzeichnis 

I. Psychologie und Psychoanalyse 1 

Psychoanalyse will dasselbe was die Psychologie, die Erfassung der 
menschlichen Seele. Die Methode der Selbstheobnchtuiig. Die experi- 
mentelle Methode. Die Külpcscbe Schule. Die Bedeutung der Aufgabe 
im Ablauf des psychischen Ccschehcaa. Die fehlerhaften Reaktionen 
im Aufgabeexperiment. Alle bisherige Psychologie erfaßte nur die 
Oberfläche der Seele, drang nicht in die Tietendimension. Die psycho- 
analytische Methode illustriert an der Analyse eines neurotischen 
Zwangfragens. Folgerungen: 1. Fehlerhafte Reaktion determiniert durch 
unbewußte Tendenz. 2. Verdrängung, 3. Die „frei" aufsteigenden Ein- 
fälle während der Analyse. 4. Erkenntnis und iherapeutischer Erfolg. 
5. Die Aufgabe, die die Analyse dem Aniilysanden stellt, 6. Der Wider- 
etand. — Der „Zwang zur Wiederholung", 7. Zusammenfassung des Ge- 
sagten. — Anhang: Zur Kritik der „Reflexologie'' Bechterews. Das Miß- 
trauen gegen Psychologie; worauf dieses berubt. 

II. Zur Genesis der Psychoanalyse 17 

Das „magnetische Heilverfahren" und der Mesmerismus. Braid. Das 
Reagieren auf adäquate und auf „symbolische" Reize. Zur Psychologie 
der Suggestion. Charcots Theorie der traumatischen Neurosen. Breuers 
Patientin Anna O,, die in somnambulen Zustande ihre sonst unbev>-uß- 
len traumatischen Erlebnisse reproduziert, die ihre neurotischen Sym- 
ptome determinieren. Freud kommt dann auf die Idee, seine hysteri- 
schen Patienten in die Hypnose zu versetzen, imi die Determiniemng 
der Syraplome zu erforschen. Der Unterschied zwischen der „katharti- 
echen" Methode Freuds und der älteren Hypnotherapie. Katharsis und 
Beichte. Freud gibt später die Hypnose auf, weil sie den Widerstand 
überdeckt, den psychischen Mechanismus der Entstellung der Wahrheit 
(durch die verdrängenden Tendenzen) nicht klar zur Geltung kommen 
läßt. — Weitere Änderungen der Technik: Das Gewichtlegen auf die 
Überwindung des Widerstandes; die „psychoanalytische Absolution". — 
Jede Zeit hat ihre psychotherapeutische Methode: Suggestionstherapie 
und Psychoanalyse. 

IIL Die psychoanalytische Methode in erkenntnis-kritischer 
Beleuchtung 29 

Erkenntnis und Selbsterkenntnis. Die „praktische" Erkenntnis und die 
Triebentfaltung. Die wissenscbaftlicbe Erkenntnis und ihr Ziel. Das 
triebhafte tmd das erkeimeude Ich; das „(iberindividuelle" Ich. (Im 



^m 



VIII 



lobalis ve rzc i chnia 



Akte der Erkenntnia entledigt sich das individuelle Ich eeiaes trieb- 
haften Charaktera und wird dadurch üherindividuell.) Die Forderung, 
während der Analyse die »JCritik" auszuschalten, als Voraussetznng der 
wissenschaftlichen Erkenntnis seelischer Wirklichkeil. (,JCritik:]os" — nn- 
parteiisch =; überindividuell.) Die Überwindung des Narzißmus und die 
wiBsenscfaoftliche Erkenntnis. Die „positive Übertragung" in der Ana- 
lyse: der Analysand identifiziert sich mit dem Analytiker, um sich mit 
den Augen des unparteiischen Dritten zu betrachten. Die „negative 
Übertraeung" und der Widersland. — Positive Übertragung und das 
überindividuelle Ich. Der Unterschied zwischen Übertragung in der 
Analyse nnd derjenigen, die auch der Suggestion zugrunde liegt. — Das 
autonom sein wollende Ich und die sachlichen Forderungen der Er^ 
kenntnis. Die verpflichtende Funktion jeder wahren Erkenntnis: sie ist 
Einsicht in die Notwendigkeit des Geschehens. Therapeutischer „Miß- 
erfolg" bei negativer Übertragung (auf narzißstischer Grundlage). Die 
zwei die Erkenntnis konstituierenden Momente: „Wissen" {der Inhalt 
des Sinneseindmcks) und „Glauben" (das Beziehen des Inhalts auf eine 
objektive Existenz). Das selbstherrliche Ich (des Narzißten) spaltet 
diese beiden Momente: er „weiß" awar oft, er „glaubt" aber nicht. 

rV. Zur Technik der Psychoanalyse 



40 



V. Der deterministische Standpunkt in der Psychoanalyse . . 4S 

VI. Fehlleistungen und Symptomhandlungen (Zur Psycho- 
pathologie des Alltagalebens) 48 

Beispiele zum Thema. Die Anzweiflung der Determiniertheit des Zab- 
leneinfalls; zur Kritik, Das Gesetz der Inversion. Die assoziationspsycho- 
logische Grundlage der psychoanalytischen Theorie: Richtung und Aus- 
wahl der Assoziationen durch verdrängte Komplexe determiniert. Ein 
Kritiker zweifelt an der Richtigkeit des psychoanalytischen Assoziations- 
gesetzes. Der Unterschied der psychoanalytischen Auffassung von der- 
jenigen der alten Assoziationspsychologie. — Symplomhandlung mid 
Aberglaube; der magische Gedanke. ~ Die „verständlichen Zusammen- 
hänge" (Jaspers); zur Kritik. 



VII» Die Verschiehnng und ihre dynamieche Grundlage ... 69 

1. Die Affektverschiebung. 2. Magie. 3. Die Affekt Verschiebung als 
energetischer Prozeß. 4. Unabsichtliche Affektentladung verwandelt eich 
in absichtliche Mitteiltmg (Affektverschiebung mit Bedeutungswandel), 
5. Sublimienmg. 

VIII. Die Verdichtung 74 

IX. Dag Bewußtsein, das Unbewußte und die Verdrängung . 77 

1. Bcharrnngstendenz und Tendenz zur Entladung gestauter Energien. 

2. „Bewegungsstnrm" nnd „Tolstellreflex". 3. Bewußtsein entsteht aus 
der Überwindung von Widerständen, bedeutet Energieverlust. 4. Das 
Vergessen kein absoliites Vertilgen von Erlebnissen; das Unbewußte. 



InlialtBverzeidinis IX 



5. Das höhere energetische Niveau im Unbewoßien. 6. Die leleologische 
Funktion des VergesBens; unbewußt und vorbewußt. 7. Trieb und Trieb- 
hemmung; die „Zensur". 8. Die dynamische Grundlage der Verdrän- 
gung: der Erfolg einer Veränderung wirkt dieser Veränderung entge- 
gen. Der präventive Charakter der Verdrängung ist durch den Asbo- 
zialionsmechanismus bewirkt. 9. Der Narzißmus und seine Beziehung zu 
Eisexualitäi und Homoerotik. 10. Der magische Gedanke. Die Frau 
als bÖHc dämonische Macht. Die Angst vor dem magischen Unheil als 
Triebhemmung. 11. „Die Spinne", von Hanns Heinz Ewers. 12. Das 
Problem der neurotischen Angst. 13. Die Genesis der „Sünde". Die 
Verdrängung der Magie und die Verschiebung der Moüve der mensch- 
liehen Handlungen. 14. Die Souveränität des Augenblicks. Die Idenlifi. 
kationstätigkeil des Niirzißten und die daraus resultierende Überwin- 
dung des Narzißmus. 15. Einfluß des Milieu; die Familie; Vater, Gott, 
König. Rechtsordnung, Sitte, ethische Norm. 16. Das Problem des ün- 
bewußlwerdenä infolge der Verdrängung; das ,4'einliche'' wird nicht 
unbedingt vergessen; Verdrängung und Verschiebung. Polarität Die . 
Byntbelische Funktion des Ich (das Ich verträgt keinen Widersprach) 
Eine Rentenneurose (nach Krctschmer). 17. Die Weekträurae und die 
Umkehrbarkeit der Zeitfolge von Ereignissen. Die höhere Heaktionsge 
echwindigkeit im Unbewußten. 18. Abspaltung bewnßis ein 8 unfähiger 
Komplexe. Entfremdung der Persönlichkeit. 19. „Umdeurnng ins Harm 
lose". 20. Der progrediente und der regredientc Weg; die Tal 21 Inlro 
Version und Extraversion; Guato und Bakairi als ihre völkischen Re- 
präsentanten. 22. Einige Schilderungen des introversionszustandes. Die 
Arbeitsscheu. 23. „Konstrukteur Fächer", ein introvertierter Held. 
24. Die zwei Stufen der Iniroversion. 25. Das Denken als vergleichende, 
auswahlende und hemmende Tätigkeit. 26. Das sachgemäße und das 
„chimärische" Denken. Das Jierdenmäßige" Denken. 

X. Das Assoziationsexperiment 143 

XI. Die analytisch-Tergleichende Methode 158 

XII. Das Kind, der Naturmensch und das Unbewußte . . . 166 

1. Das Unbewußte macht keinen Unterschied zwischen 'WanBch und 
Realität; ebenso der Primitive und das Kind. 2. Die primitive Bexuelle 
Züge]lo6igkei^ Die Synthese von Erotik und Kultur auf höherer Stufe. 
Die Neurose als der Kampf des Naturmenschen in uns gegen die über- 
triebenen Kulturanforderungen. Analyse eines keuschen Jünglings. 3. Die 
Inzestgetühle, ethnologisch betrachtet. 4. Das Kind ist nicht asexnell, 
und ist amoralisch. Daraus folgt mit Notwendigkeit die inzestuöse Ein- 
Stellung. Die Mitwirkung des Narzißmus dabei. 5. König ödipuB. 
Freuds Hypothese von der Urhorde. Zur Kritik. Die magische Grund- 
bige des Ödipus-Komplexes: der Fruchtbarkeiiszauber und die Tötung 
des „Alten". Osiris, ein Fruchtbarkeit 6 gott. Der paranoische Verfolgungs- 
wahn der Heldensage. 6. Der Tochter-Vatcr-Komplex. Das Märchenmotiv 
der bösen Stiefmutter. 7. Die Riesen. David und Goliath. Tristan. 
8. Thors Fuhrt nach dem Hammer. 9. Tristan und sein Vater Rivalin. 
10. Der Held im Bauche des Ungeheuers, eine ^Jtfutterleibsphanlasie"; 



die Beziehung zum Fmchtbarkeitszauber. 11. Die GeBctwiBlerliebe, 
12. Die Gefahren der infantilen inzestuösen Erotik. 13. Die eexnal-öko- 
uomifiche Tendenz. 



XIII. Traum, Mythos und Neurose , 202 

J. Wie der Traum niclit erforficht werden soll. 2. Die offenen Wunsch- 
erfiillungstrUume. 3. Zwei Träume, wo die Verdrüngung bei der Arbeit 
der Entsteilung zu beobachten ist. 4. Ein Henker-Traum. 5. Ein Fall von 
Zwangüvorsteüungen. Angst und Wut. 6. Der Satyr-Traum. 7. Pan and 
die fröiüiche AusgeiasBenlieit. 8. Der Nackl-Traum. 9. Der Wassermann 
als Symbol der nackten Sexualität. 10. Die magische Bedeutung der 
NacktlieiL II. Ein bisexueller Traum; MutterleibspliantaBie und Tod. 
12. Folarilät von Leben und Tod. 13. Das geiräumte Märchen und der 
„Traum im Traume". 14, Animismus. „Der Traum, eine Wirklichkeit" 
und „Die Wirklichkeit ein Traum". 15. Die „Mutter Erde" und der Fuß 
als Sexuolsymbol. 16. Der keusche Jüngling und seine Träume. Die Ar- 
beitsunlust als Folge der auto erotischen Ablenkimg. 17. Noch ein Fall 
von Arbeilsnnlust. Was die Geburt dee Schwesterchens verursacht. 
18. Traumanalysen (zum vorigen Fall gehörig), darunter „Übertra- 
gungsträume". 19. Groddccks Ansichten über Onanie; zur Kritik. Ana- 
lyse eines gehemmteu jungen Mannes. Die Enlwicklungslinie vom 
AutoerotismuB über Narziilmns-Homosexualität-Inzest zur normalen Ero- 
tik. 20. Ein Traum, wo ein Teil gleichsam wie eine kinemato graphische 
Projektion gesehen wird. Über die „aktive Methode" (StekeO. 21. Das 
dramatische Urphänomen. 22. Die dramatische Spaltung des Ich. Richter 
und Verbrecher. 23. Nicht nur das Verdrängte ist unbewußt, sondern 
aucb der Widerstand selbst kann imbewuUt sein. 24. „Identität des 
Subjekts bei Verschiedenheit der Personen". „Das transzendentale Sub- 
jekt" {du PrelJ als Träger der unbewußten Erlebnisse. — Der „dramati- 
schen Spaltung" der Psyche liegt eiue Wesenheit zugrunde, die .Jrei 
von Vielheit und Verschiedenheit" ist (Schopenhauer, die altindische 
Philosophie). — - Das ,JEs". 25. Der „innere Richter" und der Vater. Das 
„Ideal-Ich"; das Gewissen als Verkörperung der elterlichen Kritik 
(Freud). Zur Kritik: die autonome idealbildende Potenz im Indivi- 
duum. 26. „Die Aufrichtung des Objekts im Ich" (FrendJ. — Der pri- 
märe Boden der Ich-Ideale ist der Narzißmus: die magische Auffas- 
sung des Koitus (Genesis der „Sünde"), die Identifikation. 27. „Eltern- 
erotik". — Die zwei Formen der Identifikation: was man sein, und 
was man haben möchte. 23. Das „autosymbolische Phänomen" (Silbe- 
rer). 29. Die Wachphaiitusicij. 30. Die mylhenbildende Phantasie. 
31. Die Symbolik des Bewußten und des Unbewußten. 32. Die Begree- 
sion im Traume. 33. Traum und hysterisches Symptom. 34. Das Verges- 
sen der Träume. Ein erlogener Traum. 35. Die „sekundäre Bearbeitung" 
des Traumes und der Dichtung. 36. Ein Traum, der frei von sekundärer 
Bearbeitung und unanschaulich ist. Die vergleichende Methode in der 
Tratmideutung. 37. Ängsiträmne. 38. Alpdrücken. 39. Gewissensangst. 

40, Der „Verbrecher in uns". Die „erlösende" Wirkung der Strafe. 

41. Das Angsterlebnis der Gehurt. 42. Der Tod in der Auffassung des 
primitiven Bewußtseins. 43. Träume der Todessehnsncht. 44. Arnold 
Böcklin, Todessehnsucht und Narzißmus. 45, Die Identifikation der Le- 
benden mit den Verstorbenen. 46. Todessehnsucht und neurotische 
Angst. — Erotische Erinnerungen in der Todesstunde. 



Inhalts Verzeichnis XI 



XIV. Die Affektverwandlung und der „primäre Bewegungs- 
impuls" 306 

1. Die gemeinsame Notar, die hinter der wahrnehmbaren Verschieden- 
heit der Affekte steht. 2. Das Schamgefühl. 3. Der Haß, das Häßliche 
und die Angst. 4. Analyse des Hehbelschcn Dramas Judith". Die 
Gransamkeit. 5. Sadismus und Hochmnt. 6, Der infantil-symbolische 
Charakter des Sadismus, 7. Masochismns. 8. Der sado-masocbistische 
Grundzng der Angst, des Selbstmordes, des Gewissens. 9. Der „pri- 
märe Bewegungsimpuls" (die gemeinsame Grundlage der Affektiviiät) 
noch nicht zweckhaft, noch nicht oh jektbe dingt, steht „jenseits vom 
LuEtprinzip". 10. Todestrieb und Sexualtrieb — eine kritische Auseinan- 
dersetzung mit Freud. 11. Nochmals der f,primäre Be^v'egungsimpal6''. 

XV. Der Haßaffekt 334 

1. Der Haß als Einstellung des Introvertierten zu dem sieh aufdrängen- 
den Objekt. Analyse eines li eh e-haß .erfüllten jnngen Mannes. 2. Der 
Haß als nach anßen gerichteter Destruktionsaffekt. 3. Der disharmo- 
nische Charakter des Hasses. Spinozas Ansicht darüber, 4. Der Haß 
als soziale Erscheinung (der KlassenhaQ). 5. Analyse eines Falles von 
KlassenbaS. Die therapeutische Wirktmg sozialistischer Erkenntnis. 

XVI. Der Sexualtrieb und seine Dynamik ....... 345 

1, Über Haut- und Muskclerotik. 2, Die Beziehung des Masochismus 
zur Ilauterotik. 3. Das Lutschen. Die Erogeniiät der Lippen-Mund-Zone. 
4, Analerolik, 5. Die Bewegungslust; der Tanz. 6. Das Auge und die 
Objekterotik, Die erogenen Zonen und das Primat der Genilalzone. 
7. Lustmechanik. 8. Die dynamische Beziehung der erogenen Zonen zu 
der Genitalzone. 9, Die „Wirklichkeitsfunktion" und die erogenen Zo- 
nen. 10. Die infantile Genitalorganisation, der Kaslrationskomplex und 
der Penisneid. 

Anmerkungen 363 



I. Psychologie und Psychoanalyse 

Es ist wichtig zu betonen, daß die Psychoanalyse als "Wiasenscliaft 
daeselbe will, wa8 die Psychologie im allgemeinen: nämlich die Er- 
forschung der menschlichen Seele. Die zwei verschiedenen Bezeich- 
nungen für die nämliche Sache rechtfertigt sich nur histo- 
risch. Am Anfang der neunziger Jahre des verflossenen Jahrhun- 
derts hat S. Freud neue Wege zur Erforschung der menschlichen 
Psyche eingeschlagen, die weit von den ausgetretenen Wegen der 
Psychologie und Psychiatrie lagen, und die naturgemäß auch zu 
neuen und vertieften psychologischen Einsichten führten. Die Eigen- 
tümlichkeit der Methode und die Neuheit der durch sie gefun- 
denen Tatsachen und Wahrheiten erfordern eine gesonderte Dar- 
stellung. Das rechtfertigt den Gehrauch des Ausdrucks Psycho- 
analyse (im Unterschied zur Psychologie), In Wahrheit 
ahcr kann die Psychoanalyse nur Psychologie geben. Wodurch 
sich aber Psychoanalyse als Methode von anderen For- 
schungsmetboden unterscheidet, das kann erat durch Vergicichung 
begriffen werden. Wir wollen darum uns kurz darüber orientieren, 
wie, auf welchen Wegen, d. h. mit welchen Methoden psychologische 
Einsichten zu erlangen seien. 

Es gibt keinen anderen Weg zur wissenschaftlichen Erkenntnis, 
zur exakten Erforschung eines bestimmten Gebietes, als B e o b a c h - 
t u n g und denkende Verarbeitung des Beobach- 
teten. Vorausgesetzt natürlich, daß die Beobachtungen unter 
günstigen Umständen gemacht und vorurteilslos 
verarbeitet worden sind. Von diesem Standpunkte aus müssen wir 
auch die psychologiscben Methoden beurteilen- 

Die fremde Seele scheint der unmittelbaren Beobachtung unza- 
gänglich zu sein. Wir können den fremden Gedankengang nicht un- 
mittelbar wahrnehmen, die Motive des fremden Handelns liegen 
nicht in unserer unmittelbaren Erfahrung. Man kann nur das eigene 
Seelenleben beobachtend verfolgen. Darum griff die ältere Psycho- 
logie zur Methode der Selbstbeobachtung als zu dem alleinigen 
Mittel die Seele zu erkennen. Natürlich benutzte man auch damals 
Aussagen Fremder ; aber diese Aussagen waren nur mitgeteilte 
Selbstbeobachtungen. 

Bekanntlich war der Ertrag der Selbstbeobachtungsmetbode der 
älteren Psychologie nicht sehr ergiebig und die Resultate ziemlich 
unsicher. Die neueren Psychologen glaubten darum die Selbstbe- 



1 Kaplan, Psychoanolyie 



Selbstbeobacfatong tmd Experiment 



obachtung verwerfen zu müssen. Die Kritik, die man an ihr übte, 
besteht im wesentlichen darin: Im Seelenleben gibt es keine festen 
Gebilde, alles fließt und verändert sich dort fortwährend; man kann 
infolgedessen kein seelisches Produkt in seiner Erstarrung erfassen, 
isoliert vor sich hinstellen und eB beobachten. Der Beobachter ist 
der Erlebende selbst, durch seine Selbstbeobachtung beeinflußt er 
den zu beobachtenden seelischen Prozeß. Es ist somit durch Selbst- 
beobachtung eine wesentlich neue seelische Situation geschaffen, die 
sich von derjenigen, die man zu beobachten sich anschickte, unter- 
scheidet^). 

Diese Kritik hat nicht ganz recht. Bis zu einem gewissen Grade 
kann sich der Mensch in Beobachter und Erlebenden spalten: man 
kann sehr gut die Wirkung eines äußeren Reizes an sich beobachten, 
ohne den Reiz in seiner Auswirkung zu zerstören oder ungünstig zu 
beeinflussen. Allerdings gelingt das nicht mehr, wo heftigere Affekte 
in Betracht kommen. Aber in diesem Falle ist es doch noch möglich 
in der nachträglichen Erinnerung das Erlebnis zur Beobachtung zu 
bringen^). 

Eine wirklich schwache Seite der alten Selhstheobachlung ist ihr 
nur gelegentlicher, nicht systematischer Charakter. Die Beobachtung 
steht hier nicht im Dienste eines bestimmten Forschungszieles, ist 
darum nicht scharf genug, um gewisse Daten, als sozusagen in einer 
bestimmten gesetzmäßigen Zone liegend, zusammenzufassen^). 

Dem wollte man abhelfen durch Einführung des Experiments, in 
derselben Weise, wie es in den Naturwissenschaften, in der Physik 
und Chemie geschieht. Das Experiment gibt nicht nur die Möglich- 
keit des systematischen Beobachtens, sondern erlaubt auch gewisse 
Umstände nach Belieben zu variieren und so den Einfluß einzelner 
Faktoren zu prüfen. Man ließ auf die Versuchsperson verschiedene 
Reize einwirken und beobachtete messend ihre Reaktionen. Daa 
subjektive Moment der Selbstbeobachtung war hier ausgeschaltet, 
Beobachter und Erlebender waren zwei verschiedene Personen. 

Die experimentelle Methode mit Ausschließung der Selbstbe- 
obachtung hat aber die Erwartungen nicht reichlich belohnt. Und 
das ist begreiflich. Denn das der experimentellen Beobachtung zu- 
gängliche Gebiet ist im Seelischen ziemlich eng begrenzt und nähert 
sich beängstigend dem rein Physiologischen. In den psychologischen 
Laboratorien beobachtete man einen speziell präparierten Labora- 
toriumsmenschen, der gleichsam keine Affekte, weder Liebe noch 
Haß hegte, dem Leben interesselos gegenüberstand, eine Art Reflex- 
automat war. Eine auf diesem Wege gewonnene Psychologie konnte 
zu wenig über den wirklichen handelnden Menschen Aufschluß 
geben; von diesem Menschen, der voll Leidenschaft in Mitte des 
Lebens steht, wußte sie nichts!'} 

Eine Ausnahme bildet die Kiilpeeche Schide, in welcher der Ver- 
such gemacht wurde, auf experimenteller Basis wieder der Selbst- 
beobachtung, als dem eigentlichen Mittel psychologische Erkennt- 






BedcQtang der Aufgabe 



nisae zu gewinnen, ihr Recht einzuräumen. "Was die Külpesche 
Schule will, ist Seibetbeobachtung, aher systematische, wohl kon- 
trollierbare. Die Methode, mit der diese Schule arbeitet, ist im 
wesentlichen die folgende: Man stellt der Versuchsperson eine be- 
stimmte Aufgabe, wie z. B. zu dem Teil das Ganze, oder zu einem 
gegebenen Wort den über- oder untergeordneten Begriff zu finden, 
und ähnliches. Dann werden die Reizworte gegeben, die kommenden 
Reaktionen, sowie die Reaktionszeiten wie üblich registriert. Dann 
aber, — und das ist das Besondere dieses Verfahrens — , laßt man die 
Versuchsperson unmittelbar darauf zu Protokoll genau ihre inneren 
Erlebnisse während der Zeit der Erwartung (der Vorbereitung) und 
der Reaktion geben. Bei diesem experimentellen Verfahren ist die 
Selbstbeobachtung nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil auf 
diese eystematischen Zwecken dienende das Hauptgewicht gelegt. 
In dieser Weise gelingt es eine wirkliche Psychologie des Denkens 
aufzustelleu, und Einsicht zu bekommen, wie die Urteilsbildung zu- 
stande komme, welche verschlungene Wege sie oft wandert"). 

Auf Einzelheiten können wir hier leider nicht eingehen. Nur ein 
sehr wichtiges Moment wollen wir herausgreifen. Die Forschungen 
der obigen Schule haben namentlich gezeigt, daßdieAufgabe- 
Btellung sehr wichtig ist für den Ablauf der psy- 
chischen Prozesse, daß die Aufgabe diesen Ah- 
lauf determiniert"). Die verfügbare psychische Aktivität 
wird durch die Aufgabestellung gleichsam auf einen bestimmten 
Punkt gerichtet. Oder genauer ausgedrückt: Durch die Aufgabe- 
formulierung wird ein seelischer Bezirfc gleichsam abgezirkelt und 
dort (durch die Bereitwilligkeit, der Aufgabe zu entsprechen) seelische 
Kräfte mobil gemacht. Daraus erklärt sich, wie ea dazu kommt, daß 
die Versuchspersonen meistens im Sinne der Aufgabe reagieren. 
Wenn z. B. die Aufgabe einen übergeordneten Begriff fordert, so 
bietet die Versuchsperson ihren angehäuften Schatz von Kenntnis- 
sen auf, überschaut gleichsam in der Phantasie alle übergeordneten 
Beziehungen und wählt das Passende heraus: der durch die Auf- 
gabestellung abgezirkelte Gebiet wird gleichsam abgesucht, wie man 
z. B. einen bestimmten Raum absucht, um dort eine verlorene Nadel 
zu finden. 

Nun kommt es aber oft vor, daß die Versuchsperson n i c h t g e • 
maß der Aufgabe reagiert. Es fragt sich, wodurch sich dann 
diese fehlerhaften Reaktionen erklären? In der Külpescben Schule 
scheint man die Erklärung in solchen Fällen darin zu suchen, daß 
man annimmt, die Aufgabe sei von der Versuchsperson mißverstan- 
den worden: die fehlerhafte Reaktion entspricht in dem Falle dem 
Sinne der Aufgabe, den die Versuchsperson ihr unterlegt hat, nicht 
aher dem Smne, den der Versuchsleiter ihr gegeben haben will. 

Damit ist zwar die fehlerhafte Reaktion im Aufgabeexperiment 
erklärt. Wir können aber mit Recht ferner fragen, wie es komme, 
daß die Versuchsperson die Aufgabe mißverstanden habe? Denn 



TiefendimenHiDn der Seele 



da3 Mißverstehen ist keine selbatveraländliche Sache, die keiner 
weiteren Erklärung bedarf. Insbesondere wenn man bedenkt, daß 
die meisten Vetsiiebspersonen in der Külpeschen Schule Männer 
von höchster Büdung waren. Wenn die Aufgabe von X richtig ver- 
standen wurde, warum sollte sie Y, der ebenso gebildet und kennt- 
nisreich ist, mißverstehen? Es liegt auf der Hand, daß das Mißver- 
stehen einer Sache, dort wo das Verstehen als das Normale ange- 
nommen werden muß, durch irgendwelche innere Störungen 
(Hindernisse, Hemmungen) verursacht sein muß. Vielleicht paßt die 
Aufgabe irgendwie nicht in die seelische Verfassung der Versuchs- 
person hinein, vielleicht weckt sie in ihrer Seele irgendwelche 
Affekte, die sie von dem klaren Sinn der Aufgabe ablenken und zu 
einem anderen Sinn hinlenken? Auf diese Fragen gibt uns die 
Külpesche Schule leider keine Antwort und läßt uns darüber im 



ungewissen. 



Der Fehler aller bisherigen Psychologie, der Külpeschen nicht 
ausgenommen, bestand darin, daß sie auf Metboden bedacht war, 
die nur die Oberfläche der Seele, das Bewußtsein, 
zu erfassen imstande sind. Die Külpesche Schule kann uns keine 
Antwort auf die zuletzt aufgeworfene Frage geben, weil die Proto- 
kolle der Versuchspersonen nur jene Oberfläche der Seele wider- 
spiegeln. Jene Kräfte aber, die eine fehlerhafte Reaktion determi- 
nieren, liegen vermutlich in einer Tiefendimenaion der 

Das Wesen der paychoanalytischen Methode besteht 
nun darin, in jene Tiefendimension hineinzudringen. Daß das mög- 
lich sei, wollen wir jetzt zeigen. 

Ein junges Mädchen, kaum 17 Jahre alt, beklagt sich, daß „dumme 
Fragen" sie fortwährend belästigen. Z. B., warum gehen Menschen 
auf der Straße herum? warum gibt es viele verschiedene Sprachen? 
warum steht gerade hier ein Baum? warum ist die Welt eben so 
und nicht anders? Und sie gesteht selbst, daß die meisten Fragen 
dumm seien und keinen Sinn haben; und auch die mehr vernünfti- 
gen Fragen, wenn man sie ihr beantworten würde, nur neue Fragen 
nach sich ziehen würden. Und dieser Zwang, immer zu fragen, ist 
ihr lästig, quält sie. 

Wir sehen, hier ist ein Mensch innerlich gezwungen etwas zu tun« 
was nach seiner eigenen Auffassung sinnlos ist und 
was ihm auch ziemlich peinlich ist'). 

Man wird vielleicht versucht sein, dem betreffenden Menseben 
den wohlgemeinten Rat zu erteilen, sich zusammenzunehmen und 
das zu lassen, was nach seiner eigenen Meinung doch dumm sei! Es 
muß aber einleuchten, daß, wenn das möglich wäre, es nicht zu 
jenem lästigen Zwang gekommen wäre. Wenn ein Mensch sich vor- 
nimmt, etwas nicht zu tun, weU es sinnlos oder häßlich sei, und es 
dennoch tut, so ist das als eine fehlerhafte Reaktion (analog wie es 
auch solche im Aufgabeexperiment gibt) zu bewerten. Die Auf- 



Asalrse eines Zwangfragena 



gäbe, nicht Sinnloses zu tun, ist wohlverstanden; woher also die 
„fehlerhafte" Keaktion, dies Tun im Konflikt mit der sich eelhst 
gestellten Aufgabe? 

Wenn man sich die Sache reiflich überlegt, wird es klar, daß 
nicht intellektuelle Momente hier das unangenehme 
sinnlose Tun bestimmen. Also können es nur Momente affek- 
tiver Natur sein. 

Um der Sache auf die Spur zu kommen, sage ich dem Mädchen 
(wir wollen es Frl. B. nennen) : Alle die Fragen, die Sie gewöhnlich 
stellen, die sich Ihnen aufdrängen, sind Ihnen gar nicht wichtig, 
nicht interessant. Wahrscheinlich gibt es eine Frage, die Sie einmal 
stark beschäftigt hat, die Ihnen wichtig genug war; Sie konnten 
sich aber nie entschließen, diese Frage direkt zu stellen. Nun meint 
das Mädchen, sie wüßte nichts von so einer Frage. „Gewiß, das 
glaube ich Ihnen. Sie wissen es nicht, weil aus irgendeinem Grund, 
den wir eben zu erforschen haben, diese wichtige Frage vergessen 
worden ist, vergessen werden mußte. Versuchen Sie nun 
mir alles zu erzählen, was Ihnen nur durch den Kopf geht, ganz 
gleich, ob es Ihnen als wichtig oder nicht wichtig scheint, ob ea'etwaa 
Schönes oder Häßliches sei. Sie müssen jede innere Kritik, die sich 
gegen Ihre Einfälle oder Erinnerungen richtet, im Keime unter- 
drücken. Dann hoffe ich, daß wir den Grund Direr Zwangsfragen 
ausfindig machen werden." 

In der nächsten Stunde erfuhr ich dann von ihr, daß schon in der 
frühen Kindheit sich ihr die Frage aufdrängle, warum die Menschen 
sterben, woher der Tod komme? Ich lasse sie mir ihre Kindheit 
schildern. Unter anderem erfuhr ich folgendes: Sie schlief bis zu 
ihrem vierten Jahre im Schlafzimmer der Eltern; dann schickte 
man sie in die obere Stube (die über dem Eltemgemach lag), wo 
sie zusammen mit einer älteren Schwester schlafen mußte. In der 
Nacht erwachte sie öfters mit Angst mit dem Gedanken, vielleicht 
ist die Mutter da unten gestorben! 

Ich erkläre ihr ganz vorsichtig, daß das kleine Kibd die Ver- 
bannung aus dem Eltemzimmer als Unrecht empfunden haben 
muß, und wollte sich an der Mutter rächen. Denn das kleine Mäd- 
chen möchte gerne den Vater für sich allein haben. Die Angst und 
der Gedanke, die Mutter sei vielleicht gestorben, iBt nur der Aus- 
druck eines uneingestandenen kindliehen Wunsches. Insbesondere 
ist noch darauf zu achten, daß Kinder den Tod gar nicht so ernst 
nehmen wie wir Erwachsenen, er bedeute ihnen nur das nicht 
hier sein, die Abwesenheit. 

Ich erkläre ihr ferner, daß das Kind öfters vom Tode spricht und 
meint damit vielleicht das Lehen. Denn wie der Lebende von dannen 
verschwindet, man weiß nicht wohin, nicht mehr wiederkommt, und 
das ist der Tod; so kommt er von irgendwo her, man weiß nicht 
woher, in das Lehen. So erscheint möglicherweise dem kindlichen 
Bewußtsein der Tod als derjenige Ort, wohin die Menschen ver- 



W^oher kommt das Leben? 



flchwinden, wober sie aber auch in dag Leben hineintreten. Hinter 
der Frage über den Tod steckt vielleicht die andere Frage : woher 
kommt das Leben? 

Und nun fällt ihr ein, daß zu jener Zeit, als gerade bei den Nach- 
barn ein Kindlein zur Welt kam, sie die Mutter fragte, wober die 
Kinder kommen? Die Mutter bat ihr die StorchgeBcbichte aufge- 
tiacbt. Die Kleine wollte aber daran nicht glauben, und fragte wei- 
ter. Sie wurde darob geschimpft und erhielt die strenge Weisung, 
BD was nicht zu fragen. Sie war gegen die Mutter erbittert, und 
glaubte überhaupt, man kann von den Erwachsenen nie eine rich- 
tige Antwort bekommen. Auch später in der Schule, als der Lehrer 
Naturkunde vortrug und über die Einrichtungen des menschlichen 
Körpers sprach, hörte sie ohne Interesse zu und dachte sich: Das 
ist doch nur oberflächliches Zeug, die Wahrheit bekommt man doch 
nicht zu hören!*) 

Jetzt wird uns klar, woher jener Zwang, alles mögliche zu fragen, 
kommt. Es steckt dahinter die für das Klind so natürliche und zu- 
gleich wichtige Frage: Woher kommt das Leben, woher kommen 
die Kinder, woher komme ich?*) Da man dem Kinde ver- 
boten hat, diese wichtige Frage zu stellen, so hat es das Fragen 
unterdrückt, aber nur scheinbar. Denn in Wirklichkeit läßt sich das 
Btark Affektbetonte, Lebenswichtige nie aus der Seele ausrotten. 
Durch das Verbot wird nur das Fragen sozusagen zu einem illegalen 
Dasein verurteilt. Es wird, wie wir sagen, unbewußt, und äußert 
sich dann nur in Andeutungen, Anspielungen, in allgemeiner vager 
Art; statt die bremiende Frage direkt zu stellen, fragt das Kind 
über alle möglichen Dinge. 

Ich sagte der Analysandin, sie soll das Fragen nicht mehr gewalt- 
sam zu unterdrücken suchen, im Gegenteil sich in dieser Hinsicht 
die Freiheit nehmen, alles was ihr nur beliebt zu fragen. Denn was 
ist denn Schlechtes dabei? Einige Tage später erklärte sie dann, 
daß seitdem sie das Fragen nicht mehr als etwas Verbotenes weiß 
sie kein so starkes Bedürfnis mehr zu fragen hat. — Damit war es 
klar, daß das sinnlose Fragen zugleich auch der Versuch war, die Er- 
wachsenen zu verhöhnen. Durch alle möglichen und unmöglichen 
Fragen will das Kind die Erwachsenen gewissermaßen in die Enge 
treiben, ihnen zeigen, daß es Fragen gibt, die sie wirklich nicht im- 
stande sind zu beantworten. 

Unsere kleine Analyse, hei aller ihrer UnVollständigkeit, erlaubt 
uns einige wichtige Folgerungen zu ziehen: 

1. Fehlerhafte Reaktionen kommen zustande nicht nur weU eine 
Aufgabe nicht richtig begriffen wurde; vielmehr wirkt sich in sol- 
chem Falle ein p o s i t i V e r F a k l o r aus : das Nichtwollen gemäß 
der Aufgabe zu reagieren oder zu handeln. Die bewußte Auf- 
gabe steht in Konflikt mit einer unbewußten Tendenz; aus dem 
Streit der beiden kontradiktorischen Tendenzen entsteht irgendein 
Mischgebilde, eine Verstümmelung der Aufgabe gemäßen Reaktion. 



r 



Der mühsame Weg der Analyse 



2. Die unbewußte Absicht war einmal bewußt. Sie wurde aber 
unterdrückt oder, wie wir in der Psychoanalyse sagen, verdrängt. 
Diese Verdrängung, wie noch spater zu zeigen sein wird, bewirkt 
eben das Unbewußtwerden (quasi das Vergessen) eines Stückes aus 
dem Seelenleben. Das Verdrängte, wie wir sahen, behält aber ihre 
Aktivität (sie bleibt ala eine energiebeladene Tendenz bestehen, 
die sich entladen will). Das führt dazu, daß der Mensch zu Hand- 
lungen gezwungen wird, deren Sinn ihm nicht begreiflich ist. 

3. Die Verdrängung ist die Folge einer Kritik (moralischer, 
ästhetischer, religiöser oder sonstiger Natur), oder, noch präziser 
ausgedrückt, sie ist die energetische Seite der Kri- 
tik. Es ist darum notwendig die Kritik auszuschalten, um das Un- 
bewußte bewußt zu machen. Versetzt man sich in diesen „kritik- 
losen" Zustand, tauchen sofort Erinnerungen oder Phantasiebilder 
auf, die uns einen Fingerzeig geben darüber, was einmal ve'rdrangt 
wurde. An Hand solcher ungezwungener frei aufsteigender „Ein- 
fälle" sind wir imstande festzustellen, wie eine bestimmte, sonst 
sinnlos erscheinende Reaktion sinnvoll determiniert sei. 

4. In therapeutischer Hinsicht bringt eine solche Aussprache in 
der Analyse Erleichterung. Denn die verdrängte Tendenz will doch 
zu ihrem Rechte kommen tmd drückt einen, wie eine unerfüllte 
Sehnsucht. Sie führt zu fehlerhaften Reaktionen, zn fehlerhaftem 
Verhalten im Leben, solange sie sozusagen aus dem Hinterhalt 
einen überfällt, wo man sich nicht recht in Verteidigungsposition 
versetzen kann. In unserem Falle ist das Verdrängte außerdem 
etwas, was nur für das kindliche Bewußtsein noch von Bedeutung 
ist. Im Lichte des Bewußtseins des Erwachsenen verliert es nun seine 
frühere Bedeutsamkeit, und kann sich darum nicht mehr schädlich 
auswirken. So fällt in der Psychoanalyse Erkennt- 
nis mit psychotherapeutischem Erfolg zusam- 
men. 

5. Wie kommt es aber, könnte man noch fragen, daß die sich zu 
analysierende Person, ungeachtet der Verdrängungstendenz, ihre 
unbewußten Geheimnisse preisgibt? Nun darauf läßt sich, gestützt 
auf die Ergebnisse der Külpeschen Schule, die Antwort leicht geben. 
Wir wissen bereits, daß die Aufgabe den Ablauf der seelischen Pro- 
zesse determiniert, weil die Stellung der Aufgabe bestimmte seeli- 
sche Kräfte mobil macht. Wenn jemand beschUeßt irgendwohin zu 
gehen, so kann er unterdessen an tausend andere Dinge denken, er 
kommt doch richtig an sein Ziel. 

Frl. B. kam in die Analyse aus eigenem selbständig gefaßten Ent- 
schluß. Sie fühlte, daß etwas bei ihr nicht in Ordnung sei, und legte 
ihre Hoffnung darauf, daß die Psychoanalyse (von der sie eine un- 
gefähre Ahnung hatte) ihr helfen werde. Sie kam also mit einer 
gewissen Bereitschaft, sich leiten zu lassen, etwas aufzugeben, was 
ihr Leben ungemütlich machte. Sie hatte sich somit eine Aufgabe 
gestellt, obgleich nur ganz vager verschwommener Art. Der Analy- 



8 



Der Widerstand 



tifcer gab nun dieser Anfgabe einen konkreteren Gehalt, indem er 
ibr erklärte, daß etwas in ihrer Seele fortlebe, woran eie nicht den- 
ken will, woran zu denken ihr vielleicht unangenehm oder peinlich 
sei, was sie aus diesem Grunde von sich weist; dies unbewußt Fort- 
lebende sucht aber, ungeachtet jener Abweisung, sich durchzusetzen, 
wie ein Strom, dem man das Forlfließen durch Dämme verbaut hat. 
Um zu erfahren, was jenes unbewußt in der Seele Fortlebende sei, 
sei es notwendig zuerst die innere Kritik aufzugeben, gleichsam die 
aufgerichteten Dämme wieder abzubauen. Nimmt die sich zu ana- 
lysierende Person die so gestellte Aufgabe an, — und das muß sie, 
will sie sich von ihrem Übel befreien — , so muß es auch gelingen, 
eine Lösung der seelischen Konflikte zu finden. 

Nur muß man sich nicht voretelien, daß die analytische Arbeit 
so leicht vor sich geht. Gewöhnlich gibt es da mehrmalige Rückfälle, 
nach den ersten Aufklärungen sucht der Analysand sich zurückzu- 
ziehen, verstärkt seine Widerstände, baut neue Dämme auf. Der 
Analytiker muß wieder und wieder auf die gesteUte Aufgabe, d. h. 
auf die Erfordernisse der Analyse hinweisen, muß die Widerstände 
rechtzeitig aufdecken und entlarven. Auf solchem mühsamen Weg, 
nach langwierigem Hin und Her, kommt man erst zu gefestigten 
Resultaten. 

6. Von diesem Widerstand, der sich im Laufe der Analyse immer 
unangenehm bemerkbar macht, will ich noch etwas ausführlicher 
sprechen. Unsere Analysandin erzählte mir bereits in der ersten 
Sitzung spontan folgenden Traum: „Sie sei zu mir (den sie noch 
nicht persönlich kannte) gekommen, war munter und fröhlich; ich 
fand nun, eie sei vollkommen gesund und brauche keine Analyse." 
— Es ist der erste Versuch, der Analyse anzukneifen: Denn ist man 
fröhlich und munter, und übrigens der Analytiker selber es findet 
man sei vollkommen gesund, so braucht man doch nicht in die Ana- 
lyse! Wir sehen, wie mit dem Entschluß in die Analyse 
zu gehen, sofort auch der Widerstand gegen die 
Analyse einsetzt!") 

Nach einigen Monaten kam eine Zeit, wo die Analyse zu stocken 
anfing: die Stunde verlief meistens ohne merklichen Gewinn, die 
Analyeandin behauptete, sie fühle sich jetzt sehr wohl und lebens- 
froh, und meinte, man dürfte vielleicht die Analyse als beendet 
erklären. Nun war aber die Sache so: Die Zwangsfragen haben sie 
in Ruhe gelassen, die Menschenscheu, die sie vorher hatte, hat sie 
nun abgelegt, in der Schule ging es vortrefflich mit ihr, von den 
letzten Schülerinnen ist sie eine der besten geworden. Mit diesen 
Resultaten konnte ich zufrieden sein. Aber außer Zwangsfragen he- 
stand von Anfang an hei ihr ein ziemlich starker Hang, sich zu iso- 
lieren, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen („I n t r o v e r s i o n") . 
Im Laufe der Analyse hat dieser Hang zwar nachgelassen, aber nicht 
in dem Maße, als es mir wünschenswert erschien. Ich befürchtete, 
daß mit dem zu frühen Abbruch der Analyse das Mädchen sich 



Widerstand tinj Wiedcrholungszwaag 



ivieder in ihr Schneckenhaus einspinnen wird. Es geschah ab und 
zu, daß, wenn sie in lustiger Gesellschaft war, sie von einem Unbe- 
hagen befallen wurde, das sich auch bis zu einer Depression stei- 
gern konnte. Ich erklärte ihr darum, wie ich die Sache auffasse, daß 
nach meiner Meinung es verfrüht wäre die Analyse jetzt abzubre- 
chen, wir müssen gefestigtere Resultate abwarten. In der nächsten 
Stunde behauptete sie nun, es sei alles wieder, wie vor der Analyse, 
die Zwaogsfragen sind alle wieder da. 

Um diese schlimme Wendung vollkommen zu begreifen, iat es 
notwendig noch folgendes zu wissen. Die Analysandin wohnte zu 
zweit mit ihrem Bruder, ferne vom Eltemhause, und besorgte auch 
zum Teil die Haushaltung des Bruders. In letzter Zeit machte sich 
bei ihr eine (erotisch gefärbte) Neigung zum Bruder bemerkbar. 
Wenn der Bruder für einen Tag weg sein mußte, war sie ganz un- 
glücklich. Ob der Bruder mit ihr zufrieden war oder nicht, dagegen 
war sie nicht unempfindlich. Nun stellte sich heraus, daß der Bruder 
ihr seinen Unwillen zeigte, daß die Analyse eich in die Länge zieht, 
und machte ihr Vorwürfe darüber. 

Jetzt war mir die Sache klar: Der Unwille des geliebten Bruders 
hat natürlich den Widerstand gegen die Analyse verstärkt. Um die 
Analyse so schnell als möglich zu Ende zu fuhren, täuschte die Ana- 
lysandin (unbewußt) ein übertriebenes Wohlsein vor. Als das nicht 
das gewünschte Resultat bei mir erzielen konnte (gegen Behaup- 
tungen solcher Art während der Analyse muß man immer skeptiech 
sein), so reagierte sie in gegensätzlicher Art: nun ist alles so wie vor 
der Analyse, die Analyse hat also nichts geholfen, ist ein ganz nutz- 
loses Geschäft! Als ich nämlich im Laufe der Stunde Frl. B. sagte, 
ich merke, daß sie in letzter Zeit der Analyse feindlich gesinnt sei,* 
gibt sie das zu und fügt dem bei: „Ich weiß auch warum!** 
„Warum?" „Weil die Analyse mir gar nichts geholfen hat, es ist 

doch alles so wie früher!" *^) 

Das Kranksein, wie das Sichwohlbefinden, beide stellen sich in 
den Dienst des Widerstandes, und man muß sie rechtzeitig bloß- 
stellen, will man nicht, daß die Analyse in eine Sackgasse ver- 
läuft»^). 

Freud sagt, daß sehr viele Patienten in der Analyse sich nichts von 
dem Vergessenen und Verdrängten erinnern, sondern es agie- 
ren. D. h. der Patient reproduziert das Vergessene „nicht als Er- 
innerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu 
wissen, daß er es wiederholt. 

„Zum Beispiel: Der Analysierte erzählt nicht, er erinnere sich, 
daß er trotzig und ungläubig gegen die Autoritäten der Eltern ge- 
wesen sei, sondern er benimmt sich in solcher Weise eecen den 
Arzt")." ^ ^ 

Die ungläubige Einstellung unserer Analysandin ist auch als ein 
Bolches „Wiederholen" aufzufassen: wie sie sich früher gegen die 
Eltern, wie auch dem Lehrer, ungläubig und trotzig benommen 



10 



Dynamik des Wideratandea 



hat, in der Voraussetzung, daß diese ihr doch nicht helfen wollen, 
eo tut ßie das auch gegeniiher der Psychoanalyse, von der sie nichts 
mehr erwartet. 

Indem ich nicht darauf eingehen wollte, der Analyaandin nach» 
zugeben und sie als der Analyse nicht mehr bedürftig zu erklären, 
erschien ich ihr als eine Macht, die sie zu etwas zwingen wolle, 
wozu sie keine Lust mehr hat. Dadurch geriet ich erst recht in die 
Position einer jener Autoritäten, gegen welche die Trotzaffekte ge- 
riclitet sind. Ich erklärte der Analysandin, ich sei doch weder ihr 
Vater noch ihr Lehrer, habe absolut kein Verlangen noch irgend- 
welches Interesse ihr etwas aufzudrängen. Meine Aufgabe bestehe 
bloß darin, ihr zu verhelfen, sich selbst zu erkennen und mit sich 
fertig zu werden. Gegen ihren Willen vermag ich natürlich nichts 
auszurichten, ich kann sie nicht zwingen gesund zu werden, das ist 
ihre eigene Sache. Wenn ich anderer Meinung bin in betreff der 
Forlsetzung der Analyse, so liegt das daran, daß sie Widerstände 
hat, die ihre Macht in ihr auswirken; ich dagegen als objektiver 
Beobachter bin davon frei und kann darum die Sachlage viel besser 
Überschauen. (Niemand kann Richter sein in eigener Sache.) Die 
Wirkung dieser Aufklärung äußerte sich in der nächsten Stunde in 
der merklichen Abnahme des Widerstandes, und die Analyse bekam 
wieder einen mehr ruhigen Gang. 

Die geschilderte Dynamik bestätigte sich nächstens durch den 
folgenden „nachhinkenden" Traum"}: 

Eine Freundin von ihr (sie weiß nicht, wer das ist) hat einen 
entzwei gespaltenen Kopf, so daß man ins Gehirn hineinschauen 
kann. Das macht ihr Angst und Grauen, sie ist in Verzweiflang 
und fängt an zu heulen. Da sagt man ihr, statt zu heulen, soll sie 
lieber Hilfe leisten. Sie nimmt Papierfetzen und beklebt damit 
den gespaltenen ICopf. — 

Dieser Traum ist nur die bildhche Darstellung der Situation in 
der Analyse. Durch diese wird dem Menschen gleichsam der Kopf 
entzwei gespalten, so daß man einen Einblick bekommt, was im 
Innern des Menschen vorgeht. Das macht der Analysandin Angst, 
d. h. sie sträubt sich dagegen (Widerstand). Aber sie ist sich ander- 
seits bewußt, daß mit der Verzweiflung nichts ausgerichtet sei, statt 
zu heulen, muß man am Heilwerk der Analyse mithelfen. Bestäti- 
gend fügt noch B. hinzu, der Kopf, den sie mit Papierfetzen zu 
reparieren suchte, ihr eigener Kopf war. Wir sehen, wie mit dem 
Nachlassen des Widerstandes, die von der Ana- 
lyse gestellte Aufgabe angenommen wird. Auch 
merken wir die interessante Tatsache, daß mit dem Schwin- 
den des Widerstandes ein (beim Erzählen des Trau- 
mes) unterschlagenes Stück zum Vorschein 
kommt (spontan erinnert wird). Mit dieser Eigentümlichkeit wer- 
den wir noch im Laufe unserer Darstellung in Berührung kom- 
men. 



Ceachwktemliebe JJ 



In einer späteren Analyseatimde erfolgte eine Bestätigung der 
Vermutung über die Beziehungen der B. zu ihrem Bruder. Es ging 
ihr immer noch schlecht, sie befand sich in einem Zustande der Un- 
ruhe, konnte fast gar nicht schlafen. Ich frage sie, ob sie in der 
Nacht träume. Zuerst sagt sie nein, sie träume nichts; und dann 
heißt es wieder, in den letzten Tagen habe sie immer denselben 
?i"u™i ^"^ dieser Traum lautet: „Sie ist in die Ferien gegangen, 
blieb dort zulange aus, so daß man sie aus der Schule gewiesen hat. 
Nun ist der Bruder gekommen, er ist bös, und sagt ihr, sie muß 
sofort nach Z. (wo sie mit dem Bruder wohnt) zurück, da das Be- 
gräbnis stattfinden muß. Wer gestorben sei, weiß sie nicht." 

Zum Verständnis dieses Traumes sei noch bemerkt, daß B. wirk- 
lich vor einiger Zeit in den Ferien war, bheb dort aber nicht länger, 
als die Schulferien dauerten. 

Ich fordere B. auf, mir schnell zu sagen, wer im Traume gestor- 
ben sei. „Frau N, N. oder Liaa." Frau N. N. war eine altere mürri- 
sche Person, bei der B. früher wohnte, die sie öfters verschiedentlich 
schikanierte. Lisa war die Braut ihres Bruders. Ich sage nun zu B.: 
„Daß Sie Frau N. N. sterben lassen, ist begreiflich: sie ist eine böse 
Person und hat Ihnen viele Unannehmlichkeiten bereitet; was haben 
Sie aber gegen Lisa, sie hat doch Ihnen nichts Böses getan?" Darauf 
B.: „Ich war oft eifersüchtig auf sie!" 

Die Verschlimmerung des Zustandes der B. hing also wirklich mit 
ihren Gefühlen für den Bruder zusammen. Sie konnte dem Bruder 
nicht verzeihen, daß er für Lisa mehr Sorgfalt und Aufmerksamkeit 
zeigte als für die Schweater, Da ihr die Situation peinlich war» 
wünschte sie dieser fernzubleiben, darum die zu langen Ferien im 
Traume. Daraus erklärt sich auch die Verstärkung des Widerstan- 
des gegen die Analyse. Denn sie ist überhaupt nach Z. gekommen, 
um bei mir in die Analyse zu gehen, dadurch kam sie dem Bruder 
zu nahe. Gibt sie aber die Analyse auf, so kann sie wieder dem 
Bruder fern bleiben. 

Interessant ist auch der Todeswunsch gegen die Rivalin, der im 
Traume versteckt liegt. Es ist wiederum die „Wiederholung" des 
Todeswunsches aus der infantilen Situation: damals war er gegen 
die Mutter gerichtet, weil sie dem Mädchen den geliebten Vater ab- 
spenstig machte, jetzt ist er gegen die Braut des Bruders ge- 
richtet. 

Die ersten erotischen Gefühle des erwachenden Kindes spielen 
sich innerhalb der engen Grenzen der Familie ab. Sie sind in erster 
Linie auf Vater und Mutter gerichtet, dann lösen sie sich durch die 
Geschwisternliebe ab. Erst später überschreiten sie die Schwelle des 
elterlichen Hauses. 

Das Kind ist rücksichtslos und hegehrt das Geliebte nur für eich, 
verwünscht den Rivalen zum Tode. Und das kann auch nicht anders 
sein. Erst allmählich entwickelt sich eine ethische Instanz, die das 
Kind lehrt zu verzichten. Ein Stück nach dem anderen des infantUen 



12 



E echtere WH Eeflesologie 



Lebens wird dann verdrängt, wirkt eich aber oft neurotisch aus (das 

Mißlingen der Funktion der Verdrängung). 

7. Wir können unsere bisherigen Ergebnisse kurz zueammenfas- 
sen: Der „Widerstand" ist diejenige Funktion in uns, die der psychi- 
schen Realität ein ÄuBsehen gibt, das ihrem wahren Wesen nicht 
entspricht. Um also exakte, der Wahrheit gemäße Ergebnisse in der 
psychologischen Forschimg zu erzielen, muß man vorerst den Wi- 
derstand niederkämpfen, d. h. bloßstellen. Weil die altere Psycho- 
logie, wie diejenige, die auf der Selhstbeobachtungsmethode basierte, 
ßo auch diejenige, die mit den experimentellen Methoden arbeitete, 
das nicht eingesehen hat, blieben ihre Resultate nicht tief genug 
und darum auch ziemlich unsicher. 

Anhang. Zum Schluß möchten wir noch auf einen merkwürdi- 
gen Versuch, die „Subjektivität" der Psychologie zu umgehen, auf- 
merksam machen. Wir meinen die „objektive Psychologie" oder, 
wie sie neuerdings heißt, die „R e f 1 e x o 1 o g i e" Bechterews. 

,J)ie Reflexologie als neue Disziplin ist die Wissenschaft von der 
menschlichen Persönlichkeit, die von einem streng objek- 
tiven, bioaozialen Gesichtspunkte erforscht wird." 

Um in hezug auf den Menschen einen streng objektiven Stand- 
punkt zu erreichen, sei es nach Bechterew notwendig, sich in die 
Lage eines Wesens aus einer anderen Welt zu versetzen, das zu uns 
herabgestiegen sei und sich an das Studium des lebendigen Menschen 
mache. Dieses Wesen aus einer anderen Weh wird das menschliche 
Tun und Verhalten als ein rein äußeres Geschehen beobachten. Ea 
wird bald merken, daß der Mensch erstens auf einen äußeren Reiz 
in bestimmter Weise reagiert in Form der einfachen Reflexe. Ea 
wird aber bald auch merken, daß der Mensch auch in einer mehr 
komplizierten Weise handelt. So sammelt der Mensch beim Suchen 
von Nahrungsmitteln nicht nur Beeren und Früchte wild wachsen- 
der Bäume, sondern er bearbeitet auch „auf Grundfrüherer 
Erfahrung" den Boden, züchtet Gemüse und Obstbäume, 
sät eßbares Getreide usw. „U m eich diese seine Arbeit 
zu erleichtern, verwendet er neuerdings, von seiner frü- 
heren Erfahrung ausgehend, in besonderen Fabriken 
angefertigte landwirtschaftliche Geräte usw.")." 

Man darf Bechterew nun billig darauf hinweisen, daß vom Stand- 
punkte einer „streng objektiven" Methode sich nur behaupten läßt, 
der Mensch wühle die Erde auf; daß er aber den Boden bearbeite 
„auf Grund früherer Erfahrung", ist eine unerlaubte Erschlei- 
ch u n g. Denn Erfahrung macht nur ein psychisches Wesen (das 
doch für den reflexologischen Standpunkt nicht in Betracht kommt). 
Erfahrung ist die Einheit der Erlebnisse in einem Ich, eine Einheit, 
die also nur von ,4nnen aus" gesehen werden kann. Ebenso ist es 
eine Erschleichung vom Standpunkt der Reflexologie anzunehmen, 
der Mensch gebrauche Maschinen, um sich die Arbeit zu erleichtem. 



r 



Die logische Maschine 13 



Denn Motive der Handlungen der lebenden Wesen liegen 
außerhalb dea Beobacbtungsgebietes einer Reflexologie, die doch 
nur ein System von Bewegungen vor sich haben kann; was darüber 
hinaus behauptet werden kann, ist „sogenannte Psychologie". 

Bechterew führt noch folgendes gegen die „subjektive Analyse" 
ina Feld. „Logische Operationen", sagt er, „sind auch mechanisch 
reproduzierbar, wie es der theoretische Aufbau einer logischen Ma- 
schine von Thomson zeigt, welche von Chrustew realisiert wurde. 

„Wenn es aber so ist, dann erscheint auch die Unvermeidlichkeit des 
subjektiven Prozesses hei der Herstellung unserer Beziehungen zur 
umgebenden Welt in unseren Urteilen und in unserem Verhalten 
als unsere eigene lUusion'^)." 

Was hier Bechterew von der „logischen Maschine" sagt, trifft erst 
recht auf die Rechenmaschine zu. Rechnungen sind mechanisch 
reproduzierbar, folglich sei es bloße Illusion anzunehmen, dahinter 
stecke etwas mehr als die Mechanik eines Räderwerks! 

Nm- sollte man nicht vergessen, daß die Rechenmaschine zuerst 
von einem denkenden Mechaniker konstruiert werden muß ehe 
eie den denkenden Mathematiker ersetzen kann. Die Maschine kann 
nur gewisse Denkschahionen fixieren, keinesfalls aber sie erfin- 
den. Wenn der Mensch mit Hilfe der Axt Baume faBt, so arbeitet 
der Mensch, nicht die Axt. Nicht anders ist es auch bei der Rechen- 
maschine: es rechnet der Mensch mit Hilfe der Maschine, in der er 
seine früheren Denkakte durch Modelle fixiert hat. Und um die 
ArbeitsweiBe der Rechenmaschine zu begreifen, muß man vorher die 
Deukakto des Rechnens überschauen. Die Reflexologie mag also an 
und für sich eine sehr schöne und nützBche Disziplin sein, die 
Psychologie aber kann sie noch darum nicht überflüssig macheu. 

In der Lage jenes hypothetischen Wesens aus einer anderen Welt, 
wie es die Reflexologie fordert, befindet sich der Mensch, wenn er 
Tiere beobachtet. Über die inneren Motive der tierischen Hand- 
lung kann sich der beobachtende Mensch keine genaue Vorstellung 
machen; hier sind wir gezwungen, wenn wir exakt sein wollen, nur 
Reflexologie zu treiben. Warum aoUen wir uns aber beim Menschen, 
mit dem wir uns unmittelbar verständigen können, den Weg zu den 
Motiven, zu dem inneren Sinn seines Tuns, verbauen? Gewiß gibt es 
auf diesem Wege viele Fehlerquellen, wenn man leichtsinnig zum 
Werke geht. Wir sahen aber, daß es möglich ist, die Fehlerquellen 
(zwar nicht ohne Mühe) auszuschalten. 

In seinem Feldzug gegen die „subjektive Methode" der Psycho- 
logie stützt sich Bechterew auf die Philosophen, die da meinen, das 
fremde Ich sei unerkennbar, sei nur geglaubt. „Wenn das fremde 
,Ich' nur ein Gegenstand dee Glaubens ist," fragt Bechterew, „wenn 
ich mich nicht einmal von der Existenz des fremden ,Ich' zu über- 
zeugen vermag, wenn ich es auf keinerlei Art beweisen kann, wie 
kann man dann noch von mittelbarer Selbstbeobachtung, d. h. von 
Beobachtung dessen reden, was man in Wirklichkeit nicht beweisen 



14 



Verbiillter Solipsismus 



kann, von dessen Existenz man eich nicht überzeugen kann, und 
waa nur Gegenstand des Glaubens bildet, also die Möglichkeit eines 
Zweifels an seiner Existenz offen läßt?'"') „Man wird einwenden," 
fügt er hinzu, „daß uns die Sprache zu Gebote steht, die aus uns be- 
kannten Worten — als Symbole — besteht, denen wir eine be- 
stimmte Bedeutung bezüglich der subjektiven Erlebnisse verleihen. 
Aber das Wort als Symbol ist nur ein Hinweis auf das, was den 
Gegenstand des Erlebens bildete oder bildet. Das Erleben selbst, 
sein Charakter und seine Eigentümlichkeiten, hängen von vielen 
hinzutretenden Bedingungen . . . ab. Deshalb kann man in den 
Worten — als Symbolen — ■ nur eine einfache Andeutung der Er- 
lebnisse einer anderen Person sehen, die ihrem, Wesen nach den 
analogen Erlebnissen unseres ,Ich' bei weitem nicht gleich, sondern 
nur ähnlich sieht")." 

Gerade dieser Behauptung wird der Psychoanalytiker am schärf- 
sten widersprechen müssen. Denn wie sollen wir den Widerstand, 
den wir von seilen des Analysandeu während der Analyse ver- 
spüren, anders auffassen, als die Manifestation eines ,Ich*? Und 
wir sind imstande, wenn auch nicht ausnahmslos, auf dieses fremde 
Ich mit Worten einzuwirken, es aufzuklären, überzeugen, es zu 
einem Verhalten zu veranlassen, das unseren Erwartungen ent- 
spricht. Mehr kann auch eine naturwissenschaftliche Hypothese 
nicht ausrichten, als uns ein Bild der Geschehnisse zu gehen, das 
unseren Erwartungen nicht widerspricht. 

Bekanntlich will ein konsequenter Solipsismus das eigene Ich 
als die einzige Realität betrachten: alles andere, die Dinge wie die 
Menschen, ist bloß meine Vorstellung. Obgleich Bechterew gegen 
den Solipsismus wettert, ist sein eigener Standpunkt nur ein ver- 
hüllter Solipsismus: unter dem Deckmantel eines „streng objek- 
tiven" Gesichtspunktes will er uns das (wissenschaftliche) Recht 
nehmen, den Mitmenschen als psychisches Wesen zu betrachten; das 
läuft doch auf nichts anderes aus, als darauf, nur mir selbst psychi- 
sche Qualitäten beizulegen. 

Zugegeben, daß die Sprache kein vollkommenes Mittel zum Ein- 
dringen in die fremde Seele sei. Aber auch unsere Sinne, mit deren 
Hilfe wir die äußere Natur erkennen wollen, sind keine vollkomme- 
nen Werkzeuge, sind mit tausend Mängeln behaftet, tragen in die 
Erkenntnis der Natur ein subjektives Moment hinein. Und dennoch 
sind wir gezwungen den Weg der sinnlichen Wahrnehmung zu wan- 
dern, wollen wir überhaupt zu Naturerfcenntnis gelangen. Es gibt 
schlechterdings keine andere Erkenntnis, als 
die unvollkommene! 

Bechterews „Reflexologie" ist nur der konsequente Ausfluß des 
Mißtrauens gegen die Psychologie, das schon mit der älteren experi- 
mentellen Psychologie eingesetzt hat. Man nimmt eben an, daß nur 
die naturwissenschaftliche Methode im Gegensatz zu den Methoden 
der Geisteswissenschaften streng objektiv sei und exakte Resultate 



Überschätzung der Natarwissenschaft 15 

liefern kann. Woher nun diese Überschätzung der Naturwissenechaf t 
oder Unterschätzung der Geisteswissenschaft? 

Die Überschätzung der Naturwissenbchaften gegenüher der Psy- 
chologie läßt sich kulturpaychologiach unschwer begreifen. Das Blit- 
telalter ist charakterisiert durch das Vorherrscben einer Natural- 
wirtschaft mit einer traditionalen Arbeitsweise und niedriger Ar- 
beiteergiebigkeit; in ideologischer Sphäre herrscht die auf Tradition 
fußende christhche Kirche mit ihren rein theologischen Denkweisen. 
Die neue Zeit stellt sich nun praktische Ziele, sie will verbesserte 
Produktionsmittel, d. h. erhühte Produktivität der Arbeit, was nur 
auf dem Wege des Versuchs, der Rechnung, der Entdeckung und Er- 
findung zu erreichen ist. Die neue Zeit (im Unterschied zu der vor- 
hergehenden Epoche) legt Wert nicht auf das „Geistige", sondern 
ihr Trachten geht „auf eine unbeschränkte Vergrößerung der Pro- 
duktivität aus : es soll massenhaft und billig produziert werden. Die 
Quantität wird über die Qualität gestellt, die 
ganze Kultur gründet eich auf Technik, Naturwisaenschaft und 
Mathematik. Das 17. Jahrhundert, wo die Grundzüge der kapita- 
listischen Epoche immer kräftiger sich durchsetzen, ist zugleich die 
Zeit der Entstehung der neuen Naturwissenschaft, der Differential- 
und Integralrechnung, der analytischen Mechanik und analytischen 
Geometrie, Die Psychologie führt ein kümmerliches Dasein, um am 
Ende {zu unserer Zeit) als jWissenschaft' in Technik und Zahlen- 
tabellen auf zugeben" .^°) 

Die neue Kulturepoche steht eben im Zeichen einer naturwissen- 
sefaaftlich fundierten Technik, das Begreifen des Menschen aber 
kann in ihr nicht recht gedeihen. Das hat schon ein älterer Schrift- 
steller eingesehen, der sagt: „— und wie der, welcher in einer 
tobenden Brandung schwimmt und alle Sinne anspannen mufi, 
um das rettende Ufer zu erreichen, in dem Augenblicke an gar 
nichts anderes denken kann, indem ihm nun unwillkürlich alle Vor- 
stellungen weit zurückgedrängt werden, die ihm sonst wohl die wich- 
tigsten waren, so finden sich jetzt eine Menge von Menschen der- 
gestalt in das brausende Treiben industrieller, kommerzieller, sta- 
tistischer, ökonomischer und politischer Interessen eingezwängt und 
festgehalten, daß irgendein ruhiges Schauen in sich, irgendein tie- 
feres Nachdenken über das, was der Seele zuletzt doch die wichtig- 
sten Fragen sein müßten, fortan ihnen fast zur Unmöglichkeit 
wird^")." 

Ein- anderer Grund für die NichtSchätzung, ja sogar Mißachtung 
der Psychologie ist im Infantilen zu suchen. Die Naturwissenschaft 
hat zum Objekt die äußere Welt; dagegen will die Psychologie das 
innerliehe Leben des Menschen erfassen, und muß sich dabei auf 
die Aussagen der Menschen verlassen. Zwischen den Menschen und 
den übrigen Objekten ist aber ein großer Unterschied, denn „die 
anderen Objekte (lügen) niemals; irrt man sich in dieser oder 



16 



Mißtrauen gegen Psychologie 



jener Eigenschaft eines Objekts, so stellt sich am Ende immer her- 
aus, daß der Fehler an uns lag. Das Kind behandelt die Worte zu- 
nächst wie Gegenstände, d. h. es glaubt ihnen, es nimmt sie nicht 
nur wahr, sondern auch für wahr. Während es aber seinen Irr- 
tum in bezug auf andere Objekte allmählich korrigieren lernt, 
wird ihm diese MögHchkeit bezüglich der Aussagen der Eltern be- 
nommen; (nicht nur, weil diese ihm derart imponieren, daß es an 
ihnen nicht zu zweifeln wagt, sondern auch) weil es ihm oft un- 
ter Androhung von Strafen und Entziehung der Liebe verboten 
wird, sich von der Richtigkeit der Aussagen der Erwachsenen zu 
überzeugen". 

„Die übertriebene und oft ungerechtfertigte Hochachtung vor 
technisch-mathematischen Beweisverfahren und die große Skepsis 
besonders psychologischen Dingen, z. B. den psychoanalytischen 
Lehren gegenüber wird jetzt verständlicher. 

„Es scheint sich das alte Sprichwort zu bewahrheiten: Wer ein- 
mal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit 
spricht. Die Enttäuschnng, die man in gewissen psy- 
chologischen (sexuellen und religiösen) Dingen bezüg- 
lich der Wahrheitsliebe der Eltern und Lehrer er- 
fahren hat, machte die Menschen psychologischen 
Aussagen gegenüber übermäßig skeptisch; darum 
fordern sie besondere Sicherheiten, um nicht nochmals getäuscht zu 
werden. 

„Diese Forderung ist nur zu gerechtfertigt; unlogisch wird Bie 
nur, wenn diejenigen, die die Forderung nach der .Evidenz' erheben, 
der einzigen Möglichkeit, sie zu holen, aus dem Wege gehen. 

„Diese einzige Möglichkeit ist — in psychischen 
Dingen — das eigene Erlebe n^^)." 



1 



IL Zur Genesis der Psychoanalyse 

Man hat schon sehr früh erkannt, in einer sozusagen „vorwissen- 
Bchaftlichen" Phase, daß Krankheiten nicht nur auf organischer 
Grundlage entstehen, sondern auch „eingehildet" sein können, und 
in dem Falle eine andere Behandlungsweise wie die organisch be- 
dingten erfordern. So sagt z. B. Paracelsus: „Es gibt viel solcher 
Stücke, die, wenn sie getragen werden, große Wirkung zeigen und 
das alles außerhalb der irdischen Kraft, sondern es wird ihnen ma- 
gisch vom Himmel eingegossen. Solche Kräfte eind aber nicht an 
jeglichen Menschen hJKlich, sondern allein, wo die Vergleichung 
gefunden und gefügt wird: denn nicht jegliche Krankheit ist vom 
Himmel, sondern kann auch irdisch sein. Wo nur irdische Krank- 
heiten sind, die müssen irdische Arznei haben." Es gibt also Krank- 
heiten „irdischer" Herkunft, und die müssen mit „irdischen" Mit- 
teln, d. b. mit natürlichen, chemisch-physikalisch wirkenden Arz- 
neien behandelt werden. Die anderen, nicht irdischen Krankheiten 
lassen sich mit „magischen Stücken" (Amuletten) beeinf lueaen ; ihre 
Wirkung liegt außerhalb der „irdischen Kraft", d. h. sie wirken 
nicht auf physikalisch-chemischem Wege, sondern irgendwie anders. 

Zu den „magischen Stücken" gehörte im 18, Jahrhundert insbe- 
sondere auch der Magnet, mit dessen Hilfe (durch Bestreichen) 
man Krankheiten zu heilen vermeinte. Auch der Wiener Arzt Anton 
Mesmer (1734 — 1815) trieh solche Magnetotherapie. Er merkte aber 
bald, daß er dieselben Resultate mit seiner bloßen Hand erreichen 
kann. Er legte sich diese Beobachtung so zurecht, daß er annahm, 
die Wirkung sei in diesem Falle derjenigen analog, die ein Magnet 
auf Eisen ausübt: wie es möglich ist, durch den Magnet im Eisen eine 
Bewegung hervorzurufen, ebenso beeinflußt der menschliche Kör- 
per den Körper des Mitmenschen. Diese Eigenschaft des mensch- 
lichen Körpers nennt Mesmer den tierischen Magnetis- 
mus. 

Was Mesmer behauptet, läßt sich auf den Satz zurückführen: 
„Die Menschen üben einen Einfluß aufeinander 
a u 8." Er stellte sich diese Beeinflussung vermittelt durch ein 
„magnetisches Fluidum" vor. Der Hand des „Magnetiseurs" ent- 
ßtrömt ein (zwar unsichtbares, aber) materielles Fluidum. Indem 
dieses Fluidum in den fremden Organismus (in den Organismus des 
Kranken) überfließt, beeinflußt es ihn in wohltätiger Weise. 

Diese naiv-materialistische Auffassung der heilsamen Beeinflus- 

a Kaplan, Psychoanalyse 



Jg Mesmedsinns uni ,^entale Soggeation" 

sung hat Mesmer dazu verleitet, seine „magnetische Kraft" auch auf 
unbelebte Dinge zu übertragen, und dann die in dieser Weise herge- 
stellten Kondensatoren auf seine Patienten einwirken zu lassen. 
Die Berührung solcher magnetischer Sachen mußte, wie man sich 
dachte, heilbringend wirken. So „magnetiaierte" man auch hölzerne 
Zuber (Baquet), gefüllt mit Waeeer und zerbrochenen Flaschen, 
und ließ die Patienten um diese sitzen, um den dort kondensierten 
Magnetismus auf sie einwirken zu lassen. 

Die Mesroerische Auffassung des Wesens des „tierischen Magnetis- 
mus" schrieb den äußeren Manipulationen die Hauptrolle hei der 
Beeinflussung der Kranken zu. Die Behandlungsweiee mußte all- 
mählich zu einem Formalismus ausarten, bei dem der Magnetiseur 
selbst seelisch (und bei der Behandlung mittels des Baquet auch 
wohl physisch) abwesend sein konnte. Das mußte die Patienten, 
die die volle ungeteilte Anteilnahme des Arztes beanspruchen, un- 
angenehm berühren und sie unzufrieden machen. Diese Unzufrie- 
denheit mußte den heilsamen Einfluß der „magnetischen" Heil- 
methode aufheben. Auf dieser Grundlage entwickelt sich eine vom 
Mesmerismus abweichende Auffassung des tierischen Magnetismus 
der Franzosen. Sie fordern vom Magnetiseur, sich mit der ganzen 
Kraft seiner Aufmerksamkeit und des herzlichen Wohlwollens auf 
jeden einzelnen Kranken zu fixieren. Der Magnetiseur — glaubt 
man — drückt durch den auf das Beste des leidenden Menschen 
gerichteten Willensakt, dem Fluidum, das von ihm ausströmt, das 
Vermögen auf, die Genesung einzuleiten und glücklich zu vollenden. 
Später gab man das magnetische Fluidum auch auf, und legte das 
Gewicht ausschließlich auf den Willensakt des Magnetiseurs. Ein 
nach einem Zweck fixierter Gedanke habe die Kraft, sogar eine 
physische Wirkung hervorzubringen. Es ist der Standpunkt der 
„mentalen Suggestion", der psychischen Femwirkung. 

Durch die „magnetische" Behandlung verfielen die Kranken ge- 
wöhnlich in den „magnetischen Schlaf" (später Hypnose genannt). 
Als in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts der Engländer 
James Braid die Tatsachen des Mesmerismus nachprüfen wollte, 
fand er, daß sich die Hypnose auch ohne die magnetischen Mani- 
pulationen hervorrufen lasse. Es genügt, wie Braid fand, jemanden 
starr und anhaltend auf irgend etwas blicken zu lassen, um hei dem 
Betreffenden in einigen Minuten die Hypnose herbeizuführen. 

Hat Mesmer die Hypnose entdeckt (oder richtiger bloß wieder- 
entdeckt, da sie allen primitiven Völkern gut bekannt ist), so hat 
Braid die Auto hypnose entdeckt. Aber noch mehr. Braid merkte 
bald, daß, wenn man einem, den man beeinflussen will, das Verfah- 
ren vorzeigt, indem man in seiner Gegenwart andere in den Zustand 
versetzt, so bat das eine große Wirkung, In diesem Falle gelingt 
das hypnotische Experiment viel leichter. Man kann sogar so viel 
erreichen, daß die bloße Einbildung, es geschehe etwas, bei der be- 
treffenden Versuchsperson zu einem wirklichen Erleben führt. So- 



Adäquater und Eymboliecher Reiz 29 

mit sind wir zu dem Phänomen der Autosuggestion ge- 
langL 

Um das Fernere richtig begreifen zu können, müssen wir ver- 
suchen, uns darüber Rechenschaft zu geben, wie sich die Phäno- 
mene des tierischen Magnetismus oder Hypnotismus psychologisch 
erklären lassen. Die Reaktionen eines Lebewesens kann man gene- 
rell in zwei Klassen einteilen. In die eine Klasse fallen alle jene 
Reaktionen, die auf adäquate Reize eintreten, d. h. durch die 
wesentlichen Eigenschaften des Reizes hervorgerufen werden. Wenn 
ich z. R. eine Rose rieche, so bekomme ich eine eigentümliche Emp- 
findung, die die bestimmte Reaktion ist, welche durch die spezielle 
Einwirkung der Riechstoffe der Rose auf die spezifisch beschaffe- 
nen Nervenendungen in der Schleimhaut der Nase hervorgerufen ist. 
Es kann aber vorkommen, daß der Duft der Rose in mir die Er- 
innerung an einen lieben Freund wachruft, der mir einst eine solche 
Rose geschenkt hat. Diese Reaktion ist nicht mehr eine solche auf 
einen adäquaten Reiz. Denn an und für sich hat das Erinnerungs- 
bild des Freundes mit den Riechstoffen der Rose nichts zu tun. Die 
Möglichkeit solcher Reaktionen setzt das Vorhandensein de8 Aaso- 
ziationsapparatea (=de8 „assoziativen Gedächtnisses'* nach Loeb) 
voraus; der Reiz, der solche Reaktionen provoziert, spielt eine 
bloß symbolische, stellvertretende {auf etwas anderes hin- 
weisende) Rolle. 

Waren die Kranken Mesmers gewohnt, eich durch ihn einschlä- 
fern zu lassen, so taten sie das später auch beim Sitzen um das 
Baquet. Dieses wirkte in dem Fall nicht durch seine „wesentlichen" 
Eigenschaften, nicht adäquat; vielmehr tritt es nur als S y m • 
b o 1 der heilwirkenden Kraft auf, sozusagen in Stellvertretung des 
abwesenden Magnetiseurs. 

In den Experimenten James Braids wirkte sich eine andere Ge- 
setzmäßigkeit aus. Er ließ seine Versuchspersonen einen Gegen- 
stand andauernd anstarren, wodurch sie in die Hypnose verfielen. 
Bekanntlich tritt bewußte Perzeption nur dann ein, wenn der jetzige 
Bewußtseinszustand sich im Gegensatz zu einem früheren befindet. 
Das Andauernde, Gewohnte, was also nicht mehr im Gegensatz zu 
etwas anderem steht, wird von uns nicht mehr bemerkt. So merkt 
der Müller nicht das Geklapper der Mühle. Erst das Aufhören dea 
Geklappers, die plötzlich eintretende Stille also, bringt ihm wie 
diese so auch das frühere Geklapper zum Bewußtsein. Ist die Ge- 
gensätzlichkeit die Voraussetzung des bewußten Perzipierens, so ist 
dagegen die Monotonie die Voraussetzung des Eintritts der Hypnose. 
In diesem Falle wirkt eben die Monotonie als „adäquater Reiz", 
worauf als Reaktion die Hypnose folgt. 

Bei vielen Patienten erreichte Braid die Hypnose ohne dieses 
adäquate Mittel, sondern auf suggestivem Wege. Das Wesen 
der Suggestion laßt sich so definieren: DasBildeines Ereig- 
nisses bewirkt das wirkliche Eintreten des Ereig- 



20 



Suggestion 



nisses; oder auch, der Suggerierte erlebt als quasi- 
Wirklichkeit, wovon er sich in der Phantasie ein 
Bild gemacht hat. Ob das Bild verbal oder sonstwie übermit- 
telt wird, ist nicht wesentlich. 

Obgleich die Wirkungen der Suggestion verblüffend sind, lassen 
sie sich leicht in die Gesetzmäßigkeit des psychischen Geschehens 
einordnen. Um das einzusehen, beachte man folgendes: Wenn man 
in die Mundhöhle eines Tieres eine beatinunte Speise einführt, fängt 
die Speicheldrüse an in bestimmter Weise zu funktionieren. Aber 
auch in dem Falle, wo man dem Tiere die Speise iu der Ferne nur 
zeigt, wird die Speicheldrüse in derselben Weise in Tätigkeit treten. 
Hier wirkt sich das Bild der Speise ebenso aus, wie die Speise 
aelbat, d. h. die Speicheldrüsenreaktion kann als Folge einer Sugge- 
stion begriffen werden. Die Suggestion zeigt sich aber hier un- 
zweideutig als Reaktion auf einen symbolischen Reiz. Wie jedes 
Erlebnis ein Bild in der Seele hinterläßt, so läßt sich auch umge- 
kehrt von diesem Bilde aus das Erlebnis wieder herbeiführen. (Das 
Gesetz der Inversion.) 

Nach dieser Abschweifung ins Gebiet der Psychologie der Sugge- 
stion kehren wir zurück zur geschichtlichen Darstellung"). Die 
neuen Ansichten, zu denen die Entwicklung des Hypnotismus führte, 
waren auch berufen, die Auffassung der Psychoneurosen zu beein- 
flusaen. Den Ausgangspunkt für die neue Betrachtungsweise bilden 
die sogenannten „traumatischen Neurosen", d. h. solche, die sich 
infolge eines Unfalls oft einstellen. 

Eine Mutter (Patientin des berühmten Charcot) gibt ihrem sie- 
benjährigen Knaben mit dem Handrücken eine Ohrfeige. Diese 
Züchtigung ruft merkwürdigerweise eine Lähmung der Hand bei 
der Mutter herbei. Außer der Lähmung war die Hand noch von 
einer eigentümlichen Störung der Sensibilität befallen. Nämlich, 
wenn peripherische Nervenäste erkrankt sind, findet man oft eine 
Anästhesie in mehr oder minder imregelmäßigen Streifen und Zo- 
nen, wie sie eben dem Ausbreitungsgebiet dieser Nerven entspre- 
chen. Bei der Kranken verhielt sich die Sache ganz anders, die An- 
ästhesie fiel überhaupt nicht mit dem Verbreiterungsbezirk eines 
Nerven zusammen, sondern die Haut war im ganzen anästhetisch, 
dazu noch ein Teil des Handgelenks, und die Grenze der Anästhesie 
gegen den Vorderarm bildete eine Kreislinie, die senkrecht auf der 
Längenachse des Gliedes stand, „die man als eine Ampulationslinie 
bezeichnen kann". 

Charcot zeigt nun, daß man eine Lähmung der beschriebenen Art 
auch in der Hypnose experimentell erzeugen kann. Zu diesem 
Zwecke versetzte er eine Hysterische in die Hypnose, hielt ihr die 
Faust vor, die er ihr als einen abscheulichen Kopf schildert, der 
sich über sie lustig macht und dem sie mit der linken Hand einen 
Schlag geben soll. Sie gibt mit dem Rücken der linken Hand diesen 
Schlag. Man kann dann nachweisen, daß Handgelenk und Finger ge- 



Hyaterisclie Lähnrnng als Autosuggestion 21 

lähmt sind. Femer findet sich eine Anästhesie, welche die ganze 
Hand einnimmt. 

Auf Grund solcher Experimente gelangt Charcot zur Ansicht, daß 
die natürlichen Lähmungen bei den Hysterischen und die künsl- 
lichen in der Hypnose auf denselben Mechanismus zurückzuführen 
sind. D. h. die hysterischen Lähmungen sind eine Art 
Autosuggestion. Wenn man sich die Hand an einem harten 
Körper augestoßen hat, so wird dieses Trauma in den meisten Fäl- 
leneinen gewissen Grad von motorischer Schwäche zur Folge haben, 
an den sich eine leichte Anästhesie anschließen wird. Bei verschie- 
denen Personen fäUt Dauer und Intensität dieser Folgeerscheinung 
verschieden aus. Nehmen wir nun an, daß wir mit einer Somnam- 
bulen oder einer Hysterischen, die infolge eines Affektes sich in ei- 
nem besonderen Seelenzustand befindet, zu tun haben. In dem be- 
sonderen Geisteszustand, wegen der Abschwächung des Ich, wird 
sich die maßlos übertriebene Vorstellung durchsetzen, daß die vom 
Schock betroffenen Teile von Lähmung und ünempfindlichkeit be- 
fallen seien. So Charcot. 

Kurz zusammengefaßt, besagt diese Ansicht folgendes : Befindet 
sich der Mensch in einem „besonderen Seelenzustand", so wird auf 
ihn das Trauma als eine Suggestion wirken. Der Zornausbruch der 
oben angeführten Patientin soll einen Zustand erhöhter Suggerier- 
barkeit bei ihr hen'orgerufen haben, in welchem sie die schwache 
Lähmung infolge des Schlages fixiert hat; sonst aber besteht, wie es 
scheint, kein näherer intimerer Zusammenhang zwischen dem „be- 
sonderen Seelenzustand" und dem als Suggestion wirkenden Trau- 
ma. Breuer nennt diesen von Charcot angenommenen „besonderen 
Seelenzustand" den „Hypnoid", worunter er außer der Autohypnose 
noch die Zustände der habituellen Träumerei und des Schrecks ver- 
steht. 

Einen neuen Einblick in den Mechanismus der hysterischen Phä- 
nomene gewann man in Wien bei Gelegenheit einer zufällig gemach- 
ten Beobachtung. Es Handelt sich um die Patientin Anna O., die 
in Behandlung Josef Breuers stand. Sie erkrankte während der 
Pflege ihres Vaters an einer merkwürdigen Psychose, verbunden 
mit Sehstörungen, Kontrakturlähmungen, hauptsächlich der rechts- 
seitigen Extremitäten; statt ihrer Mutlersprache (deutsch) be- 
diente sie sich jetzt nur ausschließlich der englischen. „Juli 1880 
war der Vater der Kranken auf dem Lande an einem subpleuralen 
Abszesse schwer erkrankt; Anna teilte sich mit der Mutter in der 
Pflege. Einmal wachte sie nachts in großer Angst um den hoeh- 
fiebernden Kranken und in Spannung, weil von Wien ein Chirurg 
zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte eich für einige Zeit 
entfernt, und Anna saß am Krankenbette, den rechten Arm über die 
Stuhllehne gelegt. Sic geriet in einen Zustand von Wachträumen 
und sah, wie von der Wand her eine schwarze Schlange sich dem 
Kranken näherte, um zu beißen. (Es ist sehr wahrscheinlich, daß 



22 



Der Fall Anna O. . . . 



auf der Wiese hinter dem Hause wirklich einige Schlangen vor- 
kamen, über die das Mädchen früher schon erschrocken war, und 
die nun das Material für die Halluzination abgaben.) Sie wollte das 
Tier abwehren, war aber wie gelähmt; der rechte Arm, über die 
Stuhllehne hängend, war ,einge8chlafen', anästhetisch und paretisch 
geworden, und als sie ihn betrachtete, verwandelten sich die Finger 
in kleine Schlangen mit Totenköpfen ... Als {die Halluzination) 
geßchwunden war, wollte sie beten, aber jede Sprache versagte, sie 
konnte in keiner sprechen, bis sie endlich einen englischen Kin- 
dervers fand und nun auch in dieser Sprache fortdenken und beten 
konnte^")." 

Scheinbar entspricht dieser Fall den Anforderungen Charcots: 
Die Kranke befand sich in einem „besonderen Seelenzu stand", und 
hielt währenddessen den rechten Arm über die Stuhllehne. Dann 
kommt das traumatische Erlebnis, die Schlangenhalluzination. Aus 
Angst kann sie sich nicht rühren. In diesem Zustande wirkt die un- 
beweglich ruhende Hand als Suggestion. 

Mißlich ist nun in unserem Fall das, daß die Schlangenhalluzi- 
nation — das Trauma — kein von außen kommender Eindruck ist, 
sondern eigentlich ein Ausdruck des „besonderen Seelenzustandes" 
selbst. 

Eine Eigentümlichkeit der Kranken machte die Aufklärung des 
Falles möglich. Sie verfiel nämlich jeden Nachmittag in einen 
somnambulen Zustand, während welchem man mit ihr leicht in Rap- 
port treten konnte. Im Sononambulismus reproduzierte sie ihre 
ganze Krankheitsgeechichte, von der sie im Wachen nichts wußte. 
Kurz zusammengefaßt läßt sich diese Krankheitsgeschichte so dar- 
stellen: In selbstauf opfernder Liebe wollte das Mädchen dem Va- 
ter alle ihre Kräfte und Zeit widmen. Aus einem Nachbarhaus tönt 
Tanzmusik herüber, läßt in ihr den Wunsch aufsteigen, dort zu sein 
worüber sie sich Vorwürfe macht und von einem nervösen Husten 
befallen wird. Seitdem reagiert sie auf jede stark rhythmische Mu- 
sik mit einer Tusis nervosa. Das Husten ist in diesem Zusammen- 
hang nichts anderes als eine Selbstheatrafung. 

Wir können jetzt eine Vermutung über die Bedeutung der Schlan- 
genhalluzination aufstellen. Wäre der Vater von einer Schlange ge- 
bissen, so wäre es nicht mehr nötig, heim Kranken die Nächte hin- 
durch zu wachen, und Anna könnte ihren Vergnügungen nachge- 
hen. Darum findet sie auch nicht die Kraft, das Tier abzuwehren, 
sie ist wie gelähmt. Der herabhängende „eingeschlafene" Arm wirkt 
suggestiv, nicht weil er in einem „besonderen Seelenzustand" perzi- 
piert wurde, sondern weil er einer bestimmten Sehnsucht, einem 
uneingestandenen Wunsch Ausdruck gab. 

Obgleich Breuer die innere Bedingtheit der hysterischen Erkran- 
kung eingesehen hat, war er noch geneigt, auch die Bedeutung des 
„Hypnoid" anzuerkennen. Er meint: „. . , die ideogene Entstehung 
somatischer Phänomene vollzieht sich auch außerhalb der hyp- 



Symptom und unbewnßter Gedanke 23 

noiden Zustände . . - Aber, mit dieser Einschränkung, meine ich 
noch immer, (die hypnoiden Zustände) seien Ursache und Bedin- 
gimg vieler, ja der meisten großen und komplizierten Hysterien^*)-" 

Die wiedergegebene Krankengeschichte mußte den Gedanken 
nahelegen, daß die hysterischen Symptome durch gewisse Erleb- 
niase verursacht sein müssen. Aber „in der großen Mehrzahl der 
Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch so ein- 
gehende Krankenexamen, diesen Ausgangspunkt (=da8 die Krank- 
heit verursachende Trauma) klarzustellen, teilweise, weil es sich oft 
um Erlebnisse handelt, deren Besprechung dem Kranken unange- 
nehm ist, hauptsächlich aber, weil sie sich wirklich nicht daran er- 
innern, oft den ursächlichen Zusammenhang des veranlassenden Vor- 
ganges und des pathologischen Phänomens nicht ahnen".^") 

Freud, dem die Heilungsgeschichte der Anna O. bekannt war, kam 
auf die Idee, seine hysterischen Kranken in Hypnose zu versetzen, 
um sie in diesem Zustande auszuforschen. Er ließ seine Patienten in 
der Hypnose sich in den psychischen Zustand zurückversetzen, „in 
welchem das (fragliche) Symptom zum erstenmal aufgetreten war. 
Es tauchten dann bei dem hypnotisierten Kranken Erinnerungen, 
Gedanken und Impulse auf, die in seinem Bewußtsein bisher aus- 
gefallen waren".") Es gelang dann leicht, jenes Symptom durch 
diese unbewußt gewordenen Gedanken zu determinieren. Wir illu- 
strieren das Gesagte durch den folgenden Fall: 

„Ein Angestellter, der infolge einer Mißhandlung von seilen seines 
Chefs hysterisch geworden ist, leidet an Anfällen, in denen er zu- 
sammenstürzt, tobt und wütet, ohne ein Wort zu sprechen oder eine 
Halluzination zu verraten. Der Anfall läßt sich in der Hypnose 
provozieren und der Kranke gibt nun an, daß er die Szene wieder 
durchlebe, wie der Herr ihn auf der Straße beschimpft und mit 
einem Stock schlägt. Wenige Tage später kommt er mit der Klage 
wieder, er habe denselben Anfall von neuem gehabt, und diesmal 
ergibt sich in der Hypnose, daß er die Szene durchlebt hat, an die 
sich eigentlich der Ausbruch der Krankheit knüpfte, die Szene im 
Gerichtssaale, als es ihm nicht gelang, Satisfaktion für die Mißhand- 
lung zu erreichen")." 

Mit Hilfe dieses Verfahrens (das man „Katharsis" nennt), ge- 
lang es, den hysterischen Anfall des jungen Mannes als motorische 
Rektion auf eine erlittene Mißhandlung zu begreifen^*). 

Charcot bediente eich der Hypnose, um experimentell hysterische 
Symptome hervorzurufen. Die experimentelle Methode hat ihm 
verhelfen aufzudecken, daß die Hysterie auf Autosuggestion be- 
ruhe. Worin aber die Macht der Suggestion sich gründet, worin ihre 
innere Natur besteht, darüber bekam man keine überzeugende Ant- 
wort. Breuer und Freud haben versucht, den hypnotischen Zustand 
dazu zu benutzen, um in der Seele des kranken Menschen selbst 
nach der Ätiologie der Krankheit zu forschen. Es stellte sich nun 
heraus, daß der Zusammenhang zwischen Reiz (Trauma) und psy- 



24 Katharsis 



chiscHer Reaktion (hysterischer Erkrankung) durch affektive Mit- 
telglieder verkettet war. Es ist, wie auch im Falle der Speichel- 
drüsenreaktion: diese tritt nur dann auf „symbolischen" Reiz ein, 
wenn daa Tier hungrig ist, sonst nicht. Der Reiz (bzw. das Trauma) 
ist nur der agent provocateur, die Reaktion (bzw. die hysterische 
Erkrankung) ist innerlich durch affektive Mittelglieder bedingt. 

Die gewöhnliche hypnotische Psychotherapie verblieb auf der 
Oberfläche, indem sie sich nur gegen die sichtbaren Symptome 
richtete, ohne den Boden zu streifen, aus dem sie hervorsprießen. 
Anders Freud auch zu jener Zeit noch, wo er katfaartisch vorging. 
„Ich bekämpfte," sagt Freud, „wie es in der hypnotiachen Psycho- 
therapie gebräuchlich, die vorhandenen krankhaften Vorstellungen 
durch Versicherung, Verbot, Einführung von Gegenvorstellungen 
jeder Art, begnügte mich aber nicht damit, sondern ging der Ent- 
atehungsgeschichte der einzehien Symptome nach, um die Voraus- 
setzungen bekämpfen zu können, auf denen die krankhaften Ideen 
aufgebaut waren^")." 

Aber in der kathartischen Methode waren noch andere thera- 
peutische Momente verborgen, die abseits von einer Suggestions- 
therapie lagen. In Breuers Fall war das ganze Verfahren spontan 
von der Kranken selbst eingeführt. Die Aussprache brachte ihr 
Erleichterung und am Ende auch Genesung. Man hat bald bemerkt, 
„daß (die Kranke) in ihren Abszenzen während des Tages offenbar 
irgendeine Situation oder Geschichte ausbilde, über deren Be- 
schaffenheit einzelne gemurmelte Worte Aufschluß gaben. Nun Ge- 
schah es, zuerst zufällig, dann absichtlich, daß jemand von der 
Umgehung ein solches Stichwort fallen ließ, . . . alsbald fiel sie ein 
und begann eine Situation auszumalen oder eine Geschichte zu er- 
zählen, anfangs stockend , . ., je weiter, desto fließender . . ." 
Später gestaltete sich die Sache in folgender Art, wie Breuer es 
schildert: „Ich kam damals, wenn ich sie in ihrer Hypnose wußte 
und nahm ihr den ganzen Vorrat von Phantasien ab, den sie seit 
meinem letzten Besuch angehäuft hatte. Daa mußte vollständig ge- 
schehen, wenn der gute Erfolg vollständig erreicht werden sollte. 
Dann war sie ganz beruhigt, den nächsten Tag liebenswürdig, füg- 
sam, fleißig, selbst heiter . . ." Für die Prozedur hatte sie „den gu- 
ten, ernsthaften Namen ,talcing cur' (Redekur) tmd den humoristi- 
schen ,chimneysweeping' (Kaminfeger) erfunden". „Sie wußte, daß 

sie nach der Aussprache all ihre Störrigkeiten und 
»Energie' verloren haben werde*")." Nach eineinhalb Jah- 
ren war sie vollständig gesund. 

Die „Redekur" brachte die gestauten Affekte zur Abfuhr. Daa 
Verfahren war nicht aus irgendwelcher theoretischen Voraussetzung 
ausgeklügelt, sondern in ganz natürlicher Weise durch das Tempe- 
rament der Kranken geboten. Übrigens ist dies Verfahren seit Jahr- 
tausenden inslinktmäßig von der Menschheit gepflegt und als 
Beichte vor dem Geistlichen von der Kirche gefordert. Breuer hat 



Die Abwehr 25 



den Heilinstinkt seiner Patientin verstanden, und hielt es nicht un- 
ter seiner ärztlichen Würde, dabei etwas zu lernen. 

Der Unterschied zwischen der Aussprache in der Psychoanalyse 
und der gewöhnlichen, vertraulichen Aussprache (oder sogar der 
Beichte) liegt aber darin, daß jene viel weiter greift, daß sie den 
Analysanden drängt und ihn zwingt, das zu beichten, was ihm 
sonst nicht bewußt ist"^). 

Freud hat das kathartische Verfahren Breuers bald verlassen 
müssen. Er berichtet darüber: „. . . Bei meinen Versuchen, die 
Breuersehe Methode in größerem Umfange anzuwenden, bin ich an 
die Schwierigkeit geraten, daß eine Anzahl von Kranken nicht in 
Hypnose zu versetzen war ... Es galt, die Hypnose zu umgehen, 
und doch die pathogenen Erinnerungen zu gewinnen. Dazu ge- 
langte ich auf folgende Weise: Wenn ich bei der ersten Zusammen- 
kunft meine Patienten fragte, ob sie sich an den ersten Anlaß des 
betreffenden Symptoms erinnerten, so sagten die einen, sie wüßten 
nichts, die anderen brachten irgend etwas bei, was sie als eine 
dunkle Erinnerung bezeichneten und nicht weiter verfolgen konn- 
ten. Wenn ich nun . . . dringlich wurde, beiden versicherte, sie wüß- 
ten es, sie würden sich besinnen usw., so fiel dem einen doch etwas 
ein, und bei den anderen griff die Erinnerung um ein Stück weiter. 
ÜVun wnrde ich noch dringender, hieß die Kranken die Augen will- 
kürlich schließen, um sich zu ,konzentrieren' . . . und machte da die 
Erfahrung, daß ohne alle Hypnose neue und weiter zurückreichende 
Erinnerungen auftauchten, die wahrscheinlich zu unserem Thema 
gehörten. Durch solche Erfahrungen gewann ich den Eindruck, es 
würde in der Tat möglich sein, die doch sicherhch vorhandenen 
Vorstellungsreihen durch bloßes Drängen zum Vorschein zu bringen 
und da dieses Drängen mir Anstrengung kostete und mir die Deu- 
tung nahelegte, ich bätte einen Widerstand zu überwinden, so setzte 
ich mir den Sachverhalt ohne weiteres in die Theorie um, daß ich 
durch meine psychische Arbeit eine psychische 
Kraft bei den Patienten zu überwinden habe, die 
sich dem Bewußtwerden (Erinnern) der pathogenen 
Vorstellungen widersetze. Ein neues Verständnis schien 
sich mir nun zu eröffnen, als mir einfiel, dies dürfte wohl 
dieselbe psychische Kraft sein, die bei der Entste- 
hung des hysterischen Symptoms mitgewirkt und 
damals das Bewußtwerden verhindert habe^-)." Der 
allgemeine Charakter solcher Vorstellungen ist der, daß sie „sämt- 
lich peinlicher Natur (sind), geeignet, die Affekte der Scham, des 
Vorwurfes, des psychischen Schmerzes, der Empfindung der Beein- 
trächtigung hervorzurufen, sämtlich von der Art, wie man sie gerne 
nicht erlebt haben möchte, wie man sie am liebsten vergißt".^^) 

Das Wesen der Hysterie erscheint uns jetzt in neuem Lichte: als 
der Konflikt untereinander unverträglicher Vorstellungen. „An das 
Ich des Krauken war eine Vorstellung herangetreten, die sich als 



26 Die psycfaoanalyiiEche Absoladoa 

unverträglich erwies, die eine Kraft der Abstoßung von Seiten des 
Ich wachrief, deren Zweck die Abwehr dieser unverträglichen Vor- 
stellung war. Diese Abwehr gelang tatsächlich, die betreffende Vor- 
stellung war aus dem Bewußtsein und aus der Erinnerung gedrängt, 
ihre psychische Spur war anscheinend nicht aufzufinden. Doch 
mußte diese Spur vorhanden sein. Wenn ich mich bemühte, die 
Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, bekam ich dieselbe Kraft als 
Widerstand zu spüren, die sich bei der Genese des Symptoma als 
Abstoßung gezeigt hatte^*)." 

Die analytische Methode Freuds achreitet in der Erkenntnis der 
Zusammenhänge nur langsam vorwärts: die „Einfälle" kommen erst 
allmählich zum Vorschein, der Widerstand von seiten der Ver- 
heimlichungstendenzen wird nur schrittweise überwunden. Das ge- 
währt dem Forscher einen Einblick in das Spiel der psychischen 
Kräfte. „Aber der Hypnose ist vorzuwerfen, daß sie den Wider- 
stand überdeckt", sie versetzt uns zu plötzlich in einen erweiterten 
Bewußtseinszustand, wo gewisse Erlebnisse nur einseitig zum Vor- 
schein kommen*'). Der Frendschen analytischen Me- 
thode ist gegenüber der Methode Breuers ein höhe- 
rerErkenntniswerteigen, da sie nicht nur die letzten see- 
lischen Momente, „wie sie sind", uns zeigt, sondern sie ist auch im- 
stande, den psychischen Mechanismus der Entstel- 
lung der Wahrheit selbst zu erfassen und zu begrei- 
fen — — — 

Durch die tiefere Erkenntnis des Wesens der Hysterie mußte sich 
auch die Auffassung der Therapie modifizieren. Legte man in er- 
ster Zeit das Hauptgewicht auf das „Abreagieren'*, so wird es jetzt 
klar, daß noch viel wichtigere Momente hinzutreten müssen. Der 
Konflikt muß entwertet, der „Widerstand" gebrochen werden. In 
welcher Weise? „Indem man (den Kranken) aufklärt, ihm von der 
wundersamen Welt der psychischen Vorgänge Mitteilung macht, in 
die man selbst erst durch solche Analysen Einblick gewonnen hat, 
gewinnt man ihn selbst zum Mitarbeiter, bringt man ihn dazu, sich 
selbst mit dem objektiven Interesse des Forschers zu betrachten, 
und drängt so den auf affektiver Basis beruhenden Widerstand zu- 
rück. Endlich aber — und das bleibt der stärkste Hebel — muß man 
versuchen, nachdem man die Motive seiner Abwehr erraten, die 
Motive zu entwerten oder selbst sie durch stärkere zu ersetzen'^)." 
Die pathogenen Affekte verwandeln sich im Laufe der Analyse in 
das wissenschaftliche Interesse, wodurch dem Bewußtwerden der 
verdrängten Erlebnisse ungemein verholfen wird. Durch die intel- 
lektuellen Leistungen des Patienten wird wenigstens ein Teil der 
Energie der pathogen wirkenden Affekte absorbiert. Das übrige 
leistet die „p 8 y c h o a n a 1 y t i 8 c h e A h 8 o 1 u t i o n", d. h. die Ent- 
wertung der Motive des Widerstandes. 

Hat man einmal erkannt, welche Rolle die „Abwehr" (die „Ver- 
drängung", der „Widerstand") in der Pathogenese der Hysterie 



/' 



il 



Psychoanalyse und Suggestionslherapie 27 

Bpielt, Bo wird man eich sagen mÜBSen: „Es i^^ ganz aussichtslos, di- 
rekt zum Kerne der pathogenen Organisation vorzudringen. Konnte 
man diesen selbst erraten, so würde der Kranke doch mit der ihm 
geschenkten Aufklärung nichts anzufangen wissen und durch sie 
psychisch nicht verändert werden*')." Die Technik der Analyse 
mußte sich darum in dem Sinne ändern, daß man sich nicht mehr 
die Aufklärung der Symptome zum Ziele setzt, sondern man rich- 
tet die Arbeit direkt auf die Auffindung und Überwindung der Wi- 
derstände, da man mit Recht daran vertraut, daß mit der Beseiti- 
gung der Widerstände die den Symptomen zugrunde liegenden affek- 
tiven Ideenzusammenbänge (die sogenannten „Komplexe") sieh von 
selbst ergeben werden^*), — - — . — 

Jede bestimmt geartete Zeit hat ihre psychotherapeutische Me- 
thode. Wie die Manipulationen der „Medizinmänner" in der magi- 
sehen Auffassung und Denkweise primitiver Völker begründet ist, 
ebenso fußt die Psychoanalyse auf der Denkart und der geistigen 
Unabhängigkeit des Menschen einer höher entwickelten Kultur. 

Es ist besonders interessant, die Verschiedenheit der analytischen 
Therapie von der Suggestionstherapie ins Auge zu fassen. Die Vor- 
bedingung der erfolgreichen Suggestion ist die Ausschaltung der 
Kritik. Der Suggestor will imponieren, sucht durch Zureden seinen 
Einfluß zu bekräftigen. Dadurch erzieht man einen unselbständigen, 
denkfaulen, kritiklosen Menschenschlag. Der hypnotische Zustand 
bedeutet eine Einmengung des Bewußtseins, durch sie wird der 
Mensch „inneren und äußeren Wahrnehmungen gegenüber zur 
Blindheit erzogen". „Wer dem hypnotisierenden Arzt blind ver- 
traut, der glaubt bald auch an die wundertätige Maria von Lour- 
dea (und an alle möglichen Quacksalber)^'^)." 

Je selbständiger aber, „reifer, seelisch entwickelter die Mensch- 
heit wird, um so weniger Menschen kann der ärztliche Wunder- 
täter zu folgsamen Kindlein zähmen".'"') 

„Der Suggerierende tut wie jener Hygieniker, der gegen Alko- 
holismus und die Tuberkulose fortwährend nur von Abstinenz und 
Desinfektion predigt; die Analyse aber gleicht eher dem Sozio- 
logen, der nach den gesellschaftlichen Übeln forscht, die die eigent- 
lichen Urheber der Trunksucht und der Tuberkulose sind, er kämpft 
gegen diese Grundursachen an*')." 

Die Analyse zwingt den Patienten zur aktiven Arbeit an sich 
selbst, zur Kritik und Forschung. Dadurch wird sie zu einer Schutz- 
maßregel gegen blinden Gehorsam und kritiklose Unterwerfung. 
Aber auch umgekehrt, weil wir jetzt in einer Zeit leben, wo auto- 
kratische Regierungsformen von uns nicht mehr geduldet werden, 
wo wir im Staat, in der Kirche, in der Schule nicht mehr bloß ge- 
horchen, sondern verstehen und selbständig handeln wollen, kann 
und muß uns die Psychoanalyse imponieren. Sie ist ein Ausdruck 
des freiheitlichen, kritischen, wissenschaftlich gerichteten Sinnes 
des Menschen einer hochentwickelten Kultur. 



} 



2S Der reife Mensch 



„Der Mensch, und zwar der gesunde als auch der kranke Mensch, 
ist reif geworden, seine verborgenen Übel bewußt zu bekämpfen, 
und es ist übertriebene Ängstlichkeitj ibn wie ein Kind mit sugge- 
stiver Beruhigung heilen zu wollen, anstatt ihn mit der manchmal 
bitteren, aber immer heilsamen Pille der Wahrheit fürs Leben 
zu stärken^^)." 



m. Die psychoanalytische Methode in 
erkenntnis-kritischer Beleuchtung 

Die Psychoanalyse ist eine wissenschaftliche Methode, eine Me- 
thode, Erkenntnisse auf psychischem Gebiete zu erlangen. Da aber 
auch das Erkennen der objektiven Welt ein psychischer Akt ist, 
d. h. dies Erkennen von den Eigentümlichkeiten des Erkennenden 
abhängt, so fließen die Probleme der Seibaterkenntnis und der all- 
gemeinen Erkenntnis ineinander über. 

Das Bestreben der Physik geht darauf aus, die Wahrnehmungen 
des Einzelnen von den subjektiven Zutaten zu reinigen; denn eine 
Wahrheit gilt als solche nur, insofern ihr Inhalt von den indi- 
viduellen Bedingungen des einzelnen erkennenden Menschen unab- 
hängig ist. Wie ist diese Unabhängigkeit zu erreichen, wie das Sub- 
jekt von jenen Zutaten reinigen, die im Prozesse des Erkennens hin- 
derlich sein können? Wir sehen, Erkenntnis, d. h. wahre Erkenntnis 
setzt Selbsterkenntnis voraus: der Mensch muß sich selbst kenneu, 
um auch zur wahren Erkenntnis der Natur zu gelangen. 

Verfolgen wir jetzt, wie überhaupt Erkenntnis entsteht. Die leben- 
digen Geschöpfe gehen von ihrem ersten Atemzuge an gar nicht 
darauf aus, Erkenntnisse zu erlangen. Diese kommt vielmehr unab- 
aichtlich zustande, als Folge der Triebentfaltung. Die angestaute 
Energie des lebenden Organismus führt zu verschiedenen Entladun- 
gen in Form dieser oder jener Innervation. Das triebhafte Wesen 
kommt dadurch mit den Objekten in Berührung, stößt auf ihren 
Widerstand; das Erleben dieses Widerstandes macht eigentlich die 
innere Natur dessen aus, was wir sonst Wahrnehmung nennen. Die 
Erkenntnis ist also durch zwei Faktoren bedingt: durch die Entfal- 
tung der Triebhaftigkeit und durch den Widerstand der Objekte. 

Die so entstehende Erkenntnis bewegt sich in engen Grenzen, ist 
praktischer" Natur. Das Trachten und Begehren des Menschen 
auf dieser Stufe ist auf die Gegenstände der nächsten Umgebung 
gerichtet. Die „Reize", die ihm diese schicken, dienen als Motive für 
sein Wollen: er wird sie suchen oder von ihnen fliehen, je nachdem 
diese Reize als angenehme oder unangenehme ihm erscheinen. Die 
„praktische" Erkenntnis steht im Dienste der Ich-Bejahung, der 
Liebe desich zu sich selbst („Narzißmus")"). In Gegen- 
satz dazu steht die wissenschaftliche Erkenntnis, die davon absehen 
will und auch absehen muß, ob die erkannten Relationen zwi- 



30 I^a^ „überindiviilaelle" Ich 

sehen den Objekten irgendwie dem Wohl und Wehe des Einzelnen 
dienen können. Der WiBsenGchaftler soll sich nicht von „Absichten" 
im Prozesse der Erkenntnis leiten lassen, er soll frei von „Ich-Be- 
ziehungen" bleiben. Denn die wahre Erkenntis stellt sich die Auf- 
gabe, „die Gegenstände zu erkennen, wie sie sind". „Wenn ich sage, 
ich wolle die Dinge erkennen, wie sie sind, so schließt dies ein, daß 
ich ohne besondere Arbeit eine solche Erkenntnis nicht habe. Den 
Dingen, wie sie sind, treten also irgendwelche Spiegelungen, Abbil- 
der, Erscheinungen oder wie man immer will der Dinge gegenüber, 
die erst von fremden Bestandteilen gereinigt werden müssen. Diese 
fremden Beetandteile können, da sie nicht den Dingen entstammen, 
nur irgendwelche Täuschungen imserer ersten Ansicht der Dinge 
sein, Idole im Sinne Bacos von Verulam. Die Fehlerquellen, die be- 
seitigt werden müssen, liegen also irgendwie in unserem Ich. Wenn 
man hinzufügt, daß auch der beschränkte Umfang unseres Wissens 
von der besonderen Stellung des Ich zu den Dingen herrührt, so 
wird leicht zugegeben werden, daß sich unserer ersten Formel die 
erweiterte Gestalt geben laßt: Die Dinge erkennen, wie sie sind, un- 
abhängig von den Zutaten, Verschiebungen und Weglassungen, die 
unser Ich an ihnen verschuldet")." Oder noch präziser ausgedrückt, 
das Ziel der Erkenntnis ist, „das Ereignis so darzustellen, wie es 
durch ein rein theoretisches Individuum, das zu jeder Phase die 
günstigste Stellung eingenommen und mit allseitiger Aufmerksam- 
keit erlebt hätte, wahrgenommen wäre".*"^) 

Die „wahre" Erkenntnis wird durch Fehlerquellen, die im Ich 
liegen, beeinträchtigt: das Ich, durch seine „Parteinahme", durch 
affektive Verblendung, verschuldet oft an den Dingen gewisse Zu- 
taten, Verschiebungen und Weglassungen. Denn das Ich ist t r i e b - 
b a f t e r Natur, und diese greift oft entstellend in den Prozeß der 
Erkenntnis ein. Wie soll nun das triebhafte Ich zum erkennenden 
Ich gemacht werden? 

Die Aufgabe des erkennenden Ich besteht in der Erkenntnis der 
Gegenstände. Es gibt aber viele erkennende Iche. „Und so sind 
immer, wenn Gegenstände von vielen gedacht werden, die denken- 
den Iche und die Inhalte, in denen sie (die Gegenstände) gedacht 
werden, viele imd voneinander verschieden. Die Gegenstandswelt 
aber, die sie meinen, ist dieselbe oder kann dieselbe sein. Sie ist 
notwendig dieselbe, wenn das Denken ein gültiges Denken, oder 
wenn es Erkenntnis ist. 

„Zugleich ist in diesem, aber auch nur in diesem Falle, auch das 
denkende Ich eines und dasselbe. Es ist nicht mehr dies oder jenes 
individuelle Ich, sondern ea ist ein von der Individualität freies, ein 
überindividuelles, ein einziges erkennendes oder Vernunft- 
Ich. Indem es das von der Individualität freie ist, gibt es nichts 
mehr, das es in eine Mehrheit teilen könnte^")." 

Die wahre Erkenntnis ist also diejenige, die von einem „überindi- 
viduellen Ich" gewonnen ist. Wie auch umgekehrt das „üherindi- 



Das „reine" Subjekt der Erkenntnis 31 

viduelle Ich" dasjenige ist, das eine wahre Erkenntnis zu gewinnen 
imstande ist. Denn die Wahrheit muß, „sofern und soweit sie wahr 
ist, in ihrer Geltung und folglich auch in ihrem Inhalt von den indi- 
viduellen Bedingungen des einzelnen, erkennenden Menschen unab« 
hängig sein. Sofern und soweit ein jeder rein erkennt, erheht er sich 
damit selbst aui den Standpunkt des überindividuellen Ich. Das 
überindividuelle Ich ist sonach ein echter Zielbegriff; er ist stets 
soweit verwirklicht, wie wahres Erkennen vorliegt")." 

Das wahre Erkennen und das überindividuelle Ich sind korrelative 
Begriffe. In der wahren Erkenntnis stellt sich das individuelle 
Ich auf den Standpunkt des überindividuellen Ich, d. h. 
das Ich entledigt sich seiner Triebhaftigkeit, die sonst der wahren 
Erkenntnis im Wege steht. 

Auch die Psychoanalyse ist bestrebt, die Dinge, — in diesem 
Falle aber die seelischen Dinge — , so zu erkennen, wie sie sind, ge- 
reinigt von den Entstellungen, Auslassungen und Verschiebungen, 
die das bewußte Ich an ihnen vorgenommen. Die psychoanalytische 
Forechungsmethode realisiert jene Forderung der wissenschaftlichen 
Erkenntnis, „ein Ereignis so darzustellen, wie es durch ein rein 
theoretisches menschliches Individuum wahrgenommen wäre", in 
vollkommener Weise: sie zwingt den Einzelnen, sich 
den Äußerungen des eigenen Ich gegenüber un- 
parteiisch {,4tr itiklos") zu verhalten, wodurch eine 
höhere Stufe intellektueller Kultur erreicht wird. Darin liegt der 
erzieherische, pädagogische Wert der Psychoanalyse. 

Wie gelingt es aber dem individuellen (also triebhaften) Ich zum 
überindividuellen (rein erkennenden) Ich zu werden? Zuerst wollen 
wir dies Problem in betreff der Objekt-Erkenntnis lösen. 

Um das Objekt wahrhaft zu erkennen, muß man sich in ihm 
„verlieren", die eigene Individualität quasi vergessen, nur als klarer 
Spiegel des Objekles bestehen. Schopenhauer drückt diese Forde- 
rung so aus, daß er sagt: Der in der bloßen Anschauung des Ob- 
jektes Begriffene „ist nicht mehr Individuum : denn das Individuum 
hat sich eben in solche Anschauung verloren: sondern es ist rei- 
nes, willenloses, achmerzlosea, zeitloses Subjekt der Erkenntnis". 
Und wie das Objekt auch hier nichts als die Vorstellung des Sub- 
jekts ist, so ist auch das Subjekt, indem ea im angeschauten Gegen- 
stand ganz aufgeht, dieser Gegenstand selbst geworden, indem das 
ganze Bewußtsein nichts mehr ist, als dessen deutliches BUd^*)." 

Der ursprünglich sich selbst liebende („narzißstische") Mensch, der 
die Objekte der Welt nur durch „Ich-Beziehungen" umfaßt, schlägt 
nun einen anderen Weg ein: er identifiziert sich (unbewußt) mit 
dem Objekt und kann dann in das „reine" Anschauen des Objekts 
aufgehen, das nur eine umgewandelte, veredelte (sublimierte) Form 
der früheren „Ich-Beziehung" darstellt. Die Reize, die vom Objekt 
ausgehen, dienen nicht mehr als Motive des Wülens, veranlassen 
ihn nicht zu dieser oder jener Handlung rein praktischer Natur, 



32 



Positive und negative Übertragung 



weil eben das „Schauen" selbst des Objekts, in dem der Schauende 
sich quasi widerspiegelt, dem Willen volle Befriedigung gibt. 

In uns leben gleichsam zwei Menschen: der Eine betrachtet die 
DiDge der Welt in ihrer Relation zu seinem Willen, sofern sie seinen 
Wünschen Geniige tun, seinen Zwecken dienlich sein können; der 
Andere findet in der „zweckfreien" Anschauung der Objekte seine 
Befriedigung. Der Eine ist das individuelle Ich, der Andere — das 
üherindividuelle Ich. Zum Standpunkt des üheriodividuellen Ich 
gelangt man durch Überwindung der Liebe des Ich zu 
sich selbst (Überwindung des Narzißmus) : das Ich identifiziert 
sich mit dem Objekt, macht es sozusagen zum eigenen Doppelgänger 
und überträgt auf das Objekt alle jene Überwertung, die es früher 
nur für eich selbst hatte. Aus dieser affektiven Quelle fließt das 
wissenschaftliche Interesse. 

Auch in der Psychoanalyse vollzieht sich die Verwandlung des 
individuellen triebhaften Ich in das überindividuelle erkennende 
Ich. Das geschieht hier mit Hilfe des Phänomens der sogenannten 
„Übertragung". Die Psychoanalyse zwingt den Analysanden, sich 
selbst unparteiisch, d. b. mit den Augen des unbeteiligten Dritten 
zu betrachten. Dieser unbeteiligte Beobachter ist der Analytiker. 
Der Analysand muß sich also gewissermaßen mit dem Analy- 
tiker identifizieren. Diese Identifikation ist nur möglich 
als eine Art Liebe zu der Person des Analytikers (denn alles, was 
aufgegeben wird, muß Ersatz haben; das Ich, das die Liebe zu sich 
selbst aufgibt, muß jemanden anderen lieben, mit dem es sich dann 
identifiziert). Dieses Phänomen nennen wir nun die „positive 
Übertragun g". 

Dagegen äußert sich der Widerstand in der Analyse als Feind- 
seligkeit und Trotz gegen den Analytiker, Das ist die „negative 
Übertragun g". 

Als Beispiel einer negativen Übertragung kann folgendes dienen: 
Ein Zwangsneurotiker Dr. Ferenczis fing an Fremdwörter, die der 
Arzt gebrauchte, nicht zu verstehen, dann — als dieser ihm die 
Fremdwörter eine Weile getreulich übersetzte — behauptete er, 
daß er nunmehr die Muttersprache nicht verstehe. „Er gebärdete 
sich förmlich wie blöde." Da erklärte ihm der Arzt, daß „er mit 
seinem Unverständnis unbewußt seinem Unglauben Ausdruck gibt. 
Eigentlich wolle er die Ausführungen des Arztes verhöhnen, ver- 
dränge aber diese Neigung und stelle sich blöde, als wolle er sagen: 
,wenn ich diesen Unsinn anerkenne, bin ich ein Narr'". „Von da 
an", bemerkt Ferenczi, „verstand er meine Erklärungen vorzüg- 
Hch")." 

Die Übertragung bedient sieb der aus dem Unbewußten stammen- 
den Liebe und Hasses. „Eine ganze Reihe früherer psychischer Er- 
lebnisse wird nicht als vergangen, sondern als aktuelle Beziehung 
zur Pereon des Arztes wieder lebendig^")." Eine Patientin Dr. 
Ferenczis „bringt ihre verdrängten infantil-erotischen Phantasien in 



Die negative Übertragung am Werke 33 

Form einer an den Arzt gerichteten Liebeserklärung zum Ausdruck 
und erhält als Antwort — die Aufklärung über den übertragunga- 
charakter dieser Gefiihlaanwandlung. Unmittelbar darauf bekommt 
die Patientin eine merkwürdige Parästbesie auf der Znngenscbleim- 
haut; sie ruft: ,die Zunge ist mir plötzlich wie abgebrüht'. (Die) 
Erklärung, daß sie mit dem Worte ,abgebrüht' nur ihre Enttäu- 
echung über die abgewiesene Liebeswerbung ausdrücken wolle, will 
sie zunächst nicht akzeptieren, doch das plötzliche und sie höchst- 
lich überraschende Verschwinden der Parästhesie nach der Auf- 
klärung stmimt sie nachdenklich und sie gibt alsogleich zu, daß der 
Arzt mit aemer Behauptung recht bebalten dürfte".") 

Ein Musiker, der bei mir in der Analyse war, bringt eines Tages 
folgenden Traum: 

Er ist mit mir in N. (seine Vaterstadt). Er wiU mich seinem 
Vater vorstellen, es kommt nicht dazu. Wir gehen zu einem Gei- 
genbauer, wo er seine Geige holen will. Wir gehen an einem Ge- 
schäft vorbei, wo draußen Kinderspielzeug auegelegt ist. Er bleibt 

dort stehen; als er sich umsieht, bin ich nicht mebr da. 

Mit diesem Traum hat es folgende Bewandtnis: Vor einiger Zeit 
hat er mir versprochen von zu Hause eine Geige zu holen, die er 
mir leihen wollte. Er war unterdessen zu Hause, und hat doch be- 
zeichnenderweise vergessen, sein Versprechen zu erfüllen. Das ist 
natürlich als eine Unliebenswürdigkeit mir gegenüber aufzufassen, 
obgleich er sonst nicht so ist. übrigens tritt {wie ea im Laufe der 
Analyse einigemal überzeugend sich zeigte) bei unserem Musiker 
die Geige als Symbol der Sexualität auf. Er ist, wie in seiner Kunst, 
so auch in der Erotik, ziemlich gehemmt und zurückhaltend; seine 
Geige ist wirklich reparaturbedürftig. Das Vergessen, die verspro- 
chene Geige für mich von zu Hause mitzubringen, hat eine doppelte 
Bedeutung: 1. Er möchte nicht mehr seine kranke Erotik vor mir 
bloßstellen (Widerstand) ; 2. er möchte nicht seine Liehe dem Ana- 
lytiker zuwenden. Der Widerstand in der Analyse erscheint also zu- 
gleich als ein negativ-erotischer Zustand (als eine Abwendung der 
Liebe von dem Analytiker). 

Woher der Widerstand kommt, darüber berichtet uns die zweite 
Hälfte des Traumes: Der Träumer blieb bei dem Kin- 
derspielzeug stehen, und als er sich umsieht, ist der Ana- 
lytiker verschwunden. Der Analysand steckt noch affektiv in der 
Kindheit, er hat sich noch nicht in genügendem Maße von den 
Freuden dea Zusammenseine mit Mutter und Schwestern emanzi- 
piert. Der Analytiker sucht ihn dazu zu bringen, ganz Mann zu sein 
und nicht zum Teil noch in der Atmosphäre der Kinderstube zu 
A uu"' ■ ,'^ ^^^'' ^\^ ^^"^^"^ notwendige) Ablösung von den infantilen 
Abhängigkeiten schmerzhaft ist, sucht er der Aufgabe auszuknei- 
fen: der Analytiker Ist darum nicht mehr da. 

So sehen wir hier die negative Übertragung am Werke: der Wi- 
derstand gegen die Analyse drückt sich aus als das Unliebenswürdig- 
3 Kaplan, PiychoanaljEc 



34 



Übertragung und ErkenntniB 



sein mit dem Analytiker. Aber auch die positive Übertragung ist 
in dem Traume angedeutet: Der Träumer will mich seinem Vater 
vorstellen, d. h. (wie der Analysand spontan selbst angibt) gleich- 
sam mich in die Familie einführen, zum Familienmitglied, d. h. 
wiederum mich zum Objekt der infantilen Liebe und Wohlwollens 
machen. Die Liebe zu den eigenen Familienangehörigen, zum Vater, 
Mutter, Geschwistern, wird auf den Analytiker übertragen. Es ist 
die Erscheinung, von der wir bereits im Kap. I (S. 9) sprachen, 
die Freud als den „Zwang zur Wiederholung" bezeichnet: Vorgänge 
und Beziehungen der früheren Zeit werden nicht bloß erinnert, son- 
dern noch einmal wirklich erlebt. Als Anknüpfungspunkt wählt sich 
der Wiederholungszwang die Person des Analytikers, wodurch das 
Phänomen der Übertragung zustande kommt. 

Die „Übertragung" ist das letzte Mittel, dessen sicti der pathogene 
Komplex bedient, um seine Existenz zu behaupten. Da aber die 
neuen Symptome, die in der Übertragung zum Vorschein kommen, 
vor unseren Augen entstehen, so gelingt es, den Komplex bei fri- 
scher Tat zu ertappen und ihn bloßzustellen. „Die Übertragung, die 
das größte Hindernis für die Psychoanalyse zu werden bestimmt 
ist, wird zum mächtigsten Hilfsmittel derselben, wenn es gelingt, 
sie jedesmal zu erraten und dem Kranken zu übersetzend'^)." — — 

Man hat sich in psychoanalytischen Kreisen gewöhnt, hervorzu- 
heben, daß die Psychoanalyse etwas mehr sei, als „bloß" Erkenntnis. 
Man verkennt zwar nicht, daß die Erkenntnis in der Analyse eine 
große Rolle spielt, aber eine viel größere, ja ausschlaggebende Be- 
deutung wird der „Übertragung" beigemessen. „Denken wir", 
achreiht ein psychoanalytischer Arzt, „an die . . . Vorgänge, die wir 
als positive Übertragung bezeichneten, so müssen wir darin Vor- 
gänge erblicken, die noch etwas anderes sind als allein Bewußl- 
machung von vordem Unbewußten, etwas Umfänglicheres als intel- 
lektuelle Vorgänge. Es sind vielmehr Änderungen in der Richtung 
und Energieverteilung von Trieben, Affekten und Interessen, also 
gewichtige Veränderungen, von denen aus die Wirkungsfähigkeit 
des psychoanalytischen Prozesses begreiflicher wird^**)." 

M, E. beruht die Auseiuanderhaltung der positiven Übertragung 
in der Analyse und der Funktion der (wahren) Erkenntnis auf ei- 
nem Mißverständnis. Worin besteht denn das Phänomen der posi- 
tiven Übertragung? Doch in nichts anderem als in der Überwindung 
der Übenvertung des Ich (das für sich eingenomniene Ich ist an- 
erkanntermaßen zur positiven Übertragung unfähig), die zur Folge 
allerdings Änderung in der Richtung und Energieverteilung von 
Trieben, Affekten und Interessen haben muß. Das alles setzt aber 
auch der Begriff der wirklichen Erkenntnis voraus. Um wahr zu 
erkennen, muß man den engen Standpunkt des triebhaften Ich auf- 
geben und denjenigen des „überindividuellen Ich" einnehmen. Das 
ist aber nichts anderes als positive Übertragung, nur in der Sprache 
der Erkenntnistheorie ausgedrückt. 




Suggestion und Übertragung 35 

Allerdinga kommt in der Übertragung der „Zwang zur Wiedei> 
nolung"' zum Vorschein: die früheren Ereignisse und Beziehungen 
werden nicht bloß erinnert, sondern (in Anknüpfung an die Per- 
son des Analytikers) wirklich erlebt. Aber auch das gehört zum 
Wesen wirklicher Erkenntnis. Denn solche Erkenntnis ist nicht 
bloß aostrakt, logisch; die Erfahrung (also das Erlebhare) ist 
die Seele aller Erkenntnis. Alles, was auf anderem Wege quasi er- 
kannt wird, ist blaß, ist bloß Schalten einer Erkenntnis. 

Wer begriffen bat, daß Erkenntnis soweit reicht als die Über- 
tragungsfähigkeit des Erkennenden, der wird behaupten müssen: 
Die Heil Wirkung der Analyse beruh tauf Erkennt- 
uisundreicht nur soweit, als der Patient imstande 
16t, sieh vollkommen zu begreifen"*). 

Daß man manchmal in der psychoanalytischen Literatur die 
Sache anders betrachtet und meint, auf Erkenntnis allein kommt es 
nicht an, es kommt hauptsächlich auf die richtige Handhabung 
der Übertragung an''), so hangt das von zwei Momenten ab: von 
der falschen (auf der „vulgären Psychologie" sich Btützenden) Auf- 
fassung des Wesens der Erkenntnis, und von der Vermengung der 
Übertragung in der Psychoanalyse mit derjenigen, die auch der 
Soggestion zugrunde liegt. 

Damit eine Suggestion wirksam sei, ist es auch notwendi", daß 
der Suggestor dem zu Suggerierenden irgendwie imponiert, in ihm 
die Affekte der Liebe und der Furcht zugleich hervorruft. Von uns 
gleich giihigen Personen nehmen wir keine Suggestionen an. Die 
Psychoanalyse erklärt die Wirksamkeit der Suggestion zum Teil da- 
durch, daß es dem Suggestor gelingt, die Rolle des Vaters gegen- 
über dem zu Suggerierenden zu übernehmen, der seinerseits sieh als 
kleines Kind gebärdet, das alles zu glauben und zu gehorchen 
hat. Auch in der Analyae sind die Patienten geneigt in diese RoUe 
zu verfallen, und statt Aufklärung vom Analytiker lieber suggestive 
Imperative begehren. Nun kämpft aber der Analytiker gegen diese 
Zumutung ziemlich energisch und läßt sich nicht in die Rolle des 
befehlenden und suggerierenden Vaters drücken. Er will nicht 
durch seine bloße Autorität auf den Patienten einwirken, er wiU 
ihn nur dazu bringen, sich selbst mit objektivem Auge zu betrach- 
ten, frei von leidenschaftlicher wie auch moralischer, religiöser oder 
sonstiger Voreingenommenheit. Was ist es denn anders, als nicht die 
Einstellung des wissenschaftlichen Beobachters?! 

Und jetzt wenden wir uns wieder dem Problem der Erkenntnis 
zu. In der Erkenntnis stehen sich das Ich und das Objektive einan- 
der gegenüber. Das Ich will sich behaupten, will seinen momen- 
tanen Eingebungen folgen, will seine eigene Welt ausspinnen, will 
autonom sein. Das Objektive stellt aber an das Ich, sofern es als 
erkennend auftreten will, die Forderung. uacheigenerSach- 
lichkeit erkannt zu werden. Das bedeutet für das Ich eine Auf- 
gabe seiner Autonomie, denn es darf die Objekte nicht nach eige- 



S6 



Die verpHichtendo Funktion der Erkenntnia 



nem Gutdünken auffassen, sondern entsprechend ihren sachlichen 
Forderungen. 

Auch das Unbewußte im Menschen bedeutet dem leb gegenüber 
das Objektive, das sachliche Forderungen an das erkennende Ich 
stellt. Und die Rolle des Analytikers ist die, daß er die Aufgabe 
hat, daßlchdesAnalysandendahinzubringen, sich 
selbst gegenüber sachlich zu sein. 

In übertriebener Reaktion gegen einstigen verflachten Rationalie- 
mus ist man heutzutage geneigt, die Bedeutung der Erkenntnis her- 
abzusetzen. Demgegenüber muß man entschieden betonen, daß in 
der Erkenntnis, wenn sie wirklich Erkenntnis ist, normalerweise 
immer eine verpflichtende Funktion einbegriffen ist. Das unver- 
nünftige Kind z. B. streckt seine Hände aus und will den Mond 
von seiner Höhe herabholen. Der Erwachsene tut das nicht, weil er 
weiß, das sei unmöglich. Kein Mensch, der bei Sinnen ist, wird im 
Ernste versucht sein, auf dem Spiegel des Sees spazierenzugehen. 
Er kann so was nicht im Ernste wollen, weil das seinen Untergang 
bedeuten würde. Ebenso ist es auch auf sozialem Gebiet. In früheren 
Zeiten war es 2. B. für jeden Gesellen möglich, einmal selbst Mei- 
ster zu werden und bei sich wiederum Gesellen anzustellen. Jetzt 
unter der Macht verväckelter kapitalistischer Verhältnisse weiß je- 
der Arbeiter, daß ohne Dazwischentreten eines Wunders es ihm nie 
gelingen würde, selbst Unternehmer zu werden, und sein Los nun 
darin besteht, das ganze Leben hindurch Prolet zu bleiben. Weil er 
das erkannt bat, strebt der moderne Proletarier nicht danach, ein- 
mal Millionär zu werden, sondern er versucht durch Organisation 
und Klassenkampf seine Lage möglichst besser zu gestalten. 

Erkenntnis bedeutet immer Einsicht in die Notwendig- 
keit des Geschehens. Das triebhafte Ich rebelliert gegen die 
Notwendigkeit, weil es sich selbst rücksichtslos durchsetzen will, 
aber dadurch oft in schwere Konflikte mit den Mächten der Wirk- 
lichkeit gerät. Das erkennende Ich dagegen paßt eich der Notwen- 
digkeit an, setzt sich in Relation zu dem Objektiven. 

In der wahren Erkenntnis ist ein (wenn man will „religiöses") 
Moment enthalten, ein Moment des Gehorsams gegen die Forderun- 
gen der Objektivität. „Gehorsam" bedeutet das Gegenteil von Ei- 
genwille. Es ist darum zu erwarten, daß Menschen mit überge- 
waltigera Ich-Gefühl (Narzißten) nicht leicht eine positive Über- 
tragung zustande bringen werden und dadurch auch gehindert sein 
werden, zur wahren Erkenntnis zu gelangen, wodurch auch der 
therapeutische Erfolg der Analyse beeinträchtigt sein muß. 

Zur Illustration sei hier ein Fall angeführt. Es bandelt sich um 
einen jungen Mann (wir wollen ihn Herr T. nennen), der darunter 
litt, daß er den Weg zur Frau nicht finden konnte. Er begehrte die 
Frauen, in der Phantasie konnte er sie besitzen, in ihrer Nähe aber 
war er durchaus kalt. So daß mit seinen dreißig Jahren er noch dem 
sexuellen Problem ziemlich unbeholfen gegenüberstand. Sonst aber 



Die Ichüberwertung 37 



war er sehr selbstbewußt, glaubte alles erreicben zu können. Jede 
Begegnung aber mit der sexuellen Wirklicbkeit brachte ihm nur das 
Gefühl der Demütigung und löste schwere Depressionen aus. 

Bereits in der ersten Sitzuug erklärte mir Herr T., er könnte 
Wunder wirken, wenn er nur wollte. Auf meine Frage, oh er dies 
je versucht hätte, erwiderte er, das zwar nicht, aber er weiß es. 
Auf die weitere Frage, ob er wirklich fest daran glaube, daß er 
Wunder wirken könnte, sagte er: Manchmal glaube er daran wirk- 
lich, manchmal auch nicht. 

Wir sehen, daß dieser Mann eine übertriebene Bedeutung sich 
seihst zuschreibt, sein Ich ü b e r w e r t e t. Ein Mensch, der Wunder 
wirken könnte, ist einem Gotte gleich; er ist durch die Gesetzmäßig- 
keit der Natur, die die anderen Menschen bindet, durch die For- 
derungen der Objektivität in keiner Weise gebunden. Es fehlt einem 
so gearteten (narzißatischen) Menschen der „Gehorsam". Das er- 
klärt uns das Schicksal seiner Erotik, wie auch dasjenige seiner 
Analyse. Denn was den ersten Punkt anbetrifft: Jede Liebe bedeutet 
eine Aufgabe der absoluten Geltung nur des eigenen Ich. Wenn ich 
den Anderen liehe und um seine Liebe werbe, so bedeutet das, daß 
ich ohne ihn nicht gut bestehen kann, daß meine Herrlichkeit nicht 
allein die Welt ausfüllt, sondern neben mir noch etwas anderes viel 
Herrlicheres besteht. Bekanntlich behaupten die Philosophen, daß 
Gott nichts begehren kann, denn er ist vollkommen und ihm fehlt 
nichts, was er begehren sollte. Unser junger Mann war gleichsam 
eich selbst ein Gott {oder, wie er selber manchmal sich bezeichnete, 
Luzifer, der dem Gotte ähnlich werden wollte). Wie sollte er nun, 
die eigene Vollkommenheit verkennend, nach etwas Verlangen ha- 
ben? Es war zu schwer, die Selbstgenügsamkeit aufzugeben! 

Aus demselben Grunde mußte auch die Analyse scheitern. Denn 
jede Aufklärung, die uns einen Schritt vorwärts bringen sollte, 
wirkte auf den jungen Mann als eine „Ich- Verletzung". Dadurch, 
daß der Analytiker es „besser wußte", daß er das seelische Gewebe 
des Analyeanden durchschaute, weckte er in ihm nur Haß und Trotz 
und vereitelte dadurch den therapeutischen Effekt. Anders gesagt, 
in unserem Falle mußte die negative Übertragung 
stärker sein als die positive, und darum die Analyse 
negativ ausfallen. 

Ein Stück ist doch der Analyse gelungen durchzusetzen, nämlich 
die Beziehung des Änalysanden zu seinem Chef günstiger zu ge- 
stalten. Wenn unser junger Mann mit seinem Chef in Geachäfts- 
sachen zu sprechen hatte, und der alte erfahrene Mann einmal etwas 
„besser wußte", wirkte das wieder als Ich- Verletzung und hatte 
Depression zur Folge. Der Chef war eine Deckfigur für den stren- 
gen Vater, der immer was auszusetzen hatte und zu dem er nie in 
eine wärmere zutrauliche Beziehung kommen konnte. Die Be- 
ziehung zum Chef war eine „Wiederholung" der Beziehung «um 
Vater. Der Analysand lernte bald einsehen, daß sein Chef nur eine 



3Q 'Wiaseu und Glauben 



Deckfigur sei zur Übertragung seines infantilen Trotzes. Immerhin 
war es für ihn eine ziemlich schwierige Aufgabe, das „Besserwia- 
sen" des alten Herrn nicht mehr als Ich-Verletzung zu erleben. 
Nachdem ihm das gelungen ist, „wiederholte" er dasselbe Spiel in 
verstärktem Maße mit mir, eo daß es zu einem Abbruch der Ana- 
lyse kommen mußte. 

Unter anderem hatte der Analysand während der Stunde die fol- 
gende Vision: „Er sieht einen Strom vorbeifließen. Er steht am 
Ufer und sieht zu, wird aber vom Strome nicht mitgerissen," D. h, 
er sieht wohl die Notwendigkeit ein, Beinen erotischen Affekten 
freieren Lauf zu geben; er ist aber von dieser Einaicht nicht so 
durchdrungen, um dem nachzuleben. 

Der Analysand selbst drückte gewöhnlich seine Zwiespältigkeit 
in folgender Weise aus, indem er zu sagen pflegte: ,jWas hilft mir 
alle psychoanalytische Erkenntnis, wenn ich doch nicht imstande 
bin, sie zu realisieren?" 

Diese Worte unseres Analysanden scheinen imsere Behauptung 
von dem Übertragungscharakter des Wissens Lügen zu strafen. Der 
Analysand hat die richtige Einsicht, und will doch nicht ihr ent- 
sprechend handeln: die Einsicht verpflichtet ihn zu nichts. Wie ist 
das zu verstehen? 

Man muß sich nun Rechenschaft geben, daß in der Erkenntnis 
sich zwei Momente unterscheiden lassen, die nur, wenn sie beide 
zusammen gegeben sind, der Erkenntnis den verpflichtenden Cha- 
rakter auferlegen. So sagt z. B. Ricarda Huch: „In Wirklichkeit ist 
Glauben die Bestätigung und Besiegelung des Wissens, nicht umge- 
kehrt. Was wir wissen, wird uns vermittels unserer Sinne gelehrt: 
wir wissen z. B., daß dort ein Stuhl steht. Was hilft dir das aber, 
wenn du es nicht glaubst? Deine Sinne können dich ja betrügen. 
Im Traume kommt es dir oft so vor, als stände da ein Stuhl, wo doch 
nichts ist. Bevor du nicht glaubst, was du weißt, bleibt dein Wissen 
unsicher. Gewiß, fest, unerschütterlich, ein Fels, der nicht wankt, 
ist nur das, was du glaubst. Mit anderen Worten: das Wissen bezieht 
sich auf die Erscheinung, der Glaube auf das Sein''")." 

Die normale wirkliche gesunde Erkenntnis ist eine Synthese von 
Wissen und Glauben: man erlebt einen gewissen Inhalt, den man 
nicht nur als ein Ich-Erlebnis betrachtet, sondern auf eine Objektivi- 
tät (objektive Existenz) bezieht. Durch diese letzte Tat des „Glau- 
bens" tritt das Ich aus seiner Überhebung und Überwertung heraus, 
da ea dadurch eine Macht außer sich anerkennt. 

Unser Analysand behielt während der ganzen Zeit der Analyse 
eine skeptische, ja sogar ironische Haltung. Als hätte er sagen wol- 
len: „Das ist ja alles (als bloße Hypothese) sehr interessant, aber 
was geht das schließlich mich an? Ich will von nichts überzeugt 
sein, lasse mich von nichts hinreißen!" Er hörte die Botschaft, allein 
ea fehlte ihm der Glaube, d. h. der rechte Wille. 

Wirksam wird die Erkenntnis nur dann, wenn die beiden sie kon- 



"WiBBen und Glauben 39 



stituierenden Momente des Wissens und Gl a u b e n 8 unzer- 
trennlich fest miteinander verbunden bleiben. In gewissen Fallen, 

[■ in denen das Ich selbstherrlich sich selbst betont, spaltet sich von 

(■ <ler Erkenntnis das Moment des Glaubens ab und sie wird zum „blo- 

ßen" (d. b. nicht verpflichtenden) Wissen. Diese Abspaltung ist die 
Folge des Scheiterns der positiven Übertragung. 

' Einige Monate später ließ Herr T. mir durch einen gemeinsamen 

Bekannten kund tun, es gehe ihm außerordentlich gut, er habe 
seinen Weg gefunden. Damit hat er nur unsere obigen Ausführun- 

^ gen bestätigt: aus lauter Trotz ist er gesund geworden, aber nicht 

während der Analyse, sondern einige Zeit später. — Die analytische 
Erkenntnis hat sich auch bei ihm ausgewirkt, aber nicht gerad- 
linig, sondern zickzackartig. 



IV. Zur Technik der Psychoanalyse 

Bei der Untersuchung eines seelischen Tathestandes läßt man den 
Analysanden alle seine „Einfälle" und Gedanken ungezwungen mit- 
teilen. Man schärft ihm ein, alles offen auszusprechen, waa ihm 
durch den Kopf geht. Er darf nichts durch innere Kritik unter- 
drücken. Denn nur diese innere Kritik bewirkt das Unbewußtwer- 
den der psychischen Phänomene und entzieht sie so unserer Kennt- 
nis. 

Die psychoanalytische Erfahrung hat uns nun gezeigt, daß das 
Zusammenfügen eines Ganzen aus gesonderten Teilen im Unbe- 
wußten einen anderen Sinn haben kann, als es der Fall im Bewußt- 
sein wäre. Das, was dem Bewußtsein als sinnvolles Ganzes er- 
scheint, das sich nicht in Teile zerlegen läßt, ohne sinnlos zu wer- 
den, zerfällt für das Unbewußte gerade in solche sinnvolle Teil- 
elemente, und der Sinn des Ganzen besteht dann gleichsam aus der 
Summe der sinnvollen Elemente. Um das Unbewußte zu begreifen 
muß man vieles „umlernen". 

Hier ein konkretes Beispiel. Der im vorigen Kapitel angeführte 
Herr T. erinnert sich aus einem Traum nur an folgendes Bruch- 
stück : 

Fall I; .... 32 Hypothekenschulden. 

Der Analysand ist Angestellter in einem großen Bankunterneh- 
men. Aus diesem Grunde ist ihm das Wort und der Begriff „Hypo- 
thekenschuld" etwas sehr Geläufiges. Dennoch ist es schwer einzu- 
sehen, was man mit einem Traum, der aus 32 Hypothekenschulden 
besteht, anfangen soll. 

Nun, die Analyse geht den folgenden Weg: 

a) 32 faßt der Analysand als 2 und 3 auf. 

b) 2 — Mann und Frau; 

3 — Mann, Frau und Kind. 

c) Hypothekenschuld = Grundschuld. 

Dazu noch folgende Erläuterung: Wenn er mit Mädchen geht, 
ohne innerlich von ihnen hingerissen zu sein, empfindet er es als 
schwere Schuld. D. h. das Nichtnaehgeben einer natürlichen For- 
derung (oder, wie aus der Analyse, die im vorigen Kapitel gegeben 
war, zu folgern ist, die zu starke Betonung des eigenen Ich) setzt 
eich beim Analysanden in Schuld um und wird ihm als solche be- 



Partielle Determinationen 41 



wüßt. [Wenn zu 2 (Mann und Frau) die 3 (das Kind) nicht hinzu- 
kommt, Bo iat es eine Sünde.] 

Wir sehen, wie die unbewußte Produktion in Elemente zerlegt 
werden ^nddie Analyse von diesen Elementen ausgehen muß. Je- 
des solcher Elemente ist der Auedruck einer unbewußten Tendenz, 
eines verdrängten Strebens. Die unbewußte Produktion erscheint 
(nach der vollzogenen Analyse) als die Synthese partieller Deter- 
minationen Der Sinn dieser Synthese ist nicht im manifesten, son- 
dern im verborgenen Inhalt begründet. 

Zur weiteren Illustration dieser Methode noch folgender 

Fall II. Der Herr X. kam abends müde nach Hause. Einige 

Mmuten saß er gedankenlos beim Tisch und starrte vor sich 

.Xndifc« ^^° ^^P* ^^' unverständliche Wort: 

A n a 1 y s e. Der Endung i k nach hat das Wort zwar die Form des 

,n .^f,"«^«'^^cn Sprache gebräuchlichen Deminitivums. Jedoch 

bleibt das Wort „Dondik" unverständlich und scheinbar absurd 

Zur Silhepon produziert der Analysand die Einfülle: „Rostow 
am Don; Frl Seh. wohnt dort, sie ist eine Freundin meiner gewese- 
nen Frau. (Nach einer kleinen Pause.) „Frl. N. wohnt auch in Ro 

stow am Don, sie ist buckelig; die Schwester des Frl 
Y. ist auch buekeli g." 

Zur Silbe dik: „Meine Frau iat sehr dick, auch Frl 
Soh. 18t dick." 

Auf das weitere Befragen erfahren wir, daß Frl. N. und Frl 
Seh. sehr befreundet waren, man traf sie immer zusammen und sie 
schienen wie zwei Schwestern. Ferner müssen wir noch 
die latsache zur Kenntnis nehmen, daß der Analysand in Frl Y 
verlieht war. ' ' 

Aus allen diesen Daten läßt sich der Fall leicht deuten: Die 
Schwester des Frl. Y. ist mit Frl. N. identisch (beide sind buckelig). 
JJadurch wird Frl. Y. mit Seh. identisch (beide haben eine „Schwe- 
ster" mit einem Buckel). Beachten wir, daß Frl. Seh. mit der Frau 
des Analysanden identisch sei (beide sind dick), so folgt: Frl, Y. 
;= Frl. Seh. = die Frau. Mit anderen Worten, „D o n d i k" i 8 t d i e 
Äußerung des lang gehegten Wunsches, die ge- 
liebte Person seine Frau nennen zu dürfen. 

Sehr komphzierte Gedankenverzweigungen scheinen in einem 
so merkwürdigen Ausdruck wie „Dondik" wie mit einem Schlage 
verdichtet zu sein. Das Ganze ist auch hier eine Synthese partieller 
Determinationen. 

Zuletzt noch 

*'\"u"^■^'"^^^"'''"'^' '"^^ ^^"^ Bewußtsein, etwas geträumt 
«u haben. Des Inhalts des Traumes kann er sich aber nicht erin- 
nern. Nach einiger Bemühung fällt ihm plötzlich das Wort 
„Henech ein. 

Analyse. Der Analysand faßt das Wort „Henech" als einen 



42 Zerlegnng in Elemente 



bibliBchen Namen auf und schreibt es mit hebräischen Buchsta- 
ben: "]^^ hin (also HNCh), dann hat er die folgenden Einfälle: 

e o 

n (H) — HUda. 

J (N) — Nun (der hebräische Name des N). 
n (Ch — Chaim (= Leben). (Die falsche Orthographie epielt 
selbstverständlich hier keine Rolle, da es nur auf das Phoneti- 
sche ankommt.) 

Zu „Hilda" erklärt der Analysand, er meine damit Ibsens Hilda 
aus „Bauöieister Solneß". Vor mehr als einem Jahr unterhielt er 
eich mit dem Mädchen, das er liebte, über dieses Drama. Spater, 
nach einer Liebeserklärung, äußerte er sich: „Was bleibt mir übrig 
(wenn Sie meine Liebe nicht erwidern wollen), als auf einen hohen 
Turm zu steigen und wie Baumeister Solneß — ." 

In der letzten Zeit fühlt sich der Analysand sehr apathisch und 
alles eher als lebensfreudig gestimmt. Hinter dem Einfall „Henech" 
verbirgt sich der Kampf mit dem Todesgedauken: „Nun, Hilda 
(= die Geliebte), komm doch zu mir, dann kommt neues Leben in 
mir, dann bin ich nicht mehr apathisch und lehensüberdrüssig." 
Als weitere determinierende Momente für das Zustandekommen des 
Einfalls sind die folgenden zu betrachten: das Mädchen hieß Nina, 
der Herr war, wie Solneß, viel älter als das sehr junge Mädchen, die 
Buchstaben Ch kommen in seinem Namen vor. 

Man kann sich die Synthese des Einfalls in folgender Weise vor- 
stellen : Der Analysand hat schon seit längerer Zeit sich mit Solneß, 
die Geliebte mit Hilda identifiziert. Als Stellvertreter des Namens 
Hilda erscheint der Buchstabe H, die Identifizierung drückt sich in 
der Nebeneinanderstellung der Buchataben HN aus. Zwei 
Personen werden durch ihre Liebe zueinander v e re i nt: Die Ver- 
schmelzung der HN mit Ch ergibt den Namen HNCh. 

e □ 

Die Methode, ein dem Bewußtsein sich als Ganzes Repräsentieren- 
des in Elemente zu zerlegen, und in der Analyse von diesen Ele- 
menten auszugehen, scheint auf den ersten Blick etwas Willkür- 
liches an sich zu haben. In Wirkhchkeit ist es nicht so. Denn dahin- 
ter steckt eigentlich eine Eigentümlichkeit primitiver psychischer 
Verfassung, eine Eigentümlichkeit, die aber auch auf höherer Kul- 
turstufe sich noch kundgibt. So gibt es z. B. ein Kinderspiel, wo man 
nach der Bedeutung des Ausdruckes: „Dikurantebisifil" (in einem 
Atem auszusprechen) fragt. Die Antwort lautet: „Die Kuh rannte 
bis sie fiel". 

In einer alten Handschrift ist diese Buchstabenzusammenfügung 
gegeben: 

LHAIDNHBI 

Was bedeutet das? Nun nur folgendes: 
Lieb mich als ich dich, 
Nicht mehr begehr ich^''^). 



Zerlegung in Elemente 43 



Auch in der Umgangssprache des Volkea findet sich Analoges. 
Jemine!" ist entstanden aus „Jesus mein!" „Die Lieblingsausdrüeke 
der Gaaconer: Sandis! und Cadedis! beruhen auf Sang Dis! Blut 
Gottes und Cap de Dia! Haupt Gottes!"^*) 

Es gibt auch Krankheitsfälle, wo die Kranken seihst solche Zer- 
legungen vornehmen, wie wir es in der Analyse tun. Ein Dementia- 
praecox-Kranker ruft beim Erscheinen des Arztes aus: „Die Sozio- 
logen!" Auf die Frage des Arztes, was er damit meine, erklärt der 
Patient: „Die Sozi (= die zur Feme organisierten Gesellen, die ihn 
angeblich verfolgen) oh! logen'**)." 

In manchen primitiven Sprachen kann man den Sinn eines Wor- 
tes hegreifen, wenn man es in einzelne Silben zerlegt. Der Tangata 
(Samoa) z. B. nennt Farbe 1 a n u. „La bedeutet Sonne — Wärme. 
Das Wort nu kommt in der Sprache nur in der Verdoppelung 
nunu vor, wo es ,anhäufen' heißt. Es entspricht dem Sprachgefühl 
des Polynesiers, daß er n u verdoppelt, weil in dem Begriff ,anhäa- 
fen' die Wiederholung, das Mehrfache liegt; . . . Umgekehrt bedeu- 
tet, wenn ein sonst gebräuchliches Doppelwort innerhalb eines zu- 
sammengesetzten Wortes auf den Stamm gebracht wird, daß eine 
ungewöhnliche Minderung oder Abschwächung des Durchschnitt- 
lichen vorliegt. N u müssen wir daher als Minderung von etwas be- 
greifen, das im allgemeinen stärker auftritt. L a n u — Buntfarbe 

bedeutet also Wärme in ungewöhnlich geringem Grade; das würde 
aber heißen, daß dem Tangata die Farbe ein Wärmebegriff 
ist . . ."^"a)." Der Sinn des Wortes ist auch hier eine Synthese der 
Sinne der einzelnen das Wort konstituierenden Silben. 

Die Tendenz zur Synthese partieller Determina- 
tionen beherrscht das psychische Geschehen auf verschiedenen 
Gebieten. Die psychoanalytische Methode läßt dar- 
um das im Bewußtsein als Einheit sich Repräsen- 
tierende in Bestandteile zerfallen und erst von 
diesen geht die Untersuchung aus. 

Femer stoßen wir in den oben vorgenommenen Analysen auf 
eine Tatsache, die von großer Wichtigkeit ist: in den Äußerungen 
des Unbewußten wird das Ganze durch irgendwelche Teile reprä- 
sentiert; wenigstens verfuhren wir in unserer Deutungsarbeit, als 
stünde jene Tatsache fest. Um zu zeigen, daß unser Verfahren nicht 
willkürlich ist, sondern sich atif eine gesetzmäßige Eigentümlich- 
keit des psychischen Lebens gründet, übergeben wir das Wort dem 
Philologen Kleinpaul: „Was eine ganze Gattung gut vertritt, was bei 
einer bestimmten Gelegenheit erscheint, was eine Sache veranlaßt, 
wird kurzweg für diese Sache, für diese Gelegenheit und für diese 
Gattung selbst gesetzt, analog den bekannten Figuren und Ver- 
ßchiebungen der Sprache. Es ist z. B. ein alter Aberglaube, daß 
einem eine schwere Krankheit, ja der Tod bevorstehe, wenn man 
von FHegen träume. Natürlich, Fliegen setzen sieh ja auf Leichen; 
aie gehören zur Höllenfauna: Fliegen sind so gut wie der Tod . . . 



^ Pars pru lolo 



Wenn Kränze auf ein Leichenbegängnis deuten, so ist das gerade 
Bo, wie ... in der Sprache Blumen und Frühling, Frucht und 
Herbst zusammenfallen'"*) ." D. h. das Ganze eines Gesche- 
hens wird im Bewußtsein durch eine Teilerschei- 
nung vertreten; wir nennen es die „Darstellung durch 
ein Kleines" (Freud). Dieses Prinzip wird häufig in der magi- 
schen Denkweise und Praxis angewendet (Pars pro toto). Weitere 
Belege dieses Darstellungsmodue: „In Slowenien sagt man: wiUat 
du dich jemanden für immer entledigen, so lade ihn zu dir ein, be- 
wirte ihn und, sobald er fort ist, kehre die Stube hinter ihm aus. 
Das ist leicht zu denken. Nämlich, sobald man einen Verstorbe- 
nen aus dem Hause hinausschafft, kehrt man nach ihm das Haus 
aus." „Wenn man im Traume einen nackten Menschen schaut, gibt 
es einen Todesfall im Hause. Tertium comparationis: einen Ver- 
storbenen entkleidet man, um ihn zu waschen oder zu baden**)," 
In Bosnien, in Herzogland und in Serbien herrscht der Aberglaube: 
„Es ist nicht gut, wenn ein Frauenzimmer beim Haarflechten einen 
Zopf nicht zu Ende flicht, weil sonst im selben Jahre jemand aus 
ihrem Hause sterben muß. Aufgelöstes Haar ist ein Trauerzei- 
chen*^)." „Will jemand ein Mädchen durch sich selbst oder seine 
Frau von einem anderen verderben lassen, so nimm, ohne daß sie 
es wisse, eine Locke aus ihrem Haar und verbrenne sie vor ihrer 
Nase*^)." Die Locke vertritt hier das Mädchen, und was mit jener 
vorgenommen wird, gilt für diese. Diese ,»Dar8teHung durch ein 
Kleines" (pars pro toto) herrscht auch in unserem Falle, wo die 
Silbe Don die Personen, die in Rostow am Don wohnen, ver- 
tritt usw. 



V. Der deterministische Standpunkt in 
der Psychoanalyse 

Die Psychoanalyse bedeutet die konsequente Anwendung des de- 
terministischen Standpunktee, die Auffassung, daß alles Geschehen 
kausal bedingt sei. „Es liegt in der Natur der Vernunft, die Dinge 
nieht als zufällig, sondern ah notwendig zu betrachten" (Spinoza. 
Ethik, II, 44). Das hat bereits der alte Demokrit eingesehen, und 
zum Ausdruck gebracht, wenn er sagt: „Nichts geschieht von un- 
gefähr, sondern alles aus einem notwendigen Grunde." Wo die „not- 
wendigen Gründe" fehlen, dort hört auch die wissenschaftliche 
Forschung auf. Das Kausalgesetz „spricht nur die logische Forde- 
rung aus, daß es Gesetze gibt, und daß alle Erscheinungen solchen 
unterworfen sind".®*) Es kann keine wissenschaftliche Forschung 
geben, ohne Annahme einer Kausalität. „Die Menschen haben sich 
zur Beschönigung für ihre eigene Unvernunft ein Trugbild des Zu- 
falls erdichtet. Denn von Naturatreitet Zufailmit Ein- 
sicht"")." 

Ea kann folglich auch keine wissenschaftliche Psychologie geben, 
ohne daß man eine psychische Kausalität voraussetzt. Der Begrün- 
der der Psychoanalyse Freud hat wirklich die Äußerung getan: 
f,Es gibt keinen Zufall im psychischen Leben." Dieser auf den er- 
sten Blick so selbstverständliche Gedanke ist dennoch kein Gemein- 
gut der Forscher. So äußert sich einer, der alle Kausalbeziehungen 
auf Kauaalgleichungen zurückführen will: „Ob dennoch Kausalglei- 
chungen im psychischen Gebiete vorhanden seien oder nachweisbar 
sein können, ist deshalb zweifelhaft, erstens weil die Erscheinungen 
hier augenscheinlich nicht direkt meßbar sind, und zweitens, weil 
es unsicher ist, ob es überhaupt unter denselben Kauaalgleichungeu 
gibt""^)." Denselben ekeptischen Standpunkt vertritt Simmel, wenn 
er meint, es gibt keine in sich zusammenhängende Kausalität dea 
Psychischeu, denn dieses „bildet eben nur einen sehr variablen Aus- 
schnitt aus dem Gesamtsystem des Menschen und deshalb ist der 
einzelne psychische Akt aus den vorangehenden 
psychischen Akten allein nicht zu verstehen, da 
diese erst im Zusammentreffen mit anderen außerpsychischen Vor- 
gängen die zureichende Ursache jenes bilden".") Dieses skeptische 
Bedenken fließt eigentlich au3 zwei Quellen: Erstens orientiert man 
den Kausalbegriff ausschließlich nach den Naturwissenschaften, wo 



45 KtiltnrhistoriKche Methode 



infolge des Energieprinzips daa Verhältnis von Ursache und Wir- 
kung in Form von Kausalgleichongen ausgedrückt werden kann; 
zweitens aher setzt man „Psychisch" gleich „Bewußt". 

Wir müssen folgendes bedenken: Außer der physikalischen Wirk- 
lichkeit, die das Objekt der Naturforschung bildet, gibt es auch 
noch eine solche Wirklichkeit, wie z. B. die menschliche Geschichte. 
Eine wissenschaftliche Geschichtsschreibung gibt es nur dann, wenn 
man die menschlichen Handlungen nicht als Äußerungen von unbe- 
rechenbaren Willkürlichkeiten dieser oder jener Individuen an- 
sieht, sondern wenn man auch hier das Kausalprinzip anwendet. 

„Sind nun . . . die Kulturzeitalter untereinander kausal verbun- 
den, — gebt das eine aus dem vorhergehenden hervor? Die Frage 
muß nach den allgemeinen Vorstellungen von Ursache und Wir- 
kung alsbald bejaht werden; es lassen sich aber auch die Gründe, 
warum dem so ist, noch spezifizieren, da der Verlauf der ganzen 
Erscheinung auf zwei der einfachsten psychologischen Gesetze zu- 
rückgeführt werden kann. Zunächst kann keine Vorstellung spurlos 
verschwinden; sie muß nachwirken. Es kann also auch das Vor- 
stellun galeben einer Generation niemals erlöschen; es muß viel- 
mehr, bewußt oder unbewußt, auf die nächstfolgenden Ge- 
schlechter Einfluß haben. Zweitens aber ist alles seelische Leben 
Veränderung, Erwerb neuer Inhalte, im Individuum sowohl wie in 
einer Gesamtheit. Diese neuen Inhalte können wegen des Beharrens 
der alten nicht allein herrschend werden, sondern es muß sich eine 
Synthese des Alten und Neuen ergeben, deren Charakter bei genü- 
gend langer Wirkung der geschilderten Vorgänge der eines neuen 
Kulturzeitalters ist"^}." 

Die psychoanalytische Methode verfährt bei der Erforschung des 
Menschen in derselben Weise wie die kulturhistorische, sie sucht 
„die Quellen eines psychischen Endgeschehens aufzudecken und die 
Entwicklungsphasen zu verfolgen"."") Die Psychoanalvse ist in 
diesem Sinne gewissermaßen eine „historische" Methode. Sie nimmt 
an, daß kein Erlebnis spurlos erlöscht, sondern (wenn nicht bewußt, 
so) unbewußt die späteren Erlebnisse und Verhaltungsweisen des 
Individuums so oder so beeinflußt. 

Was die Gleichsetzung von „Psychisch" und „Bewußt" betrifft, 
ßo meinen wir, daß diese Voraussetzung nur dann für berechtigt 
anzusehen wäre, wenn sie sich für die Begründung einer in sich 
konsequenten Psychologie als zweckmäßig erwiesen hätte. Ist dies 
aber nicht der Fall und steht vielmehr diese Voraussetzung im Wege 
zum Ausbau einer wissenschaftlichen Psychologie, so müssen wir 
sie als unberechtigt fallen lassen. 

Bekanntlich wird viel darüber gestritten, ob man Ursache und 
Wirkung gleichzeitig oder nacheinander wirkend aufzufassen hat, 
dann von welcher Art das Band zwischen Ursache und Wirkung sei. 
Wir gehen diesen Kontraversen aus dem Wege, indem wir nur die 
Abhängigkeit der psychischen Erscheinungen voneinander, ihre 



Determinismns 47 



gegenseitige Determinierung annehmen, ohne etwas 
Bindendes über die nähere Natur dieser vorauszusetzen, d. h. der 
Forschung selbst vorwegzunehmen. Der Determinismus ist für uns 
ein Postulat der Forschung, „sowohl ein imperatives, als ein 
heuristisches Prinzip™) ." 

Der Determinismus ist das Prinzip der Gesetzmäßigkeit oder der 
Begründung der Veränderungen in der Natur. „Diese Veränderun- 
gen sollen als solche begriffen werden, d. h. es soll als not- 
wendig erkannt werden, warum gerade diese und 
keine andere Änderung eingetreten ist''^)." Nur dann 
ist der „Zufall" wirklich aus unserer Betrachtungsweise ausge- 
schaltet. 



VI. Fehlleistungen 
und Symptomhandlungen 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens 

Es gibt eine Keihe psychischer Erscheinungen, die bia jetzt von 
der Wissenschaft stiefmütterlich behandelt worden sind. Wir mei- 
nen die verschiedenen Fehlleistungen, wie Verspre- 
chen, Verschreiben, fehlerhaftes Erinnern, 
scheinbar unmotivierte plötzliche Einfalle — ein 
Gebiet, das Freud unter dem Namen „Psychopathologie des Alltags- 
lebens" zusammenfaßt'-). Es ist ein Gebiet, wo man dem „Zufall" 
besonders gerne Geltung einräumt. Wir wollen einige solche Fälle 
einer näheren Betrachtung unterziehen. 

Fall IV. (Verschreiben.) Richard Wagner (Wien) erzählt, 
daß er beim Durchlesen eines alten Kollegienheftes fand, daß 
ihm in der Geschwindigkeit des Mitachreibens ein kleiner Lap- 
sus unterlaufen war. Statt „Epithel" hatte er nämlich „Edithel" 
geschrieben^^). 

Wir fragen: Ist dieses Verschreiben als „zufällig" und keiner wei- 
teren Erklärung bedürftig zu betrachten, oder vielmehr läßt es sich 
irgendwie streng determinieren? Die meisten werden vielleicht ge- 
neigt sein, das Verschreiben folgendermaßen zu begründen: „Der 
Betreffende war müde, seine Aufmerksamkeit war nicht mehr in ge- 
nügendem Grade wachgehalten, das hat eben das Verschreiben 
verursacht." Wir müssen aber dagegen geltend machen, daß die 
negative Bedingung der ungenügend funktionierenden Aufmerksam- 
keit den positiven Inhalt des Verschreibens in keiner Weise 
erklärt: Warum ist statt p ein d getreten und nicht ein beliebiger 
anderer Buchstabe? Gemäß dem Kausalprinzip genügt es nicht zu 
fragen, warum eine Änderung des richtigen Sachverhaltes über- 
haupt, sondern warum eben diese und keine andere Än- 
derung eingetreten ist'*). 

Wagner gibt uns darüber folgende Auskunft: „Mit Betonung 
der ersten Silbe gibt ,Edither das Deminutivum eines Mädchen- 
namens . . . Zur Zeit des Verschreibens war die Bekanntschaft zwi- 
schen mir und der Trägerin dieses Namens nur eine ganz oberfläch- 
liche, und erst viel später wurde daraus ein intimer Verkehr. Das 
Verschreiben ist also ein hübscher Beweis für den Durehbruch der 



FelilleiätungCQ 49 



unbewußten Neigung zu einer Zeit, wo ich selbst davon noch keine 
Ähnung hatte, und die gewählte Form des Deminutivnms charak- 
terisiert gleichzeitig die begleitenden Gefühle." Eine aufkeimende 
Neigung hat sich also einer ganz oberflächlichen Klaugassoziation 
bedient, um sich irgendwie zu äußern; das hat eben das Verschrei- 
ben von „Epithel" in „Edithel" bewirkt. 

Fall V. (Verschreiben.) Einer achreibt in einem Zitat statt 
„zweifelhaft" — „zweifelhalb". Dasselbe wiederholt sich nach 
einiger Zeit wieder, obwohl er seinen Fehler damals bemerkt 
hatte. 

Er liebt nämlich ein junges Mädchen. Er zweifelt oft, daß das 
Mädchen seine Liebe erwidern wird. Dann verstärkt sich bei ihm 
die Hoffnung, daß die Geliebte doch seinen Gefühlen entsprechen 
wird. Das Wort „zweifelhaft" hat seinen Zweifel zwar angeregt, aber 
die entgegengesetzte Stimmung der Liebeszuversicht sucht die 
Wucht der Zweifelsgründe zu schwächen: Sein Zweifel ist 
nur haJb. Ein bestimmter affektiver Zustand hat eich einer 
äußeren Gelegenheit bedient, um in Erscheinung zu treten. Aus 
den beiden obigen Fällen ist es ersichtlich, daß die Verstüm- 
melung des Worteenursoweit geht, alaesfürdie 
Äußerung des affektiven Zustandes nötig ist. Die 
Fehlleistung ist darum als der Ausdruck des affektiven Zustandes 
zu betrachten. Im Falle IV war es ein zum Bewußtsein noch nicht 
vorgedrungener (richtiger im Keime erst bestehender) affektbeton- 
tcr Gedanke, im Falle V dagegen ein vom Bewußtsein zurückge- 
drängter, 

F a 11 VI. (Vergessen.) „In einer kleinen Gesellschaft von Aka- 
demikern, in der sich auch zwei Studentinnen der Philosophie 
befanden, sprach man von den zahlreichen Fragen, welche der 
Ursprung des Christentums der Kulturgeschichte und Religions- 
wissenschaft aufgeben. Die eine der jungen Damen, welche sich 
ani Gespräch beteiligte, erinnerte sich, in einem englischen 
Roman, den sie kürzlich gelesen hatte, ein anziehendes Bild 
der vielen religiösen Strömungen, welche jene Zeit bewegten, 
gefunden zu haben. Sie fügte hinzu, in dem Roman werde das 
ganze Leben Christi von der Geburt bis zu seinem Tode ge- 
schildert; doch wollte ihr der Name der Dichtung nicht ein- 
fallen")." 
Warum hat das Mädchen den Namen des englischen Romana ver- 
gessen? Nachdem man ihr, nach Schilderung des Romaninhalts, an- 
gegeben hat, der Roman heiße: „Ben Hur" von Lewis Wallace, er- 
klärte sie sofort den Namen als richtig „und wunderte sich noch 
mehr, indem sie hinzufügte, sie könne sich noch genau an den 
Umschlag des Buches und an das typographische Bild dieses Titels 
darauf erinnern". Das Mädchen wollte das Vergessen in dem Falle 
auf Zufall zurückführen, was man nicht gelten ließ. In einer kur- 
zen Analyse, nachdem sie einige Minuten geschwiegen bat, gibt sie 

4 Kaplan, Psychoanalyse 



50 



„Ben Har" 



1 



nun an: „Sie habe sich nämlich über die dumme Art der Erziehung 
geärgert, die man jungen Mädchen ihrer GeBellschaftaaehicht zuteil 
werden lasse." Auf die Erkundung, „wie sie gerade in diesem Zu- 
eammenhange auf dergleichen pädagogische Fragen komme, sagte 
Bie nach einigem Zögern: ,Nun, das ist ja leicht zu erklären. Da- 
durch habe ich den Namen vergessen. Denn er enthält einen Aue- 
druck, den ich und jedes andere Mädchen an meiner Stelle — noch 
dazu in Gesellschaft junger Leute — nicht gerade gebrauchen 
wird . . . Und daß man gerade daran denkt, komnit eben von dem 
dummen Heimlichtun.' Der Titel enthalt nun wirklich das Wort 
Hur, in dem man die volkstümliche, namentlich in Wien oft ge- 
brauchte Bezeichnung für Prostituierte wiedererkennt. Das Mäd- 
chen wollte also als das Motiv ihres Vergessens die gesellschaftliche 
Schicklichkeit, die Ausdrücke dieser Art im Munde junger Damen 
verpönt, bezeichnen". 

Im weiteren Verlaufe der Analyse, nach einer längeren Pause 
setzt sie mit einer Frage ein: „Muß ich das jetzt sagen, was mir 
eingefallen ist?" Auf die Antwort des Analytikers, daß er sie na- 
türlich nicht zwingen kann, aber dennoch an ihre Wißbegier appel- 
liere, fährt sie dann fort: „Nun ... es ist mir wieder ... ein so 
ordinärer Ausdruck eingefallen ... Ich weiß gar nicht, wieso daa 
kommt; solche Sachen kommen mir sonst nie in den Sinn. Wie ich 
an die drei Könige (die das Christkind besuchen) gedacht habe, die 
ich mir, ich weiß nicht warum, als von verschiedener Hautfarbe 
vorstelle, ist mir ein abscheuliches Wort eingefallen." — „Nun?" — 
„Es heißt . . . roter König." — „Das ist eine Bezeichnung im Wie- 
ner Volksmund für Menstruation?" — „Ja ... ich weiß aber auch, 
wieso ich gerade auf das Thema komme." — „Nun?" - — „Vorhin 
habe ich etwas nicht gesagt, w^eil ich mich wieder geniert habe. Ea 
ist mir nämlich bei den drei Königen eingefallen, daß die Geburt 
Christi auf übernatürliche Art geschah: er wurde von einer Jungfrau 
geboren; er ist daa Kind eines reinen Weibes . . . und ich habe schon 
als ganz junges Mädchen darüber nachgedacht, was das bedeutet." 
— „Jetzt wissen Sie es aber sicherlich. Denn Ihr Hinweis auf die 
Menstruation zeigt ja, daß Ihnen der Zusammenhang zwischen dem 
Aussetzen der Periode und der Schwangerschaft bekannt ist. — 
„Natürlich, aber ich glaube, es ist noch ein anderer Gedanke da- 
bei. Nämlich es kommt mir vor, als habe ich Maria in bestimmten 
Zusammenhang mit . . . mit dem anderen Worte gebracht." — „Sie 
meinen Hur?" — „Ja, da ist aber wieder dieser Romantitel schuld." 
~ „Wieso?" — „Nun, Ben heißt hebräisch Sohn, Kind." — „Ah, 
Sie haben also Ben Hur übersetzt als Kind der Hur, Hurensohn, und 
so Ihrem Zweifel an der Jungfräulichkeit Marias Ausdruck gege- 
ben?" 

Obgleich im Roman Ben Hur den Sohn Hurs, des Gefährten Jo- 
euas, bedeutet, behandelt das Mädchen diesen Namen, als beziehe 
er sich auf die Mutter. D. h. unbewußten Tendenzen folgend, igno- 



Bcharruags- und Veränderungstendena 51 



rierl Bie die Abkunft dea Kindes vom Vater und verhilft eo den 
ursprünglichen Ansprüchen des Matriarchats zu ihrem Rechte. In 
dem Mädchen waren eben zwei Tendenzen rege: die eine will eie 
dazu drängen, selbst wie eine Dirne zu leben und ihren sexuellen 
Kegungen freie Bahn zu lassen, die andere Tendenz verurteilt eolche 
freie Liebesbetätigung. „Sie bemerkte im Verlaufe der Analyse 
auch, daß sie sich manchmal Kinder wünsche, andere Male eich 
aber sage, Kinder möchte ich nur haben, wenn es möglich wäre, sie 
zu bekommen, ohne mit einem Manne etwas zu tun zu haben.'* 

Wir sehen, durch welche verwickelte affektive Ideengänge im 
Unbewußten das Vergessen eines Buchtitels bedingt sein kann! 

Fall VII. (Falsches Erinnern.) Ein Herr sollte für seine Frau 
Schuhe von der Größennummer 36 kaufen. Im Schuhladen an- 
gelangt, beateilt er fälschlich die Größennummer 32. 

Wir wissen schon, daß Unaufmerksamkeit nicht ausreicht, um 
die eingefallene Zahl 32 zu erklären, denn die Unaufmerksamkeit 
erklärt nur das Vergessen überhaupt, keinesfalls aber das Er- 
setz e n der richtigen Zahl 36 durch die Zahl 32. Um erinnert zu 
werden, dürfte die Zahl 32 von allen anderen in diesem Falle mög- 
lichen Zahlen irgendwie ausgezeichnet sein, sie dürfte sozusagen 
eine spezifische Disposition zum Erinnertwerden besitzen. Der Sach- 
verhalt war in diesem Falle der folgende: Der betreffende Herr 
machte unlängst die Bekanntschaft eines jungen Mädchens, zu dem 
er bald eine Neigung verspürte. Die Mutter des Mädchens nahm 
ihm das Versprechen ab, falls er in ihre Stadt komme, die Familie 
zu besuchen. Die Adresse lautete: . . . Hausnummer 64, Wohnung 
23. Um die Adresse leicht im Gedächtnis zu behalten, bediente er 
sich des mnemotechnischen Kunstgriffs: „Die Hälfte von 64 ist 32, 
durch Vertauschung der Zifferstellen entsteht daraus die Zahl 23." 
Wir sehen, 32 ist in der Tat eine ausgezeichnete, 
darum zum Erinnern besonders disponierte 
Z a h 1, sie ist mit einem affektiven Zustand eng verknüpft. 

Wenn wir die Fälle IV, V und VII nebeneinander stellen: 
EpITHEL — ZWEIFELHaft 36 
EdITHEL — ZWElFELHalb »2 

so sehen wir, daß man hier von einem Beharrungs- oder Erbal- 
tungsgrund einerseits und anderseits von einer Veränderungstenden« 
zu sprechen berechtigt ist. Die Fehlleistung selbst erscheint als ein 
Kompromiß zwischen Beharrungsgrund und Veränderungslendenz. 

Hinler jeder Fehlleistung können wir wenigstens zwei verschie- 
dene Gedankengänge entdecken: der eine Gedankengang gehört 
dem richtigen Sachverhalt an, der andere gehört einem affektiven 
Zustande an, der mit dem ersteren irgendwie assoziativ verknüpft 
ist; die Fehlleistung ist ihr zu einer Einheit vermengter gemein- 
eamer Ausdruck. Freud nennt diesen Vorgang die V e r d i ch l u n g. 

Die Verdichtung spielt im psychischen Leben eine wichtige 



^ 



62 



Verdichtung; Verschiebnng 



Rolle; es äußert sich darin gemaeermaßen eine ökonomische 
Tendenz (im Sinne Ernst Machs), die mit einem Schlag ver- 
schiedene, oft gegenstreitende Leistungen zustande bringt. Wir wer- 
den sie noch auf verschiedenen Gebieten antreffen. Hier noch ein 
Beispiel aus dem Gebiete des Witzes: 

„Der Herr N. sagt: ,Ich bin tete-ä-bete mit ihm gefahren' . , . 
Offenbar kann es nur heißen: Ich bin tete-ä-tete mit ihm gefahren, 
und der X. ist ein dummes Vieh'"." Im Ausdruck lete-ä-bete, der 
wie eine Fehlleistung anmutet, haben sich zwei verschiedene Ge- 
dankengänge verdichtet. 

Wir köimen den Fall IV: Epithel — Edithel, auch aus dem fol- 
genden Gesichtspunkt betrachten: Die Aufmerksamkeits- 
besetzung, die dem Worte „Epithel" zukommen sollte, wurde 
von der affekt-betonten Vorstellung „Edith" an sich gezogen. Das- 
selbe gilt auch für den Fall VII, wo sich die Aufmerksamkeitsbeset- 
zung von der Zahl 36 der Zahl 32 zuwendet. Der Fall V scheint 
komplizierter zu sein, fügt sich jedoch auch derselben Formel: Der 
Betreffende sucht dem Zweifel an die Beantwortung seiner Liebe 
die Aufmerksamkeitsbesetzung zu entziehen, er sucht den Zweifel 
von sich abzuweisen, zu „verdrängen"; man soll aber seine Augen 
nicht vor der Wahrheit schließen, das ist die Mahnung, die sich in 
dieser Fehlleistung kundgibt. Die berechtigten Gründe 
zum Zweifeln ziehen die Au f m e rfc s a mk e i t 8 b e- 
eelzung an sich und verursachen dadurch die Fehlleistung. In 
allen drei betrachteten Fällen zieht ein unbewußtes psychi- 
sches Element die A u f m e r k s a mk e i t s b e s e t z u n g 
an sich, um so zum Bewußtsein vorzudringen. Da 
diesem Vorgange jedesmal eine bestimmte Ten- 
denz (ein Motiv zum Verbergen oder zur Ablehnung) entge- 
genwirkt, so kann es nurzu einer Kompromißbil- 
dung kommen. Den beschriebenen Vorgang bezeichnen wir als 
eine „Verschiebung": die Aufmerksamkeit verschiebt sich 
von den bewußten zu den unbewußten psychischen Elementen. 

Aus dem Fall VI leuchtet es ein, daß auch das Vergessen ein 
Motiv (eine quasi unbewußte Absicht) haben kann. Das Mädchen 
konnte sich den Namen des englischen Romans nicht gut erinnern, 
w^eil „Ben Hur" mit Gedanken an ungehemmtem sexuellem Erle- 
ben verbunden war. Da sie sich dagegen anderseits sträubte, wurde 
der Titel: „Ben Hur" vergessen. D. h. die Abwehr gegen das Dir- 
nenhafte verschob sich auf etwas, was den Komplex durch eine 
Art falscher Verknüpfung nur symbolisch repräsentierte. 

Auch in dem Fall VII ist es nicht schwer, das Motiv des Verges- 
sens der Zahl 36 zu erraten: es ist die Abkehr von der Frau zu dem 
jungen Mädchen. Die Zahl 36 muß vergessen werden, um der Zahl 32 
(den Gedanken an das Mädchen) Platz zu machen. Die Aufmerk- 
samkeit wird „gestört" {man ist „zerstreut"), weil ein affekt-beton- 
tes Erlebnis auf die Aufmerksamkeitabeaetzung Anspruch erhebt. 



Motiv des VergeBsens 53 



Damit soll selbstverständlich nicht geleugnet werden, daß Ermüdung 
oder Krankheit (wie Migräne oder ähnliches) das Vergessen he- 
günstigen können. Die Bedeutung dieser Faktoren beim Vergessen 
kann man durch folgendes Gleichnis erläutern: „Nehmen wir an, 
ich sei so unvorsichtig gewesen, zur Nachtzeit in einer menschen- 
leeren Gegend der Großstadt apazierenzugehen, werde überfallen 
und meiner Uhr und Börse berauht. An der nächsten Polizeiwach- 
atelle erstatte ich dann die Meldung mit den Worten: ,Ich bin in 
dieser und jener Straße gewesen, dort haben Einsamkeit und 
Dunkelheit mir Uhr und Börse weggenommen'. Obwohl ich 
in diesen Worten nichts gesagt hätte, was nicht richtig wäre, liefe 
ich doch Gefahr, nach dem Wortlaute meiner Meldung für nicht 
ganz richtig im Kopfe gehalten zu werden. Der Sachverhalt kann in 
korrekter Weise nur so beschrieben werden, daß, von der Einsam- 
keit des Ortes begünstigt, unter dem Schutz der Dunkel- 
heit unbekannte Täter mich meiner Kostbarkeiten beraubt 
haben. Nun denn, der Sachverhalt beim Namenvergessen braucht 
kein anderer zu eein; durch Ermüdung, Zirkulationsstörung und 
Intoxikation begünstigt, raubt mir eine unbekannte psychische 
Macht die Verfügung über die meinem Gedächtnis zustehenden 
Eigennamen, dieselbe Macht, welche in anderen Fällen dasselbe 
Versagen des Gedächtnisses bei voller Gesundheit und Leistungs- 
fähigkeit zustande bringen kann")." 

Fall VIIL (SprachstöiTing.) Zwei Herren sehen auf ihrem 
Spaziergange eine schwarze Katze auf einem Garlenraaen 
schlummern. Der eine will sich über die Katze äußern: „Wie 
sie indifferent aussieht!" Er kann aber das Wort „indifferent" 
bei aller Anstrengung nicht zustande bringen. Sogar als der an- 
dere ihm das Wort aufschrieb, konnte er es nur langsam buch- 
stabierend aussprechen. 

Diese plötzliche Sprachstörung war folgendermaßen determiniert: 
Der Herr traf unlängst auf der Straße seine Frau, die er seit einigen 
Jahren verlassen hatte. Sie machte Miene, als hätte sie ihn nicht er- 
kannt. Die Katze (so nannte er früher in bösen Momenten die Frau) 
sah wirklich indifferent aus. Der wirkliche oder bloß zur Schau ge- 
tragene Indifterentismuß war ihm dennoch unangenehm, „War ich 
denn die vielen Jahre, die wir zusammen verlebten, ihr so wenig 
wert, daß sie mich nach so kurzer Zeit nicht mehr erkennt?" So 
dürfte er damals gedacht haben. Die Sprachstörung ist 
hier eine Abwehrreaktion gegen eine unlustbe- 
tonte Vorstellung, bewerkstelligt durch eine 
Verschiebung von A f f c k t b e s e t z u n g auf ein in- 
differentes Objekt. 

Fall IX. (Negative Halluzination.) Der Autor war zum Be- 
such bei seinem Freunde. Dieser führte ihn zu seiner Braut hin, 
wo die eine Wand des Zimmers mit verschiedenen Bildern ge- 



54 Abwehrreaktion 



schmückt war. Er betrachtete alle Bilder an der Wand sehr 
aufmerksam. Die Besuche hei der Braut wiederholten sich 
einige Tage. Zu seinem größten Erstaunen machte er endlich 
die Entdeckung, daß er unter den Bildern die Reproduktion 
von Böcklins „Toteninsel" nicht bemerkt hatte. Und doch ge- 
hörte die „Toteninael" zu seinen Lieblingsbildern. 
Eine Reproduktion der „Toteninsel" habe ich in früheren Jahren 
einer mir damals nahen Person geschenkt. Diese Person hat aber 
dieses Zeichen der Freundschaft und Anhänglichkeit irgendwo beim 
Umziehen liegen gelassen, was mich damals sehr peinlich berührt 
hat. Später mußten unsere Beziehungen ganz abgebrochen werden, 
und ich suchte das Andenken an jene Vergangenlieit auszumerzen. 
Das Nichtbemerken des Bildes (die „negative 
Halluzinatio n") ist ein Ausdruck des Vertilgen- 
wollens einer peinliehen Vergangenheit, d. h. 
eine Abwehrreaktion mit Äffektverachiebung. 
Jede Abwehrreaktion, wie das Vergessen, Nichtbemerken, Nicht- 
ausBprechenfcönnen usw., hat den Charakter der Verneinung einer 
bestimmten Wirklichkeit. Es ist von Interesse zu erfahren, daß heim 
Kinde das Nein oft die Rolle einer allgemeinen Abwehrreaktion 
spielt. So wird uns von der kleinen Hilde Stern berichtet: „Das 
2y2Jährige Kind kniff den kleinen Bruder als Abschluß von Zärt- 
lichkeitsbezeugungen, so daß dieser beim Trinken laut aufschrie. 
Die Mutter wies H. zurecht und als sie ihr später sagte: ,Wa8 hat 
denn H. mit dem Brüderchen gemacht? sie hat ihm ja weh getan!' 
— da wies H. das mit den Worten ,nein, nein' zurück, augenschein- 
lich unangenehm von dieser Vorstellung berührt. Auch ihr Ge- 
sichtsausdruck zeigte die Peinlichkeit, die ihr jene Erinnerung ver- 
ursachte. Dies ,nein, nein' sollte nicht etwa bedeuten, sie habe dem 
Brüderchen nicht wehe getan, sondern nur den abwehrenden 
Wunsch ausdrücken: ,Nein, ich will nichts davon hören', so wie in 
analogen Fällen der Envachsene Abwehrbewegungen macht'^)." 

Auch auf psychischem Gebiete also bleibt für den Zufall kein 
Platz, auch hier lassen sich Gesetzmäßigkeiten formulieren, die tat- 
eäcblich gegebene Beziehungen zum Ausdruck bringen. Der Unter- 
schied zu den Naturwissenschaften kann so ausgesprochen werden: 
„Jedes Naturgesetz findet seinen exakten Ausdruck in einer Kau- 
salgleichung (die Kraft- und Energiesätze sind stets quanti- 
tativer Natur) . . .; jedes Gesetz auf geistigem Gebiet enthält ein 
qualitatives Abhängigkeitsverhältnis, das . . . den Charakter 
eines psychologischen Motivs annimmt^«}." Wir müssen 
nur ergänzend zufügen, daß dieses Motiv nicht immer bewußt, viel- 
mehr meistens unbewußt ist. 

Ist das Motiv einer bestimmten psychischen Äußerung ein un- 
bewußtes (wie z. B. in den oben betrachteten Fehlleistungen), so 
kann man die Äußerung als „Symptomhandlung" betrach- 
ten. Die Aufgabe der Psychoanalyse ist es, den Weg von der Sym- 



SymptomhandluDE auf kriminellem Gebiete 55 



ptomhandlung zu dem sie deteraiinierendei» verborgenen Tatbestand 
zu finden. 

Analog ist das Verhältnis auf kriminellem Gebiete, nur mit dem 
Unterschied, daß der Verbrecher den Tatbestand bewußt zurück- 
zuhalten beatrebt ist. Oft jedoch kann er sich durch eine Symptom- 
handlung verraten. Zur Illustration ein 

F a 1 1 X. „. . . eine ob Kindesmord Verdächtige erzählt, sie 
habe ganz allein entbunden, habe das Kind noch abgenabelt 
und dann neben sich auf das Bett gelegt; sie habe auch wahr- 
genommen, wie sieh hierbei eine Ecke der Bettdecke über das 
Gesicht des Kindes gestreift habe, so daß sie noch die Vor- 
stellung gehabt hatte, daß dies die Atmung des Kindes behin- 
dern müsse, sie sei aber hierbei von Ohnmacht befallen wor- 
den, habe dem Kinde also nicht helfen können und so sei das 
Kind erstickt. Während sie das zögernd und weinend erzählte, 
spreizte sie die Finger der linken Hand aus 
und drückte mit derselben fest auf ihren 
Oberschenkel, etwa so, wie sie getan hätte, wenn sie dem 
Kinde zuerst etwas Weiches, etwa eine Ecke der Bettdecke, auf 
den Mund und die Nase gelegt und dann mit der Hand darauf 
gedrückt hätte. Diese Bewegung war überaus be- 
zeichnend, daß sie unwillkürlich auf die Frage leitete, ob 
sie das Kind nicht in dieser Weise erstickt habe. Schluch- 
zend bejahte sie dann die Frage^")." 

In der nicht zur Rede der Angeschuldigten pausenden Handlung 
— in der Symptomhandlung — hat eich das Verborgene kundge- 
geben, wie in den oben von uns betrachteten Fehlleistungen. Die 
Fehlleistungen lassen sich als solche psychi- 
sche Äußerungen (Reaktionen) charakterisie- 
ren, die mit einer bestimmten bewußten Absicht 
nicht in Einklang stehen; eben dadurch werden sie zu 
Symptomhandlungen. 

Die Richter (in dem zitierten Fall X) haben natürlich die Ange- 
schuldigte keiner Psychoanalyse unterzogen, sie kamen aber zu 
ihrer Überzeugung (die sich als die richtige envies), nur weil die 
Bewegun«' der Finger der linken Hand „s o b e z e i c h n e n d" war. 
Die Idee^ die „zufälligen" Bewegungen als Symptomhandlung zu 
betrachten, mußte den Richtern damals jedenfalls vorgeschwebt 
haben. Man darf nicht einwenden, daß hier keine Determinierung 
durch das Unbewußte vorliegt. Denn wichtig ist es in diesem Falle, 
daß ein affektbetontea Erlebnis sich gegen die Verheimlichungsten- 
denz (was der „Verdrängung" entspricht) doch geäußert und eine 
bestimmte nicht beabsichtigte Bewegung hervorgebracht 
hat. Derselbe Autor, dem wir das Beispiel entnommen haben, be- 
richtet einen zweiten solchen Fall, „in welchem einer versicherte, 
er habe mit seinem Nachbar stets auf das beste im Frieden gelebt 



56 Der ^itz und die Fehlleistang 



— wobei er aber die Faust ballte — letzteres entepracb seinen Ge- 
Binnungen gegen den Nachbar, sein Wort aber nicht".*^) 

Den Selbslverrat durch eine Fehlleistung haben wir auch in dem 
folgenden Witz: 

„Der Bräutigam macht mit dem Vermittler den ersten Besuch 
im Hause der Braut, und während sie im Salon auf das Erscheinen 
der Familie warten, macht der Vermittler auf einen Glasschrank 
aufmerksam, in welchem die schönen Silbeigeräte zur Schau ge- 
steUt sind. ,Da schauen Sie hin, an diesen Sachen können Sie 
sehen, wie reich diese Leute sind.' — ,Aber', fragte der mißtraui- 
sche junge Mann, ,wäre es denn nicht möglich, daß diese schönen 
Sachen nur für die Gelegenheit zusammengeborgt sind, um den 
Eindruck des Reichtums zu machen?' — ,Was fäUt Ihnen ein', 
antwortet der Vermittler abweisend, ,wer wird denn den Leuten 
borgen!'" 

Fassen wir diesen Witz für eine wirklich stattgehabte Begeben- 
heit auf, so haben wir den Fall einer Fehlleistung vor uns. Wie 
kommt es aber, fragen wir jetzt, doch zu einem Selbstverrat, wenn 
alles Bestreben darauf hinzielt, einen gewissen Tatbestand zurück- 
zuhalten? Die Antwort kann nur lauten: „. . . wir behaupten, daß 
zur Herstellung wie zur Erhaltung einer psychischen Hemmung ein 
.psychischer Aufwand' erfordert wird." „Jeder, der sich die Wahr- 
heit so in einem unbewachten Moment entschlüpfen läßt, ist eigent- 
lich froh darüber, daß er der Verstellung ledig wird . . . Wie selig 
muß der Mann sein, die Last der VersteUung endlich abwerfen zu 
tonnen, wenn er sofort die erste Gelegenheit benutzt, um das letzte 
Stuck der Wahrheit herauszuschreien I''^^) Mit anderen Worten, 
durch die Fehlleistung wird ein „psychischer Aufwand" CKpart, 
^"n" ^w ^"^*^^*°°t'='" Zustand geschaffen''^). 

Der Witz unterscheidet sieh von der Fehlleistung darin, daß er 
die (witzige) Situation in der Phantasie bloß produziert. Es ist kein 
Geheimnis, daß für die meisten Menschen das „Sakrament" der Ehe 
in eine Luge, Heuchelei und Posse auegeartet aei, daß hier zu oft 
nicht erotische Anziehungskraft, sondern rein materielle Überlegung 
ausschlaggebend sei. Man macht nun gute Miene zum bösen Spiel, 
die Verstellung kostet aber einen „psychischen Aufwand". Durch die 
phantasierte Fehlleistung macht sich nun auch der Unmut Luft. 

Dieselbe Betrachtungsweise paßt auch auf den Witz: „Ich fuhr 
mit X. tete-ä-bete." Man ist zu anständig, um von einem zu sagen, 
er sei ein dumm^ Vieh. Oft möchte man doch damit herausplatzen! 

W^"" Tl "^ ^'^ geschaffenen Fehlleistung tut man das 
de7FehlWufrK uT ^''^^"^^ herangezogen, um die Natur 

£hn Witt. ^ • »>^l^"«=hten zu können. Der Unterschied liegt 

PuHikum In '^'T '°'-^;'° Funktion: der Witz setzt immer eL 

wtzf eT Zft T "'^^ r?^' T""^' ^^^ bekanntUch keine 

Witze. Lr muß darum mit solchem Material arbeiten das bei d^m 
Anhorer sofort Anklang findet. Die FehUeistung aber ist t tZ 



Der Unfall 57 



solche Bedingung nicht gehunden, sie erfüllt eine individual-psycho- 
logische Funktion. Darum ist es zwar möglich, einen Witz als eine 
Fehlleistung zu betrachten, aber nicht umgekehrt jede Fehlleistung 
als Witz aufzufassen. 

Die Fehlleiatung kann auch den Charakter eines Unfälle an- 
nehmen. Ein Musiker erzählt mir folgenden 

Fall XI. Es BoUle morgens um soundso viel Uhr eine Kam- 
mermusikprobe stattfinden. Einer seiner Freunde konnte wegen 
irgendeiner Angelegenheit unmöglich zur Probe kommen, was 
ein anderer beteiligter Musiker gegen ihn (die beiden standen 
nicht auf gutem Fuß miteinander) ausgenützt hatte. Um den 
Freund zu entlasten, entschloß sich unser Musiker die Sache 
auf sich zu nehmen. Er eilt also die Treppe hinunter, um jenen 
Masiker aufzusuchen und ihm irgendeine Ausrede vorzubrin- 
gen, warum die Probe heute nicht stattfinden könnte. Noch in 
Verlegenheit, was er eigentlich sagen soll, gleitet er auf der 
Treppe aus, stürzt auf die linke Hand und verwundet eich da- 
bei einen Finger. Die Probe konnte also aus plausibler Ursache 
wirklich nicht stattfinden. 
„Dieser Unfall kam wie auf Bestellung", meinte der Musiker, als 
er mir dies erzählte. D. h. der Affekt der Unlust, eine Notlüge zu 
begehen, hat die motorische Fehlleistung, den Unfall, provoziert^*}. 
Die Fehlleistungen haben wir als solche psychische Äußerungen 
kennengelernt, die mit einer bewußten Absicht nicht ganz im Ein- 
klang stehen. Den Grenzfall bilden die plötzlichen scheinbar un- 
motivierten Einfälle, die überhaupt zu keiner (bewußten) Absicht 
in Beziehung stehen. 

Fall XII. (Zahleneinfall.) Ein Herr erklärt dem anderen, wie 

man ins Telephon spricht. „Man läutet an die Zentralstation 

und sagt: Bitte Anschluß an 9871." 

Die Nummer des Telephons ist eine fingierte, der Betreffende 

hatte niemals mit einer solchen Telephonnummer zu tun gehabt. 

Warum ist ihm aber diese Zahl eingefallen? 

Die Analyse zeigt folgendes: „In der . . . straße 9 wohnte eine 
mir teure Person. Merkwürdig ist aber, daß ich in letzter Zeit stets 
statt 9 fälschlich 7 erinnere." Nach kurzer Pause: „Unlängst spa- 
zierte ich abends allein. Da hatte ich die folgende Phantasie: Ich 
und die Dame wohnen nebeneinander, in benachbarten Häusern, 
unsere Wohnungen sind durch ein Haustelephon miteinander ver- 
bunden. Ich sehe ganz genau die beiden Zimmer und das sie ver- 
bindende Telephon (Apparat und Drähte).'' — Frage: „Was fällt 
Ihnen zu 8 ein?" — Antwort: „Man muß sich in acht nehmen, ja, 
es fäUt mir jetzt ein Artikel von Professor Ehrenfels ein. Dort war 
die Ansicht ausgesprochen, der Übergang von bloß freundschaft- 
lichen Beziehungen zwischen Mann und Frau zu den intimeren soll 
niemals zu schroff geschehen, nur ein allmählicher Übergang kann 
die Festigkeit der Beziehungen fördern." 



/ 



58 Der Zahleneinfall 



Wir sind hier verfahren nach dem Prinzip der Zerlegung in ein- 
zelne Elemente, von denen aus die Analyse und Deutungaarbeit 
ausgeht. Am einfachsten ist die Zahl 9 determiniert: dort wohnt 
eben die geliebte Person. Da er in ihrer Nachbarschaft wohnen 
möchte, so ist 7 seine eigene Hausnummer (diese Zahl ist noch da- 
durch ausgezeichnet, da sie in die Hausnummer der Dame in ihrer 
Heimat eingeht). Der Übergang von bloß freundschaftlichen Be- 
ziehungen zu den intimeren soll allmählich vor sich gehen, nicht 
sprunghaft. In der Sprache der Zahlen übersetzt, kann der allmäh- 
liche Übergang von 9 zu 7 nur durch 8 geschehen. Wie man ver- 
muten kann, begehrt er in der Hausnummer 9 der einzige zu sein, 
darum die 1. Damit ist der Zahlenkomplex durch einen bestimmten 
affektiven Zustand völlig determiniert. 

Nun hat man die Determinierung von Zahleneinfällen zu ver- 
dächtigen gesucht. Ein Autor meint: „In mir entstand Verdacht, 
es schien mir, als komme unter Umständen der Zahl erweckende 
Bedeutung zu, als sei der Zusammenhang häufig ein nachträglicher, 
und ich fahre fort ; so daß nicht das Unbewußte die 
Zahl, sondern die Zahl das Unbewußte ruft. Ich 
frage mich: Wie aber, wenn es gar keine Zahl gibt, zu der sich 
nicht bei der Untersuchung (besonders nach Zerlegung) Zusammen- 
hänge einstellen? Ich hatte bei mancher Analyse die Empfindung, 
als strebe die Versuchsperson Verbindungen an, die zwar unzweifel- 
haft vorhanden waren, wobei ea aber fraglich blieb, ob die Zahl 
aus diesen Verbindungen heraus entstanden war^'')." 

Um seinen Verdacht auf seine Berechtigung zu pi-üfen, nimmt 
Unser Kritiker ein Geschichtswerk, blättert darin und stoßt dort auf die 
erste beste Zahl: 1183. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf 
diese Zahl, und es fällt ihm sofort ein: 8, 3, bedeuten Tag 
und Monat seiner Geburt. Am 8. 3. ist er geboren. Er wendet sich 
nun dem vorderen Teil der Zahl zu, II (I91I), dies ist das Jahr 
Hemer „Wiedergeburt" und darum seine Glückszahl; denn da ivurde 
er von dem ihm lästigen Militärdienst befreit, was er damals tat- 
sächlich als eine Art Wiedergeburt aufgefaßt hatte. — Auf Grund 
dieses und ähnlicher Experimente glaubt sich der Autor für herech- 
tigti gegen die Freudsche Theorie den Einwand zu erheben: „Die 
Zablenanalyse (Analyse des ZahleneinfaUs) kann nicht als Beweis 
dafür angesehen werden, daß die Zahl, die in mir auftaucht, psy- 
chisch determiniert und motiviert ist. Der Beweis wäre nur dann 
geglückt, wenn lediglich die aufgetauchte Zahl einer analytischen 
Untersuchung fähig wäre. Es läßt sich aber auch zu Zahlen, die ab- 
gelesen oder vorgesagt werden, eine Analyse herstellen, so daß die 
Vermutung naheliegt, das Psychische besitze zu Zahlen dieselbe 
Aasoziationsmöglichkeiten wie zu Begriffen." 

Bei Lichte betrachtet besagt dieser Einwand sehr wenig. Ea ist 
zuzugeben, daß Zahlen „das Unbewußte rufen", d. h. sehr leicht 
das im Unbewußten Schlummernde zu aktivem Leben erwecken. 



Das ist aber noch kein Einwand gegen die Determiniertheit der 
spontan auftauchenden Zahlen. Es ist z. B. in der Ordnung der 
Dinge, daß wenn ich vor einer Gefahr stehe, ich Angst verspüre. 
Aber auch umgekehrt, wenn ich in einem neurotischen Zustand 
der Ang5t gerate, ich mich allerlei Gefahrsituationen in der Phan- 
tasie ausmalen werde. Das psychische Leben ist nämlich von dem 
Gesetz der Inversion beherrscht, das folgendes besagt: 
„Das Bedingende und das Bedingte vertauschen 
ihre Stelle n." Ist z. B. das Kunstwerk ein Ausdruck des inne- 
ren Lebens des Künstlers, so regt es anderseits im Kunstgenießer 
ähnliche oder verwandte Affekte an. D. h. das Kunstwerk ist Aus- 
druck (für den Künstler) und Eindruck (was im Kunstgenießer 
Affekte provoziert) zugleich. IstA eine WirkungvonB, so 
kann auch umgekehrt B bewirken, daß A da sei. 
Die psychischen Zusammenhänge sind umkehrbar. Diese Um- 
kehrbarkeit gründet sich auf das Gesetz der Assoziation: „Ist A 
mit B assoziiert, so ist auch B mit A assoziier t*°) ." 
Man muß immer im klaren sein, daß entweder das psychische 
Leben vom Kausalgesetz ohne Ausnahme beherrscht sei, oder es 
herrscht hier überhaupt Willkür, Chaos. WiU jemand behaupten, 
daß es im psychischen Leben manches gibt, was der Kausalität nicht 
unterstellt sei, so darf man billig ihn fragen, wo ist da die Grenze 
zu ziehen? „Wenn jemand so den natürlichen Determinismus an 
einer einzigen Stelle durchbricht, hat er die ganze wissenschaftliche 
Weltanschauung über den Haufen geworfen. Man darf ihm dann 
vorhalten, um wie vieles konsequenter sich selbst die religiöse Welt- 
anschauung benimmt, wenn sie nachdrücklich versichert, es falle 
kein Sperling vom Dach ohne Gottes besonderen Willen*")." 

Fall XIII. (Spontanes Auftauchen eines Namens.) An einem 

hellen Sommertage lag ich auf dem Sofa. Da geht mir plötzlich 

durch den Kopf der Name: „Paßkewitsch". Dabei schwebt vor 

meinen Augen mit fast halluzinatorischer Deutlichkeit ein 

Kinderschuh. 

Paßkewitsch war ein Schuhmacher in memer Heimat, bei dem 

einmal die Mutter mir, als ich kaum sechs Jahre alt gewesen sein 

dürfte, ein Paar Schuhe gekauft. Seit jener Zeit (es sind über 25 Jahre 

verflossen) habe ich von einem Schuhmacher Paßkewitsch nie etwas 

gehört, auch sonst an ihn nicht gedacht, überhaupt mich in keiner 

Weise mit ihm beschäftigt. Wodurch ist das plötzliche Auftauchen 

seines Namens hervorgerufen worden? 

Ich saß vorher am Balkon und schwelgte in verschiedenen Kind- 
heitserinnemngen; es schien mir, daß damals in der Kindheit alles 
BO schön war und daß es damals nur sonnige Tage gegeben hat, ganz 
im Gegensatz zur Gegenwart, die voll von verschiedenen Sorgen ist. 
Als ich so da lag, betrachtete ich meine Schuhe, die in einen defek- 
ten Zustand gekommen waren. Da tauchte der Schuhmacher Paßke- 
witsch auf, der mich in die sorgenlose Kindheit zurückversetzte. 



60 



Komplex 



Also, auch die plötzlichen Einfalle sind durch affefctbetonte Er- 
lebnisse determiniert, sie erscheinen gerade als Ersatz für diese Er- 
lebnisse. Ea sei noch bemerkt, daß das „spontane" Auftauchen des 
Namens Paßkewitsch ohne Zweifel erst durch den Anblick der de- 
fekten Schuhe provoziert worden war. Ohne diesen Anblick 
(== Agent provocateur) hätte der affektive Zustand, wenn es über- 
haupt zn seiner Äußerung kommen sollte, sich eines anderen Er- 
satzes bedienen müssen. Dasselbe muß auch für den Fall XII (Ein- 
fall der Telephonnummer 9871) angenommen werden: ohne das 
Gespräch über das Telephonwesen hätte sich jener affektive Zu- 
stand in der beschriebenen Form nicht äußern können. Die beiden 
letzt beschriebenen Fälle sind durch innere affektive 
Zustände determinierte Reaktionen auf von 
außen kommende Reize. Eine gefühlsbetonte Vorstel- 
lungsmasse, die wir ak psychische Einheit auffassen können, nennen 
wir einen Komplex*^); in der Reaktion auf den äußeren Reia 
kommt der Komplex zum Vorschein. 

Es ist nützlich, für die Psychologie der Fehlleistung das Problem 
umzukehren und den Fall in Betracht zu ziehen, wo wir einen 
Fehler wieder gutmachen, ohne ihn zu merken, so wenn wir z. B. 
beim Lesen einen Druckfehler übersehen. „Wir lesen z. B. über die 
Druckfehler eines Buches nicht bloß deshalb hinweg, weil wir die 
falschen Buchstaben nicht bemerken, sondern vor allem deshalb, 
weil wir statt ihrer die richtigen sehen^^)." Unser Wahrnehmen ißt 
nie eine rein passive Perzeption eines objektiven Tatbestandes, son- 
dern eine zum großen Teil umwandelnde Konstruktion vom Stand- 
punkte eines dominierenden VorstellungszueammenhangeB. Das un- 
bewußte Richtigstellen eines Druckfehlers ist eigentlich als Fehl- 
leistung zu bewerten. Beim Richtigstellen wirken die dominieren- 
den Vorstellungen durch ihre „Wahrheitaqualilät"; dadurch wird 
eine Störung des subjektiven Erfahrungszusammenhanges vermie- 
den und der Entwicklung von Unlust entgegengesteuert. Analog 
aber ist auch die Sachlage bei jeder Fehlleistung, wo der „Kom- 
plex" durch den an ihm haftenden starken Affekt die bestimmte 
„fehlerhafte" Reaktion bewirkt. Die „Psychopathologie des Alltags- 
lebena" beruht auf denselben Gesetzen, nach denen auch die aU- 
täglichen „normalen" psychischen Funktionen ablaufen""). 

Die hier entwickelte Psychologie der Fehlleistungen und Sym- 
ptomhandlungen beruht gewissermaßen auf einer Assoziations- 
psychologie. Weil z. B. die Zahlen 7 und 9 mit dem Telephon im 
Unbewußten assoziativ verknüpft waren, traten sie in der einge- 
fallenen Telephonnummer wieder auf (Fall XII). William James 
macht nun darauf aufmerksam, daß eigentlich jeder psychische 
Prozeß sich unvermeidlich zu verschiedenen Zeiten in Verbindung 
mit vielen anderen Prozessen befunden habe; „es erhebt sich 
deshalb die Frage, welcher von diesen anderen Prozessen erregt 
werden wird. Wird durch das jetzt gegebene a, b oder c hervorge- 



Parteilichkeit der Reproduktion 61 



mfen werden?" „Gerade so wie sich unsere Aufmerksamkeit m der 
ursprünglichen sinnlichen Erfahrung auf wenige Eindrücke der vor 
uns befindlichen Szenen konzentriert, zeigt sich bei der Reproduk- 
tion jener (der assoziativ verknüpften) Eindrücke eine gleiche 
Parteilichkeit, und es werden einige Bestandteile stärker 
als alle übrigen betont^')." Was diese Parteilichkeit verursacht, ha- 
ben wir kennengelernt: es ist die Übermacht gefühlsbetonter Vor- 
etellungsmassen. James drückt es mit den Worten aus, daß „die 
überlegenen Bestandteile diejenigen seien, welche unser Inter- 
esse am meisten erwecken". Damit erhalten die scheinbar unmoti- 
vierten Einfälle den Charakter gerichteter psychischer Pro- 
zesse. Wir können „nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen 
verzichten", „mit dem Aufhören dieser (kommen) sofort unbe- 
kannte . . . Zielvorstelluogen zur Macht, die jetzt den Ablauf der 
ungewollten Vorstellungen determiniert halten".''^) Es ist klar, d i e 
psychische Kausalität steht und fällt mit der 
Erweiterung des Begriffs „Psyche" über die 
Grenzen des „B e w u ß t e n". Setzt man Psychisch =^ Bewußt, 
so verliert man das Recht, eine psychische Kausalität anzunehmen. 
Es ist merkwürdig, daß viele Forscher, wie z. B. auch Wundt, diese 
Konsequenz nicht bemerkt haben; sie möchten auch auf dem Ge- 
biete des Psychischen dem Kausalitätsprinzip sein Recht lassen, 
wollen aber das „Unbewußte" um keinen Preis anerkennen. 

Gegen die assoziationspsychologische Grundlage der Psychoana- 
lyse sucht ein Autor einzuwenden: „Das psychoanalytische Asso- 
ziationsgesetz, nach dem Richtung und Auswahl der möglichen 
Assoziationen durch eine immanente Affekt Spannung bestimmt 
wird, die ihrerseits wieder von verdächtigen Komplexen gespeist 
wird, erscheint mir als Grundlage einer Psychologie ebensowenig 
gesichert wie die Gesetze der alten Assoziationspsychologie. Jedes 
Dogma setzt als solches determinierende Tendenzen, die Auswahl 
und Richtung der assoziativen Verbindungen beeinflussen^*)." 

Darauf ist zu erwidern: 1. Es ist nicht richtig zu behaupten, die 
Gesetze der alten Asaoziationspsychologie seien nicht gesichert. Daß 
alles Assoziieren nach Ähnlichkeit oder nach Berührung in Raum 
und Zeit geschehe, wußten schon Plato und Aristoteles, und das 
kann man auch heute nicht ernstlich bestreiten. Die alten Assozia- 
tionsgesetze sind bloß zu allgemein, erfassen nicht den kausalen 
Ablauf des psychischen Geschehens, sind mehr Klassifikationsprin- 
zipien als „Gesetze" im eigentlichen Sinne, erfassen das Bewe- 
gende in der Mannigfaltigkeit der psychischen Erscheinungen 
nicht. 2. In Gegensatz zu dieser alten Assoziationspsychologie, die 
eigentlich die Psyche atomisierte und vollkommen unabhängige 
Elemente in Verbindung miteinander treten ließ, verfährt die neuere 
Psychologie, die den Ablauf der Assoziationen, die hier unzweifel- 
haft stattfindende Auswahl durch „determinierende Tendenzen" 
erklären will. Für die Psychoanalyse sind die Glieder einer Asso- 



62 AegoziBtions-FsycIioIogiG 



ziation nur imterschiedbare Teile eines Gesamterlebniaaes, Momente 
einer Totalität, Phasen eines paychischen Prozesses. Das Ausschlag- 
gebende aber, was den Ablauf des psychischen Prozesses in bestimm- 
ter Richtung determiniert, ist die Macht des vorherrechenden Affek- 
tes. Ein Autor erzählt z. B. folgendes: „Ich diskutiere mit einem 
Freunde und wollte zeigen, daß alle Reaktionen assoziativ bedingt 
seien; er soUe nur auf ein zugerufenes Wort das ihm zunächst ein- 
fallende nennen. Der Versuch gestaltet eich ,Tisch?' — .Schafs- 
kopf I'" Der Autor bemerkt dazu: „Es war mir schwierig, hier die 
assoziative Beziehung glaubhaft zu machen"')." In Wirklichkeit 
durfte der Vorgang der folgende gewesen sein: „Der skeptische 
Freund reagierte auf die Zumutung hin, in allen seinen ,zufä]hgen* 
Äußerungen einen ,Sinn' zu finden, mit dem kräftigen Schimpfwort. 
Ls ist ein Verhalten, das auch für die meisten ,Kritiker' der Psycho- 
analyse eigentümlich ist. Das Bestreben, das eeelische Geschehen 
moghchfit vollkommen kausal aufzufassen, ruft bei den meisten 
einen Unwillen hervor: man will die illusorische ,Freiheit' in ganz 
kindischer Weise nicht so leicht aufgeben. Die Reaktion: ,Tisch — 
Schafskopf ist also durch eine bestimmte Gemütslage determi- 
niert"^)." Die Richtigkeit solcher Aufstellungen wird von unserem 
Kritiker nur in der Weife zu erschüttern gesucht, daß er sagt : „mir 
erscheint es wenig gesichert". Es gibt aber nichts in der Welt, waa 
nicht in so vager Form angezweifelt werden könnte I (Das grund- 
eätzHche Anzweifeln ist bekanntlich ein zwangeneurotisches Sym- 
ptom.) 3. Allerdinga meint noch unser Kritiker, daß das Dogma der 
Psychoanalyse die Auswahl und Richtung der assoziativen Verbin- 
dungen hei dem Analysierten determiniert. Hier wird also dem 
Analytiker die Rolle des Suggestors aufgebunden! Wir wisssen aber, 
daß der Analytiker den Patienten sich ruhig aussprechen läßt, ohne 
üim sem „Dogma" im voraus zu verraten. Und dann ist das Phänomen 
des „Widerstandes" doch die beste Garantie gegen alle suggestive 
Emschleichungen. Übrigens sagt unser Kritiker: „Daß abgesehen 
von der endogenen Erbanlage die Wurzeln der Persönlichkeitsent- 
wicklung in der frühen Kindheit zu suchen sind, erscheint auch 
unzweifelhaft, wenn man die Ergebnisse der Psychoanalyse im ein- 
zelnen nicht anerkennt." Das bedeutet doch nichts anderes, als daß 
das heutige Verhalten des Individuums im Lehen durch eine Vor- 
geschichte bedingt sei. Diese also unzweifelhafte Vorgeschichte sucht 
nun die Psychoanalyse aufzuhellen. Daß man auf diesem Wege 
manchmal diesen oder jenen Fehler begeht, ist möglich, spricht 
nicht gegen das Prinzip selbst. Jede Methode schließt im Einzelfalle 
die Möglichkeit des Irrtums ein: Irren ist menschlich. — 

Daß Fehlleistungen und Symptomhandlungen einen Sinn haben, 
.s nicht nur die Meinung der Psychoanalytiker, „sondern es ist die 
allgemeine Auffassung der Menschen, der sie im Leben aUe anhän- 
gen, die sie erst in der Theorie verleugnen. Der Gönner, der sich 



Die SymplomliandliinE im Aberglauben 63 



vor seinem Schützling cntBchuldigt, er habe dessen Bitte verges- 
sen, ist vor ihm nicht gerechtfertigt. Der Schützling denkt sofort: 
Dem liegt nichts daran; er hat es zwar versprochen, aher er will 
es eigentlich nicht tun. In gewissen Beziehungen ist daher auch im 
Leben das Vergessen verpönt, die Differenz zwischen der popu- 
lären und der psychoanalytischen Auffassung dieser Fehlleistungen 
scheint aufgehoben. Stellen Sie sich eine Hausfrau vor, die den 
Gast mit den Worten empfängt: Was, heute kommen Sie? Ich 
habe ja ganz vergessen, daß ich Sie für heute eingeladen hatte. 
Oder den jungen Mann, welcher der Geliebten gestehen sollte, daß 
er vergessen hatte, daa leiztbesprochene Rendezvous einzuhalten. 
Er wird gewiß nicht gestehen, lieber aus dem Stegreife die un- 
wahrscheinlichsten Hindernisse erfinden, die ihn damals abgehal- 
ten haben zu kommen, und es ihm seither un'möglich gemacht ha- 
ben, davon Nachricht zu geben. Daß in militärischen Dingen die 
Entschuldigung, etwas vergessen zu haben, nichts nützt und vor 
keiner Strafe schützt, wissen wir alle und müssen es berechtigt 
finden. Hier sind mit einem Male alle Menschen darin einig, daß 
eine bestimmte Fehlhandlung sinnreich ist, und welchen Sinn sie 
hat«"). 

Merkwürdig ist es aber, daß auch mancher sogenannter Aber- 
glaube auf dem unformulierten Begriff der Symptomhandlung 
fußt. „In der windischea Steiermark scheuen sich die Hausleute, im 
Leichenzuge das Kreuz, das Weihwasser oder gar den Toten zu tra- 
gen oder sonst eine Vorrichtung zu übernehmen; denn man sagt, 
eine solche Teilnahme käme einer Schadenfreude 
über den Todfall gleich, und der Betreffende müßte sel- 
ber bald nachsterben. Verwandt ist damit im Grunde genommen 
der Glaube der christlichen Bosnjaken, daß man ein totes Kind 
nicht mit Blumen schmücken dürfe, sonst schmückte sich der Fried- 
hof mit Kindern"^)." Ebenso scheint der Begriff der Symptom- 
handlung hinter folgendem Glauben aus Südtirol zu stehen: 
„Wenn ein Liebhaber seiner Geliebten ein Messer schenkt, so er- 
zürnen sie sich später und heiraten einander nicht, denn das 
Messer schneidet*^)." Das Volk faßt das Schenken eines Mes- 
sers als Symptomhandlung auf, hinter der sich eine unbewußte 
Feindseligkeit verbirgt. Denn dasselbe Volk meint auch: „Wenn die 
Gelieble ein Rosenkränzlein dem Geliebten schenkt, so hal- 
ten sie einander immer lieber und heiraten bald einander, denn 
der Rosenkranz bindet""}." 

In Schlesien gellen folgende Vorsichtsmaßnahmen oder Ver- 
bote beim Hochzeilszeremoniell, hinter die wiederum der Begriff 
der Symptomhandlung steht. „Auf dem Wege zur Kirche darf sich 
die Braut nicht umsehen." „Beim Aufstehen dürfen sich (Braut 
und Bräutigam) nicht den Rücken drehen, sonst wird die Ehe un- 
glücklich." „Bei der Rückkehr vom Altar darf die züchtige Braut 
sich in der Kirche nicht um-, ja nicht einmal aufschauen, wenn 



64 Symptomfaandlnng und Magie 



sie nicht den Vorwurf hören will, schon nach anderen Männern 
Umschau zu halten^"")." Sieht sich die Braut um, so hängt sie noch 
zu stark an ihrer Famihe, sie tritt also iu die Ehe mit einer Hem- 
mung, was nicht gut auf die Gestahung der Ehe sich auswirken 
muß. Ebenso dreht man jemanden den Rücken, wenn mau ihn nicht 
gern hat. 

Fernere Symptomhandlungen sind z. B. noch folgende: „Wer 
eine Schnitte mehr schneidet, als Leute bei Tisch sind, der hat einen 
hungrigen Freund in der Ferne." Ebenso: „Wenn jemand ausgeht, 
so darf er nach dem Verlassen des Haiiaes nicht mehr umkehren, 
sonst hat er ünglück^«^)." Das ist klar: Wer sich umsieht, hat ir- 
gendwelche Bedenken, ist also nicht ganz frei von Hemmung, dar- 
um kann das Unternehmen, das er vorhat, ihm nicht glücken! 

Auf Island „verbietet man wohl Kindern . . . sich so unter eine 
Tur zu stellen, daß sie die beiden Hände an die beiden Türpfosten 
anlegen und damit durch ihre Arme den Eingang sperren; man 
sagt ihnen, daß so zu tun den Tod eines im Zimmer Befindlichen 
herbeiwünschen heiße. Oder man untersagt ihnen hinter sich zu 
gehen, und nennt dies . . . seine Mutter lebendig in die Erde hinun- 
tergehen".^"^) Die beiden verpönten Handlungen sind nicht schwer 
zu begreifen: Den Eingang sperren, wenn jemand im Zimmer sieh 
befindet, bedeutet so viel, als ihn nicht mehr ans dem Zimmer 
gehen lassen, quasi ihn dort für ewig einmauern. Hinter der Mutter 
gehen wird aufgefaßt, als hinter ihrem Leichenzug gehen! 

Es ist aber auffallend, daß, besonders auf Island, den Symptom- 
handlungen vom Volke eine viel weitergehendere Bedeutung bei- 
gelegt wird, als wir es in der Psychologie tun. Für uns ist die Sym- 
ptomhandlung etwas, was auf einen gewissen seelischen Zustand 
hmdentet. Das Volk scheint in der Symptomhandlung eine m a g i - 
?.*=/^^ Tat zu erblicken, die imstande ist, in der objektiven Wirk- 
lichkeit Wirkungen auszuüben. Es ist in manchen Fällen schwer zu 
unterscheiden, ob hinter einer Symptomhandlung bloß Symbo- 
1 1 B c h e 8, oder vielmehr magische Ahsichl steckt. Z. B. er- 
zahlt Freud folgendes: 

„Ein mit Sorgen überbürdeter und gelegentlich Verstimmun- 
gen unterworfener Mann versicherte mir, daß er regelmäßig am 
Morgen seine Uhr abgelaufen finde, wenn ihm am Abend vorher 
das Leben gar zu hart und unfreundlich erschienen sei. Er drückt 
also durch die Unterlassung, die Uhr aufzuziehen, symbolisch aus, 
daß ihm nichts daran gelegen sei, den nächsten Tag zu er- 
leben^")." ^ 

Nun kann aber in der beschriebenen Unterlassung nicht bloß ein 
symbohscber, sondern auch ein magischer Sinn liegen: der Mann 
drückt dadurch nicht nur seine Gleichgültigkeit aus, am nächsten 
Tag zu erwachen, sondern sucht (unbewußt in alte Verfahrungs- 
weisen verfallend) den Tod dadurch herbeizurufen. 
Um das zu begreifen, muß man sich darüber Rechenschaft ver- 



Symptomliaiidlimg und Magie 65 



schaffen, welche Bedeutung die Uhr im Volksglauhen bekommen 
hat. In Mähren z. B. läßt man die Uhr stehen, wenn jemand stirbt, 
„denn des Verstorbenen Lehensuhr ist abgelaufen"/"'') In Dith- 
mareehen dagegen: „Liegt jemand im Sterben, 80 läßt man die Uhr 
stehen"^)." Ursprünglicher dürfte der letztere Brauch sein. Durch 
Abstellung der Uhr wollte man den Eintritt des Todes beschleuni- 
gen, um dadurch die Todesqualen zu verkürzen. Jedenfalls ist so viel 
klar, daß die Uhr die „Lehensuhr" bedeutet, und das Abstellen der 
Uhr {bzw. das Unterlassen sie aufzuziehen) eine magische Tat sein 
kann, die die Absicht hat, den Tod zu bewirken. 

Aus dem Gesagten folgt, daß die große Bedeutung, die das Volks- 
bewußtsein den Symptomhandlungen beilegt, in Zusammenhang 
stehen dürfte mit den Resten magischen Glaubens. Wie es scheint, 
haben die Kulturschicbten mit Abstreifung des magischen Glau- 
bens auch das Verständnis für das Psychologische zum Teil ver- 
loren. Wir werden später sehen, wie das miteinander zusammen- 
hängt. 

Jedenfalls benimmt sich der Abergläubische (richtiger der ma- 
gisch Denkende) so, als ob er hinter jeder „zufälligen" Handlung eine 
Absicht gewittert hätte. Nach magischer Auffassung bat 
diese durch Tat manifestierte Absicht gleichsam 
die Macht in der objektiven Welt etwas zu be- 
wirken. Hier noch ein Beispiel; N. Ossipow „hatte in einer 
kleinen russischen Provinzstadt geheiratet und fuhr unmittelbar 
nachher mit seiner jungen Frau nach Moskau. Auf einer Station, zwei 
Stunden vor dem Ziel, kam ihm der Wunsch, zum Ausgang des 
Bahnhofes zu gehen und einen Blick auf die Stadt zu werfen. Der 
Zug eolke nach seiner Erwartung genügend lange verweilen, aber 
als er nach wenigen Minuten zurückkam, war der Zug mit seiner 
jungen Frau bereits abgefahren. Als seine ahe Njanja zu Hause 
von diesem Zufall erfuhr, äußerte sie kopfschüttelnd: ,Aus dieser 
Ehe wird nichts Ordentliches'. Ossipow lachte damals über diese 
Prophezeiung. Da er aber fünf Monate später von seiner Frau ge- 
schieden war, kann er nicht umhin, sein Verlassen des Zuges nach- 
träglich als einen ,unbewußten Protest' gegen seine Eheschließung 
zu verstehen".^*"') Die alte Njanja hatte also recht; Die Fehlleistung, 
die Symptomhandlung Ossipows war innerlich determiniert, dahin- 
ter steckte der unbewußte Impuls, die junge Frau zu verlassen. Die 
innerliche Motivierung der Handlung wird nur vom magisch Den- 
kenden nach außen projiziert und als eine äußerliche Kausalität 
begriffen. „Die dunkle Erkenntnis (sozusagen endopsychische Wahr- 
nehmung) psychischer Faktoren und Verhältnisse des Unbe^vußten 
spiegelt sich ... in der Konstruktion einer übersinnlichen 
Realität, welche von der Wissenschaft in Psychologie des 
Unbewußten zurückverwandelt werden eoU^")." — 

Es ist mit der Psychoanalyse eine eigene Sache. Der Widerstand 
gegen die Erkenntnisse, die sie übermittelt, ist so stark, daß man 

5 Kaplan, Piychoanalysii 



gg Die „verständlicten Zasammenliänge*' 



immer bestrebt ist, ihre gesichertsten Ergebnisse anzuzweifeln. Wo die 
sachlichen Gründe fehlen, greift die „Kritik" zu irgendeiner Wort- 
weisheit. 

Die Psychoanalyse geht vom Grundsatz aus; „Es gibt keinen Zu- 
fall im psychischen Leben." Keine Wissenschaft kann im Ernst die 
Kausalität auf irgendeinem Gebiete aufgeben. Am Beispiel der Fehl- 
leistungen und Symptomhandlungen haben wir gesehen, wie alle 
diese kleinen „Zufälligkeiten'" des Alltags sich durch unbewußte 
Tendenzen determinieren lassen. 

Da sich der Grundsatz von der durchgängigen Determinierung 
auch auf psychischem Gebiet nicht leicht umbringen läßt, so wird 
zuletzt der Versuch gemacht, seine Bedeutung wenigstens zu vermin- 
dern. Zu diesem Zwecke führt z. B. Karl Jaspers die „verständlichen 
Zusammenhänge" ins Feld, die er der echten Kausalität, die nur 
auf naturwissenschaftlichem Gebiet Geltung haben soll, entgegen- 
hält. 

Jaspers sagt: „Durch Hineinversetzen in Seelisches ver- 
stehen wir genetisch, wie Seelisches aus Seelischem hervorgeht. 
Durch objektive Verknüpfung mehrerer Elemente zu Regel- 
mäßigkeiten auf Grund wiederholter Erfahrungen erklä- 
ren wir k a u s a 1." „Seelisches ,geht' aus Seelischem in einer für 
uns verständlichen Weise ,hervor'. Der Angegriffene wird zornig und 
macht Abwehrhandlungen, der Betrogene wird mißtrauisch usw. 
Dieses Auseinanderhervorgehen des Seelischen aus Seelischem ver- 
stehen wir genetisch." „Alles Verstehen einzelner wirk- 
licher Vorgänge bleibt daher mehr oder weniger ein Deuten, 
daa nur in seltenen Fällen relativ hohe Grade der Vollständigkeit 
erreichen kann. Wir verstehen, soweit uns die objektiven Daten 
der Ausdrucksbewegungen, Handlungen, sprachlichen Äußerungen, 
Selbstschilderungen usw. im einzelnen Fall dies Verstehen mehr 
oder weniger nabelegen . . . Kausalregeln sind eben Regeln, sind 
induktiv gewonnen, gipfeln in Theorien, die etwas der un- 
mittelbar gegebenen Wirklichkeit zugrunde Liegendes denken. Unter 
sie wird ein Fall subsumiert. Genetisch verständliche Zusam- 
menhange sind idealtypischeZusammenhänge, sind i n 
sieh evident (nicht induktiv gewonnen), führen nicht zu Theo- 
rien, sondern sind ein Maßstab, an dem einzelne wirkliche Vor- 
gänge gemessen und als mehr oder weniger verständlich 
erkannt worden^"^)." 

Die ausgeklügelte Unterscheidung zwischen „genetisch verständ- 
lichem Zusammenhang" und Kausalität ist ein gutes Beispiel „ge- 
lehrter" Wiebtigtuerei. Daß der Stein auf die Erde fällt, ist ein 
induktiver Satz. Wir machen jeden Tag diese Erfahrung. Daß der 
Angegriffene zornig wird und Abwehrhandlungen macht, wissen wir 
ebenso aus der alltäglichen Erfahrung. Das eine ist ebensoviel oder 
vielmehr ebensowenig verständhcb wie das andere! Daß wir zornig 
werden und uns nicht „imterkriegen" lassen, ist ebenso eine sich wie* 



„Genetisch verBtändlich" und „künaal" 67 

derholende Tatsache, als diejenige, daß der Stein auf die Erde fällt. 
Daß mau manchmal einen Zug verpaßt, weil man unbewußt mit 
seiner jungen Frau nicht zufrieden ist, ist nicht „in sich evident", 
sondern durch Erfahrung kommen wir auf diesen Zusammenhang. 

Wie wenig die Unterscheidung von „genetisch verständlich" und 
jjtausal" sich rechtfertigen läßt, ersieht man ans folgendem. Man 
spricht z. B. in der Physik vom „Widerstand", den ein Körper dem 
anderen leistet. Nun iat der „Widerstand" keine Tatsache, welche 
unter unsere Sinne fallt, wie Wärme, Schall, Licht, Bewegung; wir 
können den betreffenden Widerstand fühlen, „wenn wir selbst uns 
nnter gleichen Umständen zu bewegen streben". Wir setzen also den 
Widerstand fest, indem wir den von «ns unter ähnlichen Umstän- 
den gefühlten Widerstand in das physikalische System gewisser- 
maßen hineinlegen, hineindenken^'"'). Die physikalische Kausalität 
unterscheidet sich in dem Falle in nichts von einem „verständlich 
genetischen Zusammenhang". Kausalität ist eben Kausalität. Daß 
sie in einem Falle uns vertrauter, geläufiger, intimer mit uns selbst 
verbunden ist, als in einem anderen Falle, ändert an der Sache 
nichts'"). 

Jaspers sagt femer: „Von jeher war es die Aufgabe aller Psycho- 
logie, Unbemerktes ins Bewußtsein zu erheben. Die Evidenz solcher 
Einsichten erhielt sich immer dadurch, daß jeder andere dasselbe als 
wirklich erlebt unter günstigen Umständen ebenfalls hemerkenkonnte. 
Nun gibt es eine Reihe von Tataachen, die wir nicht aus nach- 
träglich zu bemerkenden wirklich erlebten Vorgängen ver- 
stehen können, die wir aber doch zu verstehen meinen. Zum Beispiel 
ist von Charcot und Möbius das Zusammentreffen der Ausbreitung 
hysterischer Sensibilitäts- und Motilitätsstörungen mit den groben 
physiologisch-anatomischen Vorstellungen des befallenen Kranken 
betont und daraus verstanden worden. Man konnte aber nicht als 
Ausgangspunkt der Störung eine solche Vorstellung wirklich nach- 
weisen — abgesehen vom Fall der Suggestion — , sondern verstand 
die Störung, als ob sie durch einen bewußten Vorgang bedingt 
wäre. Ob es sich in diesen Fällen nun wirklich um diese Genese 
handelt, wenngleich die Aufklärung unbemerkter, aber wirklicher 
seelischer Vorgänge ausbleibt, oder ob es sich nur um eine treffende 
Charakteristik bestimmter Symptome durch eine Fiktion 
handelt, das steht dahin. Freud, der solche ,al8 ob verstandene' Phä- 
nomene in großer Menge beschrieben hat, vergleicht seine Tätigkeit 
mit der eines Archäologen, der aus einer Reihe von Bruchstücken 
aus vergangenen Zeiten menschliche Geistestätigkeit deutet. Der 
große Unterschied ist nur der, daß der Archäologe deutet, was ein- 
mal wirklich da war, während bei dem ,ala ob Verstehen' das 
wirkliche Dasein des Verstandenen gänzlich dahingestelh bleibt"*)." 

Man möchte wirklich staunen! Woher wissen wir denn so sicher, 
daß der Archäologe deutet, „was einmal wirklich da war"? Um 
das ganz sicher wissen zu können, müßten wir imstande sein, unser 

5* 



68 



PrähiBtoriscbe Zeit 



Leben rückgängig zu machen und uns in jene prähistorische Zeit 
versetzen. So lange das unmöglich ist, kann man an der Richtigkeit 
der Deutung des Archäologen zweifeln, wenn man Lust dazu hat. 
Für Jaspers ist die prähistorische Zeit in der Geschichte, die er doch 
nicht mehr „wirklich" erleben kann, eine Realität, mit der er rech- 
net. Dagegen ist ihm die prähistorische Zeit im psychischen Leben 
nur Fiktion, Unwirkliches! Dagegen läßt sich mit logischen Grün- 
den nicht mehr streiten! 



1 



VII. Die Verschiebung und ihre 
dynamische Grundlage 



1. Oben haben wir das Phänomen der Verschiebung eines Affek- 
tes längs der Assoziationslinien kennengelernt. So z. B. im Falle IX 
(S. 53 f.): Ich bemerke nicht das Bild, weil ich an die Person nicht 
denken will, der ich einmal diesea Bild geschenkt habe. 

Das Phänomen der Verschiebung ist durch das Vorhandensein von 
Hinderniaaen, die einer adäquaten Reaktion im Wege stehen, be- 
dingt. So ist die Situation bei der negativen Halluzination im 
Falle IX: das Hindernis für die adäquate Affektäußerung besteht 
in der Abwesenheit der Person, deren Andenken ich vertilgen will, 
gegen die sich also der Affekt richten könnte: die Abwehrreaktion 
verschiebt sich von dieser Pereon auf das Bild, das einmal ihr Eigen 
war. Die nämliche Sachlage ist offenbar auch im Falle VIII (S. 53) 
der Sprachstörung: Die Abwehrreaktion (das Nicht aussprechenkön- 
nen des Wortes, mit dem ein Unlustaffekt verknüpft war) hat sich 
von der Frau auf die indifferente Katze verschoben, weil die Frau 
■doch in jenem Augenblicke nicht dagewesen war. Im Falle VI (49 f.) 
vergißt das Mädchen den Titel des englischen Romana „Ben Hur", 
weil sie gewisse Gedanken aus sexueller Sphäre verleugnen möchte. 
Die negative Einstellung zur Sexualität verschiebt sich hier auf ein 
harmloses Wort. Das gelingt dadurch, daß das Wort hier selbst 
sexualisiert wurde. Eine Verschiebung findet dann statt, 
wenn ein Affekt in seinem Streben, sich zu äußern, 
aufHinderniaseinnereroderäußererNaturetößt. 

Die Affektverschiebung kennt jeder zur Genüge aus der alltäg- 
liehen Erfahrung. „leder Mensch, wenn er auch nicht von besonders \ 

lebhaftem Temperament ist, kennt Fälle, wo er in ganz unerklär- 
liche Wut gegen einen leblosen Gegenstand gekommen ist, . . . und 
wie man durch Wegschleudem, Zertrümmern oder Zerknittern sich 
eine wesentliche Erleichterung verschaffen kann. Ich besaß als Stu- 
dent ein uraltes, lateinisches Lexikon ... in hartem, mit Schweins- 
leder überzogenem Holze gebunden; dies ehrwürdige Buch flog bei 
jedem Ärger seines Herrn einige Male zum Boden, was nie verfehlte, 
den Ingrimm wesentlich zu mildem^^^).'* 

Die Verschiebung kann unter Umständen weniger harmlos aus- 
faDen und sogar zu kriminellen Taten führen. „Bekannt ist das erst 
in jüngster Zeit wieder vorgekommene Beispiel eines Dorfschul- 



1 



70 Affektverechiebnng in der Magie 

meistera, der mit seiner schlecht bezahlten, seine Nerven zerrütten- 
den Stellung so unzufrieden iat, daß er zu wiederholten Malen den 
Versuch macht, sein Schulhaus in Flammen zu stecken, bis er da- 
mit schließlich den gewünschten Erfolg hat . . . Man muß also an- 
nehmen, daß ihn die Unzufriedenheit im Berufe . . . mit einem 
derart tiefgehenden Haß gegen die Stätte seiner Arbeit erfüllt hat, 
daß er, vielleicht sogar in vollem Bewußtsein seiner Ohnmacht, 
durch diese Brandstiftung seine Zukunft zu bessern, zum Verbre- 
cher wird"^}." Der Haß gegen das Schulhaus ist eine Verschiebung 
des Hasses gegen den Beruf. Je ohnmächtiger der arme Dorfschul- 
meister gegen seinen Beruf ist, den er unter den gegebenen Um- 
ständen weiter auszuüben gezwungen ist, desto stärker der Haß ge- 
gen das Schulhaua. 

2. Das Verschiebungsphäuomen äußert sich auf verschiedenen 
Gebieten des Seelenlebens. Besonders auch in der Magie. Wenn man 
z. B. einem Feinde Schaden antun will, so verschafft man sich einen 
A 1 2 m a n n. Das ist „eine Statuette aus Wachs oder aus Ton, aus 
irgendeinem bildsamen Stoffe . . . eine plastische Nachbildung . . . 
Die Statuette wird dann zum Überflusse noch auf den Namen des 
Individuums getauft und durch geheime Praktiken magisch mit 
ihm verbunden . . . Dann hat man einen Atzmann oder Vultus zur 
Verfügung, und diesem kann man in Muße alles erdenkliche Herze- 
leid antun ... je nachdem man das Figürchen krankt und peinigt, 
köpft, ersticht, ersäuft oder bei langsamem Feuer brät, kränkt und 
peinigt man den Unglücklichen selbst, der durch fortgesetzte Be- 
arbeitung aUmählich siech wird und zum mindesten die Auszeh- 
rung bekommt"*)." Oder: „Der Aberglaube ist weit verbreitet, daß 
man einen Entfernten durchprügeln könne, wenn man auf ein Klei- 
dungsstück oder einen Lappen, indem man an den Gemeinten denkt 
" ifv- ^i^^"f° Namen nennt, mit einer einjährigen Haselgerte 
schlägt"'')." Der wirklich gehaßte Feind iat nicht immer erreich- 
bar, nicht immer kann man sich erlauben, ihm zu nahe zu treten, 
vielleicht iat er zu mächtig. Der Haß will sich aber ausleben, die 
Eachegefühle müssen sich austoben. Da schafft die Rachephantasie 
den Ausweg: den Ersatz, auf den sich jene Gefühle verschieben. 
Durch denselben Verschiebungsmechanismus sind auch die folgen- 
den magischen Handlungen zu erklären: „Man schreibt den Namen 
des Mannes, den man aus der Welt schaffen will, auf ein Stück 
Seife und wirft die Seife in ein offenes Wasser oder vergräbt es in 
die Erde, worauf der Mann erkrankt und sich auflöst, gleichwie sich 
die Seife auflöst (Bulgarien)"«)." „Schlägt man in eine in die Erde 
eingedruckte Fußstapfe einen Nagel, so wird die Person, der diese 
Fußspur angehört, lahm (Mecklenburg). Derselbe Zweck wird er- 
reicht, wenn man die Erde, in welche sich die Fußspur eines Man- 
nes eingedruckt hat, mit einem Grabscheit heraushoh und in eine 
frisch gegrabene Gruft wirft. Hängt man die Erde in den Rauch, ao 
verdorrt der Fuß"^).« „Wird dem Kroaten ein Kind unwohl, so 



Affektverschiebung und Energieerlialtung 71 



wirft er eine glühende Kohle in einen Eimer Wasäer und spricht 
dabei: ,Mögen die Augen, die mir das Kind verdorben haben, aus- 
löschen wie diese Kohle!"'»") Die beschriebenen magischen Hand- 
lungen knüpfen sich an Ähnlichkeitsassoziationen und bedienen sich 
ihrer, um einen bestimmten Affekt durch Verschiebung zur Abfuhr 
zu bringen. 

3. Die Tatsache der Affektverschiehung zwingt uns, den Affekten 
den Charakter energetischer Prozesse zuzuschreiben. Was wir in der 
Physik Energie nennen, ist ein Etwas, das sich von einem „Angriffs- 
punkt" auf einen anderen verschieben läßt. Wenn z. B, eine sich 
bewegende Billardkugel eine Reihe anderer Kugeln trifft, so bleibt 
sie ruhig stehen, aber die letzte Kugel der Reihe setzt ihre Bewe- 
gung fort. Hier verschiebt sich der energetische Zustand der ersten 
Kugel auf die letzte Kugel der Reihe. Ebenso betrachten wir die 
Wärmemenge, die beim Anprallen einer herabfallenden Last auf die 
Erde entsteht, als die Leistung, die hervorgerufen ist durch den 
Aufwand der Bewegungsenergie jener herabfallenden Last. Auch 
hier wird ein Etwas, das wir Energie nennen, verschoben. 

Das Gesetz der Erhaltung der Energie läßt sich auf die folgende 
kurze Formel bringen: Es gibt keine Leistung ohne 
äquivalentenAufwand. Es gibt aber auch keinen 
Aufwand ohne äquivalente Leistung (Wirkung). 
Oder auch so; Aufwand ist quantitativ unzerstör- 
barundqualitativwandelbar. Das macht aber auch daa 
Wesen der Affektverschiebung auä: der Haß des Dorfschullehrers 
kann vom Beruf auf daa Schulhaus verschoben werden, quantitativ 
ist es derselbe Haß gebliehen, qualitativ scheint er verschieden zu 
sein, inwiefern er mit einem anderen Objekt verknüpft ist. 

Wenn ein Mensch im Zorn gegen jemand mit der Faust kräftig 
auf den Tisch schlägt oder in Wut einen Gegenstand zu Boden 
schleudert, so löst er gleichsam den Affekt von dem einen Objekt 
und verschiebt ihn (ohne den Affekt quantitativ zu verändern) 
auf ein anderes Objekt. 

Die Vorstellungen sind unzerstörbar, d. h. ineinander nicht ver- 
wandelbar. Sie bilden die „Angriffspunkte" für die Affekte, die 
sich längs der „Assoziationelinien", die die Vorstellungen miteinan- 
der verbinden, verschieben lassen. 

Die Verschiebung des Affektes hat eine teleologische Bedeutung: 
Solange nämlich der Affekt mit einer verdrängten Vorstellung ver- 
bunden ist, ist er unzerstörbar (wie jede Energie); gelingt ihm 
aber, auf die motorische Sphäre überzugreifen, so wird er dadurch 
abreagiert. 

4. In der Affektverschiebung, wie sie sich uns auch in der Fehl- 
leistung kundgibt, liegt die Tendenz zur Affektentladung. Diese ur- 
sprüngliche (unbewußte) Tendenz kann sich im Laufe der Zeit 
modifizieren und eine andere werden. Die Fehlleistungen z. B. 
sind Symptomhaudlungen: sie deuten auf bestimmte Seelenzustände 



72 Affektvers chieboDg mit Bedentnngswandel 



hin. Für den Kundigen werden die Fehlleistungen somit zu Zei- 
chen für diese Seelenzuslände. Unter Umständen kann sich eine 
unabsichtliche Syinptomhandlung zu einem absichtlichen Zeichen 
zu einer „Anadrucksbewegung" umwandeln. ' 

Das Auaspeien dient als Zeichen der Verachtung. Vamm' Die 
verachtele Person ruft in uns den Ekel hervor. „Beim Gefühle des 
Ekels lauft einem unwillkürlich der Speichel im Munde zusam- 
men; es ist daher natürlich, Um auszuwerfen. Diese natürliche 
W^S n" n '"""„u-'v^^ ^7 Verachtung absichtlich reprodu- 
Z V^" 1.?'^ "^^v^urliche Affektenüadung wird zum Zeichen 
der Verachtung; sie unterscheidet sich von der gewöhnHcfaen Sym- 
ptomhandlung dadurch, daß ihr die A b s i c h t der Mitteilung Li- 
gemengt ist. '' 

Die Entwicklung der unabsichtlichen Affektentladung, die sich 
1 aT/ I '^*' ^"™ ^'"''^ ^^"^ abaichllichen Mitteilung kann man 

„^^^^J/^erschiebung mit Bedeutungswandel 
aultassen. Was m-sprünglich Zweck war, wird jetzt Mittel für an- 
dere Zwecke. 

Eine gute Illustration des Gesagten gibt uns die Entstehung der 
Deutebewegung aus der Greifbewegung. Darüber gibt una Wundt 
loigende Aufklärung: „Die Arme und Hände sind von der friihe- 
eten tierischen Entwicklung des Mensehen an als die Organe tätig, 
mit denen er die Gegenstände ergreift und bewältigt. Aus dieser 
offenbar ursprünglichen Verwendung als Greiforgane . . . führt 
aber eine jener stufenweisen Veränderungen, die zunächst eigent- 
lich regressiver Art sind, in ihrer Wirkung jedoch wichtige Be- 
standteile einer fortschreitenden Entwicklung bilden, zur ersten 
primitiven Form pantomimischer Bewegung: zur hinweisenden 
(^ebarde. &ie ist, genetisch betrachtet, nichts anderes als d i e b i 8 
zur Andeutung abgeschwächte Gr ei f be w e gu n g." 
ivian kann noch jetzt beim Kinde diese EntwicUung verfolgen: 
„uieses greift auch nach solchen Gegenständen, die es, weil sie zu 
lern sind, nicht erreichen kann. Dann geht aber die Greifbewegung 
unmittelbar m die Deutebewegung über. Nach oft wiederholten 
vergeblichen Versuchen, die Gegenstände zu ergreifen, verselbstän- 
digt sich die Deutebewegung als solche»^")." Somit ist die Deute- 
Bewegung ursprüngUch nur der Ausdruck eines affektiven Zustan- 
aee namhch des primitiven Triebes, sich alles anzueignen. 

ts ist nicht schwer sich zu überzeugen, daß die hier beschriebene 
Affektverschiebung nach dem aUgemeiuen Gesetz erfolgt, wonach 

snrochi w""t ? f "^ritt^wenn der Affekt (oder allgemein ge- 
sprechen, der Impuls) auf Hemmungen stößt. Weil das Kind L 

de^GreXw^r ^J^^r'^f "'^^'^ "'^^-^^^ t«"°' «"^«teht aus 
der Greifhewegung die Deutebewegung. Gerne möchten wir die von 
uns verachtete, in uns Ekel erreeendp P«=« --"i«.« wir nie von 
Wf.lt o^h^ft^^. ■ J--J7 erregende l'erson irgendwie aus der 

We t schaffen; wir dürfen es aber nicht und machen der Ver- 
achtung durch Auaspeien Luft. Der Bedeutungswandel aber, der 



Sublimiernng 73 



mit der Affektverschiebung (bzw. Affektentladung) später Hand in 
Hand geht, hängt davon ab, daß durch die Verschiebung neue 
Möglichkeiten gegeben werden, die vorher nicht da waren. Inabe- 
ßondere geht aber dieser Bedeutungswandel unter dem Einfluß des 
Milieus vor sich. Wir sehen es am besten bei der Deutebewegung. 
Diese kann sich darum aus der Greifbewegung des Kindes entwik- 
kehi, weil seine Umgebung ihm, dem Hilflosen, entgegenkommt 
und oft das, was es vergebens zu ergreifen sich abmüht, wirklich 
reicht. 

Diesen Zusammenhang sehen wir auch hei einer anderen Gelegen- 
heit. Das Kind schreit und zappelt, wenn es hungrig oder unzufrie- 
den ist. Das ist ursprünglich unabsichtliche Aifektentladung. Da 
aber die Umgebung auf dieses Schreien reagiert und die Unzufrie- 
denheit des Kindes so oder so abzustellen sucht, so wird allmäh- 
lich das Kind lernen, absichtlich zu schreien. Der Bedeutungswan- 
del der kindlichen Reaktion ist eine Folge der bestimmten Gegen- 
reaktion seiner Umgebung. 

5. Das Charakteristische bei der Verschiebung ist der Umstand, 
daß der Affekt von seinem ursprünglichen Ziele abgelöst und ei- 
nem leichter zu erreichenden zugeführt wird. Es ist selbstver- 
Btändlich leichter und ungefährlicher das dicke Buch hinzuschleu- 
dem als irgendwas Ähnliches mit der Person vorzunehmen, die 
unseren Zorn hervorgerufen hat. Dasselbe gilt von den verschie- 
denen magischen Praktiken, die wir oben beschrieben. Wenn man 
den echten Blauen Vogel nicht finden kann, so begnügt man 
eich mit demjenigen der alten Nachbarin (Maeterlink). Kurz gesagt, 
die Affektverschiebung strebt einem Surrogate 
z u. Im Falle, wo das Surrogat uns wertvoller erscheint als der 
ursprüngliche affektbeeetzte Gegenstand, sprechen wir von S u b 1 i - 
m i e r u n g. 

Wir sehen diese Erscheinung auch auf Bozialpaychologischem 
Gebiet. Ist z. B. der einzelne Proletarier mit seinem Lohn und 
seinem Lebensverhältnissen unzufrieden, so ist er doch seinem 
Arbeitgeber gegenüber ohnmächtig. Wenn sich aber die unzufrie- 
denen Proletarier koalieren, so werden sie zu einer Macht, die ge- 
wisse Veränderung durchzusetzen imstande ist. Beim isolierten 
Lohnarbeiter konnte sich die egoistische Unzufriedenheit nur ge- 
gen die Person des einzelnen Unternehmers richten. Die koalierten 
Arbeiter aber verschieben ihre Unzufriedenheit und ihre Angriffe 
von der Person des einzelnen Kapitalisten auf das gesellschaftliche 
System des Kapitalismus. Der Affekt des Individuums 
stellt sich, infolge von angetroffenen Hinder- 
nis s e n , i n d e n D i e n s t d e r A II g e m e j n h e i t. Es ist das 
Phänomen der Affektverschiebung mit Bedeutungswandel, das zu- 
gleich als bubhmierung angesprochen werden muß. 



Vni. Die Verdichtung 

Wir haben oben bereits erfahren, daß in der Fehlleistung sich daa 
Phänomen der Verdichtung kundgibt: zwei verschiedene Ten- 
denzen, der richtige Sachverhah und ein affektiver verdrängter Zu- 
stand, beide kommen sie in der Fehlleistung verdichtet zu dem 
gemeinsamen Ausdruck. 

Auch im Witz, der den Charakter einer „als ob" Fehlleistung hat, 
spielt die Verdichtung eine Rolle: auch hier kommt irgendein 
sonst verpönter, „nicht salonfähiger" Gedanke mit einem harmlose- 
ren zur gemeinsamen Darstellung. So z. B. in diesem Witz: „Hans 
war mit seinen Eltern in Venedig gewesen und mußte über die 
Reise einen Aufsatz machen, in welchem er schrieb: ,In Venedig 
pflanzen eich die Leute vermittelst Kähnen fort*." Den Ausdruck 
„sich fortpflanzen" gebraucht der Knabe naiv im Sinne der räum- 
lichen Vorwärtsbewegung; wir aber wittern dahinter die Fortpflan- 
zung im biologischen Sinne. 

Ebenso kommen zwei verschiedene Gedanken zur gemeinsamen 
Darstellung im folgenden Gespräch: „Sie sind ja so schrecklich auf- 
geregt, gnädige Frau!" — „Daa macht, weil ich heute eine Tochter 
erwarte, Herr Doktor!" — „Woher wissen Sie denn schon daß es 
ein Mädchen wird?" Natürlich spricht die Frau von der erwachsenen 
Tochter, die nach langer Abwesenheit endlich nach Hause kommt. 
Der Arzt aber bezieht in seiner „Zerstreutheit" die Worte der Frau 
auf das Kindchen, das erst kommen soll. Auch im folgenden wird 
im Gespräch zwischen Arzt und Patienten der psychologische Sinn 
der Klage des Patienten „mißverstanden": „Was fehlt Ihnen?" — 
„Ach, Herr Doktor, ich habe solchen unbestimmten dunkeln 
Drang . . ." — „Essen Sie Schlämmkreide, dann wird er hel- 
ler!""') 

In der Analyse im Kapitel I waren die Zwangsfragen des Frl. B. 
einerseits der Ausdruck der Wißbegierde, woher die Kinder kom- 
men, woher das Leben kommt Anderseits steckte dahinter auch die 
infantile Bosheit, den Erwachsenen solche Fragen zu stellen, auf die 
sie keine Antwort geben können, um sie in dieser Weise zu ver- 
höhnen. 

Ebenso ist die Verdichtung am Werke in dem Traumfragment 
des Herrn T. (S. 40) : „. . . 32 Hypothekenschulden". Das ist der 
gemeinsame Ausdruck für das Verlangen nach dem Weib, das Verlan- 
gen nach dem Kind und das Schuldbewußtsein, warum er mit Mäd- 



Prinzip der Ökonomie 75 



chen „geht", wenn er kalt für sie fühlt. Wir sehen hier klar die Ten- 
denz zutage treten, mit möglichst wenig Ausdrucks- 
mitteln möglichet viel zu sagen. Oder, mathematisch 
ausgedrückt, mit einem Minimum von Aufwand ein 
Maximum von Leistung zu erreichen. 

Diese Tendenz, mit wenig Ausdruckamitteln viel zu sagen (Prin- 
zip der Ökonomie), sehen wir schlagend z. B. in folgender witziger 
Charakteristik, die Daniel Spilzer („Wiener Spaziergänge") für einen 
sozialen Typus, der zur Zeit des Gründertums blühte, fand: 
„Eiserne Slime — eiserne Kasse — eiserne Krone" (letz- 
teres ein Orden, mit dessen Verleihung der Adelatand verknüpft 
war). Dazu bemerkt Freud: „Welch außerordenthche Ersparnis 
gegen eine Ausführung des Gedankens, in welcher der Ausdruck das 
,e i 8 e r u' nicht gefunden hätte ! ,Mit der nötigen Frechheit und Ge- 
wiesenlosigkeit ist es nicht schwer, ein großes Vermögen zu er- 
werben, und zur Belohnung für solche Verdienste bleibt natürlich 
der Adel nicht aus*-^).' " Im Worte „eiaem" sind die drei QuaKtaten: 
Frechheit, Reichtum und Adel, verdichtet. 

Es ist nicht schwer einzusehen, daß das Problem, bei einem ge- 
wissen Minimum ein gewisses Maximum zu erreichen, nur Sinn 
haben kann, wenn man im Minimum und im Maximum mit ver- 
schiedenen Qualitäten operiert. So lehrt z. B. die Geometrie, 
daß der größte Hohlraum mit der kleinsten Oberfläche die Sphäre 
Bei. Darum nimmt auch die tropfende Flüssigkeit sphärische Form 
an: ein Maximum von Flüssigkeit wird hier unter die kleinste Ober- 
fläche gebracht. Aber rein quantitativ betrachtet ist ein be- 
stimmter ßaum eben nur dieser Raum, nicht mehr und nicht weni- 
ger. Ebenso ist es im ökonomischen Leben: Der Mensch sucht zwar 
mit einem Minimum von „Aufwand" möglichst viel zu erreichen. 
Das bedeutet aber bloß, daß er durch Aufzehrung einer bestimmten 
Qualität möglichst viel von einer anderen Qualität bekommen will. 
Die physikalisch-chemischen Prozesse, mit deren Hilfe das öko- 
nomische realisiert wird, unterstehen aber dem Energiegesetz, nach 
dem doch nur gleiche Energiemengen ineinander verwandelt wer- 
den können. Quantitativsind Aufwandund Leistung 
immer einander gleich. Die Ökonomie besteht eben nicht 
in einem Gewinn von Leistung aus Nichts, sondern bloß in einer 
vorteilhaften Verteilung der Energie. 

Das wird besonders klar, wenn man berücksichtigt, daß in dem 
Ausdruck für die Energie immer zwei Größen vorkommen, dessen 
Produkt das Maß der Energie liefert. Z. B. Fallhöhe X Gewicht, 
oder Maße X {Quadrat der) Geschwindigkeit usw. Das Produkt 
bleibt nach dem Energiegesetz immer konstant. Innerhalb dieser 
Konstanz kann man aber bestrebt sein, die einzelnen Faktoren so zu 
kombinieren, daß der Effekt in bestimmter Hinsicht am vorteil- 
haftesten ausfalle. 

Auch auf psychischem Gebiete herrscht das Prinzip der Ökonomie, 



16 



üb er dete rm i nierthe i t 



das aber nur innerhalb der Forderungen des Energiegesetzes zur 
Geltung kommen kann: die Verdichtung bewirkt nur, daß bereit lie- 
gende affektive Mengen in A nkn üpfung an wenige Ausdrucksmittel 
zur Abfuhr gelangen. In dem Phänomen derVerachiebung 
kommt die Gleichheit von Aufwand und Leistung in quanti- 
tativer Hinsicht zum Ausdruck: der Affekt verschiebt sich von 
der unbewußten Vorstellung auf eine bewußte; dadurch werden 
aber zwei verschiedene Vorstellungen durch denselben Akt verbun- 
den, was uns dann als Verdichtung anmutet. 

Vom Standpunkt der Determiniertheit des psychischen Ge- 
schehens stellt sich uns das Phänomen der Verdichtung dar als die 
Tatsache der mehrfachen Determiniertheit oder kürzer ausgedrückt 
als die Überdeterminiertheit. In jedem symbolischen 
Ausdruck kreuzen sich gleichsam verschiedene Kausalreihen. So 
haben wir z. B. früher die Blindheit für psychologische Tatsachen 
sozialpsychologisch aus der Einseitigkeit des technisch-wirtschaft- 
lich eingestellten Menschen der neueren Zeit zu erklären versucht. 
Zugleich mußten wir einsehen, daß diese Blindheit auch aus der in- 
fantilen Enttäuschung gegenüber den Aussagen der Eitern und über- 
haupt der Erwachsenen hervorgegangen sein kann. Und zuletzt fan- 
den wir noch, daß diese Blindheit auch durch die Verdrängung der 
Magie (durch den Kampf gegen die magische Gläubigkeit des Primi- 
tiven) mithedingt sei. Man muß auf psychischem Gebiet bedacht 
sein, daß jede Erscheinung der Krenzungspunkt verschiedener Kau- 
ealreihen sei. Hier kann die eine Erklärung sehr gut neben einer 
zweiten bestehen, ohne sie auszuschließen. 



IX. Das Bewußtsein, das Unbewußte und 
die Verdrängung 

(Zur dynamischen Auffassung des psychischen Geschehens) 

1. Di© bisherigen Betrachtungen haben uns den dynamischen 
Hintergrund des psychischen Geschehens ein wenig enthüllt. Wir 
wollen nun das Grundphänomen des psychischen Lebens, das B e - 
wußtsein, in dynamischer Hinsicht näher ins Auge fassen. 

Für die naive Betrachtungsweise ist das Bewußtsein gleichsam 
ein ruhiger Spiegel, in dem sich die Ereignisse der Außenwelt reflek- 
tieren. Oder, wie es ein Locke meinte, eine tabula rasa, in welche 
die Reize der objektiven Welt sich gleichsam eingraben. Solche 
naive Auffassungen des Bewußtseins können uns heute nicht mehr 
befriedigen: wir ahnen, daß das Bewußtsein nicht ein Ding, son- 
dern ein Geschehen sei. 

Unter welchen Voraussetzungen — so fragen wir jetzt — entsteht 
Bewußtsein? Darauf wird man antworten: Bewußtsein entsteht, 
wenn ein objektiver „Reiz" gegeben sei. Wenn es auch nicht zu leug- 
nen ist, daß ein objektiver „Reiz" in einem lebenden Wesen Bewußt- 
sein hervorruft, so muß man damit auch folgende unbestreitbare Tat- 
sache zusammenhalten: Wenn ein Reiz lange andauert, verschwindet 
seine Wirkung allmählich aus dem Bewußtsein. So merkt der MüUer 
bald nicht mehr das Geklapper seiner Mühle, und erst wenn die 
Mühle stehenbleibt, kommt ihm die Stille wie das vorherige Ge- 
klapper zum Bewußtsein. „Durchaus stetige und einförmige Ein- 
drücke und Zustände kommen nicht zu unserem Bewußtsein, sind 
mit keinen Empfindungen verbunden*^")." 

Wir können uns das Gesagte nur so erklären : Der objektive Reiz 
bringt eine momentane Störung des Gleichgewichts des psychischen 
Apparats zustande; von subjektiver Seite aus gesehen 
ist diese Störung Bewußtsein. Nachdem das vorher ge- 
störte Gleichgewicht wieder hergestellt ist, ist die Bewußtheitsquali- 
tät der vom Reiz gesetzten Wirkung wieder aufgehoben. 

Der seelische Mechanismus hat also die Tendenz, in dem 
obwaltenden Zustande des Gleichgewichts zu 
beharren, obgleich er durch Angriffe der Außenwelt immer 
wieder aus dem Gleichgewicht gerissen wird. 

Mit dieser Beharrungstendenz wirkt sich aber eine 
zweite, der erstereu entgegengesetzte aus: eine Tendenz zur 



•jQ Bewegungasturm nnd Totstellreflex 

Entladung geatauter Energien. Diese äußert sich z. B. 
in den unwillkürlichen Bewegungen und Innervationen verschie- 
dener Muftkelgruppen, wie auch in dem Drang, sich in dieser oder 
jener Weise „auszulohen". 

2. Die aufgestellten zwei Grundtendenzen beherrschen das Leben: 
alles Lebendige sucht eich entweder in Bewegungen auszutoben, 
oder gleichsam sich in einen Punkt zusammenzuziehen. Besonders 
augenscheinlich geben sich die beiden Tendenzen kund in Momen- 
ten erhöhter Gefahr, „Kommt ein schwimmendes Infusor einer 
Zone erhitzten Wassers nahe, so reagiert es mit einer Überproduk- 
tion lebhafter Bewegungen, die andauern, bis eine der Bewegungen 
es der bedrohlichen Zone entführt, worauf es ruhig weiter 
schwimmt." Diesen „B e w e g u n g s a t u r m" finden wir als Beak- 
tionsweise auch beim Menschen. „Zunächst in der Panik . . . Eine 
Volksmenge bei einer Erdbebenkatastrophe benimmt sich genaa 
BO wie der eingesperrte Vogel. Es tritt unter anderem ein Sturm 
von ,kopflo3en' Hyperkinesen auf: Schreien, Zittern, Krämpfe, Zufc- 
kungen, Kreuz- und Querrennen." Auch bei Kindern findet der Be- 
wegungasturm noch vermehrte Verwendung, bei denen oft das ,un- 
gehSrdige* Zappeln, Stoßen, Schreien, Umsichschlagen als Reaktion 
auf Unlustreize tritt. 

Dem „Bewegungasturm" steht zur Seite der „Totstellreflex" 
(Immobiliaationsreflex). „Er zeigt alle Übergänge vom einfachen 
Sichverstecken, Einkeilen des Körpers zwischen Steine, Kriechen in 
den Sand bis zum eigentlichen Hypnoiden. So beschreibt Babak, der 
viele Untersuchungen mit Fischen angestellt hat, den Vorgang fol- 
gendermaßen: In der Natur aufgescheucht, ändert das Tier fast mo- 
mentan seine Farbe von schwarz zu weißlich oder rötlich beweet 
rasch seine Brustflossen und statt zu fliehen, wirft es sich auf eine 
Seite und verharrt längere Zeit in dieser Lage. Es tritt dabei eine 
gewisse motorische Erstarrung ein, die Flossen sind gespreizt, die 
Kiemenatembewegungen bleiben längere Zeit aus . . ." „Sehr schöne 
motorische Erstarrungen, Stuporen, finden wir beim Menschen als 
akute Schreckwirkung . , . Neben dem Stupor steht bei der mensch- 
lichen Schreckpsychose . . . gleich häufig der Dämmerzustand, der 
mit oder ohne gleichzeitige motorische Gebundenheit hauptsächlich 
die sensorische Seite des ,Totstellreflexes*, die Absperrung 
gegen Außenreize körperlicher und psychi- 
sch e r A r t .. . verkörpert . . ."*)." — Alle diese Schreckreaktionen 
geschehen entweder nach dem Prinzip der energetischen Entladung, 
oder nach demjenigen der Beharrung. 

3. Bewußtsein bedeutet Gleichgewichtstörung, was als Energie- 
verluBt zu bewerten ist. Nehmen wir irgendeine Manipulation, wie 
z. B. diejenige des Spielena eines musikalischen Instruments. An- 
fänglich geht die Sache langsam vor sich, weil man sich doch fort- 
während über jeden Handgriff, den man auszuführen hat, Rechen- 
schaft geben muß. Je mehr die Schwierigkeiten bewältigt sind, ist 



Dynamik des Bewußtseins 79 

man immer mehr imstande auch im rasenden Tempo zu spielen, 
ohne über die Einzelheiten nachdenken zu müssen. Das Spielen ist 
also solange ein bewußter Prozeß, solange es einem noch 
Schwierigkeiten bereitet. Ist der Spieler durch Übung seiner Sache 
Herr geworden, läuft der ganze Prozeß ohne Bewußtsein ab. Die 
Voraussetzung des Bewußtseins ist das Vorhan- 
densein Ton Widerständen. Durch die Überwin- 
dung der Widerstände, im Kampfe mit ihnen, 
wird Bewußtsein geboren. 

Daraus leuchtet es ein, daß Bewußtsein Energiever- 
lust bedeutet. 

Und darum ist Erkenntnis immer mit der energischen Entladungs- 
tendenz eng verbunden. Indem das lebende Wesen dem Bewegungs- 
drang nachgibt, kommt es in Berührung mit der Welt der Dinge, 
setzt sich ihren Angriffen und Einflüssen aus und lernt sie kennen. 
Dagegen entzieht sich das lebende Wesen durch die Beharrungs- 
tendenz der Einwirkung, und dadurch auch der Kenntnis der Welt. 

4. Aus der dynamischen Natur des Bewußtseins erklärt sich 
leicht auch das Vergessen (wohl gemerkt das ,normale', nicht 
tendenziöse Vergessen). Da das bewußte Erleben Energieverlust 
bedeutet, so muß jede Sensation nach einiger Zeit abklingen, d. h. 
aus dem Bewußtsein schwinden. 

Man kann das nämliche auch aus einem anderen Standpunkt 
betrachten: Es stürmen auf uns gleichzeitig viele Eindrücke ein, 
die alle Anspruch auf unsere Aufmerksamkeit erheben. Nua 
ist die uns zur Verfügung stehende Aufmerksamkeitskraft be- 
schränkt, d. h. die Aufnahmefähigkeit des Bewußtseins ist eine be- 
grenzte. Die Konkurrenz der fortwährend neu auftauchenden Sen- 
sationen bewirkt, daß der größte Teil bald das Feld räumen muß. 

Die Tatsache des Erinnerns zeigt aber, daß die aus dem Bewußt- 
sein ausscheidende Sensation nicht spurlos versehwindet, sondern 
meistens die Fähigkeit stiftet, den Inhalt eines früheren Erlebnis- 
ses neu zu heieben. Wir sprechen darum von „Gedächtnisspuren", 
die die Tendenz zum Erinnertwerden bedeuten. Die Gesamtheit der 
Gedächtnisspuren, der latenten oder möglichen Vorstel- 
lungen, nennen wir das Unbewußte. 

Daß das Vergessen kein absolutes Vertilgen von Erlebnissen sei, 
folgt aus solchen Tatsachen, wie diese: „So berichtet Colridge, daß 
eine junge Bauernfrau im Fieberparoxismus Stellen aus syrischen, 
chaldeischen und hebräischen Schriften deklamierte, von denen 
sie sonst keine Ahnung halte. Sie war als Kind im Hause eines 
Pastors aufgezogen worden, der die Gewohnheit hatte, zu bestimm- 
ten Stunden des Tages auf einem langen Gange auf und ab gehend 
mit lauter Stimme und großem Pathos aus seinen in jenen Spra- 
chen geschriebenen Lieblingsschriftstellern vorzulesen. Ähnlich zi- 
tierte im Fieber ein Bauer längst vergessene griechische Verse, die 
er in seiner frühen Jugend gelernt hatte, und ein Metzgerbuxsche 



so 



Vergessen ond Erinnern 



lange Stellen aus Racines Phädra, die er einmal hatte spielen ae- 
hen^^^)." Ebenso erzählt auch Freud: „Ein Patient träumte in einem 
längeren ZuBammenhange, daß er sich in einem Kaffeehause eine 
,Kontu8z6wka' gehen lasse, fragte aber nach der Erzählung, was 
das wohl sei; er habe den Namen nie gehört. Ich konnte antworten, 
KontuBzöwka sei ein polnischer Schnaps, den er im Traume nicht 
erfunden haben könne, da mir der Name von Plakaten her schon 
lange bekannt sei. Der Mann wollte mir zuerst keinen Glauben 
schenken. Einige Tage später, nachdem er seinen Traum im Kaffee- 
hauBe hatte zur Wirklichkeit werden lassen, bemerkte er den Na- 
men auf einem Plakat, und zwar an einer Straßenecke, welche er 
seit Monaten wenigstens zweimal am Tage hatte passieren miis- 



sen 



Wie sollen wir solchen Tatsachen gerecht werden? Dürfen wir 
annehmen, daß einzelne psychische Erlebnisse im Flusse der Er- 
scheinungen zunichte werden, um dann in bestimmten Momenten 
wieder aus nichts neu zu entstehen? Man sucht sich aus dieser 
Schwierigkeit herauszuhelfen, indem man z. B. in folgender Weise 
räsonniert: „Irgendein aus dem Bewußtsein verschwindendes Ele- 
ment wird aber insofern von uns als unbewußt bezeichnet, als wir 
dabei die Möglichkeit seiner Erneuerung, d. h. seines Wiederein- 
tritts in den aktuellen Zusammenhang der psychischen Vorgänge, 
voraussetzen. Auf mehr als auf diese Möglichkeit der Erneuerung 
bezieht sich unsere Kenntnis der unbewußt gewordenen Elemente 
nicht. Sie bilden daher im psychologischen Sinne lediglich An- 
lagen oder Dispositionen zur Entstehung künftiger Bestand- 
teile des psychischen Geschehens, die an früher vorhandene an- 
knüpfen'"')." Mit dem nebelhaften Begriff der Anlage oder Dia- 
position ist uns wenig geholfen. Denn die „Anlage" ist etwas ganz 
Allgemeines — eine vage Form, in die viele mögliche Gehalte hin- 
einpassen können. Aber das einmal dagewesene Erlebnis, das jetzt 
aus dem Bewußtsein verschwunden ist, um dann in einem spä- 
teren geeigneten Moment wieder erinnert zu werden, ist etwas in- 
haltlich ganz Bestimmtes. Man sagt zwar gewöhnlich, das einmal 
dagewesene Erlebnis wirkt im Sinne der Erleichterung der 
Funktion wie jede Übung. Wir wissen zwar herzlich wenig 
über den Mechanismus, der diese Erleichterung zustande bringt. Die 
Hauptsache ist aber, daß diese Ansicht, die auch Wundt teilt, mit 
den psychologischen Tatsachen nicht immer übereinstimmt. Es soUte 
scheinen, daß, je häufiger etwas erlebt wurde, desto leichter es er- 
innert werden muß. Das trifft auch in vielen Fällen zu. Jedoch ist 
dem nicht immer so. Stern erzählt von seinem Töchterchen (das 
damals 2 Jahre alt war) folgendes: „Hilde gewohnte sich in Ber- 
lin überraschend schnell an die fremde Umgehung, bewies aber . . . 
in keiner Weise, daß irgendwelche Erinnerungen an die Breslauer 
Verhältnisse vorhanden waren. Etwas anders verhielt sie sich nach 
ihrer Rückkehr in Breslau. Hier tauchten Berliner Erinnerungen 



■Wnndts Ansicht 81 



spontan auf, wenn auch nur sporadisch; zuweilen klangen in ihren 
Plaudereien Worte wie ,Omama' (Großmama), ,Tante W. . . .', 
,Onkel E. . . .' an . . . Diese Verschiedenheit des Verhallens scheint 
zu zeigen, daß nicht die Häufigkeit und Dauerhaf- 
tigkeit eines Eindruckes, sondern seine Außer- 
gewohnlichkeitdasHafteninderErinnerungbe- 
gunstigt; der zweijährige Aufenthalt in Breslauer Umgehung 
hatte geringeren Spontaneitätserfolg für die Erinnerung als die fünf 
Wochen des Berliner Ereignisses. Bei unserem Kinde hahen wir Ent- 
eprechendes auf und nach aUen späteren Reisen beobachtet^=«).« 
Diese Tatsache, m Uhereinstimmnng mit den früher von uns vorge- 
brachten, besagt: es ist der I n h a 1 1 des Erlebnisses, der es mehr 
oder weniger geeignet macht, wieder erinnert zu werden. D e r I n - 
halt ißt aber etwas mehr als bloße Disposition 
er ist eine Realität in demselben Sinne wie die' 
Dinge der Außenwelt, die auch nur in geeigneten Momen- 
ten von uns wahrgenommen werden'^"). 

Im Widerspruch mit sich selbst sagt Wundt auch folgendes: „Da 
sich jedes psychische Gebilde ans einer Vielheit elementarer Vor- 
gänge zusammensetzt, die weder sämtlich genau im selben Moment 
zu heginnen noch aufzuhören pflegen, so reicht der Zusammen- 
hang, der die Elemente zu einem Ganzen verbindet, im allgemei- 
nen stets über dieses hinaus, so daß verschiedene gleichzeitige wie 
sukzessive Gebilde selbst wieder, wenn auch loser, untereinander ver" 
bunden sind. Diesen weiteren Zusammenhang der psychischen Vor- 
gänge nennen wir das Bewußtsein"")." Richtig verstanden, besagt 
das: Der Zusammenhang der seelischen Erschei- 
nungenreichtweiter alsdas momentane Bewußt- 
sein, oder, anders ausgedrückt, die BegriffePsychennd 
Bewußtsein (im engeren Sinne) decken sich nicht. 

Die Kontinuität dea psychischen Lebens ist ohne die Vor- 
aussetzung eines „Unbewußten" nicht zu begreifen. Dennoch sucht 
man dem „Unbewußten" aus dem Wege zu gehen mit Hilfe ver- 
schiedener Worte, die man fälschhch für neue Begriffe nimmt. 
Hier ein Beispiel: W. v. Bechterew teilt die Perzeptionen in aktive 
und passive ein. „Im ersten Falle beteiligt sich notwendig das 
Ich des Subjektes, welches je nach unserem Gedankengang und je 
nach den äußeren Umständen die Aufmerksamkeit auf diese oder 
jene Gegenstände hinlenkt, die nun, indem sie unter Beteiligung 
der Aufmerksamkeit in die Psyche eintreten und durch Nachdenken 
und Überlegung verbreitet werden, schließlich zum dauernden Be- 
sitz des persönlichen Bewußtseins oder unseres Ich eich 
gestalten." „Von dieser aktiven Perzeption abgesehen, nehmen wir 
vieles aus der Umgebung passiv auf ohne jede Beteiligung des Ich, 
wenn unsere Aufmerksamkeit mit irgend etwas beschäftigt ist . . . 
oder wenn sie aus diesen oder jenen Gründen herabgesetzt ist . . . 
In beiden Fällen tritt der Gegenstand der Perzeption nicht in das 

6 Kaplan, Paychoanalyie 



82 



Die „ZweiBeelentheorie" Bechterews 



Bewußtsein ein, sondern gelangt in andere Gebiete unserer Psyche, 
die wir als Gemeiobewußtaein bezeichnen können. L e t z - 
t eres erscheinthinr eichen dunabbängig von dem 
persönlichen Bewußtsein, so zwar, daß alles, 
was in das AU gemei nbe wuß t se in gelangt, von uns 
nicht nacb Belieben dem persönlichen Bewußtsein 
überliefert werden kann'")." Was ist der langen Rede 
kurzer Sinn? Eben nur der: Das psychische Leben umfaßt ein wei- 
teres Gebiet von Tatsachen als die Gesamtheit der „bewußten" Er- 
lebnisse, d. h. außer dem Bewußtsein müssen wir auch ein Unbe- 
wußtes annehmen. Ob wir das Wort „Unbewußt" noch so ängstlich 
zu vermeiden suchen und an seiner Statt neue Worte, wie „Allge- 
meinbewußtsein" oder ähnliches prägen, an der Tatsache selbst än- 
dert ea sehr wenig: wir sind gezwungen, psychische Prozesse, denen 
nur die Bewußtheitsqualität fehlt, anzuerkennen, wenn wir allen 
Talsachen des seelischen Lebens gerecbt werden wollen. 

W. V. Bechterews Aueeinandersetzungen haftet aber der große 
Fehler an, daß sie die Psyche dualistisch in zwei prinzipiell von- 
einander unabhängige Gebiete spaltet. Der Mensch besteht gleicb- 
sam aus zwei Seelen, die eine ist mit einem persönlichen bewußt- 
sein ansgeetatlet und hängt eng mit dem Ich zusammen, die andere 
aber scheint vom Ich ganz unabhängig zu sein. Diese Auffassung 
ist für uns unannehmbar; die bisherigen Untersuchungen haben uns 
gezeigt, wie das Unbewußte in das Bewußtsein eingreift und auch 
umgekehrt, wie das Bewußtsein die unbewußten Prozesse modifi- 
ziert. In jedem seelischen Erlebnis kann man die Einflüsse be- 
wußter und unbewußter Faktoren finden, die eich mannigfaltig mit- 
einander verweben. Es gibt also nur eine einzige „Seele", wo sich 
die unbewußten und bewußten Geschehnisse abspielen. Man darf 
darum nicht von verschiedenen Gebieten der Psyche reden 
(höchstens vielleicht im bildhchen Sinne), sondern von psychischen 
Prozessen, deren einzelne Momente bewußt werden. „Die an 
sich unbewußten Tätigkeiten oder Vorgänge . . . hemmen sich, be- 
günstigen sich, schließen sich aus und unterhalten so den seelischen 
Mechanismus, und das schließliche Hervorgehen eines Bewußt- 
seinsinhaltesaus den Vorgängen hat, zwar nicht an sich, wohl 
aber für das Zustandekommen dieser Beziehungen und den Fort- 
gang dieses Mechanismus keine andere Bedeutung, als eines tat- 
sächlichen Nebenerfolges"')." 

Wir sind gezwungen, das Unbewußte anzuerkennen, „wenn ivir 
das bewußte psychische Geschehen nicht als bloßes Nach- und Ne- 
beneinander von Erlebnissen gelten lassen, sondern in einen inne- 
ren Zusammenhang bringen wollen, wie wir ja auch die mit den 
Stunden zunehmenden Schläge der Uhr innerhch verbinden durch 
das Wissen, daß sie regelmäßige Wirkungen eines nach gewissen 
Gesetzen gebauten und wirkenden, unserer Wahrnehmung zumeist 
entzogenen Mechanismus sind^'^)." 



Höheres energetisches Niveau im Unbewußten S3 

5. Erf ahrungagemäß wissen wir also, daß Vorstellungen aus dem 
Bewußtsein verschwinden. Zu nichts sind sie nicht geworden; denn 
dies hättes der Tatsache der Reproduktion widersprochen. Die ein- 
mal dagewesene Vorstellung, die aus dem Bewußtsein verschwun- 
den war, ist wieder da, nicht als eine ganz neue, sondern als eine, 
von der wir wissen, daß sie schon einmal da war. Die Vorstellung 
war also immer da, aber nicht als bewußte Vorstellung, sondern 
bloß als die Möglichkeit, die nur auf die Umstände der ReaUsie- 
rung wartete. 

Alles Vergessene, da es die Reproduktionsmöglichkeit involviert 
(da es em Streben erinnert zu werden bedeutet), hat den Charakter 
potentieller Energie. Diese realisiert sich im Akte des Bewußtwer- 
dens. Wir müssen darum annehmen, daß das energetische Niveau im 
Unbewußten höher ist als im Bewußtsein, da doch Energie nur 
von einem höheren Niveau zu einem niedrigeren normalerweise 
fließen kann. Nur ist der energetische Niveauunterschied zwischen 
Unbewußt und Bewußt beim normalen Vergessen unbedeutend, 
gleichsam wie in einem seichten Wasser, wo nur sehr schwache Be' 
wegungen stattfinden können. 

Wir haben oben ausgeführt, daß Bewußtsein aus der Überwindung 
von Widerstand entsteht; es bedeutet also Arbeitsleistung, Energie- 
verlust. Die „Beharrungetendenz" erzeugt darum einen Widerstand 
gegen das bewußte Erleben. Das Unbewußte aber bedeutet seiner- 
seits eine Erhöhung des energetischen Niveaus. Dadurch bestimmt 
sich die entgegengesetzte Tendenz in der Richtung vom Unbewußten 
zum Bewußtsein (die energetische Entladungstendenz) . D. h. j e d e s 
Erlebnis will vergessen werden, alles Verges- 
sene aber will erinnert werden. 

6. Außer dem normalen sozusagen harmlosen Vergessen gibt ea 
auch ein gewaltsames tendenziöses Vergessen. Schon im gewöhn- 
lichen alltäglichen Vergessen läßt sich eine gewisse Tendenz nicht 
ganz leugnen. „Für den praktischen Gebrauch unseres Intellektes 
ist das Vergessen eine ebenso wichtige Funktion, wie das Erinnern 
. . . Wenn wir uns an alles erinnern würden, »-ürden wir in den 
meisten Fällen ebenso schlimm daran sein, wie wenn wir uns an gar 
nichts erinnerten. Wir würden ebensolange brauchen, um einen Zeit- 
raum in der Erinnerung zu überblicken, wie die betreffende Zeit 
brauchte, um zu fließen, und würden mit unserem Denken niemals 
vorwärts kommen^^*)." Im Vergessen drückt sich die ökonomische 
Tendenz des psychischen Lebens aus: das Bewußtsein von allem 
unnötigen Ballast freizuhalten und dort nur das Notwendigste zu 
lassen. Die nämliche Ökonomische Tendenz ist aber auch in der- 
jenigen Erscheinung, die wir früher als „Verdrängung" bezeichnet 
hatten, nicht zu verkennen. „Die Unterdrückung von psychischen 
Elementen dient dazu, das Geistesleben von Strebungen, die zu Un- 
fruchtbarkeit verurteilt oder schädlich sind, freizuhalten"")." 

Es scheint hier mehr als eine bloße Analogie vorzuliegen. An den 



84 



Unbewußt und vorbevmßt 



mehr oder weniger pathologischen Fällen von Vergessen ist dies 
ohne weiteres klar. Freud stellt für das Vergessen von Namen den 
Satz auf: „Unter den Motiven dieser Störung leuchtet die Absicht 
hervor, die Erweckung von Unlust durch Erinnern zu vermei- 
den'^".)" 

Vor vielen Jahren ist mir ein merkwürdiger Fall von Namenver- 
geasen vorgekommen. Ich sollte nach der Stadt L. fahren, um dort 
eine Prüfung abzulegen. An dem FahrkartenschaUer angelangt, sage 
ich: „Bitte eine Fahrkarte nach — ." Zu meiner größten Bestürzung 
habe ich aber den Namen der Stadt L, vollständig vergessen. Ein 
ganz äußerlicher ZufaH, der uns hier nicht weiter zu interessieren 
braucht, hat mir aus der tragikomischen Situation herausgeholfen. In 
jener Prüfung bin ich aber durchgefallen, darin liegt die Erklärung 
des Falles. Ich war, wie es scheint, nicht ganz sicher, ob ich zum. 
Examen genügend vorbereitet sei, und wollte mir das doch nicht 
offen eingestehen. Unter solchen Umständen war die Vorstellung 
von einer Stadt L. unlustbetont. Es erfolgte eine Verdrängung der 
Unlustbetonten Vorstellung, sie war vergessen. 

Das Vergessen in dem obigen Falle ist durch eine unlustbetonte 
Vorstellung bedingt. Das harmlose Vergessen geschieht derart, daß 
den betreffenden psychischen Elementen die Aufmerksamkeitabe- 
setzung entzogen wird, weil wir kein genügendes Interesse haben, 
uns mit ihnen abzugeben. Die AufmerksamkeitseinsteUung auf un- 
interessante Dinge ist gewöhnlich unangenehm, unlustbetont, für 
längere Zeit sogar peinlich. Somit ist auch daa gewöhnliche Ver- 
gessen gegen die Entwicklung von Unlust gerichtet. — 

Wir teilen die unbewußten seelischen Vorgänge in zwei Arten 
ein : in solche, die „vergessen" sind wegen ihrer „Uninteressanlheit", 
nnd solche, die „verdrängt" wurden wegen ihres „peinlichen" oder 
auch „anstößigen" Charakters. Die psychischen Vorgänge erster Art, 
zu denen auch noch alle unerledigten oder nicht bis zu Ende ge- 
dachten Gedanken gehören, sind zwar „unbewußt", sie können aber 
leicht „bewußt" werden, sie sind „bewußtseinsfähi g". Die- 
jenigen der zweiten Art sind im stärkerem Grade unbewußt, sie 
sollen „bewußtseinsunfähig" heißen. Freud teilt aus diesem 
Grunde das Unbewußte in das „V orbewußte" und das eigent- 
liche „U n b e w u ß t e" ein. Der Begriff „bewußtseinsunfähig" ist 
selbstverständlich ein relativer und bezeichnet nur die Art und 
Weise, wie etwas erlebt wurde; die Aufgabe der Psychoanalyse ist 
es aber, die bewußtseinsunfähigen Vorgänge zum Bewußtsein zu 
bringen'")." 

7. Die Tatsache des Unbewußten besagt, daß die Menschen unter 
der Macht von Triebfedern stehen, die im Dunkeln ihr Wesen trei- 
ben, sie schieben aber in quasi heuchlerischer Weise ihren Hand- 
lungen Motive unter, die nur Scheinmotive sind. Wenn der Jung- 
vermählte den Zug verläßt, weil er Lust hat, sich die Stadt anzu- 
sehen, dann auf den Zug zu spät zurückkehrt, so zeigt das baldige 



^^^^^^^^ Trieb und Tricbhemmnng gg 

Scheitern dieser Ehe, daß schon von Anfang an ein Fluchtversuch 
aus dieser Ehe vorliegt. Dem Betreffenden ist aber diese seine Stim- 
mung noch nicht klar, die Unzufriedenheit mit der Ehe steckt Im 
Unbewußten, und wirkt sich dennoch aua"^) 

Es ist also klar: a) Die w i t k e n d e n I m p u I se u n s e re r 
Handlungen sind nicht immer Motive bewußter 
Natur h) Die Motive, die die Menschen für ihre 
Handlungen vorBchieben, brauchen nicht die 
wirklichenzuaein. 

Aus welchem Grand sind nun die Menschen quasi heuchlerisch? 
Warum schieben sie a n g e b U c h e Motive statt wirklicher 
vor? Nun weil der Mensch ein ^wieBpältigcs Wesen ist: Es sitzt in 
Ihm eme Bestie die das Niederträchtige, grob Egoistische vom gan- 
zen Herzen will; zugleich aber hat sich im Menschen im Laufe der 
Zeit auch ein edlerer Kern herauskristaUisiert, eine hemmende 
Tendenz, die das Bestiahsche m ihm im Zaume zu halten bedacht 
ist. So muß die Besiiahiat im Menschen oft Masken anlegen um 
durchdrmgen zu können. ^ • 

Die Zwiespähigkeit im Menschen heißt, allgemein gesprochen. 
Trieb und Triebhemmung (innerer Drang und mo 
ralischelnstanz). Insofern mit dem Trieb Vorstellungen ver 
Bunden smd, die durch die Triebhemmung vom Bewußtwerden ab 
gehalten werden, sprechen wir von Verdrängung Gedanken 
und Vorstellungen bleiben unbewußt, weil und 
solange sie verdrängt sind. Verdrängt werden sie aber 
weil eine gewisse moralische oder, allgemeiner gesprochen, eine 
kritisierende Instanz in uns sich gegen jene Gedanken und Vorstel- 
lungen sträubt. 

Diese kritisierende Instanz nennt Freud die „Z e n s u r". Darunter 
kann man das System der psychischen Hemmungen verstehen. 

Kein Wunsch, keine Kegung kann zur Geltung kommen, ohne von 
der „Zensur" genehmigt worden zu sein. Es gibt aber einen Aus- 
weg, man kann nämlich die Zensur irreführen. „In ähnlicher Läse 
befindet sich der politische Schriftsteller, der den Machthabern 
unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er sie unverhohlen 
sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unterdrücken, nachträg- 
lich, wenn es sich um mündliche Äußerungen handelt, präventiv 
wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben werden soll. Der 
Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt und entstellt 
darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der Stärke und Emp- 
findlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, entweder bloß ge- 
wisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in Anspielungen an- 
statt in direkten Beziehungen zu reden oder er muß seine anstößige 
Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Verkleidung verber- 
gen, er darf z. B von Vorfällen zwischen zwei Mandarinen im Reiche 
der Mute erzählen, während er die Beamten des Vaterlandes im 
Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weitgehender wird die 



86 



Dynamik der Verdrängong 



Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche den Leaer doch 
auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten"»}." 

Die Zensur ist jene Instanz, die die „Verdrängung" bewirkt. Stel- 
len wir uns das Unbewußte und das Vorbewußte bildlich als zwei 
Lokalitäten vor, so dürfen wir die Zensur an der Grenze dieser 
beiden Lokalitäten setzen. Durch genügende Entstellung und Ver- 
kleidung gelingt es den unbewußten Strebungen in das Vorbewußte 
durchzuschlüpfen. In strengerer Ausdruckaweise müssen wir sagen: 
Die Zensur bewirkt eine Erniedrigung des Gra- 
des der B e wu ß t sei nsf ähi gkeit des Komplexes; 
durch die Entstellung gelingt es dem Komplex, 
diesen Grad wieder zu erhöhen. 

8. Den Zensur-Begriff kann man gelten lassen, solange es nur 
darauf ankommt, schwierige Verhältnisse einer verwickelten psy- 
chischen Mechanik durch ein einfaches Bild zu erläutern. Eine 
wirkliche kauaale Erklärung des Hemmungsvorgangea ist damit 
nicht gegeben. 

Die Frage ist, ob Trieb und Triebhemmung zwei aufeinander irre- 
duzible Größen wären, oder vielmehr ob eine aus der anderen ge- 
setzmäßig gefolgert werden kann? 

Der Trieb ist eine dynamische Größe. Für das dynamische Gebiet 
hat das Gesetz Geltung, daß jede Tendenz, indem sie sich verwirk- 
licht (indem sie agiert), eich selbst verzehrt. Hier einige Illustra- 
tionen physikalischer Natur: Ein gehobenes Gewicht repräsentiert 
ein bestimmtes Quantum Distanzenergie, eigentlich das Streben in 
Bewegung überzugehen. Wird das gehobene Gewicht freigelassen, 
BO realisiert sich jenes Streben, aber in jedem Zeitelement, in dem 
die kinetische Energie anwächst, vermindert sich die Diatanzenergie, 
bis beim Anlangen des gehobenen Gewichtes an die Erdoberfläche, 
sie völlig erschöpft ist, das „Streben sich zu bewegen" gleichsam eich 
selbst aufgezehrt hat. Freie Wärme fließt von der Stelle höherer 
Temperatur zu einer solchen niederer Temperatur. Der Wärmefluß 
bewirkt aber eine allmähliche Verringerung der ursprünglichen 
Temperaturdifferenz, was gleichbedeutend ist mit der Setzung einer 
Tendenz, die gegen die weitere Existenz des Wärmefluases gerichtet 
ist. Kurz gesagt: Indem irgendein Geschehen statt- 
findet, entsteht dadurch eine Gegenwirkung, 
eine Erschöpfung der Möglichkeit des weiteren 
Geschehens inderselben Weise. Diese Gegenwirkung ist 
das Phänomen der Verdrängung. 

Daß das Gesagte auch auf hiologischem Gebiet Geltung hat, er- 
sieht man z. B. aus folgendem. Der französische Gelehrte Georges 
Bohn erzählt: „Die reifen Eier eines Frosches setzte ich einige 
Stunden lang einer sehr intensiven Sonnenbestrahlung aus. Die aus 
diesen Eiern ausschlüpfenden Kaulquappen zeigten nach einigen 
Wochen eine von dem Gebaren normaler Kaulquappen abweichen- 
des Verhalten: sie flohen das Sonnenlicht und waren ausgesprochen 



Dynamik der Verdrängung 87 



negativ photoiropisch. Die lebende SuLatanz dieser Tiere hatte zuerst 
offenbar zu viel Licht abbekommen, jetzt mußte sie es meiden"")." 

„Lassen wir einen konstanten galvanischen Strom von mittlerer 
Stärke durch ein Aktinoaphärium fließen, so beginnen im Moment 
der Schließung an der Anode starke Kontraktiousbewegungen auf- 
zutreten. Daß Protoplasma der Pseudopodien fließt zentripetal, bis 
die Pseudopodien angezogen sind; dann zerplatzen die Vakuolen, 
und es erfolgt ein kömiger Zerfall des Protoplasmas, der von der 
Kathode her während der Dauer des Stromes immer weiter vorrückt. 
Allein dieser Zerfall, der zuerst mit großer Energie begann, wird, 
je länger der Strom schon bindurchfließt, um so langsamer und ge- 
ringer, bis er nach einiger Zeit ganz still steht. Die lebendige 
Substanz des Aktinosphäriums nimmt also im 
Laufe der andauernden Reizung an Erregbarkeit 
ab, eo daß der anfangs heftige Kontraktion her- 
vorrufende Reiz schließlich gar keinen Beizer- 
folgmehr hat"^)." 

Wir sehen, daß auch auf biologischem Gebiete „der Erfolg einer 
Veränderung dieser Veränderung entgegen(wirkt)". Manchmal wird 
dieser ganze Prozeß in die Lange gezogen und seine verschiedenen 
Phasen auf verschiedene Generationen verteilt. So veranstaltete z. B. 
F. Houssay, Professor an der Sorbonne, „mit Erfolg einen sehr eigen- 
artigen Versuch einer experimenlellen Umwandlung. Er untersuchte 
nämlich den Einfluß reiner Fleischdiät bei Hühnern. In der ersten 
Hühnergeneration treten als Folge der ungewohnten Kost sehr deut- 
liche Veränderungen bei den Tieren hervor. In erster Linie erschei- 
nen davon der Verdauungskanal und die Nieren betroffen, der che- 
mische Zustand der Gewebe erscheint deutlich verändert, man ge- 
winnt überhaupt den Eindruck »einer tiefgreifenden, organischen 
Umwälzung'. Von der zweiten Generation ab sind die Abänderungen 
schon erheblich geringer und nehmen in den folgenden Generationen 
ständig ab, bis sie endlich gänzlich verschwinden. Mit anderen Wor- 
ten, man ersieht daraus, daß bestimmte Veränderungen bei längerer 
Dauer der sie hervorrufenden Reize ihre Richtung wechseln und 
zum Änfangsstadium zurückkehren können"^)." „Alle diese Tat- 
sachen sind höchst auffallend, es scheint, als würde der Organismus 
in der ersten Generation gewissermaßen überrascht, so daß er passiv 
den morphogenen Einwirkungen der neuen Diät unterliegt. Von der 
zweiten Generation ab paßt er sich aber den veränderten Bedingun- 
gen an, und versucht sich ihren Einflüssen wieder zu entziehen. 
Hier äußert sich das allgemeine Prinzip der Wirkung und Gegen- 
wirkung. Jede Wirkung, die eine Veränderung des Organismus her- 
beizuführen sucht, ruft die Gegenwirkung hervor, welche dieser 
Veränderung widerstrebt^*^)." Wir sehen also, wie der Organismus 
sich immer weniger empfindlich für eine ständig wirkende Reizung 
zeigt, wie, mit einem Worte, die Beharrungatendenz ihre 
Macht aufiübt. 



i 



88 Der präventive Charakter der Verdrängting 

Wie auf physikalischem, so auch auf biologischem Gebiet entsteht 
aue jeder Wirkung eine Gegenwirkung, die die Wirkung aufzuheben 
bestrebt ißt. Daß diese Gegenwirkung auf Rechnung der Wirkung 
agiert, ersieht man leicht aus folgender physikalischer lUuslration: 
Stellen wir uns ein Wasserrad vor, „das an einem Seil inmitten des 
reißenden Stromes befestigt ist. So lange das Seil lose ist, treibt der 
Strom das Rad abwärts. Von dem Momente aber, wo das Seil stramm 
angezogen ist, kann das Rad gegen den Strom schwimmen, wenn die 
Einrichtung so getroffen ist, daß das Rad das Seil aufwickeln kann. 
Betrachten wir die Bewegung des Wasserrades stromaufwärts 
als eine der Verdrängung analoge Erscheinung, so geschieht sie 
jedenfalls mit Hilfe und auf Rechnung des abwärts fließenden 
Stromes". D. h. die Verdrängung des Triebes ent- 
steht aus dem Trieb selbst, und ist nur eine an- 
dere Daseinsform des Triebes^''*). 

Die ursprünglich physikalisch bedingte Verdrängung erleidet auf 
psychischem Gebiet durch das Dazwischentreten des Assoziations- 
mechanismus eine folgenschwere Modifikation. Wir wissen, daß 
wenn irgendein Erlebnis E mit der Folgeerscheinung F verknüpft 
ist und anderseits E mit E' assoziiert ist, so kann F auch unmittelbar 
dem E' folgen. Die Konsequenz für die Verdrängung ist nun die 
folgende: Die Verdrängung, die ursprünglich nur dem wirklichen 
Erlebnis auf den Fersen folgt, kann unter Umständen schon auf die 
bloße Vorstellung (Erwartung) hin in Funktion treten und dadurch 
das Erlebnis selbst vereiteln. Der Aasoziationamecha- 
nisrnua erteilt der Verdrängung ihren präven- 
tiven Charakter. 

Das Gesagte läßt sich am besten in sexueller Sphäre am auto- 
erotischen Trieb illustrieren. Man macht in der Analyse oft die Er- 
fahrung, daß sich mit der Onanie schon sehr früh und oft vor 
aller Drohung und Mahnung der Erziehungspersonen Versündi- 
gungsgefühle geltend machen. Die Verdrängungetendenz gegen die 
Onanie äußert ihre Wirksamkeit, und sie muß nicht erst aus äußeren 
Einflüssen herstammen. 

Das hat in folgendem seinen Erklärungsgruod: Die autoerotiache 
Betätigung bringt ursprünglich dem Individuum große Befriedigung, 
wird häufig gesucht und führt zu einer Art Rauschzustand. Die auto- 
erotische Wonne, weil sie so leicht zugänglich ist, führt, besonders 
in jugendlichem Alter, zu Erschöpfungszuständen. Erschöpfung ist 
nämlich nur der Zustand der zu weit getriebenen Befriedigung. Regt 
sich dann wiederum einmal der autoerotische Trieb, so wird dadurch 
auch die Vorstellung von der Befriedigungshandlung rege. Mit 
dieser aber ist die Erschöpfung assoziiert. Das Unbehagen des Er- 
schöpfungszustandea tritt in Funktion und verhindert die Tat. D. h. 
die Verdrängung wird präventiv, als würde die autoerotische Hand- 
lung vollzogen und das Unbehagen der zu weit gehenden Befriedi- 
gung begründet gewesen sein. 



Anloerotismnß 89 



. Der Autoerotiker ist unabhängig vom Willen des Änderen, er 
ßteht sich selbst immer zu Diensten. Darin schon liegt für den Men- 
schen die Versuchung begründet, im AutoerotiemuB steckenzublei- 
ben. Was zwingt ihn dennoch dazu, diesen Hang zu überwinden? 
Nun, darauf gibt uns die Dynamik die richtige Antwort, Jeder Reiz, 
wenn er andauert, verliert allmählich seine Wirksamkeit. Jede Sen- 
sation hat die Tendenz allmählich zu verklingen. Das bedeutet, daß 
Sensation nur dort und nur in dem Maße entsteht, als ein G e g e n - 
8 a t z zum vorherigen Zustande gegeben ist. Fehlt der Gegensatz, kann 
es nicht zu Sensation kommen. Die andauernde Sensation steht nicht 
mehr in Gegensatz zu sich selbst, und verschwindet bald. Nur was 
sich von uns unterscheidet, kann als Keiz auf uns wirken. Etwas in 
absolutem Sinne uns Identisches könnte nie als Reiz für uns dienen. 
Nun muß es einleuchten, daß der Autoerotiker, der sich selber zu- 
gewendet ist, auf eine ReizqueUe angewiesen ist, die bald versiegen 
muß. „Der Mensch, der sich selber liebkost, sich selber liebevoll 
beriibrt, sich selber m jedem Moment zu Diensten steht, steht 
nicht in Gegensatz zu sich selbst und hört darum bald 
auf, sich selber ein Reiz zu sein." „Man kann den eigenen Mund 
nicht küssen, nicht sich selbst bewundernd in die Augen schauen 
Die Notwendigkeit, die erotische Sensation auf der Höhe°zu erhalten' 
oder, was dasselbe besagen will, den sexuellen Reiz zu steigern, führt 
aus dem Autoerolismus zum Objekterotismus^")," 

Daß die Verdrängung des Triebes nur eine an- 
dere Daseinsform des Triebes sei, ersehen wir bei dem 
Fhanomen der Scham. Sie richtet sich ursprünglich gegen die Schau- 
und Jixbibitionslust, ist also die Verdrängungsform dieser Lust. Die 
Schamrote die einen überfällt, und die Verlegenheit, wenn das 
bchamgefuhl verletzt wird, tragen an sieh deutlich die Merkmale eines 
fersatzes für die sexuelle Aufregung. Statt auf die sexuelle Zumutung 
erotisch zu reagieren, schämt man sich. D. h. das erotische 
Verlangen verwandelt sich in Schamgefühl: Die 
Verdrängung arbeitet auf Rechnung des verdrängten Triebes. 

9. Die Autoerotifc bedeutet die Lust am eigenen Körper, sie ist 
noch objektlos. Die Notwendigkeit, den sexuellen Reiz zu stei- 
gern, führt aus dem Autoerolismus zum Objekterotismus. Dazwi- 
schen liegt aber die Phase des Narzißmus, wo das Subjekt sich 
eelbst quasi in ein Objekt verwandelt, und auf dieses seine erotischen 
Gefühle (die „Libido") richtet. D. h. das Ich projiziert sich nach 
außen und wählt es zum Sexualobjekt. 

Eine bekannte griechische Sage erzählt: 

N a r fc i 8 B o B, ein schöner Jüngling, erblickt im Wasser sein 

Bild, verliebt sich in dasselbe und schwindet in unbefriedigter 

Sehnsucht dahm; an seiner Stelle läßt die Erde eine nach ihm 

benannte Blume aufsprießen'"). 

Nach einer kamtschadalischen Erzählung spielt die Maus dem 
Gotte Kutka den Streich, „daß sie ihm im Schlafe das Gesicht wie 



90 



Narzißmns, BisexnaÜtät und HomoBcxnalität 



eine Frau anmalt und er nun, als er eich im Wasser erblickt, sich 
in aich selbst verliebt"/*') 

Da der Narzißmus eine Zwischenphase ist auf dem Wege vom 
Autoerotismus zum Objekterotismus und normalerweise das „Ob- 
jekt" dem anderen Geschlecht angehört, so vereinigt der Narzißt in 
sich gleichsam die beiden Geschlechter: er ist quasi bisexuell 
Das spricht die Kamtschadalische Sage unum^vunden aus: der Gott 
Kutka ist wie eine Frau bemalt, und in diese vermeintliche Frau, 
die er im Wasser erblickt, verliebt er sich. Dieser Zug fehlt auch 
der antiken Sage nicht. In einer Variente der Narkiseossage heißt es: 
Narkissoa hatte eine ihm an Aussehen und Kleidung völlig 
ähnliche Zwillingsschwester, die er sehr liebte und mit der er auf 
die Jagd zu gehen pflegte. Als diese gestorben, erblickte er im 
Bilde der Quelle ihr Ebenbild in seiner Gestalt. Obwohl er ge- 
wußt, daß er seinen eigenen Schatten sehe, sei es ihm doch eine 
Erleichterung gewesen, zu wähnen, daß er ihr Bild schaue ). 
D. h. der in sich selbst verliebte Narkisaos erblickt in der von 
ihm geliebten Frau sich selbst, d. h. wiederum er identifiziert die 
Frau mit sich und sich mit der Frau. 

Einer meiner Analysanden, ein junger Mann mit stark gehemmter 
Erotik, erzählt in der Analyse, es habe ihm etwas geträumt, er weiß 
nicht mehr was, nur ein Bruchstück habe er behalten: „Er war eme 
Frau." Ich frage ihn, ob er schon so etwas früher einmal geträumt 
hätte. Ja, es sei schon früher in seinen Träumen vorgekommen, er 
sei eine Frau. Aber auch in Wachphautasien übernahm er öfters 
die Rolle der Frau, um sich dadurch in erotische Stimmung zu ver- 
setzen. Besonders, wenn ihm eine Frau gefällt und er sie besitzen 
möchte, stellt er sich vor, wie sie da liegen würde, übernimmt dann 
ihre Rolle selbst, d. h. denkt sich selbst als diese Frau, und (ohne 
den Widerspruch zu merken oder darauf zu achten) liebkost er als 
Mann die Frau"*). — Wir sehen also, der Mann ist da Mann und 
Frau zugleich, also bisexuell. Und weil er die Rolle der Frau selbst 
zu spielen übernimmt, braucht er sie nicht in der Wirklichkeit. So 
entsteht aus der bisexuellen Anlage des Narziß- 
mus die Sexualhemmung. 

Eine andere Form des Ausweichena vor der normalen Sexualfor- 
derung ist die Homosexualität. Auch diese hängt mit dem 
Narzißmus aufs engste zusammen: der narzißstische Mensch wählt 
das Sexualohjekt mit denselben Geschlechtsmerkmalen, die er 
selber besitzt. „Der Narzißt bleibt auf der Suche nach dem Liebes- 
objekt dort hängen, wo das Objekt ihm am ähnlichsten ausschaut, 
das ist aber naturgemäß leicht ein Mensch von gleichem Geschlecht, 
der dieselben Geschlechtsorgane besitzt wie der in sich selbst ver- 
liebte Narziß""." 

10, Der reine Autoerotismus ist grob sinnlich. Dagegen richtet 
sich die Libido des Narzißten auf ein Schattenhaftes, auf eine Imago, 
er ist seiner inneren Natur nach auf das ÜbersinnHche, also „Unsinn- 



Analogie-Zaober 91 



liehe" eingesteUt. Es ist dem Narzißmus quaai eine asketische Note 
aufgeprägt. D. h. im Narzißmus ist eine Tendenz zur 
Verdrängung der sinnlichen Wirklichkeit ver- 
borgen. 

Diese Tendenz realisiert sich vornehmlich durch die magische 
Idee, die mit dem Narzißmus eng verbunden ist. Wie das geschieht, 
wollen wir nun verfolgen. 

Der Narzißt richtet seine Gefühle auf das eigene Spiegelbild: 
er macht keinen wesentlichen Unterschied zwi- 
schen Bild und Abgebildetem. Daraus entwickelt sich 
leicht die Idee der Bildermagie: alles, was man mit dem Bilde eines 
Menschen vornimmt, muß auch dem Original zustoßen. In weiterer 
Verallgemeinerung ergibt sich daraus die imitative Magie 
(= der „Analogiezauher") : jede Bewegung, die ich vormache, jedes 
Geschehen, das ich dramatisch veranschauliche, muß sich in der 
Wirklichkeit realisieren. Wenn der Primitive in den Krieg zieht, 
veranstaltet er vorher pantomimiflche Tanze, in denen der Sieg über 
den Feind antizipiert wird. Das hat den Sinn, den Sieg zauberisch 
zu sichern. Ebenso veranstaltet man vor einer großen Jagd Jagd- 
tänze, die den erwarteten Jagderfolg in pantomimiBcher Darstellung 
vorwegnehmen. Das hat wiederum den Sinn, den Jagderfolg magisch 
zu sichern^'**). 

Mit der Idee des Analogie-Zaubers sind viele, richtiger gesagt die 
meisten abergläubischen Befürchtungen in Verbindung zu brin- 
gen. Nur ein Beispiel für viele: „Zwischen 11 — 12 Uhr findet die 
kirchliche Trauung statt. An dieser Stunde hängt unser Landvolk 
mit der größten Zähigkeit, denn wie nur der zunehmende Mond, so 
kann auch nur die zunehmende Stunde dem Paar Gedeihen bringen. 
(Mahnungen des Pfarrers, von dem Aberglauben abzulassen, fruch- 
ten nichts.) Da muß schließlich der Pfarrer nachgeben und durch 
Rückstellung der Kirchenuhr die bösen Geister von dem jungen 
Paar fernhalten . . . Die Bauern wissen . . . auch selbst, daß die 
Kirchenuhr nachgestellt wird, aber das ist ihnen einerlei: wenn es 
nur nicht zwölf schlägt, solange sie noch in der Kirche hei der 
Trauung 8ind"==)." D. h. der Gang der Uhr von 12 bis 1 Uhr wird 
als ein Abnehmen der Zeit betrachtet. Die abnehmende Bewegung 
aber übt einen üblen Zauber aus, wie umgekehrt die zunehmende 
Bewegung einen guten Zauber (=^ Gedeihen) ausübt. 

Der Narzißt, der sich selbst lieht, nur von sich selbst eingenom- 
men ist, begreift am besten nur sich selbst. Er ist geneigt, allea 
andere aus dem eigenen Wesen heraus zu begreifen. Darum ist seine 
Naturauffassung antropomorphiach. Das Untergehen und Aufgehen 
der Sonne denkt er sich als Tod und Wiedergeburl des Sonnen- 
gottes. In der Dunkelheit scheint ihm der Vater-Himmel auf der 
Mutter-Erde zu liegen. Aus der ehelichen Verbindung dieser kosmi- 
sehen Ur-Eltern wird jeden Morgen das Licht geboren. Das Licht 
ist aber für die Fruchtbarkeit auf Erden ein wichtiger Faktor. Um 



92 



Der magiEche Koims 



die Fruchtbarkeitswirkung der ehelichen Vereinigung der kosmi- 
schen Ur-Eltern zu verstärken, greift der Primitive zu einer zauberi- 
ecben Analogie-Handlung: zum menschlichen Koitus. Bei fast allen 
primitiven Völkern wird zu gewi&sen Zeiten der Koitus öffentlich 
ausgeübt zum Zwecke, zauberisch auf die Fruchtbarkeit der er- 
schöpften Natur einzuwirken. Hier nur einige wenige Illustrationen: 
„An vielen mexikanischen Festen wurde die Fürsorge der Götter 
für das Wachstum in der Natur dadurch zum Ausdruck gebracht, 
daß Menschen in deren Tracht auftraten und den zum Gedeihen der 
Pflanzenwell notwendigen Koitus durch allerhand Gesten und ob- 
szöne Bewegungen ausführten. Auf diese Weise sollte ein Zauber 
auf den wirklichen Hergang in der Natur ausgeübt werden^''^)." 
Ebenso bei den alten Peruanern. Das Fest fand im Dezember, zur 
Zeit der Ernte, statt. Männer und Frauen begannen auf ein ge- 
gebenes Zeichen hin einen Wettlauf. „Ein jeder Mann, der während 
des Wettlaufs ein Weib erreichte, übte auf der Stelle den Beischlaf 
mit ihm aus. Dieses Fest dauerte sechs Tage und sechs Nächte^^*)." 
Bei den Algonkinstämmen tanzt man durch die Felder, „und ein 
junges Mädchen pflanzt ein paar Kömer eines vollkommenen Mais- 
kolben. Diesem Mädchen wurde früher ein Gatte mit ins Feld ge- 
geben . . .*'^") „Auf Leti, der Sermata und Luanagruppe wird beim 
poreka-Feste die Befruchtung der Erde mimisch durch Ausübung 
des Koitus in der Öffentlichkeit dargestellt' '^)." 

In der Weise bekommt der Koitus den Charakter einer magi- 
Bchen Handlung. Die Feste der Fruchtbarkeit arteten zwar, wie 
viele Beobachter bezeugen, in sexuelle Orgien aus. Aber gerade die 
magische Auffassung des Koitus führt leicht zur asketischen Ent- 
haltsamkeit. „Solche Ackerbauriten können dahin führen, daß wie 
es bei den Tarahumara im nördlichen Mexiko der Fall ist nur im 
Zusammenhang mit der riluellen Trunkenheit an den Ackerbau- 
festen der Beischlaf zur Vermehrung der Rasse vollzogen wird*")." 
Etwas 60 Wertvolles wie die magische Krpft, die mit dem Koitus 
verbunden ist, und die so wichtig ist zum Unterhalten des Lebens, 
darf nicht vergeudet, muß konserviert werden. 

Wir haben bereits oben in der Analyse des Herrn T. (S. 36 f.) auf- 
gezeigt, wie die Überwertung des eigenen Ich einen verhindert, den 
Weg zum Liebesobjekt zu finden. In jeder Liebe ist das Moment der 
Überwertung enthalten: das geliebte Objekt erscheint uns vollkom- 
men, weil begehrenswert. Nun der Narzißt, der sich selbst liebt, 
muß sich selbst überwerten und sich die höchste Vollkommenheit 
bnilegen. Daraus entspringt die Idee der Allmacht, die auch dem 
magischen Tun zugrunde liegt. Eg ist kein Zufall, daß gerade der 
Spiegel, dies narzißstische Werkzeug, eine bedeutende Rolle bei 
verschiedenen magischen Praktiken spielt. Im Kanton Zürich z. B. 
erzahlte man sich von dem Bezirksrichter X., er „kann sterben las- 
sen, wer ihm das Geringste stiehlt. Indem er in einen Zauber- 
spiegelblicfct, sieht er den Täter«.>=^«) In dem „Großen Pariser 



Die Fron — eine magische Gefahr 93 

Zauberpapyroa" gibt ein gewisser Nephotea dem König Psammetich 
das Rezept zur Totenfaeschwörung : man soll nach allerlei Vorberei- 
tungen ein ehernes Gefäß mit Quellwasser auf den Knien halten, 
und, indem man sich bückt, in das Gefäß einen gewissen Zauber- 
apruch hineinsagen; so wird der angerufene Tote erscheinen und auf 
alle Dinge, worüber man ihn befragt, Antwort geben"'"'). D. h. 
wenn man in den Spiegel schaut, sich in die nar- 
zißatisehe Stimmung versetzt, wird manzauber- 
kräftig'""}. 

Ein allmächtiges vollkommenes Wesen kann nichts begehren, weil 
es in diesem Falle nicht mehr vollkommen sein würde. Das Ver- 
langen nach dem Weibe droht also dem Allmachtgefühl des Nar- 
zißten mit Unheil, das Weib kann ihm Schaden zufügen, indem ea 
ihn von seinem hohen Thron auf die arme Erde herabzieht, ihm 
seine magische Kraft entzieht. Und wirklich, in einem indischen 
Märchen wird folgendes erzählt: In einer Stadt wurde in einem 
Tempel ein hohes Fest gefeiert, welches mit einer Prozession ver- 
bunden war. Ein junger Weber schlenderte gerade mit seinem 
Freunde, als eine schöne Königstochter auf einer Elefantenkuh 
herangeritten kam. „IhrAnblickwirkte auf den Weber 
als hätte ihn ein böser Dämon gepackt (d. h. wie' 
Krankheit, die man Dämonen zuschrieb) oder als ob er unter den 
qualvollen Folgen genossenen Giftes stände; denn er stürzte 
plötzlich nieder. Was ihn aber gefällt hatte, das waren die 
Pfeile, mit denen ihn der Gott der Liebe getroffen hatte^"')." In 
orientalischen Märchen kommt häufig der Zug vor, „daß der Held 
beim Erblicken der schönen Jungfrau oder bloß ihres BUdes in Ohn- 
macht fälltV") 

Die narzißstisch-magische Einstellung des Mannes führt ihn dahin, 
in der Frau eine dämonische Gefahr zu erblicken: durch sie wird 
er magisch untüchtig. 

Die Frau droht also dem Manne mit Unheil; um sich gegen dieses 
Unheil zu schützen, erklärt der Mann die sexuelle Tat für Sünde. 
Da man dieser Sünde nicht ganz aus dem Wege gehen kann, so sucht 
man durch verschiedene Kulthandlungen, die mit der Eheschließung 
verknüpft sind, das Unheil, das dem Geschlechllichen anhaftet, sozu- 
sagen zu neutralisieren. Von diesem Standpunkte ist es begreiflich, 
warum der freie sexuelle Verkehr (d. h. der nicht von der Kirche 
magisch unschädlich gemachte) verpönt ist: an ihm haftet noch die 
Angst vor der dämonischen Gefahr, die von seilen der Frau dem 
Manne droht"^). 

In einem chinesischen Märchen vermählt sich ein junger Mann, 
namens Lu, mit einer einsam in der Wildnis lebenden Frau. Die 
näht ihm aus Bananenblättem ein Kleid, das sich in köstliche grüne 
Seide verwandelt. Einmal kam zum Besuch eine sehr schöne Frau. 
Als er sich beugte, um eine ihm entglittene Frucht vom Boden auf- 
zuheben, faßte er heimlich den Fuß der Frau. Diese „lächelte mit 



94 



Das „UnKeil" der Liebe 



fernen Augen, als ob sie nichts verspürte. Als er erregt und seiner 
Sinne unmächtig den Blick auf sein Kleid senkte, gewahrte er, daß 
es nimmer Seide, sondern welkes Laub war, daa um seine Glieder 
hing. Entsetzt faßte er eich zur Ruhe und saß still da. Bald wurde 
das Kleid wieder wie vordem Seide, und er freute sich, daß die 
Damen von der doppelten Verwandlung nichts bemerkt haben. Spä- 
ter jedoch, indes sie weitertranken, berührte er streichelnd (der 
Frau) feine Handfläche . . . Lua Herz schlug gewaltig, da sah er 
wieder das Kleid in dürre Baumblätter verwandelt. Nach einer 
"Weile verwandelte ea sich in Seide zurück . . ."."') — In diesem 
Märchen sehen wir klar, wie der sündige Gedanke sofort Unheil zur 
Folge hat. D. h. ursprünglich war „Sünde" das, was magisch Unheil 
nach sich zog""). Die Angst vor dem magischen Unheil M-irkt als 
Triebhemmung; erst auf einer späteren Stufe, wo der magische Zu- 
sammenhang vergessen wird, bekommt diese Angst den Charakter 
einer ethischen Forderung. — ■ — ■ 

Daß die erotische Sphäre dem Menschen mit Unheil droht, dieser 
zentrale Gedanke der magischen Auffassung läßt sich noch beim 
Menschen späterer Zeiten in Spuren auffinden. Sogar ein Dichter, 
wie Heinrich Heine, steht diesem Gedanken nicht ganz fem. In 
einem Gedicht, zwar in einem scherzhaften Ton gehalten, heißt es: 

Wenn junge Herzen brechen, 
So lachen drob die Sterne, 
Sie lachen und sie sprechen 
Herab aus der blauen Feme : 



„Die armen Menschen lieben 
Sich zwar mit vollen Seelen 
Und müssen sich doch betrüben 
Und gar zu Tode quälen. 

Wir haben nie empfunden 
Die Liebe, die so verderblich 
Den armen Menschen drunten; 
Drum sind wir auch unsterblich." 

Die Sterne sind unsterblich, weil sie die Liebe nicht kennen! Der 
arme Mensch aber geht an der Liehe zugrunde! 

Dieser Gedanke, daß die Frau des Mannes böses Geschick bedeu- 
tet, ist in einem anderen Gedicht von Heine viel aufdringlicher zum 
Ausdruck gebracht. In einem düsteren Gedicht erzählt er: Ein 
Traum, gar seltsam schauerlich, „ergötzte und erschreckte" ihn. In 
einem wunderschönen Garten stand ein Marmorbrunnen. 

Da schaut' ich eine schone Maid, 
Die emsig wusch ein weißes Kleid, 



1 



Ein „Traam" Heines 95 



Er geht hin und fragt die schöne Maid, für wen sie das weiße 
Kleid wäscht? 

Da sprach sie schnell: „Sei bald hereit, 
Ich wasche dir dein Totenkleid!" 
Und als sie dies gesprochen kaum, 
Zerfloß das ganze Bild wie Schaum. 

Bald befindet sich der Träumer in einem düsteren Wald. Dort 
steht ein Eichenhaum, den die schöne Maid mit dem Beil umhaut. 
Er fragt sie, für wen sie den Eichenschrein zimmert? 

Da sprach sie schnell: „Die Zeit ist karg, 
Ich zimmere deinen Totenaarg!" 
Und als sie dies gesprochen kaum. 
Zerfloß das ganze Bild wie Schaiuu. 

Nun befindet er sich auf kahler Heide. Hier findet er wieder die 
schöne Maid, wie sie mit dem Grabscheit die Erde aufwühlt. Er 
richtet wieder die Frage an sie, waa diese Grube bedeuten soll? 

Da sprach sie schnell: „Sei still, ich hab' 
Geschaufelt dir ein kühles Grab." 
Und als so sprach die schöne Maid, 
Da öffnet' eich die Grube weit. 

Und als ich in die Grube schaut'. 
Ein kalter Schauer mich durchgraut; 
Und in die dunkle Grabesnacht 
Stürzt' ich hinein — und bin erwacht. 

Die schöne Maid, der er im Traume fortwährend nachläuft, ist 
zugleich das Unheil, das ihm droht! 

11, Die Frau ale böses dämonischea Wesen, das dem Mann Un- 
heil bringt, liegt auch zugrunde einer grotesk-phantastischen Ge- 
schichte, die Hanns Heinz Ewers erzählt. Die Geschichte ist betitelt: 
„Die Spinne"."«) 

Der Inhalt dieser Groteske ist, kurz zusammengefaßt, der: In dem 
kleinen Hotel Stevens, im Zimmer Nr. 7, ging Merkwürdiges zu. 
An einem Freitag fand man den dort wohnenden Schweizer Hand- 
lungsreisenden an einem starken Haken am Fensterkreuz aufge- 
hängt. Anscheinend lag ein Selbstmord vor. Eine Woche später tat 
dasselbe im selben Zimmer der Artist Karl Krause. Die beiden Selbst- 
morde waren räUelhaft, weil dazu keine vernünftigen Gründe vor- 
zuliegen schienen. Dann bezog das Zimmer der Schutzmann Charles 
Maria Chaumie, um eventuell Aufklärung über das dunkle „ge- 
spenstische" Treiben im Zimmer Nr. 7 der Polizei zu verschaffen. 



9Ö »Die Spinne" 



Eine Woche spater fand man den Polizisten ebenso auf dem Fenster- 
kreuz hängen. 

Nun bot sich der Student der Medizin Richard Bracquemont an, 
das geheimnisvolle Zimmer zu beziehen. Aus dem Tagebuch, das er 
hinterlassen hat, erfahren wir folgendes: In der ersten Zeit geschah 
nichts, der Student studierte fleißig und ließ sich von der Ilotelbe- 
ßitzerin gut füttern. Auf der anderen Seite der sehr schmalen 
Straße, seinem Fenster gegenüber, schien ihm eine schone Frau 
zu wohnen. Er gab ihr den Namen Clarimonde. Sie sitzt hinter den 
Vorhängen, und beobachtet ihn oft. Und ihn zieht ea an das Fen- 
ster, aber gewiß nicht, wie er meint, um eich aufzuhängen. 

Bald entwickelt sich zwischen den beiden folgendes Spiel, Der 
Student schildert das in seinem Tagebuch: 

Wir haben ein seltsames Spiel gefunden, Clarimonde und ich; 
wir spielen es den ganzen Tag lang. Ich grüße sie, sogleich grüßt 
sie zurück. Dann trommle ich mit der Hand gegen die Scheiben, 
sie sieht ea kaum und schon beginnt sie auch zu trommeln. Ich 
winke ihr zu, sie winkt wieder; ich bewege die Lippen, als ob ich 
zu ihr spreche und sie tut dasselbe. Dann streiche ich von der 
Schläfe mein Haar zurück und schon ist auch ihre Hand an der 
Stime. Ein richtiges Kinderspiel, und wir lachen beide dar- 
über . . . 

Übrigens ist das alles nicht ganz so dumm, wie es den An- 
schein hat. Es ist nicht nur ein reines Nachmachen, ich glaube, 
das würden wir beide bald leid werden; es muß wohl eine gewisse 
Gedankenübertragung dabei eine Rolle spielen. Denn Clarimonde 
folgt meinen Bewegungen in dem kleinsten Bruchteil einer Se- 
kunde, sie hat kaum Zeit, sie zu sehen und führt sie schon selbst 
aus; manchmal scheint es mir, als ob es gleichzeitig wäre . . . 
Ea ist bereits klar, Clarimonde ist ein Geschöpf der erotischen 
Phantasie des Studenten; sie existiert in Wirklichkeit nicht, er hat 
sie dort sich gegenüber hingesetzt und läßt sie alle Bewegungen 
ausführen, die er ihr vormacht. Sie ist im Grunde nur ein 
Spiegelbild von ihm selbst, eine Ausgeburt sei- 
ner narzißstischen Phantasie. 

Unser Student bekennt ferner; „Clarimonde — ja, ich fühle mich 
zu ihr hingezogen. Aber da hinein mischt sich ein anderes Gefühl, 
so, als ob ich mich fürchte. Fürchte? Nein, das ist es auch nicht, 
es ist eher eine Scheu, eine leise Angst vor irgend etwas, das ich 
nicht weiß. Und gerade diese Angst ist es, die etwas 
seltsam bezwingendes merkwürdig wollüstiges 
hat,diemichvonihr abhältund doch näherzuihr 
hinzieht. Mir ist, als liefe ich in großem Kreise weit um sie 
herum, käme hier ein wenig näher, zöge mich wieder zurück, liefe 
weiter, ginge an einer anderen Stelle vor und dann schnell wieder 
zurück. Bis ich endlich — und das weiß ich ganz gewiß — - doch ein- 
mal hin muß zu ihr." — Hier ist der Kampf von Trieb und Trieb- 



„Die Spinne" 97 

Hemmung geschildert: Er fühlt sich zu Clarimonde hingezogen, ist 
aber zugleich durch die Angst, die sich seinem Gefühl beimischt, 
wie gelähmt. 

_ Woher diese Angst? Der Student sagt: „Ja, ja, ea muß etwas pas- 
sieren heute. — Ich sage mir vor — ganz laut epreebe ich zu mir, um 
meine Stimme zu hören, daß ich ja d e s h a 1 b hier sei. Aber das 
Schlimme ist: ich habe Angst. Und diese Angst, daß mir etwas 
Ahnhchee zustoßen könne, wie meinen Vorgängern in diesem 
Räume, misch sich seltsam in die andere Angst: die vor Clarimonde. 
Ich kann sie kaum auseinanderhalten." - Die Frau ist ein dämo- 
msches Wesen, von dem dem Manne nur Unheil kommen kann. 
Dieser Gedanke ist es, der der Angst (richtiger gesagt der Aufist- 
neurose) zugrunde liegt. ° 

Und wirklich, wir finden in dem Tagebuche des Studenten eine 
Stelle, wo es heißt: 

Heute morgen habe ich ein kleines Schauspiel gesehen. Ich 
ging im Korridor auf und ab, während der Hausknecht mein 
Zimmer in Ordnung brachte. Vor dem kleinen Hoffenster hängt 
ein Spinnweh, eine dicke Kreuzspinne sitzt darin . . . Da sah ich 
wie eine andere, viel kleinere Spinne vorsichtig um das Netz her- 
umlief, ein Männchen. Beliutaam ging es ein wenig auf dem 
schwankenden Faden der Mitte zu, aber sowie das Weibchen 
sich nur rührte, zog es sich schleunigst zurück. Lief an ein ande- 
res Ende und versuchte von neuem sich zu nähern. Endlich 
schien das starke Weibchen in der Mitte seinen Werbungen Ge- 
hör zu schenken, es rührte sich nicht mehr. Das Männchen zupf te 
erst leise, dann stärker an einem Faden, so daß das ganze Netz 
zitterte; aber seine Angebetete blieb ruhig. Da kam es schnell, 
aber unendlich vorsichtig näher heran. Das Weibchen empfing es 
ßtil] und ließ sich ruhig, ganz hingebend, seine zärtliche Um- 
aiTuung gefallen; unhewegUch hingen sie beide minutenlang 
mitten in dem großen Netz. 

Dann sah ich, wie das Männchen langsam sich löste, ein Bein 
ums andere; es war, als wolle es sich still zurückziehen und die 
Gefährtin allein lassen in dem Liebestraum. Plötzlich ließ es 
ganz loa, und lief, so schnell es nur konnte, hinaus aus dem Netz. 
Aber in demselben Augenblicke kam ein wildes Leben in das 
Weibchen, rasch jagte es nach. Das schwache Männchen ließ sich 
an einem Faden herab, gleich machte die Geliebte das Kunst- 
stück nach. Beide fielen auf das Fensterbrett, mit dem Aufgebot 
all seiner Kräfte suchte das Männchen zu entkommen. Zu spät, 
schon faßte es mit starkem Griff die Gefährtin und trug es wie- 
der hinauf in das Netz, gerade in die Mitte. Und dieser selbe 
Platz, der eben als Bett gedient hatte für wollüstige Begierde, 
sah nun ein anderes Bild. Vergebhch zappelte der Liebhaber, 
streckte immer wieder die schwachen Beinchen aus, suchte sich 
zu entwinden aus dieser wilden Umarmung: die Geliebte gab ihn 

' Eapliin, Piychoannlyse 



98 



Die neurotische Angst 



nicht mehr frei. In wenigen Minuten spann sie ihn ein, daß er 
kein Glied mehr rühren konnte. Dann schlug eie die scharfen 
Zangen in seinen Leib und sog in vollen Zügen das junge Blut 
des Geliebten. Ich sah noch, wie sie endlich das jämmerliche, un- 
, kenntliche Klümpchen . . . loslöste und verächtlich hinauswarf 
aus dem Netz ... 

Halten wir damit eine andere Stelle des Tagebuches zusam- 
men: 

Clarimonde sitzt am Fenster und spinnt. Fäden, lange, dünne, 
unendlich feine Fäden. Sie macht ein Gewebe daraus, ich weiß 
nicht, was es werden soll. Und ich kann nicht begreifen, wie sie 
dies Netz machen kann, ohne immer wieder die zarten Fäden zu 
verwirren und zu zerreißen . . . 

D. h. also, die Frau ist gleichsam eine Spinne, die ihre Netze aus- 
breitet, um das dumme Männchen darin einzufangen und ihm 
dann den Garaus zu machen. 

Da jede magische Idee sich realisieren muß, — das fordert das 
Allmachtbewußtsein des Narzißten — , so kann auch unser „Heid 
seinem Verhängnis nicht entrinnen. Die geisterhafte f rau, die Aus- 
geburt seiner Phantasie, eigentlich sein eigener Doppelganger, 
suggeriert ihm den Selbstmord. Er steht am Fenster. Sem (imagi- 
näres) Gegenüber geht zur Gardine, nimmt die Schnur ab — rot ist 
sie eenau so wie auf seinem Fenster, — macht eine Schhnge, hangt 
die Schnur oben an den Haken des Fensterkreuzes . . . Dann findet 
man unseren Helden aufgehängt, — Die Polizei stellt fest, daß im 
gegenüberliegenden Hause die entsprechende Etage seit Monaten 
leer steht und unbewohnt ist. 

12. Freud vermutet, „es dürfte sich (bei der Angstneurose) um 
eine Anhäufung von Erregung handeln". Nach ihm ist „der Mecha- 
nismus der Angstneurose in der Ablenkung der somatischen Sexual- 
erregung vom Psychischen und einer dadurch verursachten abnor- 
men Verwendung dieser Erregung zu suchen".^^^) Femer sagt er 
noch: „Die Psyche gerät in den Affekt der Angst, wenn sie sich un- 
fähig fühlt, eine von außen nahende Aufgabe (Gefahr) durch ent- 
Bprechende Reaktion zu erledigen, sie gerät in die Neurose der 
Angst, wenn sie sich unfähig merkt, die endogen entstandene 
(Sexual-)Erregung auszugleichen. Sie benimmt sich also, als pro- 
jiziere sie diese Erregung nach außen." „Das Nervensystem reagiert 
in der Neurose gegen eine innere Erregungsquelle wie in dem ent- 
sprechenden Affekt gegen eine analoge äußere^"^®)." 

Die Freudsche Lehre, so wie wir sie bis jetzt entwickelt haben, 
betrachtet die Neurose als verursacht durch einen psychischen Kon- 
flikt. Darum spricht Freud von den Psycho-Neurosen. Im 
Unterschied zu diesen stellt er aber die Aktual-Neurose, 
die durch Schädlichkeiten somatischer Natur entstünde. Zu den 
Aktual-Neurosen soll auch die Angstneurose gehören. 



1 



Realangst und Narzißmus gg 



Stekel und sein Kreis bestreiten nun diesen Charakter der Angst- 
neuroee und nehmen an, daß hinter jedem Angstzustand ein psy- 
chischer Konflikt liege. Witteig z. B. sagt: „Die Angst ist in allea 
Lebendige gelegt. Die Angst vor wirklichen Gefahren nennt Freud 
Kealangst. Die unmotivierte Angat nennt er neurotisch. Es gibt aber 
kerne unmotivierte Angst. Jede Angst ist Realangsi, nur daß der 

lt;en t^Unbe^uXe^J -^^ '^^^'^' ^^^^^ " ^^^^ ^^^^ ^^ ^^^^ 

TL n ■■ ^ " %.,^ °'^ blutschänderischen Triebe aus 
morahscben Gründen ins Unbewußte verdrängt. Sie leidet an ^gst 
zustanden. Wie ist das zu erklären? „Die Tochter hat Ws^vor 
sich selber, vor der Gewalt ihrer Triebe, die .ie zu Abschl^fLhlm 
drangen Im Konflikt zwischen Moral und Trieb, der unteriS 
ausgefochten wird, steigt Angst auf^»") " "iraiscn 

Das Problem ist so aber nicht endgültig gelöst. Denn Freud kann 
darauf antworten (wie er auch ,n Wirklichkeit getan), daß es zwei 
Arten von Angst gibt: eine, die durch den inneren Konflikt he 
dingt sei, und eine zweite, die sich als Aktualoeurose erklären 

Aber in beiden Lehren, in der Stekelschen und der Freudschen 
wird die Verdrängung der Libido einfach vorausEeset^t' 
nicht erklärt. Nach Stekel ist die Angst sozusagen G e w i s 
sensangfit, nach Freud eine Um wan dlun g d e s Trie^ 

S} G S SClOSt» 

Zur Lösung des Problems der Verdrängung müssen wir die 
Freudsche Behauptung umkehren und ihr die folgende Gestalt ge- 
ben: Nicht d, e Ver d r ä n gun g verursacht primär 

die Angst, sondern die Angst verursacht die Vlr^ 
drangung, d.h. sie wirkt sich als Verdrängung als 
Sexualhemmung aus. Die Angat vor dem Sexual! 
Objekt ist vom Standpunkt einer narzißstisch 
magischen Wirklichkeit als Realangat zu be- 
werten. Denn das Sexualobjekt bedroht die Inte 
grität des Narzißmus, die O h jek t - L i h i d o ist der 
Ich-Libido feindlich gesinnt (wie auch umgekehrt) 
Energetisch bedeutet dann die Angst wirklich 
eine Umwandlungsform der Libido, eine andere 
Daseinsform des Triebes""). 

Die geschilderten Verhältnisse sind beim Manne durchsichtiger, 
sie haben aber auch für die Frau Gültigkeit. Der Unwille und die 
daraus resultierende Angst, die narzißstische Persönlichkeit aufgeben 
zu müssen wirkt sich hei der Frau ebenso aus wie bei dem Manne. 
Auch SIC furchtet gleichsam durch die Liebe zum anderen in der 
l^iebe zu sich selbst zu kurz zu kommen. 

Es steckt somit im Narzißmus eine Art Geiz: man gibt nicht 
gern etwas von sich der Objeklwelt weg, weder Materie noch 



200 ^ntstehungs".Angst 



Energie. Beim Manne kann sich das bis zur „Furcht vor Spenna- 
verluBt" steigern. Die narzißstische Frau aber betrachtet ihren Kör- 
per als eine Domäne, wohin kein Fremder eich hineinwagen darf. 

Eine solche Narzißtin meiner Beobachtung, „wenn sie sich einea 
Tages ihrem Manne ganz ungehemmt und ungebunden hingab und 
überglücklich darob war, war am nächsten Tag in seinen Umarmun- 
gen kalt und verschlossen. Eines Tages fragte sie mich sogar in 
vollem Ernst, ob sie nicht bereits häßlich und alt zu werden be- 
ginne, sie merke es mit Schrecken jeden Tag im Spiegel. Dabei ist 
sie nur 21 Jahre alt und eine viel bewunderte Schönheit! Diese 
hypochondrischen Gedanken waren, wie sich dann herausstellte, 
ein Ausfluß ihres Sexualwiderstandes: auch sie empfand das sexu- 
elle Erlebnis als Verlust an Lebenskraft^'^)." 

Aus der primären Angst des Narzißten resultiert der Verdrän- 
gungsmechanismus. Auf Grund aber des Ge setzes der Inver- 
sion (S. 59) kann sich dies Verhältnis umkehren: auf dieser 
Weise entsteht dann sekundär die neurotische Angst 
(im Sinne Freuds). D. b. auch wenn die erotische Entsagung durch 
äußere Umstände aufgezwungen wird, kann es doch, wie man öfters 
beobachtet, zur Entwicklung von Angst kommen. 

Der Zusammenhang zwischen unbefriedigter Liebessehnsucht 
und ,^Entbehrungs"-Angst ist durch ein infantiles Moment mitbe- 
stimmt. Das Kind ruft die Hilfe der geliebten Personen an, sobald 
es irgendwie in Gefahr gerät. Es entsteht im Laufe der Zeit {schon 
auf sehr früher Stufe) eine feste Assoziation zwischen Angst und 
dem Verlangen nach den geliebten Personen. Später läuft diese 
feste Assoziation in umgekehrter Richtung ab: die unbefriedigte 
Liebessehnsucht frischt die infantile Angst auf. In der neuro- 
tischen Angst rekonstruieren wir die infantile 
Situation {die Gefahr), um das Recht zu haben 
bei den geliebten Personen Zuflucht zu nehmen. 

Zum Thema Angst und Liebessehnsucht will ich noch folgendes 
anführen. Das Söhnchen des Autors {damals 2^^^ Jabre alt) hatte 
die Gewohnheit, allnächtlich zu erwachen und laut zu fordern, ins 
Bett zum Papa genommen zu werden. Ich suchte ihn davon abzu- 
bringen, und der Knabe mußte sich endlich darin schicken. Ein- 
mal erwachte er wieder in der Nacht schreiend: „Fürchte! fürchte! 
zum Papa!" Ich beruhigte ihn und bald schlief er wieder. Am an- 
deren Morgen fragte ich ihn vorsichtig, was er in der Nacht ge- 
sehen, und der Kleine erzählte: „Onkel und Tante bewürfen mit 
Schneeballen Bubi; Bubi verlor die Mütze." Wirklich, am Tage vor- 
her ging ich mit dem Kleinen spazieren, es war frischer Schnee ge- 
fallen. Wir sahen zu, wie ein „Onkel" und eine „Tante" lachend 
und scherzend einander mit Schnee bewürfen. Das Schauspiel 
machte dem Knaben viel Vergnügen, und er lachte herzlich. In der 
Nacht beeilt er sich nun das Gesehene auf sich selbst zu beziehen 
und daraus eine Angstsituation zu schaffen. Da er in Gefahr ist, so 



Sünde und ntagisches Unheil !()][ 



hat er natürlich das Recht, den Vater zu wecken und wieder den 
Anspruch zu erheben, zu ihm ins Bett genommen zu werden. Hier 
lat wirklich die innere Erregung, die Sehnsucht, nach außen pro- 
jiziert und in Angst umgewandeh. 

13. Oben sind wir zum Ergebnis gekommen, daß der Verdrän- 
gungsmechamsmus aus der primären Angst des Narzißten her- 
stamme. Diese Angst basiert nun auf der magischen Auffassung, die 
aus der sexuellen Hingabe Unheil erwartet und dies vermeiden 
will. Spater wo der magische Zusammenhang vergessen ist, be- 
kommt die {aus dem Narzißmus stammende) Angst den Charakter 
einer ethischen t orderung. Dazwischen liegt die religiöse Phase, 
wo das magische Unheil sich in „Sünde" verwandelt. 

Wie kommtesnun daß das magische Unheil zur Sünde 
mrd? Warum wird die magische Einstellung durch die religiöse 
abgelost .'' '^ 

Auf einer bestimmten Stufe der Kulturentwicklung ist die Maeie 
keinesfalls nur ein Phantasieprodufct erhitzter Köpfe, sondern et- 
was ziemlich Reales. „Stellen wir uns nämlich eine Gesellschaft vor 
in der jedes einzelne Mitglied an die Realität der magischen Er- 
scheinungen glaubt: In einem solchen Milieu muß jeder magische 
Akt als eine Suggestion wirken. Wenn jemand z. B. das Bild seines 
Nächsten durchsticht, so suggeriert er dadurch diesem den Schmerz- 
die suggerierte Idee realisiert sich dann als wirklicher Schmerz 
den der unglückliche ,Be2auberte' erlebt. Und er kann gar nicht 
anders, als die durch den magischen Akt ihm suggerierte Idee reali- 
sieren weil er doch keinen Augenblick an der Realität der Magie 
zweifelt: Zugrunde der Magie liegt nicht nur die Suggestion son- 
dern (was den Tatbestand noch richtiger zum Ausdruck brinst) 
die Autosuggestio n"^) ." 

„In der Gesellschaft magisch denkender Menschen muß sich 
jeder vor etwas fürchten. Jeder Schritt, jede Bewegung, jedes Wort 
kann gefährlich werden, wie für uns selbst, so auch für unsere Mit- 
menschen. Auf diesem Boden muß es zum Widerstand gegen 
die Magie kommen, muß die Tendenz entstehen, die Magie aus 
dem alltäglichen Verkehr auezuschalten, den Mißbrauch mit ihr 
unmöglich zu machen. Von nun an macht man den Unterschied 
zwischen ,weißer' und »schwarzer* Magie, zwischen solcher, die dem 
Wohle des Menschen dient, und solcher, die bestrebt ist, ihm zu 
schaden. Die letztere Art Magie wird als schweres Verbrechen 
betrachtet und unter Strafe gestelh. Die gutartige Magie, die ,medi- 
einischen' sowie auch kultischen Zwecken dient, wird zwar nicht 
unter absolutes Verbot gestellt, aber der Kreis der Personen, denen 
das Recht, solcher Art Magie auszuüben, überlassen wird, wird 
Behr eng gezogen (die Absonderung der Priesterkaste). Die Ma- 
gieverwandelt sich allmählich ineine .Geheim- 
wissenschaft' . , . ," 

„Den hier geschilderten Weg der Ausschaltung der Magie aus 



JQ2 wD«" Gott in ons" 



dem alltäglichen Verkehr nenne ich den Prozeß der Ver- 
drängung der Magie. Er führt dahin, daß die ,magi8chen 
Fähigkeiten' (d. h. die Empfänglichkeit für magische Einwirkun- 
gen) entarten {Prozeß der Herahsetzung der Suggestibilität). In 
dem die Magie der Öffentlichkeit entzogen wird, muß ßie verküm- 
mern"^)." 

Der Prozeß der Verdrängung der Magie bedeutet die Aufgabe 
der Allmacht durch den Menschen, d. h. die historische Form der 
Überwindung dea Narzißmus. Die nächstliegende Wirkung dieser 
Überwindung ist dann die : An Stelle des selbstherr- 
lichen Individuums wird ein allmächtiger Gott 
gesetzt. „Im religiösen Glauben entsagt also das Individuum 
seiner Selbstherrlichkeit zugunsten des Gottes^'*)." Von diesem 
Momente an vereinigen sich alle magischen Gefahren, die man vor- 
her zu fürchten hatte, zu der einen einzigen, die jetzt der Zorn 
Gottes beißt. 

In der magischen Phase drohen dem Menschen verschiedene 
magische Gefahren. Um sich gegen diese zu schützen, stellt er ver- 
schiedene Schutzmaßregeln auf, die man tabu nennt. „Wenn sich 
aber die verschiedenen magischen Potenzen zu einem Gott vereini- 
gen, verwandelt sich das Tabu zu einem Verbot Gottes und die 
Übertretung des Tabu ist dann Sünde. In der rein magischen Auf- 
fassung droht die Übertretung eines Tabu mit Unheil: die Über- 
tretung ist noch keine Sünde im späteren Sinne des Wortes, und das 
Unheil keine Strafe. Erst als Tabu zu einem Verbote Gottes wird, 
wird das Unheil, das aus seiner Übertretung resultiert, als Strafe 
Gottes verstanden, und dadurch die Übertretung selbst zu Sünde 
gestempelt"' ) ." 

„Erst später lernt der Mensch die Sünde als verabscheuungswür- 
dig, nicht wegen der gleichsam auf ihren Fersen hängenden Strafe 
Gottes zu betrachten, sondern aus Motiven innerer Verurteilung der 
sündigen Tat. Der Gott, der Verbote dekretiert und ihre Über- 
tretung bestraft, dieser Gott wird dann zum inneren Gesetzgeber 
und Richter des Menschen"^)." D. h. der Gott außer uns 
wird zum Gott in uns. 

Wenn ein Mensch „echlecbt" handelt, bereut er es bald; der 
Aufstand des Moralischen in uns gegen unsere impulsive Natur 
ruft einen schmerzhaften Zustand hervor, der gleichsam als Strafe 
für unsere Sündhaftigkeit erscheint. Die Übertretung dea 
moralischen Gebotes bestraft sich selbst, be- 
wirktUnheil, ganz entsprechend der Tabuvorstellung, ■ 

Wir sehen hier eine gewaltige Verschiebung (psychischer Ak- 
zente) vor sich gehen: die ursprünglich narzißstische Angst vor Un- 
heil erscheint dem Religiösen als Sünde, der ethischen Instanz als 
moralisch Verpöntes. Durch die Verdrängung der Magie 
verliert der Mensch das Verständnis für die Motive seiner Hand- 
lungen: er bat die Motive in den Mund von Mächten gelegt, die ihm 



„Die Souveränität des Augenblicks" 103 

nun als fremd erscheinen, obgleich sie nur Maske für ihn selbst 
sind. Es iat doch klar, daß Golt nicht gut die Funktion übernehmen 
könnte, den menschlichen Narzißmus (den Allmachtgedanken, den 
Größenwahn) zu verschlingen, wenn er nicht alaobjektivexi- 
sticrend geglaubt würde. Durch die Verdrängung der Magie 
verschiebt sich die Motivierung der Handlungen aus der mensch- 
lichen (wohl zu begreifenden) Sphäre in die übersinnliche; d. b. 
eigentlich durch die Verdrängung der Magie (welche 
eine Verschiebung psychischer Akzente zur Folge hat) werden 
die Motive unbewußt. Der Mensch wird z. B. asketisch, 
meidet, die Frau zu berühren. Er wähnt, er tue das, um Gott ge- 
fällig zu sein, um sich zu „heiligen". Das wirkliche Motiv, das im 
Unbewußten wirksam ist, ist die narzißstische Fixierung, das nicht 
Aufgehenwollen in dem anderen, der Geiz mit seiner Li- 
bido"^). 

14. Jeder Trieb, jeder Drang, der In uns lebt, sucht eich durch- 
zusetzen. Es läßt sich leicht eine solche primitive psychische Ver- 
fassung denken, wo jeder Augenblick noch in keinem Verhältnis 
steht zu den anderen Augenblicken, wo die Erinnerung und die 
Rückeicht auf die Geaamtpersönlichkeit noch geringe Bedeutung 
hat. Bei solcher Verfassung steht der einzelne Augenblick „den 
anderen Augenblicken als absoluter Egoist gegenüber, will von 
seiner Befriedigung gar nichts zu ihren Gunsten aufgehen". In der 
Geschichte der Ethik ist der Augenblicksstandpunkt z. B. durch 
Aristipos repräsentiert, der das Prinzip der Souveränität des 
Augenblicks behauptete"^). 

Aber das ungebundene Ausleben von Trieben trägt in sich selbst, 
wie oben ausgeführt, hemmende Momente. Die Erinnerung an den 
Ekel und die Leiden, die mit Ausschweifungen verbunden sind, 
ruft das Beatreben wach, solche Leiden in Zukunft zu vermeiden. 
Durch die Erinnerung verbinden sich die einzelnen „Augenblicke" 
zu einer Lebenstotalität, die „Souveränität dee Augenblicks" fällt 
weg, weil die Isolation der Augenblicke gar nicht mehr besteht. 

Wollen wir eine „mythologische" Auadrucksweiae ihrer Bildlich- 
keit wegen behalten und von einer „Zensur" sprechen, so dürfen 
wir jetzt sagen: Die „Zensur" iat eigentlich jene 
Kraft, die die Einheit des Seelenlebens her- 
ßtellt und unterhält. Die „Zensur" vertritt ursprünglich die 
gemeinsamen Interessen der Gesamtheit der Komplexe, deren Zu- 
sammenleben die bestimmte psychische Individualität ausmacht. 
Oder, auch anders ausgedrückt, die Zensur ist in erster 
Linie ein Ausfluß des Selbsterhaltungstriebes 
des Individuums gegenüber den Übergriffen und 
schädlichen S o n de r b e s t r e b u n ge n der einzel- 
nen Komplexe. 

Die „Souveränität des Augenblicks" ist dadurch überwunden, daß 
auf die Interessen der Lehenstotalität Rücksicht genommen wird. 



104 ^^^ Identifikation 



„Soll ein (noch) höherer Standpunkt ala der Individualismus zu 
finden sein, so muß es Gefühle geben, die, indem sie sich in dem 
einzelnen Individuum regen, dieses an eine mehr umfassende To- 
talität knüpfen, ähnlicherweise wie die einzelnen Augenblicke und 
Antriehe in ihm an die individuelle Lebenstotalität geknüpft sind. 
Es muß eine Macht geben, iv eiche die einzelnen 
Individuen untereinander vereinigt und ihre 
Isolation a uf h e b t^^»)." 

Es gibt wirklich eine solche Macht, die die Isolation zwischen den 
Individuen aufhebt: sie hängt mit einer Eigentümlichkeit des Nar- 
zißmus zusammen, die im Effekt einer Überwindung des 
Narzißmus gleichkommt. Wir sagten oben, der Narzißt be- 
trachte die Welt nach dem eigenen Ebenbilde, er macht sich selbst 
zum Maße aller Dinge. Man konnte auch sagen, er sieht überall 
nur sich selbst. In einem aJtindischen Mythos z. B. heißt es: „Am 
Anfang war diese Welt allein der Atman (= das Selbst), iu Ge- 
stalt eines Menschen. Der blickte um sich: da sah er nichts anderes 
ala sich selbst. Da rief er zimi Anfang: ,Das bin ich!' . . ." D. h. 
der (narzißstische) Mensch projiziert sich in die Welt hinein und 
identifiziert die Welt mit sich. Das läßt sich aber umkehren (Gesetz 
der Inversion), d. h. der Mensch identifiziert sich mit allen Dingen 
der Welt. Alles, was er sieht, das ist er. In dieser Phase zerfließt 
der Mensch gleicheam im Kosmos^^**), 

Diese Fähigkeit, sich mit den Dingen zu identifizieren finden 
wir z. B. in einem kalmückischen Märchen geschildert. Ein iunger 
Mann, in ein Pferd verwandelt, fällt in die Hände böser Zauberer. 
Sie führen es hin, um zu toten. Während des Ganges dachte das 
Pferd: „Ach, . . . jetzt bin ich in die Hände dieser Zauberer ge- 
raten; möchte doch, um meine Verwandlung hewerkslellieen zu 
lassen, irgendwas immer für ein lebendes Wesen erscheinen! 
Kaum hatte das Pferd das gedacht, als es einen Fisch im Wasser 
daherkommen sah, und sich in diesen verwandelte. Die Zauberer 
wurden Möwen, und als sie beim Verfolgen nahe daran waren, den 
Fiaeh zu erreichen, sah er eine Taube am Himmel herauffliegen 
und verwandelte sich in diese . . .^*')." — Wir sehen, wie der junge 
Mann ein Wesen sehen muß, um sich in dasselbe verwandeln zu 
können. Es ist eine Konsequenz der Bildmagie: das, was er sieht, 
zu dem wird er. 

Der Narzißt liebt ursprünglich nur sich selbst. Da er aber immer 
dazu verdammt ist, in dem Anderen sich selbst zu erblicken, so 
muß er am Ende den lieben. Aus der n a rzi ß stische n Iden- 
tifikation resultiert die Überwindung des Nar- 
zißmuB. Der Andere hört auf, für mich etwas absolut Fremdes 
zu bedeuten, ich finde mich in ihm wieder, seine Erlebnisse werden 
auch die meinen, ich fühle mit ihm mit, leide mit ihmmit. 
„Mitleid haben" bedeutete ja ursprünglich M i 1 1 e i d e n im buch- 
stäblichen Sinne des Wortes. 



Milien und InJividnnm \Q^ 



Die Macht also, die die Isolation zwischen den Individuen auf- 
hebt, ist die narzißstiscfae Identifikation. Der Narzißmus in 
seiner Entfaltung hebt sich selbst auf. 

Das illustriert uns schön eine buddhistische Sage, wo es von 
einem König, der die Lehre angenommen hat, heißt: „Dann ist 
jener König, der große Herrliche, aus der großen Empfangshalle 
hervorgeechritten, hat den goldenen Söller betreten, auf der sil- 
hemen Ruhestatt Platz genommen und mit liebevollem GemÜt nach 
emer Richtung strahlend verweilt, dann nach einer zweiten, dann 
nach einer dritten, dann nach einer vierten, ebenso nach oben 
und unten: " ^ e r a 1 1 i n a 1 1 e m s i c h w ie d e r e r k e n n e n d , 
hat er die ganze Welt mit liebe vollem Gern Ute, mit 
weitem, tiefem, unbeschranktem, vonGrimmund Grollge- 
klärtem, durchstrahlt. . ."=) « 

15. Es ist hegreifheh, daß, inwiefern der Mensch den Narzißmus 
und damit die eigene Überwertung überwunden hat, er nicht ganz 
frei von Milieueinfiüssen bleiben kann. Es ist aber falsch, Milieu 
und Individuum in dem Sinne einander gegenüberzustellen, daß 
man jenes immer als das Beeinflussende, dieses aber als das' stets 
Beeinflußte betrachtet. Jedes Individuum gehört irgendeinem 
Milieu an auf Grund gemeinsamer Interessen, Neigungen und son- 
stigen affektiven Einstellungen. Das Individuum geht in das Mi- 
lieu als mitbestimmender Faktor ein. Die Forderungen 
der Gruppe, der man angehört, sind nicht etwas Fremdes, von 
außen bloß Kommendes; sie sind eigentlich meine eigenen For- 
derungen, nur von außen her gesehen. Denn niemand hört doch 
auf die Forderungen einer Gruppe, der er nicht angehört. Konflikte 
sind hier möglich. Sie entstehen aber in der Weise, daß jemand 
sich noch zu emem Milieu zählt, wohin er hineingeboren ist ohne 
dahin mehr, zufolge veränderter Umstände, äußerlicher oder inne- 
rer Natur, zu gehören. Mit fortschreitendem Bewußtwerden dieser 
Situation löst er sich von seinem Müieu ab. 

Das erste Milieu, wohin der Mensch hineingeboren wird ist die 
Familie. Die Liebesbeziefaungen, die Fürsorge und Zärtlichkeiten 
die in der Familie herrschen, fügen sie zu einer festen Einheit; da- 
gegen die unvermeidlichen Reibungen, die darin begründet sind, 
rufen Kräfte wach, die auf eine Lockerung der Familienbande hin- 
arbeiten. 

Die Hilflosigkeit des Kindes und die Überschätzung der Eltern 
durch das Kind, macht sie besonders geeignet, als Autorität zu er- 
scheinen. Die Liebe des Kindes zu den Eltern macht es bis zu einem 
gewissen Grade gefügig, ihre Imperative aufzunehmen. Dadurch wer- 
den die Eltern allmählich zur verkörperten Zensur. Später, wenn die 
Autorität der Eltern zu schwanken anfängt, übernimmt die Funktion 
der Eltern die Gottheit. Dieser Übergang wird von den Eltern selbst 
unterstützt. So wird von den Eweem (Afrika) erzähh: „Wenn ein 
Sohn seinem Vater ungehorsam gewesen war, so ermahnt er den- 



106 



Vater, Gott, König 



selben wohl mit den Worten: ,AU dich Gott in diese Welt sandte, 
hat er dir gesagt, du sollst ungehorsam aein?'"^^^) Seine wankende 
Autorität sucht der Vater durch Berufung auf die Autorität des 
himmlischen Vaters wieder zu befestigen. 

Die Zensur hat ihren Vorsteher auch auf Erden, nämlich in der 
Gestalt des Königs, der bekanntlich geschichtlich und psychologisch 
in direkter Beziehung zvi- Vatergewalt steht. Auf manchen Stufen 
der gesellschaftlichen Entwicklung ist es schwer zu erkennen, wo die 
große Familie aufhört und der Staat anfängt, und der russische 
Bauer nannte noch vor gar nicht langer Zeit den Kaiser: Zar-Bat- 
juschka {= Väterchen). Auch die Könige sind geneigt, ihre irdische 
Autorität durch Berufung auf die Autorität des Gottes zu unter- 
stützen. Zu diesem Zwecke werden die Könige oft in genealogische 
Beziehung zu dieser oder jener Gottheit gebracht. So z. B. bei den 
alten Germanen. „In Gedichten wurde der Adel der Ingväonen ge- 
priesen, die Könige und Stämme dieses Bundes rühmten sich ge- 
meinsamen Ursprunges. Tiuz in Menschengestalt war herabgestiegen, 
Ingvio war sein Sohn und erster König, das Königstum ist 
vom höchsten Gotte e i n g e s e t z t^^^)." Ebenso noch fast 
in unseren Tagen. Vor einigen Jahren bei der Beeidigung des Erz- 
bischofs von Köln, Dr. Felix v. Hartmann, sagte WiUiehn II.: „Ihre 
bisherige Amtsführung gibt mir Zuversicht, daß Sie auch in Ihrer 
neuen Würde Ihre Geistlichen und Gemeinden lehren und anhalten 
werden, mit der Anhänglichkeit an Ihre Kirche zu verbinden, treue 
Ergebenheit gegen mich und mein Haus, warme Liebe zum deut- 
schen Vaterland und Gehorsam gegen die von Gott ver- 
ordnete Obrigkeit." (Nach Zeitungeberichten.) „Könige 
sind fast immer fromm gewesen. Es ist ja so natürlich, daß der 
König das Prinzip der Autorität anbetet, da er selbst nur bestehen 
kann, wenn das Prinzip besteht^"^)." 

In einer weiteren Phase der Entwicklung, wenn sich die Mensch- 
heit vom Vaterprinzip emanzipiert, geht die Ausübung der Zensur 
in die Hände der Gemeinschaft selbst über und tritt uns dann als 
eine bestimmte Rechtsordnung entgegen'^"). Zwar ist mancher 
Rechtsgelehrte geneigt, die psychologische Natur der Rechtsnorm 
zu verkennen und das Hauptgewicht auf die hinter sie stehende 
Staatsgewalt zu legen. Man bedenke aber folgendes: Die Gewalt 
steht auch der religiösen Norm zur Seite, in Person des zürnenden 
und strafenden Gottes, ebenso im Leben des Kindes in der Person 
des strafenden Vaters. Die Gewalt ist kein spezifisches Merkmal der 
Rechtsnorm, weil jede Norm notwendigerweise den Zwang voraus- 
setzt. Ob man sich diesen Zwang physisch oder mystisch vorstellt, 
ändert an dem real-psychologischen Charakter dieses Zwanges 
nichts. Anderseits, und das ist die Hauptsache, wird ein Rechtssatz 
zur wirklichen Rechtsnorm erst durch unsere Bereitwilligkeit ihn 
anzuerkennen, andernfalls haben wir eine bloße Gewaltäußerung 
vor uns. Staatsanwalt Erich Wulffen (Dresden) sagt sehr treffend: 



Reclitsordnutig JQJ 

„Es gibt , . . Verbrechen . . ., bei deren Verübung der Täter sich 
des Kriminellen seiner Handlung zwar bewußt ist und bleibt, gleich- 
wohl aber sich als Verbrecher nicht fühlt . . . Hierlier gehören die 
wegen Zweikampfes, Kartelltragens usw. Verurteilten . . . Auch die 
Verurteilung wegen Tötung im Zweikampf wird nicht als eine krimi- 
nelle empfunden . . . Ebenso Beleidigung, leichte und gefährliche 
Verletzungen, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Anlauf, Wi- 
derstand gegen Staatsgewalt, . . . unbefugtes Jagen"')." Daß die 
Staatsgewah selbst sich am Ende genötigt fühlt, dem Nicht-Aner- 
kennenwollen eines Rechtssatzes Rechnung zu tragen, ist aus folgen- 
dem ersichtlich. Die Motive zu dem neuen sächsischen Foratstraf- 
gesetze führen folgendes an: „Der Grund für die mildere Behand- 
lang des Forst dJebatahls wird in erster Linie auf geschichtlichem 
Boden zu suchen sein. Der Wald war in Deutschland lange Zeit 
Gemeingut oder doch Gegenstand des Gemeingenusses. Dies ist seit 
Jahrhunderten anders geworden. Gleichwohl ist aber bei gewissen 
in waldreichen Gegenden wohnenden Bevölkerungskreisen der 
Eigentumsbegriff hinsichtlich des Waldes noch 
heute nicht zur vollen Anerkennung gelangt. Der 
Glaube an die Daseinsberechtigung althergebrachter Eingriffe in 
den Waldfrieden ist nicht erschüttert. Man sieht in der An- 
eignung fremder Walderzeugnisse keine ent- 
ehrende Handlung, keine Entwendung, die mit dem ge- 
meinen Diebstahl an Schwere vergleichbar sei . . . D e r G e s e t z - 
geber kann an dieser Tatsache nicht vorüber- 
gehen. Verfahre er anders, so würde die Strafe 
nicht als Sühne, sondern als etwas Gehässiges 
empfunden werden und ihre Wirkung verfehlen"^)." Man 
sieht, das Gesetz wird zur Rechtsnorm erst mit der Anerken- 
nung seitens der (in der organisierten Gesellschaft lebenden) Indi- 
viduen. Damit ist aber die psychologische Natur der Rechtsnormen 
geoffenbart""). 

Die verschiedenen „Zensuren" unterscheiden sich hauptsächlich 
durch die Autoritäten, auf die wir sie beziehen. Da die verschiedenen 
Autoritäten nicht nur nacheinander entstehen, sondern auch 
oft nebeneinander bestehen bleiben, so existiert darum in 
jedem Individuum nicht eine einzige zensurierende Instanz, viel- 
mehr einige solche Instanzen, deren Grundsätze manchmal mitein- 
ander in Widerspruch geraten. So können die religiösen Normen 
mit den Geboten des Königs in Konflikt kommen. Dadurch tritt 
eine gewisse Unsicherheit im Verhalten des Individuums ein, was 
sich das Unbewußte zum Nutzen macht. 

Die Norm tritt uns auch in Form der „Sitte" entgegen. Die Sitte 
unterscheidet sich von den übrigen Normen nur dadurch, daß hier 
keine stellvertretende Autorität in Erscheinung tritt. Im übrigen 
unterscheidet sich die Sitte von den religiösen und rechtlichen Nor- 
men nicht : derselbe Zwang auf die einzelne Persönlichkeit und die 



108 Sine, ethische Norm 



Bestrafung in Form von Verachtung, wenn die Norm übertreten 
wird. Hier fällt noch mehr die innerliche Natur der Norm ins Auge. 
Denn die Verachtung kann nur den als Strafe treffen, der die Be- 
rechtigung dieses Aktes anerkennt. 

In der letzten Phase ihrer fortschreitenden Entwicklung wird die 
Norm auf die Autorität des individuellen Ich zuriiekbezogen; dann 
haben wir die ethische Norm vor ims. Nicht weil Gott, der 
König, der Staat (das Gesetz) oder die Sitte es fordert, handle ich 
so oder so, sondern weil mein Ich nicht anders will und kann, so 
lautet die ethische FormeP""). Es ist die vermeintliche Freiheit der 
moralischen Individualität. Jedenfalls bedeutet sie die 
Ablösung des Individuums vom Vaterprinzip, 
d. h, vom Infantilen. Erst dadurch wird das Individuum zum 
Erwachsenen. 

Auch die Übertretung der ethischen Grundsätze zieht Bestrafung 
nach sich: Gewissensbisse, Tragik, Neurose. Der Strafrichter ist das 
nach außen projizierte Gewissen; umgekehrt ist das Gewissen als 
der im Inneren des Individuums sitzende Richter aufzufassen. Die 
kritisierende und richtende Instanz kann von zwei verschiedenen 
Seiten her betrachtet werden — psychologisch und soziologisch — ^ 
weil sie mit einer Fläche dem Inneren des Individuums, mit der 
anderen der Gemeinschaft zugekehrt ist. Die beiden Betrachtungs- 
weisen ergänzen einander. 

16. Es tritt an uns jetzt die Frage heran, wie es komme, daß Ver- 
drängung Erlebnisse unbewußt macht? Solange wir mit dem mytho- 
logischen Bilde der „Zensur" arbeiten, scheint die Sache ziemlich 
einfach zu sein : Natürlich sind gewisse seelische Regungen zu einem 
„unterirdischen" Dasein verurteilt, weil die strenge „Zensur" die 
Wache an der Pforte des Bewußtseins hält, sie nicht akzeptiert ihnen 
also den Durchgang durch jene Pforte nicht gestattet. Die verpönten 
Regungen müssen darum oft Maskerade spielen, um unerkannt von 
der Zensur einmal ins Bewußtsein durchzuschlüpfen. 

Mit dieser Mythologie können wir uns aber nicht befreunden 
und müssen sie durch etwas Exakteres ersetzen. Wir haben oben den 
Versuch gemacht, die Verdrängung dynamisch zu begreifen, sie zum 
Teil auf die Gegenwirkung, die aus der Dauer der Wirkung selbst 
resultiert, und zum Teil auf die narzißstische Fixierung zurückzu- 
führen. Auf diese Weise entstehen im Individmun Gegentendenzen, 
die zusammen mit den primären Tendenzen das Wesen der Psyche 
ausmachen. 

Ea gilt zwar bei vielen Psychologen als ein ausgemachter Satz, 
daß angenehme Erlebnisse eine stärkere Tendenz zum Erinnert- 
werden besitzen als unangenehme. Wemi das auch in gewissen Gren- 
zen richtig sein mag, so zeigt doch eine sorgsamere Beobachtung, 
daß die Sache nicht ganz so einfach sei und durch manches kompli- 
ziert wird. Die Resultate der Beobachtung werden auf diesem Ge- 
biete durch eine Fehlerquelle stark beeinträchtigt, die da heißt: 



Verdrängung nnd Verecliiehung 109 

„Erinnerungsoptimismus". Er besieht nun darin, „daß 
wir unsere früheren Erfahrungen für angenehmer hahen, als sie 
wirklich waren, und nicht darin, daß dieselben besser behalten wor- 
den sind. Statt daher ... zu sagen, daß wir uns besser (d. h. klarer 
und deutUcher) unserer angenehmen Eindrücke erinnern, würde ich 
betonen, daß wir die Neigung haben, uns in der Erinnerung einen 
früheren Eindruck angenehmer vorzustellen".^"^) 

Die ersten peinlichen Erlebnisse beim Kinde sind wahrscheinlich 
diejenigen, wo es an etwas Hartes oder Spitziges anstoßt oder einen 
heißen Gegenstand anfaßt. Diese unbedingt unangenehmen schmerz- 
haften Erlebnisse werden nicht vergessen und ihre Nachwirkung 
ist so groß, daß es oft große Mühe kostet ein Kind dazu zu be- 
wegen, einen Gegenstand wieder zu berühren, an dem es sich ein- 
mal verletzt hat. Ein peinliches Erlebnis ruft also zwar Abwehr- 
reaktionen hervor, braucht aber nicht unbedingt „vergessen" zu 
Werden, ins Unbewußte zu versinken. Im Gegenteil, die Erinnerung 
an manche peinliche Erlebnisse dient uns als Schutz, als Warnung, 
macht uns den möglichen Gefahren des Lebens gegenüber besser 
gewappnet. 

Daß die Verdrängung in vielen Fällen, ja in den meisten Fällen 
zum Unbewußtwerden von Erlebnissen führt, wird erst begreiflich, 
wenn man die Verdrängung in ihrer Beziehung zur 
Verschiebung in Betracht zieht. 

Um die Untersuchung dieser Frage klarer zu gestalten, wollen wir 
uns an ein konkretes Beispiel halten. Wir wählen zu diesem 
Zwecke den Fall von Frl. B. (Kap. I). Bei den Nachbarn war ein 
Kindchen zur Welt gekommen. Die Kleine wollte nun gerne wissen, 
woher die Kinder kommen, und wendet sich mit ihrer Frage an die 
Mutter. Statt eine vernünftige und ihre Neugierde beruhigende Ant- 
wort zu bekommen, erntet sie nur Schimpf und strengen Verweis. 
Hier stoßt die Wißbegierde des Kindes auf eine äußere Schranke, 
auf eine gewisse Schwierigkeit. Da die Lust zu fragen dadurch nicht 
gebrochen ist, eher noch der Trotz zu fragen geweckt ist, die äußere 
Schranke aber unüberwindlich ist, so verschiebt sich die Fragelust 
von der verpönten Frage auf harmlose. Jahrelang ist eine gewisse 
Affektivität von dem ursprünglichen Vorstellungskreis abgelenkt 
xuid an verschiedene andere Vorstellungen geknüpft. Die Vor- 
stellungß" sind aber nur Anknüpfungspunkte 
für die Affekte. Sie sind gleichsam nur Schatten der Unter- 
well, die vom Blute der Affekte trinken müssen, «m lebendig zu 
werden. Durch die Verschiebung der psychischen Akzente, der B e - 
deutsamkeiten der Dinge, bekommen die Dinge ein an- 
deres Aussehen für uns. In mythologischer Ausdrucksweise sagen wir 
dann, die unbewußten Regungen haben sich maskiert, um in der 
entstellten Form die „Zensur" umgehen zu können. Wir schreiben 
ungerechterweise den Regungen intelligentes absichtliches Tun zu, 
was in Wirklichkeit nur die Folge ist der Verschiebung der „Ge- 



110 Polarität 



wichte": die mit Akzent beladenen Vorstellungen echnellen in die 
Höhe und werden bewußt, die anderen dagegen bleiben durch den- 
selben Vorgang unbewußt^^^). 

In unserem Falle ging die Verscbiebung noch ein Stück weiter, 
indem sich die Frageluat nach dem Prinzip des Gegen- 
satzes (Polarität) verschoben hat; Es drängte sich ihr in der 
Kindheit, wie wir hörten, die Frage auf, warum die Menschen ster- 
ben, woher der Tod kommt. Tod und Lehen sind Gegensätze, die 
einander voraussetzen. Das primitive Denken vereinigt diese Gegen- 
sätze zu einer festen Einheit. Hier einige Illustrationen: Eine schizo- 
frene Patientin Spielreins erklärt: „Novozoon - — aus einer Art von 
Wasserstoff — ist ein Präparat von Totenstoff." In der Sprache die- 
ser Patientin bedeutete Novozoon das lebenerzeugende Sperma. 
Dieselbe Patientin erzählt ferner: „Ich war in einer Zelle ... da 
war eine Schlange ... sie ist eine Kinderfreundin. Sie würde 
diejenigen Kinder retten, die zur Erhaltung des Menschenge- 
schlechts notwendig sind." Auf die Frage, wie rettet die Schlange, 
gibt die Patientin die Antwort: „Sie kann nützlich sein, kann aber 
auch Gift gehen, das tötet^^^)." Die Schlange (r= Phallos) ist die 
Lebenaretterin, zur selben Zeit aber bringt sie den Tod. Das Schlan- 
gengift erscheint als Sperma (= lebenspendender Stoff) und als 
Totenatoff. Dieselbe Denkweise ist auch im Volke erbalten, wie der 
folgende Brauch zeigt; „^er tote Bauer wird in der Kammer auf 
dem Leichenbette aufgeb2thrt und sauber angezogen. Gewöhnlich 
benutzt man zu diesem Zwecke das Hochzeitsklei d"^) ,'* Tod 
und Leben sind im Denken eng miteinander verknüpft, und so läßt 
sich leicht die Fragelust von dem einen auf das andere, und auch 
umgekehrt, verschieben. Dadurch wird aber der ursprüngliche Sinn 
und Grund des Fragens unkenntlich gemacht. 

Die oben beleuchtete Polarität von Leben und Tod ist nur 
ein Spezialfall einer allgemeineren Gegensinnigkeit aller psychi- 
schen Urphänomene. Sehr häufig treffen wir diese Gegensinnigkeit 
in der Sprache an. So z. B. in den Worten wider und w i (e) d e r. 
In der russischen Sprache bedeutet Nikto Niemand und Nekto 
Jemand. Beide Worte bestehen aber aus K t o Wer und N i oder N e 
Nein. — Manchmal werden zwei polare Sinne auf zwei verwandle 
Sprachen verteilt. So z. B. bedeutet polnisch zapomniec ver- 
gessen, dagegen russisch zapomnit'im Gedächtnis behalten. 

Das Wort Gehen zeigt eine ganze Reihe polarer Bedeutungen 
auf, die ich dem „Wörterbuch der deutschen Sprache" der Brüder 
Grimm entnehme. Gehen heißt einerseits fortgehen (z. B. 
ich gehe und überlasse dich dir selbst), anderseits aber hat es die 
Bedeutung von kom men, so z. B. in der mittelalterlichen Formel 
der Eheschließung: 

ge her und nim si ze rechte e 

Ferner: in die Eivigkeit gehen = sterben; dem steht gegenüber: 
in die werlt gen = zur Welt kommen. Auch wird das Wort Gehen 



Polarität Hl 



für S t e h e n gebraucht : g e h t mir die Locke? =^ s t e h t mir diese 
Locke an? Endlich werden die gegeusinnigen Gehen und Stehen 
zueamraen zur Bezeichnung eines und desselben Zustandes genom- 
men. So sagt ein mittelalterlicher Schriftsteller : „amor sui, liebe zu 
im selhs, also das ain mensch ganz gericht würt auf sich aelbs . . . 
in Klaidungen, in g o n und s t o n . . ." 

Auch die Wahrnehmungen können polaren Charakter annehmen. 
So beschreibt z. B. Strindberg („Die Beichte eines Toren"), wie sein 
Held Axel an einem kalten Herbsttage ein Seebad nimmt: „Der 
Wmd war rauh, und in diesem Monat Oktober konnte das Wasser 
nur wenige Grade über Null haben. Nach einem Lauf über die 
Felsen stürzte ich mich kopfüber ins Wasser ...Ichhatte den 
Eindruck, als sei ich in glühende Lava gefalle n." 
— - Auch mein Söhnchen schrie gewöhnlich, wenn es in einem kalten 
Zimmer entkleidet wurde: „Heiß, heiß!" — Ebenso heißt es hei 
Nietzsche: „So kalt, so eisig, daß man aich an ihm die Finger ver- 
brennt! Jede Hand erschrickt, die ihn anfaßt! — Und gerade darum 
halten manche ihn für glühend" („Jenseits von Gut und Böse" 
Aphor. 91). 

Das Wort „oder" scheint gewöhnlich etwas auszuschließen, vom 
logischen Standpunkte aber hat dieses Wort auch den Sinn von 
„und". Wenn ich z. B. sage: „Max oder Moritz hat diesen Streich 
verübt," fio hat dies zugleich die Bedeutung von : „Max und Moritz 
könnten mögUcherweise diesen Streich verübt haben." Durch die 
ausschließende Relation: „A oder B" wird die Zusammengehörig. 
keit von A und B zur selben Klasae der Möglichkeiten behauptet'"'). 
Wenn zwei Dinge in einer Relation zueinander stehen, so ist das 
eine ohne das andere nicht zu denken. Die Gegensinnigkeit ist aber 
eine bestimmte Relation, wie jede andere. Wenn wir vom Leben 
sprechen, so ist damit der zugehörige Gedanke vom Tod wenigstens 
leise angeschlagen. Man kann nichts bejahen, ohne die Möglichkeil 
des Verneinens dabei vorauszusetzen. Die Gegensinnigkeit (die Po- 
larität) ist darum ein ürphänomen'*"). Erst allmählich lernen wir 
die einzelnen Glieder des Gegensatzpaares aus der Relation heraus- 
zuheben und in mehr absolutem Sinne zu gebrauchen. 

Die psychische Polarität besteht also darin, daß eine bestimmte 
Reaktion zwei entgegengesetzte Tendenzen zum Ausdruck bringt, 
oder irgendeinem Ausdruck entgegengesetzter Sinn beigelegt wird. 
Nach dieser Abschweifung kehren wir zu unserem Fall zurück. 
Die Verschiebung auf das Todesproblcm wird hier noch dadurch 
erleichtert, weil hier der Todeswunech gegen die Mutter anziehend 
wirkte. Dieser Todeawunsch bleibt jedoch der Analysandin u n b e ■ 
wüßt, wird nichtals solchererinnert. Wir sahen aber, 
daß sie auch später den Todeswunsch gegen eine andere Rivalin, 
die Braut des Bruders, offen eingesteht. Die Situation ist diesmal 
die nämliche, wie damals in der Kindheit: Eine Rivalin zieht die 
Sorgfalt und die Aufmerksamkeit des Liebesobjektes an sich, weckt 



222 Die synthetische Funktion des Icii 



dadurch die Eifersucht des Kindes und wird von ihm in Haß zum 
Tode verwünscht. In dem späteren Fall wird der Todeswunsch leicht 
zum Bewußtsein gebracht, dagegen bleibt der frühere Todeswun8ch 
gegen die Mutter dauernd unbewußt. Man muß aber bedenken, daß 
die Braut des Bruders von Anfang an ein Eindringling, eine Fremde 
ist, die sozusagen noch nicht den Schutz des Hausherdes genießt. 
Dagegen gehört die Mutter von Anfang an zu uns, die Wirklichkeit 
läßt sich ohne sie nicht denken: sie war „immer" da. Sie ist „meine" 
Mutter, also quasi ein Stück von mir selbst. Der Todeswunsch gegen 
die Mutter berührt nicht nur sie allein (wie im Falle der Fremden), 
sondern in erster Linie „mich" selbst, „ich" werde sie entbehren 
müssen. Es leuchtet ein, daß aus dem Todeswunsch gegen die Mutter 
eine ziemlieh starke Gegentendenz resultieren muß, d. h. d e r H a ß 
gegen die Mutter gebiert aussich selbsteinehef- 
tige Liehe zu ihr. Das bedeutet wiederum eine Verschie- 
bung des Affektes von dem negativen Pol auf den 
positiven. Diese neuerliche Verschiebung bewirkt das ünbe- 
wußtwerden des ursprünglichen Gedankens^"'). 

Das Gesagte läßt sich nun auch etwas anders fassen: Haß und 
Todeawunsch gegen Personen, die uns nahe stehen, die in unser Ich- 
Gefühl hiaeinbezogen sind, richtet sich gewissermaßen gegen uns 
selbst. Durch solche Haßgefühle kommt das Ich in Widerspruch 
mit sich selbst. Nun haben wir oben gesehen, daß das Ich durch die 
Überwindung der „Souveränität des Augenblickes" zur Geltung 
kommt. D. h. also zur Natur des Ich gehörtnotwendig 
eine aynthe tische (vereinheitlichende) Funk- 
tion, das Ich verträgt keinen Widerspruch, 

Wir haben oben ausgeführt, daß Bewußtsein aus der Überwindung 
des Widerstandes, den die Objekte der Welt uns leisten, entsteht. 
Nun steht das Ich im Gegensatz zum Nicht-Ich, dieser Gegensalz 
wird eben in der Überwindung jenes Widerstandes miterlebt. Das 
Nicht-Ich ist das, was dem Ich, in seinem Bestreben sich zu ent- 
falten, zu agieren, Widerstand leistet. Es leuchtet also ein, daß in 
jedes Bewußtsein-Erlebnis zugleich Ich-Bewußtsein eingeht und 
eingehen muß. Daraus folgt aber ferner, daß Bewußtsein, um zu be- 
stehen, sich den Forderungen des Ich unterwerfen muß. D. h. 
alles, waa von der synthetischea Funktion des 
Ich nicht erfaßt werden kann, unbewußt bleibt; 
Was das Ich nicht verträgt, kann nicht bewußt 
werden. 

Wohl gemerkt: alles, waa zum Ich in keiner Weise gehört, ist 
auch unbewußt nicht da. Nur das, was man eigentlich 
will und doch nicht will zugleich, ist unbewußt. Das ün- 
hewußtwerden kommt auf Grundlage der Polarität zustande. Weil 
z. B. der Haß die Liehe polar voraussetzt, kann er sich als Liebe 
gebärden. Durch diese polare Verschiebung (Affektverwandlung) 
wird der Haß unbewußt. 



Eine Kentenneurose II3 



Wir wollen noch ein Beispiel einer tlieo Fetischen Analyse unter- 
ziehen, und zwar aus dem Gebiete der Unfallneuroae. Ein Arzt er- 
zahlt: „Im Halbdunkel, umgeben von allerlei phantaatischeni Ge- 
rat hegt em alter Hysteriker in meinem Heilzimmer auf dem Be- 
^rf. -""f *"'^''- '^«'^Sestern abend war er angekommen, ein früherer 
Ufliziersbursche mit guten Manieren und einem offenen, anständi- 
gen Gesicht. Das heißt: er schleppte sich auf zwei Stöcken hängend, 
zitternd, mit steifen, verkreuzten Beinen in unbeschreiblich gro- 
tesken Gangfiguren. Er wollte sich gern heilen lassen, er hat darum, 
und es war ihm Ernst damit. Wie dieser Mann nun auf dem Be- 
handlungstiach hegt und ich nehme die schmerzlose Elektrode zur 
Hand — eben hatte er noch ganz gelassen und freundlich mit mir 
gesprochen — , da geschieht etwas Unbegreifliches. Er verwandelt 
sich unter meinen Augen in einen anderen — plötzlich, so wie wenn 
man an einer sacht laufenden Maschine den Hebel drückt und es 
fällt unversehens ein brausendes Räderwerk ein. Ein steifer Blick 
ein verzerrtes Gesicht, die Muskeln wie Stricke angespannt, fort- 
strebend, dagegenstrehend und zusammengekrümmt über etwas Un- 
sichtbarem, was man ihm entreißen will. Man spricht ihm freund- 
lich und beruhigend zu — es ist, als ob man gegen ein zischendes 
Mühlenrad redete. Und mit dem blinden Sträuben und DrÜneen 
läuft gleich noch ein zweiter Gang an: ein Zittern, Keuchen und 
Zucken — die Zahne klappern, die Haare sträuben sich, der Schweiß 
tritt auf das blaß gewordene Gesicht. Was noch durch diesen Tu- 
mult hindurchdringt, das sind kurze, scharfe Zurufe, festes Anfas- 
sen, rascher, kräftiger Schmerz. Und unter diesen Reizen tritt, wie- 
der mit einem plötzhchen Ruck, eine zweite Verwandlung ein' Man 
hat ein fast körperliches Gefühl davon; so als ob ein ausgedrehtes 
Gelenk einschnappte. Auf einmal ist der WiUe glatt und gerade und 
die Muskeln folgen beruhigt, willig seinem Antrieb^"*)." 

Wie erklärt sich der Arzt diesen merkwürdigen Zwiespalt, dieses 
Nicht- Wollen der Heilung eines Patienten, dem es Ernst ist gesund 
zu werden? Der Arzt sagt: „In der Tat: dieser Mann hat 
zwei Willen. Er hat einen, der die Heilung sucht — er ist ehr- 
lich gemeint und wirklich vorhanden, aber oberflächlich und kraft- 
los — und einen zweiten Willen, der der Heilung widerstrebt 

er ist äußerst spannkräftig und beherrscht souverän die Körper- 
motilität"'*)." 

Ferner: „Betrachten wir uns den Mann, so wie er auf die Be- 
handlungsstation kam. Er hatte sich lange und mühsam mit seiner 
Gangstörung herumgeschleppt und wie nun der Gestellungsbefehl 
zur Behandlung kam, da hatte er sich zweifellos das Für und Wider 
klargemacht. Er wußte, daß er durch einen therapeutischen Erfolg 
seine Rente verlieren werde. Anderseits mußte ihn die Aussicht 
locken, dann wieder nicht als Krüppel, sondern als junger, gesunder 
Mann m bequemer, natürlicher Körperhaltung seiner Arbeit und 
ßemem Vergnügen nachgehen zu können. In dieser Konkurrenz der 

fl Kaplan, Psych oanalyw 



114 ß^*" Trieb zum Parasitisrntia 

Motive hatte sein gesundes Gefühl eich starker gezeigt und so kam 
er bereits — was die Oberfläche seiner Seele betraf — mit dem 
fertigen Entschluß angereist, sich gutwillig heilen zu lassen. Dieser 
Entschluß prägte sich in seinen Mienen und dem Ton seiner Sprache 
aus, er ließ sich auch in ärztlicher Unterredung mit vernünftigen 
Argumenten und Beweisgründen beeinflussen und verstärken. Mit 
einem Wort: entsprach dem normalen Zweckwillen, der aus Mo- 
tiven entsprungen ist. 

„Ganz anders die zweite Willenskomponente, wie sie während der 
Behandlungsszene hervortrat. Dieser Wille wirkt wie ein Fremd- 
körper gegenüber der Gesamtpersönliehkeit, er ist blind, ohne Er- 
innerung für ihre Vergangenheit und ohne Fenster für ihre Zu- 
kunft, punktförmig auf die aktuelle Sekunde zusammengezogen und 
seine Reaktionsweise wird durch nichts bestimmt als durch den 
Eindruck dieser Sekunde, gleichgültig, ob er der vorausgehenden 
oder nachfolgenden widerspricht^*"')." 

Was hier geschieht, kann folgendermaßen begriffen werden: Die 
synthetische Funktion des Ich, die darauf hinausgeht die Souveräni- 
tät der Augenblicke auezuschalten, ist nie eine endgültig abgeachloa- 
eene, sie muß fortwährend arbeiten, da das Ich ein nie fertiges, son- 
dern fortwährend aich bildendes Gebilde ist. Weil das Ich nicht 
etwas endgültig Fertiges ist, sondern Werdendes, so kommen hier 
auch Momente auf, über die das Ich noch im unklaren ist, die aucb 
Gefahren für es bergen. Es gehört zwar zum Wesen des Ich gesund 
und tüchtig sein xu wollen. Aber ebenso gehört ee zu seinem Wesen, 
ohne viel Mühe sich erhalten zu wollen (mit der „energetischen 
Entladungstendenz" ist im Ich auch eine „Bebarrungatendenz" ge- 
geben). Ein Willen zum Parasitismus ist in jedem Ich vorhanden. 
Jeder hofft einmal das große Los zu gewinnen. Der arme Patient 
will ehrlich gesund werden. Aber ebenso will er die Rente weiter- 
beziehen. Warum nicht? um so mehr, als sehr reiche Leute doch 
nichts anderes tun als von ihrer Rente leben, und niemand macht 
ihnen einen Vorwurf daraus! Was kann der arme Patient dafür, daß 
man ihm die Rente nur unter der Bedingung seines Kranfcseins be- 
lassen will?! Wir sehen wiederum, wie das Ich, indem es einem in 
ihm begründeten Trieb (in unserem Falle der Habsucht, dem Trieb 
zum Parasitismus) nachgibt, unter Umständen mit sich selbst in 
Widerspruch kommen muß. In dem hier geschilderten Falle sehen 
wir, wie die Souveränität des Augenblickes sich durchsetzen will, 
wird aber noch zeitig in die Schranken verwiesen. 

Ein Mädchen ist in den letzten paar Jahren öfters und andauernd 
krank, fühlt sich müde und arbeitsunfähig. Hatte etwas mit der 
Lunge zu tun, die Ärzte fanden nichts Ernstes heraus, zwangen sie 
dennoch zu einer längeren Liegekur. Dann bekam sie die Grippe. 
Zuletzt zog sie sich einen Unfall herbei: Beim Aussteigen aus dem 
Omnibus blieb sie irgendwie mit einem Fuß hängen, rutschte dem 
fahrenden Omnibus nach und verletzte sich dabei ein Knie, und 



Die Umkehrbarkeit der Zeitfolge 115 

war wieder längere Zeit krank. Vom letzten Unfall meint das Mäd- 
chen seibat, sie sei irgendwie daran mitbeteiligt, sie kann sich nur 
nicht Rechenschaft geben, wie. Nun, in der Analyse stellt sich fol- 
gendes heraus: Sie hat ihre Eltern im Alter von kaum acht Jahren 
verloren; zuerst starb ihre Mutter, dann einige "Wochen später 
folgte ihr freiwillig der Vater. Die Kleine kam zu Verwandten, 
wanderte von einer Tante zur anderen, fühlte sich überall fremd und 
ungemütlich. Auf dieser Grundlage entwickelte sich ein starkes 
Zärtlichkeitsbedürfnie. Im Kranksein fand sie (unbewußt) das Mit- 
tel, ihre Umgebung zu zwingen, sich mit ihr stärker abzugeben, ihr 
mehr Aufmerksamkeit und Wärme zu widmen. Auch hier steht der 
Krankheitswille im Dienste einer unbewußten egoistischen Ten- 
denz: die Umgebung soll gezwungen werden, ihr mehr Liebe, als 
sonst, zu widmen. 

Aus den angeführten Beispielen leuchtet es ein: 1. Das 
von der Ich-Synthese nicht Erfaßte bleibt un- 
bewußt. 2. Das Unbewußte tendiert dazu, die Sou- 
veränität des Augenblickes durchzusetzen, und 
dadurch das Ich mit sieh selbst in Widerspruch 
zu bringen. 3. Um das Ich von diesem Schicksal zu 
bewahren, muß man das Unbewußte bewußt ma- 
chen, d. h. das Ich zwingen, sich mit der von ihm 
niobt assimilierten Tendenz a u s e in a n de r z u- 
Hetzen. 

17. Der dynamische Charakter der Beziehungen von bewußt 
und unbewußt läßt sich leicht einsehen, wenn man die Zeit 
zum Ausgangspunkt der Betrachtungen nimmt. 

Bekanntlich schreiben wir der Zeit die grundlegende Eigenschaft 
der Nicht-Umkehrbarkeit zu. Eine bloße Konsequenz die- 
ser Grundeigenschaft ist dann der absolute Charakter der 
Gleichzeitigkeit: Zwei Ereignisse E und E' sind entweder 
gleichzeitig oder nicht gleichzeitig. 

Unter einer gewissen Voraussetzung wäre jedoch die Zeit (oder, 
genauer gesagt, die Ereignisse in der Zeit) umkehrbar, nämlich 
wenn es für uns eine sogenannte „Überlichtgeschwindig- 
keit" (d. h. eine solche, die größer als die Fortpflanzungsgeschwin- 
digkeit des Lichtes ist) geben könnte. 

Um den Beweis für diese Behauptung liefern zu können, nehmen 
wir an, wir haben eine Strecke AB, die in n Teile eingeteilt ist. An 
den Enden aller Teilstrecken sind Spiegel angebracht, um Licht- 
signale aus A aufzufangen. Nun wird in A eine Reihe Lichtsignale 
abgegeben in den sukzessiven Zeitmomenten t^, tj, t^, . . . tn. Die 
Fortpflanzung des Lichtes wollen wir mit c hezeichnen. Wir nehmen 
femer an, im letzten Moment t geht von A ein Beobachter ab in 
der Richtung nach B, mit der Geschwindigkeit v>c. Dieser Beobach- 
ter wird die früher ausgeechickten Signale sukzessive einholen und 
für ihn werden sich die Signale in umgekehrter Zeitordnung tu. !n-i, 
8« 



116 



Wectträome 



. . . t^, tj, to abspielen. FüreinenBeobachtermitÜber- 

licbt ge Bchwindi gke it ist die zeitliche Ordnung 
der Ereignisse in der sichtbaren Welt umkehr- 
bar. 

Diesem hypothetischen Beobachter entspricht aber vollkommen das 
Unbewußte, was sich am einfachsten durch die sogenannten „Weck- 
träume" beweisen läßt. Ihre Besonderheit besteht darin, daß sie 
irgendeinen Reiz, der zum Erwachen bringt, in die Traumbegeben- 
heit hineinarbeiten, wo dann dieser Reiz als Final erscheint. So 
z. B, folgender Traum, den Volkelt mitteilt: „Einem Komponisten 
träumte einmal, er halte Schule und wolle eben seinen Schülern 
etwas klarmachen. Schon ist er damit fertig und wendet sich an 
einen Knaben mit der Frage: ,Ha8t du mich verstanden?' Dieser 
schreit wie ein Besessener: ,0 ja!' Ungehalten hierüber verweist 
er ihm das Schreien. Doch schon schreit die ganze Klasse: ,Orja!' 
Hierauf: ,Eurjo!' Und endlich ,Feuerjo!' Und nun erwacht er von 
wirklichem Feuer jogeschrei auf der Straße"**')." Offenbar hat das 
Feuerjogesehrei auf der Straße den Traum ausgelöst, dieser Traum- 
erreger kommt aber im Traume selbst erst am Ende vor. Es ge- 
schieht hier also eine Umkehrung der zeitlichen Ord- 
nung. 

Ein finalgerichteter Wecktraum ist auch der folgende: „Cajua 
dreht sich in seinem Bette um und stößt seine Nase an (was bei 
Leuten, die eine lange Nase haben, sehr leicht geschehen kann), der 
Schmerz bringt ihn auf den Gedanken, daß er von jemand ins An- 
gesicht geschlagen wird. Er sieht denselben, wird böse und wirft 
ihn zu Boden. Sein Gegner liegt regungslos, er glaubt, daß er tot 
sei; er hält sich für seinen Mörder und in demselben Augenblick 
erscheinen die Schutzleute. Er beginnt zu laufen, man faßt ihn und 
erhängt ihn. Seine tödliche Angst macht ihn erwachen. Er ist in 
Schweiß gebadet und löst seine Halsbinde, weil diese ihn fast er- 
stickt . . .^°-)." Auch hier erscheint der Traumerreger (die zu eng 
gewordene Halsbinde) im Finale des Traumes. 

Wie ist es aber möglich, daß ein Ereignis, der den Traum aus- 
lost, im Traume selbst als den Traum abschließendes Ereignis wie- 
dererscheint? Die Erklärung liegt nun darin, daß der Traumerreger 
unbewußt früher perzipiert worden war, als er dem Träumenden 
zum Bewußtsein kam. Oder auch anders ausgedrückt: Die Ordnung 
des Ablaufes der Geschehnisse, wie sie dem Bewußtsein erscheinen, 
wird für das unbewußte Perzipieren umgekehrt. Diese Umkehrung 
ist aber nur unter der Voraussetzung möglich, daß die Reak- 
tionsgeschwindigkeit im Unbewußten eine viel 
größere ist als die Geschwindigkeit der bewuß- 
ten psychischen Prozess e^**^ ) . 

Daa Bewußtwerden des vorher Unbewußten bedeutet also eine Ver- 
langsamung derReaklionsgeschwindigkeit. Diese Verlangsamung der 
Reaktionsgeschwindigkeit kann nur begriffen werden als Überwiii< 



Höhere Reaktionsgescliwindigkeit im Unbewußten 



117 



düng von Widerstand. D. h. das Unbewußte steht auf 
einem höheren euergetischenWiveau als das Be- 
wußte, beim Übergang des Unbewußten ins Be- 
wußtsein erniedrigt sich das energetische Ni- 
veau (d. h. der unbewußte Trieb wird abreagiert). 



U6w, 




Das kann man sich so vergegenwärtigen: Jede Energie fließt von 
Stellen mit höherem Niveau zu aolchen mit niedrigerem Niveau. Um 
diesen Fluß zu verhindern, muß Widerstand geleistet werden. Diesen 
Widerstand nennen wir in der Psychoanalyse Verdrängung. Das 
Bewußtwerden (die Wiederkehr des Verdrängten aus der Verdrän- 
gung) bedeutet nun Überwindung des Widerstandes. 

Beim Übergang eines Strebens aus dem Zustande der Verdrän- 
gung in denjenigen der Freiheit vermindert sich die Energie von 
i' auf i. Was ist mit der Differenz I = i'^i geschehen? Diese Ener- 
giemenge ist für die Überwindung des Widerstandes der verdrängen- 
den Mächte verbraucht. 

Da im Unbewußten ein höheres energetisches Niveau vorherrscht 
als im Bewußtsein, so bedeutet das Übergehen eines psychischen 
Vorganges in den Zustand der Verdrängung eine Leistung, die gegen 
den ungezwungenen freien Energieablauf gerichtet ist. Diese Lei- 
stung steht in Analogie zu dem Fall, wo z. B. eine Menge Q Wärme 
von niederer Temperatur auf eine höhere überführt (d. h. die 
Wärmemenge Q gewonnen) werden soll. Das ist bekanntlich nur 
möglich durch den Verbrauch einer äquivalenten Menge Arbeil. 
Dasselbe geschieht auch im Falle der Verdrängung. Denn ist die 




Die Verdrängung ist aelbßt ein energetischer Prozeß, eine dynami- 
sche Größe. 

Daraus folgt femer, daß die Verdrängung im Laufe der Verdrän- 
gungsarbeit sich seihet verzehren und dadurch dem verdrängten 
Trieb den Durchbruch erleichtern muß. Der ewige Kampf zwischen 
Verdrängung und Verdrängtem bildet die Rhythmik des psychischen 
Geschehene. 



118 Die Abspaimngen und Projektionen 

18. Das Unbewußte iet (ala etwas Wirkeamee in uus) nicht dem 
Unrealen, Nichtexistierenden, gleichzusetzen. Um so mehr, als es 
Zustände gibt, wo die bewußtseiuBunfähigen Komplexe sich dem 
Bewußtsein aufdrängen, nur ihrer Zugehörigkeit zum Ich entkleidet. 
Eine Dementia-praecox-Kranke ärgert aich über schlechte „Ver- 
mutungen", welche man angeblich über sie äußert; dabei meint 
sie, „die Vermutung könnte zur Wirklichkeit werden, um ihre Exi- 
stenz darzutun". Oder sie sagt auch: „Wahrscheinlich hat die Ver- 
mutung recht haben wollen." „Die Vermutungen, welche andere 
Personen öfter äußern, wie es der Patientin erscheint, sind, wie wir 
hier sehen, . . . immer gefühlsbetonte Voratellungsgruppen, also 
Komplexe- Patientin empfindet so stark die Macht ihrer Komplexe 
über sich, daß sie dieselben gleichsam als selbständig lebende We- 
sen betrachtet^"*)." Wir drücken diese Tatsache so aus, daß wir 
sagen: Der bewußtseinsunfähige Komplex wird 
vom Bewußtsein abgespalten und nach außen 
projiziert. 

Ein Dementia-praecos-Kranker sagt: „Es wurde von meinen Fein- 
den behauptet, daß meine Knaben einen syphiüstischen Ausschlag 
am After und an den Augen haben, um auf diese Weise wahrschein- 
lich zu machen, ich hätte sie mißbraucht^'"')." Die „Behauptungen" 
drücken hier die vom Bewußtsein abgespaltenen, nach außen proji- 
zierten (zu einer gewissen Zeit verdrängten) homosexuellen Gelüste 
aus. Dasselbe gilt von der folgenden Erzählung der oben angeführ- 
ten Patientin: „Die Frau hat meine Kinder bestochen, daß sie an 
ihr Onanie treiben. Das hätten wir nie an unserer Mama tun müs- 
sen." (Hier halluziniert sie plötzlich die Stimmen ihrer Kinder ^ 
„Das Frauenzimmer befahl den Kindern, ihr den Finger in ^la 
Sexualsystem zu stecken und sich au ihr onanistisch zu belustieen ** 
Auf die Frage: „Wie heißt das Frauenzimmer?" erwidert sie: Sie 
hat meinen Namen X. angenommen^"")." Das „Frauenzimmer" iet 
somit nur die Projektion des Ich der Patientin. In solchen Fällen 
sprechen wir auch von einer „A useinanderlegung" des Ich, 
was aber bloß bildlich, nicht im Sinne einer „Zweiseelentheorie'* 
verstanden werden soll. „Wünsche und Befürchtungen ordnen un- 
abhängig von der bewußten Person die Ideen in ihrem Sinne und 
schließen sie zu einem kompakten Komplex zusammen, dessen 
Äußerungen als Halluzinationen auftauchen und so konsequent tmd 
überlegt erscheinen, daß sie eine fremde Person vortäuschen . . . 
Dennoch ist (der Fremde) nichts als ein abgetrenntes Stück der 
Persönlichkeit, er repräsentiert Strebungen derselben, die sonst 
irgendwie unterdrückt wurden-")." 

Die Abspaltungen treten, wie wir sahen, als Ich-Spal- 
tungen, die eigentlich zugleich Ich-Verdoppelungen 
Bind, auf. Der Zusammenhang dieser Art Verdrängung mit 
den bisher geschilderten dynamischen Mechanismen ist durch die 



Die Entfremdung Jer Peraönlichteit 119 

Natur des Bewußtseins begründet Aus der Überwindung der Wider- 
stände der Objektwelt entsteht die einzelne Wahrnehmung; damit 
zugleich ist auch Ich-Bewußtsein gegeben. Die Kraft Uußerungen des 
Menschen bringen ihn mit den äußeren Objekten, die ihm wider- 
stehen, in Konflikt. Die Objektwelt charakterisiert 
sich als Abgrenzung des Ich, das Ich erscheint 
als das von der Objektwelt Verdrängte. Auf Grund 
dieser objektiven Urverdrängung entwickelt sich die sekun- 
däre, vom Ich ausgebende Verdrängung: alles, was dem Ich unan- 
nehmbar erscheint, was das Ich nicht assimilieren kann, wird von 
ihm verdrängt, d. h. das Ich grenzt sich davon ab. Diese Abgren- 
zung kann von zweierlei Art sein: entweder wird das Verdrängte 
unbewußt gemacht oder in eine Scheinwelt hineinprojiziert und von 
dort halluzinatorisch wahrgenommen""^). 

Die Abspaltungen und Auseinanderlegungen spielen eine große 
Rolle in der Psychologie der Mythebildung. So ist z. B. der Teufel 
eine Abspaltung des „Bösen", das in uns selbst noch lebt. „Wir sind 
unsere eigenen Teufel, wir vertreiben uns aus unserem Paradiese", 
so schrieb einst Goethe an Bebriach. Unter diesem Gesichtspunkte 
sind alle die bunten Figuren von Sage und Mythos aufzufassen. 

Durch die Methode der Ahspallung wird der Komplex der Merk- 
male seiner Zugehörigkeit zum Ich beraubt, dadurch wird ihm das 
Bewußtwerden ermöglicht. Diese Methode wurzelt in unserer Kind- 
heit. So erzählt Stern von der kleinen Hilde: „Einmal, als sie er- 
mahnt wurde, im Garten nicht Blätter abzureißen, antwortete sie: 
puppe hat die Blätter abderiesen, kriegste Haue'"'^)." 

Es gibt, wie es scheint, eine Art Vorstufe zu der Projektion nach 
außen: man hat das Gefühl der Fremdartigkeit dea eigenen Ich. 
Eine Patientin Wemickes schildert diesen Zustand folgendermaßen: 
„Ich bin mir meiner selbst nicht bewußt, muß mir immer sagen, 
wer ich bin, wie ich heiße. Auch mein äußerer Mensch ist mir völlig 
fremd und unbewußt. Ebenso geht es mit der Vergangenheit. Ich 
weiß wohl alles darin mir Geschehene, das von mir Erlebte, es ist 
mir aber, als müßte das ein anderer mir fremder 
Mensch erlebt haben"")." Wir sehen hier das Bestreben, vom 
eigenen Ich fortzukommen, ein anderer Mensch zu werden. In der 
Projektion nach außen realisiert sich dieses Bestreben in vollkom- 
mener Weise: es ist wirklich ein „anderer" Mensch, der die „beMTißt- 
seinsunfähigen" Strebungen in (phantasierte) Handlungen um- 
wandelt. 

19. Es gibt noch eine zweite Methode, der sich das Unbcivußte 
bedient, um bewußtseinstähig zu werden: es ist die Methode 
der Umdeutung ins Harmlose. Man durfte z. B. nach 
der Prozeßordnung der Inquisitionsgerichte den Verdächtigen nur 
einmal foltern. Wollte aber der fromme Richter die Folter ein zwei- 
tes Mal in Anwendung bringen, so hatte er nur diese zweite Folte- 
rung als bloße Fortsetzung der ersten zu bezeichnen! — Nach den 



120 TJmdestnng ins Harmlose 

biblischen Vorschriften darf man für geliehenes Geld keine Zinsen 
erheben. Der fromme Darleiher umgeht aber sehr leicht dieses Ver- 
bot, indem er mit dem Schuldner einen Scheinvertrag abschließt, in 
welchem die Wucherzinsen als Gewinnanteil an einem bestimmten 
Unternehmen umschrieben sind. So wird die Sache durch Umdeu- 
tung vor Gott gerechtfertigt! 

Im Mittelalter z. B. ward das Einhorn als Symbol der Keuschheit 
betrachtet. Die wahre Natur des Einhorns als Symbol folgt aber aua 
dem folgenden: „Es gibt ein altes deutsches Bild, das Ende dea 
fünfzehnten Jahrhunderts sehr populär gewesen ist. Es stellt die 
VerkündigungMaria unter dem Bilde einer Treibjagd dar. 
Der Erzengel Gabriel bläst den Englischen Gruß auf einem Jagd- 
hörn: ein Einhorn flüchtet, von den Spürhunden gehetzt, zu Maria, 
der reinen Magd, und stößt ihr, die andächtig dasitzt und die Hände 
kreuzweise über die Brust legt, sein Hom in den Schoß, während 
Gott-Vater droben seinen Segen dazugibt — ein unzweideutiges 
Bild der mystischen Befruchtung, auf welchem der heidnische Phal- 
lus in ein Hörn verwandelt ist"^)." Das Phallussymbol wird zum 
Symbol der Keuschheit umgedeutet, und die sonst anstößigen Vor- 
stellungen können jetzt ruhig bewußt werden. 

Gibt es etwas Unschuldigeres als eine Blume, die man einer 
Freundin schenkt? Dennoch haben wir es auch hier mit einer Um- 
deutung ins Harmlose zu tun. „Im alten Rom mußte sich die Braut 
am Hochzeitstage auf das Glied des Priapus, des in diesem Falle 
sogenannten Mutunus setzen, bei uns wird sie mit einem Myrten- 
kranz geschmückt: beide Sitten, so verschieden sie auf den ersten 
Blick erscheinen mögen, haben ganz denselben Sinn. Die Blumpn 
sind bekanntlich als die Geschlechtsorgane der Pflanzen zu hetr li 
ten . . . Wenn der Myrtenkranz das Zeichen der Braut an ihr*^ 
Hochzeitstage ist, so soll derselbe nicht etwa die JungfernschaS 
oder Keuschheit der Braut anzeigen. Umgekehrt, die Blume der 
Venus soll bedeuten, daß das junge Weib bereit ist, auf dem Altar 
der Liebesgöttin die Jungfernschaft zu opfern . . ." So ist die Rose 
der Venus geweiht; „nicht umsonst reicht das Mädchen dem gelieb- 
ten Jünghng eine Rose; und wenn sie zugleich ein Symbol der Ver- 
schwiegenheit abgibt, das zum Zeichen, daß nicht weitergesagt wer- 
den soll, auf die Tafel niedergehängt und an Beichtstühlen abge- 
bildet wird, so ist die Verschwiegenheit der Liebenden gemeint . . ." 
„Unsere jungen Damen fühlen diese Symbolik, durchdringen 'sie 
aber nicht, und so gelingt es ihnen durch die Blume Dinge zu sagen, 
die, gerade herausgesagt, gelindes Entsetzen bereiten müßten-'^)." 
Beim Schenken von Blumen haben wir es noch mit einer Verschie- 
bung zn tun: der erotische Affekt verschiebt sich hier auf eine barm- 
lose Handlung, weil der adäquaten Handlung noch Hindernisse im 
Wege stehen. 

Die Methode der Umdeutung ins Harmlose ist für den Komplex 
sehr vorteilhaft, denn es gelingt ihm dadurch den Weg zur Hand- 



Umdentnng ins HarmloBC 121 

lung zu finden. Da8 Verbrechen z. B. ist von Gott verdammt. Ist 
aber der verbrecberiache Hang sehr stark, so kann man die ver- 
brecherische Tat in eine von Gott selbst gewollte, als Strafe für die 
Sünden den Menschen geschickte umdeuten. „Hessel, ein berüchtig- 
ter Räuber, sagte zu Beinen Bichtem: Wir sind notwendig, Gott 
schickte uns auf die Erde, um die Geizhälse zu strafen ; wir sind eine 
Art von Gottesgeißel." „Ähnlich wie Hessel sagte auch der Räuber 
Starviere: Nicht wir sind es, welche Rache üben, sondern die Hand 
Gottes ist es; denn Gott bedient sich oft wenig würdiger Menschen, 
um seinen göttlichen WiUen auszuführen"^}." Das Phänomen der 
Umdeutung spielt besonders im sozialen Leben eine wichtige Rolle: 
durch solche Schlagworte wie Patriotismus, das allgemeine Wohl 
Usw., werden sehr oft verschiedene Verbrechen gegen einzelne Grup- 
pen und Klassen von Menschen bemäntelt. 

Auch in der Projektion ist ein Element von Umdeutung vorhan- 
den; nur ist die Umdeutung nicht auf die Tat, sondern auf die 
Person gerichtet : die „böse" Tat bleibt als solche gekennzeichnet, 
sie wird nur von einer anderen Person ausgeführt. „Nicht ich, son- 
dern die Puppe hat die Blätter abgerissen," „Nicht ich, sondern 
das ,Frauenzimmer' sucht meine Kinder zu verführen" — so ver- 
fahrt die Projektionsmethode. Bei der Umdeutung ins Harmlose 
bleibt die Zugehörigkeit des Komplexes zum Ich nicht beeinträch- 
tigt. Die beiden Methoden werden oft auch miteinander kombiniert. 
Sa wird z. B. im hysterischen Verfolgungswahn das Mädchen angeb- 
lich von Männern verfolgt, die ihr auf Tritt und Schritt nachstellen. 
Die verdrängte sexuelle Begierde des Mädchens wird nach außen 
projiziert und umgedeutet; nicht das Mädchen hegehrt die Männer, 
sondern diese laufen ihr nach, was kann sie dafür! Derselbe Mecha- 
nismus liegt oft auch der übertriebenen Eifersucht zugrunde: Die 
Frau will insgeheim ihrem Manne untreu werden, statt dessen ver- 
dächtigt sie ihn ständig: es ist die umgedeutete Projektion ihrer 
eigenen verdrängten Untreue="a). 

Das Unbewußte bedeutet den Naturmenschen in uns, dieser aber 
bedeutet die Bestie im Menschen; der Kulturmensch ist der, in 
dem die Bestie gezähmt und gebändigt ist. Aber auch in ihm ist sie 
noch nicht getötet, sie lebt, und es bedarf oft nur eines geringen An- 
stoßes, um sie, wenn auch nur für kurze Zeit, selbst im entwickelt- 
sten Kulturmenschen in ihrer ganzen Wildheit hervorbrechen zu 
lassen".-^*) Das Unbewußte besteht aus den während der Kultnrent- 
wicfclung unierdrückten Urtrieben. Beim einzelnen Individuum 
vollzieht sich die Unterdrückung der Urtriebe im Prozesse des Reif- 
werdens. Vom individual-psychologischen Standpunkt ist das Unbe- 
wußte darum soviel als das Infantil e"'). Das Kind erlernt erst 
allmählich seinen Wünschen und Strebungen Grenzen zu ziehen, 
es will und kann noch nicht fremde Rechte anerkennen, wie über- 
haupt irgendwelche Rücksichten walten lassen. Das Kind Ist, wie das 
Unbewußte der Erwachsenen, amoralisch oder „polymorph krimi- 



222 ^^'^ progrediente Weg 



nell". „Das Kind repräsentiert mir jene Stufe der Menschheit, da 
das Verbrechen noch nicht Verbrechen, sondern eine Form des 
Selbsterhaltungstriebes war ='«)." Ebenso müssen wir das Unbewußte 
beurteilen. Das Unbewußte kennt kein „Verbrechen", weil es ein 
Überbleibsel einer geschichtlichen Periode der generellen und indi- 
viduellen Entwicklung darstellt, wo das Verbrechen als solches noch 
nicht existiert hat. 

20. Das Unbewußte, Urprimitive, Infantile wird durch die Ver- 
drängung in Schranken gehalten. Bildlich und „mythologisch" spre- 
chen wir von einer Zensur oder kritisierenden Instanz. Ist diese 
kritisierende Instanz ausgeschaltet, so wird jedes Begehren rück- 
sichtslos seiner vollen Befriedigung zustreben. Der eine Weg zu 
dieser Befriedigung ist die Tat, die physiologisch als eine bestimmte 
Innervation aufzufassen ist. Das Kind z. B. sieht das Spielzeug eines 
anderen Kindes, begehrt es, streckt die Hand aus, um es zu fassen. 
Die kritisierende Instanz {des Erwachsenen) unter- 
bindet die Motilität, die sie erst dann freigibt, wenn die 
hinter ihr stehenden Strehungen sich befriedigend legitimieren 
können. 

Das Kind will oft auch solche Gegenstände fassen, die außerhalb 
seiner Machtsphäre liegen. Erst die Erfahrung belehrt es, was im 
Bereiche der Möglichkeit sich befindet und was außerhalb des- 
selben. So entwickelt sich allmählich ein „W irklichkeits- 
sin n", der zur Unterlassung von manchen Innervationen wegen 
ihrer Unzweckmäßigkeit zwingt. Der „Wirklichkeitssinn" gehört 
somit auch zu der kritisierenden Instanz. Und in gewissem Sinne 
bedeutet auch die Psychoanalyse eine Erziehung des (mangelhaften) 
Wirklichkeitssinnes, indem sie den Analysanden von Infantilismen 
zu befreien bestrebt ist. 

Dem primitiven psychischen Apparat müssen wir die foleende 
Eigenschaft zuschreiben: jede Wahrnehmung (jeder Reiz) 
weckt irgendeinen Wunsch, der in dieser oder 
jener Innervation ausläuft. Diesen Weg vom Reiz zur 
Innervation nennt Freud den progredienten. 

Der Begriff der Erfahrung setzt das Vorhandensein von Erinne- 
rungsspuren voraus: jede stattgehabte Wahrnehmung überläßt eine 
oder mehrere Erinnerungsspuren (je nach den verschiedenen Quali- 
täten, aus denen sich die Wahrnehmung zusammensetzt) ; die mit 
den Erinnerungsspuren zusammenhängende Funktion ist das Ge- 
dächtnis. Die Tatsache des Gedächtnisses bringt für die Realisie- 
rungstendenz der Wünsche (der „wunscherfüllenden Instanz") eine 
ncuo Möglichkeit. Da das Befriedigungserlebnis, wie jede andere 
Wahrnehmung, eine Erinnerungsspur in der Psyche hinterläßt, so 
kann die Wunscherfüllung, vom Reiz angeregt, den langen Weg iiber 
die Motilität (d. h. die „Wirklichkeit") meidend, die Erinnerungs- 
spur besetzen und so halluzinatorisch die Wahrnehmung 
(des Befriedigungserlebniases) hervorrufen. Ein Herr N. N. hat 



Der regrediente Weg 123 



eines Tages die traurige Nachricht vom Seibatmorde seines Freun- 
des X. bekommen. Tagsüber wollte er über diese Trauerbotschaft 
nicht denken. Als er nachts zu Bette ging, sah er an der gegenüber- 
hegenden Ecke des Zimmers seinen Freund X. stehen. Die unter- 
drückte Sehnsucht nach dem Freunde hatte die Erinnerungsspur 
angeregt die EiTegung pflanzte sich dann bis in die entsprechende 
Wahrnehmung fort. Die Wahrnehmung A und ihre Er- 
inner un g a s p n r A' sind Momente eines psychi- 
schen Prozessea, der sich auch in umgekehrter 
-l'^ j.^"t^°^ abwickeln kann. Den Weg von dem Wunsch 
über die Lrinnerungsspur direkt zur Wahrnehmung (HaUuzination) 
nennt Freud den regredienten. 

Es ist nicht schwer einzusehen, daß der regrediente Weg beson- 
ders für das Kind charakteristisch ist. So berichtet z. B. über die 
kleine Hilde Stern die Mutter: „Auf einem Februarspaziergang, 
dessen Ziel ein Öffentlicher Park war, sprach ich mit H. viel von 
den dort im See lebenden Schwänen und wir waren beide sehr neu- 
gierig, ob wir sie zu Gesicht bekommen würden. Es waren aber keine 
Schwäne draußen, da noch eine dünne Eisschicht den Teich be- 
deckte. Wir unterhielten uns noch längere Zeit darüber, ob sie wohl 
in dem kleinen Schwanenhäuschen im Wasser steckten und wie es 
in dem Häuschen wohl aussehen möge. Dann, wahrend wir den Weg 
zur elektrischen Bahn antraten, kamen andere Geapräche auf. In 
der Bahn fragte ich H.: .Was wirst du nun dem Vater erzählen?' 
Sie antwortet prompt: ,Daß wir die Schwäne gesehen haben.' Ich- 
,Haben wir wirklich Schwäne gesehen?' H. (sieh besinnend) : ,Nein" 
die waren im Häuschen drin.' Mit welcher Sicherheit hat H. erst 
das Sehen der Schwäne geäußert! Ein Beweis, wie leicht dort, wo 
das Interesse sehr stark erregt worden, sein Inhalt selbst bei fehlen- 
der sinnlicher Wahrnehmung so wirken kann, als sei er tatsächlich 
erlebt worden"')." Das Interesse ist ein Affekt; darin unterscheidet 
sich aber das Kind vom Erwachsenen, daß er ganz unter der Macht 
seiner jeweiligen Affekle steht, ohne sie hemmen zu wollen und zu 
können; ebenso der IVeurotiker. 

Ein weiteres Beispiel, wie das primitive Bewußtsein, Gedanken 
in Realitäten verwandelt: „Ein fünfjähriger Knabe schreit sein 
Kindermädchen an: ,Gehen Sie mir aus dem Wege, sonst werde ich 
Sie überfahren.' Später erzählt er dem Vater triumphierend: ,Heute 
habe ich die Anna überfahren, sie ist ganz entzwei und mause- 
tot^^s).*" 

Der primäre Weg der Wunscherfüllung ist die Tat. Auch das Kind 
greift ursprünglich zur Herbeiführung einer Wunscherfüllung zur 
Tat, in seiner Weise natürlich: es weint, schreit und zappelt. Diese 
kindliche Tat hat aber zur Wirkung, daß die Erwachsenen dadurch 
auf das Kind aufmerksam werden und ihm zu helfen suchen. Das 
unabsichtliche Schreien und Zappeln des Kindes verwandelt sich 
dadurch im Laufe der Zeit in eine absichtliche Handlung. 



124 Introversion und Extraversion 

Unter den Taten der Erwachsenen auf primitiver Kulturstufe be- 
finden sich auch solche, die wir als magische charakterisieren. 
Ihre Besonderheit besteht darin, daß sie den Erfolg nicht auf Grund 
physikalischer Gesetzmäßigkeit erringen, sondern sich erst durch 
die bestimmte Reaktion des Milieus realisieren können. Für den 
Zaubernden selbst ist seine magische Handlung eine Tat, wie jede 
andere, durch die er gewisse Veränderungen in der Umgebung zu 
erwirken bestrebt ist. Aber die magische Handlung des Zauberers 
weckt im Gegenüber gewisse Vorstellungen, Erwartungen, Befürch- 
tungen, die dann in Wahrnehmungen übergehen. Wir sehen also, 
daß es der narzißstische Allmacbtgedanke ist, der 
die Regression zustande bringt. Die Möglichkeit, den Weg von der 
Vorstellung zur Wahrnehmung (Halluzination) zu gehen, muß 
natürlich im Organismus vorgebildet sein. Aber daß dieser Weg 
wirklich gegangen wird, ist durch die narzißstische Einstellung be- 
dingt. 

21. Wir haben oben gesehen, daß die Psyche unter der Macht 
zweier Tendenzen steht: der Bebarrungstendenz und derjenigen der 
energetischen Entladung. Diese beiden Tendenzen lassen sich auch 
unter einen anderen Gesichtspunkt bringen, 

Freud hat uns nämlich gelehrt, daß die menschliche Sexualität 
gewisse Entwicklungsstufen durchläuft : ursprünglich richtet sich 
die Libido (:^ das sexuelle Begehren) an das Individuum selbst, 
ist autoerotisch, erst später wendet sich die Libido vom 
Subjekt auf das Objekt. Die Überwindung des Autoerotis- 
mua braucht dabei keine absolute zu sein, es kommt nur auf ein 
mehr oder weniger an. 

Je mehr der Mensch objekterotisch wird, je weniger er also von 
sich selbst und nur von sich selbst eingenommen ist, desto mpbr 
Freude hat er an der objektiven Welt, steht er mit offenen Aueen- 
voll Interesse ihr gegenüber. Diese Gemütslage nennen wir Extra- 
versi on. 

Dagegen ist der Autoerotiker nur auf sich selbst eingestellt seine 
Interessen und Affekte sind von der Welt der Objekte abgewendet, 
er ist, wie wir sagen, introvertier t^'*) . 

Der Introvertierte gibt sich nicht gern der Welt hin, er steht also 
unter der Macht der Beharrungstendenz, die nur der physikalische 
Ausdruck für die Introversion ist. Der Extravertierte aber, der sich 
gern der Welt hingibt, der nicht fürchtet Energien an die Objeklwelt 
zu verlieren, unterliegt der Macht der energetischen Entladung», 
tendenz. 

Extraversion und Introversion sind nicht nur für einzelne Indi- 
viduen charakteristische Gemütslagen. Ganze Völkerschaften können 
vielmehr unter dem Zeichen der Introversion bzw. der Extraversion 
stehend begriffen werden. In solchem Gegensatz befinden sich z. B. 
die Bakairi und die Guato Zentralbrasiliens {Matto Grosso). 

Die Bakairi-Stämme wohnen im Schingu-Quellgebiet in schwer 



Bakairi und Cuato 125 



zugänglicher Gegend, fern von den Städten und Siedlungen der 
Weißen, Sie wohnen in Dörfern, nicht in einzelnen Familien zer- 
streut, und treiben außer Jagd und Fischfang auch Ackerbau. Bei 
den Waldrodungen, die sie unternehmen, um Boden für den ziem- 
lich primitiven Ackerbau zu gewinnen, arbeitet das ganze Dorf zu- 
sammen. Als Einleitung dazu werden Feste arrangiert mit Gesang 
und Tanz. 

Die Guato dagegen leben fast unmittelbar in der Nähe der brasi- 
lianischen Bevölkerung. Sie treiben aber keinen Ackerbau und die 
einzelnen Familien leben zerstreut voneinander. Schon daraus geht 
hervor, daß „iveitgehendo Vergesellschaftung unter den einzelnen 
Individuen hier nicht stattfindet".^^**) D. h. die Guato führen, im 
Unterschied zu den Bakairi, eine mehr introvertierte Lebensart. 

Die einzelnen Familien der Guato, die, wie gesagt, getrennt von- 
einander wohnen, besuchen ab und zu einander. Diese Besuche sind 
aber von keinem Warenaustausch begleitet, „Die Familie des Guato 
ist eben mit Ausnahme der wenigen Gegenstände (wie Zucker, 
Branntwein, Tabak, Hemden, Hosen, Messer), die sie vom Brasi- 
lianer erhandelt, auf sich selbst angewiesen; die Mitglieder einer 
jeden Familie verstehen alle zur Befriedigung ihrer Lebensbedürf- 
nisse nötigen Gegenatände selbst herzustellen"')." Die Familie des 
Guato genügt sich selbst, befriedigt fast alle ihre Bedürfnisse selbst. 
Diese Geschlossenheit der Wirtschaft in sich selbst ist das Ökonomi- 
sche Korrelat der Introversion, 

Dagegen äußert sich bei den Bakairi ihr Extraversionszug in dem 
Bedürfnis, bei jeder sich darbietenden Gelegenheit, bei jeder Be- 
rührung mit anderen Stämmen, in Warenaustausch zu treten. So er- 
zählt z. B. M. Schmidt von seiner Reise auf dem Flusse Kulischu 
(Schingu-Quellgebiet) : „Zum Schluß trafen wir gegen Abend noch 
ein Trumai-Boot mit zwei Männern und einer Frau. Als wir anein- 
ander vorbeifuhren, tauschte mein Auetöindianer einen seiner Pfeile 
eegen einen Trumaipfeil ein. Dieses Eintauschen von Gegenständen 
bei Indianern verschiedener Stämme, wenn sie sich auf der Reise 
begegnen, scheint hier am Kuliechu eine teste Regel zu sein. Daß 
auch mein Auetöindianer schon häufig diesem Gebrauche nachge- 
kommen war, zeigte der Umstand, daß ein großer Teil der Pfeile, 
welche er mit sich führte, nicht Auelöpfeile waren, sondern von den 
verschiedensten Indianerstämmen der Umgegend herstammten"")." 
Für diesen Austausch der Pfeile ist ein ökonomisches Motiv allein 
anzunehmen nicht ratsam. Vielmehr dürfte hier der Extra versions- 
zug zum Ausdruck kommen, sich dem anderen zu geben und ebenso 
von ihm zu empfangen. Der extravertierte Mensch will nicht nur 
das besitzen, was er selbst angefertigt hat, was gewissermaßen nur 
ein Stück von ihm selbst ist, weil die Züge seiner individuellen 
Eigentümlichkeit an sich tragend. Er hat vielmehr Freude auch an 
den Werken fremder Herkunft. 

Der Drang Eigenes gegen Fremdes auszutauschen hat natürlich 



126 IndoIeDE nnd Introversion 

sehr wichtige Konsequenzen zur Folge: der eine Stamm kommt mit 
den Erfahrungen und kulturellen Errungenschaften der anderen 
Stämme in Berührung und bereichert sich dadurch. „Ea ist offen- 
sichtlich," meint auch Schmidt, „wie überaus wichtig ein solcher 
Austausch der kulturellen Erzeugnisse unter den verschiedenen 
Stämmen für die Entwicklung der heimischen Kultur ist, hierdurch 
kommt der Indianer in den Besitz auch solcher Wertgegenstände, 
zu denen ihm die ihn umgebende Natur das Rohmaterial nicht 
bietet oder zu deren Verfertigung ein Nachbarstamm bessere Fähig- 
keiten besitzt"')." 

Dagegen von den Guato erzählt derselbe Forscher: „Ich traf nichts 
an, was auf irgendeinen der benachbarten Indianerstämme schließen 
ließe. Während z. B. bei den Stämmen am Kulischu ein großer Teil 
der Habe von den Nachbarstämmen erworben war, fand ich bei den 
Guato kein Stück indianischer Industrie vor, das nicht von den 
Guato selbst fabriziert war. Gerade dieser Mangel an Austausch der 
Produkte mit anderen Stämmen, der an anderen Orten jedenfalla 
fördernd auf die Entwicklung einheimischer Industrie gewirkt hat, 
läßt die Industrie der Guato als eine so unentwickelte, so eintönige 
erscheinen"*)." 

Der Extravertierte hat offene Augen für die bunte Mannigfaltig- 
keit der Welt: indem er sich fortwährend der objektiven Welt zu- 
wendet, bekommt er von ihr mannigfaltige Anregungen und Beleh- 
rungen, seine Erfahrung wächst, sein geistiger Horizont erweitert 
sich. Der Introvertierte aber schließt gleichsam seine Aug^n vor rl 
Welt der Objekte, er wendet sich von ihr ah: dadurch wird p»- 
einsamt, sein geistiger Horizont schrumpft zusammen, mater" II 
und geistige Armut ist die Folge. *^ 

Auch in dieser Hinsicht ist es lehrreich den Vergleich zwisch 
den Guato und den Bakairi zu ziehen. Schmidt meint nämlich* S° 
läßt sich zunächst schon aus der geringen Sorgfalt, mit welcher* (bei 
den Guato) die Häuser hergestellt werden, aus dem gänzlichen Feh- 
len der Ornamente an den Gebrauchsgegenständen auf einen ge- 
wiesen Grad von geistiger Indolenz schließen, der vielleicht erhöht 
durch den übermäßigen Alkoholgenuß, sich schon auf den Gesich- 
tern, namentlich älterer Personen, ausgeprägt hat. Mir wurde diese 
geistige Gleichgültigkeit namentlich auffällig durch die Art, wie die 
Guato meine Wißbegierde nach ihrer Sprache aufnahmen' Bildete 
doch hei meinem Verkehr mit den Indianern im Schingu-Quellge- 
biete gerade dieser Austausch der Benennungen der einzelnen Tiere 
und Gegenstände in den verschiedenen Sprachen ein Hauptteil der 
Unterhaltung mit jenen Leuten. Immer wieder fragten sie, wie der 
Karaibe (Europaer) dieses oder jenes Tier benenne, und die Ver- 
schiedenheit der Sprache machte ihnen immer wieder neues Ver- 
gnügen. Sie hatten großes Interesse für das Vorsingen deutscher 
Lieder. Immer wieder ließen sie mich z, B. das Lied ,Margareta, 
Mädchen ohnegleichen' oder derartiges mehr vorsingen, bis einzelne 



Die IntroTersiDn in der Bhagavalgita 127 

Personen zuletzt das Lied in Melodie und Worten einigermaßen 
erkennbar wiederzugeben wußten. Wie war das alles so ganz anders 
bei den Guato! Mit vieler Mühe gelang es mir, einige, vielleicht 
zwei bis drei Worte aus einer Person herauszupressen, worauf die- 
selbe dann schon geistig ermüdet, unwillig von mir abrückte und 
deutlich genug zu verstehen gab, daß sie nicht mehr mit so etwas 
behelligt sein wollte'-^)." „Daß dieser mangelnde Sinn für geistige 
Betätigung und geistige Abwechslung mehr die Folge einer geistigen 
Trägheit als Mangel an Fähigkeiten ist, geht aus verschiedenen 
Tatsachen hervor. Zunächst daraus, daß der größte Teil der er- 
wachsenen Bevölkerung bei den Gelegenheiten, bei welchen er mit 
den Brasilianern zusammengekommen ist, die portugiesische Sprache 
ziemlieh gut gelernt hat, obgleich die Guato unter eich ausschließ- 
lich in ihrer eigenen Sprache reden s'^")." 

Wir sehen wiederum, der Bakaire hat Interesse am Austausch 
nicht nur materieller Güter, sondern auch geistiger Produkte. Er 
intereeaiert sich für die fremden Worte und fremden Lieder, läßt 
sich darum leicht in Unterhaltung hineinziehen, steht dem Fremden 
mehr oder weniger offen und zugänglich gegenüber. In vollem Ge- 
gensatz dazu steht der Guato, der, obgleich viel naher an der kul- 
turellen Welt wohnend und sogar ihre Sprache beherrschend, weder 
das Fremde nehmen, noch sich selber geben will. Er ist in sich 
verschlossen, introvertiert. Die Folge davon ist, wie wir sahen. Enge 
des Horizonts, geistige Armut. — 

■\Pir haben hier gesehen, daß der introvertierten, bzw. extraver- 
tierten Gemütslage ein sozial-ökonomisches Korrelat entspricht. Die 
introvertierten Guato führen ein isoliertes Leben in kleinen, fem 
voneinander zerstreuten Familien, ihre Wirtschaft ist nur an den 
Eigenbedarf der Familie angepaßt, sie haben keine zu große Lust 
in den Prozeß des Güteraustausches einzutreten. Dagegen leben die 
Bakairi in größeren Dörfern, in Hütten, wo mehrere Familien zu- 
sammenwohnen, treiben Ackerbau und Waldrodungen, Arbeiten, an 
denen das ganze Dorf teilnehmen muß, und lassen sich leicht in 
Güteraustausch hineinziehen. Berücksichtigt man noch, daß die Ba- 
kairi sehr fem vom kulturellen Verkehr, in einer schwer zugäng- 
lichen Gegend leben, dagegen die Guato viel öfters mit der kul- 
turellen Welt in Berührung kommen und sich ihr gegenüber den- 
noch ablehnend verhalten, so wird man annehmen müssen, daß die 
Introversion der Guato eine primäre, d. h. durch eine bestimmte 
Konstitution bedingte, nicht durch die Lebensumstände bloß sekun- 
där verursachte, ist. 

22. Der Zustand der Introversion ist z. B. beschrieben Bhagavat- 
gita 11, 55: „Wenn jemand alle Wünsche, die in seinem Herzen 
ruhen, fahren läßt . . ., in sich selbst und durch sich 
selbst befriedigt, dann heißt er einer, dessen Weisheit fest- 
gegründet ist." Und noch deutlicher ibid., II, 58: „Und wenn 
dieser seine Sinne allerwärta von den Sinnesob- 



r 



J28 Selbstschildernngen Introvertierter 



jekten zurückzieht, gleichwie eine Schildkröte ihre Glieder 
(einzieht), 80 ist seine Weisheit von Bestand^-')." 

Es wird ein Zustand anempfohlen, wo 1. .,der Mensch seine Sinne 
von den Sinnesobjekten zurückzieht", und dabei 2. „in sich selbst 
und durch sich selbst befriedigt ist". Die Introversion wird hier als 
Selbstbefriedigung, also als Autoerotismus charak- 
terisiert. 

Dieser Zustand heißt bekanntlich bei den Indern Yoga, und der 
ihn übt der Yogin. Die Regel für den Yogin ist die (Bhagavatgita 
VI, 10} : „Der Yogin soll sich immerdar in Versenkung üben, an 
einem einsamen Orte aUeln weilend, sein Denkorgan und sein Selbst 
im Zaume haltend, ohne Erwartung und ohne Besitz." Und dann 
wird dieser „Zustand der Versenkung", Bhagavatgita VI, 20 und 21 
beschrieben als der, „in dem das Denken ausruht, niedergehalten 
durch die Übung der Versenkung, und in dem man, das Selbst 
durch das Selbst erschauend, an dem Selbst sich 
freut, in dem man das endlose Glück empfindet, das jenseits der 
Sinne liegend (nur) mit dem Verstandesorgan zu fühlen ist . . ." 

Indem der Yogin sich in die Einsamkeit begibt und seine Sinne 
von den Objekten zurückzieht, bleibt ihm nichts mehr übrig als 
sich selbst zu erschauen und an diesem Selbst eich zu freuen. Er er- 
lebt das „endlose Glück" des Autoerotismus. - — — 

Ich will einige Schilderungen des Introversionszustandes mittei- 
len, wie sie von den Analysanden gegeben sind. 

Ein Mädchen aus ländlichen Verhältnissen klagt, daß sie während 
der Arbeit oft Anfälle hat, wo sie nicht mehr hei der Arbeit " 
und dann wie aus einem schweren Traum erwacht. Schon in A 
Kindheit hatte sie solche Zustände. Sie war immer menachens li 
und verkehrte nicht gern mit den Kindern. Einmal war sie*' ^"t 
Vater und Mutter bei Verwandten zu Besuch. Alle waren verenü'et 
und fröhlich. Ihr aber war es merkwürdig zumute. Sie schildert 
den Zustand so: „Eine Wand war zwischen mir und den Leuten, 



alles war für mich ohne Reiz, die ganze Welt schien mir traurig 
es war, wie wenn ich allein in der Welt wäre, alles 
war mir fremd." In der Schule konnte sie nicht gut mit, es schien 
ihr „alles wie ein leeres Geschwätz". 

Ein anderes Mädchen, eine Schauspielerin, klagt, an starker Ar- 
beitsunlust zu leiden. Sie tut ihre Sache, ohne dabei mit ganzer 
Seele zu sein, nur rein äußerlich. Es wird ihr alles gleichgültig. Es 
kommen Stunden vor, wo sie sich vollkommen leer fühlt. In der 
Kindheit hatte sie oft somnambule AnfäUe. Oft zog sie sich in eine 
Ecke zurück, saß dort stundenlang und sprach mit sich selbst. In 
diesen Selbstgesprächen redete sie sich selbst mit „Sie" an. Das 
dauerte gewöhnlich so lange, bis die Mutter darauf aufmerksam 
wurde, sie weckte und ausschalt. 

Ein junger Mann, stud. math., klagt darüber, daß er sich seit 
Monaten in Träumereien verliert, so daß er zu nichts mehr taug- 



DJe Reizlosigke it der Objektwelt für den Introvertierten 129 

lieh sei. Sein Studium habe er längst aufgegeben, den größten Teil 
des Tages verbringt er auf dem Bette liegend, ohne zu merken wie 
die Zeit dahinschwindet. Er fühlt sich eigentlich sehr wohl dabei; 
nur m allerletzter Zeit ist in ihm der Wunach rege geworden, aus 
dem traumartigen Dahinvegetieren herauszukommen. Wie intensiv 
die traumartigen Zustände auBgebüdet waren, ersieht man aus fol- 
gendem: Einmal solhe er jemanden zu einer bestimmten Stunde 
an einem der verkehrsreichsten Punkte der Stadt erwarten. Er kam 
eine halbe Stunde zu früh. Er verlor sich bald in seine Träumereien, 
ohne auf das Gewimmel und Getümmel zu achten, ohne überhaupt 
zu wissen, wo er sich befindet und zu welchem Zweck. Als er wieder 
zu sich kam, waren bereits zwei Stunden verflossen. 

Aus der ersten Schilderung des Introversionazustandes geht klar 
hervor, daß dieObjektefürdenIntrovertiertenohne 
Reiz sind, er fühlt sich unter ihnen als wäre er allein in der 
Welt. Darum fällt es ihm leicht, die Sinne von den Dingen zurück- 
zuziehen. D. h. die Objektwelt ist ihm nicht begehrenswert, er be- 
setzt sie nicht mit Libido, vielmehr zieht er die Libido von den 
Objekten weg und besetzt damit sich selbst. Darum spricht die 
Schauspielerin in der zweiten Schilderung während ihrer somnam- 
bulen Zustände sich selbst mit „Sie" an, d. h. sie ist sich selbst 
Sexualobjekt, darum auch das Objekt schlechthin, ihr Ich tritt ihrem 
Ich als Nicht-Ich gegenüber {Narzißmus). Der Introvertierte macht 
eich selbst zum Objekt und braucht darum die Objektweh nicht 

Pie im Kap. I geschilderte Frl. B., die auch an Introversion "litt, 
erzählte öfters, die Dinge und die Begebenheiten, die sich tagtäg- 
lieh wiederholen, erBcheinen ihr jedesmal wieder wie neue, noch nie 
gesehene. D. h. die Objektwelt, an der sie mit so wenig Interesse 
vorbeigeht, hinterläßt in ihrer Psyche 90 schwache blasse, man 
möchte sagen schattenhafte Spuren, daß die Bekanntheiisqüalität 
bei Wiederholung der Eindrücke nicht voll zur Wirkung kommt. 
Zwischen dem Erlebenden und dem Erlebten ist wie eine Wand, 
die die Eindrücke abschwächt'^^). 

Alle gedanklieben Inhalte haben ihren Ursprung in der Sinnen- 
welt. Der Introvertierte, der seine Sinne von den Objekten zurück- 
zieht, muß am Ende seeliech verarmen: er hat zu wenig Material 
zur intellektuellen Verarbeitung. Darum klagen am Ende die Intro- 
vertierten, sie kommen sich selber „leer" vor. Der oben an dritter 
Stelle angeführte stud. math. war z. B. ein „intellektualistischer" 
Charakter, der sich viel mit abstrakten Problemen abgab und der 
viel Gewicht auf die Entwicklung seines Intellektes legte. Er merkte 
aber bald, wie sein Intellekt in der traumartigen Vereinsamkeit ver- 
armte und verkümmerte. Er klagte mir mit Bitterkeit, daß er jetzt 
nicht mehr imstande sei, ein ganz leichtes mathematisches Problem 
zu verfolgen, wo er sich doch früher mit schwierigeren Sachen auf 
diesem Gebiete abgegeben hatte. 

Man macht überhaupt bei den meisten Introvertierten die Beob- 

9 Kaplan, Pjychowialyse 



1 



J30 Arbeitsunlusl 



achtung, daß sie den Kontakt mit dem Leben bald verlieren, Welt 
und Menschen nicht mehr recht begreifen und dadurch in manche 
Schwierigkeiten geraten. Hier liegt ein Moment vor, das sie zur 
Umkehr zwingt. 

Aber leicht ist diese Umkehr nicht. Wie es in einem Gedicht von 
Hermann Hesse heißt: 

Der Weg ist schwer, der Weg ist weit, 
Doch kann ich nicht zurück; 
Wer einmal dein ist, Einsamkeit, 
Dem bist du Tod und Glück. 

Die Sehnsucht brennt, von drunten her 
Ruft mütterlich die Welt — 
Wie ist der Ruf von Liehe schwer. 
Wie rot von Lust erhellt! 

Doch wer den ersten Becher trank 
Vom Waaaer Einsamkeit, 
Dem singt kein Vogel mehr zu Dank, 
Der geht nicht mehr zu zweit^''^). 

Wer also vom „Waaaer Einsamkeit" (Introversion) trank, „der 
geht nicht mehr zu *weit", der kehrt nicht leicht in die Welt 
zurück, 

Durch die energetische Entladungstendenz, die sich primär in den 
unwillkürlichen Bewegungen und Innervationen äußert, kommt das 
lebende Wesen in Berührung mit der Welt der Objekte und lernt sie 
kennen. So der Extravertierte. 

Dagegen nimmt in dem Introvertierten die Beharrungstendenz 
überhand, er ist immer darauf bedacht, der Objefctwelt möglichst 
wenig Angriffsflächen zu überlassen. Daraus resultiert die ewiee 
Ängstlichkeit den Schwierigkeiten des Lehens gegenüber: der Intro- 
vertierte möchte alles spielend haben, ohne Anstrengung, ohne Ge- 
fahr. 

Und darum hängt mit der Introversion ein gewissea Maß von 
Arbeitsscheu zusammen. Fast alle In Iro vertierten leiden an Arbeita- 
nnlust, jedenfalls sind sie bei der Arbeit nicht mit der ganzen Seele. 
Meistens klagen sie, ihre Arbeit fessele sie nicht, sei zu langweilig* 
uninteressant. Sucht man sie auszuforschen, was sie doch intereasieren 
würde, so stößt man auf ein unlösliches Problem: denn alles in der 
Welt, was nur sonst einen Menschen fesseln kann, erscheint ihnen 
im höchsten Grade langweilig und uninteressant. Ihr Ideal ist eigent- 
lich der Held des russischen Märchens, der den größten Teil seines 
Lebens auf der Ofenbank herumfaulenzt, und eines Tages kommt 
das „Glück" zu ihm, ohne sein Zutun, wie vom Himmel herimter- 
gef allen. 



Ein introvertierter Held 131 



Meistens erscheint dem Introvertierten das Glück in Form eines 
nirvana-artigen Zustandes: weltabgeschieden, gleichgültig, sensa- 
tionsloa, voll Ruhe. Sein höchstes Ideal ist ein „introvertierter Gott", 
der von sich selbst sagt (Bhagavatgita IX. 9) : „Aber diese Werke 
(dio aus der Urmaterie entstehen) fesseln mich nicht, . . . weil ich 
wie ein Unbeteiligter verharre und nicht an diesen Werken hänge." 
— Nach dieser Auffassung entsteht die Welt ans der Urmaterie 
(Frakntj). Der höchste Gott aber nimmt an dem Schöpfungswerk 
keinen Anteil, dazu ist er zu vornehm, er hat sich in die Außerwelt- 
hchkeit zurückgezogen, wo er als ein völlig „Unbeteiligter" ver- 
harrt. Der introvertierte Gott ist sozusagen „arbeitsscheu"."") 

23. Der zur Introversion Neigende wird immer bestrebt sein, sein 
Leben so einzurichten, daß die Introveraion auf ibre Rechnung 
komme. Die Not der Umstände jedoch vermag den Introvertierten 
aus seiner Introversionseinstellung herauszubringen. 

Umgekehrt können gewisse Umstände einem gerade die Mittel in 
die Hände geben, die ihm ermöglichen, sich vollständig seiner Intro- 
versionsneigung hinzugeben. £ine materielle Selbständigkeit, die 
einen unabhängig von der Welt macht, spielt leicht in dieser Hin- 
sicht eine verhängnisvolle Rolle. 

Wir wollen jetzt einen Fall von Introversion näher ins Auge 
fassen. Wir werden dabei lernen, in welcher Weise die Introversion 
mit einer gewiesen „Bequemlichkeitstendenz" zusammen einher- 
gebt. 

Der Fall ist literarisch fixiert in einer kleinen Erzählung von 
Theodor Heinrich Mayer: „Konstrukteur Pacher",^"j 

Der Held ist Ingenieur Fächer, der von seinen Eltern ein kleines 
Vermögen geerbt ha^ dessen Zinsen ihm bei seinen bescheidenen 
Ansprüchen die Möglichkeit geben, ohne berufliche Tätigkeit zu 
leben. Er lebt ganz einsam, zurückgezogen, unverheiratet bei seinen 
46 Jahren, hat nur einen einzigen Freund, den Musiker Alfred, der 
ihn ab und zu besucht. Früher hat er noch manchmal Reisen ge- 
macht, jetzt aber nicht mehr. Denn zu Hause bei seinen Büchern 
und Zeichnungen gefällt es ihm am besten. „Wenn er in einem 
Buche oder auch nur durch Nachdenken Anhaltspunkte für eine 
neue Konstruktion gefunden hatte, dann verließ er tagelang über- 
haupt nicht sein Zimmer, zeichnete und rechnete und konstruierte 
bis tief in die Nacht hinein. War einmal die Maschine auf dem 
Papier fertig, so bot sie für ihn kein Interesse mehr." 

Der introvertierte Charakter unseres Helden tritt hier klar zu- 
tage. Seine ganze konstruktive Tätigkeit ist bloß eine autoerotiache 
Manifestation: er arbeitet nicht für die Mitwelt, an die er gar nicht 
denkt, sondern für den eigenen Genuß, um sich selbst zu genügen. 
So macht er einen Entwurf nach dem anderen und schmeißt sie alle 
insgesamt in eine Kiste, wo sie dann ruhig liegenbleiben. 

Er hat jetzt wieder einen neuen Entwurf einer Benzinturbine 
ausgefertigt, von dem er glaubt, er könnte eine Revolution in der 

9* 



■tnn Ein introvertierter Held 



Motortechnik hervorrufen. „Wenn ihn die Motortechniker eben zu 
Geeicht bekämen . . .", meint ironiach sein Freund, der Musiker 
Alfred. „Und was geschieht mit dieser genialen Konstruktion?" fragt 
dann weiter der Musiker. Der Ingenieur antwortet beinahe ver- 
legen: „Nun ja, die Sache ist bo gut, daß ich sie mir ein paar Tage 
immer wieder mit großer Freude ansehen werde. Und wenn ich da- 
von genug habe, beginn ich halt was Neues . . ." 

Der ganze Sinn der konstruktiven Tätigkeit des Ingenieurs ist nur 
der, sich seihst zu genügen, sich selbst Freude zu machen, er denkt 
niemals daran, seine Erfahnmgen zu realisieren, sie in die Welt zu 
schicken. 

Hat der Ingenieur gar nie das Bedürfnis gefühlt, seine Konstruk- 
tionen verwirklicht zu sehen? Er antwortet auf diese Frage seinem 
Freunde folgendes: „Weißt du, darüber habe ich schon öfters nach- 
gedacht, Ich konstruiere so, wie du Musik machst, wenn du allein 
zu Hause bist. Da läßt du alles aus, was dir an einem Stücke nicht 
gefällt, und spielst nur, was du gerne hörst. Keine von allen den 
Zeichnungen, die hier in der Kiste liegen, ist vollendet. Ich habe 
überall nur das durchgeführt, was mich interessiert hat, alles andere 
nur angedeutet. Überall fehlen Details, ohne die eine Konstruktion 
nicht vollkommen ist." 

Will man in die Welt hinaus, so muß man auf die Forderungen 
der Welt Rücksicht nehmen. Das kann aber der Autoerotiker nicht, 
er kann sich selbst nicht preisgeben. 

Will man seine Ideen in der Welt reali&iexen, so stoßt man immer 
auf diese oder jene Schwierigkeiten, die überwunden werde« wol- 
len. In der Phantasie aber kann man das alles unberücksichtigt lag- 
sen, man kann alles so gestalten, wie es einer möglichst mühelosen 
Wunscherfüllung am besten paßt. 

Und so bekennt unser Held: „Ich konstruiere meine Maschinen 
nicht bloß, weil mir das Arbeiten daran Freude macht. Das ist auch 
so äußerlich. Aber beim Arbeiten habe ich immer die Maschine vor 
mir, wie sie fertig aussehen wird, und ich sehe und höre sie schon 
funktionieren. Alle Maschinen, die hier gezeichnet sind, haben funk- 
tioniert. Sie mußten es, denn nur deswegen habe ich sie entworfen. 
Ich mache es ebenso wie der Dichter. Alle seine Personen müssen 
eo reden und handeln, wie er ea will, damit er seinen Plan durch- 
führen kann. Und ich habe noch keine Maschine gebaut, ja, man 
kann ruhig sagen, gebaut, die ich nicht in vollstem Betriebe gesehen 
hätte. Habe ich einmal die Zeichnungen fertig, so lege ich sie vor 
mich hin und studiere sie genau, und wenn ich mich dann zurück- 
lehne und die Augen schließe, dann ist alles im Betrieb, stunden- 
lang, so lange ich will . . . Und nun stelle dir vor, man würde eine 
solche Maschine wirklich aus Stahl und Eisen bauen, alles wartet 
gespannt, bis sie sich in Bewegung setzen wird — und nun geht sie 
nicht. Irgend etwas in der Konstruktion war verfehlt, man kann es 
nicht beheben, und die ganze Masse steht tot da, wird zerlegt und, 



Das Phantasieleben des Inlrovertierten 133 

ins alte Eisen geworfen. Und ich habe die Maschine doch so Bchöa 
im Betriebe gesehen. Müßte mich das nicht an mir irre machen, 
mir alie Lust zu weiteren Arbeiten nehmen? Sokann ich kon- 
struieren, wie ich will, brauche mich vor nichts zu 
fürchten; ich erreiche stets, was ich will, und das 
macht mich zufrieden und glücklich" 

„Aber gerade bei Maschinen", wendet der Musiker ein, „ist die 
Notwendigkeit vorbanden, sie zu verwirklichen. Dadurch gewinnen 
sie erst ihren Wert". 

„Um so größer ist dann die Enttäuschung, wenn die Pläne ver- 
sagen. Ich kann den Wert nur danach beurteilen, was er eben für 
mich bedeutet. Ich mache diesen Wert von allen Äußerlichkeiten 
und Zufälligkeiten unabhängig. Die Welt, die draußen um 
mich ist, die Leute, die Wirklichkeit, die haben 
mir alle nichts dreinzureden, und ich ßelbst werde na- 
türlich nichts gegen mich sagen oder tun. Ich will nur für 
mich leben, nicht für die andere n." 

Der introvertierte Autoerotiker baut sich seine eigene Welt auf, 
wo alle Schwierigkeiten wegdekretiert sind, wo er nach Gutdünken 
schalten und walten kann. Draußen in der realen Welt kann man 
sich leicht blamieren, die „geniale" Maschine kann sich dort heraus- 
stellen, als zum alten Eisen gehörend. Hier aber in der eigenen 
imaginären Welt ist man sicher vor allen Enttäuschungen. Von die- 
sem Gesichtspunkt aus ist die Introversion eine „Bequemlichkeit**, 
eine geistige Trägheit. 

Der Autoerotiker erreicht stets, waaerwill, da er sich 
selbst stets zu Gebote eteht. Dadurch entsteht bei ihm eine gewisse 
Illusion der Freiheit: er hängt von niemandem {d. h. nicht 
vom Sexualobjekt) ab. Dieser Hang zu einer illusionären Freiheit, 
geboren in der erotischen Sphäre, wird maßgebend für die sonatige 
Eineteilung zur Welt: die Leute, die Wirklichkeit da draußen haben 
mir nichts dreinzureden, weil „ich nur für mich, nicht für die an- 
deren leben will." "-,"" T . - r*- ^ 

Der Autoerotiker lebt in emer zu weiten Distanz zur Welt, 
da er sich doch scheut in ihr Getriebe handelnd einzugreifen. Au 
Stelle der Tat tritt das Phantasieren und zum Teil auch das Den- 
ken^^^)- Da **^' Introvertierte häufig und viel in „Gedanken lebt" 
und sich sehr wenig in Taten auswirkt, so wird dadurch dem Phan- 
tasie- und Gedankenleben viel mehr Affektivität zugeführt, als es 
bei dem Extravertierten der Fall ist. Dadurch bekommt das „Den- 
ken" des Introvertierten einen mehr sinnlichen Charakter: er er- 
lebt seine Gedanken als „leibhafte" Realitäten. Durch diese Art 
des Erlebens der eigenen Gedanken fällt für den Introvertierteu 
die Notwendigkeit weg, etwas in der objektiven Welt zu suchen: er 
hat alles in der Phantasie vorweggenommen. — — 

Wir kehren zu unserem Helden zurück. Wir wissen, er hat eine 
neue Benzinturbine erfunden, die bestimmt war, eine Revolution 



X34 Der Unwille, Beine Schöpfungen der Welt zn geben 

in der Motortechnik hervorzurufen. Seinem Freunde, dem Musiker, 
gelingt es diesmal ihn zu überreden, den Entwurf nicht in die Kiste 
zu den anderen zu legen, sondern damit etwas zu unternehmen. Der 
Musiker übernimmt es sogar selbst die nötigen Unterhandlungen 
zu führen. Der Ingenieur willigt endlich, wenn auch mit schwerem 
Herzen, ein und übergibt dem Freunde die Zeichnungen. 

Als der Ingenieur dann allein zu Hause bleibt, nimmt er ein 
Stück Papier und zeichnet darauf einen Aeroplan, in den er seine 
Turbine eingebaut sich dachte. „Dann hielt er die Zeichnung mit 
ausgestrecktem Arm vor sich, und die Maschine bekam Leben, das 
Papier weitete sich zum Himmel, das Surren dea Propellers wurde 
hörbar; er riß den ganzen Apparat nach aufwärts, man konnte ihn 
mehr kaum verfolgen, schon war er verschwunden, nur das Motor- 
geräusch hallte noch lange nach. Einige ältere Herren traten näher 
Und beglückwünschten den Konstrukteur, eine Menschenmenge flu- 
tete näher, man schrie und winkte, es war ein Jubel, wie man ihn 
noch nie gehört hat. Dann wurde es wieder still und düster, der 
Ingenieur zerknüllte das Papier, stützte den Kopf in beide Hände 
und sah traurig auf den Tisch. ,Mein Motor ist weg, man wird ihn 
zerstören . . . nie mehr wird er so leben wie früher*, seufzte er leise 
vor sich hin. ,Hätte ich ihn doch nie von mir weg in die Welt ge- 
schickt . . .'" 

Wir sehen, welche „sinnliche" Gestalt die Gedanken dea Inge- 
nieurs annehmen. Nicht nnr sein Motor reißt den Aeroplan nach auf- 
wärts; er erlebt sogar den Ruhm vollkommen sinnfällig. 

Und dennoch am Ende der Phantasie die düster-traurige Stim- 
mung! Er kann sich nicht damit abfinden, daß er seinen Motor in 
die Welt geschickt hat. Wie ist das zu erklären? 

Außer den oben angeführten Motiven, der Trägheit und A 
Furcht sich zu „blamieren", wirkt hier noch etwas mit, was man als 
„den Unwillen des Antoerotikers ein Stück sei- 
nes Ich der Außenwelt abzugeben" charakterisieren 
kann. Wenn wir bedenken, daß der Ingenieur alle seine Erfindun« 
gen gemacht hat, ohne dabei an seine Mitwelt und ihre Interessen 
zu denken, so erscheint sein Motor als ein Stück von ihm selbst, das 
fest mit ihm verbunden ist. Indem er seinen Motor in die Welt 
schickt, reißt er eigentlich etwas von sich selbst ab und wirft es weg. 
Der introvertierte Mensch, der sich den Anderen nicht gehen will und 
nicht gehen kann, will und kann auch seine geistigen Produkte 
(gleichsam „leb - P r o j ektio n e n") nicht den Anderea 
geben. 

Es bleibt nns noch übrig, die äußere Handlung bis zu Ende zu 
verfolgen. Die Turbine wurde patentiert. Dann fand sich auch eine 
Fabrik, die die Erfindung zu kaufen bereit war. Man mußte noch 
verschiedene Veränderungen und Verbesserungen daran vornehmen, 
denn unser Ingenieur offenbarte sich als Einer, der nicht im ge- 
ringsten mit den praktischen Erfordernissen vertraut war. So hat 



i 



Die Unzulänglichkeit der Leistongen des Introvertierten 135 

er z, B, vollkommea vergessen Ölleitungen anzubringen, Zubehör- 
teile waren von unmöglichen Dimensionen, aber das Grundprinzip 
war von geradezu verblüffender Einfachheit und nach allen Rich- 
tungen mit zwingender Folgerichtigkeit ausgebildet. 

Ein Vertrag wurde abgeschlossen, die nötigen Verbesserungen vor- 
genommen. Unser Ingenieur bekam sogar vom Direktor der Fabrik 
den Antrag, wenn sein Motor fabriksmäßig hergestellt werden kann, 
als Oberingenieur mit hohem Gehalt in die Fabrik einzutreten. 
Endlich wird in der letzten Stunde der Motor ausprobiert. Und — . 
Darüber berichtet der Ingenieur seinem Freunde so: „Du mußt es 
mir glauben, es ist wirklich wahr ... der Motor geht nicht,kann nicht 
gehen . . . Wir haben den ganzen Vormittag herumprobiert, jede Mög- 
lichkeit eines Defekts beseitigt, alle Ingenieure der Fabrik suchten 
nach Ursachen, aber die Maschine blieb stets nach ein paar Um- 
drehungen stecken. Endlich holte ein junger Techniker ein Lehr- 
buch, schlug einige Diagramme auf, wir rechneten und rechneten, 
luad so fanden wir: bei einer gewissen Tourenzahl mußten die ver- 
brauchten Gase so nach außen gedrängt w^erden, daß immer ein 
Teil im Explosionsraum verblieb und das Zuströmen des frischen 
Gasgemisches hinderte. Ein prinzipieller Fehler, der nicht zu be- 
Beitigen ist. Man drückte mir bedauernd die Hand und ließ mich 
geben. Und ich komme nie wieder, ich baue nur mehr für mich wie 
früher. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin." 

So rächt sich die objektive Realität an dem, der sie verachtet ! 

"VFir fassen die Ergebnisse unserer Analyse kurz zusammen : Der 
Introvertierte arbeitet ohne an die Mitwelt zu denken, sondern er 
nianifestiert daran bloß seine Autoerotik. Er hat eine Scheu vor 
den Schwierigkeiten und Anforderungen der Objektwelt; in seiner 
Phantasie aber kann er alles so gestalten, wie es einer mühelosen 
Wunscherfüllung paßt. Seine lebhafte Phantasie nimmt jeden Er- 
folg vorweg, und macht dadurch das Suchen des Erfolges in der 
Realität erst recht entbehrlich. Dem Introvertierten sind seine gei- 
stigen Produkte eine Art Ich-Projektionen: darum gibt er sie so 
nngem der Welt preis, Wenn er sich aber einmal überreden läßt, 
mit seinen Produktionen in die Welt zu gehen, so erweisen sie sich 
als unzulänglich. 

24. Der oben angeführte stud. math. konnte nie angeben, was er 
während seiner traumarligen Zustände eigentlich erlebte. Die mei- 
sten Psychoanalytiker sind in solchem Falle geneigt anzunehmen, 
daß der Inhalt solcher „Träumereien" dank der Verdrängung der 
Amnese verfallt. In vielen Fällen dürfte das auch zutreffen. Aber 
daß erschöpft nicht das Wesen der Introversion. Ich habe auch einen 
anderen Introvertierten in der Analyse gehabt, der mir angab, zeit- 
weise während der Konzentration in der Einsamkeit in einen Zu- 
stand der Bewußtlosigkeit zu verfaDen. In vielen Fällen der Intro- 
version ist ea anzunehmen, daß überhaupt nichts erlebt 
w i r d. D. h. es gibt wirklich Zustände, in denen das Nichts, das 



136 Das Schanen des Nichts 



Losgetrenntsein von jeglichem Inhalt, erlebt wird. Wenigstens spre- 
chen die altindischen Upanishaden von dem „objektlosen 
Subjekt" und vom wonnigen Schauen desNichts. So z. B. 
NriBiriha-uttara-täpaniya-upanishad 9: „. . . Die ganze Welt aber iart 
Nicht-Wissen, ist jene Mäyl (Illusion). Der Ätman aber ist das 
höchste Selbst und durch sich selbst leuchtend. Er erkennt und er- 
kennt doch nicht; denn sein Erkennen ist objektlos, ist Imie- 
werdung"^)." Auch ein jüngerer indischer Poet sagt: 

Wenn auf des Spiegels Fläche sich kein Berg, 

Kein Tal, kein Wesen widerspiegelt, so verharrt 

Die Spiegelkraft allein im eigenen Sein. 

Dem gleicht, wenn der Erscheinungen Gewirr, 

Wenn Ich und Du und Welt verschwunden ist. 

Die Einsamkeit des Sehers, der nichts sieh t^*). 

Der einsame Seher, der nichts sieht, ist das „ohjektlose Subjekt". 
Ein junger Mann meiner Beobachtung erzählte mir auch, „daß er 
in seinem sechsten Jahre mit seinen Eltern in einem Dorfe am 
Meere weilte. Da geschah es einmal, als er allein am Strande spielte 
und dem Meere zusah, daß er in einen merkwürdigen Zustand der 
,Geistc8abwe8enheit' verfiel und ,da8 Nichts schaute'. ,Ja', fügte 
der Mann zu, ,ea klingt zwar absurd, doch sah ich damals das Nichts, 
anders kann ich den damaligen Zustand nicht beschreiben^*"*).'** 
— Auch die Buddhisten behaupten Ähnliches. In der buddhistischen 
Mystik wird z. B. von gewi83en ätherischen Räumen (Dhiäni) ge- 
Bprochen, die sieh über die Welt des Verlangens erheben. Die 
Dhyäoas sind aber „eigentlich und ursprünglich psychologisch-aske- 
tische Akte, sind Stufen der Meditation und Ekstase, in welchen dpr 
Geist sich losmacht von jeglicher Trübung, Bestimmtheit und End- 
lichkeit des Voratellens und Denkens, und zu den Höhen abso- 
luter Gedankenlosigkeit und Indifferenz empor- 
getragen wird-^"). Dieser Zustand absoluter Gedankenlosigkeit und 
Indifferenz ist das eigentliche Ideal aller Introversion. 

Die Introversion ist die Tendenz der Abwendung von der Obiekt- 
welt. In jeder Tendenz kann und muß man Stufen ihrer Verwirk- 
lichung unterscheiden. Auch im Falle der Introversion lassen sich 
gut zwei Stufen unterscheiden. Es ist interessant, daß solche 
Stufen der Introversion bereits von den altindischen Weisen "escbil- 
dert sind. In einem Kommentar der sogenannten Sämkhya-Philoso- 
phie (die bekanntlich nahe verwandt ist mit der Yoga-Schule, wo 
verschiedene Introvereionspraktiken getrieben wurden), nämlich im 
Väcaspatimicra's Sämkhya-lattva-kaumudi, findet sich folgende 
Stelle (zu Karika 25): „Erkenntnis ist die Erschauung des 
Unterschieds von Materie und Seele. Gleichgültigkeit ist 
die Negation der Begierde; dieser Zustand stellt vier (verschiedene 
Stufen des) Bewußtseins dar: I. das Bewußtsein der Bemühung, 



Zwei Stufen der Introversion I37 



2. daa Bewußtsein des GesondertBeim, 3. das Bewußtsein von (nur 
noch) einem Sinn, 4. das Bewußtsein der Herrschaft." 

„Begierde und dergleichen sind die dem Denkorgan anhaftenden 
Schäden; von denselben werden die Sinne mit Bezug auf je ihre be- 
sonderen Objekte zur Trägheit angetrieben. Wenn man sich nun 
dazu anschickt diese (Schäden) zu beseitigen, mit dem Gedanken 
,Auf diesen (Antrieb hin) sollen die Sinne nicht (mehr) mit Bezug 
auf die Objekte hier tätig sein', so ist dieses Bestreben ,da8 Bewußt- 
sein der Bemühung'. Liegt man (jener) Beseitigung ob, so sind 
einige Schäden zu Ende, während andere erst ihrem Ende entgegen 
gehen. Da nun in dieser Weise zwischen den (beiden Teilen) das 
Verhältnis des Früher und Später obwaltet, so stellt man fest, daß 
diejenigen Schäden, welche zu Ende sind, von denen gesondert sind, 
welche erst ihrem Ende entgegen gehen. Dies ist das »Bewußtsein 
des Gesondertsein'. Wenn die (Schäden), welche infolge der (durch 
die Jogapraxis erzielten) Wirkungsfähigkeit der Sinne vergangen 
sind, nur noch in (derFor m) der sehnsüchtigen Er- 
innerung in dem inneren Sinne verharren, so ist 
das jBewußtsein von (nur noch) einem Sinn' (erreicht). Auf die drei 
(bisher besprochenen Stufen des Bewußtseins) folgt nun auch das 
Aufhören selbst jenes Minimums von sehnsüch- 
tiger Erinnerung an die (früher) herangetietenen sinnlichen 
und übersinnlichen Objekte. Dies ist das ,Bewiißtsein der Herr- 
schaft', welches derverehrungswurdigePantajali (im Jogasütra I, 15) 
mit folgenden Worten beschreibt: ,Das Bewußtsein der Herrschaft 
bei einem, der kein Verlangen mehr nach sinnlichen und übersinn- 
lichen Objekten empfindet, ist Gleichgültigkeit"").'" 

Die Yoga- und Sämkhya-Philoaophen, als echte Autoerotiker und 
Introvertierte, empfmden die Berührung mit der Welt der Objekte 
als Last, sie möchten das „Denken" von den durch diese Berührung 
ihm anhaftenden Schäden befreien. Zu diesem Zwecke empfehlen 
sie eine Abwendung von der Objektwelt. Daraus resultiert zuerst 
eine Stufe, wo die Objekte der Welt bloß noch in Form der sehn- 
süchtigen Erinnerung in dem inneren Sinn verharren. Hält die Ab- 
wendung von der Objektwelt noch länger an, so folgt die „Gleich- 
gültigkeit", d. h. ein Zustand, wo auch jene sehnsüchtige Erinne- 
rung an die Objekte bereits erloschen ist. Die Introversion läßt eich 
also in zwei Stufen zerlegen: 

Erste Stufe: Abwendung bloß von der wahrnehm- 
baren Objektwelt (die Erinnerung jedoch ist noch an 
die Objektwelt fixiert). 
Zweite Stufe: Abwendung von der Objektwelt ßchlechlhin 
(d. h. das Erleben des „Nichts"). 
25. Wir knüpfen jetzt wieder an das oben Ausgeführte über pro- 
grediente und regrediente Prozesse, um von hier aus zu einer Psycho- 
logie des Denkens vorzudringen. Zu diesem Zwecke werden wir nur 
das Gesagte etwas anders gruppieren müssen. 



238 I*«r primäre Bewegangsimpnla 

Die innere Energie des Individuums (die Affektivität) wirkt sich 
als „primärer Bewegungsimpula" aua und entladet sich 
in Form der verschiedenen „unwillkürlichen" Innervationen. Diese 
Bewegungen sind ursprünglich noch nicht zweckhaft, sie streben 
nichts an, als eben sich zu betätigen. Durch den primären Bewe- 
gungsimpuls kommt aber das Individuum in Berührung mit den 
Dingen der Objektwelt, wodurch die ersten Wahrnehmungen ent- 
stehen. Da die bewußte Impression Arbeitsleistung bedeutet, und 
jeder Arbeitsprozeß sich, selbst erschöpfen muß; und außerdem die 
Impressionen gleichsam um das verfügbare Energiequantum (der 
Aufmerksamkeit) miteinander kämpfen müssen, so können die ein- 
zelnen Impressionen nicht dauernd im „Blickfelde" dea Bewußtseins 
bleiben und müssen weichen. Die weichenden Impressionen hinter- 
lassen aber „Spuren", d. h. Reproduktionsmöglichkeiten, Repro- 
duktionstendenzen, die nach Überwindung der inneren Widerstände 
in Vorstellungen übergehen. 

Der Weg bis zur Vorstellung ist also der folgende: 

I. Fortaobreitende Bewegung: Primärer Bewe- 
gungsimpuls (innerer Drang) — Berührung mit der Ob- 
jektwelt — Impression (Wahrnehmung). 
II. Rückschreitende Bewegung: Verdrängung 

(Abklingen der Wahrnehmung). 
m. Neuerliche fortschreitende Bewegung: 
Belebung der „Spur" (Aktualisierung der Reproduktions- 
tendenz) — Überwindung des inneren Widerstandes 

Vorstellung. 

Die reproduzierende Tendenz braucht aber nicht bei der Vor- 
Btellung stehenzubleiben, sie kann wiederum in Innervation enden 
in diesem Falle wird es meistens eine „zweckmäßige" Beweeuna 
sein. Der „primäre Bewegungsimpuls" ist „absichtslos" igt noch 
nicht teleologisch beschaffen. Das kleine Kind macht alle möglichen 
Bewegungen, greift nach verschiedenen Dingen der Umwelt, ohne 
ihren Wert zu kennen, aus bloßem Überfluß an Lebenaenergie. Da- 
bei stoßt es auf Dinge, die ihm Befriedigung und Lust verschaffen 
aber auch auf solche, die ihm Unlust bringen. So lernt das Indivi- 
duum die Dinge der Außenwelt in zwei Klassen, in lust- und unlust- 
bringende, einzuteilen- Von hier ab verlieren die Innervationen 
ihren unabsichtlichen Charakter, der blinde Trieb wird nun zum 
„Begehren". Die fortschreitende Bewegung III wird jetzt nicht bei 
der „Vorstellung" stehenbleiben, sondern öfters bis zur neuerlichen 
Innervation (zweckmäßigen Handlung) fortschreiten. 

Die Tatsache der Regression zeigt uns aber, daß das Befriedi- 
gungserlebnis nicht nur durch die Tat, sondern auch halluzinatorisch 
erreicht werden kann. D. h. in der fortschreitenden Bewegung lU 
kann die Belebung der „Spur" über die Vorstelhing hinaus bis zur 
Wahrnehmung (Halluzination) fortschreiten. (Die verschiedenen 



Das Denken 



139 



nnervatfor» 




Wahr 
nehmung 



Holluzi- 
nation 



Vbrs^eIlufI9 



Möglichkeiten im Ablaufe des psychischen Geschehens sind in der 
beigefügten graphischen Darstellung Bchematiech gegeben.) 

Der primitive Zustand des psychischen Apparates tendiert da- 
bin, jede Regung in Innervation überzuführen. Dabei wird aber 
nicht nur lustbringendea, sondern auch unlustbringendea Öfters er- 
lebt. Die Erfahrungen peinlicher Natur zwingen das Individuum 
sich vor den Objekten der Außenwelt in acht zu nehmen. Die fort- 
schreitende Bewegung vom Trieb zur Innervation verwandelt sich 
durch die Einwirkung der Objektwelt in eine umgekehrte: die Re- 
gung zur Innervation wird gehemmt. 

Den Mechanismus dieser Hemmung denke ich mir in folgender 
Art: Jede Regung ruft sofort die Erinnerungsbilder jener Erlebnisse 
^ach, die mit dem vollständigen Ablauf der Regung assoziiert sind 
D. h. ein Teil der Energie de3 Triebes wird verwendet zur Be- 
setzung der Gedachtmsspuren früher stattgehabter Erlebnisse- die 
möglichen Folgen des sich Hmgeben dem Triebe werden , erwogen" 
der Trieb so gemeistert und gerichtet, bis das endgültige Befriedi' 
gungserlebnis möglichst gefahrlos (d. h. ohne peinliche Nebener- 
lebniese) erreicht wird. Dies „Erwägen der möglichen Folgen" nen- 
nen wir D e n k e n. Das Ziel oder die Aufgabe des Denkens ist, unter 
verschiedenen Reproduktionstendenzen eine Auswahl zu treffen, die 
aueerwählten dann endgültig anzuerkennen, die anderen aber end- 
gültig zu hemmen. 

Das Denken setzt eine Aktualisierung verschiedener Reproduk- 
tionstendenzen voraus, und besteht in einer vergleichenden, aus- 
wählenden und hemmenden Tätigkeit. Es schiebt sich zwischen 
Trieb und Innervation ein. Das bedeutet zwar einen „Umweg", ist 
aber nötig, um mögliche Konflikte zwischen Individuum und Um- 
gebung zu vermeiden oder wenigstens auf ein Minimum zu redu- 
zieren. 

Da die Funktion des Denkens zusammenhängt mit der Begrenzung 
möglicher Reproduktionstendenzen, so darf man auch das Denken 
betrachten als eingeschaltet zwischen Reproduktionstendenz {Ge- 
dächtnisspur) und Vorstellung. Denn der Weg zur Innervation gebt 



240 „Gegenatandsbewußtsein" 



in der entwickelten Psyche über die Vorstellung. (Siehe oben das 
graphische Schema.) 

Das Denken bedeutet bloß eine Verzögerung dea Befriedigunga- 
erlebniases, keine vollkommene Ausschaltung eines solchen. Und 
darin unterscheidet sich das Denken vom Phantasieren, wo 
die Aktualisierung der Erinnerungsapuren dazu dient, ohne tätiges 
Eingreifen in das Lehen, bloß mit Hilfe von Vorstellungen sich Be- 
friedigungserlehnieae zu verschaffen, 

26. Das Denken setzt voraus, daß der Mensch nicht impulsiv in 
das Geschehen der Welt eingreift, vielmehr in einer gewissen Distanz 
zu ihr sich verhält. Diese Distanz zwischen dem Denkenden und 
der Welt kann leicht dazu verleiten, das Denken als eine Abwen- 
dung von der Welt, als Introversion also, aufzufassen. 

Das war wirklich der Ausgangspunkt der ursprünglichen Intro- 
versionslehre Jungs. Er machte damals die Aufstellung, daß „es zwei 
Typen menschlicher Psychologie gibt. Die Gnindfunktion des einen 
ist das Fühlen, die dea anderen daa Denken. Der eine fühlt 
sich ein in das Objekt, der andere denkt darüber. Der eine paßt sich 
an die Umwelt gefühlsmäßig an und denkt nachträglich; der andere 
paßt sich an über das denkmäßige und vorgängige Begreifen. Der, 
der sich einfühlt, begibt sich gewissermaßen aus sich selbst heraus 
zum Objekt, der andere zieht sich gewissermaßen vom Objekt zu- 
rück oder hält davon an und denkt darüber. Der erstere heißt der 
extravertierte Typus, weil er sich gewissermaßen herauswen- 
det an das Objekt, der letztere heißt der introvertierte Typus, 
[ weil er sich vom Objekt gewissermaßen abwendet, sieh in sieh selbst 

t sraräckaieht und über das Objekt denfct^*)." 

Die Charakteristik des Introvertierten bzw. des Extravertierten 
ist hier vortrefflich gegeben. Nur die Beziehung auf das Denk 
und Fühlen ist ein Fehlgriff, Das hat Jung später eingesehen und 
freimütig eingestanden. In einem späteren Werke sagt er daß 
zwar in früheren Arbeiten „den Denktypus mit dem Introvertierten 
und den Fühltypus mit dem Extravertierten identifiziert (bat). 
Diese Vermischung hat sich einer vertiefteren Bearbeitung des Pro- 
blems gegenüber als unhaltbar erwiesen" .^^*) 

Daß das Denken nicht zur Introversion zu rechnen ist ersieht 
man leicht aus folgender Überlegung. In der Wahrnehmung kom- 
men wir mit der Objektwelt in unmittelbaren Kontakt. Weil die 
Wahrnehmung auf einen Gegenstand bezogen ist, so spricht die mo- 
derne Psychologie in diesem Falle vom „Gegenstandsbewußtsein". 
Unterscheidet sich aber das Denken in dieser Hinsiebt von der 
Wahrnehmung? Nein. Denn auch das Denken kann sich auf Gegen- 
stände beziehen, oder die „Intention" zu ihnen haben. Auch das 
Denken gehört in diesem Sinne zum Gegenstandsbewußtsein, ist 
keine Abwendung vom Objekt. 

Man muß aber im Denken zwei Seiten oder richtiger zwei ver- 
schiedene Arten zu denken unterscheiden: ein sachgemäßes 



l- 



I 




Das Bachgemäße und das chimärische Deßken 141 



und ein sozusagen chimäriBchea Denken. Wir wollen darauf 
näher eingehen. 

Im Inhalte des Denkens wird ein gewisser Gegenstand sym- 
bolisch repräsentiert. In dem Denkakte wende ich mich 
dem Gegenstände zu, betrachte ihn, stelle gleichsam an ihn Fragen. 
„Das Ziel ist das Gewinnen der Antwort auf die Frage, die ich 
an den Gegenstand stelle, das Bewußtsein etwa, daß der . . . Gegen- 
stand ein 6o oder so beschaffener sei"**)." Der Sinn der Fragen, die 
wir an den Gegenstand richten, ist der, zu erfahren, was von dem 
Gegenstand gelte, welchen Anspruch er an mein Denken stel- 
len darf. Dieser Anspruch besteht darin, den Gegenstand gemäß 
seinem eigenen Wesen zu denken. Ein Denken, das diesen 
Ansprüchen konform ist, möchte ich als a a c h g e m ä ß e s bezeich- 
nen; alles andere Denken ist dann ein c h i m ä r i s c h e s. 

Im chimärischen Denken kann ich z. B. ein kreisförmiges Qua- 
drat denken. „In der Tat denke ich, wenn ich das kreisförmige 
Quadrat denke, d. h. ich denke, soweit dies Denken meine Sache 
ist Aber das Denken oder richtiger das Gedachtwerden ist auch 
Sache des Gegenstandes. Und in unserem FaUe nun erlebe ich es, 
daß der Gegenstand versagt, d. h., daß er gegen das Gedachtwerden 
Widerspruch erhebt. Der Gegenstand selbst verbietet mir einen 

1 hen Denkakt . . . Ea ist ein Denken der Absicht nach, oder . . . 
^° ^ 1 ein solches, soweit dies Denken meine Sache ist. Aber die 
A^beicht mißlingt- Zu ihrer Vollendung gehört eben auch die »Er- 
laubnis' des Gegenstandes"^)." 

Tlas Bacheemäße Denken richtet sich nach den Forderungen und 
A sDrüchen der Gegenstände, darf darum in keinem Falle als Ab- 
"ndune vom Objekt, als Zurückziehung in sieh selbst, als Intro- 
^ rsion betrachtet werden. Dagegen ist daa chimärische Denken 
^h akteristisch für den Introvertierten: diea Denken wird nicht 
den' Ansprüchen der Gegenstände gerecht, wird nur «U „meine" 
Sache betrieben und muß darum in kritischen Momenten ver- 

^"Vo^s r^hgemäßen Denken Ist streng ein anderes Denken 
Je« Extravertierten zu unterscheiden, ein Denken, das ich als daa 
Sprdenmäßige bezeichnen möchte. Für jedes einzelne Subjekt 
£t auch seine menschliche Umgebung ein „Objekt". Entspricht das 
Subjekt im Denken den Forderungen dieses „Objektes", so denkt es 
eben herdenmäßig. Das herdenmäßige Denken ist aber keinestalla 
zugleich auch sachgemäß. 

Ohne diese Unterscheidung begeht man leicht Fehler. So rechnet 
zum Beispiel Jung zum extravertierten Denken auch ein solches, 
welches zwar kein rein konkretes Tatsachendenken, sondern das 
ebensowohl auch ein ideelles Denken ist, „inaofem nur nachgewie- 
sen ist, daß die Ideen, mit denen gedacht wird, in höherem Maße 
von außen entlehnt, d. h. durck Tradition, Erziehung und Bildungs- 
gang vermittelt eind"."^) Nun diese Art Denken ist aU das herden- 



242 Das lierdemnäBige Denken 

mäßige zu charakterisieren. Dean das naturwissenschaftliche Den- 
ken orientiert sich im großen und ganzen am Objekte, ist also un- 
serer Terminologie gemäß sachgemäß und extravertiert. Und da 
kann und muß es öfters vorkommen, daß der Naturwissenschaftler 
mit seiner Auffaseung, die durch ein tieferes Eindringen in das We- 
sen des natürlichen Geschehens bedingt ist, gerade in Widerspruch 
gerät zu der herrschenden Tradition seiner Zeit, Copernicus, der auf 
Grund aBtronomischer Beobachtungen die Bewegung der Erde lehrt, 
denkt sachgemäß. Dagegen die Meinung des großen Haufens seiner 
Zeit, die die Ruhe der Erde annahm, war zwar auch extravertiert, 
aber nicht sachgemäß, sondern eben herdenmäßig. D. h. jeder Ein- 
zelne innerhalb der traditionell denkenden Gruppe denkt scheinbar 
extravertiert; aber die Gruppe selbst, die nicht den Forderungen 
des Gegenstandes der Forschung folgen will, sondern in ihrer lieben 
Tradition verharren will, denkt chimärisch (d. h. introvertiert). 

Kant hat bekanntlich als Kriterium der Objektivität eines Urteils 
seine AHgemeingültigkeit aufgestellt. Ein Urteil oder ein Denken 
ist objektiv (d. h. „sachgemäß"), wenn es für uns jederzeit und 
ebenso für jedermann gültig ist; „denn wenn ein Urteil mit einem 
Gegenstande übereinstimmt, so müssen alle Urteile über denselben 
Gegenstand auch untereinander übereinstimmen, und so bedeutet 
die objektive Gültigkeit des Erfahrungsurteila nichts anderes als 
die notwendige Allgemeingültigkeit desselben" (Prolegomena, § 18), 
Diese Worte Kants richtig verstanden bedeuten folgendes: Das sach- 
gemäße Denken, das Denken, das sich am Objekte orientiert mnB 
allgemeingültig sein; weil alle, die mit „offenen Augen", ohne Vnr. 
eingenommenheit an dasselbe Objekt herantreten, zum selben U t "1 
kommen müssen. Indem sich der sachgemäß (objektiv) Denke d 
nicht anmaßt eine nur für ihn gültige Sonderwahrheit zu besitreiL 
ist er zum extravertierten Typus zu zählen. 

Nur ist die Allgemeingültigkeit nicht zu verwechseln mit der 
allgemeinen (d. h. im Momente herrschenden traditionellen) 
Meinung. Das Bestimmtsem durch die Tradition charakterisiert das 
herdenmäßige Denken, das eine Ausartung der Extraversion 
ist. In dem Falle überträgt der Einzelne seine autoerotische Intro- 
versionsstimmung auf die Gruppe, zu der er sich zählt. So entsteht 
das herdenmäßige Verhalten des Einzelnen, ein Gemisch von Extra- 
vereiou und Chimäre. 



X. Das Assoziationsexperiment 

Die Einfälle, die der Analysand im Laufe der Analyse vorbringt, 
sind psychische Reaktionen, bedingt durch verdrängte unbewußte 
Inhalte. Man kann nun versuchen, solche Reaktionen experimentell 
zu provozieren: man ruft nämlich der Versuchsperson bestimmte 
„Reizworte" zu, worauf sie möglichst schnell mit Worten zu rea- 
gieren hat. Dann hat man das Reaktions- oder, wie man es auch 
nicht ganz passend nennt, das Assoziationsexperiment. 
Hat man sich nun an die „Auffassung der Bedingtheit im psychi- 
schen Leben gewöhnt, so ergibt eich als eine berechtigte Ableitung 
aus den Resultaten der Psychopathologie des Alllagalebens, daß 
auch die Einfälle der Person beim Assoziationaexperimente nicht 
willkürlich, sondern durch einen in ihr wirksamen Voratellungs- 
jnhalt (Komplex) bedingt sein mÖgen".^") 

„Assoziationsversuche zu psychologischen und psychopathologi- 
flehen Zwecken sind bekanntlich seit längeren Jahren in großer 
Zahl aufgeateUt worden. Man hoffte, mit ihrer Hilfe in den Mecha- 
nismus des psychischen Geschehens einzudringen, eine p8ychologi- 
ßche Charakterisierung des geprüften Individuums zu erlangen und 
eventuell auch eine Abgrenzung des Normalen vom Pathologischen 
zu erreichen. Entsprechend diesem allgemein psychologischen 
Zweck wurden die Reizworte des Assoziationaverauches möglichst 
indifferent gewählt und Reziehungen zu besonderen Erlebnissen der 
Versuchspersonen vermieden, da diese die Vergleichbarkeil der 
Resultate stören mußten. Die Verwertung der Ergebnisse geschah 
in der Weise, daß die Reziehungen zwischen Reiz- und Reaktiona- 
wort in formaler Richtung charakterisiert und die Prozentzahlen 
der jeweilig vorgefundenen formalen Beziehungsarten angegeben 
wurden. Alle diese Untersuchungen haben nur zu verhältnismäßig 
geringfügigen Resultaten geführt und dem Verständnis des psychi- 
sehen Geschehens nicht wesentlich näher gebracht. In neuester Zeit 
ist nun eine Anwendung des Asaoziationsexperimentes in Angriff 
genommen worden, die wesentlich andere Zwecke verfolgt. Es han- 
delt sich hier nicht um allgemein paychologische Charakterisierung 
des untersuchten Individuums, sondern um das Vorhandensein be- 
ßtimmter Komplexe in der Versuchsperson. Nicht das for- 
male Verhältnis zwischen Reiz- und Reaktions- 
wort interessiert hier, sondern die rein inhalt- 
liehe Beziehung, die zwischen beiden besteht'")." 



144 Sinnvolle Reaktionen 



Wir haben nicht die Absicht, alle Feinheiten des Reaktionsexperi- 
mentea hier vorzuführen. Vielmehr wollen wir nur in großen Zügen 
eine Übersicht über dieses Verfahren geben, um gewisse Parallelen 
zu den Ergebnissen der psychoanalytischen Methode aufzuzeigen. 

Fall Nr. 1^"). Die Versuchsperson hatte während des Zeit- 
raumes, innerhalb dessen alle Versuche fallen, besondere Ge- 
fühle einer jungen Dame gegenüber. Um die Versuche zu ver- 
stehen, muß noch erwähnt werden, daß der junge Mann noch 
nicht ganz über die Zeit innerer Kämpfe hinausgelangt war 
und ihm, da er streng christlich erzogen war, die Neigung zu 
einer Israelitin viel zu schaffen machte. 

Reiz Reaktion 

1. Hochzeit . . Unglück. 

2. komm .... komm mit mir. 

3. leiden .... ach Gott, ja! 

4. Kununer . . wer nie die kummervollen Nachte. 

5. Küssen . . . nie. 

6. Spiel .... süße Spiele spiel ich mit dir. 

7. Sofa eine bestimmte Chaiselongue (im Salon der be- 

treffenden Dame). 

8. lieben .... ist unnütz. 

9. Treue .... Jungfernkranz (mit der entsprechenden Melodie 

gedacht). 
10, Hoffnung . . du sollet uns im Leben (Fortsetzung: liebend und 

tröstend umschweben). 

„Nr. 6 ist die Fortsetzung von Nr. 2, ein Zitat aus dem »Erlköniff* 
Sehr bemerkenswert ist, daß unter 78 Assoziationen sonst nur noch 
ein einziges Zitat vorkommt, nämlich bei 

müssen kein Mensch muß müssen, 

und überhaupt Zitate bei der Versuchsperson sehr selten sind. Der 
Komplex bedient sich hier also einer Reaktionaform die 
der Versuchsperson sonst gar nicht geläufig ist, 
ja, es ist charakteristisch, daß die Versuchsperson vom ,ErUcönig* 
überhaupt nur dies kleine Bruchstück: ,komm, komm mit mir, gar 
süße Spiele spiel ich mit dir', ins manifeste Gedächtnis herüberge- 
rettet hat. Auch vom ,Jungfernkranz' kennt sie zwar die Melodie 
vollständig, vom Text aber nur das kleine Bruchstück: ,Wir winden 
dir den Jungfernkranz.' " 

Wir sehen, wie die zehn hier angeführten Reaktionen, wenn man 
den zugrunde liegenden Komplex beachtet, sinnvoll ausfallen. Noch 
mehr, der Komplex wirkte determinierend auf den Gedächtnis- 
schatz: das, was zu der gegebenen Situation paßt, wird jetzt erinnert. 
„Der Komplex äußert, vielleicht um weniger aufzufallen, vielleicht 
weil es weniger Mühe kostet, intime Gefühle in schon geprägte 
Münze, wie Zitate, Liedertexte, Titel von Erzählungen und ahn- 



Sinnvolle Reaktionen 145 



liches. Zitate sind häufig Masken. Wir benutzen sie auch 
im gewöhnlichen Leben in diesem Sinne^")." 

Fall Nr. 2^*'). Versuchsperson ist ein Kaufmann, 22 Jahre alt, 
Muttersöhnchen, Angatneurose, Maaturbant. 

Reizwort Reaktion 

39. Verachten .... Schauspiel. 

49. Mitleid Schauspiel. 

80. Spott armer Mann. 

Zu 39 erklärt Versuchsperson, es hat ihr sofort eine Bühne vorge- 
schwebt, auf der ein Mann kniete, auf den ein anderer mit Verach- 
tung herabsah. Femer: „Arme Leute werden oft verspottet. Früher, 
wenn ich turnte, wurde ich wegen meiner Unbeholfenheit ver- 
epottet, auch wegen meiner Dicke." Volle Klarheit über die Reak- 
tionen haben wir noch nicht gewonnen. Aber verfolgen wir die Sache 
weiter. „Am nächsten Tage, im Anschluß an einen Traum, als er 
seine Kindheitserinneningen reproduzierte, fiel ihm plötzlich das 
Reizwort ,Spott' ein. Ohne irgendwelche Suggestivfragen erzählte 
Versuchsperson folgendes: ,Als ich vierzehn Jahre alt war, kam ich 
oft mit zwei Freunden zusammen. Sie erzählten: ,Du, wir onanieren 
feste drauf los-' Ich wußte davon noch gar nichts, versuchte die 
Manipulation aber sofort, jedoch ohne Erfolg. Meine Freunde lach- 
ten mich aus und wollten meinen Penis sehen. Sie verspotteten mich, 
weil er noch so klein und unbehaart war. Ich kam mir klein und' 
erbärmlich vor." Jetzt sind die Reaktionen 39 und 49 verständlich: 
Das Schauspiel, das er gab, war bemitleidenswert und verächt- 
lich!" (Strohmayer.) 

Es ist interessant hier zu beobachten, wie der wahre Hintergrund 
der Reaktionen nur mühsam zum Vorschein kommt. Auf die Reiz- 
worte „Verachten" und „Mitleid" wird vorerst durch das Wort 
„Schauspiel" reagiert, in Verbindung damit entsteht die Viaion von 
dem Manne, auf den man mit Verachtung herabsieht. Erst am 
nächsten Tag wird das wichtige Ereignis reproduziert. Wir sehen 
hier die Wirkung des starken Widerstandes gegen die Belebung eines 
peinlichen Erlebnisses. Der Einblick in das Spiel der psychischen 
Kräfte, in den Kampf zwischen Verdrängtem und Verdrängung, ist 
uns unverhüllt gewährt, was bei der Ausforschung in der Hypnose 
unmöglich wäre. 

Es scheint mir wichtig, Analoges aus der „Denkpsychologie" (der 
Külpeschen Schule) anzuführen. Wenn man z. B. zu einem be- 
stimmten Reizwort irgendeine Beziehung, wie „Nebenordiiung 
oder „Über-, bzw. Unterordnung" angeben soll, so kommt es erst- 
lieh vor, daß die Reaktion ohne besondere Schwierigkeiten vor sich 
geht und die Versuchsperson das Bewußtsein hat, es sei hier etwas 
Geläufiges zum Ausdruck gekommen. D. h. solche Reaktionen 
sind durch ein Wissen von einem bestimmten Sachverhalt bedingt, 
sie sind also Wissenaaktualisierungen. Aber nicht alle 

lo Kaplan. Psychoanalyae 



,it 



-1^ Sukzessive ■WissensokmaliBierung 

Reaktionen in den denfcpsychologischen Experimenten laufen in so 
einfacher Weise ab. Hier zur Illustration ein komplizierterer Fall. Die 
Beziehung, die aufzusuchen ist, ist diejenige der „Überordnung". 
Auf das Reizwort „Haß" reagiert eine Versuchsperson mit „Leiden- 
schaft" und gibt über ihre Erlebnisse (während der Reaktion) an: 
„Ich erinnerte mich, früher in einem lateinischen Lehrbuch der 
Philosophie gelesen zu haben, daß der Haß (das Wort in Schreib- 
maschinen schrift dabei innerlich gelesen) untergeordnet werde unter 
einem Begriff, ich wußte genau welchen, aber konnte ihn nicht be- 
nennen. Der Gedanke setzte mit dem Schriftbild ein. Das Auftau- 
chen der Erinnerung erfolgte, indem dieses Wortbild von mir fest- 
gehalten wurde. Dann kam auf einmal das Wort Leidenschaft in 
Schreibmaschinenschrift; reagierte nicht ganz befriedigt, weil ich 
den gemeinten Begriff nicht richtig bezeichnet hatte, ich hatte ge- 
meint Affekt^*«)." 

Diese Reaktion ist dadurch charakterisiert, daß hier die WisBens- 
aktualisiemng nicht gleichsam in einem Satz geschieht, sondern 
stufenweise vor sich geht. Man spricht in solchem Falle von einer 
sukzessiven Wissensaktualisierung. Ein weiteres 
Beispiel solcher ist die folgende Reaktion auf das Reizwort 
„Schuld", zu dem „Folge" zu finden war: „Verurteilung". „So- 
gleich ein Wissen, daß das, was ich zu antworten habe, etwas mit 
dem Gericht zu tun habe. Ich suchte etwas Kriminelles, was an ein 
Vergehen folgt. Die Lösung bewegte sich in Richtung auf den Be- 
griff Strafe als Vergeltung für die Schuld. Es kam aber nicht das 
Wort Strafe, sondern Verurteilung, als Benennung der Folge der 
Schuld, durch welche sie gesühnt wird^*")." 

Wie BoUen wir uns die Tatsache der „sukzessiven Wissensaktuali- 
sierung" erklären? Sie tritt vermutlich auf, wenn „ein (relativ) we- 
niger geläufiges Wissen durch Vermittlung eines geläufigeren 
Wissens aktualisiert wird, das Bestimmungen über denselben Ge- 
genstand enthält . . .^^'')." Wir wissen, daß jedes Erlebnis Spuren 
hinterläßt, die zur Reproduktion tendieren. Einige dieser Spuren 
fiind aber leichter ansprechbar, besitzen eine stärkere Reproduk- 
tionsfähigkeit als die anderen. Und darin besteht das Wesen der 
sukzessiven Wissensaktualisierung: Die aktuell gewordene Energie 
der Erlebnisapuren fließt zu den weniger stark besetzten Spuren 
und versetzt sie dadurch auch in aktuellen Zustand. D. h. die 
sukzessive Wissensaktualisierung zeigt an, daß 
relativ mehr Hemmungen auf dem Wege zur letz- 
ten Einsicht zu überwinden sind. 

Im denkpsychologiachen Experiment kommt das aufgespeicherte 
Wissen der Versuchsperson zur Wirksamkeit. Im Äaaoziations- 
experiment, wie auch in der Analyse, kommt das verdrängte Ge- 
dankenmaterial zur Wirksamkeit. Auch hier sehen wir, daß der 
verdrängte Inhalt, weil er stark gehemmt ist, nicht leicht reprodu- 
zierbar ist: er kann nur auf Umwegen, in Form von „Deckerinne- 



Die verlängerte Reaktionszeit 



147 



rungeu", zum Vorschein kommen. D. h. dieReaktion, durch 
das Reizwort provoziert, ergreift Worte und 
Bilder, deren Reproduktion weniger gehemmt 
ist, die leichter „ansprechbar" sind. 

Dem „weniger Geläufigen" im „denkpsychologischen Experiment" 
entspricht im Assoziationsexperiment der Widerstand. Dieser 
charakterisiert eich zahlenmäßig als verlängerte Reak- 
tionszeit. Zur Illußtratjon: 

FaU Nr. 3=") Einmal in einem Moment der Verzweiflung 
wurde von der Versucheperson der Selhstmord durch Ertrinken 
ernstlich überlegt. 

Reizwort Reaktion Reaktionszeit 



Kopf 

grün 

WASSER 

stecken 

lang 

SCHIFF 

fragen 

Wolle 

trotzig 

SEE 

krank 

Tinte 

SCHWIMMEN 



Haar 

Wiese 

tief 

Messer 

Tisch 

Untergang 

Antworten 

stricken 

freundlich 

Wasser 

gesund 

schwarz 

können 



Reproduktion ''0 

1,4 Sek. + 

1,6 „ + 

5^0 „ schwimmen 

l,ö „ + 

1,2 „ + 

3,4 n Dampfschiff 

1.6 „ -f 

1,6 „ 4- 

1,4 „ + 

4,0 „ blau 

1,8 „ + . 

1,2 „ + 

3}8 „ Wasser 



Die „kritischen" Reizworte: WASSER, SCHIFF, SEE und 
SCHWIMMEN regten den Komplex an. Der Widerstand gegen die 
peinliche Erinnerung hat sich als verlängerte Reaktionszeit kund- 
getan. Dadurch ist die dynamische Natur der Verdrängung gekenn- 
zeichnet : sie ist ein in der Zeit sich abspielender 
energetischer Prozeß. 

Oben haben wir gezeigt, daß im denkpsychologischen Experiment 
bei relativ größerer Hemmung die sukzessive Wissenaaktualisiemng 
eintritt. Nun ist es wichtig noch hinzuzufügen, daß aus einer tabel- 
larischen Zusammenstellung der Reaktionen ersichtlich wird, daß 
die Reaktionen mit sukzessiver Wissensaktualisierung im Unter- 
schied von den anderen meistens längere Reaktionszeiten erfor- 
dern. „Dies berechtigt zu der Vermutung, daß dieselben Umstände, 
welche die Verlängerung der Reaktionszeit herbeiführen, auch den 
Grund für das Auftreten der sukzessiven Wissensaktualisierung ent- 
halten"»}." Es ist somit klar, daß die Verlängerung der Reaktions- 
zeit, da sie der sukzessiven Wissensaktualisierung äquivalent ist, 
nichts anderes bedeuten kann, als eben den Widerstand. 

Einen Einblick in den Kampf zwischen Komplex und Verheim- 
licbungstendenz gewährt auch ein Experiment von Kramer und 
Stern (a. a. 0.) : 

10« 



24S Verheimlichnngstenilenz 



Fall Nr. 4. Der Versuchsperaon wurde das Bild „Der Tod als 
Würger" von Alfred Rethel gezeigt mit der Instruktion, den 
„Bildkomplex" im Reaktionsexperiment nicht zu verraten. Dem. 
Bilde wurde folgende Erläuterung beigefügt: 

„In Paris war ein Maskenball; in ausgelassener Lustigkeit 
drehte sich Mann und Weib, da sank plötzlich eine Dirne um. 
Und als der Arzt hinzukam, zeigte sich'a: die Cholera war da. 
So brach sie aus, vom Tanzsaale her wütete sie durch die 
Stadt ..." — Die Versuchsperson durfte also die Kenntnis dieser 
Episode nicht verraten. 

Versuchsperson, Herr L., atud. jur., „wahrscheinlichea Mittel" 
seiner Reaktionszeit = 9,5 Fünftelsekunden. 
21. Paria — Ball; 50 Fünftelsefcunden. 
L. sagt in seinem Selbstbeobachtungsprotokoll: 

„Da ich die ganze Zeit in einer großen Angst schwebte, ich 
könnte mir eine Blöße geben, und meine Angst in diesem Augen- 
blick besonders groß war, konnte ich, so große Mühe ich mir auch 
geben mochte, die Assoziation ,Ball* nicht unterdrücken. Je mehr 
ich nach einer anderen suchte, desto unruhiger wurde ich, und so 
blieb mir trotz der langen Reaktionszeit, die ich 
erfolglos hatte verstreichen lassen, nichts anderes übrig, 
als meine erste Assoziation auszuspreche n.** 

Herr Schw., cand. phil., „wahrscheinliches Mittel" der Reak- 
tionszeit = 9,5 Fünftelsekunden. 

8. Geißel — Tod; 16 Fünftelseknnden. 
„Schw. gibt in dem Selbstbeobachtungsprotokoll an, daß ilun 
auf Geißel zunächst Cholera . . . eingefallen ^ei, und daß sich erst 
nach Unterdrückung dieser die ausgesprochene Assoziation einge- 
stellt hatte" (Kramer und Stern). ^ 

Wirklich, die Verheimlichungstendenz beansprucht einen großen 
„psychischen Aufwand" und darum bedeutet der Selbstverrat ge- 
wissermaßen eine Erleichterung. Die Tatsache und die Bedeutung 
der verlängerten Reaktionszeit ist auch der alltäglichen Beobach- 
tung nicht entgangen: man spricht in solchem Falle von „Verle- 
genheit". Wenn man keine richtige Antwort auf irgendeine Frage 
geben kann, wenn man also etwas verborgen zurückhalten muß, 
dann ist man „verlegen". Die verlängerte Reaktionszeit ist dazu 
da, um die Reaktion besser zu entsteUen, die „passende" Antwort 
besser finden zu können, was jedoch, wie aus dem Obigen hervor« 
geht, nicht immer gelingt. Das eigentümlich Peinliche, das das 
Wort „Verlegensein" kennzeichnet, ist wohl der Ausdruck des see- 
lischen Konfliktes, der sich in solchen Fällen mehr oder weniger 
intensiv abspielt. 

Zum Thema des Widerstandes sei hier noch die folgende Bemer- 
kung Freuds eingeschaltet. Er sagt: „Allemal stockt die Arbeit 




■Widerstand 149 



(der Analyse), immer wieder behaupten sie (die Patienten), dies- 
mal sei ihnen nichu eingefallen. Man darf ihnen nicht glauben, 
man muß dann immer annehmen und auch äußern, sie hielten 
etwas zurück, weil sie es für unwichtig halten oder peinlich emp- 
finden. Man besteht darauf, . . . man stellt sich unfehlbar, bis man 
wirklieb etwas zu hören bekommt. Dann fügt der Kranke hinzu: 
,Da9 hätte ich Ihnen schon das erstemal sagen können.' — Warum 
haben Sie es nicht gesagt? — ,Ich habe mir nicht denken können, 
daß es das sein sollte. Erst als es jedesmal wiedergekommen ist, 
habe ich mich entschlossen, ea zu sagen.' — Oder; ,Ich habe ge- 
hofft, gerade das wird es nicht sein; das kann ich mir ersparen zu 
sagen; erst als es sich nicht verdrängen ließ, habe ich gemerkt, es 
wird mir nichts geschenkt.* — ■ So verrät der Kranke nachträglich 
die Motive des Widerstandes, den er anfänglich gar nicht einbeken- 
nen will"'*)." Diese Ausführungen Freuds über den Zusammen- 
hang zwischen Widerstand und Verlängerung der Reaktionszeit 
finden wir im Kramer-Sternschen Experiment viele Jahre später 

bestätigt. 

Diese Tatsache, daß zu lange Zeiten das Vorhandensein von ge- 
fühlsbetonten Komplexen andeuten können, erscheint uns von gro- 
ßer Wichtigkeit. Damit wäre vielleicht das Mittel gegeben, durch 
ein ganz kurzes und einfaches Examen gewisse individuell außer- 
ordentlich wichtige Dinge zu erfahren, und zwar gerade die für 
die Persönlichkeitspsychologie bezeichnenden Komplexe"^^)." 
Zur weiteren Illustration führen wir an: 

Fall Nr. 5'"^). Versuchsperson ist eine verheiratete Dame. 
Wahrscheinliches Mittel der Reaktionszeit =^ 1 Sek. Versuchs- 
person ist gravid und hat bie und da ängstliche Erwar- 
tungsgefühle, 

37. neu alt 1,0 Sek. 

38. Sitte Gebrauch 1,0 Sek. 

39. reiten fahren 1,0 Sek. 

40. Wand Karten 1,0 Sek. 

41. dumm geschickt 1,0 Sek. 

42. Heft Buch 1,0 Sek. 

43. Verachten . . . mipriser 1,8 Sek. 

„Verachten" ist bei der Versuchsperson von unangenehmem Gc- 
fühlston begleitet. Unmittelbar nach erfolgter Reaktion fällt ihr 
ein, daß sie vorübergehend die Befürchtung bat, die Gravidität in 
ihren verschiedenen Wirkungen könnte sie in den Augen ihres 
Gatten herabsetzen. Daran schließt sich unmittelbar die Erinnerung 
an ein Ehepaar, das auch zuerst glücklich war und dann ausein- 
andergekommen ist; es ist das Ehepaar, das in Zolas Roman ,Ve- 
rite' vorkommt, Daher die französische Fassung der Reaktion, Die 
Reminiszenzen waren, man braucht es kaum beizufügen, im Mo- 
mente der Reaktion natürlich nicht bewußt. 



150 Perseveration 



aus. 



Fall Nr. 6="). Versuchsperson ist der Knabe Max. „Am Vor- 
atend hatte er mit dem kranken Bruder Arno Streit, weil er 
sich bei brennender Lampe entkleidete. Der Bruder nannte ihn 
Quatschkopf, Waaserschädel usw. Max benutzte die Gelegenheit 
^r WiUensübung und schwieg, was ihn nachher freute. Den 
Wert dieser Verdrängung werden wir aUbald kennenlernen." 
Reizwort Reaktion Reaktionszeit 

Kopf Veratand 3,2 Sek. 

grün rot 2,0 „ 

Wasser Leiche 4,0 „ 



1 



44. Zahn Zeit 1,0 Sek. 

45. richtig falsch 1,0 Sek. 

46. Volk treu 1,4 Sek. 

„Die vorangehende Reaktion, die ohne wahrnehmbaren Gefühls- 
ton erfolgt ist, lautet ,falHch', ,treu' ist der Gegensatz dazu. Diese 
Konstatierung genügt, um Versuchsperson sofort auf die richtige Er- 
klärung zu führen. Die Reaktion ,falsch' hat den Graviditätskom- 
plex angeregt, speziell die Befürchtung der Abkühlung des Gatten." 
Wir haben hier die Erscheinung der „Perseveration"» 
worunter ein Beharrungsphänomen zu verstehen ist, „wel- 
ches darin besteht, daß die vorausgehende Assoziation die folgende 
Reaktion mitbedingt", sei es inhaltlich oder nur durch Verschie- 
bung der verlängerten Reaktionszeit. 

Die Wirkung der Perseveration ist auch an folgenden Reaktionen 
kenntlich: 

78. Glück lieh 0,6 Sek. 

79. erzählen .... Mutter 1,4 Sek, 

„B, 78 iät sehr kurz, was etwas auffällt bei einem Reizwort, das 
leicht den Komplex hätte anregen können. Die folgende Reaktion 
braucht dafür um so mehr Zeit, 1,4 Sek., was bis jetzt immer ein 
Komplexsymptom war. Die Reaktion ,Mutter' erklärt die lange 
Zeit" (Jung)="). 

Ein weiteres Komplexmerkmal ist in dem ungewöhnlichen _., 

Inhalt der Reaktion zu suchen, in welche Kategorie auch die ^M 

Übersetzung des Reizwortes in eine fremde Sprache (w^ie z, B R 43 ^1 

des betrachteten Falles) gehört, sowie Reaktionen in verstümmelten ^^ 

Worten. Im Fall Nr. 2 sind die Reaktionen: „Verachten — ^ Spi 
spiel" und „Mitleid — Schauspiel", von solcher Art; den K ^"- 
plex, der sich hinter diesen Reaktionen verbirgt, haben wir k^' ' 

nengelernt. Der „ungewöhnliche Inhalt" der Reaktion entspricht 1 

dem psychoanalytischen Begriff der „Entstellung". Zu den Kom- 
plexmerkmalen wird auch die Wiederholung des Reiz- oder i 
Reaktionswortes gerechnet Die Wiederholung ist wohl der Aus- 
druck der „Verlegenheit", auch drückt sich darin die Perseveration 



« 



Fülle der AsBOzialionen 151 



Es ist zu vermuten, daß die Reizworte „Kopf" und „Wasser" kri- 
tisch gewirkt haben: beiden folgen lange Reaktionszeiten, außer- 
dem ist die Reaktion: „Wasser — Leiche", als eine auffallende zu 
betrachten. Ein neuer Einfall zum Wort „Verstand" ist: „Im Kopfe 
ist Verstand". Nach einer Pause: „Leute mit verstörtem Gesichte 
eind irr. Die meisten sind unheilbar." Nachtrag nach vier Tagen: 
„Werm mein Bruder unheilbar wurde, so müßte er sterben." Arno 
war nämlich hysterisch. Max verrät seinen verdrängten Wunsch, der 
Bruder mochte sterben (Pfister). 

Zu der nichtkritischen Reaktion: „Grün — Rot" ist der weitere 
Einfall: „Grün ist die Farbe der Hoffnung." 

Die weiteren Einfälle zu der kritischen Reaktion: „Wasser — 
Leiche" sind: „Schiff, ein Ertrunkener. Ich sah, wie ein Ertrunke- 
ner in ein Schiff gezogen wurde." Dann ferner: „Baden, schwim- 
men, Badeanstalt, Badewärter, Grund, Seegras, Haifisch, Erde, 
Stein, Sprungbrett, Luft, Kette, Balken, Unterseeboot, Mannschaft, 
keine Luft, ertrunken, Taucher, Taucherglocke, Gold, Stricklei- 



ter . 



Einfälle zu „schwimmen": „Mein Bruder behauptet, er sei vom 
Sprungbrett aus fast bis auf den Grund getaucht. Dies machte mir 
einen tiefen Eindruck. Es schauert einem ganz. Ich tauchte einmal 
an einer weniger tiefen Stelle auf den Grund. Das Ertrinken kommt 
mir in den Sinn. Ich sah im Kinematographentheater, wie einer er- 
trinkt." 

Einfälle zu „Erde"; „Der Grund des Wassers, Dunkel schwarz. 
Das Grab im Busento, (Nachtrag nach vier Tagen) : Darin ist einer 
auf einem Pferd, groß, stramm, bleich. Es ist mein Bruder." 

Zu „Unterseeboot": „Ich sah auf einem Bilde, wie die Mann- 
schaft eines solchen erstickte." (Nachtrag nach vier Tagen) : „Der 
Kapitän war Arno." — 

Es ist klar, die Fülle der nachträglichen Assoziationen sind durch 
den starken Widerstand hervorgerufen, sie ermöglichen die ver- 
längerte Reaktionszeit auszufüllen und so die „Verlegenheit" zu 
verdecken. Wenn man etwas nicht sagen will oder nicht sagen kann, 
und doch sagen muß, so gebraucht man viele Worte. Wo keine Hem- 
mungen vorhanden sind, da geht man direkt zur Sache. 

Man bedient sich ferner noch des sogenannten „Reproduktions- 
verfahrens", um Komplexe aufzudecken. Man läßt nämlich die 
Versuchsperson auf dieselben Reizworle zur Kontrolle ein zweites 
Mal reagieren. Die mangelhafte Reproduktion dient als Komplex- 
merkmal wie man dies aus der Tabelle des Falles Nr. 3 ersehen 
kann (wo die richtigen Reproduktionen mit + bezeichnet sind). 

Das findet seine Bestätigung auch in der Psychologie des Ge- 
dächtnisses. Das Erinnern nämlich kann als eine Reaktion auf einen 
äußeren oder inneren Reiz, nach dem Schema des Assoziations- 
experimentes, betrachtet werden. Die Zeit, die man braucht, um 



152 Reprodnktion 



etwas zu erinnern, die sogenannte „Reproduktionszeit", ist der „Re- 
aktionszeit" wesensgleich. Je größer der Wideretand der Verdrän- 
gungstendenz, desto größer muß auch die Reproduktionszeit aus- 
fallen. Das finden wir aber auch durch die experimentelle Psycho- 
logie bestätigt. „Müller und Pilzeker fanden, daß dierichtigen 
Reproduktionen eine kürzere ße Produktions- 
zeit haben als die falschen, und diese wiederum eine 
kürzere als die Reproduktion des Wortes ,nichts', durch das ein- 
gestanden wird, daß die geforderte augenblickliche Reproduktion 
einer assoziierten Silbe nicht eingetreten war-"")." Wir treffen beim 
Ermnern dieselben Verhältnisse wie im Assoziationsexperiment an 
den „kritischen" Stellen: die Komplexmerkmale der verlängerten 
Reaktionszeit in Verbindung mit falscher Reproduktion. 

Der falschen Reproduktion entspricht der psychoanalytische Be- 
griff der „Deckerinnerung", d. h. die Fehlleistung der fal- 
schen Erinnerung. Die Deckerinnerung „(verdankt) ihren Gedächt- 
niswert nicht dem eigenen Inhalt, sondern dessen Beziehung zu 
einem anderen unterdrückten Inhalt".''^") 

Auch bei der Ausübung der reinen psychoanalytischen Methode 
(d. h. ohne Beihilfe des Assoziationsexperiments) kann man das 
Reproduktionsverfahren anwenden. Es geschieht dies dergestalt, 
naß man den Analyaanden veranlaßt, irgendeinen Vorgang oder 
Erlebnis zweimal zu schildern und dann die Abweichungen unter- 
einander vergleicht. So verfährt z. B. Freud oft bei der Analyse von 
Trämnen. Er eagt: „W«nn mir der Bericht eines Traumes zuerst 
schwer verständlich erscheint, so bitte ich den Erzähler ihn zu 
wiederholen. Das geschieht dann selten mit den nämlichen W 
ten. Die Stellen aber, an denen er den Ausdruck verändert hat A' ' 
sind mir als die sehwachen Stellen der Traum Verkleidung ken Irt 
gemacht worden . . . Dort kann die Traumdeutung ansetzen^"" 1 " 

Das Reaktionsesperiment ist ein Mittel, um Komplexe zum Vor. 
schein zu bringen. Komplexe sind gefühlsbetonte VorsteUunssmas 
sen — Seelenzustände — . die man nicht mit Recht auf eine vei^ 
gangene oder zukünftige Realität außerhalb der Psyche der Ver- 
suchsperson beziehen darf. Wenn z. B. der Knabe Max Todes- 
wünsche gegen seinen Bruder Arno hegt und dies im Experimente 
verrät, so ist damit noch keinesfalls gesagt, daß Max in Wirklich- 
keit einen Mordanschlag auf seinen Bruder verübt, oder daß er 
einen solchen zu verüben vor hat oder imstande dazu sei. Zur „Tat- 
bestanddiagnostik" ist das Assoziationsexperiment, wenigstens in 

^^'"x^"'. "'^ *^ j^^* ausgeübt wird, kein vollkommen siehe- 
res Mittel. 

Es kann nämlich vorkommen, daß einer, z. B. ein Neurotiker, in 
der Untersuchung „so reagiert, als ob er schuldig wäre, obwohl er 
unschuldig 18t, weil ein in ihm bereitliegendes und lauerndes Schuld- 
bewußtsein sich der Beschuldigung des besonderen FaUes bemäch- 
tigt .. . Denken wir an die Kinderstube, in der man häufig (diesen 



TatheEtanddiagnoEliGcber Vermach 



153 



Fall) beobachten kann. Es kommt vor, daß ein Kind, dem man 
eine Untat vorwirft, die Schuld mit Entschiedenheit leugnet, dabei 
aber weint wie ein überführter Sünder . . . Das Kind hat die Untat, 
die Sie ihm zur Last legen, wirklich nicht verübt, aber dafür eine 
andere, ähnliche, von der Sie nichts wissen, und deren Sie es nicht 
beschuldigen. Es leugnet also mit Recht seine Schuld — an dem 
einem — und dabei verrät es sich doch sein Schuldbewußtsein wegen 
des anderen=«^). Koinplexmerkmale sollen in Bolehen Fällen nur als 
Verdachtsmomente dienen, die Anhaltspunkte und Richtungslinien 
für die weitere Forschung ergeben. 

Zur Illustration des zuletzt Gesagten wollen wir einen tatbestand- 
diagnostischen Versuch referieren. 

Fall Nr. T-''''). „Die Arbeiterin G. mußte in den Keller gehen, 
nm in einem Sacke einen Bestellzettel zu suchen. Da der Keller 
geschlossen war, rief sie den Hauswart K. herbei, um zu öffnen. 
K. kam in den Keller, packte sie von hinten, hielt ihr die 
Hände, hob ihr die Röcke und knöpfte ihr die Hosen auf. Dann 
riß er ihr Hemd heraus und versuchte sie zu vergewaltigen. 
Die G. wehrte sich, machte sich eine Hand frei, drängte den 
K. weg und drohte zu schreien. K. ließ sie daraufhin los. Er 
gibt den Tatbestand zu, nur behauptet er, keinen eigentlichen 
Beischlaf beabsichtigt zu haben." 

„Als kritische Reaktionsworte wurden gewählt: Keller, Kind, 
Mädchen, Sack, Zettel, hinten, Hand, festhalten, drehen, wenden, 
aufheben, Unterrock, Hose, aufknöpfen, Hemd, Bein, greifen, weh- 
ren, pressen, Teil, Gewalt, erfassen, wegdrängen, schreien, loslas- 
sen .. . Als Kontrolle diente dem Experimentator ein ganz unbe- 
kannter junger Konunis, der noch nie etwas von dem Versuche ge- 
hört hatte." 







Exp 


er 1 m e n t 






Täter (wahrsch. Mittel d. R. Z. = 


2,0 Sek.) 


Kontrolle (wafarBfji. Mittel 
d.R.Z. = I,8Sek.) 


Reizwort 


R.Z. 
Sek. 


Reaktion 


Repro- 
duktion 


R.Z. 

Sek. 


Reaktion 


Repro- 

dukttoa 


4. Keller 


5,2 


wie? dunkel 


kühl 


1.4 


Lokal 


4- 


8. Kind 


2,4 


klein 


+ 


3,0 


klein 


+ 


9. Erod 


2,1 


frisch 


4- 


2,2 


essen 


+ 


12. Mäddicn 


10,0 


Knabe 
(lächelt) 


+ 


1.4 


schön 


+ 


14. gut 


2,3 


böse 


+ 


5,3 


Apfel 


+ 


74. Gewalt 


2,2 


anwenden 


+ 


2.1 


gegen ein 
Mädchen 


+ 


75. lachen 


2,0 


schrei ea 


Bingen 


10,0 


schön 


+ 


76. Ziege 


2,1 


Tier 


das hall 
ich nicht 
gesagt 


4,0 


den \Pageo 


Tier 



154 



Kntische Reizworle 



„Daa kritiache Wort ,Keller' zeigt beim Täter sofort deutliche 
Komplexmerkmale, das Wort wird nicht gleich verstanden, was sich 
durch die Frage ,wie?' äußert, die Reaktionszeit ist stark verlängert, 
die Reproduktion ist falsch." „Das nächste kritische Reizwort ,Kind' 
zeigt verlängerte R. Z. {2,4 Sek.), dieselbe ist aber bei der Kontroll- 
person noch länger (3,0 Sek.) und perseveriert . . . Reaktion 14 
zeigt bei der Kontrollpereon stark verlängerte Reaktionszeit. Die 
Analyse ergibt, daß der Betreffende kein Geld und seit zwei Tagen 
wenig gegessen hat, bei seinem Herkommen sah er schöne Äpfel in 
der Auslage, die seinen Appetit erregten, daran mußte er bei dem 
Worte ,gtit' denken . . . Reaktion 74: Gewalt — (2,2) anwenden, 
spricht den Komplex deutlich aus, der pereeverierende Gefühlston 
zeigt sich in den beiden nächsten Reaktionen . . . durch falsche Re- 
produktion, so besonders das Wort schreien, welches den Komplex 
neuerdings ausspricht. Von großem Interesse ist das 
Verhalten der Kontrollpereon bei diesem Reiz- 
wort. R. 74: G e w a 1 1 — (2,1) gegen ein Mädchen spricht 
den Tatbestand deutlich aus, wir sehen einen überaus intensiven 
perseverierenden Gefühlston, bei dem nächsten Reizworte die R. Z. 
10 Sek., bei dem darauffolgenden 4 Sek. und falsche Reproduk- 
tion. Das Verhalten ist ein zu auffallendes . . . Bei den entsprechen- 
den Fragen kommt er in große Verlegenheit, stockt und erzählt end- 
lich folgendes: ,Ich war bisher in T. in Stellung und lernte dort in 
einer Famiüe ein Mädchen kennen, mit dem ich alsbald ein Ver- 
hältnis anknüpfte, welches beiläufig ein Jahr anhielt. Vor einigen 
Wochen wurde das Mädchen blaß und krank, die Eltern ließen den 
Arzt rufen, welcher eine Schwangerschaft konstatierte. Die Eltern 
machten mir einen Skandal, behaupteten, daß ihre Tochter ein an- 
ßtändiges Mädchen war, die nie hinter dem Rücken der Eltern etwas 
getan habe und daß die Sache nur so möglich sei, daß ich ihr Ge- 
walt angetan habe, und daß sie mich deshalb einsperren lassen wer- 
den. Da sie dies auch meiner Familie mitteilten, war mir die Sache 
sehr peinlich, ich forderte meine sofortige Entlassung und reiste 
plötzlich ab.' Diese Erzählung gibt uns Aufschluß über die Kom- 
plexmerkmale bei den erwähnten Reaktionen." (Stein.) 

Es ist klar, das kritische Reizwort kann auch bei dem an einem 
bestimmten Tatbestande nicht Beteiligten Komplexmerkmale her- 
vorrufen. Stein hat z. B. durch zahlreiche Versuche an Frauen ge- 
funden, daß die Worte „Hoffnung" und „Abtreiben" bei der Mehr- 
zahl kritisch wirkten****). So fand Jung, daß die Reizworte: Herz, 
Gewalt, Wunder hei 8 bis 10 von 11 Versuchspersonen kritisch 
wirkten^^''). Somit darf das Assoziationsexperiment zu tatbestand- 
diagnostiechen Zwecken nur mit Vorbehalt angewendet werden. Das 
„kritische" Reagieren an sich ist nur ein Merkmal des Vorhanden- 
seins eines starken Affektes. Was für ein „Tatbestand" (im juristi- 
schen Sinne) und ob überhaupt einer hinter dem Affekte steckt, 
muß in jedem einzelnen Falle erst noch festgestellt werden"*). 



Cottesnrtcil 155 



Man stellt darum für die Tatbestanddiagnostik die Forderung auf: 
„Man muß dessen sicher sein können, daß im Seelenleben der Kon- 
trollperaon kein Erlebnis eine Rolle spielt, das dem der Unter- 
suchung in wesentlichen Details gleich oder ähnlich ist. Handelt 
es sich um ein Verbrechen, so darf die Kontrollperson nicht etwa 
selbst früher einmal ein derartiges Verbrechen unter ähnlichen Um- 
Blanden begangen hahen"^')." In den meisten Fällen kann mau aber 
nicht sicher sein, daß diese Forderung wirklieh erfüllt sei; denn 
wie soll man ohne vorherige (psychoanalytische) Untersuchung 
entscheiden können, ob in dem Seelenleben der Kontrollperson ein 
bestimmter Talbestand mit Affekt verbunden sei oder nicht? 

Das Reaktionsexperiment zu latbeatanddiagnostischen Zwecken» 
freilich in sehr primitiver Form, kannte man schon seit uralten 
Zeiten. Denn was anders sind die sogenannten Gottesurteile? Hier 
nur eine kleine Auslese solcher tatbestanddiagnoatiscber Mittel. 

„Das indische Rechtebuch des Harada I, 337 — 342 bestimmt (über 
die sogenannte Reisprobe) das Folgende: ,Ich werde nun die Zere- 
monie angehen, wie sie für das Genießen von Reiskörnern bestimmt 
ist: beim Diebstahl sind Reiskörner zu verabreichen, sonst nichts, 
das ist feste Bestimmung. Man bringe Körner von Reis, gieße Wasser 
dazu, worin ein Götterbild gebadet worden, und lasse sie während 
der Nacht stehen. Rei angebrochener Morgendämmerung soll ein 
gottesfürchtiger Mann in eigener Person dem Beklagten, der vor- 
her gebadet, gefastet und nun sein Antlitz gegen Osten wendet, drei- 
mal Reiskörner geben. Nachdem er sie zerkaut, heiße jener ihn auf 
ein Blatt spucken: ist ein Feigenblatt nicht zu haben, so ist ein 
Birkenblatt vorgeschrieben. Bei wem Blut zum Vorschein kommt, 
wessen Zahnfleisch Schaden nimmt oder wessen Glieder zit- 
tern, den soll man als schuldig bezeichnen^"*). Das Wunder des 
Gottesurteils ist durch das Gesetz des Selbatverrata durch bestimmte 
Reaktionen determiniert : die Versuchsperson muß zittern, wenn sie 
sich schuldig weiß. 

„Im Jahre 1410 bestimmte der Erzbischof Johannes von Now- 
gorod über die Ermittlung von Schuld und Unschuld vor dem Bilde 
der Heiligen Gurius, Samonas und Avivas, daß der Priester die 
heilige Liturgie feiere, dann das geweihte Brot mit dem Namen 
Gottes beschreibe und es allen gebe, die kommen; wer ißt, ist un- 
schuldig, wer nicht ißt, soll des Gerichtes Gottes schuldig sein; wer 
aber dem Brote nicht naht, der soll ohne Urteil Gottes und der 
Menschen straffällig sein^"^)." Hier sogar ein tathestanddiagnosti- 
Bcher Versuch mit Zuhilfenahme von Kontrollperaonen. Viel ein- 
facher fällt die Probe mit dem „geweihten Bissen" bei den Islän- 
dern aus: „Hast du jemand in Verdacht dich bestohlen zu haben, 
so schreibe diese Worte auf Käse oder Brot und lasse es ihn essen: 
paxx magx ax x. Kann er es nicht verschlucken, so ist er schul« 
dig"")." 



156 



Magie und TatbestaniJJiagnoEtik 



Aus dem angeführten isländischen Brauch leuchtet es ein, daß 
das spätere Gottesurteil sich aua der magischen Handlung zu Scha- 
den des Verbrechers entwickelt hat. Wenn z. B. auf der Insel Geram 
(Molnkken-Gruppe, im Westen von Neuguinea) in den Pflanzungen 
ein Diebstahl vorkommt, so haben die Eingeborenen ein Mittel, den 
Täter herauszubekommen. „Am Tatort wird ein Matakau errichtet. 
Es ist die Nachbildung einer Waffe oder eines Krokodils oder eines 
anderen gefährlichen Tieres, durch das der Täter sterben soll. Meist 
wirkt das Mittel bei den abergläubischen Leuten, und der Dieb 
meldet sich oder macht den Schaden wieder gut^'^')." Nach magi- 
scher Auffassung ist die Abbildung der gefährlichen Waffe oder des 
gefährlichen Tieres gleichbedeutend mit dem Versuch, dem Diebe 
Schaden zuzufügen. Das Schuldbewußtsein des Diebes drängt ihn 
aber, die für ihn gefährliche Magie unschädlich zu machen; das 
kann wiederum nur in der Weise geschehen, indem er den ange- 
richteten Schaden wieder gutmacht. So führt die magische Hand- 
lung, die ursprünglich den unbekannten Dieb strafen wollte, 
zu seinem Selbstverrat. Dadurch verwandelt sich die schädigende 
strafende Magie in ein tatbestanddiagnostisches Mittel. Dann wurde 
das tatbestanddiagnostische Mittel (die magische Handlung zum 
Schaden des unbekannten Verbrechers) unter den Schutz des Got- 
tes gestellt. Später genügte es auch, bloß den Gott anzurufen, um 
tatbestand diagnostische Wirkungen hervorzurufen. 

In diese Kategorie gehört z. B. auch die sogenannte Kreuzprobe: 
„Die Gegner hatten sich mit seitwärts ausgestreckten Armen vor 
ein Kreuz zu stellen; wer die Arme zuerst sinken ließ, hatte vei> 
loren^^*)." Die psychologische Voraussetzung der Anwendung diesei 
Probe ist die Tatsache, daß der Schuldbewußte (im Rechtsstreite 
Ungerechte) seine Hände zu Gott (der doch alles weiß) nicht em- 
porheben kann^"^). 

Das „Gottesurteil" ist eine Reaktion des schuldbeladenen Gewis- 
sens, des „Sundenkomplexes". Wie das Schuldbewußtsein wirken 
kann» fo%t aus einem „bekannten Fall mit tragischem Ahschluß", 
nämlich „des Grafen Godwin, der, des Brudermordes beschuldigt, 
an der königlichen Tafel äußerte, wenn er schuldig sei, möge ihm 
der Bissen im Halse steckenbleihcn, was geschah^"*)." 

Natürlich konnte das Ordal (das Gottesurteil) nur so lange als 
wirksames, tatbestanddiagnostisches Mittel dienen, solange die Men- 
schen an ihren Gott und seine Gerechtigkeit fest glaubten. „Der 
Begriff des Ordals ruht auf einem lebendigen Glauben an den all- 
wissenden und allgerechten Gott, welcher die Unschuld schützt und 
das Unrecht kennt und straft"')," 

Aus dem Vergleich des Ordals mit dem tatbestanddiagnostischen 
Experiment muß es einleuchten, daß der Reiz nur als ein Agent pro- 
vocateur fungiert, das wirklich Wirksame aber ist das 
Schuldbewußtsein der Versuchsperson; die Mittel, 



Schuldbewußtsein 157 



es zur Äußerung zu provozieren, können oft ziemlich geringfügig 
sein. 

Wir sehen auch ein, daß die Wissenschaft zielbewußt das zur Me- 
thode erheben wiD, was die Menschen rein „instinktiv", d. h. ohne 
der Gründe sich recht hewußt zu sein, seit uralten Zeiten geübt 
haben. 



XL Die analytisch-vergleichende 
Methode 

Die psychoanalytische Methode verdankt ihre Entstehung der 
Pathologie, wo sie, wie wir ea geschildert haben, zu therapeutischen 
Zwecken ihre Anwendung fand. Die erste Erweiterung des An- 
wendungsgebietes dieser Methode war das Studium der verschie- 
denen Fehlleistungen des Alltagslehens, sowie der Traumphäno- 
mene. Die Psychoanalyse blieb aber nicht bei der Individualpey- 
chologie stehen, vielmehr wurden auch die völkerpsychologischen 
Erscheinungen, wie Sitte und Religion, Mythos, Sage und Märchen, 
in ihren Betrachtungskreis gezogen. Dieses erweiterte Gebiet for- 
dert aber einige Modifikationen an der analytischen Forschungs- 
methode, gemäß dem Material, das der Untersuchung geboten 
werden kann. Wenn wir z. B. eine Sage vor uns haben, so betrach- 
ten wir sie auch als Endresultat einee (unbewußten) Prozesses der 
Volksseele. Wir können aber in diesem Falle keine „Einfälle" sam- 
meln, aus deren Betrachtung wir dann die (psychologische) Deu- 
tung der Sage folgern könnten. Jedoch ist die Sachlage nicht ao 
hoffnungslos, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. 

Wir knüpfen unsere Betrachtuagen an das Reproduktionsverfah- 
ren im Reaktionsexperiment an. Das falsche Reproduzieren haben 
wir als Komplexmerkmal kennengelernt: die beiden verschiedenen 
Reaktionen (auf denselben Reiz) stehen jedoch in Beziehung zu 
demselben Komplex, sie sind bloß verschiedene Ein- 
fälle zu demselben Thema. Wenn zwar jeder einzelne Einfall den 
Komplex nur in entstellter Weise widerspiegelt, so ist doch zu er- 
warten, daß, wenn eine Reihe solcher Einfälle gegeben ist, sich der 
wahre Kern verdichten und so zum Vorschein kommen werde. In 
der kriminalistischen Praxis stützt sich darauf die Erforschung des 
Tatbestandes: Zwei Zeugenaussagen, die, jede für eich genommen, 
nichts zur Überführung des Täters ergeben, können bei zusammen- 
fassender Betrachtung beider Aussagen, dennoch jenen vollkommen 
überführen. Hier ein Beispiel: Ein katholischer Geistlicher wird in 
einer GeseUschaft gefragt, wer seine erste Beichttochter gewesen 
war. Natürlich will er das Beichtgeheimnis nicht verletzen. Als man 
in ihn mehr und mehr drängt, entschließt er sich, ohne den Na- 
men der Dame zu nennen, zu erzählen. Seine erste Beichttochter, 
erzählt der Pfarrer, war eine junge, unlängst verheiratete Dame, die 



Die WasserlieBen 159 



ihrem Manne ihre Treue gebrochen hatte. Bald darauf kommt in 
die Gesellschaft ein Ehepaar und die Dame spricht den Pfarrer an: 
„Warum haben Sie uns ganz vergessen und besuchen uns nicht? Ich 
war doch Ihre erste Beichttochter!" — Die Aussage des Priesters, 
sowie diejenige der Dame, einzeln betrachtet, geben uns zu keiner- 
lei Vermutung Anlaß. Aber beide Aussagen zusammen enthüllen 
uns sofort das Geheimnis. 

Eine ähnliche Situation finden wir auch im Bereiche der Mythen 
und Sagen. Denn die verschiedenen Fassungen (Varianten) eines 
mythologischen Motivs betrachten wir als „Einfälle" oder „Aus- 
sagen" zu demselben (unbewußten) Urthema und unterziehen sie, 
wie die verschiedenen Zeugenaussagen, einer vergleichenden Be- 
trachtung. Wir wollen eine Illustration der Anwendung dieser Me- 
thode, die wir die analytisch-vergleichende nennen möch- 
ten, geben. Zu diesem Zwecke ziehen wir den Sagenzyklus von den 
Wasserfrauen heran. 

„Nach einer alten Sage sollen sich unweit der Zeiskenburg im 
sogenannten Liskateiche bisweilen gespenstige Weibsbilder, be- 
sonders die Liska, baden, ihre Kleider waschen «nd sie auf den 
diesen Teich umschattenden Gesträuchen zum Trocknen aufhän- 
gen. Aber wehe demjenigen, der das Unglück habe, gerade zu 
dieser Zeit hierherzukommen. Denn ein nackendes Mädchen 
■ — tugendhaft und züchtig, wie ihr Zeitalter — könne eine solche 
Unbill nicht ertragen und räche sich, besonders an Männern, 
fürchterlich. 

(Eine andere Fassung der Sage erzählt, daß) „der Geist der 
unglücklichen Lieka, die in Gram getäuschter Liebe sich den 
Tod gegeben, bisweilen im Liskateich bade. Wehe dem Armen, 
den der Zufall dann herbeiführt, daß er die geapensterischen 
Nebelgestalteu erblickt!"''^*) 

Also, die tugendhafte Liska rächt sich an den Männern aus Gram 
getäuschter Liebe. Noch klarer wird uns der Sinn der Sage, wena 
wir noch eine weitere Fassung der vergleichenden Betrachtung un- 
terziehen: 

Es war einmal in Langseifersdorf ein Junge, der ging zu dem 
neuen Teiche, und da war eine Wasserlisse, die sprach zu ihm, er 
solle mit ihr gehen. Da gingen sie in den Teich hinein und kamen 
in ein schönes großes Haus. Der Junge mußte in der einen Stube 
bleiben, und die Lisse sagte zu ihm, er solle ihr beileibe 
nicht nachkommen. Der Junge war aber neu- 
gierig und lief ihr doch nach. Da saß die Lisse in 
der Kammer in einer Wanne und badete sich: sie 
war aber halb Mensch, halb Fisch und schrie laut auf und jam- 
. merte, daß sie nun nimmer erlöst werden könne. 

Hierauf ist eine andere Wasserliese gekommen und hat den 
Jungen auf den Boden hinaufgeführt und ihm auch gesagt, er 



160 Nacktheit nnd ScbamLaftigkeit 



solle da warten, und hat ihm strenge verboten, ihr 
nachzulaufen. Sie stieg eine Treppe hoher, der Junge 
aber lief ihr bald nach. Da stand die Lisae und 
schrievor Freude auf: sie aber gab ihm drei Ohrfeigen, 
und da war der Junge augenblicklich in eine Waaserlisse ver- 
wandelt. Sie aber war nun erlöst^"). 

Das gemeinsame Element aller dieser Fassungen ist das Verbot, 
das nackte Mädchen anzuschauen, sowie überhaupt das Verbot, 
dem Mädchen nachzulaufen {= nachzustellen). Dadurch erscheinen 
die verschiedenen Lissen als miteinander identisch. Fassen wir die 
verschiedenen Abweichungen, inabesondere aber die Abweichung 
der zweiten Hälfte der zuletzt angeführten Fassung der Sage von der 
ersten Hälfte ins Auge, so können wir den verborgenen Sinn dea 
angeführten Sagenzyklua folgendermaßen aussprechen : DieLisse 
will, wie jedes Weib, durch die Schönheit ihres 
Körpers den Mann anlocken, sie will, daß er ihr 
nachstellt, sie sucht. Darum die großeFreude der 
zweiten Liese und ihre Erlösung (d. h. ihre Befrie- 
d i gun g). Die Schamhaftigkeit des jungen Weibea 
aberbewirkt dieVerdrUngung diesesnatürlichen 
Verlangens, darum kann es sich nur entstellt, in 
Form des Grames gegen den jungen Mann äußern. 
Die hier beschriebene Erscheinung nennen wir die Affektver- 
wandlung: der verdrängte Affekt schlägt ins Gegenteil um 
(= Verschiebung des Affektes von dem positiven Pol auf den nega- 
tiven). 

Um die Verwandlung des Jungen in eine Wasserlisse zu becrei- 
fen, müssen wir noch folgendes beachten: Wilhelm Fließ hat die 
Behauptung aufgestellt, daß wir alle, Männer und Frauen h i - 
sexuell veranlagt sind. In jedem Manne befindet sich etwas von 
der Sexualität des Weibes, wie auch umgekehrt, in jedem Weibe 
auch männliche Sexualität vorhanden sei. Schon der biblische My- 
thos von der Erschaffung des ersten Menschenpaares zeugt für die 
bisexuelle Anlage des Menschen. Denn Eva wird aus Adams Rippe 
gemodelt, sie befand sich also ursprünglich im männlichen Kör- 
per. Der Mythos von der Geburt des Dionysos erzählt: „Semele, 
Zeus' Geliebte, Tochter des Kadmos, gebar den Dionysos. Die Ge- 
burt erfolgte vorzeitig, da Semele sich die Erscheinung dea Zeus, 
wie er als Freier der Hera nahte, erbeten, Zeus aber im Welter und 
Donner und dem tötenden Blitz nahte. Zeus näht die un- 
reife Frucht in seinen Schenkel ein und gebiert 
sie aus diesem zum zweiten Male"«)." Auch der nor- 
dische Schöpfungsmythos deutet auf die bisexuelle Anlage des 
Menschen hm. Zuerst wurde der Riese Ymyr erschaffen. „Als er 
schlief, geriet er in Schweiß, da wuchs ihm unter dem linken Arme 
Mann und Weib, sein eigener Fuß zeugte mit dem anderen einen 



Fran Holle 161 



Sohn und so erwuchsen ihm Nachkommen"")." In allen diesen 
Mythen verhalten eich die Männer wie Frauen, sie tragen das weih- 
licbe Prinzip bei sieh, sie sind bisexuell. 

Gewöhnlich bleibt das „andere Geschlecht" hei den meisten 
Menschen dauernd verdrängt, ist nur latente Anlage und äußert 
sich vielleicht nur in verschiedenen Kleinigkeiten. Zu diesen Äuße- 
rungen der Biaexualität gehört in unserer Sage auch die Verwand- 
lung des Jungen in eine Wasserliase. Wenn das Mädchen die Sexual- 
ahlehnung zu weit treibt, so begünstigt sie dadurch die homosexuelle 
Komponente: der Jüngling muß in ein Mädchen verwandelt wer- 
den, dadurch bekommt die Sehnsucht nach Liehe eine scheinbar 
harmlose Gestalt. (Die „Umdeutung ins Harmlose".) 

Mit der gegebenen Analyse ist jedoch der Sinn des Sagenzyklus 
nicht erschöpft; es bleiben noch einige Punkte, die einer weiteren 
Erklärung bedürfen. Hierher gehört besonders das wiederkehrende 
Verbot, daa badende Weib zu schauen und die hartnäckige Um- 
gehung dieses Verbotes von Seiten des Jungen. Wir wollen die Sage 
auch vom Standpunkte des Seelenlebens des Jungen zu begreifen 
suchen. Zu diesem Zwecke ziehen wir in unsere vergleichende Be- 
trachtung neue Fassungen hinein, die etwas abseits vom schlesischen 
Wasserlissenzyklus liegen, nämlich die Sagen von der Frau Holle : 

Am Meißen in Hessen liegt ein großer Pfuhl oder See, mehren- 
teils trüb von Wasser, den man Frau Holles Bad nennt. Nach alter 
Leut Erzählung wird Frau Holle zuweilen badend 
um die Mittagstnnde darin gesehen und verschwin- 
det nachher . . . 

Von dieser Holle erzählt das Volk allerlei, Gutes und Böses. 
Weiber, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und 
fruchtbar; die neugeborenen Kinder stammen 
ausihremBrunnen,undaie trägt siedarausher- 
vor"°). 

Die badende Frau Holle ist mit den schlesischen Lissen gewisser- 
maßen identisch. Bei ihr fällt aber ein neues Moment in die Augen: 
Frau Holle ist die Personifikation der Mutter- 
schaft, denn sie bringt die Kinder zur Welt="). über- 
tragen wir diesen Schluß auf die Lissen, so erhellt der Charakter des 
sie schauenden Jungen : er ist einfach das Kind, daa ge- 
gen das wiederholte Verbot der Mutter dennoch 
seiner u n b e w ä 1 1 i g t e n Schaulust nachgeht und 
darum von ihr gezüchtigt wird. Die Ohrfeigen, die der 
Junge von der Lisse bekommt, erinnern an die Art und Weise, wie 
eine erzürnte Mutter ihren Ungehorsamen Jungen züchtigt. 

Die Mutternatur der Waeserlisaen bekräftigt sich, wenn man noch 
die griechischen Wasaergöttinnen, die Nymphen, in die Betrach- 
tung hineinzieht. „Die lebensspendenden Quellgottheiten . . . dachte 
man sich mit Fug unter dem Bilde des fruchttragenden Weibes" 

IL Kaplan, Psychoasalyse 



•tf-n Die Nymphen 



(Röscher. Lexik, d. griech. u. römiech. Mythol). Auch bei den 
Nymphen findet sich der Zug, daß man sie beim Baden nicht er- 
blicken darf. „Wer die Nymphe im Quell oder im Haine erblickte, 
verfällt der Raserei." Femer heißt es : „Der Seher Teiresias ist Sohn 
der Nymphe Chariklo. Die Sehergabe soll er allerdings Athena ver- 
danken, die ihn zuvor geblendet, weil er eie mit seiner Mut- 
ter im Bad erblickt" (Röscher). Die Nymphen und die Was- 
serlissen sind Mütter, darum ist es besonders frevelhaft, sie im Bade 
zu belauschen. 

In der Person der Lisse sind somit zwei verschiedene Gestalten 
„verdichtet" : die des jungen Mädchens, das vomjun- 
gen Manne begehrt sein will, und die der erzürn- 
ten Mutter. Hier liegt kein Widerspruch vor, denn das be- 
gehrende junge Mädchen eieht in der Mutter sein 

Vorbild und identifiziert sich in Gedanken mit 
ihr. Auch die Nymphen waren als junge Mädchen gedacht, was je- 
doch nicht hinderte, sie als Staromesmütter aufzufassen. 

Der russische Dichter Maxim Gorki hat dasselbe Thema, ohne es 
vielleicht zu wissen, behandelt. Wir meinen seine Erzählung „Wa- 
renka Olessowa". Ein junger Gelehrter weih bei seiner Schwester 
auf ihrem Gute. Dort macht er die Bekanntschaft des jungen scho- 
nen Mädchens Warenka, die in ihm bald die Liebesglut entfacht. 
Das Mädchen reizt ihn immer mehr, ohne ihm nachzugeben. Eines 
Morgens, nach einer sclilaflosen, aufgeregten, in verschiedenen ero- 
tischen Phantasien verbrachten Nacht, belauscht unser Gelehrter die 
Geliebte beim Baden. Warenka ist recht erzürnt und aufgebracht, 
steigt aus dem Wasser und schlagt ihn ins Gesicht. — Warenka ist 
eine Nymphe oder Wasserlisse, die beim Baden zu erblicken immer 
ein Unglück bedeutet. Die mythenbildende Tätigkeit des Menschen 
ist noch nicht erloschen. Nur nehmen die mythischen Gestalten oft 
neues Äußeres an, sie ziehen gleichsam bloß andere Kleider an, 
entsprechend den Anforderungen einer neuen Zeit, ihr Wesen bleibt 
aber dasselbe. 

Nicht nur die Wasserfrauen, sondern das Wasser selbst ist ein 
Muttersymbol. So wird z. B. der biblische Moses in einem Käst- 
chen im Nil ausgesetzt. Hier findet ihn Pharaos Tochter, rettet 
ihn und nimmt ihn wie ihr Kind auf. Diese Episode der Mo- 
sessage ist eine „Gehurtsphantasie". Ein späterer Held, Lohengrin, 
erscheint in einem Schiffchen, das ein Schwan zu Lande zieht. Der 
Schwan ist, wie der Storch, ein Kinderbringer. Wiederum also eine 
„Geburtsphantasie". 

Noch durchsichtiger ist die folgende Sage : 

DAS ERTRUNKENE KIND. 
Einmal war einer Mutter ihr Kind im See ertrunken, sie ruft 
Gott und seine Heilige an, ihr nur wenigstens die Gebeine zum 
Begräbnis zu gönnen. Der nächste Sturm brachte den 



Dos Wasser als mütterlicIieB Element 163 

Schädel, der folgende den Rumpf ans Ufer 
und, nachdem alles beisammen war, faßte die Mutter sämtliche 
Beinlein in ein Tuch und trug sie zur Kirche. Aber, o Wunder! 
als sie in den Tempel trat, wurde das Bündel immer schwerer, 
und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars legte, fing das 
Kind zu schreien an, und machte sich zu jedermanns Er- 
staunen aus dem Tuche los*^^). 

Wie hei der Gehurt kommt vorerst der Kopf des Kindes, dann 
folgt der ganze Rumpf. Nach der Geburt schreit das Kind und es 
wird in die Kirche getragen (zur Taufe). — 

Diese Resultate lassen sich auch durch eine Individual-Analyse 
bestätigen. Ein junges Mädchen sitzt einmal mit einem Herrn, den 
sie gern hat, der aber zurückhaltend war, im Cafe. Etwas dichterisch 
veranlagt, nimmt sie ein Stück Papier und schreibt schnell folgen- 
des Gedichtchen hin: 

Steile Felsen ragen ins Meer, 

erhitzt von dem Stoß seiner Wellen, — 

hart schlagen sie her. 

Dahin komm', — 

ich betau' dich mit Tropfen Her Liebe. 

Dies Gedichtchen spricht eine ziemlich deutliche Sprache. Wir 
wollen die einzelnen Bilder, die hier gebraucht sind, verfolgen. 

In der Analyse gibt die Betreffende die folgenden Gedanken, als 
mit ihrem Gedichte zusammenbärigend: „Die Sonne steigt aus dem 
Meer. — Welle achlägt an Welle. — Das Meer kommt nie aus sich 
heraus. — Die Tropfen sollen doch auf jemand fallen!" 

Um die Deutung des Gedichtes vollziehen zu können, müssen 
wir noch folgendes beachten: Primitive Völker denken sich gewöhn- 
lich Untergang und Aufstieg der Sonne als Tod und Wiedergeburt 
der Sonne oder des Sonnengottes. Die ersten Menschensiedlungen 
waren an großen Wassern gegründet. Abends verschwand nun 
scheinbar die Sonne im Meere, um am anderen Morgen wieder aus 
dem Meere emporzutauchen. In Verbindung mit dem Gedanken 
von Tod und Geburt der Soime verwandelt sich nun das Wasaer in 
ein mütterliches Element. Auch unsere Dichterin sagt: „Die Sonne 
steigt aus dem Meere", d. h. sie ist vom Meere geboren. Das Meer 
ist symbolisch die Frau. 

Nun war unsere Dichterin ziemlich einsam, was sie in letzter 
Zeit auch quälte. Und darauf weist sie hin, wenn sie sagt; „Dae 
Meer kommt nie aus sich heraus. Welle schlägt an Welle." D. h. 
das Meer muß sich in seiner Liebessehnsucht mit sich selbst begnü- 
gen. Unsere Dichterin weist aber solche Eventualität von eich ab, sie 
möchte aus ihrer Vereinsamfceit heraus, denn „die Tropfen sollen 
doch auf jemand fallen". Darum heißt es im Gedicht: „Steile Fei- 



j^ „Der Stein von Rosette" 



een ragen ins Meer, erhitzt von dem Stoß seiner Wellen." Die 
Syniljolik ist durchsichtig: hier erhitzen die Wellen nicht mehr 
sich selbst, sondern den anderen, den stellen Felsen. 

Die analytisch-vergleichende Methode betrachtet, wie wir es oben 
hervorgehoben haben, die verschiedenen Fassungen eines Sagen- 
motiva als Entstellungen desselben Urthemaa, wobei jedoch jede 
der einzelnen Fassungen von dem wahren Sachverhalt einen, wenn 
auch winzigen Kern enthalt. Durch eine geschickte Auswahl und 
Zusammenfassung der Varianten kann man jene Kerne gewisser- 
maßen verdichten und so den ganzen wahren bisher verborgenen 
Hintergrund des Sagenzyklus zum Vorschein bringen. Von dem 
neu gewonnenen Standpunkt aus werden dann alle die Einzelheiten 
jeder besonderen Fassung erklärlich; es ist, als ob man den Schlüs- 
sel zu einer Geheimsprache gefunden hätle^^^). 

Die geschilderte Methode hat viel Ähnlichkeit mit der verglei- 
chenden Methode in der Philologie, wenn man z. B. einen unbe- 
kannten Text entziffern will. So wurde bei der Entzifferung eines 
Hieroglyphentextes folgendermaßen verfahren: „Den einzigen An- 
haltspunkt bildete bei dem berühmten Stein von Rosette der Um- 
stand, daß sich unter dem unbekannten Text seine Übersetzung in 
griechischer Sprache befand. Hierdurch war unmittelbar die An- 
nahme nahegelegt, daß gewisse, durch eine Einrahmung ausge- 
zeichnete Gruppe hieroglyphischer Schriftzeichen den im griechi- 
schen Text enthaltenen Namen entsprächen. Die Häufigkeit ihre» 
Vorkommens bestätigte diese Vermutung, an die sich nun die fer- 
nere Hypothese anschloß, daß die Hieroglyphen als Satzzeichen an- 
zusehen seien. Weitere Inschriften wurden zur Vergleicbung herbei- 
gezogen; historische Beziehungen ließen in gewissen, ebenfalls aus- 
gezeichneten Gruppen andere bekannte Namen vermuten, durch 
deren Zerlegung sich die Zahl der bekannten Lautzeichen ver- 
mehrte. Die Bestätigung der Annahme wurde endlich dadurch be- 
wirkt, daß man die einzelnen Namen, wie z. B. Ptolomaios und 
Kleopatra, in bezug auf ihre übereinstimmenden und nicht über- 
einstimmenden Buchstaben verglich^^*)." 

Jedoch besteht zwischen der historisch-philologischen und der 
psychoanalytischen Erforschung von Mythos und Sage ein erheb- 
licher Unterschied, den man nicht außer acht lassen darf. Die hi- 
storisch-philologische Forschung sucht in erster Linie d!e Echt- 
heit eines geistigen Erzeugnisses festzustellen. Speziell in betreff 
des Mythos interessiert sie der tatsächliche Zusammen- 
hang verschiedener Mythenbildungen, ob eine gewisse Gruppe 
selbständig entstanden sei oder von irgendwo entlehnt 
wurde. Für die Rekonstruktion der Geschichte der Menschheit sind 
solche Fragen von Bedeutung; „denn die Gemeinschaft der ursprüng- 
lichen Vorstellungskreiee kann ein ebenso wertvolles Zeugnis für die 
einstige Stammesgemeinschaft oder für früheren Verkehr der Völ- 
ker bilden wie die Beziehungen der Sprache^^*)." 



Echtheit und Entlehnung 165 



Die psychoanalytische Erforschung des Mythos geht nur auf die 
psychologische Verwandtschaft aus. Für sie ist darum 
in erster Linie nur das Vorhandensein der verschiedenen 
Fassungen eines Themas von Wichtigkeit, der geschichtliche Zusam- 
menhang all dieser Fassungen ist ihr meistens von untergeordneter 
Bedeutung. Denn die historisch festgestellte Tatsache einer „Ent- 
lehnung" erklärt von unserem Standpunkte aus üherhaupt nichts; 
denn das Problem wird dadurch gar nicht berührt: warum eben 
dieses unter den übrigen historischen Möglichkeiten entlehnt 
wurde? Aus unseren früheren Betrachtungen ist es ohne weiteres 
klar: der ethnische Komplex „entlehnt" nur das, 
was ihm gerade paßt, was ihm als Ausdrucksmit- 
tel dienen kann. Mit Recht braucht darum die analytiaeh- 
vergleichende Methode sich nicht um die „Echtheit" der von ihr 
untersuchten geistigen Erzeugnisse zu künmiem, die Frage der 
„Entlehnung" kann sie meist ruhig beiseite lassen. 



Xn. Das Kind, der Naturmensch und das 

Unbewußte. 

Wir haben oben öfters das Unbewußte in Parallele gestellt zum 
ürprimitiven und Infantüeu. Wir wollen diesen Gedanken ausführ- 
licher darlegen. 

I. Wir knüpfen an den Sagenzyklus des Kap. XI an. Dort sahen 
wir gewisse unbewußte Strebungen agieren. Da8 Charakteristische 
ist, daß der (unbewußte) Wunach in der Sage (in mas- 
kierter Form) als erfüllt dargestellt wird: das Mädchen 
lockt durch die Schönheit ihres nackten Körpers den jungen Mann 
an usw. Ebenso im Wahn: die „Vermutungen", die gehörten Stim- 
men usw., bringen die geheimen Wünsche der Kranken zur Dar- 
stellung. Das Unbewußte macht keinen Unterschied 
zwischen Wunsch und Realität. 

Dieses Kennzeichen charakterisiert auch das primitive Bewußt- 
sein des Naturmenschen. Wir wissen, der Primitive sucht vieles auf 
magischem Wege zu erreichen. In der Magie wird aber das Er- 
wünschte als bereits eingetreten dargestellt. „Der dramatische 
Kriegstanz soll nicht nur die Krieger in ekstatische Begeisterung 
versetzen: er veranschaulicht ihren Siegeswunsch und gestaltet 
dadurch gewissermaßen schon den Sieg zu einer Realität, der die 
reale Wirklichkeit dann naturgemäß folgen wird. Denn dem 
Primitiven ist der vollkommen gedachte Begriff 
schon die Wir kl ic hkei t^"")." In derselben Weise handelt 
auch jener Abergläubische, der den Feind verflucht: der im Fluche 
ausgesprochene Schaden ist ihm eine Wirklichkeit. 

Die Eigentümlichkeit des primitiven Bewußtseins, Gedanken in 
Realitäten zu verwandeln, sehen wir deutlich auch heim Kinde. 
Von der kleinen Usche z. B. erzählt ihr Brüderchen Hellmuth: 
„Mutter, die Lieder müßtest du hören, die Usche im Bett singt. 
Heut! Ein Mädchen war ein Herrgöttl geworden! Sie wollte es und 
schwebte immer in den Himmel. Sie konnte schaffen was 
sie wollte und flog überaU hin und auf die höchsten Berge der 
Welt''") ." Der Wunach des Kindes kennt keine Hemmnisse. Das hangt 
mit der autoerotisch-introvertierten Einstellung des infantilen Men- 
schen zusammen: der Introvertierte denkt nicht „sachgemäß", son- 
dern „chimärisch", er geht nicht auf die Forderungen der Objekt- 
weit ein, sondern läßt sich nur durch den eigenen Wunsch leiten. 



Die Zeit 167 

Der aechejährige Oskar dichtet: 

DIE VERSCHLXINGENE ZEIT. 

Die Zeit vergeht, 

Mir kommt es vor, wie wemi 

In einer Minute Stunden 

vergangen wären. 

Mir kommt es vor, wie wenn 

Die Tage verachlungen wären. 

Die Zeit vergeht. 

Ich werde alt. 

Meine Glieder fallen zusamimen. 

Meine Haare werden weiß. 

Die Zeit vergeht. 

Die Zeit vergeht. 

(Dies hat Bubi gedichtet)'^»). 

Der kleine Dichter möchte schon groß sein. In seiner Phantasie 
ist er dies bereits: er ist alt, seine Gheder fallen zueammen, seine 
Haare werden weiß. 

Wir haben früher gezeigt, daß im Unbewußten eine größere Re- 
aktionsgeschwindigkeit vorherrscht als im Bewußtsein. Das Unbe- 
wußte hat gleichsam die Tendenz, die Zeit zu verkürzen, die Zeit- 
intervalle zu überspringen. Die Zeit ist ein Ausdruck des 
Widerstandee der Realität, den das Unbewußte natur- 
gemäß ignorieren will. Ebenso das Kind und der Primitive. 

Von der kleinen Usche erfahren wir z. B. folgendes: „Ihre größte 
Geburtstagsfreude war, nun fünf Jahre zu sein. Sie litt förmlich 
darunter, jünger zu sein als der Bruder. Nachdem sie emsig ge- 
rechnet hatte, rief sie betrübt: ,Aber ich hole Hellmuth doch nie im 
Alter ein. Wenn ich 7 bin, ist er schon 9^"*)." Es ist nicht schwer zu 
bemerken, wie groß die Sehnsucht der Kinder ist, groß zu werden. 
Mit Kecht meint nun Stekel : „DasProblemderZeitistdas 
tragische Problem des Kindes. Seine ,Eltem' sind die 
,älteren'. Die älteren haben alle Rechte und Freiheiten. Es muß 
ihnen gehorchen, weil sie älter sind. Sie sind reicher an Zeit^*")." 

Die Zeit erhebt sich gewissermaßen zum Symbol der Widerstände, 
die den Urtrieben im Wege stehen. Im realen Leben stellt sich zwi- 
schen dem Wunsch und seiner Verwirklichung durch die Tat not- 
wendigerweise eine bestimmte Zeitgröße ein. Diese Zeitgröße zu 
annulieren ist das Unbewußte immer bestrebt, darin besteht das 
infantile Merkmal aller Produktionen des Unbewußten. 

Wenn auch zwischen dem Unbewußten des Erwachsenen und der 
kindlichen Psyche das gemeinsame Merkmal die Tendenz zur Nicht- 
anerkennung der Wirklichkeit und der Zeit ist, so hat man doch 
einen sehr wesentlichen Unterschied nicht aus dem Auge zu lassen. 
Das Kind blickt immer in die Zukunft, das Unbe- 



258 Die sexuelle Maßlosigkeit 



wußte des Erwachsenenhaftet an derVergangen- 
he it (an dem von der Kultur Überwundenen). Daa Kind will dem 
Erwachsenen ebenbürtig werden, seine Ungeduld feuert seine Ener- 
gie an und bringt seine Fähigkeiten und Kräfte zu voller Entwick- 
lung. Das Unbewußte des Erwachsenen aber blickt immer in die 
Vergangenheit zurück, möchte noch Kind bleiben, wodurch die 
volle Entfaltung der Kräfte des Individuums gehemmt wird. 

2. Da die Kultur die Hemmung der ürtriebe bedeutet, so ent- 
spricht das Unbewußte dem von der Kultur Überwundenen: die Er- 
gebnisse der Psychoanalyse müssen in dieser Hinsieht mit den ethno- 
graphischen Befunden übereinstimmen. Wir können hier nicht auf 
Einzelheiten eingehen und müssen uns mir mit wenigen Hinweisen 
begnügen. 

Wir wollen hier unsere Aufmerksamkeit den sexuellen Tatsachen 
zuwenden. Wir fanden in der Analyse des Sagenzyklus von den 
Wasserfrauen (Kap. XI) eine Tendenz zur sexuellen Ungebundeoheit 
und eine Hinneigung zum Inzest (das Belauschen der nackten Mut- 
ter im Bad). Die sexuelle Maßlosigkeit gehört zu den Charakteren 
eines Primitiven. „Der Wilde scheut vor keiner ihm möglichen 
Ausschweifung (auf sexuellem Gebiete) zurück und keines auf die- 
sem Felde ausführbare Laster ist ihm fremd. Man kann ohne Über- 
treibung behaupten, daß nichts in der Welt ihn mehr interessiert 
und in Bewegung setzt, als alles mit dem Geschlechtlichen Zusam- 
menhängende. Auf diesem Gebiete stark sein und sich stark be- 
weisen, erscheint ihm als höchster Ruhm und bereitet ihm den 
köstlichsten Genuß. Selbst die Mutter schließt bei den Hottentotten 
den Gesang an ihren Säugling mit den Worten: ,Du, der du einen 
kräftigen Penis hast, wie wirst du kräftige und viele Kinder zeu- 
gen.' Hierbei pflegt die Mutter die im übrigen Uede hesunEcnen 
Körperteile des Kindes zu streicheln, die Geschlechtsteile jedoch be- 
tastet sie nur und küßt die eigenen Finger, welche diese Teile be- 
rührt haben^'")." „Sobald die jungen Leute eines Stammes (der 
niedrigsten Wilden) das Alter der Mannbarkeit erreichen, folgen sie 
ihren erwachenden Leidenschaften, soweit sie nur können. Kein 
Hindernis stellt sich ihnen entgegen, außer daß etwa die älteren und 
stärkeren Männer ihnen in den Weg treten und die Mädchen 
selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen ... Die Jugend 
frönt einem schrankenlosen Geschlechtsgenuß, der in seiner Zü- 
gellosigkeit und beständigen Befriedigung bald seine erste Anzie- 
hungskraft verliert und zu einer bloßen Gewohnheit herabsinfct^'^).« 
Mit der Maßlosigkeit der ungehemmten Sexualität hängt ein cha- 
rakteristisches Merkmal zusammen, das ich die „Abspaltung 
der Sexualität" nenne: der sexuelle Partner spielt als ganzer 
Mensch, als Persönlichkeit, noch keine Rolle, das Interesse ist nur 
auf das gerichtet, was zur unmittelbaren Befriedigung der 
sexuellen Begierde dient. So erzählt z. B. eine afrikanische Sage, 
wie in früheren Zeiten die Vagina allein herumlief, da sie noch 



EinBchränkung der Zügellosigkcit 169 

nicht mit der Frau verwachsen war, und wie jeder, der sie traf, sie 
koitierte. In einer ferneren afrikanischen Sage wird dann erzählt, 
daß, als Gott die Welt machte, die Frauen ihre Geschlechtsteile wie 
einen Schurz umbinden und ablegen konnten. Früher war es Sitte, 
heißt es in der Sage, „daß die Frauen, wenn ihre Männer Lust zum 
Beischlaf hatten, ihre Vagina ahbanden und den Männern hingaben, 
und sie von diesen erst wieder zurücknahmen, wenn die Männer 
ihre Lust gekühlt hatten".^'"') Wir sehen, wie in dieser Vorstellungs- 
welt das Sexualobjekt auf das Genitale reduziert 
sei. 

Wir haben früher (Kap. IX, 10) ausgeführt, daß der magische 
Gedanke, der sich mit dem Koitus verbindet, die Frau zu einer 
bösen dämonischen Macht stempelt. Die Angst vor dem magischen 
Unheil des Koitus wirkt triebhemmend. Das führt zur allmäh- 
lichen Einschränkung der urprimitiven sexuellen Zügellosigkeit. 

Ein Teil der urprimitiven sexuellen Energie verwandelt sich in 
andere Formen, wird „sublimiert"; in der Weise, durch Hemmung 
der Urtriebe, wird Kultur möglich. Indem die Kultur wächst, schafft 
sie immer neue Möglichkeiten für den Prozeß der Sublimierung, 
erleichtert also die Hemmung des erotischen Triebes. 

Auf der Stufe einer sehr niedrigen Kultur ist die Psyche des 
Menschen noch an Inhalten arm, so daß die Erotik dominierend 
sein muß. „Mit der Entstehung und Anwachsen der Kultur wird das 
ßeelische Leben immer an Inhalten reicher; es entstehen Komplexe 
religiöser, ethischer, ästhetiacher usw. Natur. Die Erotik geht mit 
diesen Komplexen mannigfache Verbindungen ein, durchdringt sie 
und wird durch sie durchdrungen, hört auf, isoliert zu sein. Ist die 
Tierheit die Voraussetzung der abgespaltenen Sexualität, so bewirkt 
die Kultur eine Synthese von Erotik mit anderen seelischen Mo- 
menten^")." 

Ungeachtet der Tatsache der Sublimierung, bleibt doch ein Teil 
der Urtriebe in der ursprünglichen Form in der Verdrängung (also 
im Unbewußten) erhalten. Die Äufrechterhaltung der Verdrängung 
kostet aber einen „psychischen Aufwand". Kein Wunder, daß unter 
bestimmten Verhältnissen der Kulturmensch oft nicht mehr den 
nötigen „psychischen Aufwand" bestreiten kann und dann halb 
den Kampf aufgibt: dann wird er neurotisch. Fassen wir den Be- 
griff „kriminell" in etwas erweitertem Sinne als „anlikulturell", so 
können wir Stekels Charakteristik der Neurose vollständig akzep- 
tieren, wenn er sagt: „Der Neurotiker erkrankt, weil sich seine psy- 
chische Energie im Kampfe zwischen dem Kriminellen und den 
cthiÄchen Hemmungsvorstellnngen aufreibt^^")." „Alle, die edler 
sein wollen, als ihre Konstitution es ihnen gestattet, verfallen der 
Neurose; sie hätten sich wohler befunden, wenn es ihnen möglich 
geblieben wäre, schlechter zu sein^«" ) ." D i e N e u r o s e , so wollen 
wir jetzt die vorhergehenden Betrachtungen zusammenfassen, be- 
deutet den nicht gelungen en Aufstand des primi- 



■1^0 Analyse eines kenschen Jünglings 

tiven Menschen in uns gegen die „m oderne" Kul- 
tur. 

Ich will hier zur Illustration aus einer Analyse kurz einiges mit- 
teilen. Es handelt sich um einen jungen Mann, Student, noch nie 
sexuell verkehrt. Er hat zwar verschiedene Freundschaften mit Mäd- 
chen gehabt, die verliefen aber alle ziemlich „platonisch". Er be- 
hauptet, die Freundinnen interessieren ihn nur rein menschlich und 
berühren ihn nicht sexuell. Und überhaupt, man kann doch auch 
ohne sexuellen Verkehr im Leben auskommen, er wenigstens habe 
so was nicht nötig. — Als er zu mir kam, sah er ziemlich gequält 
aus, litt an starker Arbeitsunlust. Ea war ihm immer so schwer zu- 
mute, als liege ein Druck auf ihm. — Einmal in der Stunde, als ich 
ihm eine „kritische" Frage stellte: Er wird bleich, spricht nichts, 
glotzt mit den Augen, macht krampfhafte Bewegungen mit den 
Händen in der Art eines Würgeimpulses. Der Anfall dauert 
zirka zehn Minuten, verflacht dann allmählich. Der allgemeine Ein- 
druck, der hei mir bleibt, ist von einem stark gehemmten Impuls 
zur Gewalttätigkeit. — Nachträglich lasse ich ihn mir seine Ein- 
fälle mitteilen: Erinnerung an einen Film, ein Mann hat jeman- 
den hypnotisiert und in der Hypnose suggeriert, jemanden zu über- 
fallen. — Er sieht ein halbdunklea Zimmer, im Bette liegt ein 
Mädchen, aus dem Dunkel erscheint eine Hand, die bereit ist, den 
Hals des Mädchens zu ergreifen. — Wir sehen hier einen sadisti- 
schen Zug, die Tendenz, das (unbewußt) anziehend wirkende Sexual- 
objekt zu erdrosseln, um im Kampfe niit ihm nicht zn erliegen. 

In einer anderen Stunde erzählt er mir, wie es ihm heute schwer 
zumute sei. Gestern habe er mit einer Freundin spaziert vuxd viel 
über Liebe und Freundschaft diskutiert. Die Freundin meinte daß 
zwischen Mann und Frau es am Ende zu Liebe kommen muß man 
wird nicht hei der Freundschaft allein stehenbleiben. Er aber stellt 
Freundschaft höher als Liebe, die, wie er annimmt, nur mit Egois- 
mus verknüpft sein muß. Er möchte „ewige" Verbindungen haben. 
Bei jedem schönen Augenblick im Leben, bei jeder schönen Begeg- 
nung, schreckt ihn immer der Gedanke, es wird doch nicht lange 
dauern, bald ist es aus und vorbei. Er zieht sich darum so gerne 
zurück. 

Ich kläre ihn nun darüber auf, daß er eigentlich vor den Schwie- 
rigkeiten des wirldichen Lehens Angst hat und Reißaus machen 
will. In der objektiven Welt gibt es keinen Stillstand, alles verän- 
dert sich, alles fließt. Unser Bewußtsein nimmt nur Veränderung 
und Wechsel wahr. Sein Verlangen nach „Ewigkeit", seine Scheu 
vor der Welt, sei ein Ausdruck der Introversion, des Verkrochen- 
fieins in sich selbst. 

Darauf macht er die Bemerkung: Seine Stimmung habe sich ver- 
wandelt, er fühlt sich nun ganz anders. Es sei ihm, als gingen 
die Gespenster zur Tür hinaus und ließen ihn in Ruhe. 
— Diese Bemerkung bekommt ihren vollen Sinn, wenn wir noch 




Inzest 171 

folgendes zur Kenntnis nehmen: In einer früheren Stunde (in den 
ersten Tagen der Analyse, nach den ersten Aufklärungen) : Er 
schweigt einige Zeit, mit starrem Blick dasitzend. Ich frage ihn, waa 
er jetzt gedacht habe? „Nichts. Es schien mir plötzlich, 
als lauere ein Ungeheuer im Hi n t e r gr u n de." — 
Die letzte Phrase ist zweideutig: Der Psychoanalytiker, der da im 
Zimmer sitzt und alles wissen möchte, ist ein Ungeheuer, daa ihm 
Abscheu einflößt. Man kann aber die Phrase auch so verstehen, daß 
im Unbewußten (im Hintergrunde) Ungeheuer oder Gespenster 
darauf lauern, um ihn zu überwältigen und gegen seinen „Willen" 
loszubrechen. Die Triebe, die uns eigen sind, erscheinen uns nur 
solange, als Ungeheuer oder Gespenster, als wir sie nicht anerkennen 
wollen, als wir sie von uns abweisen. Indem wir uns aber mit ihnen 
abfinden, einsehen, daß sie zu Recht ihre Forderungen an uns stel- 
len, hören sie auf, uns ungeheuerlich zu erscheinen: „die Gespen- 
ster gehen zur Tür hinaus". 

Nach diesen Erklärungen sagt er ganz unvermittelt: „Ich spiele 
Theater". Dazu die Erklärung: Er ist Mitglied einer studentischen 
Abstinenzverbindung; er nimmt «her die Sache nicht mehr so ernst, 
wie er es oft vorgibt. — D. h. (in Übertragung auf die sexuelle Si- 
tuation) die Psychoanalyse hat recht, sein Widerstand gegen die 
Aufklänmgen, die sie gibt, ist nicht melir ernst zu nehmen, er spielt 
bloß Theater-"'). 

Dieses Stück Analyse zeigt uns den Kampf des Naturmenschen in 
uns gegen die übertriebenen mißverstandenen Forderungen einer 
sogenannten Kultur. Weil der junge Student „besser" sein will, als 
seine Konstitution es zuläßt, ist er schwermütig, leidet unter De- 
pressionen, und kommt mit seinem Studium nicht mehr vorwärts. 

3. Über die Hinneigung zum Inzest sei folgendes bemerkt: Als 
die primitivste Form der Familie betrachtet z. B, Morgan die Bluts- 
verwandtschaftsfamilie. „Sie beruht auf der Gruppenehe von Brü- 
dern, leiblichen und kollateralen, mit ihren Schwestern^"«)." „AJeu- 
ten, Korjaken und andere Anwohner des Beringmeeres sahen (in 
der Bruder-Sehweeter-Ehe) nicht« Anstößiges. Bei den Veda auf 
Ceylon darf der Bruder seine jüngere Schwester heiraten. In indo- 
germanischer Urzeit hatte der Regel nach der Bruder seine Schwe- 
ster zur Frau, und die Verwandtschaftshegriffe Bruder und Schwe- 
ster stimmten bei den Indogermanen mit denjenigen von Gatte und 
Gattin überein'^"")." „Das römische und kanonische Recht strafte 
die Blutschande nur im Falle der Eheschließung; erst die Karolina 
strafte den bloßen Beischlaf zwischen nahen Verwandten . . . Die 
romanischen Rechte und daa niederländische Gesetzbuch strafen 
die Blutschande als besonderes Verbrechen nicht^"")." Die Korjaken 
(Kamtschatka) „verheiraten sich meistenteils in ihren eigenen Fa- 
milien zum Exempel mit der Schwester des Vaters oder der Mutter, 
mit der Schwiegermutter und kurz mit allen Verwandten, außer 
nicht mit der Mutter und der Tochter".^") Nach einer karelischen 



J72 lozestBchrante 



Rune soll Gott das Todesurteil über den Helden Wäinämöinen ge- 
ßprochen haben, „weil er seine eigene Mutter beschlafen hatte".*"^) 
Es ist noch zu beachten, daß zu verschiedenen Zeiten und bei ver- 
schiedenen Völkern und Konfeesionen der Begriff „Verwandtschaft" 
erheblich schwankt. Unt«r der Herrschaft der FamUienorganisation 
mit „Mutterfolge" gehörten Vater und Tochter nicht in dieselbe 
Sippe, waren also nicht „verwandt", wohl aber Sohn und Mutter. 
Es leuchtet ein, dai3 die Inzestgefühle nicht „wider die Natur" 
Bind; im Gegenteil müssen wir sie als natürliche primi- 
tive Gefühle ansehen. „Im Gegensatz zu den herrschenden 
Iheonen muß also mit dem größten Nachdruck darauf verwiesen 
werden, daß keineswegs der Widerwille gegen den Inzestakt ein auf 
philogeneti scher Grundlage vererbter Instinkt sein kann, daß viel- 
mehr die positive Inzestneigung ein solcher vererbter Instinkt sein 
ifi j ■ ■ ■ Hat . . . (der) Verdrängungsprozeß einmal bei der Mehi> 
zahl der Individuen eingesetzt, so schafft er ein Sittengebot, das die 
geschlechtliche Verbindung von Bluteverwandten, vornehmlich aus 
sozialen und ökonomischen Interessen verbietet^")." „Die verbrei- 
tete Ansicht, daß der Abscheu vor blutsschänderischen Verbindun- 
gen ein dem Menschengeschlecht philogenetiech vererbter Instinkt 
«1, . . . fällt in sich zusammen angesichts der strengen Vorschriften, 
Drohungen und Strafen, die wir zur Aufrechterhaltung dieses an- 
geblich angeborenen Instinktes angewendet sehen^"*)," Die ver- 
drängten InzestgelÜBte leben noch in unserem Unbewußten und 
äußern sich in Mythos und Sage einerseits und anderseits in der 
Weurose, wie auch in den Traumen der ,JVormalen" (Auch d h 
angeführte junge Student gibt auf meine Frage, ob er iemlu^Z 
gesprochen sexuelle Träume hatte, die Antwort: Er hatte solcht 
Traume öfters aber merkwürdigerweise waren in solche Träume 
nnr seme nahen Verwandten verwickelt. D. h Line ve^ 
drängte Erotifc war ursprünglich inzestuöser Natur ) 

In einem früheren Kapitel haben wir gesehen, wie es zur Auf- 
richtung der Inzestschranke" gekommen war. Wir wollen das dort 
J^esagte nur kurz zusammenfassen: Die Angst vor der dämonischen 
Iretahr die aus der Fran ausströmte, die „Furcht vor Spermaver- 
Just durch die magische Auffassung des Koitus bedingt, wirkt 
tnebfaemmend. Man kann zwar nicht allen Frauen aus dem Wege 
gehen, dagegen wehrt sich der zn mächtige Sexualtrieb, man muß 
aber den Sexualverkehr auf ein Minimum reduzieren. Die stärkste 
Gefahr geht nun von denjenigen Frauen aus, die einem am nächsten 
6ind, weil man da leichter der Versuchung unterliegen kann. Darum 
der besonders intensive Schutz gegen die verwandten Frauen. Auf 
diese Weise entstehen die vielen Verbote, die man bei primitiven 
Völkern häufig antrifft, mit Schwestern, Mutter und Schwieger- 
mutter zusammenzukommen oder sogar aus der Ferne mit ihnen 
bloß zu sprechen. Die verwandte Frau, als magische Gefahr, ist 
tabu. Darum auch das Gebot der Exogamie. So kommt die Mensch- 



i 



Amoralitäl des Kindes 173 



heit über die magische Auffassung zur Aufrichtung der Inzest- 
schranke. 

4. Der Epoche der primitiven Menschheit entspricht beim ein- 
zelnen Individuum die Kindheit. Das Kind ist amoralisch, denn die 
verschiedenen Hemmungen treten erst allmählich in seine Seele ein. 
Es ist darum erklärlich, daß das Kind sich seinen natürlichen Trie- 
ben rücksichtslos hinzugeben geneigt ist. Daa Kind betrachtet z. B. 
das Spielzeug des auderea Kindes als das eigene, ohne sich über 
unsere Begriffe vom Privateigentum viel zu kümmern. Dennoch 
haben wir darum noch kein Recht, es als „schlimm" oder „verdor- 
ben" zu bezeichnen: es befindet sich noch in einer viel primitiveren 
Phase der Entwicklung als derjenigen, wo die moralischen Werte 
in Kraft treten. Man darf das Kind, wie auch den Naturmenschen, 
nicht an unseren ethischen Maßstäben messen. Es ist wirklich höchst 
befremdend zuzusehen, wie gewisse Kritiker voller Entrüstung wer- 
den weil die Freudsclie Psychologie von der Sexualität und insbe- 
sondere von den Inzestgefühlen beim Kinde spricht. Das Kind wird 
doch darum nicht schlechter, weil wir in seiner Seele Tatsachen 
entdecken die man bis jetzt nicht »ehen wollte! 

In erster Linie wollen wir das Vorurteil zerstreuen, als sei das 
Kind asexuelL „Es ist ein Stück der populären Meinung über den 
Geschlechtstrieb, daß er der Kindheit fehle und erst in der als Pu- 
bertät bezeichneten Lebensperiode erwache. Allein das ist nicht 
nur ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer Irrtum, da er 
hauptsächlich unsere gegenwärtige Unkenntnis der grundlegenden 
Verhältnisse des Sexuallebens verschuldet^'"'." An dieser Stelle wird 
es genügen festzustellen, daß die Kinder schon in sehr frühem Alter 
erotische Gefühle, die denjenigen der Erwachsenen ähnlich sind, 
hegen können. 

Ein achtjähriges Mädchen schreibt einen Aufsatz, betitelt „MEIN 
BESTER FREUND":^'*) 

Mein bester Freund ist Hubert. Im Mai wird er zehn Jahre alt. 
Er hat einen kugelförmigen Kopf, eher blonde Haare und braune 
Augen. Er hat spindeldünne Arme, aber gute Muskeln, die ganze 
Stärke hat er in den Armen. Auch sehr dünne Beine hat er. Er 
geht in die Volksschule in die Burggasse. Im Sommer wohnt er 
im selben Garten wie wir. Wir haben eine Wohnung zusammen 
und vor dieser ist ein ganz kleiner Baum und ein größerer. Da 
haben wir einen kleinen Tisch und zwei Bänke. Hubi zeichnet 
Landkarten und ich zeichne auch. Oder wir schreiben Griechisch. 
Einmal habe ich ihm geholfen eine Landkarte zu machen. Im 
Winter wohnt er im selben Hause; wenn ich zu ihm komme, eo 
spielen wir Schule. Wenn er zu mir kommt, so spielen wir mit 
unserem Basar verkaufen. Ich bin überzeugt, daß er mein Ge- 
mahl wird und mich nie verlassen wird, denn er ist sehr treu. 



J74 Fnlnntile erotische Freundschaften 

Jeder vorurteilsfreie Mensch wird kaum bestreiten wollen, daß 
das achtjährige Mädchen sich zu ihrem zehnjährigem Freunde wie 
ein echtes Weib verhält. Wie jeder Verliebte, ist auch die Kleine 
von den Vortrefflichkeiten ihres Freundes fest überzeugt: er wird 
sie niemals verlassen, denn er ist sehr treu. Sie lebt eich schon jetzt 
in den Interessenkreis des Freundes ein: sie zeichnen zusammen 
Landkarten und schreiben Griechisch. Wer nur die Kinderwelt vor- 
urteilslos beobachtet hat, könnte mehr von solchen erotischen Kin- 
derfreundachaflen berichten. 

Die Leiterin eines Kindergartens erzählt von der fünfjährigen 
Hanni. Ihr „erster Freund war Bob (5 Jahre). Dieser beherrschte 
alle anderen Kinder und zeigte eich auch den Erwachsenen gegen- 
über gern tyrannisch. Er lehnte jede Vorschrift ab und geriet in 
starken Widerstand, sobald wir etwas von ihm verlangten. Zu 
Hanni war er aber absolut gefügig und paßte sich ihr in jeder 
Weise an. Im Gegensatz zu seinem Ton den anderen Kindern ge- 
genüber (z, B. »Geht weg, ihr verfluchten Hunde!'), behandelte er 
sie niemals grob und wurde zu ihr nicht heftig. Selbst an seinen 
häufigen nervös-aufgeregten Tagen blieb er Hanni gegenüber un- 
verändert. Nur einmal habe ich gehört, daß er ihr mit Haue drohte, 
wenn sie nicht allein mit ihm spielen würde. Sie erlaubten näm- 
lich hin und wieder einem anderen Kind mit ihnen zu spielen. Dies 
war der einzige Streitgegenstand zwischen ihnen, da je nach der 
augenblicklichen Stimmung der eine oder der andere Teil zu Eifer- 
sucht neigte. Folgendes Gespräch fing ich auf: Bob zu Hanni: 
Spielst du mit? Anni spielt auch mit.' Hanni: 4>ann spiele ich 
nicht mit dir.' Bob: ,Ünd wenn Anni nicht mitspielt?' Hanni: 
»Dann spiele ich mit.' Bob: ,Aber nicht wahr, wenn du ver- 
reist bist, dann darf ich doch mit Anni spielen?* Hanni: Ja aber 
erst dann, solange ich hier bin, nicht.'" Etwaa später wurde Bob 
durch Horst ersetzt. „Horst zeigte sich nach außen hin verliebter 
und war in seinen Liebesbeweisen zart und innerlicher . . . Ein ver- 
stohlenes Streicheln oder ein Handkuß . . . war oft zu beobachten. 
Horst zeigte sich beglückt, wenn er Hanni sah . . . Wenn er nicht 
mit Hanni zusammen war, sprach er viel von ihr. Abends pflegte er 
im Bette lange Zeit zu onanieren (Bettwackehi), wobei er laut vor 
eich hinsprach. Der Kindergarten und Hanni bildeten den Inhalt 
der Selb8tge8präche^'"'a).'' 

In viel energischerer Weise äußert sich die Sexualität, wenn auch 
in anderer Form, hei der oben besprochenen Usche. Die Mutter er- 
zählt von der damals vierjährigen: „Als ich das Schwesterchen 
versorgte: ,Ach, wäre ich schon so groß wie du, da konnte ich das 
Kind umlegen. Ich wünschte, ich wäre eine Mutter.' 
Das ist überhaupt der Wunsch, den sie am häufigsten ausspricht." 
Drei Monate später: „Sie sah das Kind an meiner Brust trinken. 
Strahlend machte sie die Altmntterbemerkung: ,Ich wünschte, ich 
hätte hundert Milliarden solcher Kinder. Wäre ich so groß 



Infantile Erotik und Inzest 175 



Wie du, dann könnte ich sie haben!'"^") Vir sehen 
hier die Maßlosigkeit des primitiven Menschen, nicht weniger als 
hundert Milliarden (was jedenfalls sehr viel bedeuten dürfte) Kin- 
der möchte die Kleine haben. Das erinnert lebhaft an den Aus- 
spruch der Bibel, wo Gott den Hebräern verheißt, daß sie sich 
wie der Sand am Ufer des Meeres vermehren. 

Aus der angeführten Rede der tische wird auch klar, welche 
Rolle die Sexualität im Verlangen des Kindes groß zu werden spielt; 
wäre sie so groß wie die Mutter, dann könnte sie auch Kinder 
haben. Als sechsjährige sagt Usche zur Mutter: „Ach, Mutter, ich 
wünsche, ich wäre ein großea Fräulein und hätte schon ein Kind." 
Als Usche im achten Jahre steht, erzählt noch die Mutter: „Sie be- 
neidet mich um den Kleinen, weil er lebendig ist und ihre Puppen 
tot. Ganz traurig fragt sie: ,Warum hast du soviel Kinder und ich 
immer nur Puppen? Ich will doch auch lebendige Kin- 
der haben!*"^"") 

Das alles klingt gar nicht nach der populären Theorie der Asexu- 
alität des Kindes! Daß das Kind schon sogar eine gewisse Ahnung 
davon hat, woher die Kinder kommen, offenbart uns dieselbe Usche, 
wenn sie sich der Tante gegenüber äußert: „Du, Tantchen, kann 
auch ein Mann einen Mann heiraten?" — „Warum nicht. Ja, dann 
haben sie aber natürlich keine Kinder, nicht?"^***) 

Der Wunsch nach dem Kinde kann beim Kinde real nicht be- 
friedigt werden. Da sehen wir, wie der unbefriedigte Wunsch die 
wunseberfüllende Phantasie ine Werk setzt. Als Usche fünf Jahre 
alt wurde, sagte sie am Morgen: „Vatel, ich stehe heut nicht auf. 
Ich habe in der Nacht drei Kinder gekriegt" Und blieb auch bis 
9 Uhr im Bette""). Die Kleine benimmt sich hier wie der Dichter, 
der die Wirklichkeit in seiner Phantasie korrigiert; das wird später 
vorbildlich auch für das Unbewußte des Erwachsenen. Usche identi- 
fiziert sich mit der im Wochenbette liegenden Mutter. 

Halten wir uns die Sexualität des Kindes gemeinsam mit seiner 
Amoralität vor Augen, so wird es klar, daß daraus die Inzeatgefühle 
resultieren können und resultieren müssen. Denn, warum soll das 
Kind seine Erotik nicht in der Richtung seiner nächsten Umgebung 
ausstrahlen? Eb steht dem nichts im Wege, weder „natürliche" 
Hemmnisse (die überhaupt nicht existieren), noch moralische 
(die noch nicht existieren). Wegen Usche erfahren wir in dieser 
Beziehung noch folgendes: „Mit dem Vater verfährt sie wie ein 
echtes Weih. Ist er bÖse, legt sie den Kopf neckisch zur Seite, strahlt 
ihn mit tausend Augenblitzen an und sagt: ,Warum bist du böse?' 
oder: ,So siehst du gar nicht schön aus^^.'" Analoges erzählt 
Freud: „Ein achtjähriges Mädchen meiner Bekanntschaft benutzt 
die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische abberufen wird, um 
sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. »Jetzt will ich die Mama 
sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich' usw. 
Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen von nicht vier 



176 Die „Dreiecf-Situation 

Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie besondera durchsichtig 
ist, äußert direkt: ,Jetzt kann das Muatterl einmal fortgehen, dann 
muß das Vater] mich heiraten, und ich will seine Frau sein"^).'" 
Die Inzestgefühle beim Kinde sind nicht nur möghch, sie sind 
geradezu notwendig. Denn die Eltern sind die Vorbilder für ihre 
Kinder. Wenn die kleine Tochter der Mutter in allem gleich sein 
will, so will sie es auch in der Liebessphäre : sie wählt eich dasselbe 
Liebesobjekt wie die Mutter. Dasselbe tut selbstverständlich der 
kleine Sohn, der sich an Stelle des Vaters setzt, richtiger gesagt sich 

in seine Rolle „einfühlt". 

Das Gesagte muß um so mehr zutreffen, da die Kindheit unter 
der Macht des Narzißmus steht. Wir haben bereits ausgeführt, daß 
der Narzißt leicht zur Homoerotik neigt; er sucht ein Liebesobjekt 
nach dem eigenen Ebenbüde. Aber noch mehr: weil der Narzißt 
sich mit seinem Liebesobjekt identifiziert, muß er auch lieben, was 
sein Liebesobjekt liebt. Auf dieser Grundlage entstehen auch Ver- 
liebtheiten in den Geliebten oder Mann der Freundin. Zur Illustra- 
tion will ich hier einen solchen Fall einschalten. Es handelt sich 
um ein Mädchen aus ländlichen Verhältnissen, das hei einem jungen 
Paar im Gebirge als Magd angestellt war. Das Mädchen erwarb sich 
bald die Freundschaft der Frau, verliebte sich aber auch in den 
Mann. Darüber berichtet das Mädchen: „Es gibt Menschen, die 
einem einen tiefen Eindruck hinterlassen. So ging es mir mit Frau 
L. in Z . . . n. Ich sehe sie deutlich vor mir, wie ein gemaltes Bild. 
Eine schmale und doch kräftige Gestalt mit langem Oberkörper und 
schlanken Gliedern, von bräunlichem Ton ist die Haut. Sie tragt den 
feinen Kopf stolz und das schönste dünkt mich der schlanke Hai» 
und die wundervolle Nackenlinie . . . Wenn sie spricht, so berührt 
der warme, dunkle Klang der Stimme gleich angenehm, diese Har- 
monie macht mir den tiefsten Eindruck, wenn mir ein Mensch nahe 
kommt." „Diese Frau liebte ich auf den ersten Blick. Was sie mir |1 

in schlichten Worten aus ihrem Leben erzählte, das ergriff mich 
tief. Keine Frau kann inniger lieben als sie, die sie dem geliebten 
Mann so weit in die Bergheimat folgte und dort viele harte unge- 
wohnte Pflichten auf sich nahm. Natürlich half sie ihrem Mann 
nait jubelnder Freude im seligen Bewußtsein, daß seine ganze Liebe 
ihr gehörte. Das Glück der beiden erschien mir etwas Wunderbares 
und Göttliches . . . Ich hatte die holde Frau lieb wie 
noch keine Freundin, aber ihre Gefühle für ihn 
wurden ganz heimlich in mir lebendig, ohne daß ich 
je den Wunsch hatte sie zu verdrängen. Der Klang seiner Stimme 
nahm mich zuerst gefangen, weil sie so weich klingen konnte . . ." 
— Wir sehen, wie im jungen Mädchen zuerst die Liebe zu „der 
holden Frau" erwacht, wie sie sich sozusagen im Glück der Gelieh- 
ten sonnet, und dann ihren Geliebten auch lieben muß. Hier wirkt 
sich die narzißstische Identifikation aus. Das ist aber auch der FaU 
in der Familiensituation: die Tochter, die die Mutter lieht und 



Vorgebildete GemeinBchafl der Gefühle 177 

sich mit ihr identifiziert, muß in derselben Weise wie die Mutter 
auch den Vater liehen. Ebenso geht es mit dem Sohne. 

Auch daa Umgekehrte scheint möglich zu sein. Ein achtjähriges 
Mädchen liebt einen Herrn, der in der Familie verkehrt. Die Kleine 
fragt einmal die Mutter: „Hast du Herrn NN gern?" Auf die be- 
jahende Antwort der Mutter sagt dann die Kleine wieder: „Ich 
habe ihn auch gern. Wäre er nicht verheiratet, so mochte ich, daß 
du ihn heiratest und er wäre mein Vater." Weil die Kleine den 
Herrn gern hat, so möchte sie, daß er der Geliebte ihrer Mutter 
und damit auch ihr „Vater" wird. Wiederum also die „Dreieck- 
flituation". — 

Ein weiterer Grund für die Entstehung der Inzestgefiihle liegt in 
dem Verhältnis der Eltern selbst zueinander und zu ihren Kindern. 
Jeder Affekt drückt sich irgendwie mimisch aus. Die mimigchen 
Ausdrucksbewegungen sind aber zugleich „Eindrucksbewegungen", 
die „auch bei unserem Gegenüber . . . gesetzmäßig, wenn auch zu- 
nächst unbewußt, Gefühle und Affekte" auslösen. „Es ist bemer- 
kenswert, daß dieses Verständigungsmittel, dieser Signalapparat der 
inneren Vorgänge, vermöge unserer Konstruktion schon von 
sprachlosen Kindern verstanden wird'")." Wer nur einmal 
beobachtet hat, wie die Mutter an daa kleine, einige Monate alte 
Kind ihre Koseworte richtet und wie dieses darauf mit einem 
(verständnisvoll anmutenden) Lächeln reagiert, dem wird es sofort 
einleuchten, daß wir hier mit einer „vorgebildeten Ge- 
meinschaft der Gefühle" zu tun haben, mit einer im wah- 
ren Sinne des Wortes prästabilierten Harmonie. Die Liebe der 
Eltern zu den Kindern ruft ihrerseits die Liehe 
der Kinder zu den Eltern ins Lehen. Ferner weckt die 
Mimik der erotischen Gefühle der Eltern zueinander die schlum 
mernde Erotik des Kindes. Denn „die nächste Wirkung (der luimi 
sehen Ausdruckabewegungen) ist die Änreizung zu gleichen Bewe 
gungen, aber auch zur Wiederholung gleicher Gefühle und Af 
fekte . . ."*^*) Die erwachte Erotik des Kindes bekommt ihre be 
Btimmte Richtung noch dadurch, daß gewöhnlich die Vater mehr 
den Töchtern geneigt sind, wie anderseits die Mütter mehr den 
Söhnen. Nicht umsonst spricht das Volk von Muttersöhnchen, 
wie auch (wenigstens der Russe) vom Vatertöchterchen. — 

Die geschilderte Familiensituation muß in der Seele Stoff zu künf- 
tigen tragischen Motiven abgeben. Wenn die Tochter die Mutter 
liebt und darum auch den Vater so wie die Mutter lieben muß, so 
muß sie anderseits doch die auch hassen. So entsteht eine polare 
{ „ambivalente" ) Seelenstimmung, ein disharmonischer Zustand, 
eine Zerrissenheit der Seele. Das bewirkt am Ende die Verdrän- 
gung der I n ze s t g ef ü h le: weil die Tochter die Mutter 
haßt, aber zugleich sie auch lieht, gibt sie ihre Ansprüche auf den 
Vater auf, um die Mutter ungestört weiter lieben zu können. Inwie- 

12 Kaplan, Psychoanalyse 



YJQ König ÖdipnB 



fern das nicht gut gelingt, führt das zu dieser oder jener neuroti- 
schen Auswirkung. 

5. Die erotischen Erlebnisse und Stimmungen der Kindheit unter- 
liegen der Wirkung der Verdrängung und werden von den meisten 
vergessen. Sie äußern eich aber in verschiedenen Sagen und My- 
then. 

Die klassische Sage dieser Art ist die vom König ödipus. ,,ödi- 
pua, der Sohn des Laios, Königs von Theben, und der Jokaste, wird 
als Säugling ausgesetzt, weil ein Orakel dem Vater verkündet hatte, 
der noch ungeborene Sohn werde sein Mörder sein. Er wird gerettet 
und wächst als Königssohn an einem fremden Hofe auf, bis er, 
seiner Herkunft unsicher, selbst das Orakel befragt und von ihm den 
Rat erhält, die Heimat zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters 
und der Ehegemahl seiner Mutter werden müßte. Auf dem Wege 
von seiner vermeintlichen Heimat weg, trifft er mit König Laios zu- 
sammen und erschlägt ihn in rasch entbranntem Streite. Dann 
kommt er vor Theben, wo er die Rätsel der den Weg sperrenden 
Sphinx löst und dann zum Dank dafür von den Thebanem zum 
König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt wird. Er regiert 
lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbe- 
kannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest aus- 
bricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakele von seilen der 
Thebaner veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles ein. Die 
Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, wenn 
der Mörder des Laios aus dem Lande getrieben sei . . . Die Hand- 
lung des Stückes besteht in nichts anderem, als in der schrittweise 
gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung . . ., daß Ödipus 
selbst der Mörder des Laios, aber auch der Sobn des Ermordeten 
und der Jokaste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel er- 
schüttert, blendet sich ödipus und verläßt die Heimat." 

„Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht minder 
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die 
Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen 
Tragödie nicbt auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Men- 
schenwille ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen 
ist, an welchem dieser Gegensatz erwiesen ist. Es muß eine Stimme 
in unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schick- 
sals in ödipus anzuerkennen bereit ist . . . Und ein solches Moment 
ißt in der Tat in der Geschichte des Königs Ödipus enthalten. Sein 
Schicksal ergreift uns nur darum, weil er auch das unserige hätte 
werden können, weil das Orakel vor unserer Gehart denselben Fluch 
über uns verhängt hat wie über ihn . . . König ödipus, der 
seinen Vater erschlägtund seine Mutter Jokaste 
geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung un- 
serer Kindheit"")." 

Das Schicksal ist der aus dem Unbewußten stammende Zwang, 
der den Menschen gegen seinen (bewußten) Willen lenkt: er will 



Richard Wagners Äußernng 179 



dem Frevel aus dem Wege gehen und läuft ihm dennoch in die 
Arme. Der Zwiespalt, die Zerri3senheit der Seele äußert eich in dem 
tragischen Abschluß — in der Selbstbeatrafung des Helden. 

Ein sehr feines Verständnis für die Ödipussage verrät Richard 
Wagner, was ihn turmhoch über manchen Psychologen und Psychi- 
ater in der Kenntnis der menschlichen Seele erscheinen läßt. Er 
äußert sich: „Verging sich ödipua gegen die menschliche Natur, 
als er sich seiner Mutter vermählte? - — - Ganz gewiß nicht. Die ver- 
letzte Natur hätte sich sonst dadnrch offenbaren müssen, daß sie 
aus dieser Ehe keine Kinder entstehen ließ ; gerade die Natur zeigte 
sich ganz willig: Jokaste und ödipus, die sich als zwei ungewohnte 
Erscheinungen begegneten, liebten sich und fanden sich in ihrer 
Liebe gestört, als ihnen von außen bekanntgemacht wurde, daß sie 
Mutter und Sohn sind. Ödipua und Jokaste wußten nicht, in welcher 
sozialer Beziehung sie zueinander stehen: sie hatten unbe- 
wußt nach der natürlichen Unwülkür des rein 
menschlichen Individuums gehandelt . . . Das be- 
troffene Paar, das mit seinem Bewußtsein innerhalb der sittlichen 
GeseUßchaft stand, verurteilte sich seibat, als es seines unbewußten 
Frevels gegen die Sittlichkeit inne ward : dadurch, daß es 
sich um seiner Büßung willen vernichtete, be- 
wies es die Stärke des sozialen Ekels gegen seine 
Handlung, der ihm schon vor der Handlung durch Gewohnheit 
zu eigen war: dadurch, daß es die Handlung dennoch 
trotz des sozialen Bewußtseins ausübte, be- 
zeugte es aber die noch bei weitem größere und 
unwiderstehlichere Gewalt der unbewußten in- 
dividuellen menschlichen Natur"^)." — 

Freud hat versucht, den „Ödipue-Komplex" mit dem Totemiamus 
in Verbindung zu bringen, zu diesem Zwecke hat er eine merkwür- 
dige Hypothese von der „TJrhorde" aufgestellt. Mit Darwin nimmt 
Freud an, daß der Mensch ursprünglich in kleinen Horden gelebt 
habe, innerhalb welcher das älteste und stärkste Männchen durch 
Eifersucht getrieben die sexuelle Promiskuität verhinderte. Die aus 
der Horde vertriebenen Männchen konnten sich ähnliche Horden 
bilden, in welchen wiederum das Verbot des Geschlechtsverkehrs 
durch die Eifersucht des Oberhaupts dekretiert wurde. Im Laufe der 
Zeit bildete sich aus diesen Zuständen das Gesetz heraus: Kein 
Sexualverkehr mit Hordengenossen. Nach Einsetzung des Totemis- 
mus bekam diese Regel die Gestalt: Kein Sexualverkehr innerhalb 
des Totem. 

Die Totem waren bekanntlich ursprünglich Tiere, die als Ahnen 
galten. Es war verboten, die Totemtiere zu töten, und innerhalb des 
Totems mit den Genossen Geschlechtsverkehr zu pflegen. Das Ver- 
bot, das Totemtier zu töten, wurde aber durch gewisse heilige Zere- 
monien durchbrochen, wo es in gemeinschaftlicher Mahlzeit ver- 
zehrt wurde. 

12« 



2gQ Frends „Urhorde" 



Freud setzt das Totemtier dem Vater gleich und bekommt in dieser 
Weise die merkwürdige Analogie zum Ödipus-Komplex. „Wenn 
das Totemtier der Vater ist," sagt Freud, „so fallen die beiden 
Hauptgebote des Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die sei- 
nen Kern auBmacben, den Totem nicht zu töten und kein Weib, 
das dem Totem angehört, sexuell zu gebrauchen, inhaltlich zusam- 
men mit den beiden Verbrechen des ödipus, der seinen Vater tötete 
und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den beiden Urwünschen 
des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren Wieder- 
erweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bUdet." Freud 
meint darum, es müßte gehngen, wahrscheinlich zu machen, daß 
„das totemistische System sich aus den Bedingungen des Ödipus- 
komplexes ergeben hat". 

In der Urhorde hat der gewalttätige eifersüchtige Vater, der alle 
Weibchen nur für sich haben wollte, die heranwachsenden Sohne 
vertrieben. Eines Tages taten sieh diese ausanuneu, erschlugen und 
verzehrten in kannibalischer Weise den Vater. So machten sie der 
Vaterhorde ein Ende. 

Die sich zusammenrottenden Brüder waren von denselben einan- 
der widersprechenden polaren Gefühlen für den ermordeten Vater 
erfüllt. Sie haßten den Vater, weil er ihrem Machtbedürfnis und 
ihren sexuellen Ansprüchen entgegenwirkte ; aber sie liebten ihn auch 
und bewunderten ihn zu gleicher Zeit. Nachdem sie ihn beseitigt 
haben und so ihren Haß befriedigt, kam die Keue. Und so verboten 
sie sich jetzt selbst, was er früher durch seine Existenz verhindert 
hatte. So schufen die auf rühre riachen Bruder „aua dem Schuld- 
bewußtsein des Sohnes die beiden fundamentalen Tabu 
des Totemismus, die eben darum mit den beiden verdrängten Wün- 
schen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten'V^) 

Gegen diese Hypothese lassen sich manche Zweifel aufbringen. 
Bevor wir unsere Kritik an ihr anbringen, wollen wir sie kurz zu- 
sammenfassen; Die Freudsche Hypothese scheint von einer patri- 
archalischen Gesellschaftsordnung auszugeben, wo der gewalttätige 
und eifersüchtige Vater unumschränkt herrscht. Solange dieser Ur- 
vater am Ruder ist, sind alle anderen Männer aus dem sexuellen 
Verkehr mit den Frauen der Horde ausgeschlossen. Nachdem die 
Brüder den Gewaltigen getötet, versagen sie sich aus Schuldbewußt- 
sein den sexuellen Genuß innerhalb der eigenen Horde. 

Oben haben wir angeführt, daß nach Morgan die früheste Form 
der Ehe die Gruppenehe war, wo Brüder, leibliche und kollate- 
rale, mit ihren Schwestern verkehrten^^^). Das ehemalige Vorherr- 
schen der Gruppenehe wird klar, wenn man die Verwandtschafts- 
bezeichnungen der Äranda-Stämme Australiens näher betrachtet. Es 
ist noch darauf zu achten, daß die Aranda in zwei Gruppen zerfallen 
und diese Gruppen wiederum in je vier Klassen: Purula, Kamara, 
Ngala, Mbitjama und Panaka, Paltara, Knuraja, Bangata. Nun 
darf ein Purulamann aua der einen Gruppe nur eine Panakafrau 



Crappenetie und HomoBexnalitSt ISl 

aus der anderen Gruppe heiraten und auch umgekehrt. Die Kinder 
gehören weder in die Klasse der Mutter noch des Vaters, sondern 
in diejenige des Großvaters (väterlicher Seite). Das wesentliche der 
Verwandtschaftsbezeichnungen der Aranda besteht nun darin, daß 
sie Blutsverwandtschaft in unserem Sinne nicht berücksichtigen, 
sondern so verfahren: Beispielsweise nennt ein Angehöriger der 
Purulaklasse alle Klassengenossen „aranga" (Bruder oder Schwe- 
ster), „sieht also alle Glieder seiner Klasse als seine Geschwister 
an. Er nennt die einer höheren Stufe augehörigen Glieder der Ka- 
maraklasse ,Kata' (Vater) oder ,Wonna' (Vaters Schwester), die 
der niedrigeren ,alirra' (Söhne oder Tochter)".*") Diese Verwandt- 
schaftsbezeichnungen, die übrigens auch bei den anderen Stämmen 
Australiens anzutreffen sind, sind nur begreiflich, wenn man sie 
als Überreste betrachtet aus einer Zeit, wo unter diesen Stämmen 
die Gruppenehe geherrscht hat. 

Die Gruppenehe ist ein Ausfluß des Naraißmus und der Homo- 
sexualität, In der homosexuellen Phase des Narzißmus neigt der 
Mensch stark zur Herdenbildung, was zur Gruppenehe führen muß. 
Solange dieae vorherrscht, darf man von Eifersucht in unserem 
Sinne noch gar nicht sprechen, die ist erst auf der Stufe der Mono- 
gamie möglich. Schalten wir aber das Moment der Eifersucht aus, 
so fehlt die Grundlage für die Freudsche Hypothese: die „Urhorde" 
mit dem eifersüchtigen gewalttätigen Urvater ist ein Ding der Un- 
möglichkeit. 

Auch läßt eich in keiner Weise, wie es Freud tut, ein Tabu aus 
dem Schuldbewußtsein ableiten. Der Sachverhalt ist vielmehr der 
umgekehrte: Die Übertretung eines Tabu (d. h. eines magischen 
Verbotes) führt Unheil mit eich, die Verletzung des Tabuverbotea 
hat sozusagen automatische Strafe zur Folge. Daraus entwickelt sich 
mit der Zeit der religiöse Begriff der Sünde, worauf die Strafe des 
erzürnten Gottes folgt. Weil die Frau magisch gefährlich ist, wird 
sie durch Tabuvorschriften umgeben, ao entsteht, wie wir oben ge- 
zeigt haben, auch das Heiratsverbot innerhalb des Totems, der 
Sippe, der Familie. Derödipus-Komplex setzt die In- 
zestschranke voraus, nicht umgekehrt""). 

Die Entstehung der ödipussage erkläre ich mir in folgender 
Weise: Wir wiesen bereits, daß unter den magischen Handlungen 
der Fruchtbarkeitazauber" eine bedeutende Stelle einnimmt. Zu 
den Handlungen des Fruchtbarkeitszaubers geborte in erster Linie 
der Koitus. Und das Ackern selbst hatte ursprünglich nur die Be- 
deutung des magischen Koitus mit der Mutter-Erde. In der uralten 
Familie war der Vater zugleich der Priester. „Es ist natürlich, daß 
der Vater zur Zeit, wo es notwendig schien, die erschöpften Kräfte 
der Natur magisch zu beeinflussen, mit der Mutter den magischen 
Koitus pflegte. Es ist wiederum begreiflich, daß zur Zeit, wo der 
Vater alt geworden und nicht mehr sexuell tüchtig (d. h. nach primi- 
tiver Auffassung nicht mehr zauberkräftig genug) ist, er durch den 



N 



182 Die TÖtnng als Fruchibarkeitazauber 

Sohn beseitigt wird, der alle seine Pflichten, darunter auch die 
Pflicht des magischen Koitus mit der Mutter zu üben, übernimmt 
Diese Tatsache einer vorgeschichtlichen Zeit verdichtete sich später 
zum Mythus von der Tötung des Vaters durch Ödipus und seiner 
Ehelichung der Mutter. Der Mythus, wie er uns von Sophokles über- 
liefert Ist, ist zu einer Zeit entstanden, wo die Inzestscheu bereits 
eingesetzt hat; darum ist der wahre Sachverhalt schon erheblich 
entstellt, und Ödipua vollzieht seine Tat, ohne sie angeblich zu wol- 
len und ohne zu wissen, was in Wirklichkeit geschieht^^^)." 

Uns mag das alles phantaatiach erseheinen. Aber wir haben kein 
Recht unsere Logik und unser ethisches Empfinden zum Maßstab 
zu nehmen zur Beurteilung von Dingen, die in das graue Uraltertum 
hineingehören. 

Das oben Entwickelte läßt sich noch besser begründen, wenn man 
auch berücksichtigt, daß auch der T o d zu den magischen Mitteln 
der Fruchtbarkeit gehört. Jeden Tag geht die Sonne unter, wird 
vom Dunkel, gleichsam von einem bösen Dämon, verschlungen, um 
am anderen Morgen wieder am Himmel zu erscheinen. Die Sonne 
stirbt heute, um morgen wiedergeboren zu werden, sagt sich der Primi- 
tive. Daraus folgt leicht der Satz: Der Tod ist die Voraus- 
eetzung des Lebens. Oder auch : Die Tötung ist ein 
magisches Mittel Leben (Fruchtbarkeit) zu be- 
wirken. 

Diese Anschauungsweise finden wir z. B. im Osiris-Kultua ver- 
wirklicht. Alljährlich ging man aus, den Gott Osirie zu suchen. Dar- 
über berichtet Plutarch: „Am 19. Athyr {= 31. Okt.) steigen sie dea 
Nachts zum Meere (d. h. zum Nil) hinab. Die Bekleider und Prie- 
ster tragen den heiligen Korb, worin sich das goldene Gefäß befin- 
det. Sie nehmen von dem Trinkwasser und gießen hinein und ein 
Geschrei der Anwesenden entsteht, Osiris sei gefunden. Dann ver- 
mischen sie fruchtbare Erde mit diesem Wasser, tun Gewürze und 
Spezereien vom Kostbarsten hinzu und formen daraus ein mond- 
fÖrmiges Bildchen, das sie ankleiden und schmücken." „Die Stelle 
Plutarchs . . . berichtet . , . eine merkwürdige Einzelheit: sobald 
Osiris gefunden und das Nilwaseer in das goldene Gefäß getan ist, 
nimmt man ^fruchtbare Erde' oder Lehm und formt Halbmöndchen 
daraus. Diese sollen den Gott darstellen (der abnehmende und wie- 
der zunehmende Mond ^^= der sterbende und wiedergeborene Gott 
=: Osiris) und werden deshalb wie Götterbilder angekleidet und 
geschmückt. Aber warum vermischt man die Erde mit kostbaren 
Gewürzen? Weil das heilige Nilwasser, das man bei diesem Umzüge 
geschöpft hat und jetzt auf die Osirismöndchen gießt, die Gewürz- 
körner zum Sprossen bringen soll. Damit ist der Gedanke, der dem 
ganzen Brauch zugrunde liegt, zu klarem Ausdruck gebracht: den 
verschwundenen Gott, den man suchte, hat man im Nil gefunden. 
Osiris ist der Nilgott; Nilerde ist sein Leib und Nilwasser sein Blut. 
Obwohl er gestorben ist, ist er nicht tot; denn als Zeichen seines 



Osiris ond ödipna 183 



Lebens sprossen die Gewürzstauden aus seinem Körper. So kann 
man seinen Tod auch als seine Geburt auffassen, genauer als seine 
Wiedergeburt: Osiris stirbt im Nil, um in den Pflan- 
zen zu neuem Lebenzu erstehen . . .*^^) -" 

In der Regel aber wurde Osiris in der Form der Mumie darge- 
stellt; „um den Begriff des ,lebenden Leichnams' zum Ausdruck zu 
bringen, versieht man diese Lehmfiguren meist mit 
dorn aufgerichteten Geschlechtsgliede und nimmt 
Getreidekörner zur Füllung. Eine Darstellung aus Philae zeigt, wie 
der Osirisleib mit Wasser besprengt wird, damit die Kömer keimen. 
So grünen die Gebeine, und neues Leben wachst aus dem Leib des 
Gottes; so muß der Nilgott sterben, damit Ähren 
und Pflanzen gedeihen und Mensehen und Tiere 
leben können''")." 

Im Osiriskultus werden also beide Arten des Fruchtbarkeitszau- 
bers geübt: die dramatische Darstellung der Auferstehung {deren 
Voraussetzung die magische Tötung ist) und der magische Koitus 
(angedeutet durch das aufgerichtete Geschlechtsglied). 

Nun soll aber derselbe Gott (oder sein Repräsentant auf Erden, 
der Priester) zu gleicher Zeit den magischen Koitus ausüben und 
sterben, um in neuer Form wiedergeboren zu werden! Die beiden 
60 verschiedenen Formen des Fruchtbarkeitszaubers führen darum 
zu einer Spaltung der ursprünglichen Göttergestalt. Die weitere 
Entwicklung der Osirissage führt eine zweite Figur, seines Sohnes 
Horus, ein, der ursprünglich mit ihm nichts zu tun hatte, aber später 
mit ihm verknüpft wurde. Der wiederbelebte Osiris bleibt im Toten- 
reich herrschen, „und sein Nachfolger hier auf Erden 
wird sein Sohn Horus. So ist die eine Person in zwei ge- 
spalten: Osiris und Horus, Vater und Sohn . . .".^^*) 

Das alles entspricht dem, was wir als Grundlage der ödipussage 
vorausgesetzt haben: Der „Alte" wird getötet, und sein Sohn, als 
sein Stellvertreter hier auf Erden, übernimmt seine kultigchen Pflich- 
ten, zu denen natürlich auch der magische Koitus mit der Mutter 

gehört. ■ 

Der Sohn, der in seinem Vater einen Rivalen sieht, hegt gegen 
ihn Unmut und Haß. Diese Gefühle treffen aber auf einen starken 
Widersland (Polarität der Gefühlsein Stellung) und werden darum 
vom Bewußtsein abgespalten, nach außen projiziert und umgedeu- 
tet: nicht der Sohn hegt Unmut gegen den Vater, sondern umge- 
kehrt, der Vater ist dem Sohne sehr wenig zugetan und setzt ihn aus, 
So entsteht der paranoische Verfolgungswahn der Heldensage. Durch 
weitere Entstellung wird der Verfolger des Kindes immer unkennt- 
licher gemacht. Ein assyrischer Mythos erzählt z. B., daß der assyri- 
sche Königssohn Sargon von seinem Oheim verfolgt, in einem 
Schilfkästchen im Euphrat ausgesetzt und von einem Wasserträger 
gefunden und aufgezogen wird. Der „Oheim" ist nur eine Decfc- 
figur für den Vater, denn in uralter Zeit gehörte der Oheim (wie 



1S4 Tamnz 

wir das aus dem Verwandtschaftssyatem der australischen Völker be- 
reits wissen) zu den „Vätern". 

Auch Honia hat einen solchen Verfolger, den Gott des Unwetters 
Seth, der als Bruder des Osiris galt. Also wiederum der „böse Oheim" 
als Verfolger. 

In weiterer Entstellung verliert der „Verfolger" seine verwandt- 
schaftlichen Züge und ist einfach ein König oder ein Rivale. So 
z. B. in der Tamuzaage. Theodor bar Koni erzählt folgendes: ,4)ie. 
ser Tamuz war, sagt man, ein Hirt und liebte ein Weib, das wegen 
seiner Schönheit berühmt und gefeiert war. Sie war von der Insel 
Cypern und hieß Balti, ihr Vater Herakles, ihre Mutter Amis und 
ihr Gatte Hephästos. Sie floh mit Tamuz, ihrem Geliebten, in die 
Libanonberge. Eben sie nannte man auch Estra (Astarte) ... Ihr 
Vater beweinte sie sieben Tage im Monat Tebeut (Januar) . . . 
Hephästos, ihr Gatte, verfolgte sie in die Libanonberge. Tamuz be- 
gegnete und tötete ihn; aber auch er starb, zerrissen von einem 
Eber. Jene Buhlerin aber starb wegen der Liehe, die sie für Tamuz 
empfand, aus Schmerz über seinen Leichnam"^)." Balti, die auch 
Estra heißt, ist die Göttin Astarte oder Aschtart. „Die Göttin er- 
scheint speziell unter dem Najnen Aschtart ohne engere Verbindung 
mit einem Gott, wie jungfräulich, und gilt dennoch als Mutter des 
Lebendigen. Ihre ältesten bildlichen Darstellungen 
bringen den Charakter der gebarenden und näh- 
renden Mütterlichkeit deutlich zum Ausdruck, 
In der besonderen GeaUlt der karthagiechen Tanit führt die Göttin 
das Prädikat ,die große Mutter'^^«)." Die Göttin Aschtart ist 
eine Muttergestalt. Tamuz begegnet seinem Rivalen und erlegt ihn 
im Kampfe, wie es in der griechischen Sage Ödipug mit winem 
Vater tut. Der Untergang des Tamuz ist auch hier als die Strafe für 
den Frevel aufzufassen. — 

In dem Kampfe der „Väter und Söhne" sprechen sich außer der 
sexuellen Rivalität auch noch soziale und Ökonomische Gegensätze 
aus. Die unbeschränkte Gewalt des Pater familias in der alten Ge- 
sellschaft ist genügend bekannt. Z. B. bei den alten Germanen äußert 
sich „das erste und älteste recht des vatera gleich bei der gebuxt 
des kindes, er kann es aufnehmen oder aussetzen. Das neu- 
geborene liegt auf dem boden, bis sich der vater erklärt, ob er es 
leben lassen will oder nicht**. „Das Christentum erklärte die aus- 
ßetzung für heidnisch und unerlaubt, aber die festgewurzelte sitte 
dauerte noch in der ältesten zeit und wurde in den gesetzen mit 
strafe belegt." „Der vater konnte seme kinder, fcnaben bis zu er- 
reichter mündigfceit, mädchen solange sie unverheiratet waren, ver- 
kaufen . . . Dieses recht war noch im mittelalter bekannt, wenn 
auch schon ungeübt^")." „Je unumschränkter der Vöter in der alten 
Famiüe herrschte, desto mehr muß der Sohn als berufener Nach- 
folger in die Lage des Feindes gerückt, desto größer muß seine Un- 
geduld geworden sein, durch den Tod des Vaters selbst zur Herr- 



Der Valer 185 



Schaft zu gelangen. Noch in unserer bürgerlichen Familie pflegt der 
Vater durch Verweigerung der Selhstbeatimmung und der dazu 
nötigen Mittel an den Sohn, dem natürlichen Keime der Feindschaft, 
der im Verhältnis liegt, zur Entwicklung zu verhelfen . . . Den Rest 
der in unserer heutigen Gesellschaft arg imtiquierten potestas palria 
f amilias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten, und jeder Dich- 
ter ist der Wirkung sicher, der wie Ibaen den uralten Kampf zwi- 
schen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt^^®)." 
Der Gegensatz zwischen Vater und Sohn hat also auch einen sozialen 
Gehalt: es ist der Gegensatz zwischen Herrscher und Beherrschtem. 
Vergessen wir nicht, der König ist der Landesvater und die 
Untertanen sind gleichsam seine Kinder, ödipus erschlägt den 

König Laios, um seinen Thron zu hesteigen. 

Allen denjenigen, die hartnäckig die Beziehungen zwischen Vater 
und Sohn nur von der sentimentalen Seite zu betrachten geneigt 
sind, seien folgende Zeilen eines großen Dichters in Erinnerung 
gebracht: 

Liebt man denn einen Vater? Geht man nicht, 
wie du von mir gingst, Härte im Gesicht 
von seinen hilflos leeren Händen fort? 
Legt man nicht leise sein verwelktes Wort 
in alte Bücher, die man selten liest? 
Fließt man nicht wie von einer Wasserscheide 
von eeinem Herzen ab zu Lust und Leide? 
Ist uns der Vater denn nicht das, was war; 
vergangene Jahre, welche fremd gedacht, 
veraltete Gebärde, tote Tracht, 
verblühte Hände und verblichnes Haar? 
Und war er selbst für seine Zeit ein Held, 
er ist das Blatt, das, wenn wir wachsen, fällt. 

Und seine Sorgfalt ist uns wie ein Alp, 
und seine Stimme ist uns wie ein Stein, — 
wir möchten seiner Kede hörig sein, 
aber wir hören seine Worte halb. 
Das große Drama zwischen ihm und uns 
lärmt viel zu laut, einander zu verstehn, 
wir sehen nur die Formen seines Munds, 
aus denen Silben fallen, die vergehn. 
So sind wir noch viel femer ihm als fem, 
wenn auch die Liebe uns noch weit verwebt, 
erst wenn er sterben muß auf diesem Stern, 
sehn wir, daß er auf diesem Stern gelebt 

Das ist der Vater uns . . .''^"). 



186 Verfolgungswahn 



6. Die ödipuBsage ist der Ausdruck des Sohn-Mutter-Kom- 
plexes. Ein Gegenstück zu diesem ist der Tochter- Vater-Komplex. 
Sehr offen wird dieses Thema schon in der Bihel behandelt, in der 
Sage von Lot und seinen zwei Töchtern. Nach der Zerstörung von 
Sodom blieb Lot mit den beiden Töchtern in einer Höhle wohnen. 
„Da sagte die ältere zu der jüngeren: ,Un8er Vater ist alt und es gibt 
keinen Mann, der zu uns kommen könnte, wie es die allgemeine 
Sitte fordert. Wir wollen unseren Vater trunken machen und werden 
bei ihm schlafen'", was auch geschah (Genes. 19, 30—38). 

Ähnlich klingt der Mythos von der Geburt des Adonis: „Smyma 
wurde von der erzürnten Aphrodite zu verbrecherischer Liebe zu 
ihrem eigenen Vater Theias entflammt. Mit Hilfe ihrer Amme ge- 
lang es ihr, zwölf Nächte ihren Vater zu täuschen. Als dieser endlich 
seine Tochter erkannte, verfolgte er sie mit gezücktem Schwerte, 
jene aber flehte zu den Göttern um Rettung. Von diesen ward sie 
in einen Myrtenhaum verwandelt. Zehn Monate darauf barst der 
Baum und Adonis ward geboren" (Röscher, Lexikon d. griech. n. 
rÖm. MythoL). 

Dieser Mythos braucht wohl keine langen Kommentare. Wir wol- 
len nur die Verfolgung durch den Vater mit dem gezückten Schwerte 
besonders hervorheben. Dem äußeren Zusammenhange nach ist es 
der erzürnte Vater, der die Tochter strafen will. Das ist aber 
bloß die hysterische Umdeutung des wirklichen Sachverhalts. Denn 
eine andere Fassung des Mythos erzählt: „(Nach der mit dem Vater 
verbrachten Nacht) habe sich Smyma aus Scham in den Wäldern 
verborgen gehalten und sei hier aus Mitleid von Aphrodite in den 
Baum verwandelt worden, aus dem die Myrrhe, ein wohlriechendes 
Balsam, hervorquillt. Als der Vater diesen Baum mit 
«einem Schwerte gespalten hat, sei Adonis ge- 
boren (Koscher). Das Schwert ist somit ein Phallossymbol. D i e 
Verfolgung durch den Vater ist die Erfüllung 
des sexuellen Wunsches der Tochter. Der Grund des 
hysterischen Verfolgungswahnes der Frau ist das Verlangen 
vom Manne verfolgt, d. h. begehrt zu sein. Wogegen der para- 
noische Verfolgungswahn nur projizierte eigene Feindseligkeit 
bedeutet. 

Auf dem paranoischen Verfolgungswahn beruhen die Gestalten 
der bösen Stiefmutter, der Hexe und ähnliches. Zur Illustration 
führe ich hier gekürzt ein slawisches Märchen an: 

Am Rande einer tiefen Grube, in deren Nähe die Herde wei- 
dete, spannen Mädehen Flachs. Da kam ein Alter, mit einem 
weißen Bart bis zum Gürtel, und sagte: 

„Mädchen, seid vorsichtig bei dieser Grube: wenn eine von 
euch ihre Spmdel in die Grube herabfallen läßt, so wird sofort 
ihre Mutter in eine Kuh verwandelt sein." 

Der Alte verschwand. Die Mädchen wunderten sich über seine 



Die Mmter als Kuh 187 



Kede. Sie traten an die Grube näher und blickten hinein, bia 
einer der schönsten unter ihnen die Spindel den Händen ent- 
gleitet war und in jene Grube gefallen. Als die Mädchen nach 
Hause kamen, war die Mutter jenes Mädchens in eine Kuh ver- 
wandelt und stand beim Hause. Und das Mädchen trieb sie mit 
den anderen Kühen zur Weide. 

Einige Zeit später heiratete der Vater des Mädchens eine Witwe. 
Die Stiefmutter konnte das Mädchen nicht leiden und tyranni- 
sierte sie verschiedentlich. So gab sie dem Mädchen eines Tages 
einen vollen Sack mit Flachs und befahl ihr, das alles zu spinnen; 
wenn sie damit nicht fertig wird, soll sie lieber nicht nach Hause 
kommen, sie kann dann zusehen, wo sie bleiben willl 

Das Mädchen spann und ging den Kühen nach; zur Mittags- 
zeit, als die KÜhe im Schatten lagen, sah sie in ihren Sack hinein, 
und mußte sich zu ihrer Verzweiflung überzeugen, wie wenig sie 
fertiggebracht hat. Sie weinte bitterlich. Aber die Kuh, die ihre 
Mutter früher war, beruhigte sie und sagte zu ihr: „Ich werde 
den Flachs in den Mund nehmen; aus meinem Ohr wird dann ein 
Faden herauskommen, du fang ihn auf und wickle ihn auf." (In 
dieser und ähnlicher Weise half die Kuhmulter ihrer Tochter 
und vereitelte immer die Anschläge der bösen Stiefmutter.) 

Auffallend in dem Märchen ist es, daß ungeachtet der Warnung, 
das schöne Mädchen doch die Spindel verliert und so die Verwand- 
lung der Mutter verschuldet. D. h. diese Verwandlung ist eine 
Wunscherfüllung, ein Symptom der Feindseligkeit der Tochter ge- 
gen ihre Mutter. 

Aber dieses Symptom ist polarer Natur: mythologisch bedeutet die 
Kuh eigentlich die Mutter in ihrer Funktion als nährende Mutter. 
Wir treffen diese Symbolisierung auch im Oairiakreise an, sie be- 
deutet dort die Isis, die Mutter des Horus. „Herodot erzählt von 
einer liegenden Kuh zu Sais, mit einem Purpurmantel angetan, die 
alljährlich einmal am Tage, wo die Ägypter den Osiris beklagten, 
aus dem Heiligtum ans Licht gezogen wird; sie ist hölzern . . ., in- 
wendig ist sie hohl und enthält die Leiche der Tochter des Mykeri- 
nos, des großen Pyramidenbauers . . . Wenn hier eine hölzerne Kuh 
als Grabstätte des Mädchens dient, so muß dies von Osiris stammen. 
Tatsächlich sammelte Isis nach Diodor die Glieder des verstümmel- 
ten Osiris und ,warf sie in eine hölzerne Kuh, die mit einem schwar- 
zen Byssosgewande umliülU ist' . . , Plutarch nennt die Kuh zwar 
ausdrücklich ,ein Abbild der Isis', die zum Zeichen der Trauer in 
Schwarz gekleidet sein könnte; aber dazu wird der Purpurmantel 
in Sais nicht passen. Richtiger wird man die Kuhform des Sarges 
auf die Himmelsgötlin Nut zurückführen, die als Mutter des Osiris 
gilt; aus ihrem Schoß ist der Gott geboren und in ihren (nächt- 
lichen) Schoß kehrt er zurück^^")." — Die Kuh in unserem Märchen 
bedeutet also einfach die Mutter als vorBOrghches nährendes gutes 



188 Die Riesen 



Wesen. Die magische Verwandlung ist das Zutun einer späteren 
Zeit, wo die Symbolik des Mythos nicht mehr verstanden ward. 

In unserem Märchen ist die Muttergeetalt gespalten: in die Kuh 
und die böee Stiefmutter. Die Feindseligkeit der Tochter gegen die 
Mutter, die in der Verwandlung der Mutter in eine Kuh leise an- 
gedeutet ist, bewirkt jene Spaltung. Dadurch können beide Strö- 
mungen: der kindlichen Liebe und des Hasses gegen die Mutter, be- 
friedigt werden. 

7. Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern ist von zwiespältiger 
Natur, entsprechend der Doppelrolle, die die Eltern im Leben der 
Kinder spielen. Die Eltern sind die Quelle der Liebe und Lust, die 
das Kind genießt, und die es seinerseits mit Liebe beantwortet. Sie 
sind aber auch die Vorsteher der bestimmten sozialen Organisation, 
die wir Familie nennen, sie sind die Träger der gesetzgeberischen 
und exekutiven Gewalt im Bereiche dieser Organisation. Je unbe- 
schränkter die Eltern ihre Machthabe entfalten, desto mehr werden 
die kleinen Untertanen zur Revolte gedrängt. Dem schwachen Kinde 
erscheint die Macht der Eltern unüberwindlich, riesenhaft. 
Auf dieser Grundlage entwickeln sich die Vorstellungen von den 
Riesen, die in der Urzeit gelebt haben sollen. 

So meint Jakob Grimm, daß die Riesen und Titanen die alten 
Naturgötter sind^^^) .„Jötumheimr (wo die altnordischen Riesen 
hausen) liegt fem von Asaheimr (Heimstätte der jüngeren 
Gotter), doch finden gegenseitige Besuche statt. In diesem Verhält- 
nis machen die Riesen einigemale jenen Eindruck älterer Natur» 
göttei-, die einem jüngeren, überlegenen Göttergeechlecht weichen 
mußten''^')." Die Kinder haben «ich also von den Eltern emanzi- 
piert und leben unabhängig im eigenen Heime. 

Der infantile Zwiespalt äußert sich in den widerspruchsvollen 
Vorstellungen von der Natur der Riesen. Einerseits sind sie wild, jäh- 
zornig und böa. Man verbindet gern die Vorstellung des Riesen mit 
derjenigen des Feindes. „So hängen Riesenbenennungen zusammen 
mit alten Volksnamen: feindliche, kriegerische Nach- 
barn vergrößert der Volksglaube zu unmensch- 
lichenRiesen, wie er schwächere, unterdrückte in Zwerge ver- 
kleinerte^^^)." Der Riese war etwas Schreckhaftes, Furcht einjagen- 
des. So bedeutet altn. Tröl zugleich ein Ungeheuer und einen 
Kiesen""^}. Anderseits aber stellte man sieh den Riesen auch als 
gutmütig vor. Am Montblanc heißt „ein Riesengrab la tombe du 
bon homme, de la bonne femme, was sich mit dem Begriff eines 
neiligen, verehrten Mannes mengt",''^'') 

Der Riese ist der Vater, wie er dem kindlichen Bewußtsein er- 
Bchemt. Die infantile Revolte gegen die riesenhafte väterliche Ge- 
walt druckt sich m Mythos und Sage aus als der Kampf mit 
dem Riesen. Die klassische Form haben wir in dem Kampf des 
jugendlichen David mit dem Riesenphilister GoUath. Die Hebräer 
mit ihrem Konig Saul waren in großer Verlegenheit, wie sie mit 



Der Kampf mit dem Kiesen 189 

dem RieBen, der sie zum Kampfe herausforderte, fertig werden sol- 
len. Da kommt der kleine winzige Hirtenknabe David, nimmt den 
Kampf auf und erschlägt den Riesen. Das Volk jubelt, „und die 
Weiber sangen gegeneinander, und spielten, und sprachen: Sani 
hat tausend geschlagen, aber David zehntausen d". 
„U nd Saul eahe David sauer an, von dem Tage und 
fort an." 

Die Gestalt des Vaters ist hier „auseinandergelegt" in die zwei 
Personen des Königs und des Riesen. Um den König — den „Landes- 
vater" — aus der großen Not herauszuhelfen, vollbringt der zwerg- 
hafte David seine Heldentat, so lautet das legale (bewußte) Motiv, 
Durch diese Tat bringt er aber denselben König in üble Laune. Da- 
durch offenbart sich die geheime Triebfeder des Kampfes: die 
Rivalität, was die Weiber in ihrem Gesänge besonders hervor- 
heben: David ist ein größerer Held als Saul. „Da ergrimmt Saul 
sehr, und gefiel ihm das Wort übel, und sprach: sie haben David 
zehntausend gegeben, und mir tausend, das Königreich will noch 
sein werden" (Samuel I, Kap. 18, 8). 

Es ist die infantile Größensucht und Größenwahn. In der Person 
des Riesen wird aber der Vater vernichtet. Das Unbewußte küm- 
mert sich nicht um den logischen Zusammenhang, wie es sich wenig 
um die anderen Normen kümmert. Unbewußt kann man lieben und 
hassen, vernichten und erhalten zur selben Zeit (Polarität). Die 
Auseinanderlegung (Spaltung) der Vatergestalt findet sich auch 
in der ödipussage ; in den feindlichen Vater Laios und den gütigen 
(„fremden") Vater, an dessen Hofe ödipus aufgezogen wurde. Die 
für das kindliche Bewußtsein unverträglichen Züge der Liebe und 
der Macht werden auf zwei verschiedene Personen verteilt. — — 

Der Kampf mit dem Riesen ist ein beliebtes Sagen- und Märchen- 
motiv. Der Sinn des Motivs erhellt noch hesondera daraus, daß 
meistens der Riese eine schöne Prinzessin gefangenhält, die der 
Held durch seinen Sieg befreit und zum Dank dafür sie zum Weibe 
bekommt. So befreit z. B. Siegfried eine schöne Königstochter, die 
von einem Riesendrachen in GefangenBchaft gehaUen wird, und be- 
kommt sie dann zum Weib. In der Edda erlegt Sigurd den Riesen- 
drachen Favnir, und die Meisen im Gebüsch singen: 

Ein Maid weiß ich, 
Die magst du gewinnen. 
Die aUerschönste, 
Geschmückt mit Gold^"*'). 

Der Sinn dieses Sagenmotivs scheint der zu sein: Um ein Maid 
zu gewinnen, muß man vorerst einen Riesen aus dem Wege schaffen, 
der das Maid in seiner Gewalt hat. Der Riese ist, wie wir bereits 
wissen, der Vater, wie er dem infantilen Bewußtsein erscheint. Das 
Maid, das er gefangenhält, kann, in diesem Zusammenhange, nur 



190 



TrisUn 



die Mutter bedeuten. Der Held, d. h. das Kind (richtiger gesagt, das 
Infantile in uns), will die Liebe der Mutter gänzlich für sich allein 
in Anspruch nehmen, der „bÖse" Vater stört daran und muß darum 
beseitigt werden. 

Der Kampf mit dem Riesen war manchem Helden beschieden. 
Nicht immer ist der „Riese" als solcher bezeichnet, wesentlich ist 
es, wenn er als ein sehr Gefürchteter und Unüberwindlicher hinge- 
stellt wird. Eine solche Episode finden wir auch im „Tristan und 
Isolde" von Gottfried von Straßburg, die wir einer kurzen analyti- 
schen Behandlung unterziehen wollen. 

Im Lande Markes, des h e i m s Tristans, ist der „heldenstarke" 
Morold aus Irland eingedrungen, um seinen alljährlichen Zins von 
Kumeval heimzuführen. Niemand erdreistet sich ihm entgegenzn* 
treten, denn Morold war 

an Macht so groß. 
So bös' und so erbarmungslos, 
Daß wider ihn nicht leicht ein Mann, 
Der seines Blickes Bann gewann, 
. Zu setzen wagte seinen Leib, 
V Und mutlos ward gleich einem Weib^^^). 

Nur Tristan ist unerschrocken genug, um gegen den unüberwind- 
lichen Morold ins Feld zu ziehen, er spricht ihm das Recht auf den 
Zins ab und will den Streit mit dem Schwerte ausfechten. 

Dies alles hört Morold an, 

Und sehr verdroß ihn, daß Tristan, 

Der ihm so kindlich noch erschien 

So trieb zum Zweikampf gegen ihn! 

Wir haben hier dieselbe Gegenüberstellung des kindlichen Tristan 
dem allgemein gefürchteten ungeheuerlichen Morold, wie früher in 
der biblischen Sage von David-Goliath^^*). In der neuen Fassung 
treten neue Züge hinzu, die unsere frühere Deutung bestätigen. Der 
Zins nämlich, den Morold aus Kumeval ausführen sollte, bestand 
aus dreißig Jünglingen, die dann in den Dienst des irischen Königs 
gestellt werden sollten. Tristan kämpfte somit wirklich für die 
Sache der Kinder. Er drückt es selber aus, wenn er vor dem Zwei- 
kampf mit Morold sagt: 

Die Kinder hier der edlen Degen, 
Die dort der Knechtschaft sind erlegen, 
Sie könnten wohl noch werden frei. 

Nach hartem verzweifelten Kampfe wird Morold von Tristan er- 
schlagen, dieser ist aber selbst tödlich verwundet (Morolds Schwert 



Tristan 191 

war vergiftet). Mit Triatans Wunde stand es so: alle Ärzte, die 
man berief, die alle ihre Kunst und Wissen auf Tristans Heilung 
verwandten, konnten ihm nicht helfen; 

Denn mit dem Gifte stand es so. 
Daß es der Ärzte Kunst und Kunde 
Nicht könnt' entfernen aus der Wunde. 

Nur eine einzige Person könnte ihm helfen, nämlich Morolds 
S c h w e 8 1 e r, die ältere Isolde (die Mutter der blonden Isolde, der 
späteren Gemahlin des Königs Marke). Durch List kommt dann 
Tristan unter dem falschen Namen Tantris nach Irland, wo er von 
der Königin Isolde in Pflege genommen und durch ihre Kunst vom 
Tode gerettet wird. „Jemanden retten" ist soviel als „jemandem das 
Lehen schenken". Durch die Rettungstat entpuppt 
sich Königin Isolde, die „Schwester" Morolds, als 
die Mutter Tristans; dadurch wird Morold, wie 
König Marke, zum „Oheim" (= Vater) des Hei- 
de n*^^). Die Auseinanderlegung der Vatergestalt in den Gütigen 
und den Riesen ist damit wieder gegeben. Beiläufig machen wir 
noch auf die Identität der Anfangsbuchstahen der Namen aufmerk- 
sam: Marke und Morold; ein früherer Feind, den Tristan erlegt 
hatte, hieß Morgan. 

Um diese Deutung, die einen wichtigen Mechanismus enthüllt, 
noch mehr zu unterstützen und mit früheren Ergebnissen in Zu- 
sammenhang za bringen, wollen wir noch einer Episode aus Gott- 
frieds „Tristan" gedenken. Tristan kommt zum zweitenmal nach 
Irland, um für König Marke die blonde Isolde zur Braut zu werben. 
Ins Land gekommen, besteht er einen Kampf mit einem fürchter- 
lichen Drachen^"), der dem Lande viel Schaden zugefügt hat. Durch 
die Hitze des Kampfes ist er vollkommen erschöpft und seiner Le- 
benskraft beraubt. Er erblickt einen kleinen See, in den er in voller 
Wehr hineinstürzt und dort über Tag und Nacht liegenbleibt, ganz 
ohneKraft — bewußtlos. Dort wird ervon den bei- 
den Isolden entdeckt und zum zweitenmal ge- 
rettet: 

Die beiden Frauen mühten sich 

Um seine Pfleg' einmütiglich 

Und nahmen ihn in ihre Hut. 

Die Bedeutung des Kommens aus dem See als Geburt kennen wir 
bereits („Frau Holle Teich", Kap. XI, p. 161). Tristan sitzt im See 
ganz ohne Kraft, wie es einem noch nicht Geborenen geziemt. An 
dem Rettungsakte beteiligen sich aber zwei Frauen: Isolde, die 
ältere und die blonde Isolde. Die letztere ist nur ein Duplikat der 
ersteren, was schon durch die Identität der Namen angedeutet ist. 
Da im weiteren Verlauf der Handlung die blonde Isolde, Markes 
Frau, mit Tristan die eheliche Treue bricht, so ist dadurch der 



192 



„Thors Fahrt nach dem Hammer" 



ganze Komplex bloßgestellt: DieFeindseligkeitTristan» 
gegen Morold ist durch die sexuelle Rivalität 

mit Marke (Morolds Doppelgänger) bestimmt. 

Folgerichtig verfährt Richard Wagner, wenn er in seinem „Tri- 
stan und Isolde" nur die eine Isolde einführt und Morold, den 
Tristan erschlägt, für Isoldes Bräutigam ausgibt. Die Symbole, die 
die unbewußten Triebe darstellen und zugleich entstellen, führen 
uns zurück zu dem Naturmenschen : Die Schwester des Ri- 
valen = Frau des „Oheims" (des Vaters) wird von 
dem Heldensohn geraubt. 

Die schwer zu heUende Wunde, die Tristan im Kampfe mit 
Morold bekommen hat, hat wiederum einen tiefen symbolischen 
Sinn: es ist der hysterische Ausdruck des Zwiespaltes der Seele. 
Der Kampf gegen die elterliche Gewalt ist darum ein Riesenkampf, 
weil er die Liebe zu den Eltern gegen sich bat. 

8. Die Riesen galten nicht nur für Ungeheuer, die Schrecken 
einjagen. Es wurde ihnen auch oft große Dummheit zugeschrieben, 
man stellte sie sich ganz plump vor. Das entspricht wiederum der 
infantilen psychischen Verfassung: sehr oft suchen die Kinder sich 
Vorgesetzten gegenüber dadurch zu rächen, daß sie diese jeden 
Verstandes bar hinstellen. 

Eine hübsche Illustration zu der Plumpheit der Riesen ist die 
Eddaerzählung von „Thors Fahrt nach dem Hammer". Vorausge- 
schickt sei, daß der nordische Gott Thor einen wunderbaren Ham- 
mer, Miölnir genannt, besaß, den er gegen die Riesen schleuderte. 
Das Eddalied*") erzählt, wie Thrym, der Thursenherrscher diesen 
Hammer nächtlicherweiae entwendete. 



Wild war Wingthor, 
Und seinen Hammer 



als er erwachte, 
daheim nicht fand"=). 



■ Der Gott Locki flog nach Riesenheira, um sich über die Ange- 
legenheit näher zu orientieren. Thrym, der am Hügel saß, erblickt 
ihn: 



„Was ist's mit den Äsen? 
Was hast du zu suchen 
Schlecht steht's mit den Äsen, 
Hast du Hlorridis 



Was ist's mit den Alfen? 
in Riesenheim hier?" 
schlecht steht's mit den Alfenl 
Hammer versteckt? 



„Ich habe Hlorridis 

Wohl acht Rasten 
Nimmer mehr holt 
Wer mir zur Frau 



Hammer versteckt 
unter der Erde, 
den Hammer von hier, 
Freyja nicht bringt." 



Lociu kehrt zurück nach Asaheim, wo ihn schon Thor erwartet. 
Sie suchen Freyja auf und schlagen ihr vor, als Rraut nach Riesen- 
heim zu reisen. Freyja ist aber höchst entrüstet und will um keinen 



„Thors Fahrt nach dem Hammer" 



193 



Preis nach Riesenheim. In einer Versammlung der Götter schlägt 
dann Heimdal „der Helle", der Himmelswart, vor, Thor als Braut 
zu verkleiden. Thor als Braut fährt nach Riesenheim zusammen 
mit Locki, der die Rolle der Magd der Braut ppielt. In Riesenheim 
Tvird zu Ehren der Braut ein Mahl gegeben: 

Da aß die Braut einen Ochsen allein, 

Acht Lachse ganz und die Leckerbiaaen, 

Und dazu trank sie drei Tonnen Met. 



Thrym ist verwundert: 

„Wo sah man ja Bräute 
Nie sah ich Frauen 
Noch Mädchen trinken 

Locki beruhigt ihn aber: 

Acht Tage eaß sie, 
Toll vor Verlangen 



so mörderisch beißen? 
ao fürchterlich einhauen, 
je so viel Met!" 



ohne zu essen. 
nach Thnrsenheim. 



Durch solche Redensarten eingelullt, läßt der törichte Thrym 
den Hammer holen: 



„Holt nun den heiligen 
Und legt der Maid 
Schwört die Eide 



Hammer herbei 
MjöUnir aufs Knie, 
und weiht die Eh'." 



Thor bekommt den Hammer in die Hände und nun bricht es los: 

Thrym, den Herrscher, traf er zuerst 

Und schlug das ganze Tbursengeschlecht, 

Die Ungeheuerlichkeiten der vermeintlichen Braut im Essen und 
Trinken ist wohl ein infantiler Zug : die Hinneigung zum 
Maßlosen. Anderseits, wie es auch Jakob Grimm meint, wird 
Thor dadurch als ein Riese charakterisiert, er gehört selbst zum 
Riesengeschlecht. Das ist die uns bekannte Identifizierung des Kin- 
des mit dem Vater. Auch in diesem Mythos wird der Riesenvater 
erschlagen, nur fehlt hier die tragische Färbung, vielmehr schlägt 
das Ganze ins Ulkhafte um. 

Wir fragen jetzt nach der Bedeutung des Hammers. „Mit dem 
Hammer weiht Thor Knochen und belebt sie von neue m*"} ." 
Thor war der Gott des Donners und Blitzes. „Nach dem Volks- 
glauben fährt mit dem zündenden Blitz aus der Wolke zugleich 
ein schwarzer Keil tief wie der höchste Kirchturm in den Erdboden 
nieder^")." Im Eddaliede vereleckt Thrym den Hammer tief in die 
Erde. Die Erde (Erda) ist aber die Mutter Thors. 
Der Hammer, der Lehen gibt, iat nichts anderes als ein PhaUos, 
das Eindringen des Hammers oder Keils in die Erde bedeutet dann 
den Koitus mit der Mutter""). Der Streit um den Hammer zwischen 
Thor und Thrym ist somit wirklich durch die sexuelle Rivalität 

13 Kaplan, Psychoanalyse 



it 



11 



194 



Tristan und sein Vater Rivalin 



bedingt. Es ist zugleich der Streit um das Recht, die „Mutter-Erde'* 
zu befrachten (den magischen Koitus auszuführen). 

9. Wir haben mehrmals die Identifizierung des Sohnes mit dem. 
Vater angetroffen. Diese Identifizierung macht den Vater für die 
Schicksale des Sohnes mitbeßtimmend'^"). Ein sehr krasses Beispiel 
für die Abhängigkeit des Schicksals des Sohnes von dem des Vaters 
haben wir auch in der Tristansage: Tristan scheint nur die Aben- 
teuer seines Vaters Rivalin in etwas modifizierter Weise zu wieder- 
holen. 

Rivalin kommt über das Meer (aus Parmenien) nach Kurneval 
zum König Marke, wo er als siegreicher Ritter sehr geschätzt und 
geachtet wird. Vorher hat er in seinem eigenen Lande mit dem 
König Morgan (den später Tristan erschlägt) einen siegreichen 
Krieg geführt. Nach einiger Zeit entführt er dem König Marke 
seine Schwester Blanscheflur. Nach der Heimat zurückgekehrt, 
fäHt Rivalin in einem neuen Krieg mit Morgan, Blanscheflur stirbt 
im Wochenbett. Auch Tristan kommt zufälligerweise zum Hofe des 
Königs Marke, wo er bald ein hochgeschätzter Ritter wird. Markes 
Frau, Isolde, gewinnt er für sich, wie dies sein Vater mit des 
Königs Schwester getan. Die Identität von Isolde und Blanscheflur 
ist nicht schwer einzusehen, wenn man die folgenden zwei Episoden 
berücksichtigt. Rivalin wurde, als er noch bei König Marke weilte, 
einmal im Kriege gefährlich verwundet; da kommt Blanscheflur 
heimlich zum halbtoten Ritter und gibt sich ihm hin. Mit einer 
ähnlichen Episode endigt aber Tristans abenteuerHches Leben: Er 
liegt tödlich verwundet und sehnt sich nach der heißgeliebten 
Isolde. Letztere eilt zu ihm aus dem fernen Lande, findet ihn aber 
schon tot; sie umfängt ihn mit den Armen und drückt ihren Mund 
auf seinen und stirbt. Die Hingebung und der (spätere) Tod Blan- 
scheflurs sind in der Szene von Tristan und Isolde zu einem Bilde 
vereinigt. 

Wir sehen hier eine infantile inzestuöse Phantasie gleichsam in 
zwei verschiedene Episoden „auseinandergelegt", wo die eine Epi- 
sode die andere gewissermaßen ergänzt. Der Held der ersten Epi- 
sode raubt die „Schwester" des Königs. Die zweite Episode tut einen 
Schritt weiter: der Held eignet sich die Frau des Königs an. 
Dieser iet aber nur eine Deckfigur für den Vater, der dem infan- 
tilen Bewußtsein „so was, wie ein Bruder der Mutter" vorkommt 
(Jung). Die Abspaltung (der Doppelgänger) des Vaters, König 
Marke, wird zum „Oheim" des Helden degradiert'"). Indem 
aber Tristan die Schicksale seines Vaters Riva- 
lin in seinem eigenen Leben wiederholt, stellt 
er sich symbolisch an seine Stelle. 

10. Der Kampf mit dem Riesenungeheuer, den wir bis jetzt als 
den Kampf des Sohnes gegen den Vater aufgefaßt haben, ist polar: 
das riesenhafte Ungeheuer ist bisexueller Natur, es kann wie den 
Vater, so aber auch die Mutter bedeuten. 



» 



Im Bauche des Ungefacncrs 1.95 



Zur Illustration dieses Gedankens wollen wir von einem afrikani- 
echen Märchen auegehen: 

Vor uralten Zeiten war auf Erden ein riesiges Ungeheuer. Das 
hatte eine Zunge, die war eine Meile lang, und einen Schwanz, 
der reichte bis an das Ende der Erde. Sein Leib war geschuppt, 
wie der eines Krokodils, und sein Rachen war so schrecklich 
groß, daß es einen bespannten Ochaenwagen auf einmal ver- 
schlingen konnte. Das Scheusal hieß „Kholomodnmo". Eb kroch 
hierin und dahin und fing mit der Riesenznnge Menschen und 
Tiere und führte sie so damit dem geöffneten Rachen zu. So 
lange fuhr es damit fort, bis alle Menaehen samt ihrem Vieh und 
allen Haustieren verschlungen waren . . , 

Nur eine Frau war übriggeblieben. Die hatte sich im Walde tief 
im Dickicht versteckt . . . Die Frau war schwanger. Nach einiger 
Zeit gebar sie einen Sohn . . . Als der Knabe großer wurde, zeigte 
er sich voll Verstand und Heldenmut. Aus Eisen schmiedete er 
sich allerlei Werkzeuge (und Waffen) . . . Auf seinen Jagdzügen 
gelangte er auch zu den Ruinen der Menschenwohnungen. Heim- 
gekommen fragte er seine Mutter, wer da gewohnt habe. Da er- 
zählte sie ihm von dem furchtbaren Unglück, das über die Erde 
gekommen war. Sie warnte ihn eindringlich, ja nicht dem Kbolo- 
modumo nahe zu kommen. Doch der Knabe brannte vor Begierde 
mit dem Ungeheuer zu kämpfen. Endlich konnte ihn die Mutter 
nicht mehr halten, er zog aus, bewaffnet mit seinen Lanzen und 
seinem großen Messer, und suchte den Kholomodnmo. Eines 
■ Tages fand er ein dickes schwarzes Etwas im Wege liegen, eine 
Meile lang. Es war die gefürchtele Zunge des Ungeheuers. Blitz- 
schnell schwang er sein Messer und hieb sie mitten entzwei. Er 
ging weiter, da lag der Kholomodnmo wie ein großer, langge- 
streckter Berg. Mit aufgesperrtem Rachen schnappte er nach 
ihm. Der Knabe sprang zur Seite und warf dem Untier eine 
Lanze ins Auge. Der Bauch des Untiers war von dem 
vielen Fressen dick aufgetrieben, daher konnte es sich 
nicht gleich schnell herumwenden. Er warf die zweite Lanze in 
das andere Auge. Da war das Ungeheuer blind. Nun stach er 
darauflos (und tötet ao das Untier. Schließlich schnitt er dem Un- 
tier den Bauch auf), da kamen sie alle heraus, Menschen und 
Tiere . . .""). 

Zum Verständnis dieses Märchens müssen wir uns erinnern, daß 
die Sonne tagtäglich im Dunkeln verschwindet, um am anderen 
Tage wieder von dort aufzutauchen. Das wird, wie wir bereits ge- 
hört haben, als Tod und Wiedergeburt des Sonnengottes aufge- 
faßt; aber das Verschwinden in der Dunkelheit wird auch als Ver- 
schlucktwerden der Sonne von einem Ungeheuer oft betrachtet. 
Daraus ergibt sich die Gleichung: Dunkel :=: Ungeheuer = Mutter- 
leib, Auf dieser Grundlage entsteht der weit verbreitete Mythos vom 



j^gß Tod and Mutterleib 



Helden, der von einem Ungeheuer verschluckt wird, dann nach 
einiger Zeit wieder von dort hinausschlüpft. Sehr oft legt der Held 
im Bauch des Ungeheuers ein Feuer an, wodurch dem Untier 
Schmerzen verursacht werden, die ihn zwingen, ans Land zu schwim- 
men, was dem Helden das Entschlüpfen erleichtert'**"). In dem An- 
legen des Feuers im Bauche des Ungeheuers spiegelt sieh der ur- 
sprüngliche Gedanke, daß das Leben (=:da8 Feuer, die Sonne) im 
Schöße des Todes keimt^""). 

Meistens ist das den Sonnenhelden verschlingende Ungeheuer ein 
WaKisch. Die bekannteste Veraion ist z. B. die Jonasmythe, wo der 
Held, der auf Befehl Gottes gegen die Niniveer mit einer Straf- 
predigt losziehen soll und dem nicht Gehör gibt, sondern ziun 
Meere flieht, von einem Walfisch verschlungen wird. Nach drei 
Tagen wird er jedoch auf Befehl Gottes vom Fische aufs Land aus- 
gespien. In vielen Mythen der Indianer tritt an Stelle des Wal- 
fisches ein W e i b. So z. B. in einer Coryakenerzählung „gehen zwei 
Vogelweiber zu einer Hohle am Ufer, eine nach der anderen. Sie 
werden von einem Kala-Riesenweibe verschlungen, aber ea 
gelingt ihnen, zu entschlüpfen und sich einen Ausgang zu bereiten 
mit ihren Klauen".'") Ebenso erzählt eine Menschenfressersage der 
Zulu von einem Weibe, das seine eigenen Kinder und noch viel 
Volk verschlingt; dann wird die Kannibalin von einem Vogel über- 
wunden, ihr Leib aufgerissen, und dann kommt viel Volk heraus^'*). 
Der Schoß des Todes und der Schoß des Weibes 
sind mythologisch identifiziert. 

Polyneaische Mythen erzählen ferner, wie zwei Weiher beim 
Baden von Aiigatoren verschluckt werden. Die Tiere verkriechen 
sich in eine Höhle, werden aber vom Manne der Frauen aufgelauert 
getötet und die Frauen an die Luft gebracht und wiederbelebt. Noch 
wird dort erzählt, wie ein Schlangenungeheuer die Gegend unsicher 
macht, alles Volk bis auf eine schwangere Frau auffrißt. Die schwan- 
gere Frau verkriecht sich in eine Höhle, gebiert dort Kinder, die 
dem Ungeheuer den Garaus machen. 

Im Sinne der zuletzt angeführten Mythen ist der Kampf 
mit dem Ungeheuer eine „Gehurtsphantasie" 
(gleichsam der Kampf mit dem Tode). 

Hinter dieser Art Mythen liegt eine bestimmte magische Hand- 
lung: der Fruchtbarkeitszauber. Der tote Samen wird in 
die Erde, d. h. in das Mutterelement gegeben, um zu neuem Leben 
als Pflanze zu erwachen. So wird Osiris, der sterbende und wieder- 
auferstehende Gott, als Korngott aufgefaßt. Denn in einem Texte 
des ägyptischen „Totenbuches" sagt der Tote (der gewöhnlich mit 
Osiris identifiziert wird) von sich: „Die Götter leben wie ich, ich 
lebe wie die Götter; ich lebe als Komgott, ich wachse als Korn- 
gott . . ., ich hin Gerste"")." Und die chassidische Mystik sagt ea 
offen heraus: „Es ist keinem Ding der Weit gegeben, in sich umge- 
schaffen zu werden und in neue Gestalt zu kommen, ea komme denn 



Die Gcschwisterliebe 197 



vordem zu Nichts, das ist zur ,Gestalt des Dazwischen'. Kein We- 
sen kann auf ihr bestehen, eie ist die Kraft vor der Schöpfung und 
heißt dae Chaos. So ist das Vergehen des Eies zum Küchlein und so 
der Same, der nicht keimt, ehe er in der Erde auf- 
gegangen und verwest iat^^^)." 

Wir merken uns, daß mythologisch folgende Gleichung besteht: 
Versehlungenwerden von einem Ungeheuer = Tod 
=:Eingehen in den Mutterleib. 

11. Zu der infantilen inzestuösen Erotik gehört noch die Ge- 
achwisterliebe, die sich auch in Sage und Mythos äußert. Hier nur 
einige wenige Illustralionen. Eine griechische Sage erzählt: 

„BybÜB hegte eine sündhafte Neigung zu ihrem Bruder Kannos. 
Als sie ihrem Bruder dieselbe gestand, entwich er voll Entrüstung 
aus dem Laude . . - Byblis aber, von fortdauernder Liebesglut 
verzehrt und gequält von dem Gedanken, daß sie ihren Bruder 
aus der Heimat verdrängt hatte, erhängt sich an einer Eiche; aus 
ihren Tränen entstand die Quelle Bylibis." 

Dieser Tradition steht eine andere gegenüber, nach welcher 
Kannofl zuerst von Liebe zur Schwester entbrannte und, weil er 
diese Liehe nicht überwand, aus dem väterlichen Hause floh. 
Auch hier macht Byblis ihrem Leben durch Erhängen ein Ende 
und eine Qaelle entspringt aus ihren Tränen (Röscher. Lexikon 
usw.). 

Ebenso eine deutsche Sage:^"*") 

Auf dem Petersberge bei Erfurt ist ein Begräbnis von Bruder 
und Schwester, die auf dem etwas erhabenen Leichenateine ab- 
gebildet sind. Die Schwester war so schön, daß der Bruder, als 
er eine Zeitlang in der Fremde zugebracht und wiederkam, eine 
heftige Liebe zu ihr faßte und mit ihr sündigte. Beiden riß als- 
bald der Teufel das Haupt ab. 

Die sündige Liehe muß bestraft werden. In der griechischen Sage 
ist es die Selbßtbestrafung, in der deutschen dagegen vollzieht diese 
Strafe der Teufel. Er ist nur der Vollstrecker des Urteils, das der 
Sünder in seinem Inneren selbst gesprochen hat. 

12. Die infantile inzestuöse Erotik birgt große Gefahren in sich. 
Durch den Konflikt mit den ethischen Werten wird ein Zwiespalt 
der Seele erzeugt, der alle psychische Kräfte verschlingt. In der 
Dichtung äußert eich jene (zwiespältige) Seelenverfassung als tra- 
gische Situation, sonst aber als neurotische Erkrankung. Dr. Alfred 
Adler teilt von einer seiner Patientinnen mit: „(Die Patientin) hat 
bemerkt, daß sie zuweilen, wenn sie mit ihrem Bruder allein sei, ein 
unerklärliches Ekelgefühl empfinde. Doch habe sie keine Aversion 
gegen ihn und gehe ganz gerne mit ihm in Gesellschaft oder ins 
Theater. Nur vermeide sie es, ihm auf der Straße den Arm zu rei- 
chen, aus Furcht, von fremden Leuten für seine Geliebte gehallea 



JC)8 Gefahren der infantilen EroUk 

ZU werden. Auch zu Hause unterhalte sie sich oft mit ihm, lasse 
sich auch von ihm, der dies häufig praktiziert, kiissen. Sie seihst 
küsse leidenschaftlich gerne, verspüre zuweilen eine wahre Kuß- 
wut, sei aber dem Bruder gegenüber in der letzten Zeit viel zurück- 
haltender, da sie mit ihrer feinen Nase bei ihm einen abscheulichen 
Geruch aus dem Munde verspürt habe . . . (Es) ist der Umstand 
auffällig, daß niemand sonst aus der Umgebung, die von ihm nicht 
weniger oft geküßt wird, diesen üblen Geruch wahrgenommen hat. 
Unsere Patientin hat also in ihrer Einstellung gegen den Bruder 
eine Umwertung vorgenommen, die deutlich zeigt, wohin sie 
zielt^^")." Die erotische Neigung zum Bruder ist hier deutlich genug. 
Sie befindet sich aber im Stadium der (nicht ganz gelungenen) Ver- 
drängung. Aus der Verdrängungstendenz resultiert die Geruchs- 
Kalluzination, die als „Sicherungstendenz" (Adler) gegen die In- 
zestgefühle dient. Die Tragik der Heldinnen der oben betrachteten 
Sagen schlägt hier ins Körperliche um. 

Bei Adlers Patientin tritt in Gegenwart des Bruders ein Ekel- 
gefühl auf: die Liebe schlägt hier in ihr Gegenteil um (Affekt- 
Verwandlung). Das Ekelgefühl kann sich unter Umstanden auf die 
ganze sexuelle Sphäre ausdehnen und eine psychoaexuelle Lähmung 
zur Folge haben. 

In einer alten Chronik wird z. B, folgendes erzählt: „Junge Leute 
spielen Ball; einer befürchtet, den Ring, den er von seiner Gelieb- 
ten erhalten hat, zu beschädigen. Er will ihn einstweilen in der 
Kirche ablegen. Da sieht er ein Bild Marias; über dessen Schön- 
heit entzückt, entsagt er der früheren Liebe und steckt den Ring 
an den Finger des Bildes. Das Bild krümmt den Pinger. Trotzdem 
heiratete der Jüngling einige Zeit darauf. InderHochzeits- 
nacht erseheint ihm Maria, sich zwischen ihm 
u n d d e r B r a u 1 1 a g e r n d und den Finger mit dem Ringe vor- 
ßtecJcend. Er verläßt die Braut und wird ein Mönch"^).« Die heilige 
Maria, die Mutter des jungen Gottes, ist ein Symbol der Mütterlich- 
keit der mÜtterhehen Liebe. Der junge Mann wird durch das BUd 
der Mutter in seiner Liebe zum Mädchen vollständig gelähmt. Er 
wird dann Mönch: er entsagt der irdischen Liebe, um einer Einzi- 
gen fortan seine Huldigungen darzubringen. Mit anderen Worten, 
er suhlimiert seine Erotik, er verwandelt sie in religiöse Anbetung: 

Vor allen Jungfrauen Krone 
Maria hat den Preis; 
Blick auf zu ihrem Throne, 
Es glänzet lilienweiß! 

Sie ist die Zierde der Frauen, 
Gar herrlich anzuschauen; 
Ihr gleich wird keine sein!*^^) 

Die Unfähigkeit, der realen Forderung der 
Liebe zu entsprechen, das ist die Folge der zu in- 



Die magische Tücbügkeit 199 



tenair entwickelten infantilen Eroti k=^°) . Wir wis- 
sen bereits, die Liebe der Kinder zu den Eltern ist die Antwort auf 
die Liebe der Eltern zu den Kindern. Auf die übertriebene Zärtlich- 
keit der Mutter antwortet der Knabe mit übertriebener Anbäug- 
lichkeit, die ihn oft unfähig macht, im späteren Leben sich von 
den infantilen Erlebnissen in genügendem Grade freizumachen. 
Die infantile Erotik ist die Folge der Elternero- 
tik. 

13. Demioch liegt in der infantilen inzestuösen Erotik die Quelle 
verborgen, aus der eine kulturelle Forderung, nämlich die mono- 
gamische Tendenz, die zu ihrer Verwirklichung nötige Energie 
schöpft. Wir wollen diesem Zusammenbang nachspüren. 

Die Entwicklung der Menschheit vom Ur- zum Kuhurzustand 
könnte man charakterisieren als einen Prozeß des Anwachsens einer 
sexual-ökonomischen Tendenz: die maßlose Sexuali- 
tät des primitiven Menschen wird beschränkt und gebunden, um 
den überbleibenden Rest von Aktivität für Kulturzwecke nutzbar zu 
machen. Schon auf sehr früher Stufe der Entwicklung bricht diese 
Tendenz durch. Ein Forscher erzählt %. B. über die mexikanischen 
Wilden: „Die Huichol sind alles andere eher als enthaltsam, und 
doch kommt in ihren Gesängen öfter die Forderung vor, daß sie sich 
mit einer Frau begnügen sollen. Dafür wird ihnen Reichtum an 
Kühen in Aussicht gestellt. Der letzte Grund dieser Anschauung 
liegt darin, daß für alle Unternehmungen geschlechtliche Enthalt- 
samkeit zum Ziele führt, also besondere Kraft bewährt. Einiger- 
maßen komisch wird der Gedanke in Mythen zum Ausdruck ge- 
bracht, in denen sich vor schwierigen Unternehmungen eine Göttin 
völlig entblößt, vor allen Männern niederlegt und diesen die Ge- 
wißheit des Sieges wird, wenn sie den Anblick ertragen können, 
ohne Gefühle zu verraten'*")." — Der primäre Gedanke ist eigent- 
lich der, daß die sexuelle Enthaltsamkeit notwendig ist, um die 
magische Tüchtigkeit (ohne welche natürlich kein großes 
Unternehmen gelingen kann) des Mannes auf der Höhe zu erhal- 
ten. Die vermeintliche magische Tüchtigkeit, die der primitive 
Mann anstrebt, bedeutet aber zugleich oft seine wirkliche Tüch- 
tigkeit. D. h. der Primitive ist davon überzeugt, daß wenigstens 
eine zeitweise Selbstbeherrschung auf sexuellem Gebiete notwendig 
ist, um sich im Daseinskampfe behaupten zu können. 

Die sexual-ökonomische Tendenz tritt klar zutage, wenn man die 
verschiedenen Eheformen in ihrer Aufeinanderfolge ins Auge faßt. 
Bei den Kamilaroistämmen Australiens (wie übrigens bei vielen 
anderen Stämmen, die exogamisch leben) waren die Männer und 
Frauen je in vier Klassen eingeteilt. Obgleich bei ihnen die Grup- 
penehe herrschte, so war sie doch dahin begrenzt, daß ein Mann 
einer bestimmten Klasse nur die Weiber einer einzigen bestimmten 
Klasse heiraten durfte, die Weiber der übrigen drei Klassen waren 
für ihn tabu. „Unter dem hierdurch ans Licht gebrachten Ehe- 



200 Die gexunl-ökonomiEcbe Tendenz 



System sind bei den Kamilaroistämmen ein Viertel aller Männer 
einem Viertel aller Weiber ehelich verbunden^*')." Die sexual-öko- 
nomische Tendenz setzte eich noch weiter durch, indem die KJaaaen 
in Unterklassen zerfielen und nun die obige Regel auf die Unter- 
klassen Anwendung fand. 

Innerhalb der Gruppeiiehe machte sich die obige Tendenz noch 
mehr geltend, indem „eine gewisse Paarung in einem höheren oder 
geringeren Grad eintrat in der Weise, daß jeder Mann aus mehreren 
Frauen eine Hauptfrau erwählte, und jede Frau aus mehreren Gal- 
ten einen Hauptgatten"." =) AlLnählich entwickelte sieh die Paa- 
mngeehe. „Die Frau war jetzt etwas mehr als die Hauptfrau ihres 
Ehemannes, sie war seine Gefährtin, die Bereiterin seiner Mahl- 
zeiten und die Mutter seiner Kinder, welche er jetzt mit einiger 
Gewißheit als die seinigen zu betrachten begann . . . Der Ehemann 
konnte sein Weib nach Belieben fortschicken und eine andere neh- 
men, ohne Ärgernis zu erregen, und die Frau hatte ebenso das 
Recht, ihren Gatten zu verlassen und einen anderen zu nehmen. 
Aber allmählich bildete sich eine öffentliche Meinung gegen solche 
Trennung heraus, die an Stärke immer zunahm. Wenn zwischen 
einem Ehepaar eine Entfremdung eingetreten war und seine Tren- 
nung bevorstand, so versuchten die Gentilverwandten beider Teile 
eine Wiederversöhnung der Parteien, oft mit Erfolg^"')." Wir sehen 
also, wie innerhalb der Gruppenehe, die schon an und für sich 
gegenüber dem ungeregelten Geschlechtsverkehr (der Agamie) eine 
Beschränkung darstellt, sich eine Tendenz in Richtung auf die 
Paarungsehe entwickelt und innerhalb dieser die Monogamie immer 
mehr an Boden gewinnt. Die sexual-ökonomische Tendenz, wenn 
sie auch durch verschiedene soziale und ökonomische Faktoren (wie 
z. B. durch das Privateigentum) mehr oder weniger gefördert oder 
gehemmt werden kann, ist als i m m a n e n t e a G e s e t z der Kul- 
turentwicklung aufzufassen. „Muß jedes Individuum, Mann oder 
Weib, den notwendigen »Sinnesgenuß' . . . jedesmal neu ,erobem* 
oder gar suchen, so verbraucht es starkes Maß seiner Energien auf 
diese Leistung, die seinem sozialen Werk entzogen werden^**)." 

Was aber die Gesellschaft mit der Macht ihrer äußeren Mittel 
zur Befestigung jener Tendenz schaffen konnte, ist eigentlich nur 
eine Parodie: die gesetzliche monogamische Ehe. Die Kultur ist 
nicht imstande, gänzlich neue biologische Eigenschaften zu schaf- 
fen, sie kann nur fördernd oder hemmend auf die schon vorhan- 
denen einwirken und sie allerdings dadurch modifizieren. Die in- 
fantile inzestuöse Erotik ist ein solches Phänomen, welches das 
Material abgibt für die möglichst vollkommene Verwirklichnn« der 
sexual-öfconomischen Tendenz. Die Objekte der infantilen Erotik 
sind emzig m ihrer Art, d. h. in den I nz e s t g e f üb len ist 
eine Tendenz zur Monogamie verborgen. Die 
Nutzbarmachung dieser Tendenz für die Kul- 
tur besteht in einer Verschiebung des inzestu- 



Die Liebe 201 



Ösen Gefühle vom physisch Verwandten auf ein 
Sexualobjekt, das une „seelisch verwandt" ist. 
Durch diese Verschiebung entsteht die Liebe, die höchste Verwirk- 
lichung jener ökonomischen Tendenz, die erst in einem gewissen 
Kulturzuatande möglich wird und auf der Errichtung eines „psychi- 
schen Überbaues" im sexuellen Gebiete beruht. 

In der geschilderten Genesis der Liebe ist ein keimender W^ider- 
Spruch enthalten. Wie das Kind eeine Eltern überBchUtzt, so über- 
schätzt auch der Liebende das Objekt seiner Liebe und damit seine 
Liebe selbst, d. h. es wird der Äußerung der Sexualität die höchste 
Wertschätzung gegeben. Die sexual-Ökonomische Tendenz aber 
(deren höchster Ausdruck eben die Liebe ist) fordert, daß man 
der Sexualität und ihrer Äußerung immer mehr die Höchatschätzung 
gegenüber anderen Werten abspricht. Dieser Widerspruch führt zu 
einem Kompromiß; zu der Idealisierung der Frau, zu ihrer Heilig- 
machung. Es ist zugleich die höchste Wertschätzung des Sexual- 
objektes und die äußerst weitgehende Sexualökonomie. Die Folge 
davon muß aber notwendig der „erotische Dualismus" sein: das 
Hinschwanken zwischen Verdrängung und Ausgelassenheit. „Weil 
die nackte, ungebundene Sexualität uns unmöglich, suchen wir in 
Gegensatz dazu das Weib zur Heiligen zu machen. Weil aber diese 
anderseits die Sinne unbefriedigt (hungernd) läßt, wird sie zur 
Helferin der Revolte der rein tierischen Triebe*")." So bewegt sich. 
die Kulturentwicklung durch stete Widersprüche. 



Xm. Der Traum, der Mythos und die 

Neurose 



Motto: Rabbi Chisda sagt: Ein Traum, 
der nie gedeutet ward, ist wie 
. ein ungelesener Brief. 

Beracboth 55a. 

1. Die Psychologie des Traumes spielt für die Erkenntnis der Ge- 
setze, die das Unbewußte regieren, eine bedeutende Rolle, und „wer 
sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird 
sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahn- 
ideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich 
bemühen",^^*) Im Vergleich zum Wachbewußtsein erscheint uns 
der Traum als psychischer Ausnahmezustand. So meint z, B. 
W. Wundt: „Ihrem Hauptbestandteile nach sind (die Traumvor- 
Btellungen) Erinnerungsbilder, wobei aber wegen des regel- 
losen Spieles der Assoziationen Fernes und Nahes, jüngst ver- 
gangene und weiter zurückliegende Erlebnisse beliebig ver- 
mischt werden . . . (Es) fehlt bei {dem Traum) durchgängig der 
planvolle Zusammenhang der Vorstellungsgebilde^^')." 
Das entspricht der kurzen Formel des Volksmundes: „Träume sind 
Schäume". 

Zwar tischt uns der Traum verschiedene Unmöglichkeiten und 
Verkehrtheiten in vollem Ernste auf. Wir wissen aber schon aus 
der Psychologie der Fehlleistungen, daß eich die scheinbaren Un- 
gereimtheiten durch die „Komplexe" sinnvoll determinieren lassen. 
Auch der Traum muß, wie Mythos und Sage, als Ausdruck des Un- 
bewußten begriffen werden. 

Vorerst wollen wir darlegen, wie der Traum nicht erforscht wer- 
den soll. Verschiedene, nur rein formale Beziehungen, die man für 
die Traumphänomene gelegentlich aufstellt, können unser deter- 
ministisches Bedürfnis nicht befriedigen, weil diese formalen Be- 
ziehungen den bestimmten Inhalt des einzelnen Traumes 
in keiner Weise zu erklären imstande sind. Solcher Art sind z. B. 
die Gesetze, die Vold für den Traum aufstellt: „Wenn man von der 
Bewegung eines Gliedes träumt, so ist diese immer so, daß eine 
der bei ihrer Vollziehung vorkommenden Stellungen der wirklichen 
entspricht. (Woher stammen aber die anderen Stellungen?) „Man 



KritiBcbe VorLemerknngen 203 



kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch einer frem- 
den Person zuschreiben." „Mau kann auch träumen, daß die be- 
treffende Bewegung auch gehindert ist." „Das Glied der betreffen- 
den Stellung kann im Traume als Tier oder Ungeheuer erscheinen, 
wobei eine gewisse Analogie beider hergestellt wird." ,J)ie Stellung 
eines Gliedes kann im Traume Gedanken anregen, die zu diesem 
Gliede irgendeine Beziehung haben***)." Also, der Traum kann so 
vieles; doch bleiben wir am Ende im unklaren, warum der Traum 
in jedem einzelnen Falle das eine tut und das andere zu tun miEer- 
läßt: warum wird die Stellung eines Gliedes in einem Falle als 
Bewegung, im anderen Falle aber als Ungeheuer geträumt? Wo- 
durch sind solche Verschiedenheiten determiniert? Oder sind diese 
Verschiedenheiten dem „Zufall" preisgegeben? 

Ein anderer „Traumforscher", Semi Meyer, teilt folgendes mit: 
,Jch träumte von einer gewaltigen Helligkeit, es wurde immer 
heller und heller, ich war im Traum wie geblendet, glaubte mich 
nach dem Erwachen bestimmt zu erinnern, das Gefühl der Blen- 
dung im Traume miterlebt zu haben. Als die Helligkeit zu einem 
großartigen Glänze angewachsen war, erwachte ich, Öffnete die 
Augen, und siehe da, das geringe Licht, das in der Morgendämme- 
rung durch die Vorhänge drang, war doch so viel heller als der 
Glanz des Traumes, daß ich nun richtig geblendet war. Ich habe 
alles, was im Traume vorherging, sofort verges- 
sen"^)." Herr S. Meyer will den Traum als eine „Mißdeutung" 
einer Wahrnehmung erklären, so z. B. „wenn irgendein Geräusch 
die Vorstellung eines Überfalles durch Einbrecher hervorruft"."") 
Dennoch müssen wir folgendes bemerken: Sollte auch die Hellig- 
keit des angeführten Traumes mit der Morgendämmerung in Zu- 
sammenhang stehen, so bleibt doch der Inhalt jener geträumten 
Begebenheiten, die Herr Meyer leider vergessen hat, unerklärt. 
Denn welcher Art jene Begebenheiten auch sein mögen, so sind 
sie doch etwas mehr als „mißdeutete" Helligkeit, die eich nur ihrer 
Intensität nach mißdeuten läßt. Noch auffälliger ist ein anderer 
Traum, den Meyer mitteilt: „Ich träumte neulich, . . . daß ich 
ein Magenfcarzinom hätte, wovon ich offen gestanden als erblich 
belastet Angst habe. Beim Erwachen fiel mir der Traum sofort ein 
und gleichzeitig war ich erstaunt, daß ein Gefühl dabei im Traume 
völlig gefehlt zu haben schien"^)." Im wachen Leben hat Herr 
Meyer große Angst vor einem Magenkarzinom, dennoch träumt er 
davon und dabei fehlt das Gefühl im Traume völlig! Hat denn der 
Traum die Gefahr des Magenkarzinoms so völlig „mißdeutet"? 

Wundt meint den Traum dadurch zu erklären, daß er sagt: „Die 
durch die Sinneseindrücke entstehenden Vorstellungen sind mehr 
oder weniger phantastische Illusione n^'^) ." Das 
„mehr oder weniger Phantastische" zugestanden, bleibt doch die 
Frage offen: wodurch ist der besondere konkrete Inhalt der Traum- 
illusion bestimmt? Bei aller Achtung vor den Verdiensten der 



204 Offene WnnBclierfnlliuigsträDme 



WundtBchen Psychologie muß doch betont werden, daß die Be- 
griffe; „phantastische Illusion", „regellosea Spiel der Assoziationen" 
U6W. nur berufen sind, die Unfähigkeit zu verdecken, von einem 
voreingenommenen Standpunkt aus den Traum und die ihm ähn- 
lichen Phänomene zu erklären. 

2. Ea gibt eine Klasse von Träumen, deren Inhalt sehr einfach 
und einnvoU ist; besonders häufig sind sie bei Kindern anzutreffen, 
obwohl sie auch bei Erwachsenen vorkommen. Hier einige Proben: 
Die 70jährige Großmutter träumt, „nachdem sie einige Tage 
lang durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum Hungern gezwun- 
gen war, offenbar mit Versetzung in die glückliche Zeit des 
blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten 
,ausgebeten', zu Gast geladen ist, und jedesmal die köstlichsten 
Bissen vorgesetzt bekommt"."^}. 

Ebenso träumte ich selbst, als ich hungrig zu Bette ging: 
,Jch suche am Tische auf, was mir gehört und eß es auf." 

Der Inhalt dieses Traumes, wie des vorangehenden, ist durch den 
Hunger determiniert: nicht als „mißdeutete" Wahrnehmung, son- 
dern als Wunscherfüllung. 

Solche offene Wunscherfüllungsträume sind z. B. die folgenden: 
„Ein Knabe träumt, er esse Erdbeeren. Nach dem Tag vorher ge- 
"figt' gitt er an, er sei an einem Garten voll Erdbeeren vorbeige- 
kommen und hätte große Sehnsucht danach verspürt. Ein derartiger 
Wunschtraum erklärt sich von selbst. Das Verlangen nach den wahr- 
genommenen Früchten wird im Traum als erfüllt dargestellt. Ein 
kleines Mädel erzählt am Morgen strahlend seiner Mutter:' Ich 
habe diese Nacht etwas Wunderschönes geträumt: Du wärest' ee- 
fiterbt.* Am Tage vorher hatte die Mutter dem stark ichaÜchtieeu 
Drang des Kindes erheblichen Widerstand geleistet Der Traum 
befriedigt gründlich in seiner Wildheit den Wunsch auf Beseitigen 
der der Ichtnebbefriedigung hemmenden Mutter. Darob ist das 
Kind genau so befriedigt, erfreut, wie der im Traum Erdbeeren 
essende Bub^'*)." 

Denselben Charakter zeigt auch der folgende Traum Freuds: „Da 
18t 2. B. ein Traum, den ich mir beliebig oft, gleichsam experimen- 
tell erzeugen kann. Wenn ich am Abend Sardellen, Oliven oder 
sonst stark gesalzene Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht 
Durst, der mich weckt Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, 
der jedesmal den gleichen Inhah hat, nämlich, daß ich trinke. Ich 
schlurfe Wasser in vollen Zügen, es schmeckt mir so köstlich, wie 
nur ein kuhler Trunk schmecken kann, wenn man verschmachtet 
ist, und dann erwache ich und muß wirklich trinken. Der Anlaß 
dieses einfachen Traumes ist der Durst, den ich ja beim Erwachen 
verspure. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch hervor zu trin- 
ken, und diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüUt. Er dient dabei 
einer Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter Schläfer, 



Kompromißcharakter des Traumes 205 

nicht gewöhnt, durch Bedürfnis geweckt zu werden. Wenn ea mir 
gelingt, meinen Durst durch den Traum, daß ich trinke, zu be- 
echwichtigen, so brauche ich nicht aufzuwachen, «m ihn zu befrie- 
digen. Es ist also ein Bequemlichkeitstraum. Das 
Träumen setzt sich an Stelle des Handelns, wie 
auch sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um 
den Durst zu löschen, nicht mit einem Traum zu befriedigen*^")." 

Die Frage ist nun die, ob die weniger durchsichtigen Träume, 
die die Mehrzahl bei den Meisten bilden, auf die einfache Formel 
der Wunscherfüllung eich zurückführen lassen. Woher stammt dann 
der unverständliche ahsurd anmutende Charakter der meisten 
Träume? 

3. Um auf die letztaufgeworfene Frage einigermaßen antworten 
zu können, wählen wir wiederum einen noch verhältnismäßig ein- 
fachen Traum, der mit wenigen Abänderungen bei jedem Jüngling 
vorkommen dürfte. 

Traum Nr. 1. (Stammt von einem 19jährigen Studenten, der 

in sexueller Abstinenz lebte) : 

Ein junges Mädchen tritt an sein Bett und neckt ihn. Er sagt 
zu ihr: „Lieber laß mich, sonst vergewahige ich dich!" Sein 
Flehen hilft aber nicht, das Mädchen geht nicht fort und er ver- 
gewaltigt es. 

Auch dieser Traum fügt sich leicht der Wunscherf üllungstheorie : 
der abstinente Jüngling setzt den geträumten Koitus an Stelle des 
wirklichen, zu dem er sich noch nicht entschließen kann. Wir sehen 
in diesem Traume den Kampf des mächtigen Triebes mit den 
moralischen Hemmungen: der Jüngling fleht das Mädchen an, ihn 
in Ruhe zu lassen. Das Mädchen will aber nicht fort, die Schuld 
ist also nicht auf seiner Seite. Unser Student will also „Lust ohne 
Schuld" (um einen Ausdruck von W. Stekel zu gebrauchen). Der 
Traum ist nicht nur eine Wunscherfüllung, sondern zugleich noch 
eine Rechtfertigung. Weil gewisse moralische Hemmungen vorhan- 
den sind, muß der Traum eine gewisse Situation schaffen, die die 
,vunscherfüllende Tat als eine unvermeidliche nicht verschuldete 
erscheinen läßt"*). Der Inhalt des Traumes ist somit 
ein Kompromiß zwischen wunscherfüllender 
Tendenz und der Verdrängungsarheit. 

Von ähnlicher Art ist ein Mädchentraum, den ein Volkslied 

schildert: 

Mir träumt's, ich lag' auf grüner Heide 
in voller Lust und voller Freude 
ins grüne Gras dahin gestreckt, 
mit Gras und Blumen zugedeckt. 

Ein Bäcblein hört ich leise rauschen, 
ein Jüngling leise, leise lauschen; 



f 



206 ^'^ Entstelinng des ursprünglichen Sinnes 

ich aber tat, als schlummerte ich, 
ich aber tat, als hört' ich nichts. 

Der Jüngling kniet sich vor mir nieder, 
nahm eine Rose, drückt sie auf mich nieder; 
ich aber tat, als schlummerte ich, 
ich aber tat, als hört' ich'a nicht. 

Die Unschuld hat er mir genommen, 
ein bleich Gesicht hab ich bekommen; 
ich aber trag' es mit Geduld, 
wir sind ja beide daran schuld'"). 

Den Übergang zu den mehr komplizierten Traumen, obwohl noch 
durchsichtig genug, bildet der folgende, von einem 20jährigen Stu- 
denten geträumt: 

Traum Nr. 2"^). Er tritt in einen weÜBen Marmortempel ein. 
Der Tempel machte auf ihn einen großen, außerordentlichen Ein- 
druck. Er war ganz erfüllt von einer starken geistigen Erregung. 
Er ging hinein, und da erblickte er zwischen den griechischen 
Säulen die Figuren unvergleichbar schöner (nackter)^'") Mädchen 
(aus Matraor)^^"); er ging immer mehr ina Innere, da erschien 
ihm plötzlich die hohe Gestalt eines kräftigen Greises; er er- 
kannte in der Gestalt Tolstoi. Dieser sagte: „Ihr sollt 
leben nicht mit dem Körper""') und verschwand. Alles ver- 
Bchleierte sich, und er erwachte. [Ganz spontan knüpft der Er- 
zähler des Traumes noch die Bemerkung an, daß er zur Zeit des 
Traumes (vor einem halben Jahre) stark verliebt war.] 
Der Traum ist durchsichtig genug, um ihn ohne weiteres deuten 
zu können. Der Tempel ist wohl der Tempel der Schönheit und 
Liebe, darum die schönen nackten Mädchen. Der nach erotischen 
Abenteuern lüsterne Jüngling dringt immer weiter ins Innere des 
lempcis. Da erscheint die personifizierte Zensur, der Moralprediger 
lolstoj: die Situation muß unter seinem Einfluß versehwinden. Die 
Verdrangungsarbeit setzt sich auch später noch fort und äußert sich 
m der Auslassung bei der Niederschrift des Traumes des heiklen 
Wortes „nackte", sowie durch nachträgliche Einfügung des Wortes 
„aus Marmor". Wir sehen hier die Verdrängung 
gleichsam bei ihrer Arbeit: durch Auslassen und Ein- 
ecliieben wird der ursprüngliche Sinn des Traumes gemildert. 

4. In den betrachteten zwei Träumen spielt die Entstellung im- 
merhin eme untergeordnete Rolle und die Absicht der Träume 
bleibt im ganzen noch sehr durchsichtig. Wir gehen jetzt zu kom- 
plizierteren Fallen über, die wir nur mit Hi5e der analytischen 
lechnifc zu beleuchten imstande sind. 

Traiim Nr. 3 In einem Zimmer befinden sich Verurteilte, 
unter diesen auch die F r a u oder die M u 1 1 e r des Träumenden. 






Ein Henker-Tranm 207 



Der Henker faßt die Frau und würgt sie. Er (der Träumende) 
läuft fort, dabei hat er den Gedanken: „Ich sollte doch Hilfe 
leisten!" 

Analyse. Die Gestalt des Henkers erinnert den Analyeanden 
an einen alten Bauer, mit dem er am Tage gesprochen; die Frau 
des Bauers war gefährlich krank und man erwartete von Stunde zu 
Stunde ihren Tod. Die Beziehungen des Analysanden zu seiner Frau 
waren nicht die besten mehr und er trug sich mit der Idee, sie zu 
verlassen, nur verschiedene Rücksichten auf die Kinder und manche 
andere Motive hielten ihn noch zurück. Wie einfach könnte sich 
das Problem lösen, wäre die Frau gestorben! Im Unbewußten ent- 
steht daraus der Wunsch: „sie soll sterben!" Die Frau ist darum 
„verurteilt" und gerichtet. 

Merken wir uns die folgenden Assoziationen : Der Henker — der 
Bauer, dessen Frau im Sterben liegt — der Träumende, dessen 
Frau sterben soll. Der Henker des Traumes ist der 
Träumende selbst. Der verdrängte Groll und der Todes- 
wunsch gegen die Frau sind nach außen projiziert. — ,,Er 
läuft fort." Das klingt zweideutig: er lauft fort von seiner Frau, 
und ist frei, wie er es sich wünscht; oder er läuft fort, weil er die 
Grausamkeit nicht mit ansehen kann. Diese Zweideutigkeit hört 
man auch in den Worten: „Ich sollte doch Hilfe leisten!" Wem, 
dem Henker oder der Frau? In der Zweideutigkeit äußert sich der 
Kompromißcharakter jedes Traumes, der den zwei entgegengesetz- 
ten Tendenzen, des Wunsches und der „Zensur", des Triebes und 
der Triebhemmung, zu genügen hat^^^). 

Ein Umstand ist von der bisherigen Analyse unberücksichtigt ge- 
blieben. Im Traume heißt es nämlich: „Die Frau oder die 
Mutter." Diese Unsicherheit ist ein uns wohlbekanntes Komplex- 
merkmal, das die Identifikation der Mutter mit der Frau ankün- 
digt. Das heißt, der Traum ist auch der Ausdruck eines Inzeetge- 
dankens. Die allgemein menschliche Natur des Sohn-Mutter-Kom- 
plexea haben wir im vorigen Kapitel zu zeigen gesucht. Der alte 
Sophokles war nicht nur ein großer Dichter, ihm waren wohl auch 
die Tiefen der menschlichen Seele gut bekannt. Denn seine Jokaste 
sucht den ödipus mit folgenden Worten zu beruhigen: 

Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 

Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies 

Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht. 

Der Henker des Traumes ist, wie wir es schon wissen, der Träu- 
mer selbst. Die Henkertat ist eigentlich das sexuelle Altentat. Was 
man nicht durch freiwillige Hingabe bekommen kann, nimmt man 
mit Gewalt. Vergessen wir nicht, das Unbewußte ist der „Natur- 
mensch" in uns, die „Bestie" oder das „radikale Böse", richtiger ge- 
sagt, das absolut Egoistische, das Rücksichtslose. 



208 Der manifestfl und der latente Traamgedanke 



Man beachte noch, daß Kinder oft eich den Koitus als einen 
Kampf zwischen zwei Menschen deuten, wozu sie durch gewisse 
Beobachtungen an Tieren leicht verleitet werden können. Der ange- 
führte Traum drückt einen infantilen inzestuösen Wunsch aus; in 
Form eines Attentats (sadistische Färbung) bringt er den Koitus 
mit der Mutter zur Darstellung. 

Wir sehen in unserem Traume zwei Siuationen zu einem Bude 
verwebt: den zurückgehaltenen Groll gegen die Frau (ein „vorbe- 
wußles" Erlebnis) und den Inzestgedanken in bezug auf die Mutter 
(das „Unbewußte"). Es findet hier eine Verschiebung statt: der 
Groll gegen die Frau wird benutzt, um den unbewußten Inzeatge- 
danfcen zum Ausdruck zu bringen („Affektverwandlung": die Liebe 
zur Mutter in Groll verwandelt). Der Inhalt des Traumes ist „über- 
determiniert". Weder der vorbewußte noch der unbewußte Wunsch 
wäre wahrscheinlich jeder für sich allein imstande, den Traum 
hervorzubringen. Erst ihr gemeinsames Zusammengehen 6etzt die 
Traumfunktion in Tätigkeit. 

Freud unterscheidet beim Traume den manifesten und den 
latenten Inhalt. Aufgabe der Analyse ist es, die Brücke von dem 
manifesten Inhalt zu dem latenten Traumgedanken zu schlagen. 
Nach vollzogener Analyse stellt eich der Traum 
heraus, als die (verkleidete) Erfüllung eines 
(unterdrückten, verdrängten, meist infantilen) 
Wunsches. Die Absurdität, die dem Traume scheinbar anhaftet, 
gehört nur dem manifesten Inhalt an. Wer die verborgene Sprache 
des Traumes zu entziffern versteht, der findet das Sinnvolle auch 
im verworrensten Traume heraus. Dasselbe geschieht eigentlich 
auf jedem Wissensgebiete. In früheren Zeiten, wo man von einer 
wissenschaftlichen Geschichte noch wenig ahnte, erschienen die 
menschlichen Handlungen dem Blicke des Zuschauers häufig als die 
Summe von Toll- und Narrheilen. Man hat aber seitdem gelernt, 
hinter dem äußeren Schein von großen Worten, die so oft Ver- 
wirrung in die Sache bringt, den Kampf einander widersprechender 
materieller Interessen der verschiedenen Nationen und sozialen 
Gruppen zu entdecken. 

Überblicken wir nochmals die Analyse unseres Traumes, so sehen 
wir sofort, daß sein Inhalt an ein bestimmtes Gespräch des Tages 
anknüpft. Das Gespräch mit dem Bauer über seine kranke Frau 
wirkte hier wie der Reiz im Assoziationsexperimente; derTraum 
erscheint als eine Reaktion auf einen äußeren 
Reiz („Traumerreger"), eine Reaktion, die einen 
bestimmten Komplex zum Ausdruck bringt. Der 
Traum knüpft, wie wir uns spater noch mehrmals überzeugen wer- 
den, an die Tageserlebnisse an. „Es gibt für jeden Traum einen 
Traumerreger aus jenen Tageserlebnissen, über die man noch keine 
Nacht geschlafen hat." „Der Traum kann sein Material aus jeder 
Zeit des Lebens wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Tagea 



^ 



Ein Zwangsnenroliker 209 



(den ,rezeuteii* Eindrücken) zu diesen früheren ein Gedanken- 
faden reicht«»")." 

5. In Verbindung mit dem analysierten Traum Nr. 3 wollen wir 
zum Vergleich einen Fall von akut auftretenden Zwangsvorstellun- 
gen betrachten: 

„Patient K. , . 29 Jahre, Hausdiener und Packer. Er klagt, er 
könne den unbegreiflichen Gedanken nicht loswerden, mit dem 
Messer auf seine Mutter oder mit dem Hammer auf seinen Vater 
losgehen zu müssen. Zugleich traten bei allen möglichen Anlässen 
lebhafte zieDose Schlag- und Stoßhewegungen des rechten Armes 
auf, alles begleitet von einem quälenden Ajigstgefühl^^*)." 

Der Arzt wandte das Assoziationsexperiment an. Hier einige dieser 
Assoziationen: 

Mutter — geh weg . . . sonst passiert was, ich kann mich mehr 
nicht halten . . ., ich möchte nach dem Messer greifen . . .; ich 
muß mich bloß so halten. 

Haus — Ich habe den Entschluß gefaßt. 

Entschluß — Liebe Eltern helft mir, ich kann mir nicht mehr 
halten. 

Halten — Mutter ruf den Vater, sonst passiert 
was. 

Dann bei freiem Assoziieren in hypnoidem Zustande : 

„G«h8t *nau8! . . . Ach laß mir doch zu dir kom- 
men . . . 

Mutter, du stirbst mir doch nicht etwa . . ." 

Der Arzt tritt zur Analyse des Ausdruckes: „Ach, laß mir doch zu 
dir kommen." Der Patient blickt hin und her, gibt an, er glaube 
es als Kind gehört zu haben, und berichtet auf die Versicherung hin, 
es werde ihm gleich etwas einfallen, ein Freund von ihm habe als 
Kind seine Eltern beim ehelichen Verkehr belauscht (Vereehie- 
bung). Dann gibt er zu, selbst seine Eltern vielfach mit dem Be- 
wußtsein des Unerlaubten belauscht und dabei sehr große Erregung 
verspürt zu haben (Schultz), 

Wir sehen, dieser Neurotiker hat denselben Wunsch, die Mutter 
zu überfallen, wie es der Fall bei unserem Träumenden war. Der 
erotische Hintergrund dieses Wunsches klingt in den Worten : „Mut- 
ter ruf den Vater, sonst passiert was" oder „Ach laß mir doch zu 
dir kommen." In der Analyse reproduziert dann der Patient die 
Szene, wo er als Kind den ehelichen Verkehr der Eltern belauscht 
hatte und dabei sexuell erregt wurde. Der Zusammenhang der infan- 
tilen inzestuösen Gelüste mit dem Attentat auf die Mutter tritt hier 
klar zutage. Was wir zur Erklärung des Traumes Nr. 3 hinzudeuten 
mußten, ist heim Zwangsneurotiker direkt durch die Analyse selbst 
aufgedeckt worden. 

14 Kaplan, Fsychoanalrse 



210 Traum und Neurose 



Der angeführte Fall ist für das Verständnis unseres Tranmea auch 
ferner lehrreich. Wir wollen darum noch einen weiteren Einblick 
in die Analyse des Falles gewinnen. Der Patient masturbierte viel- 
fach mit Modellpuppen, dabei bevorzugte er solche von voller 
Figur. Auf die Frage, welche Frauen mit voller Figur ihm jetzt ein- 
fallen, kommt die Antwort: „Meine Mutter — meine Tante die 

,Per8on'." Die Analyse ergibt dann: „die ,PerHon' (Köchin, wo er 
diente) hatte drei Kinder, Witwe. Er putzte mit ihr vielfach Messer. 
Er hatte Eifersucht gegen den Chef, der dem Vater ähnlich war". 
Femer berichtet der Arzt: „Im Verlaufe der Untersuchung machte 
der Patient spontan und mit absoluter Bestimmtheit die Angabe, 
die mich in höchstem Grade überraschte, es habe sich nämlich seine 
ganze Krankheit an dem Tage entwickelt, wo er sich innerlich von 
der ,Person* habe lossagen wollen, wo er sie sich »vollständig aus 
dem Kopfe geschlagen' habe. Er habe ihr gesagt: ,SIe existieren für 
mich nicht mehr*, teils aus Gründen wohl berechtigter Eifersucht, 
teils mit Rücksicht auf den Widerstand seiner Eltern. Er habe wirk- 
lich nicht mehr an die Person gedacht, bis jetzt im Verlaufe der 
Behandlung (Schultz)^«')." 

Also auch hier die Identifikation der „Person" mit der Mutter. 
Am wichtigsten ist für uns folgendes: Von dem Momente an, 
wo er die Liebe zu der „Person" verdrängt, er- 
wacht in dem Patienten die infantile Liebe zur 
Mutter wieder, sowie die Eifersucht auf den 
Vater. Die Erotik des Erwachsenen muß ihr Objekt haben ; wenn 
eie es nicht findet, so flutet sie in die alten verlaasenen Bahnen 
der infantilen Gefühle zurück. Dadurch erklärt eich auch die Ver- 
dichtung von Frau und Mutter in dem Traum Nr. 3. 

Wenn in unserem Traume ein Wunsch zur Erfüllung gebracht 
wird, so ist derselbe Wunsch in der Zwangsneurose nur angedeutet, 
me zur Erfüllung gelangt DerTraumvoUziebt, wonach 
die Neurose eich bloß sehnt: die Hemmungen 
sin dhier viel stärker als dort. Auf den JVeurotlker pas- 
sen die Worte des alten Demokrit: „Das ewige Zaudern läßt die 
Handlungen nicht zu Vollendung kommen" („Ethische Fragmente"). 
Das Inzestmotiv war in unserem Traume nur leise durch die Worte : 
„die Frau oder die Mutter" angedeutet; dagegen ist dies Motiv in 
der Neurose viel stärker ausgeprägt. Unser Träumer wollte von sei- 
ner Frau fort, weil die einstige Liebe allmählich erloschen war. Der 
Neurotiker aber suchte seine Liebe zu der „Person" (zum Teil 
unter dem direkten Einfluß der Eltern) gewaltsam zu verdrängen, 
was ihm auch gelang, er mußte das mit dem Preise der Neurose be- 
zahlen. Die „Person" tritt an Stelle der Mutter in das Unbewußte, 
die verdrängten Gefühle zur Mutter aber steigen nach oben auf. Die 
Neurose wird durch aktuelles Verdrängen hervorgerufen, welches 
beim Erwachsenen dann stattfinden kann, wenn das aktueU zu Ver- 
drängende an Stelle von InfantUverdrängtem tritt. 



Angst und Wut 211 



Efl kann gelegentlich vorkommen, daß die infantile Begierde so 
stark ißt, daß sie die Hemmungen überwältigt und sich irgendwie 
motorisch auswirkt. Schon bei dem oben angeführten Neurotiker 
waren gelegentlich „lebhafte ziell<»e Schlag- und Stoßbewegungen 
des rechten Armes" zu beobachten. In einem Falle, über den der 
Hallenser Psychiater Anton berichtet, geht es viel weiter. „Ein 
Kranker meiner Klinik", so erzählt Anton, „erwachte in der Nacht 
mit namenloser Angst, die ihn trieb, sein Mütterchen mit der Ast 
niederzuschlagen; und er gestand nachher, daß er beim Vollzug 
dieser Handlung ein Gefühl der Befreiung und der Erleichterung 
verspürte; erst nachher kam die Reue«^")." Durch die Analyse des 
Traumes Nr. 3 und der oben geschilderten Neurose sind wir belehrt, 
daß in Antons Falle die kriminalpathologische Reaktion durch in- 
fantilsexuelle Triebe bedingt sei. 

Wir haben früher (Kap. IX, 12) das Problem der neurotischen 
Angst aufgerollt. Wir sahen dort, daß ein Zusammenhang zwischen 
Angst und Erotik besteht. Dieser Zusammenhang ist zweifacher 
Art: 1. Aus der magischen Auffassung des Koitus resultiert die auf 
diesem Standpunkte quasi real bedingte Angst, magisch untüchtig 
zu werden (die Angst als Form der Verdrängung) ; 2. auf Grund 
des Gesetzes der Inversion führt die Versagung und Verdrängung 
der erotischen Gefühle zu Angst (die Angst als Folge der Ver- 
drängung, die Angst als verwandelte Libido). Wie ea scheint, ist 
nun die wütende Gewalttat der aktive Gegenpol 
zur neurotischen Angst. 

Daß ea so ist, wurde mir klar beim Lesen eines Reiseberichtes des 
finnischen Gelehrten Alexander Castren. Er berichtet über die 
Schreckhaftigkeit der Lappen (im nördlichen Rußland) folgendes: 
„Man hatte mich während meiner Reise durch Lappmarken öfters 
gewarnt, daß ich mich vor den russischen Lappen und besonders 
vor deren Weibern in acht nehmen möchte, da sie bisweilen in einen 
wahnwitzigen Zustand geraten und dann nicht wissen, was sie taten. 
Im Anfang schenkte ich solchen Erzählungen kein Gehör, sondern 
sah sie für gewöhnliche, den Lappen angedichtete Fabeln an . . . 
(Um mich zu überzeugen, erbot sich ein russischer Kaufmann, mir 
einige Proben der Schreckhaftigkeit der lappischen Weiber zu 
ffeben.) Vorher schaffte er alle Messer, Äxte und andere leicht zu- 
gängliche gefährliche Dinge beiseite. Darauf trat er sehr hastig vor 
ein Weib und achlug seine Hände zusammen. Sogleich stürzte das 
Weib wie eine Furie auf ihn, kratzte, zauste, achlug und peitschte 
ihn auf das nachdrücklichste. Nachdem sie ao eine Weile den armen 
Kaufmann gemißhandelt hatte, sank sie auf eine Bank nieder und 
stand einen gewaltigen Kampf aus, bevor aie wieder zq Atem kam. 
Wiederum zur vollen Besinnung gekommen, beschloß sie, sich ferner 
nicht erschrecken zu lassen. Auch lief der nächste Versuch so ab, 
daß sie nur einen lauten, durchdringenden Schrei von sich gab. 
Während sie sich über den mißglückten Versuch freute, ließ der 



212 Ein Satyr-Traum 



andere Kaufmann ein Taschentuch üher ihre Augen fahren, sprang 
aber zugleich aus dem Zi mm er. Nun war zu sehen, wie das Weib 
von dem einen zu dem anderen stürzte, sich auf den Boden warf, 
einen anderen achlug, einige gegen die Wand schleuderte, andere 
bei den Haaren schüttelte. In einer Ecke des Zimmers sitzend, er- 
wartete ich mit ungeduldiger Angst, daß die Reihe an mich kommen 
würde. Mit Grausen sah ich sie endlich ihren wild stierenden Blick 
auf mich haften; darauf stürzte sie sich mit ausgestreckten Armen 
gegen mich und wollte mir gerade mit ihren Nägeln ins Geeicht 
fahren, als zwei handfeste Karelen sie zur rechten Zeit auf die Seite 
schoben. Ohnmächtig sank sie ihnen in die Arme. Man glaubte, daß 
meine Brille sie zu dieser wilden Raserei gereizt hätte. Man suchte 
auch ein junges Mädchen auf die Art zu schrecken, daß ein Kien- 
epan auf ihren Kopf herabgelassen wurde. Sie fuhr zusammen und 
lief hinaus. Ferner schlug man mit einem Hammer gegen die Außen- 
wand. Das obengenannte Weib sprang auf, bedeckte jedoch zugleich 
ihre Augen mit ihren Händen und kam dann wieder schnell zur 
Besinnimg^^')." 

In der Angst zieht sich der Mensch gleichsam zusammen, setzt 
dem Angriff der feindlichen Mächte die kleinste Angriffsfläche aus 
(die introvertierte R e ak t i o n s f o rm). Die Angst läßt 
sich aber überwinden, indem man selbst zum Angriff übergeht 
(an Stelle des „Totstellreflexes" der „Bewegungssturm", die extra- 
vertierte Reaktionsform). Vielleicbt liegt dieser Mecha- 
nismus auch der bekannten „Berserkerwut" zugrunde: die altnordi- 
echen Krieger gerieten in Angesicht des Feindes in Wut um nicht 
von Angst überwältigt zu werden, 

6. Traum Nr. 4. Ein Satyr und ein Zicklein spielen miteinan- 
der. 

Analyse. Am Tage sah der Analysand ein Bild von Stuck Dis- 
sonanz", Das Bild zeigt einen Satyr und neben ihn ein Satyrkind, 
das sich bemüht, auf der Syrinx zu blasen. Der Ältere verstopft die 
Ohren und macht ein verzweifeltes Gesicht. Der Analysand sagte 
sich, das Bild betrachtend: „Der Satyr hin ich und der Kleine ist 
mein Söhnchen." Wirklich pflegte er sein Söhnchen „Satyrchen" 
zu nennen. Zur Zeit weilt aber der Kleine mit seinem Schwesterchen 
in der Ferne, der Vater hat große Sehnsucht nach den Kindern. 
Der Satyr ist der Bockfüßler (als welcher er auch auf Stucks BUd 
dargestellt war), die Ziege kann als seine Gefährtin betrachtet wer- 
den. Der Sinn des Traumes kann nur der sein: „Die beiden spielen- 
den Kinder erscheinen dem nach ihnen sehnsüchtigen Vater." 

Damit ist die Analyse des Traumes nicht erschöpft. Denn der 
Analysand sagte doch: „Der Satyr bin ich." Wer ist dann das Zick- 
lein? Der Analysand liebte zu jener Zeit ein junges Mädchen, zu 
dem sich die äußeren Beziehungen nur im Rahmen eines bloß 
freundschaftlichen Verkehrs abspielten. Weitere Intimitäten wagte 



Pan 213 

er sich auch nicht in Gedanken zu gestatten. Der Traum bringt 
den gehemmten Wunsch doch in Erfüllung: „Der Satyr spielt mit 
seiner Gefährtin." 

Die Analyse fördert noch weiteres Material zutage. Zu jener Zeit 
hatte der Änalysand die Gewohnheit, die Freundin, wie in seinen 
Gedanken, so auch oft in den Briefen „meine teure Schwester" zu 
nennen. Er halte also die Geliebte mit der Schwester identifiziert 
und damit ein infantilea Geheimnis verraten. Der Traum bringt den 
infantilen Wunsch in ErfiUIung: „Der Bruder spielt mit seiner ge- 
liebten Schwester^*'*').* ° 

Auch dieser Traum ist also „überdeterminiert". Es kommen hier 
drei Themen gemeinsam zur Darstellung: ein bewußter, aber un- 
erfüllter und den Umständen nach unerfüllbarer Wunsch (die 
Sehnsucht nach den Kindern), dann ein vorbewußter (die Intimität 
mit der Freundin) und endlich ein unbewußter Wunsch (die in- 
fantile Liebe zur Schwester). Wieder also wird ein bewußtseina- 
unfähiger Wunsch durch Assoziation mit bewußtseinsfähigen Wün- 
schen aktueller Natur in die Höbe gehoben. 

Auch hier spielen die Verdichtungen und Verschiebungen eine 
große Rolle. Der Satyr bezeichnet einmal den Analysanden selbst 
dann sein Söhnchen; ebenso ist die Ziege eine Verdichtung von 
Töchterchen, Freundin und Schwester. Die infantilen Gefühle zur 
Schwester verschieben sich auf die Freundin. 

7. Das Bild Stucke wirkte wie der Reiz im Assoziationsexperiment, 
er rief den Komplex wach. Der Traum hatte zur Darstellung des 
Komplexes aus dem Tageserlehnis nur das „entlehnt", was ihm für 
diesen Zweck gut paßte: nämlich die eine Figur des Satyrs. Im 
übrigen aber handelte der Traum schöpferisch. Die Ziege als Ge- 
fährtin des Satyrs war jedenfalls hei Stuck nicht vorhanden. Hier 
6cheint die Traumphantasie selbst in mythologischer Art 
weiter gearbeitet zu haben. Merkwürdigerweise stellen einige Terra- 
kottareliefe den Pan (den der Laie mit dem Satyr leicht verwech- 
Belt) eine Ziege küssend dar; in einem Terrakoitarelief in Paris 
liebkost er sie, indem er sie am Barte faßt (Röscher, Lexikon usw.). 
Eß gibt allgemein menschliche Symbole, deren sich hauptsächlich 
die Mythologie bedient, die aber nicht selten (vielleicht viel häu- 
figer ala man es anzunehmen geneigt ist) auch in den Träumen des 
einzelnen auftreten. Denn in der Psyche des Individuums hat sich 
ein Stück Geschichte der Menschheit abgelagert. Das ahnte schon 
Nietzsche, der einmal sagt: „. . . der Traum bringt uns in ferne Zu- 
stände der menschlichen Kultur zurück und gibt ein Mittel an die 
Hand, sie hesser zu verstehen." („Menschliches, Allzumenschlichea", 
Aphor. IS)«""). 

Pan ist der Gott der Hirten, der Fischer und der Jäger. Er ist der 
Gott von Generationen, die unter und mit den Tieren, und fast 
seihst noch wie Tiere gelebt haben. Pan dient darum als Projek- 
tion des Tierischen, das noch im Kulturmenschen lebt. Eine antike 



214 ^*° Nackt-Tranm 



Gruppe stellt den Pan in einem bacehischen Erotenzuge ayrinx- 
blasend und tanzend dar, der den trunkenen Eros-Dionyaos auf zwei 
Eroten gestützt, enthält. Es ist die fröhliche Ausgelassenheit, nach 
der sich der Kulturmensch in dem Beetreben, sich der Fesseln des 
Kulturlebens zu entledigen, so oft sehnt, und der er sich dennoch 
nicht hingeben kann. Die geheimen Triebe befriedigen sich wenig- 
Btens in den visuellen Gebilden (regredient). 

Kehren wir zu unserem Träumenden zurück. Als er Stucks Bild 
sah, sagte er sich: „Der Satyr bin ich, und der Kleine ist mein 
Söhnchen." In bezug auf diesen Ausdruck erfahren wir folgendes: 
Einmal, als er mit seinem Söhnchen spielte und dieses verschie- 
dene Tollheiten und Sprünge vollbrachte, hörte er einige Akkorde 
wie von einer Harfe erklingen, dabei schwebte vor seinen Augen 
ein kleiner schalkhafter Satyr, der ihn durch tolle Sprünge neckte. 
Wiederum eine Vision, die in das Gebiet der Mythologie hinein- 
paßt. Stucks Bild hatte wirklich einen Komplex berührt, der in der 
Seele des Analysanden sich schon vor langer Zeit gebildet hatte und 
um den die unbewußte Seelentätigkeit unausgesetzt ihre Fäden 
spann. Das bestätigt Freuds Ansicht, der er in den Worten Ausdruck 
gibt: „Ich möchte selbst nach gewissen persönlichen Erfahrungen 
glauben, daß die Traumarbeit oft mehr als einen Tag und eine 
Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu liefern, wobei dann die außer- 
ordentliche Kunst im Aufbau des Traumes alles Wunderbare ver- 
Uert"'"')''")." 

8. Traum Nr. 5. Ein längliches, schmales Zimmer, das mit Was- 
aer gefüllt ist. Der Träumende ist nackt und schwimmt im Zim- 
mer herum. Allmählich verschwindet das Wasser. Man klopft an. 
Er hüllt sich in etwas ein. Die Tür geht auf, er sieht ein« Frau 
oder ein Kind oder beide zusammen. 

Analyse. Analysand erinnert sich, in der Kindheit häufig boI- 
che Träume, wo er am Boden des Zimmers nackt badet, gehabt zu 
haben. Das „Nacktsein" ist ihm überhaupt ein Symbol des natür- 
lichen Lebens, des Lebens ohne Zwang, gemäß den eigenen indivi- 
duellen Instinkten. Der Traum ist eine Verwirklichung einer „Nackt- 
kultur", eine Zurückversetzung in die glückliche Zeit der Kind- 
heit. 

Insbesondere fühlt sich der Analysand seit einiger Zeit in sexuel- 
ler Hinsicht gebunden, das Streben, sich ganz „auszuleben" ist sehr 
stark, er muß aber Rücksicht nehmen, ob auf Frau oder Kind, weiß 
er selbst nicht zu entscheiden. Das drückt der Traum in seiner 
Weise aus, indem der Träumende sich einhüllen muß und an der 
Tür eine Frau oder ein Kind erscheint. 

Man hört so oft von der „Schönheit des nackten Menschen" reden. 
Man versucht auch gelegentlich die Nacktkulturbestrebungen zur 
Wirklichkeit zu machen. Auf dem Gebiete der Kunst hat sich wohl 
am frühesten in der Plastik die Nacktheit durchgesetzt, dann kam 



Gebnrtspbantasie 215 



der Nacfcttanz au die Reihe. Der Trieb, der sich in der Nacktheit 
äußert, ist jedenfalle ein allgemeiner Zug unserer Zeit. In erster 
Linie drückt sich hier das Verlangen aua, die von der Kultur auf- 
erlegten Fesseln für gewisse Augenblicke wenigstens abzuschütteln. 
Im Leben eines jeden gab es eine 2Ieit, wo die Nacktheit noch eine 
Wirklichkeit war, nämlich in der frühen Kindheit. „Nur in un- 
serer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in mangelhafter Bekleidung 
von unseren Angehörigen, wie von fremden Pflegepersonen, Dienst- 
mädchen, Besuchern gesehen wurden und wir haben uns damals un- 
serer Nacktheit nicht geschämt. An vielen Kindern kann man noch 
in späteren Jahren beobachten, daß ihre Entkleidung wie berau- 
schend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen, 
epringen herum, schlagen sich auf den Leih^*=)." Die Nacktkultur- 
bestrebungen bedeuten die Sehnsucht nach der verlorenen, nie zu- 
rückkehrenden Kindheit. „Diese der Scham entbehrende Kindheit 
erscheint unserer Rückschau später als ein Paradies, und das Para- 
dies selbst ist nichts anderes als die Massenphantasie von der Kind- 
heit des einzelnen. Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt 
und schämen sich nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in 
dem die Scham und die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, 
das Geschlechtslehen und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Para- 
dies kann uns nur der Traum allnächtlich zurückführen"**)^**)." 

In unserem Traume steht das Nacktsein in Verbindung mit dem 
Baden. Die Beziehung des Wassers zur Geburt haben wir schon ken- 
nengelernt. Wenden wir diese Erkenntnis auf unseren Traum an, so 
leuchtet ea ein, daß auch er eine Geburtspbanlasie darstellt. Das 
längliche, schmaleZimmer ist wohl der Uterus, das 
Wasser bedeutet das Fruchtwasser. Im Gehurtsakt 
schwimmt das Kind gleichsam in die Welt hinein. Sofort nach der 
Geburt wird das Kind eingehüllt. Dann sieht man die Frau 
mit dem Kinde. Es äußert sich in dieser Traumphantasie der 
Wunsch, ein neues Leben anzufangen, wie ein neugebore- 
nes Kind zu sein, vielleicht auch noch der Wunsch, als neuge- 
borenes Kind die volle Liebe der Mutter zu genießen. Die beiden 
Motive: das Nacktsein und die Geburtsphantasie, sind in dem 
Traume kunstvoll zu einem einheitlichen Ganzen verweben^'"'). 
Der Traum hatte noch die folgende Fortsetzung: 

Ein Polizist durchblättert die dem Träumenden gehörenden 
Bücher. Bei einem Tische sitzt die Frau mit dem Kinde. 

Analyse. Der Analysand traf am Tage in einem (schweize- 
rischen) Dorfe einen Landjäger. Im Gespräch fragte der Polizist 
u. a., ob er nicht ein Russe sei, was auch wirklich zutraf. Er trägt 
sich mit der Idee, in nächster Zeit in die Heimat zu fahren. Der 
innere Grund dazu ist das Verlangen, ferne von der Familie zu sein, 
um eich freier („nackter" in der Sprache des Traumes) zu fühlen. 
Für einen jungen Russen ist aber der Polizist, der seine Bücher 



/ 



216 Tranm nnd Mythos 



einer Revision unterzieht, wirklicli ein Symbol der Heimat. (Das 
alJes spielte sich zur Zeit des Zarismus ab.) Er ist also schon in 
der Heimat, er kann ein neues Leben anfangen. Darum die Frau 
mit dem Kinde. Denn unsere Heimat befindet sich dort, wo unsere 
Wiege stand. 

An diesem an verschiedenen Motiven so reichen Traum ist es be- 
sonders ersichtlich, in welchem Mißrerhältnis die latenten 
Traumgedanken zu dem Traumerreger stehen. Die Begegnung mit 
dem Polizisten wirkte hier ähnlich, wie ein Funken auf ein Pulver- 
magazin. 

Wir versuchen noch eine SYNTHESE des Traumes zu gehen: 

Die Begegnung mit dem Polizisten und das Gespräch mit ihm 
weckten die Gedanken an die Heimat. Von da führen Gedanken- 
fäden zur Kindheit. Mit dieser verbinden sich die Vorstellungen 
von freiem, ungebundenem Leben, ohne Scham, ohne Fesseln, es 
steigen Erinnerungen auf an die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde. 
In Kontrast dazu der Gedanke: das alles ist jetzt unmöglich; nur 
beim Baden nähert sich der Erwachsene für kurze Augenblicke 
dem seligen Zustande des Kindes. 

Aus diesen bunten Gedanken baut sich der Traum auf, der eine 
infantile Situation wieder belebt. 

9. Die vergleichende Betrachtung von Traum und Mythos bietet 
Vorteile für die Psychologie beider Phänomene. Die mythischen Ge- 
stalten verhelfen uns dazu, manches im Traume auch ohne direkte 
Einfälle des Analysanden zu deuten, hauptsächlich aber verhelfen 
sie uns dazu, das Allgemein-Menschliche hinter den 
Traumgest alten zu erblicken. Anderseits bieten uns die Träume die 
Möglichkeit, das Ewig-Menschliche, das von Nationalität 
tmd geschichtlichem Milieu Unabhängige, in seiner hidividual-nsv- 
chologischen Bedingtheit zu erfassen. „Das Volk verarbeitet in vor^ 
historischer Zeit seine Wünsche zu Phantasiegebilden, die als Mythen 
in das historische Zeitalter hinüberreichen. Ebenso schafft das Indi- 
viduum in seiner jvorhistorischen Periode' aus seinen Wünschen 
Phantasiegehilde, die in den Träumen der Jtistorischen' Zeit persi- 
stieren. So ist der Mythos ein erhalten gebliebenes 
Stück aus dem infantilen Seelenleben des Vol- 
kes und der Traum der Mythos des Individu- 
ums"^«)." 

Der analysierte Traum Nr. 5 gehört in die Gruppe der Wasser- 
mythen, zu denen auch der schlesische Sagenzyklus von den Wasser^ 
lissen gehört. Ein Gegenstück zu diesen ist die Gestalt des Wasser- 
mannes, dessen Natur ein neues Licht auf unseren Traum werfen 
kann. Hier Beispiele: 

Ein Mann erzählt dem Sagensammler folgendes: 

„Ich ging einmal spat in der Nacht aus der Mühle nach Hause, 

Als ich über die Grabenbrücke schritt, sah ich plötzlich ein Ferkel 




Der "Wassermann 217 



vor mir auf der Wieee. Es war aus dem Wasser geeprungen, ich 
dachte aber, es wäre jemandem aus dem Dorfe entflohen. Daher 
fing ich es ein und nahm es mit mir nach Hause. Am nächsten 
Tage in aller Frühe wollte ich im Dorfe Nachfrage halten. Als ich 
aber in den Stall trat, stand an Stelle des Ferkels ein prächtiges 
Pferd. Ich schirrte das Pferd an und ritt auf die Straße. Kaum 
aber befand ich mich auf offener Straße, so ging das Pferd in 
wildem Galopp mit mir durch, der Wiese zu. Ich konnte mich 
kaum noch im Sattel halten, als das Tier in den Mühlengraben 
f sprang und verschwand. Da ich nicht schwimmen konnte, rief ich 

i um Hilfe. Da erschallte aus der Flut ein Lachen, das ein Mann 

mit roter Mütze hören ließ. Zugleich warf er mich hinaus aus 
dem Wasser und verschwand darin'^'^)." 

Im polnischen Oberachlesien wird folgendes erzählt: 

Ein Mann ging über Land; sein Weg führte an einem Bache 
hin. Da sah er am Ufer im Sande einen großen Fiach auf und 
ah schnellen. Er eilte hinzu, packte geschwind den Fisch und 

I Bteckte ihn in seinen Brotsack, den er umgehängt hatte. Als er 

erfreut weiterschritt, wurde ihm der Sack immer schwerer. Plötz- 
lich hörte er aus dem Wasser eine Stimme fragen: „Mann, wo 
steckst du denn?" — „Seit einer halben Stunde hier im Sacke!", 

I antwortete es an seiner Seite. Da wurde dem Manne grauerlich; 

auch war die Last nicht mehr zu ertragen. Er warf den vermeint- 
lichen Fisch hin und siehe da! ein kleines, nacktes Männlein 
sprang lachend zu seinem Weibe ins Wasser: es war der Wasser- 
mann*"*). 

Der Wassermann ist zugleich Schwein, Pferd und das kleine, nackte 
Männlein. Tiere sind überhaupt Symbole der nackten, schamlosen 
Sexualität: man spricht doch so oft von der „viehischen" Natur oder 
von der „Schweinerei". Insbesondere aber war „das Schwein ein 
Lieblingstier der Venus und auch der nordischen Liebesgöttin Freja, 
der es bei Hochzeiten geopfert wird".^'°) Das kleine, nackte Männ- 
lein ist ein vielgebrauchtes Phallossymbol. Und wirklich das Männ- 
lein springt am Ende zu seinem Weibe ins Wasser. Der Wassermann 
ißt offensichtlich die Verkörperung der nackten Sexualität. Der 
Mann hat nach Hanse ein Ferkel gebracht, d. h. die ungezähmte 
Sexualität. Es drängt ihn zum Wasser, er kann aber nicht schwim- 
men und wird darob vom Wassermann ausgelacht. Das Schwimmen 
flchemt hier, wegen der rhythmischen Bewegungen, als Symbol des 
Koitus aufzutreten. Das Lachen des Wassermanns ist die motorische 
Abfuhr der gestauten Sexualerregung. 

Die gegebene Deutung steht im Einklang mit dem Traum Nr, 5. 
Das längliche, schmale Zimmer bedeutet die Vagina, das Wasser 
— Flüssigkeit = Sperma. Wahrlieh, „wir merken nicht mehr, mit 
welcher vollendeter Grazie die unkenschesten Dinge keusch ausge- 
drückt werden können"."") 



218 Nacktlieit und Haß 



1 



10. Zum Thema der Nacktheit will ich noch etwas anführen, 
was una diese von einer neuen Seite zeigen wird. Ferenczi erzählt 
von einer Patientin, „deren grande Hysterie nach dem unerwarteten 
Verluste ihres ahgöttisch geliebten älteren Knaben wieder auflebte 
und die sich in ihrem Lebensüberdraß unausgesetzt mit Selbstmord- 
plänen beschäftigte"; eines Tages träumte eie u. a. „d a ß s i e v o r 
ihrem jüngeren Knaben steht und zaudert, ob sie 
sich vor dem kleinen Jungen nackt ausziehen und 
ßich waschen soll. ,Tue ich das', — dachte sie, — 
,8 bleibt im Kinde unauslöschlich eine Erinne- 
rung haften, die ihm schaden, ja, ihn zugrunde 
richten kann'. Nach einigem Zögern tut sie es 
aber doch: sie zieht sich vor dem Kinde aus 
und wäscht ihren nackten Körper mit einem 
Schwamm".*") 

Der Gedanke: „Tue ich das usw." „stammt aus dem Wachleben 
und bezieht sich auf die Selbstmord absieht; sie weiß . . ., daß Ihr 
Selbstmord auf das Seelenlehen des als mutterlose Waise zurück- 
bleibenden Kindes eine verheerende Wirkung ausüben könnte. An- 
derseits hat sie — besonders seit dem Tode des Ältesten — oft ganz 
bewußt feindselige Anwandlungen gegen das am Leben befindliche 
Kind; sie hatte sogar eine Phantasie, in der das traurige Loa des 
Alteren auf den Jüngeren übertragen wurde". 

Die Patientin schwankt also zwischen Selbstmordabaicht und 
Pflichtgefühl, was im Traume sich als Schwanken zwischen Exhibi- 
tlon (Nacktheit) und ihrem Gegensalz außdriickt Ihren älteren 
Knaben liebte die Patientin ao eehr, daß sie niemals gestattete daß 
er von jemand anderem als von ihr gebadet und gewaschen w" d 
„Wie kommt aber die Patientin dazu, die Situation derart u ^^ ' 
kehren: sich vor dem zweiten Kinde mit dem Schwämme zu wasch 
anstatt daß sie den Erstgeborenen wäscht, wie es in Wirklichkeit a''* 
ßchah? Wir können uns den Vorgang dieser Urakehrung folgender- 
maßen vorstellen: Sie war im Begriffe, ihre Liebe auf das lebende 
Kind zu übertragen, und wollte nun dieses, wie bisher den älteren 
■waschen . . . Das hängt mit der Idee zusammen: Weiterleben! Doch 
sie bringt es noch nicht zustande . . . {Statt den Jüngeren zärtlich 
zu behandeln, tut sie das mit sich selbst) und gönnt dem Kleineren 
nur die Rolle des Zuschauers — noch dazu in ausgesprochen bös- 
williger Absicht . , ." (Ferenczi.) 

Diese Deutung befriedigt mich nicht ganz. Richtig ist es, daß die 
Mutter den klemeren Knaben haßt und ihn schädigen will. Der 
,-""j. u".- T Handlungsweise im Traume wird erat dann ver- 
ständlich (.n Verbmdung mit ihrem Haßgedanken), wenn man die 
magische Bedeutung der Nacktheit voll berücksichtigt. 

Wir erinnern uns, daß der Primitive den Koitus magisch auffaßt 
und daß darum die Frau als ein dämonisches dem Manne gefähr- 
liches Wesen betrachtet wird. Wir haben die Sexualverdrängung 




Magieche Bedeamng der Nacktheit 219 



zum großen Teil auf diese magische Auffassung zurückgeführt. In 
vielen orientaliachen Märchen kommt z. B. der Zug vor, daß dei 
Held in Ohnmacht fällt, als er die Schöne zum erstenmal erblickt. 
Darum geht die orientalische Frau nur mit einem Schleier verhiiUt 
auf die Straße aus: die magisch-dämonische Macht, die von ihr 
gleichsam ausstrahlt, ist in dieser Weise gewissermaßen geschwächt. 

Und nun zu dem Traum der Patientin Ferenczis eine ethnogra- 
phische Parallele. Auf der Insel Formosa werden die Gottheiten häu- 
fig in Zusammenhang gebracht mit den Gewitterstürmen, „die nach 
dem Glauben der Amis (Volksatamm) ihren Ursprung den Streitig- 
keiten zwischen dem Gotte Kakring und seiner Gattin Kalapiat ver- 
danken. Kakring verursacht den Donner durch Stampfen und Um- 
herschleudem der Kochtöpfe, die den wertvollsten Besitz in jedem 
Ami-Haushalt darstellen, und Kalapiat erzeugt den Blitz, 
indem sie sich in ihrem Zorn völlig entkleidet — 
dies ist nämlich ein von den Amifrauen häufig 
ceübter Brauch, um ihre Unzufriedenheit dar- 
zutun".*") 

Will die Frau den Mann schädigen, so entklei- 
det sie sich, um dadurch ihre magisch-dämoni- 
flche Kraft zu erhöhen und sie auf ihn wirken zu 
lassen. In derselben Weise verfährt auch die Patientin Ferenczis 
in ihrem Traum. 

Ferenczi sucht die abschreckende Wirkung der Nacktheit folgen- 
dermaßen zu erklären. Er sagt: „Wir wissen von Freud, daß ver- 
drängte Libido sich in Angst umwandeil. Was wir von Angstzu- 
ständen der Kinder bisher erfahren haben, ist in dieser Hinsicht sehr 
eindeutig: immer handelt es sich um übergroße Libidosteigerungen, 
gegen die eich das Ich zur Wehr setzt; die vom Ich verdrängte Li- 
bido verwandelt sich in Angst und die Angst sucht sich dann sekun- 
där geeignete Objekte (meistens Tiere), an die sie sich heften 
kann . . . Das noch ungeschickte Ich des Kindes erschrickt vor uner- 
warteten Libidoquantitäten und vor libidinösen Möglichkeiten, mit 
denen es noch nichts oder nichts mehr anzufangen weiß'«*)." 

Warum setzt sich aber das Ich zur Wehr gegen angeblich zu große 
Libidosteigerungen? Primär nur darum, weil das (narzißstische) 
Ich bei sich selbat bleiben will und darum die Ansprüche des 
Sexualobjekts als eine Beeinträchtigung, als „Ich-Verletzung", er- 
lebt. Die magische Auffassung des Koitus, die Angst vor dem ma- 
giscii-schädigenden Einfluß des Weihes ist der ideologische „Über- 
hau" jener narzißstischen Einstellung zum Sexualohjekt. 

Daß die Nacktheit magische Bedeutung hat, ersehen wir auch 
aus folgendem. In einer slawischen Sage trifft ein Mann die „Pest- 
weiber". Er fragt sie aus, ob es Mittel gegen die Pest gibt. „Freilich," 
erwidern die Pestweiber, „es gibt gar so manches, da hast du gleich 
eins: Es müßten zwölf Burschen und zwölf makellose Jungfrauen 
von tadelloser Lebensweise am Vorabend des Sonntags nach dem 



220 Ahwehrzanber 



Neumond in der Geisterstunde einen Pflug nehmen, eich damit hin- 
aus vor das Dorf begeben, sich splitternackt ausziehen, 
Bo wie 8ie die Mutter geboren, sich dann ins Joch spannen und das 
Dorf ringsherum umackern. Noch eines. Während des Umackerns 
müßten sie wie ein Marmorstein das tiefste Schweigen beobachten, 
keiner dürfte begierig und lüstern den Blick er- 
heben, geschweige denn den andern berühren. So müßten sie 
siebenmal immer in derselben Furche ackernd ums Dorf ziehen, bis 
die Furche zu einem kleinen Graben erweitert iaf'O." 

In erster Linie ist hier das Ackern selbst ein Abwehrmittel gegen 
die Pest, das Ackern ist aber, wie wir bereits gehört, der Koitus mit 
der Mutter-Erde. Der Pflug muß von Burschen und Jungfrauen ge- 
zogen werden, die splitternackt auegezogen sind: hier ist die Nackt- 
heit wiederum als Abwehrmittel gegen die Pest gedacht. Der 
nackte, unverhüllte Mensch setzt zwischen sich 
und der Welt, auf die er magisch einwirken will, 
keine störende Scheidewand. Daß die jungen Leute 
während des Zauberaktes des Umackerns schweigen müssen, bedeu- 
tet so viel, als im Zustande der Introversion sich erhalten. Denn 
durch die Sprache kommen wir in Kontakt mit den Anderen, teilen 
Tina ihnen mit, treten also aus unserer Vereinsamkeit, aus der Intro- 
version heraus; diese ist aber die Voraussetzung des magischen 
Gelingens, denn die Magie ist ein Ausdruck des Narzißmus. 

Es kommt aber in der Vorschrift, die die Peatweiber geben noch 
ein wichtiger Zug vor: die jungen Leute dürfen keinen begierigen 
und lüsternen Bbck aufeinander erheben! Erinnern wir nn« /aJ^T,- 
oben p 199), daß die Huichol vor wichtigen UntemehmunLn vor 
das Bild der nackten Göttin geführt werden, und nur wenn e "T. 
gelingt in dieser Situation ohne Affekt zu bleiben, sie des Sie^ -^ 
ihrem Unternehmen sicher sein können. D. h. n u r d e r M^a * "^ 
der sich von der Nacktheit des Weibes nicht b*°* 
stricken läßt, ist zauberfcräftig genug, um sic^h 
in ein großes Unternehmen zu wagen. Nebenbei be- 
merkt spricht sich in dieser magischen Auffassung bereits die Idee 
der Sublimierung aus: nurwerseineSexualitätzuhem 
men versteht, kommt dazu, kulturelle Werte zu 
schaffen. 

11. Traum Nr. 6. Der Träumer liegt auf dem Rücken und bHckt 
nach oben. Er sieht etwas Längliches, das sich bei genauerer Be- 
trachtung als lenkbares Luftschiff herausstellt. Nach einigen Au- 
genblicken kommt ihm in den Sinn, daß die ganze Geschichte 
dumm sei. Denn er befindet sich doch im Zimmer, über seinem 

^3l T M'\^ff ' ^t!" '" i«<J«nf^U« umnöglich, das vorbeifah- 
rende Luftschiff zu sehen, es ist bloß eine Vision. Die Vision ver- 
schwindet und er sieht nur die Decke des Zimmers. 

Analyse. Der Analysand macht einen kleinen Nachtrag zu 



BiEexualität. Mntterleibspbaniaaie 221 

dem geschilderten Traum: „Das Luftschiff war durch eine Art Spalte 
in der Decke des Zimmers zn sehen. Das Luftschiff schien sich hin 
und her zu hewegen." Wenn ein Detail des Traumes als Nachtrag 
figuriert, so kann man im voraus sicher sein, daß sich hier das 
Wichtigste verbirgt. Die „Hin- und Her-Bewegung" des „etwas läng- 
lichen" Luftschiffes verrät sofort seine Phalloanatur. Der Träumende 
liegt auf dem Rücken und blickt nach oben. Ea ist die Lage des 
Weibes während des sexuellen Aktes. Der Träumende hat sich also 
in die sesuelle Rolle der Frau versetzt, sich mit einer Frau identi- 
fiziert. 

Daß solche feminine Bestrebungen bei dem Manne vorkommen, 
erklärt sich aus der bisexuellen Natur des Menschen. Ein älterer 
Herr erzählt: „{Im Älter von 12 Jahren) lernte ich die orientalische 
Erzählung von dem Prinzen kennen, der dadurch, daß er von einer 
Zauberquelle trank, in eine Frau verwandelt wurde. Ob es durch 
diese Erzählung geschah oder unabhängig davon, dessen bin ich 
nicht sicher — aber es trat bei mir der Gedanke auf, wie schön es 
wäre, für gewisse Zeit in ein Mädchen verwandelt zu werden und zu 
sehen, wie das wäre. Allmählich ging aus dieser Idee das Bedauern 
hervor, daß ich nicht als Mädchen geboren war . . ." Von seiner 
Hochzeitsnacht erzählt er femer: „Wir hatten beide gedacht, daß 
wenn wir uns das erstemal entkleidet sehen würden, dies abstoßend 
sein würde, aber keiner von uns hatte ein solches G«fühL Statt des- 
sen beneidete ich sie, so sehr ich sie liebte, und die angeborene und 
instinktive Sehnsucht, selbst ein Weib zu sein, wurde dauernd viel 
stärker. Nichts würde mir lieber gewesen sein, ala wenn wir beide 
aus dem Schlafe so erwacht wären, daß der eine, wenigstens eine 
Zeitlang, in dem Körper des anderen war*°')." 

Wir kehren jetzt zu unserem Traume zurück. Es äußert sich hier 
noch eine sogenannte „Mutlerleibsphantasie'^ Das Zimmer mit der 
Spalte repräsentiert den Mutterleib. Daß das Verlangen, im Mutler- 
leib zu verweilen, wirklich vorkommt, sei durch folgendes belegt. 
Die kleine vierjährige Usche sagt zu ihrer Mutter; „Du, liehe Mutler, 
ich möchte dir so ein Loch in deinem Körper machen und dann 
immer in deinem Leibe bleiben." Oder: „Ich möchte so in dich 
hineinkriechen, ganz in dein Blut, ganz in dich." Dazu bemerkt die 
Mutter; „Sie macht häufig solche Bemerkungen. Gibt es vielleicht 
eine dumpfe Erinnerung an den Ursprung?"^"*) 

Häufig wird die Mutterleibsphantasie mit der infantilen sexuellen 
Neugierde, den Verkehr der Eltern zu belauschen, verknüpft. So 
auch in uneerem Traume: Er befindet sich im Leibe der Mutter und 
von dort aus beobachtet er das große Geheimnis. Dadurch aber wird 
die infantile Eifersucht angestachelt. Der Traum wird darum für 
dummes Zeug erklärt und abgelehnt. 

Das BisexueUe steht mit dem infantilen Seelenleben und mit der 
infantilen Erotüc in gewissem Zusammenhang. Das Kind ist anfäng- 
lieh seiner sexuellen Rolle nicht ganz sicher, was den Mann von dem 



222 "^o^ ^^^ Mutterschoß 



"Weibe unterscheidet, ist ihm noch unklar. Wenn das männliche 
Kind an der Matter mit seinen Gefühlen hängt, so identifiziert es 
eich leicht mit ihr, lebt sich in ihre Rolle ganz ein. So wirkt die 
inzestuöse Liebe in der Richtung der Verstärkung der homosexuellen 
Komponente. In entgegengesetzter Richtung liegt die Wirkung der 
infantilen Eifersucht. Insofern das Kind gegen den Vater eifersüch- 
tig wird und die Liebe der Mutter zu ihm abwehren will, verdrängt 
es (sich mit der Mutter identifizierend) seine eigene Liebe zum 
Vater, d. h. die homosexuelle Komponente wird dadurch abge- 
schwächt*"'). Dieser Fall findet sich auch in unserem Traume vor: 
die bisexuelle Phantasie wird (wahrecheinlich) aus infantiler Eifer- 
sucht für dummes Zeug erklärt. 

Als Traumerreger diente diesmal ein Gespräch, das der Träu- 
mende mit einem Bekannten am Tage geführt hatte. Sie sprachen 
über Aviatik und die unzähligen Unfälle, die mit diesem Sport ver- 
bunden seien. Er sprach damals die Vermutung aus, daß wahrschein- 
lich unter den Äviatikem sich eine große Anzahl von Selbatmord- 
kandidaten befinden dürfte. Den Zustand des Totseins stellt auch 
unser Traum dar. Denn der Träumende liegt auf dem Rücken, wie 
man gewöhnlich Tote liegen läßt, und die „Vision ist verschwun- 
den", d. h. es finden keine Wahmebmungen statt, er ist tot. Die 
Decke des Zimmers bedeutet dann den Deckel des Sarges, Die Ver- 
bindung der Todessehnsucht mit der Mutterleibsphantasie ergibt 
sieh von selbst : man kehrt in den Urzustand zurück^ 
aus dem man hierher gekommen ist. 

Die letztere Idee ist auch völkerpsychologisch bezeugt. Ich finde 
nämlich bei Jakob Grimm die folgende diesbezügliche Bemerkung: 
„an einigen orten hat man alte gräber entdeckt, in welchen die 
leichen weder der länge nach noch sitzend, sondern mit bänden 
haupt und beinen zusammengedrückt, fast in viereckigen behältern 
lagen, herr Friedr. Troyon aus der französischen Schweiz, welcher 
viele gräber der vorzeit sorgsam untersucht und beobachtet hat, 
teilte mir seine ansieht mit, daß diese auffallende be- 
handlung der todten leiber vielleicht den men- 
schen wieder in dieselbe läge versetzen soll, die 
er vor der geburt im schoß der mutter eingenom- 
menhabe, so wäre die rückkehr in die mütterliche erde zugleich 
ein zeichen der künftigen neuen geburt und auferstebung des 
embryons*"*)." Ahn. heißt sterben i moduroett falle, in den Schoß 
der Mutter fallen (Grimm). Nietzsche hatte wirklich recht, wenn 
er sagte, daß der Traum uns in ferne Zustände der Kultur versetzt. 

12. Der Zustand vor der Geburt wird vom Traum Nr. 6 dem- 
jenigen nach dem Ahleben gleichgestellt. Dieser Vorgang steht nicht 
vereinzelt, wir treffen ihn öfters wieder. Wir sahen früher, daß 
z. B. ,aus dem Wasser kommen" mythologisch soviel als die Geburt 
bedeutet, die Wasserquellen waren die Stätten, wo sich die noch 
nicht geborenen Kinder befanden. Demgegenüber steht die Auffas- 





PoIarilQt von Leben und Tod 223 



Bnng der Wadschagga (Negerstamm, Oatafrika) : „Wichtig und zum 
Teil im ganzen Gebirge bekannte Kultstätten der Wadschagga sind 
viele Teiche. Das sind in der Regel nicht Teiche in unserem Sinne, 
sondern bassinartige Vertiefungen eines Flußbettes, wo das brau- 
sende Bergwasser für einen Augenblick zur Ruhe kommt ...Diese 
Teiche gelten als die natürlichen Eingangspfor- 
ten ins Totenreich^»»)." Diese gegensätzlichen (polaren, 
ambivalenten) Auffassungen treffen wir in der Sage von dem „Che- 
valier qui onques ne riat" wieder: 

Durch ein Wunderachiff wird der Held ins Feenland gebracht, 
KU den Inseln, die von einer Kaiserin beherrscht sind, deren Ge- 
mahl er wird. Da er ein Verbot übertritt. Unerlaubtes wünscht 
muß er alle Herrlichkeit verlassen und wird durch dasi 
selbe Schiff wieder heimgeführt. Und nun hat er 
das Lachen verlernt und lebt in traurigen Gedanken an die ent- 
schwundenen Wonnen dahin*^°). 

Das Kommen auf dem Schiffe (aus dem Wasserelement) bedeutet 
hier, wie in der Lohengrinsage, die Geburt. Der Held kommt zu der 
Kaiserin, die er heiratet. Die „Kaiserin" ist vermutlich die Symboli- 
sierung der Mutter (eine Mutter-Imago), und in der Sage steckt wie- 
der das ödipusproblem. Darum heißt es dann vom Helden, er habe 
ein Verbot übertreten. Unerlaubtes gewünscht. Zur Strafe muß er 
wieder aus dem Lande (= dem Leben) scheiden und „wird durch 
dasselbe Schiff wieder heimgeführt". (Wir sagen auch noch heutzu- 
tage von einem Verstorbenen, er sei „heimgegangen".) 

Die Polarität von Leben und Tod sehen wir auch in dem folgen- 
den 

Traum Nr. 7. (Bruchstück.) Ein Ausflug per Boot. Er (der 
Träumende) rudert mit Stehruder. Man gelangt an eine ein- 
same InseL 

Analyse. Eines Tages sah der Analyeand zu, wie beim Rodeln 
ein junger Bursche mit einem jungen Mädchen die Eisbahn herun- 
terfuhr. Einer der zuschauenden Bauern machte dazu die zynische 
Bemerkung: „das nenne ich mit Stehruder fahren". „Mit Steh- 
ruder fahren" bedeutet darum in unserem Traume den Koitus — die 
Quelle des Lebens. Anderseits aber erinnert der Traum an Böcklina 
„Toteninsel", was hier als Todeswunsch aufzufassen ißt. 

13. Im Traum Nr. 6 gibt es noch ein Moment, dem wir unsere 
Aufmerksamkeit schenken wollen. Ein Stück des Traumes wird dort 
für eine Vision erklärt, wie die Analyse ergab für etwas, dem keine 
Realität beigemessen werden soll. Die uns als Urteilsleistung anmu- 
tende Stelle des Traumes ist bloß ein Ausdruck der Verdrängung, 
des Unmutes und Unwillens, ea ist die Darstellung des Gedankens: 
„Das will ich nicht anerkennen!" Gewöhnlich tritt dieser Darstel- 
lungsmodus als „Traum im Traume" auf: man träumt, daß man 
etwaa träumt. „Das ,Geträumte' enthält die Darstellung der Reali- 



224 '^®'' Tranm im Tranm© 



tat . . ., der fortBetzende Traum im Gegenteil die Darstellung des 
bloß vom Träumer Gewünschten. Der Einschluß eines gewiesen In- 
haltes in einem ,Traum im Traume' ist also gleichzusetzen dem 
Wunsche, daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen 
sollen . . . Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst als eine 
Form der Ablehnung"')." 

Zur Illustration führen wir noch einen solchen „Traum im 
Traume" an: 

Traum Nr. 8. Er träumt ein Märchen: „Ein Vater hatte ein 
Söhnchen, das hieß Homunkulus." 

Er erzählt dieses Märchen seinem Söhnchen. 

Analyse. Einfälle zu Homunkulus : „dae Männlein, das Kleine". 
— Dann: „Ich habe niemals meinem Sohne ein Märchen erzählt. — 
Heftiger Streit mit der Frau — der Kleine war dabei anwesend. Ich 
rufe ihm erregt zu: siebst du, so ist das Leben!" 

Deutung. Er hat niemals seinem Sohne ein Märchen erzählt, 
er hat ihm aber eine peinliche Wirklichkeit gezeigt Indem er im 
Traume dem Sohne ein „geträumtes" Märchen erzählt, vollzieht der 
Träumende die Identifikation zwischen der peinlichen Wirklichkeit 
und einem geträumten Märchen. Der Traum will also sagen: „Jene 
peinliche Wirklichkeit, die du einmal deinem Sohne demonstriert 
hast, ist bloß ein ,geträumie8 Märchen', ein Hirngespinst, das gar 
nicht ernst genommen werden darf." Femer merken wir noch, daß 
Homunkulus soviel als das Männlein, d. h. der Phallos, ist. Der 
Traum erklärt das Sexuelle, das zu jener peinlichen Wirklichkeit 
geführt hat, für ein geträumtes Märchen. Es ist eine Form der 
Sexualablehnung: „Weil das Sexuelle zu solch peinlichen Situatio- 
nen führt, will ich es nicht mehr haben." 

Die Methode, eine unangenehme, d. h. nicht gewollte, unannehm- 
bare Wirklichkeit für einen „Traum" zu erklären, wird nicht nur 
im Traume angewendet. Das kann schon im wachen Zustande ge- 
schehen und führt dann zu der Erkrankungsform „der Entfremdung 
der Wahmehmungswelt", wo alles „wie im Traume erscheint". Ein 
Patient K. . . Prof. Oppenheims schreibt in seinem Tagebuch: 
„Halb traumhaft. Es war mir, als wenn ich in einer andern 
Zeit, Vergangenheit, lebte. Ein bekanntes, aber zeitlich nicht lokali- 
sierbarea, dem jetzigen fremdes lehgefühl erfüllte mich. Es war wohl 
der Gefühlsreflei von unbewußten, momentan lebendigen Vorstel- 
lungen. So viel wenigstens glaube ich bemerken zu können, daß ich, 
als ich dem Dienstmädchen klingelte, um ihm einen Auftrag zu 
geben, das Gefühl hatte, als wenn wir noch unser früheres Mädchen 
und nicht schon das jetzige hätten"^)." Demselben Patienten pas- 
eierte drei Jahre vorher folgendes: „Heute hatte ich zeitweise das 
Gefühl, noch ein Kind zu sein. Ich saß in der Elektrischen (Leip- 
ziger Straße) gegenüber einem Kinde. Gleichzeitig tauchte eine be- 
stimmte Episode aus meinem achten Lebensjahre auf, in der eben- 



^^__^_^ I'er Traum im Traume 225 

falls die Leipziger Straße resp. ein Spielwaxengeachäft in derBclben 
eine Rolle spielte. Erinnerung an die letzte Zeit 6chr 
schwach; enthoben aus der G e ge n w a r t"^)." Wenn 
dem Patienten nach »einem eigenen Geständnis „alles wie im 
Traume" erscheint, so fällt uns die Erklärung dafür nicht schwer: 
Der Patient wiU die jetzige Wirklichkeit nicht anerkennen, er lehnt 
sie ab, sie ist ihm „hloß" ein Traum, weil er mit seinen Gefühlen 
m der Kmdheit verweUt. die ihn zu stark anzieht. Er ahnt es selbst, 
wenn er seinen Zustand als „Gefühlsreflex von unbewußten, momen- 
tan lebendigen Vorstellungen" erklärt. Er bemerkt noch: „Stirn- 
mungen, W illensregungen usw. werden u n s e r e erst dadurch daß 
Wir sie akzeptieren"')." Da er die jetzige Wirklichkeit nicht 

akzeptiert, so erscheint sie ihm wie „ein Leben im Traum". Es 

ist nicht schwer einzusehen, daß die „Entfremdung der Wahrneh- 
mungswelt" eine besonders starke Erscheinungsform der Intro- 
version sei. 

Der „Traum im Traume" ist eigentlich nur eine besondere Form 
der uns schon bekannten Methode der Projektion. Etwas wird von 
uns nicht akzeptiert, also als etwas unserem Ich Fremdes erklärt- 
dieses Fremde erscheint nach außen projiziert und von dort als 
„Vision" oder „Traum" wahrgenommen. 

Der „Traum im Traume" tritt hauptsächlich als Trosttraum auf 
der besagen will: „diese böse Wirklichkeit wird verschwinden wie 
ein Traum und alles wird dann wieder gut sein". Er kann aber auch 
als Heucheltraum auftreten, um einen Komplex vor Angriffen ver- 
drängender Inatanzen zu Bchützen. Der „Traum im Traume" erklärt 
dann den Komplex als unwirklich, als harmloses Spiel: „es ist bloß 
ein Traum". Diese Anwendung findet meistens in der Kunst statt, 
wenn das Kunstwerk (gleichsam der Traum im Wachen des Dich- 
ters) als solches besonders gekennzeichnet wird. So schreibt z. B. ein 
Dichter im Vorworte zu seinem Werk: „. . . o Publikuml . . . ich 
verlange von dir nur eines: gib dich dem Spiel unbefangen hin, 
denk nicht dabei an deinen Beruf, deinen Broncbialkatarrh, deinen 
Alltagskram ! Nimm aber auch anderseits das Spiel 
nicht zu ernst! Gerate nicfat in Aufregung, wenn 
ein Zug kommt, dernicht recht paßt. Es ist ja nur 
ein Spiel, ein bunter, holderZeitvertreib . . ."=)." 
Auch im Traume Nr. 8 finden wir diesen heuchlerischen Ton. 
In dem „geträumten Märchen" hieß ea: „Ein Valer hatte ein Söhn- 
chen usw." Das Söhnchen wird als „geträumtes Märchen", d. h. ala 
nicht vorhanden erklärt. Damit wird aber der bewußtseinsunfähige 
Wunsch, keinen Sohn zu haben, heuchlerisch ala bloßes Märchen 
hingestellt, ala etwas ganz Harmloses. 

In Wirklichkeit liebt der Vater seinen Sohn leidenschaftlich. 
Vater und Mutter sind aber auseinandergegangen, das Kind blieb 
init der Mutter. Die Sehnsucht nach dem Knaben hat dem Vater 
viele seelische Schmerzen bereitet. In besonders schweren Momenten 

15 Kaplan, Psychoflnalyse 



226 



„Der Traum eine "Wirklichkeit" 



dürft© wohl der Gedanke aufgetaucht sein: wenn nicht das Söhn- 
chen dagewesen, hätte er nicht solche Schmerzen zu tragen. Daa 
Unbewußte kennt aber kein „wenn", es verwandelt allea in „ißt". 
Die größte Liehe kann im Unbewußten Veranlassung zum größten 
Haß geben. Denn das Unbewußte ist absolut egoistisch und will auch 
wegen der uns Liehen keine Schmerzen erdulden, 

14. Die Methode, eine unangenehme, unannehmbare Wirklich- 
keit als Traum zu erklären, sie als „Traum im Traume" darzustellen, 
setzt voraus, daß wir den Traum illusionistisch auffassen. 
Dag war aber nicht immer der Fall. Es gab Zeiten, wo man dem 
Traum denselben Realitätswerl beilegte, wie sonst einer handgreif- 
lichen Wirklichkeit. Spuren solcher Auffassung finden wir beson- 
ders häufig im Mythos und Sage. Eine altgermanische Sage z. B, 
erzählt: „Der KÜnig Guntram war ermüdet auf dem Schöße eines 
treuen Dieners eingeschlafen. Da sieht der Diener aus seines Herrn 
Munde ein Tierlein, gleich einer Schlange, laufen und auf einen 
Bach zugehen, den es nicht überschreiten kann. Jener legt sein 
Schwert über das Wasser, das Tier läuft darüber hin, und jenseits 
in einen Berg. Nach einiger Zeit kehrt es auf demselben Wege in 
den Schlafenden zurück, der bald erwacht und erzählt, wie er im 
Traume eine eiserne Brücke in einen mit Gold erfüllten Berg ge- 
gangen sei*^®)." 

Auch eine ieländische Sage erzählt Ähnliches. Reisende schlagen 
auf offenem Felde ihr Lager auf und legen eich zur Ruhe. Einer 
unter ihnen kann nicht schlafen, da sieht er, wie einem anderen 
ein bläulicher Dunst aufsteigt und sich fortbewegt. Der Wachende 
ist neugierig und achleicht dem Dunst nach. Da sieht er, wie der 
Dunst in einen Pferdeschädel, der am Wege liegt, und um welchen 
eine Menge Schmeißfhegen summend herumfliegen, hineingeht, und 
dann wieder herauskommt. Der Dunst zieht weiter über das Feld 
und kommt an ein ganz kleines Bäehlein, das quer über den Weg 
rinnt; an diesem zieht er auf und ab, als wenn er hinüber wollte 
und nicht könne. „Da legt der Mann seine Peitsche . . . Über das 
Wässerchen; der Dunst zieht über den Peitschenstiel, und kommt 
eo hinüber. Er zieht weiter, und kommt endlich an eine kleine Er- 
höhung auf dem Boden; in diese dringt er hinein. Der Mann wartet 
bis er wieder herauskomme, und es dauert nicht lange bis dies ge- 
schieht. Dann nimmt der Dunst wieder denselben Weg zurück, den 
er gekommen war, , . . und verschwindet wieder über dem Manne, 
(dem er entstiegen war)." . . , Am anderen Morgen erzählte dieser: 
„(ich träumte, hier) auf der Ebene zu gehen. Da kam ich zu einem 
großen, schönen Hause; da war eine große Zahl von Leuten ver- 
sammelt, die sangen und spielten da mit größter Lust. Ich blieb 
lange in dem Hause; als ich aber herauskam, ging ich nochmals 
weit über die Ebene. Da kam ich an einen großen Strom. Ich suchte 
lange, wie ich hinüberkommen mochte; es ging aber nicht. Da sah 
ich einen furchtbar großen Riesen daherkommen; der trug einen 



„Die Wirklichkeit ein Traum" 227 



Übergroßen Baum in der Hand, und legte den quer über den Strom. 
Da kam ich auf dem Baume über den Strom und ging wiederum 
weit fort. Da gelangte ich zu einem großen Grabhügel; der war 
offen, ich ging hinein, und ich fand darin nichts anderes ah eine 
große Tonne voller Geld. Ich blieb lange da und betrachtete daa 
Geld, denn ich hatte nie einen solchen Haufen gesehen. Dann ging 
ich wieder heraus und denselben Weg zurück ... und gelangte so 
hierher m das Zelt zurück." ... Nun gingen die beiden hin zu jener 
Erhöhung, wohm der Dunst eingedrungen war, gruben sie auf und 
fanden dort em Faßchen mit Geld. Das nahmen «ie und teUtcn es 
unter sich'"}. 

In beiden angeführten Sagen wird der Traum nicht nur vom 
Traumenden selbst, sondern noch von einem anderen wahrgenom- 
men. Vom Standpunkt dieser Sagen besitzt die Traumwelt dieselbe 
Realität wie die alltägliche Wirklichkeit: ein geträumtea Fäßchen 
Geld läßt eich mit Hilfe des Zeugen jenes Traumes auch dann auf- 
finden. Der Traum ist hier keine Hlusion, sondern eine hand^reif 
liehe Wirklichkeit. ^ 

Die Voraussetzung für die realistische Auffassung des Traumes 
ißt die Vorstellung von der Trennbarkeit der „Seele" vom Körper 
So verfahren z. B. die Akkala-Lappen bei ihren Zaubereien in der 
Weise, daß „sie in eine magische Betäubung (= Somnambulismus) 
verfallen und während dieser Offenbarungen erhallen, welche ihnen 
in einer oder der anderen Hinsicht notwendig sind. Die Lappen mei 
nen hienron, daß die Seele in diesem Zustande den Körper verlassen 
hat daß sie weit umherwandert und eich die erforderlichen Auf- 
schlüsse verschafft, das gestohlene Gut auskundschaftet, den Ur- 
ßpning der Krankheit zu ermitteln sucht um""") 

Nach dieser Auffassung ist also der „Geist" das eigentliche Aktive, 
das schöpferische Prinzip, das Agierende. Denn während der Körper 
todahnbcb hier liegt, geht die Seele auf verschiedene Abenteuer aua 
und sieht und erlebt dies und jenes. Und das. was der träumende 
Geist sieht, ist eine Wirklichkeit. 

Diese Weltanschauung nennen wir Animismus. Die Grund- 
lage des Animismus, wie diejenige der Magie, ist der Narzißmus. 
Der Narzißt projiziert sich selbst nach außen, er ist gleichsam zwei- 
mal da: als „Körper" und als „Seele". Die dem Körper ähnlich 
gedachte Seele oder Geist lebt und agiert in einer Welt, der ebenso 
Wirklichkeit zugesprochen wird, wie der in ihr agierenden Seele. 
Für den Animisten ist der Traum Lehen, vollwertige Wirklich- 
keit. Demgegenüber steht die Weltauffassung des Pessimismus, die 
das Leben selbst bloß als Traum, als Illusion, erklärt. So z. B. ein 
indischer Philosoph, GaudapSda, der sagt; 

Wie in des Traumes Scheinvielheit 
Der Geist irrtümlich ist verstrickt. 
So in des Wachens S c h e i n v i e 1 h e i t 
Ist irrtümlich der Geist verstrickt"**). 



goß Mutter Erde 



Für diese beiden Weltauffassungen, diejenige des (urwüchsigen) 
Animiamus und diejenige des Pessimismus, ist die Darstellung des 
„Traumes im Traume" als Mittel eine Wirklichkeit zu annullieren 
unmöglich; das wird erst möglich, wenn man zwischen diesen bei- 
den Aulfassungen schwebt und „Traum" und „Wirldichkeit" ein- 
ander entgegensetzt. 

15. Traum Nr. 9. Er läuft Schlittschuhe im Hofe des Hauses, 
wo seine erste Kindheit verflossen war. Seine 
Frau stellt sich (halbsitzend) ihm entgegen und breitet die 
Arme aus. Er läuft in ihre Arme hinein (Der Traum endigt 
mit einer Pollution). 

Traum Nr. 10. Die Straßen sind schneebedeckt, stellenweise 
mit Eis, sehr glatt. Ein Jüngling gleitet, „schlittert", auf einem 
Fuße stehend (Der Träumer fährt zusammen und erwacht). 

Wir fassen die beiden Träume zusammen, weil sie nur Varianten 
desselben Themas zu sein scheinen. Der Jüngling des Traumes Nr 10 
tut dasselbe, was der Träumer selbst im Traume Nr. 9, d. h. der 
Jüngling ist nur eine DecHigur für das Ich des Träumers. Wir wol- 
len zuerst den Traum Nr. 10 zu deuten versuchen, und zwar auf 
Grund ethnopsychologischer Vergleiche. Der Jüngling gleitet (über 
die Erde) auf einem Fuße stehend. Was bedeutet die Erde und dann 
der Fuß? 

„Fast in allen Sprachen wird die Erde weiblich und, in Gegensate 
zu dem sie umfangenden väterlichen Himmel, als tragende, ge- 
bärende, fruchtbringende Mutter aufgefaßt"")." Bei 
den Eweern heißt es: „Die Erde ißt weiblich gedacht und wird aus- 
drücklich die Frau des Himmels" (des Gottes Mawu) genannt. „In 
der Regenzeit und bei jedem Regen vollzieht sich der eheliche Ver- 
kehr des Himmels mit der Erde. Nach dem Regen sprießt und 
wächst der ausgestreute Same und trägt seine Früchte. Diese sind 
die Kinder der Matter Erde'-')." DieErdeisteinSym- 
hol derMutter, eine „Mutter-Imago". 

Was der Fuß bedeutet, erleuchtet aus folgendem; „Wenn der mo- 
derne Araber eine Frau verstößt, so sagt er: ,Sie war mein Pan- 
toffel; ich habe sie weggeworfen.' (Das Bild) gründet sich auf die 
weitverbreitete Anschauung, nach welcher der Schuh der weib- 
lichen Scham entspricht: der Fuß paßt in den Pantoffel, wie da« 
männliche Glied in die Mutterscheide"')." Der Fuß wird also als 
Genitalersatz aufgefaßt. So ist z. B. auch „als Rudiment des Jus 
primae noctis das offenbar synaholische Recht des Gutsherrn zu 
betrachten, seinen entblößten Fuß ins Brauthett der Leih- 
eigenen zu legen"/^"). 

Wir haben jetzt die Elemente, die zur Deutung des Traumes 
Nr. 10 nötig sind. Dieser Traum bedeutet somit den sexuellen Akt 
mit der Mutter. Das Zusammenfahren und Erwachen des Träumers 
fließt aus dem Versagen der Traumfunktion: es ist die Reaktion der 



■J^J. 



Infantile Eroük 229 



ethischen Persönlichkeit gegen die Gelüste des „Naturmenschen", 
die Traumtätigkeit wird abgehrochen. 

Wir gehen jetzt zum Traum Nr. 9 über. Die sexuelle Natur des 
Schlittschuhlauf eng folgt ohne weiteres schon aus dem Umstand, daß 
der Traum mit einer Pollution endet. „Der eigentümliche Charakter 
der Pollutionaträume gestattet uns nicht nur gewisse, bereits als 
typisch erkannte, aber doch heftig bestrittene Sexualaymbole direkt 
durch die restlose Funktion des Traumes zu entlarven, sondern ver- 
mag ime auch zu überzeugen, daß manche scheinbar harmlose 
Traumsituationeu nur das symbolische Vorspiel einer grob sexuel- 
len Szene ist, die jedoch meist nur in den relativ seltenen Pollu- 
lionsträumen zu direkter Darstellung gelangt, während sie oft genug 
in einen Angsttraum umschlägt, der gleichfalls zum Erwachen 
führt"^)." 

Die Frau mit den ausgebreiteten Armen, halbsitzend . , , Er- 
innern wir uns, wie die Mutter das Kind gehen lehrt, wie das Kind 
nach einigen Schritten der Mutter in die Arme fällt. Zudem spielt 
diese Szene des Traumes an der Stätte, wo die Kindheit des Träu- 
mers verflossen war. Der Traum spricht es sehr schön aus, daß d i e 
kindlichen Gefühle zur Mutter erotischer Natur 
sind, oder, wenn man will, daß die erotischen Gefühle 
zum Weibe etwas von der Anhänglichkeit des 
Sohnes an die Mutter an sich haben. In der Liebe 
zu denEltern erlernenwirdasLieben überhaupt. 

Der Träumer lebte seit längerer Zeit in sexueller Abstinenz und 
einsam, was die Auffrischung der infantilen Erlebnisse und Gefühle 
in hohem Grade begünstigt. Als äußerer Traumerreger wirkte der 
Umstand, daß es an den beiden Tagen, die den Träumen voran- 
gingen, sehr viel geschneit imd stellenweise sich auch Eis gebildet 
hatte. Er war aber in früheren Jahren ein leidenschaftlicher Schlitt- 
schuhläufer, 

Dem Traum Nr. 9 ist eine WAGHPHANTASIE vorangesangen : 

Eine einsame Villa, nebenan ein Teich, auf dem man im Som- 
mer Motorboot fahren, im Winter aber Schlittschuhlaufen kann. 

Der nachfolgende Traum Nr. 9 ist eigentlich die unmittelbare 
Fortsetzung dieser Phantasie. Die einsame Villa ist der Mutterleib, 
das Bootfahren auf dem Teiche ist die Geburt. Nachdem das Kind 
geboren ist, muß es das Gehen erlernen, was der nachfolgende 
Traum (Nr. 9) wirklich darstellt. 

Die beschneiten Straßen haben die alte Leidenschaft des Schlitt- 
schuhsports geweckt. Von hier aus greift die „Regression" immer 
tiefer und gelangt schließlich bis zu der ersten Kindheit. Es steigt 
die Erinnerung an die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde auf und im 
Gegensatz dazu tritt die trostlose Wirklichkeit entgegen. Die wunsch- 
erfüllende Instanz sucht den erotischen Hunger zu stillen, indem 
sie ans dem infantilen Material eine Scheinwirklichkeit aufhaut. 



230 Zasammenfassimg 



Im Traume Nr. 9 gelingt es ihr vollkommen. Die teilweise sexuelle 
Entspannung, die durch die Pollution hervorgerufen wird, gibt den 
Hemmungsmechanismen wieder die Oberhand, und so sehen wir, 
wie im Traume Nr. 10 die wunscherfüllende Funktion zum Scheitern 
kommt. Der Traum, der der Wächter des Schlafes sein soll {da jeder 
Traum ein Bequemlichkeitgtraum ist, der statt Hand- 
lungen Halluzinationen setzt), führt diesmal zum Erwachen. Der 
Traum Nr. 10 ist der hysterische Gegensatz zu dem Traum Nr. 9. — 

Die Träume Nr. 3 — 10 Btammen alle von ein und derselben 
Person. Sie erzählen uns die Geschichte einer mißglückten Ehe und 
schildern die seelischen Disharmonien, die auf dieser Grundlage ent- 
standen. Nachdem eine Ehe innerlieh unmöglich wurde und man 
sich doch noch zwingt, sie äußerlich wenigstens zu erhalten, empört 
flieh die erotische Persönlichkeit gegen den auferlegten unerträglich 
werdenden Zwang. Diese Empörung macht die wildesten und primi- 
tivsten Reaktionen frei. Das ist der Sinn von Traum Nr. 3, wo die 
Frau vom Henker erfaßt wird und gewürgt. Der Traum trägt den 
Kolorit des Unheimlichen an sich. In Gegensatz dazu der milde Ton 
von Traum Nr. 4, wo die aufkeimende neue Liebe zum Ausdruck 
kommt. 

Die unbefriedigte Sehnsucht nach Liebe und Glück weckt infan- 
tile Gedanken und besetzt manche perverse Kanäle der Erotik. Das 
kommt in allen Träumen zum Vorschein, insbesondere aber in den 
Träumen Nr. 5 und 6, wo exhibitionistische und feminine Tenden- 
zen durchs chimsmem. 

Die unbefriedigte Liebeasehnsucht frischt auch die infantilen 
Inzeetgedanken auf. Das sehen wir im Traume Nr. 3 und in den. 
Träumen Nr. 9 und 10. 

Und weil das Leben vorläufig ganz öde aussieht, flüchtet sich der 
Träumer in den Mutterleib zurück (Traum Nr. 5 und 6), d. h. er 
macht gleichsam die eigene Geburt rückgängig. Die Liebea- 
Sehnsucht schlägt in Todessehnsucht um. 

16. Jetzt will ich einige Träume anführen, die von dem Studen- 
ten herrühren, von dem im vorigen Kapitel XU, 2, S. 170, schon die 
Rede war. Er war ein abstinenter Jüngling, der stark unter Depres- 
sionen und Arbeitsunlust litt. Seine Beziehung zu den Frauen läßt 
sich am besten durch den folgenden ziemlich klaren kurzen Traum 
charakterisieren: „Er sei mit der Bertha (ein sehr schönes junge» 
Mädchen, mit dem er gut befreundet war) in Paris. Er weiß 
nicht, war ea ein (Verlobungs-)Fest oder ein Ab- 
schied." — Die ganze Unentschlossenheit und Schwanken zwi- 
schen Sexualbejahung und Sexualablebnung spricht sich hier aus. 

Woher diese Sexualablehnung stammt, verrät uns ein anderer 
Traum: 

Er befindet sich mit der Freundin (es ist die Schwester der 
Bertha) im Keller des Hausee. Die Freundin ist die 



Der Einbrecher" im Traume 231 

Schwester. Dort befindet sich ein Garten. Er hat Angst 
durch das Tor des Gartens einzudringen. Eine 
unsichtbare Hand öffnet das Tor. 

Im Keller des Hauses hat er sich in seiner Kindheit oft aufgehal- 
ten und gespielt. Mit der Freundin war er sehr nah, und im ge- 
heimen macht sie Ansprüche auf ihn. Der Traum identifiziert nun 
die Freundin, das mögliche Sexualobjekt, mit der Schwester. Darum 
hat er Angst „durch das Tor des Gartens einzudringen". Es ist nicht 
schwer zu erraten, daß damit der Koitus gemeint sei. Weil er unbe- 
wußt inzestuös fixiert ist, ist er in seiner Erotik gehemmt. Ich habe 
ihn einmal gefragt, ob er offen sexuelle Träume gehabt; er gibt dar- 
auf eine bejahende Antwort, fügt aber ganz spontan die Bemerkun" 
hinzu, daß merkwürdigerweise in solchen Träumen nur seine nahen 
Verwandten verwickelt waren. — Der Traum spielt sich im Keller 
des Hauses ab. Es ist der Schauplatz seiner Kindheit und symboli- 
siert zugleich das Unbewußte (die „Tiefen dimension" der Psyche), 

Andere Kanäle, wohin die verdrängte Libido abfließt, ersehen 
wir aus dem folgenden Traum unseres Studenten: 

Er liegt entkleidet am Diwan. Durch das Fenster sieht er eine 
Kompanie Soldaten, die Übungen haben. Da springt ein Zivilist 
(von unbestimmter Gestalt) durch das Fenster ins Zimmer, ver- 
schwindet durch die Tür, die im Hintergrunde sich befindet. Er 
(der Träumer) ist verwundert und denkt, jener könne doch nicht 
entschlüpfen, da die Haustür im Korridor geschlossen sei. Da 
erscheint der Zivilist wieder» läuft zum Fenster, bleibt einige 
Augenblicke auf dem Gesims sitzen und springt dann weg. Die 
Momente, wo jener auf dem Gesimse saß, waren ihm unange- 
nehm, peinlich. 

Analyse. Die räumliche Anordnung im Traume entspricht der- 
jenigen meines Zimmers, in dem wir während der Analyse uns be- 
finden: wenn der Analysand auf meinem Diwan liegt, hat er das 
Fenster vor sich, hinter sich die Tür. Wir ahnen schon, daß der 
Traum sich als ein Übertragungstraum entpuppen wird. — Meine 
erste Frage war, warum es ihm im Traume peinlich war, als der 
Zivilist ihm gegenüber auf dem Gesims des Fensters saß? Darauf 
die Antwort: Weil er entkleidet da lag. Einen Tag vorher hat er mir 
erzählt, wie er mit einem Freunde, einem Franzosen, auf dem See 
hinausgerudert war, plötzlich sich entkleidet und ohne Badehose 
ins Wasser gesprungen war. Der Franzose wandte sich verschämt ab. 
Er aber konnte nicht gut verstehen, was er Unschickliches gemacht 
hat. Er ist Offizier. Vor einigen Jahren hatte er eine Rekrutenscbule 
zu leiten. Einmal zwang er seine Soldaten, sich zu entkleiden und 
zu baden. Die Soldaten schämten sich aber, waren unzufrieden. Im 
Traume dagegen schämt er sich, vom „Zivilisten" entkleidet gesehen 
zu sein. Die Sache läßt sich so begreifen: In den geschilderten 
Handlungen im Wachen spricht sich eine unbewußte homosexuelle 



232 Der »Afrika"Traiim 



Tendenz aus, das Verschämtsein des Franzosen, wie auch der Sol- 
daten, ist die Reaktion darauf. Auf die Zumutung, sich toi dem 
Manne zu entblößen und die Bloße des Mannes zu sehen, reagieren 
sie mit Scham. Der Einbrecher des Traumes ist in diesem Zusam- 
menhange der sexuelle Attentäter. Die Stimmung des Schwankens, 
der Unentschlossenheit, drückt sich hier im Hin- und Herlaufen des 
Einbrechers aus. — Anderseits kann der „Zivilist" mich bedeuten. 
Auf meinem Diwan nämHch entblößt er sich, indem er seine Ge- 
heimnisse preisgibt, und das ist ihm unangenehm, peinlich. Es kommt 
also auch der Widerstand gegen die Analyse hier zum Ausdruck. 
Hier noch ein Traum des jungen Mannes: 

Afrika. Er fährt in einem Zuge. Beduinen überfallen den Zug. 
Es gelingt aber bald den Zug wieder in Bewegung zu setzen. Er 
als Kommandant geht den Zug durch, stellt Wachen auf, trifft die 
notwendigen Anordnungen, damit man in Zukunft vor solchen 
Zufällen gewappnet sei . . . Der Zug hält an einer Station. Dort 
ist ein Tanzlokal. Er will dorthin, er sucht jemanden. 

Analyse. Einfälle: Afrika — Fremdenlegion. Diesen Ge- 
danken hat er schon lange: sollte es ihm nicht gelingen mit seinen 
Stimmungen fertig zu werden, die ihn untauglich zum Leben 
machen, so will er in die Fremdenlegion eintreten; dort wird schon 
auch der Taugenichts zu etwas Brauchbarem. 

Beduinenüberfall — Von Überfällen träumt er öfters. Er 
ist z. B. mit kleiner Mannschaft auf einem Posten und wird vom 
Feinde, der viel mächtiger ist, überfallen. Dabei viel Angst aber 
auch Freude am Kampf. — Wenn er Musik hört, überfällt ihn oft 
eine „kriegerische" Stimmung. Er sieht sich als Offizier an der 
Spitze seiner Truppe, er sprengt die Reihen der Feinde, haut wilH 
hinein und ist ganz berauscht. 

Tanzlofcal (wen hat er dort gesucht?) — ein Mädchen zum 
Tanz — vielleicht jene wunderschöne Dame, die er an dem Feste 
vor einigen Tagen getroffen. Die hat auf ihn einen großen Eindruck 
gemacht, er dachte an sie die ganze Zeit, und sagte zu mir: Jetzt 
sehe ich ein, daß zwischen Mann und Frau rücht die Freundschaft 
das höchste sei, sondern die Liebe!" 

Deutung. Er steht vor einer schwierigen Situation, sich in 
erotischer Angelegenheit zu entscheiden. Zuerst versucht er sich 
noch durch die Flucht zu retten: die Reise nach Afrika. Abirrung: 
Beduinenüberfall, wiederum wahrscheinlich die homosexuelle Kom- 
ponente. Auch liegt hier der Versuch vor, die (sexuelle) Affektiv!- 
tat ,4criegeri3ch" abzureagieren. Wir haben oben ausgeführt, wie die 
verdrängte Erotik in Angst umschlägt, diese aber wiederum durch 
Wut, durch Angriff überwunden wird. Der abstinente Jüngling 
schwelgt darum in Haudegenphantasien. Das alles wird nun abge- 
wehrt: die getroffenen Anordnungen im Zuge. Und nun kommt die 



SadismuE und Maeochismus 233 



richtige Lösung: Einbiegung in die normale Bahn, der Zug hält 
heim Tanzlokal. 

Zu den Haudegenphantasien sei noch hemerkt, daß hinter dieser 
eadietisch gefärbten Tendenz das Masochistische lauerte. So träumte 
der junge Mann oft: „Er sei in der Sekundärschule. Der strenge 
Lehrer prügelte ihn gehörig durch." — Dieser Lehrer war ein sehr 
strenger Mann, der sich an die „alten" pädagogischen Methoden 
hielt. Wenn der Schüler seine Aufgabe schlecht gelöst, ein Gedicht 
z. B. nicht gut rezitiert, oder der Herr Lehrer überhaupt in übler 
Laune war, so nahm er seinen Rohrstock und prügelte ganz gewal- 
tig. Die Schüler haßten den Unterricht, liebten aber merkwürdiger- 
weise den Lehrer. Denn in seiner Weise meinte er es gut mit den 
Kindern. Und als einmal der Kleine in die Klasse eines anderen 
Lehrers verselzt werden sollte, wandte er seine ganze Energie an 
und setzte durch, beim alten Lehrer zu bleiben. Denn er hatte wie 
es ßcheint, seine Lust am Geprügeltwerden. Ea ist aber begreiflich 
daß mit Hilfe der narzißstischen Identifikation der Geme-Geprü- 
geltsejnwollende auch gerne den anderen prügelt (Gesetz der In- 
version)*^"), 

Die Lust am Geprügeltsein erscheint uns rätselhaft. Aber „auch 
das Schlagen gibt manche psychische Beziehungen. Zu beachten ist 
vorerst, daß Tätscheln und leichtes Schlagen aufs Gesäß die am 
häufigsten geübte Zärtlichkeit der Eltern darstellt, welche dann 
heim Kinde die hochbedeutsame Gesäßerotik weckt. Im Grunde 
sind ja Prügel nichts anderes als eine quantitative Verstärkung jenes 
zärtlichen Tätechelns. Bei manchen Kindern wirkt ferner mit, daß 
sie nach applizierten Schlägen, wenn sie gebührend um Verzeihung 
gebeten, doppelte Liebkosung von unvernünftigen Eltern erhal- 
ten"."") — Auch von jenem Lehrer erzählt unser junger Mann, daß, 
wenn er einen Schüler in der Klasse einige Stunden nachsitzen ließ, 
er selbst auch bei ihm blieb, um dem Schüler zu zeigen, daß er nur 
aus harter Notwendigkeit den straft, nicht um sich selbst ein Ver- 
gnügen zu verschaffen. Auch dieser Lehrer also ließ der Strafe ver- 
stärkte Zärtlichkeit folgen. Das ist einer der Gründe einer ver- 
stärkten masochistischen Einstellung im Leben: Prügel (Stra- 
fe), Leiden, gibt Anrecht auf zukünftige SeliK- 
keit"^).- 

Mit dem Afrikatraum fängt ein allmähliches, wenn auch lang- 
sames Abbauen des Sexualwiderstandes an. Diesem Traume ist ein 
Fest vorangegangen, wohin er mit seiner damaligen Freundin (der 
Schwester der „Hertha") hingegangen war und wo er die „wunder- 
schöne Frau" zum erstenmal gesehen, die auf ihn den starken Ein- 
druck machte. Auf dem Feste war seine Stimmung gedrückt, miß- 
nnd schwermütig. Spät am Abend ging er mit der Freundin durch 
den Wald, achwieg fast die ganze Zeit und sagte dann ganz plötz- 
lich: „Ich bin in einem Panzer eingeschlossen. Auch du wirst diesen 
Panzer nicht sprengen können." D. h, eigentlich, er sei in einem 



aoA Arbeitsnnlast «»"1 Antoerotismns 

starken Introversionszußtand befangen, der ihn daran hindert, für 
Liebeareize empfindlich zu sein. Der Freundin fehlen jene atarken 
sexuellen Qualitäten, um ihn aus seiner Introversion zu reißen. 

Mit diesem Introveraionszustand hing es auch zusammen, daß er 
an vollständiger Arbeitsunlust litt. Denn Arbeit ist Energieveraus- 
gabung, in der Arbeit tritt der Mensch aus sich heraus, gibt sich der 
Objektwelt hin, ist also extravertiert. Das Nichtarbeitenkönnen 
weckte aber bei unserem jungen Mann Gewissensbisse und Min- 
derwertigkeitsgefühle und brachte ihn in volle Verzweiflung. Er 
betrachtete sich selbst als einen Taugenichts, der es zu nichts im 
Leben bringen wird. Stundenlang konnte er bei seinen Büchern 
sitzen, ohne daß es ihm gelingen wollte, sich zu vertiefen und zu ar- 
beiten. Interessant dabei ist aber folgendes: Sehr oft läßt er seine 
Arbeit liegen und läuft ins Toilettenzimmer, wascht sich, massiert 
sich, steht mit bloßem Oberkörper vorm Spiegel und betrachlet sich 
ganz genau. Er dachte gewöhnlieh, er tue so, um irgendwie beschäf- 
tigt zu sein. Jetzt wird ihm aber klar (durch die psychoanalytische 
Aufklärung), es stecke dahinter nur die a u t o e r o t is c h e A b- 
lenkungvon der Arbeit. — 

Die Folge dieser analytischen Aufklärungsarbeit war das Aufge- 
ben der Introversion, und in Verbindung damit auch der Arbeitsun- 
luat und des übermäßigen Sexualwiderstandes. Seitdem hat er sein 
Studium zu Ende geführt, ist auf dem Wege, sich eine bürgerliche 
Existenz zu sichern und hat jene schöne Frau sich erobert. 

17. Ich will hier noch einen Fall mitteilen, wo ea sich um über- 
mäßig Btarke ArbeitßunluBt handelte. Das Mädchen, von dem wir 
zu sprechen haben, stammt aus ländlichen Verhältnissen, war zur 
Zeit ungefähr 24 Jahre alt. Seit frühen Jahren ist sie zu Hause trot- 
zig und störrisch und verfällt oft dem Schwermut. Da die Eltern, 
insbesondere der Vater, das nicht vertragen konnten, schickte mau 
sie zu fremden Leuten, wo sie grobe und schwere Arbeiten zu ver- 
richten hatte. Das verbitterte sie immer mehr und mehr, mit der Ar- 
beit ging es sehr schlecht, man war mit ihr unzufrieden, sie mußte 
oft die Stellen wechseln. Als sie zu mir kam, befand sie sich in 
einem Zustand der Apathie und Verzweiflung, es schien ihr, daß 
es keinen Ausgang mehr für sie gibt, daß ihr nichts mehr übrig- 
bleibt, als zugrunde zu gehen. 

Ihre Kindheit kann sie nicht eine glückliche nennen, weil si© 
schon damals Einsamkeit, Schuld und Selbstanklage kennenlernte. 
Das machte ihr Leben dunkel. Das Mädchen berichtet: „Zum Glück 
hatte ich eine liebe, treue Mutter, deren innige Liebe uns alle be- 
glückte. Auch der Vater ist ein guter Mensch, von rechter Gesin- 
nung. Wie kam es nun, daß ich mich mit ihm mit der Zeit ent- 
zweite? Wir fühlen, daß etwas Störendes zwischen uns ist. Ich war 
4 Jahre all, als die Schwester geboren wurde. Sie wurde der Lieb- 
ling des Vaters. Er konnte eich nicht sattsehen an dem Heben Lok- 
kenkÖpfchen mit munteren braunen Rehaugen, die so fröhlich ihn 



Introversion nnd Mutlosigkeit 235 



anschauten. Ich fühlte mich zurückgesetzt und emp- 
fand des Vaters Gleichgültigkeit mir gegenüber 
kränkend. So verachloiS ich meine Zärtlichkeit in mir und 
glaubte die Liebe des Vaters habe sich ganz den jüngeren G^echwi- 
Btern zugewendet*^^)." 

Diese erste infantile Liebesenttäuschung treibt das Kind in den 
Introversionszustand hinein: weü sie glaubt, die Liebe des Vaters 
gehöre nicht ihr, sondern dem neuen Schwesterchen, so „verschließt 
sie ihre Zärtlichkeiten in sich", wird autoerotisch und introvertierU 

In dieselbe Richtung wirkten dann später (während der Schul- 
zeit) die masturbatorischen Versuche (die „kindlichen Unarten"), 
die die Mutter bald gemerkt und streng getadelt hatte. Das verbit- 
terte die Kleine wiederum, Schuldgefühl wurde entfacht, was sie 
noch mehr von ihrer Umgebung entfremdele. Das Mädchen sagt 
seihst: „Das tiefe Schuldbewußtsein in Anbetracht meiner kind- 
lichen Verfehlungen machte mich unfrei und gedrückt." 

Ferner schreibt das Mädchen in einem Tagebuch: „Ich erkenne 
immer mehr meinen großen Egoismus. Selbstliebe bringt einen 
Menschen dazu, alles nur für sich zu behalten, er will sich weder 
in nützlicher Arbeit noch im Lebensgenuß seines Ich entäußern, 
oder besser gesagt, etwas von sich aufgeben. Wer sich so zur Welt 
und ihren Aufgaben stellt, der muß bald an sich irre werden. Er 
versagt überall, wo etwas von ihm verlangt wird, der Mut entsinkt 
ihm und er verfällt mehr und mehr einem finsteren Trübsinn. Bei 
mir war aber noch eine andere Ursache in dem tiefen Schuldgefühl 
von meinen kindlichen Unarten, die in der Seele drohend an- 
wuchsen zu Schreckgespenstern, und in diesem Schuldbewußtsein 
versagte ich mir manche Freude, vor allem Liebe und Freund- 
schaft der Menschen. Wie von einer Mauer eingeschlossen lebte ich 
in dieser Zurückgezogenheit. In der Analyse wird jetzt Stein für 
Stein langsam abgetragen, bis es ringsum licht und frei wird." 

Die Hauptaufgabe der Analyse bestand darin, ihr den kausalen 
Zusammenhang ihrer infantilen Erlebnisse mit ihrer Introversion nnd 
dann mit der Arbcitsunlust klarzumachen. Auf dieser Grundlage 
konnte sie dann die Einsicht gewinnen, daß es einen Ausweg aus 
ihrer Lage noch gibt, daß noch nicht alles verloren sei. Alle Men- 
schen haben sich von ihr abgewendet, haben sie vollständig auf- 
gegeben und ihre Verwandten haben sie im Stich gelassen. Nur der 
Psychoanalytiker tat das nicht, umgekehrt, er wollte an ihre abso- 
lute Minderwertigkeit nicht glauben und zeigte ihr den Weg zur 
Lebensfreude und den Mut zu sich selbst. 

Hören wir, was sie selbst über die Analyse in ihrem Tagebuch 
schreibt: „Es ist merkwürdig," heißt es dort, „wie gern ich jeden 
Tag wieder in die Analyse gehe, obwohl es doch nicht immer voi^ 
wärts geht. Mich freut nur das Aussprechen dürfen gegenüber einem, 
der mich nimmt, wie ich bin und sich nie über mich aufregt oder 



oo.: Die Aufgabe der Analyse 



gar mokiert. Geringschätzung ist echwer zu ertragen, wenn der 
Mensch aonet schon gekrankt ißt." 

„Aber das größte Übel ist die innere Leere, Ich möchte etwas 
besitzen, woran mein Herz hängt, das es ganz ausfüllt. Der Um- 
gang mit Menschen befriedigt mich nicht, ich sehne mich nach 
einem tieferen Verständnis für das, was mich bewegt.' 

„Doch fühle ich, daß ich jetzt in meinem inneren Unfrieden kei- 
nem Menschen etwas sein kann, da ich ja im eigenen Ich gefangen 
bin. Ea ist gut, daß ich darin so tief unglücklich bin und stets 
den Drang habe, den Weg zum Menschen zu suchen, um dann dem 
Leben einen anderen Inhalt zu geben." 

„Wie oft hörte ich predigen, durch den Glauben wird euch ge- 
holfen, und konnte den Begriff vom Glauben gar nicht erfassen. 
In der Religion sind für mich viele ungelüste Rätsel und Geheim- 
nisse, die ich nicht ergründen kann. Sobald ich darüber nachdenke, 
verwirren sich die Begriffe und werden unklar. Ein einziges Wort 
der Bibel berührt mich am tiefsten wie ein Wunsch aus der eigenen 
Seele. Es heißt in einem Psalm: ErforechemichGottund 
erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie 
ich es meine, und siehe Herr, ob ich auf bösem 
Wege bin und leite mich auf ewigem Wege. — Also 
fühle ich, daß eine Erlösung möglich ist, und zwar nur durch die 
lebendigen Kräfte der Seele, durch Wahrheit und Liebe. Ich weiß, 
daß diese Kräfte auch in mir unerroiidllch an der Arbeit sind, nur 
sind eben auch entgegengesetzte Strömungen da, die dem Guten 
den Weg versperren. Wer so haltlos und unbefriedigt ist wie ich, 
der muß auf diese geistige Wirksamkeit vertrauen, sonst kann ihm 
das Lehen überhaupt nichts mehr geben. Natürlich genügt nur das 
Wissen noch lange nicht. Ich muß lernen, gerade das wirkliche Le- 
ben zu verstehen, um mir darin mutig meinen Platz zu behaupten, 
denn alle Geschöpfe können und müssen dem Ganzen dienen, so 
kann auch ich mein Glück finden in einer geliebten Arbeit." — 

Die Psalmstelle, die sie anführt, drückt eben die Aufgabe der 
Psychoanalyse aus: Der Mensch ist im Unklaren über 
sich selbst, es muß ihm verhelfen werden, sich 
genau zu prüfen und auf Grund dieser Prüfung 
seinen Weg im Leben zu be stimmen. 

Die Erlöaungsreligion, wie das Christentum, will den Mensehen 
durch ein magisches Wunder retten. Nach der magischen Denkweise 
des Primitiven, ist der Tod die Voraussetzung des Lebens {wie der 
Untergang der Sonne die Voraussetzung ist für ihren Aufgang) . Dar- 
um war in uralten Zeiten der Opfertod dag magische Mittel, Unheil 
abzuwehren. Das Christentum hat diesem uralten Gedanken eine 
moralische Wendung gegeben. Der Opfertod Christi ist das magische 
Mittel, die Menschheit vom Unheil der Sünde zu erläsen. Und die 
Taufe, durch die der einzelne in die Gemeinde Christi aufgenom- 
men wird, wiederholt diesen alten mythisch-magischen Gedanken: 



„Wahrheit ond Liebe" 237 



Der Täufling wird in das mütterliche Element, das Wasserbad, ein- 
getaucht, um dort als neuer eündenloser Menach inedergeboren zu 
werden*^"). — Nun, unsere Aoalysandin sagt einmal: „Was nützt mir 
zu wissen, daß Christus einmal für uns gestorben sei und alle er- 
löst habe?" Es ist ihr klar geworden, daß durch das Wunder des 
Glaubens sie nicht erlöst werden kann! Die Erlösung sucht sie in den 
„lebendigen Kräften der Seele", in „W a h r h ei t u n d Liebe". 
Das ist begreiflich: Der Mensch ist befangen in den Illusionen, die 
er sich über eich selbst bildet. Solange er die eigene wirkliche Na- 
tur nicht kennt, sich etwas vormacht, muß er bald zum Falle kom- 
men. Und da heißt das Erlöeungsworl : Wahrheit! Der Mensch ist 
femer in seinem Autoerotismus und Egoiamua gefangen. Darunter 
hat er auch zu leiden. Und hier heißt das Erlösungswort: Liebe! 

Nach der Analyse, die ungefähr 8 Monate dauerte, ist sie in 
eine Fachschule eingetreten, um einen Beruf zu erlernen und dem 
Leben gegenüber gewappnet zu sein. Anfänglich gab es in der 
Schule einige Schwierigkeiten, die sie doch bald überwinden komite. 
Das Erlernen des Berufs macht ihr Freude, sie hat bereits eine 
Prüfung gut bestanden. Die Briefe, die sie mir ab und zu sendet 
zeigen, daß sie dem Leben nicht mehr ängstlich gegenübersteht und 
kein Grauen mehr vor Arbeit und Mühe hat. 

18, Und nun einige Träume aus der vorherigen Analyse. 

Traum I {aus dem 14. Ältersjahre, aus der Erinnerung). Ich 
käme aus der Schule heim, ich hatte 25 Minuten zu laufen. Ich 
traf meine Mutter in der Waschküche an der Arbeit. Dort atand in 
der Mitte des Raumes eine sogenannte Bütte von unmöglicher 
Größe, d. h. ein rundes Holzgefäß mit Reifen. Die Mutter war 
am Wäscheeinweichen . . . Kaum hatte sie mich erblickt, rief sie 
mich zu sich und hieß mich ausziehen, was ich auf dem Leibe 
trug. Ich gehorchte und sah ihr zu, wie sie sämtliche Kleidungs- 
stücke ins Wasser ateckte Ms auf meine rote, weißgetupfte Schul- 
Bchürze, die ich sofort anzog. Zuerst tat ich alles ohne weiter zu 
denken, weil die Mutter so ernst hantierte, als ob das bei jeder 
Wäsche so sein müßte, daß man alles zusammenwirft. Da fuhr es 
mir durch den Kopf wie ein Stich. Ich mußte ja heute wieder zur 
Schule, und meine Kleider sind alle schon naß. Ich sagte ver- 
zweifelt: „Ich kann doch unmöglich so bin, und die Schule feh- 
len geht nicht." Aber die Mutter erwiderte ganz gleichgültig: 
„Hier sind deine Schuhe, zieh sie an und geh jetzt," Ich weiß 
nicht, wie ich hinkam, aber plötzlich war ich in der Schule. Eine 
heiße Angst durchzuckte mich, als ich die Blicke einiger Mit- 
schüler auf mich gerichtet fühlte. Ich hüllte mich eo gut es ging 
in die Schürze, aber vergebens, sie war hinten offen und ärmel- 
los. Immer mehr füllten sich die Bänke im Klassenzimmer. Bald 
mußte es läuten und der Lehrer trat herein. Die Kinder unter- 
hielten sich lärmend, ohne mich zu beachten, da kroch ich kurz 



238 Darelellnng der Analyse im Traame 



entBcMosaen unter die Bank und zitterte vor Angst und Scham. 
In dem Moment erwachte ich von meinem seltsamen Traum. 

Der Traum ist ein typischer exhibitionistischer, nur wird die 
Schuld an der Nacktheit der Mutter zugeschoben. Zugleich emp- 
findet die Träumerin ihre Nacktheit dennoch als Schuld, sie zittert 
vor Äugst und Scham. Das starke Sündegefühl, das wohl in Verbin- 
dung steht mit ihren „kindlichen Unarten", wirkt sich in dem 
Traume aus. Die Erinnerung an diesen Traum verfolgte sie jahre- 
lang, sie war von bitteren Seibetvorwürfen gepeinigt und klagte 
sich selbst an. 

Traum II. Zuerst erlebte ich allerlei kindliche Sachen, es 
war ein buntes Durcheinander, der Sinn dieses Traumes ist mir 
wieder entschwunden. 

Dann beschäftigte mich etwas anderes. Ich lernte einen Men- 
schen kennen und interessierte mich für sein Tun. Er schien ein 
Flieger zu sein, der mit seinem Flugapparat ferne dunkle Ge- 
biete der Erde überflog, um sie zu erforschen. Ich ging zu dem 
Mann und mußte mir von ihm seine geheimnisvolle Aufgabe er- 
klären lassen. Er beleuchtete nämlich jene im tiefen Dunkel lie- 
genden Gebiete mit einem Scheinwerfer und photographierte das 
Gesehene. Nun breitete er vor mir eine große Landkarte aus und 
ich Bah mitten drin im Schwarzen ein lichtes Feld von runder 
Gestalt, das beleuchtet worden war. In diesem Felde waren viele 
Punkte eingezeichnet, die untereinander durch Linien verbunden 
waren. Wir verfolgten zusammen diese Linien und alles schien 
mir so Beltaam und ganz anders, als ich erwartet. Es war mir als 
wendete ich mich plötzlich von jenem Plane ab und suchte etwas 
bei fremden Leuten, aber ich mußte immer wieder mich in die 
seltsame Zeichnung vertiefen. Wie der Mann aussah, konnte ich 
nicht erkennen, er richtete den Blick nur auf seine Arbeit und irh 
mußte seinem Beispiel folgen. 

Analyse. Das Ganze ist nur eine symbolische Darstellung der 
Psychoanalyse selbst. Zuerst träumt ihr von „kindlichen Sachen" 
der Sinn dieses Traumes ist ihr bald entschwunden, d. h. verdrängt, 
unbewußt geworden. Nun kommt sie zu dem Mann, dessen Aufgabe 
darin besteht, dunkle Gebiete zu beleuchten und zu photographie- 
ren. Besser läßt sich die Arbeit des Analytikers nicht umschreiben. 
Durch die Analyse wird aus dem „Schwarzen" (dem Unbewußten) 
ein „lichtes Feld" herauagehoben. Dort sind einzelne Punkte durch 
Linien miteinander verbunden; so läßt sich wohl die kausale Auf- 
klärung der Psychoanalyse umschreiben. Nun war sie oft von 
,4remden Leuten", d. h. von Bekannten, die von ihrer Analyse 
wußten, verleitet worden, der Analyse untreu zu werden. Sie gab 
manchmal ihrer Kritik nach, mußte eich aber bald überzeugen, 
wie wenig sie dadurch gewann. Es blieb ihr nichts anders übrig, als 
sich „in die sehaame Zeichnung zu vertiefen". Gegen Ende der 



Ein Überlragniigstratim 239 



Analyse machte eich die „Übertragung" in Form zu starker Fixie- 
rung an die Person des Analytikers bemerkt. Das drohte mit neuen 
Schwierigkeiten, die Analyeandin verfiel oft in schwere Depressiona- 
zuatände. Es kostete Mühe ihr klarzumachen, daß ihre Gefühle 
daher stammen, daß früher gehemmte Affekte jetzt frei geworden 
sind und ihr Anwendungsgebiet suchen. Der Analytiker aber, weil 
er gerade bei der Hand sei und außerdem einem Linderung ge- 
bracht hat, das erste Objekt für die Gefühle der Dankbarkeit und 
Anhänghchkeit abgibt. Man kann aber nicht in der Situation der 
Analyse steckenbleiben, man muß sich das Leben außerhalb der 
Analyse noch erobern. Mit einem Worte, der Analytiker „richtete 
eeinen Blick nur auf seine Arbeit" und zwang die Analysandin „seinem 
Beispiel zu folgen". 

Traum 111. Ich sehe eine Bühne, wo ein Richter thront. Ich 
sitze ihm gegenüber, auf einer Bank in der Reihe. Der Richter 
tritt als Zauberer auf. Er will meine verstorbene Großmutter her- 
eitieren und befiehlt mir, nicht zurücfczuschauen. Er führt aller- 
lei Zeremoniell auf zur Beschwörung. Ich schaue mich auf ein- 
mal um und gewahre die Großmutter in der Bank hinter mir. 
Ich mußte sie führen und stieg mit ihr in den Lift, womit wir 
hinauf geführt werden. Die Großmutter erscheint mir so leblos 
und unwirklich, mehr wie ein Geist. Sie ist doch schon gestorben. 

Analyse. Der Richter ist der Analytiker. Die Großmutter, die 
wirklich seit einigen Jahren schon tot ist, war auch eine etwas stör- 
rische Pereon. Man zog immer Vergleiche zwischen unserer Analy- 
sandin und der Großmutter und behauptete, sie seien einander 
ähnlich. Die Großmutter ist also sie selbst, oder richtiger ihre 
Krankheit. Da der Analytiker ihre Lieheswerbung nicht beantwor- 
ten will, 60 droht sie gleichsam wieder in ihren alten krankhaften 
Zustand zu verfallen. Der Traum sucht diese Situation als vom 
Analytiker verschuldete darzustellen; er hat durch seine Zauber- 
stiicke die Großmutter herbeizitiert. Dennoch wirkt im Traume 
auch die Mahnung der Analyse: den krankhaften Tendenzen nicht 
nachzugehen, nicht „zurückzuschauen". Darum erscheint am Ende 
die Großmutter leblos und unwirklich: „sie ist doch schon ge- 
storben". 

Traum IV. Ich bin auf einem Landgut, das der Familie von 
Frl. X. gehört. Ich, der Bruder der X. und sie seihst sitzen 
draußen auf einer Bank. Der Bruder von Frl. X. ist der Schwester 
ganz ähnlich. Er hat seinen Arm um mich geschlungen, legt mir 
verschiedene Rätsel vor, die ich alle löse. 

Analyse. Frl. X. wohnt mit der Analysandin in demselben 
Mädchenheime. Es ist eine etwas hochmütige Person, besucht die 
„soziale Frauenschule", wodurch sie anfangs unserer Analysandin 
imponiert hat. Die Träumerin fühlt sich gedemütigt und verletzt 



240 



Das Problem der Onanie 



durch das Benehmen der X. Der Traum sucht nun die Wirklichkeit 
zu korrigieren. Frl. X. wird in den Bruder (der in Wirklichkeit 
nicht existiert) verwandelt = Abwendung von der Freundin zum 
heteroflexuellen Objekt. Alle Rätsel, die der Geliebte ihr stellt, kann 
sie lösen = Ausmerzung der Minderwertigkeitsgefühle. 

Traum V, Sie liest ein Buch, in dem sie viele Stellen unter- 
streicht. Da kommt ihr der Gedanke, das Buch gehöre nicht ihr, 
sie radiert die unterstrichenen Stellen wieder aus. 

Analyse. Sie hat mir am Tage versprochen eine Zeitschrift der 
Coue-Gesellscbaft zu bringen. Dort waren wirklich viele Stellen von 
ihr unterstrichen, besonders solche, die sich auf Arbeitsunlust be- 
zogen. Der Traum ist jetzt klar: Unterstrichene Stellen := seelische 
Symptome. Das Ausradieren dieser unterstrichenen Stellen = Wi- 
derstand gegen die Analyse. 

19. Es ist hier der Ort, uns über die „kindlichen Unarten", die 
Onanie zu äußern. Ist sie schädlich? oder vielleicht gänzlich unge- 
fährlich? 

Bekanntlich sind die meisten Laien sowie auch die Ärzte geneigt, 
die Onanie in allen Fällen für schädlich zu halten. Innerhalb der 
Psychoanalyse sind die Meinungen geteilt. Jedenfalls nimmt man 
an, daß mit der Schädlichkeitserklärung der Onanie viel Unheil 
angerichtet wurde: man trieb junge Leute dadurch in schwere angst- 
neurotische Zustände hinein. 

Besonders war es Stekel, der zuerst die vollständige Unschädlich- 
keit der Onanie behauptete, ihre Schädlichkeit als ein unsinniges 
Vorurteil erklärte. Ihm folgt in jüngster Zeit Georg Groddeck, der 
die Onanie fast als eine gottgefällige Tat hinzustellen sucht. 

Groddeck leitet „wenn nicht alles, so doch recht viel" von der 
Onanie her. Ein Kind z. B. wird gewaschen; das geht nicht immer 
ohne Heulerei vor sich, „Das Kind, das eben noch schrie, als ihm 
das Gesicht gewaschen wurde . . ., wird plötzlich still, wenn der 
weiche Schwamm zwischen den Beinchen hin und her geführt wird. 
Ja, dieses Kind bekommt sogar einen fast verzückten Ausdruck im 
Gesicht und es hält ganz still. Und die Mutter, die kurz vorher noch 
ermahnend oder tröstend dem Kindchen über das unangenehme 
Waschen hinweghelfen mußte, hat auf einmal einen zarten, lieben- 
den, fast möchte ich sagen verliebten Ton in ihrer Stimme, auch sie 
ist für Augenblicke in Verzückung versunken und ihre Bewegungen 
sind andere, weichere, liebendere. Sie weiß nicht, daß sie dem 
Kinde Geschlechtslust gibt, daß sie das Kind Selbstbefriedigung 
lehrt . . ."")." 

Wir sehen aus diesem Zitat, daß Groddeck Befriedigung 
und Selbstbefriedigung, Geschlechtslust und 
Onanie einander gleichstellt. Daß wir ihn nicht mißverstehen, 
folgt aus solchen Stellen, wo es z. B. heißt, der tiefere Sinn 
der Liebkosungen sei die Selbstbefriedigung. 



^ 



Das Problem der Onanie 241 



Antwortet man ihm darauf, das sei doch keine Onanie, so erwidert 
er: „Vielleicht nicht, vielleicht doch, es kommt darauf an, wie man 
63 auffaßt. Nach meiner Meinung ist es kein großer 
Unterachied, ob die eigene oder die fremde Hand 
zärtlich ist . . .^")." Und so kommt er zum Schluß, daß nicht 
die Onanie schädlich sein kann (da sie doch so ziemlich überall 
steckt), sondern bloß die Angst vor den Folgen der Onanie^*^). 

Wir wollen nun diese Behauptungen näher prüfen. Gewiß ist ea 
richtig, daß die Mutter beim Waschen des Kindes es unvermeidlich 
Geschlechtslust lehrt. Aber Geschlechtslust ist noch nicht Onanie 
weil Befriedigung und Selbstbefriedigung nicht 
ganz dasselbe ist. 

In jeder Sensation erleben wir zweierlei: das Objekt, das die Sen- 
aation angeregt hat, und das Ich, das die Sensation erlebt. Denn nur 
im Gegensatz zum Objekt, zum Nicht-Ich, erlebt das Ich sich selbst 
Obgleich also in jeder Sensation das Ich gegeben ist, so bedeutet 
sie zugleich doch eine Beziehung auf ein Objekt. Aber eine solipai- 
stische Philosophie übersieht oder achtet zu wenig auf die objektive 
Seite der Sensationen, die wir erleben, und behauptet dann: „Die 
Welt ist meine Vorstellung" (d. h. bloß meine Vorstellung). 

Es wird hier ungebührlich die Ich-Seite des Erlebens hervorge- 
kehrt, und somit die Bedeutung des Objektiven verleugnet. 

Dasselbe tut auch Groddeck, wenn er ohne weiteres Befriediguno- 
und Selbstbefriedigung einander gleichsetzt. In jeder Befriedigung 
steckt natürlich Selbstbefriedigung, weil sie vom Ich erlebt wird, 
darum also eine Ich-Seite hat. Das gibt uns aber noch kein Recht, 
die objektive Seite, das Gerichtetsein auf das Objekt 
im Befriedigungaerlebnis zu übersehen. 

Das Kind wird durch das Waschen, durch die Reinlichkeitamani- 
pulatiooen, die die Mutter mit ihm vornimmt, auf die Geschlechts- 
lust geleitet. Später, um diese Lust zu reproduzieren, greift das 
Kind zur Onanie. Im erateren Falle enthielt die erlebte Sensation 
zugleich auch eine Beziehung zur luslependenden Mutter, eie war 
objekterotisoher Natur. In der onanistischen Handlung da- 
gegen fehlt diese Beziehung oder besteht bloß in der Phantasie. 
P, h. in der Ersatzhandlung der Onanie des Autoerotikera 
sind entweder weniger Inhalte gegeben oder diese Inhalte sind blas- 
ser, schattenhafter, weniger intensiv. Die Schädlichkeit der Onanie 
liegt vielleicht darin, daß sie die Sehnsucht nach dem 
Reichtum und Intensität des objekterotischen 
Erlebnisses unbefriedigt läßt. 

Daß es so ist, ist nicht schwer einzusehen. Denn für die onanisti- 
sche Handlung ist die Geacblechtalust bloß eine sozusagen lokale 
Angelegenheit. Je primitiver der Mensch ist, desto mehr bleibt er 
auf dieser Stufe stehen. Für einen eo gearteten Menschen kann viel- 
leicht die Onanie eine vollkommen adäquate Befriedigung seiner 
sexuellen Bedürfnisse abgeben. Wir wissen aber bereits, daß bei 

i5 Kaplan, Piychoanilyie 



242 Dos Schuldbewußtsein des Onanisten 



dem reicher entwickelten Kulturmenschen die Erotik in mannig- 
faltige Beziehungen zu anderen Werten eingeht, aie durchdringt 
und von ihnen durchdrungen wird. Insbesondere hört auf dieser 
Stufe der Mensch auf seine Erotik „abzuspalten", sie ist keine bloß 
lokale Angelegenheit mehr, sie geht von Individuum zu 
Individuum. Wie eoll ein so gearteter Mensch in der arm- 
seligen Handlung der Onanie die volle adäquate Befriedigung seines 
sexuellen Verlangens finden können? Es gibt doch Menschen, — 
und diese sind nicht wenige — , die sogar nicht mit jeder beliebigen 
Frau erotisch glücklich sein können. Das zeigt zur Genüge, daß zum 
adäquaten Befriedigungaerlebnis nicht bloß eine „Hand" gehört, 
sondern ein ganzes Individuum, und noch dazu oft von ganz be- 
stimmter Artung. 

Warum leiden die meisten Onanisten an Schuldbewußtsein? Weil 
sie von Vater und Mutter eingeschüchtert werden, — lautet gewöhn- 
lich die Antwort. Nun wissen wir heutzutage, daß niemand eine 
Suggestion annimmt, der nicht die Bereitschaft für sie in seiner 
Seele trägt: jede Suggestion ist eigentlich doch Autosuggestion. Nie- 
mand läßt sich folglich einschüchtern, der nicht die Angstbereit- 
schaft hat. 

Das Schuldbewußtsein der Onanisten läßt sich leicht folgender- 
maßen erklären: Zur Onanie greift doch derjenige, der dauernd 
autoerotisch fixiert ist. Nun wissen wir, daß der Autoerotiacbe leicht 
dazu kommt, den Koitus magisch zu werten, auf welcher Grund- 
lage die „Furcht vor Spermaverluet" entsteht. Ich behandle z. B. 
jetzt einen jungen Mann, der stark an Minderwertigkeitsgefühlen 
leidet. Er behauptet immer, er tauge zu nichts, er wird doch nichta 
Ordentliches im Leben erreichen, er habe kein Recht, ein Mäd- 
chen zu lieben, denn er wird sie doch nicht sexuell befriedigen kön- 
nen. Warum? Weil er durch die Onanie, wie er meint, zu viel Kraft 
verloren habe! Diese Einstellung wirkt nicht nur beim Manne son- 
dern auch beim Weibe: das erotische Erleben ist Affektentäuße- 
rung, Verlust von Lebensenergie. Der Autoerotiker will aber nichts 
von sich geben, in welcher Form es auch geschehe, er ist sozu- 
sagen geizig. Darum erlebt er auch die onanistiache Manipula- 
tion nicht bloß als lustvolle Handlung, sondern zugleich als Verlust 
von Etwas, was ihm gehört und was er nicht von eich geben kann. 
Solchen Verlust empfindet er als Unheil. Der Urheber dieses 
Unheils ist aber er selbst, sonst niemand. In dieser Ideenkonzeption 
ist das Schuldbewußtsein des Onanisten begründet. „Ich bin ein 
Sünder" bedeutet nur soviel als: „Ich habe eine Tat begangen, die 
zur Folge nur Unheil für mich haben kann." 

Um das Schuldbewußtsein des Onanisten aufzubeben, muß man 
die geschilderte Ideenkonzeption entwerten. Das kann aber nur 
dann gelingen, wenn der Autoerotismus, der jener Konzeption zu- 
grunde liegt, überwunden ist. Ist das aber geschehen, so hat der Be- 
treffende nicht mehr nötig, in der Onanie seine sexuelle Befriedi- 




Inzeet und Kastratioa 243 



gung zu suchen, er wird dann den adäquaten Weg zur sexuellen 
Lust gehen. — 

Au9 dem Ausgeführten leuchtet es ohne weiteres ein, daß es nicht 
soviel darauf ankommt, die Schädlichkeit oder Unschädlichkeit der 
Onanie zur Diakussion zu stellen, sondern vielmehr zu fragen, war- 
um der Betreffende bei der inadäquaten Handlung stehengeblieben 
ist? 

Meistens wird eich in solchen Fällen in der Analyse herausstel- 
len, daß verdrängte Inzeatgedanken daran schuld sind. 

Der junge Mann, den ich zur Illustration des Gesagten hier an- 
führen will, war eine ziemlich gehemmte Natur und mit Anzeichen 
der Introversion. Er war in seinem Leben mehrmals verliebt, konnte 
aber nie die Freundin als Geliebte erobern. Immer zerschellte die 
Beziehung an der Kälte der Frau. Es war aber nicht schwer heraua- 
Eufinden, daß der junge Mann eigentlich nur solche Mädchen (un- 
bewußt) heraussuchte, bei welchen er sicher sein konnte, nichts 
zn erreichen. 

Er stand unter dem Zwang des Gedankens impotent zu sein 
(er fürchtete sich hei der Geliebten zu ,Jblamieren")- Es ist auch 
begreiflich, daß ein solcher Mann nicht geeignet ist, bei der Frau 
das erotische Temperament zur Entfaltung zu bringen. Später, als 
die Analyse ihn von seinen Hemmungen befreit hat, konnte er sich 
überzeugen, daß die vermeintliche Impotenz nur die Angst vor der 
erotischen Situation war. Und solange diese Angst bestand, blieb 
ihm nichts anderes übrig, ala zu onanieren, was er auch ausgiebig 
tat. 

In der Analyse zeigten sich starke Inzestbindungen an die Mut- 
ter und zwei Schwestern. Als einmal die Mutter hei ihm zum Besuch 
war und übernachtete, träumte er in der Nacht, daß er sich 
selbst kastriere. Ebenso charakteristisch für die Situation 
ist auch folgender Traum: 

A) 1. Ein großes Hotel. In der Mitte die große gebrochene Treppe. 
0er Schacht zwischen dem Treppengeländer ist von einem röh- 
renartigen Gitter umfaßt. In diesem Schacht schwebt er umher, 
er schnellt hinauf und wieder hinab. 

2. Es gelingt ihm durch eine Lücke herauezuachlüpfen. Er be- 
findet sich nun am Meeresatrande. Ein kleines Wasserflugzeug 
kommt ihm entgegen, auf dem rittlings eine exotisch aussehende 
Frau sitzt. Er läuft davon. 

3. Seine (ältere) Schwester. Sie merkt an seiner großen Zehe 
des linken Fußes eine hornartige Warze, macht ihn ver- 
wundert darauf aufmerksam. Er sagt ihr, sie soll ihm das ent- 
fernen. Sie bricht es ihm ab. 

Analyse. Zu 1: Dieser Teil des Traumes stellt vermutlich eine 
„Sperraatozocnphantasie" dar. Das Eingeschlossensein in einer en- 
gen Röhre, das Herumschweben in dieser deutet darauf hin. Wir 



244 



Inzest 



haben früher „Mutterleibsphantaaien" bereita kennengelernt. Ehe 
man in den Mutterleib gelangt, existiert man als Spermatozoe. 

Zu 2: Nun gelingt es ihm herauszuschlüpfen und er befindet 
sich am Meeresetrande. Die Bedeutung des Meeres als Mutterele- 
tnentB haben wir auch kennengelernt. Es ist also hier die Gehurt 
dargestellt. Nun trifft er die exotisch aussehende Frau, die auf dem 
Wasserflugzeug ankommt. Dazu folgendes: Seine jetzige Freundin 
hatte früher einen Bräutigam, der aus exotischem Lande stammte. 
Er nannte seine Freundin aus diesem Grunde: Miß Wirginia. Von 
einem Wasserflugzeug dieses Namens las er unlängst etwas in der 
Zeitung. Die exotisch aussehende Frau des Traumes kann keine an- 
dere sein als diese Freundin. Und von ihr läuft er fort. Warum? 
Das besagt der Traum andeutungsweise: Weil er sich in der Nahe 
der Mutter-Imago (des Meeres) befindet. 

Zu 3: Die Schwester merkt an der großen Zehe eine homartige 
Warze, die sie ihm, auf seine Aufforderung hin, abbricht. Die große 
Zehe, wie der Fuß überhaupt, bedeutet den Penis. Die hornartige 
Warze an der Zehe wiederholt nur dasselbe. Das Ganze aber bedeu- 
tet die Kastration, 

Der Sinn des Traumea Ist der: Er sei durch die In- 
zestbindung gleichsam kastriert, er darf sich an 
die anderen Frauen nicht heranwagen. Der Traum 
bedeutet sozusagen eine Rechtfertigung seines Versagens in der 
erotischen Situation; Was kann er dafür, wenn er kastriert sei! 

Auch folgender Traum spricht noch dasselbe aus: 

B) Eine Kletterpartie. Oben auf dem Berge eine Stadt. Dahin kann 
man nur durch einen engen, langen Kamin gelangen. Man zwangt 
sich durch. Hinter ihm seine Freundin. Sie kommt aber nicht 
mit. 

Analyse. Wiederum eine Geburtsphantasie. Man muß sich 
durch einen engen Kamin durchzwängen, um zu der „Stadt" zu ge- 
langen. Hinter ihm kommt seine Freundin. In der Folge der Gene- 
rationen kam natürlich hinter ihm seine jüngere Schwester. An 
diese ist er ziemlich stark erotisch fixiert, was ihm auch bewußt 
klar ist. Der Traum identifiziert also die Freundin mit der ge- 
liebten Schwester, Und darum kommt sie nicht mit (Sexualahwehr 
aus Gründen der inzestuösen Identifikation). Zugleich schimmert 
hier die infantile Abweisung des neu ankommenden Schwesterchens 
durch. 

Noch ein Traum: 

C) Er fährt in einen Tunnel ein. Der Zug überfährt ein Kind. 
Das Kind bleibt aber unversehrt. 

Analyse. Am Vortag haben wir von den Infantilen Bindun- 
gen gesprochen, die ihn hindern, den Weg zum Sexualobjekt zu 
finden. Nun versucht der Traum alles gutzumachen, das gelingt ihm 
aber nicht vollkommen. Einfuhr ins Tunnel = Koitus. Kind = das 



lüEflst Dncl Introverelon 245 



Infantile. Die Überwindung dea Infantilen — die Voraussetzung zur 
normalen Sexualität. Das Kind unvereehrt = die Überwindung des 
Infantilen noch nicht gelungen. 

Das Haftenbleiben am Infantilen, die inzestuösen Bindungen 
verhindern einen, den Weg zum Sexualobjekt zu begehen. Solange 
aber der Erwachsene nicht gelernt hat, eich von jenen übermäßigen 
Bindungen freizumachen, bleibt er auch bei der infantilen sexuellen 
Betätigung: bei der Onanie. Von diesem Standpunkt aus, bedeu- 
tet die Onanie ein Unreif sein, ein Verbleiben bei einer Hand- 
lungsweise einer Bequemlichkeitstendenz, die sich nicht 
die Mühe nehmen will, den Anforderungen des Objekts zu ent- 
sprechen. Anders gesagt, die Onanie bedeutet doch eine U n t ü c h - 
t i g k e i t. Das wissen die Betreffenden, denn in keinem Falle von 
intensiver Onanie fehlt das Gefühl der Minderwertie- 
teit. ^ 

Das Eeherrachtsein von der Bequcmlichkeitetendenz darf jedoch 
nicht allein auf das Konto der inzestuösen Bindungen geschrieben 
werden. Denn die Inzestgefühle lassen sich auch „übertragen" und 
hindern dann in keiner Weise die Objefctwahl, sie bestimmen nur 
die Art und Weise dieser Wahl. Es ist darum richtiger zu sagen: 
Der Introvertierte bedient sich der inzestuösen Bindung, um vor 
den Anforderungen der sexuellen Objektwelt sich in sich selbst zu 
verkriechen. Hier kann er bequem seine Phantasien ausspinnen 
die ihn von jenen Schwierigkeiten der Objektwelt freimachen. 

Auch unser junger Mann war nicht frei von Introversion. An an- 
derer Stelle haben wir geschildert, wie dieser junge Mann die Ge- 
wohnheit hatte, eich in die Lage der begehrten Frau hineinzu- 
phantasieren und diese gleichsam halluzinierte Frau dann als Mann 
JEU liebkosen. Der letzte Grund des Versagens in der erotischen Situ- 
ation ist doch die introvertierte Einstellung zur Welt, und das Haf- 
tenbleiben am Inzestuösen acheint selbst nur eine Introversions- 
eracbeinung zu sein. 

Ini Autoerotiamus wirkt eich eine Beqnemlichkeitstendenz aus 
die eine starke Verlockung ist, in diesem Stadium zu verharren. 
Der Autoerotiker ist frei vom fremden Willen, er steht sich seihat 
immer zur Verfügung. Worin besteht nun der Motor, der die Bewe- 
gung vom Autoerotismus zum Objekterotismus bestimmt? 

Jede Sensation entsteht nur im Gegensatz zu einem vorheri- 
gen Zustande. Eine andauernde Sensation steht nicht im Gegensatz 
zu sich selbst, und muß darum bald verklingen. Darum nimmt z. B. 
der Müller das Geklapper der Mühle nicht mehr wahr. Ebenso 
kann nur das als Reiz auf uns wirken, was sich von uns unter- 
scheidet, und je größer der Unterschied zwischen dem Reizenden 
und Gereiztem, desto größer die Reizwirkung. 

Der Autoerotiker, der sich selber zugewendet ist, stößt auf eine 
Reizquelle, die bald versagen muß. Der Mensch, der sich selbst lieb- 
kost, der sich selbst in jedem Moment zu Diensten steht, steht nicht 



246 I^i^ erotiBche Entwicklnneslinie 



im Gegensatz zu sich selbst und hört darum bald auf, sich selbst 
ein Reiz zu sein. Auf den Autoerotismua folgt darum der Narziß- 
mus, wo der Versuch gemacht wird, sich selbst zu objektivie- 
ren, d. h. als quasi Fremdes zu nehmen. Der Narzißt liebt sich 
selbst, aber als etwas objektiv Gegebenes, richtiger als Surrogat 
eines Sexualobjekts, 

Die Notwendigkeit, die erotische Sensation auf der Höhe zu er- 
halten, den sexuellen Reiz z« steigern, führt aus dem Autoerotis- 
mua zum Objekterotismus. Der erste Schritt auf diesem Wege ist, 
wie wir bereits wissen, die Homoerotik, wo ein Sexualobjekt ge- 
sucht wird, das dieselben Geschlechtsmerkmale besitzt, wie der 
Suchende. Aber auch in der Homoerotik ist der Gegensatz zu 
wenig ausgeprägt, um die Entwicklungslinie abzuscbließen. 

Erst im Gegensatz: Mann — Weih, kann sich die sexuelle Reiz- 
barkeit voll bewahren. Auf dem Wege hierher macht die Entwick- 
lung noch eine kleine Konzession an den Autoerotismua (bzw. Nar- 
zißmus), wir meinen damit die Inzestbindung. Denn in der 
Liebe zu den nächsten Angehörigen des Familienkreisea liebt der 
Mensch eigentlich nur sein erweitertes Ich und »eine eigene Be- 
quemlichkeit. 

„Das Beharren im Autoerotistnus bedeutet somit ein sich Stem- 
men gegen eine natumotwendige Tendenz in uns (= Entwicklungs- 
hemmung). Und das muß immer zu einem Unbehagen führen, zu 
einer Unzufriedenheit mit sich selbst, zu seelischer Entzweiung. 
Denn das Individuum wird gleichsam nach zwei verschiedenen 
Richtungen hin und her gezerrt. Daraus erklärt sich daa so oft be- 
obachtete Sünde- und Schuldgefühl des Autoerotikers : indem er das 
Unbehagen auf sich selbst als Ursache bezieht, hat er Grund 
mit eich selbst unzufrieden zu sein, sich selbst Vorwürfe zu mach 
Daa Schuldgefühl bedeutet in dem Falle die Revolle und den Protest 
des Objekterotischen, das man auch im Autoerotiker bei genauerem 
Zusehen findet, und das in der Entfaltung nur aufgehalten ist'^*) " 

20. Ich möchte hier noch einen Traum unseres zuletzt angeführ- 
ten jungen Mannes bringen, der manches Interessante aufweist. Der 
Traum lautet: 

D) Er ist in den Ferien auf einem Berge. Auf der einen Seite fällt 
der Berg ganz steil ab. Er (der Träumer) läuft Ski oder ähn- 
liches. Er gleitet den steilen Abhang hinunter, ohne mehr den 
Lauf aufhalten zu können. Er liegt da unten zerschlagen. Es 
kommt eine Rettungakolonne. 

(Zu gleicher Zeit spielt sich dasselbe gegenüber ab, so daß er 
Zuschauer ist. Dort aber sind es drei Personen, die abrutschen, 
viellcjcht zwei Frauen und ein Mann, eher aber zwei Männer 
und eine Frau.) 

Fortsetzung: Er ist in X. (seine Vaterstadt). Der Arzt (der 
Rettungskolonne) hält ihn mit zwei Fingern, nur seine Schulter 



fl 



Ein _Dreieck"-Traura 247 



berührend, ein anderer Sanitätler hält ihn bei den Beinen. Er 
fordert den Arzt auf, er soll ihn doch richtig halten, mit beiden 
Händen unter dem Oberkörper, sonst schmerzt ihn daa. 

Analyse. In dem eingeklammerten Teil des Traumes heißt 
ea am Ende, die Herabrutschenden waren vielleicht zwei Män- 
ner und eine Frau. Wir wissen aus der Psychologie der Homo- 
erotik, daß der narzißstische Mann in dem Manne das Sexualohjekt 
mit denselben Geschlechtsmerkmalen lieht. Diese narzißstieche Iden- 
tifikation führt dazu, eiierauchtslos dieselbe Frau sexuell zu ge- 
nießen. Auf dieser Grundlage entsteht die bekannte Beziehung des 
„Dreiecks": Mann, Frau und Hausfreund. Analoges berichtet uns 
nun auch unser Traum: Unser junger Mann wohnte zusammen in 
derselben Haushaltung mit einem Berufsgenossen, der ein ziemlich 
loser Bursche war und mit dem er vor der Analyse ziemlich stark 
befreundet war. Auf die Gefahr einer homoerotischen Bindung in 
diesem Falle hat ihn die Analyse aufmerksam gemacht. Am Abend 
klopfte bei ihm sein Freund an, er war fast ganz nackt und for- 
derte ihn auf, zu ihm zu kommen und das schöne Mädchen, das er 
im Bette bat, zu schauen. Er sagte ab, es ließ ihn (angeblich) die 
Sache kühl. Jetzt verstehen wir den Traum: Die angeregte homo- 
sexuelle Komponente «etat sich im Traume durch, ohne daß er mehr 
Herr der Situation ist. Zugleich das Bewußtsein der Gefährlich- 
keit der Situation; er stürzt in den Abgrund. Im Grunde genommen 
ist er aber bloß Zuschauer der Geschehnisse. Das kann wiederum, 
zweifache Bedeutung haben: Er geht wirklich hin, um das nackte 
Mädchen mit ihrem Liebhaber zu schauen, wie er aufgefordert war; 
oder er ist bloß Zuschauer, ohne wirklicher Teilnehmer an der 
Sache zu sein (polare Einstellung). 

Nun zu der Fortsetzung. Auf meine Frage, was ihm dazu einfällt, 
weiß er nichts zu sagen, er schweigt. Ich sage ihm dann, ich ver- 
mute hier eine Unzufriedenheit mit dem Psychoanalytiker, der eich 
rcservierl verhält, statt mehr intim zu werden, d. h. der unbewußten 
homosexuellen Tendenz des Analysanden entgegenzukommen. Dar- 
auf antwortet er: ,J)aa aei mir vor zehn Minuten gerade eidgefal- 
len" „Warum haben Sie mir das damals nicht gesagt? Das ist doch 
ein Verstoß gegen die psychoanalytische Grundregel!" Verlegenes 
Schweigen. 

Im allgemeinen bauen wir die Deutung der Träume auf den Ein- 
fällen des Analysanden auf. Es kommt aber häufig vor, daß die Ein- 
fälle versagen und die Analyse ins Stocken zu geraten droht. Man 
sagt zwar dem Analyeanden, daß er dem Widerslande nachgibt, 
aber oft ist es dennoch schwer, über den toten Punkt hinauszukom- 
men. Freud hat zwar die Mahnung ergehen lassen: „Der Traum- 
deuter soll nicht seinen eigenen Witz spielen lassen und die Anleh- 
nung an die Einfälle des Träumers hintansetzen"*).*' Aber wie der 
angeführte Traum und Beine Analyse ims lehrt, ist mau dennoch 



248 Das „dramatisobe Urpbänomen" 



ab und zu gezwungen „seinen Witz spielen zu lassen", und das ver- 
hilft über die Stauung der Analyse hinwegzukommen. Weil man da- 
durch den Analysanden verblüfft und er einsieht, daß er nicht viel 
vor uns verbergen kann, gibt er bald das Spielen mit dem Widern 
stand auf. 

Stekel und seine Anhänger versuchen im Gegensatz zu Freud eine 
„aktive Methode" in der Traumdeutung anzuwenden. In einer Pro- 
grammformulierung dieser Schule heißt es: „Wir machen uns von 
dem guten Willen, den Einfällen und Assoziationen des Kranken 
einigermaßen unabhängig, indem wir dem Bestreben des Patienten, 
gerade die wichtigsten Motive zu verbergen, unsere Intuition ent- 
gegensetzen'")." Ich meine, eine radikale Anwendung der „aktiven 
Methode" (im Sinne Stekels) hat seine großen Gefahren. Denn zur 
Kenntnis der Traumsymbole kommen wir doch zuerst auf dem Wege 
der Anlehnung an die Einfälle der Patienten, und diese Einfalle 
geben uns immer die Kontrolle in die Hand. Machen wir uns von 
den Einfällen ganz frei und verlassen uns an unsere Intuition, so 
hängen alle unsere Deutungen in der Luft, es fehlt ihnen der ge- 
sunde Boden der Tatsächlichkeit. Außerdem artet dann die Ana- 
lyse leicht in eine Suggestion unserer eigenen Komplexe vielleicht 
aus. Und dann ist noch nicht zu vergessen, daß die meisten Traum- 
symbole mehrdeutig sind, so daß ihre Anwendung unsicher wird. 
Aber in gewissen Fällen, mit genügender Vorsicht angewendet und 
den sonstigen Ergebnissen der Analyse eng angepaßt, kann und darf 
man sich auf seine „Intuition" verlassen. 

21. Der zuletzt angeführte Traum (D) hat eine Eigentümlich- 
keit, die wjr noch besprechen müssen. Es wird dort (wie auch sonst 
im Traume) etwas vermeintlich erlebt, aber zugleich dies Erleb " 
gleichsam wie in einer kinematographischen Projektou geech t^ 
Hier sieht also der Träumer sein Traumerlebnis vor sich o b i ^u 
ti viert. Ein Stück des Traumerlebnissea wird gleichsam auf ei 
Biihne projiziert, und der Träumer steht dem aulgeführten Schaut 
spiel als unbeteihgter Zuschauer gegenüber. Die Personen des Schau- 
spiels bringen nur ein „Komplex" aus der Seele des Zuschauers zur 
Darstellung. Das ist das „dramatische Urphanomen": „sich selbst 
Tor sich selbst verwandelt zu sehen" (nach einem Ausdruck von 
JSietzsehe). 

Der russische große Dichter Gogol hat in seinem Schauspiel „Der 
Revisor eine ganze Gesellschaft einer kleinen Provinzsladt von 
einem durchreisenden jungen Gecken aus der Residenz, den man 
irrtümlicherweise für den „Revisoren" hält, zum besten halten las- 
sen. Als dann der Stadthauptmann den Brief vorliest, aus dem klar 
wird was für Esel sie alle waren, lacht natürlich das Publikum. Der 
Stadthauptmann wendet sich dann an das Publikum mit den Wor- 
ten: „Was ist hier lächerlich? Ihr selbst seid doch lächerlich!" D. h. 
das Schauspiel bringt nur ein Stück Wirklich- 



Die „dramati sclie Spaltung" 249 

keit aus der Seele des Zuschauers zur Darstel- 
lung, er, der Zuschauer, agiert da auf der Bühne. 
„Das Böse, von den ethischen Instanzen nicht Akzeptierte, muß 
verdrängt werden. Die primitivste Form des Verdrängens ist das 
Fortlaufen, das Wegschieben, d. h. die Vergrößerung der räumlichen 
Distanz zwischen mir und dem Bösen. Die räumliche Distanz ist erst 
dann gegeben, wenn das Böse nach außen projiziert wird. Steht das 
Böse als Bild, als Traum, als Vision vor mir, so ist es schon gewis- 
sermaßen entwertet: es ist ,bloß' eine Vision, nicht etwas ,Wirk- 
liches', es ist also etwas mir völlig ,Fremdea', — die ethischen In- 
stanzen brauchen eich nicht besonders aufzuregen ! So dient die 
dramatische Spaltung zur selben Zeit der Wunscherfüllung und der 
Verdrängungstendenz *'*)." 

22. In dem „dramatischen TJrphänomen" spaltet sich der Mensch 
in den Zuschauer und den Schauspieler. Das Ich wird gleichsam 
in zwei Personen zerlegt. Ich nenne dies Phänomen die „drama- 
tische Spaltung". 

Das „dramatische TJrphänomen" sehen wir z. B. auch in folgen- 
dem Traume eines jungen Studenten: 

Er fährt mit Mutter und Schwester in einer Droschke. Sie flie- 
hen vor irgendwelcher Gefahr, die ihnen droht . . . Die Verfol- 
gung kommt ihnen jetzt entgegen: esist dieselbeDrosch- 
fce, in der er sitzt. 

Hier scheint also der Verfolger und der Verfolgte eine und die- 
selbe Person zu sein, und ist doch in der Traumdarstellung drama- 
tisch gespalten. 

Analyse. „Gefahren" — Kindheitserinnerung: Er und sein 
Bruder haben etwas angerichtet und werden vom Vater tüchtig aus- 
geschimpft. Sie verkriechen sich beide, um dem Vater zu entkom- 
men, unter das Bett. Das Zimmer ist dunkel. Der Vater denkt nun, 
die beiden sind ihm irgendwie entschlüpft, und geht fort. — Es ist 
also klar: Die drohende Gefahr, vor der der Sohn mit Mutter und 
Schwester sich flächtet, ist der Vater. Es ist die uns bekannte ödi- 
pus-Situation : Der Sohn versucht die Mutter (und nebenbei auch 
ihr Ersatz, die Schwester) dem Vater zu entführen. Indem aber der 
Sobn die Stelle des Vaters bei der Mutter einzunehmen sucht, identi- 
fiziert er sich mit ihm. Diese letztere Konsequenz zieht nun unser 
Traum: am Ende des Traumes kommt die Verfolgung dem Träu- 
mer entgegen, es ist dieselbe Droschke, in der der Träumer sitzt. 
D. h. der Träumer kommt sich selbst entgegen, er 
ist dereigeneVerfolger. Der auf der Flucht mit der Mut- 
ter sich befindende Held erschreckt vor der eigenen Tat und wird 
zum eigenen Verfolger. 

Von derselben Art ist die folgende Vision eines Hysterischen, die 
er selbst als „Drohungen" bezeichnet. 



/« 



250 ^^B ^<^ "^^ Nicht-Ich 



Drohungen: Hinten und links eine mit Gras bedeckte 
Wiese, rechts dunkel und schauerlich, vorn ein steinerner, stei- 
ler Abhang und eine Grube ... Es nähert sich „jemand, der Macht 
besitzt" und spricht Vorwürfe und Drohungen, insbesondere das 
Wort: Schurke! . . . Die halluzinierte Figur hat runde, böse Au- 
gen. 

Analyse. Im Sommer 19 . . lebte er mit Frau und Kind auf dem 
Gute eines Freundes. Einmal abends hatte er sich mit einem an- 
deren Freunde, der auch dort zu Besuche weilte, betrunken, worauf 
sie spazierengingen. Unter anderen Herzensergüssen sprachen sie 
davon, wie schwer das Leben sei. Er sprach vom Schuldbe- 
wußtsein, das er seiner Frau gegenüber habe (zu 
jener Zeit unterhielt er ein Liebesverhältnis mit einer anderen). 
Sie sprachen noch vom Selbstmord und der Furcht vor diesem. Der 
Freund wollte seine Furchtlosigkeit zeigen, faßte den anderen bei 
der Hand, und so gingen sie bis an eine steinerne Grube: vorn lag 
ein steinerner Abhang, hinten eine Wiese usw. Er {unser Analy- 
sand) wurde schwindlig, erschrak und war nahe daran, hinunterzu- 
stürzen, ohne es zu wollen. Sein Freund zog ihn zurück. 

Es ist klar, daß die Figur, die die „Drohungen" ausspricht, der 
Visionär selbst sei. Wir sehen wiederum die „dramatische Spaltung" 
am Werke. Ihr Wesen besteht darin, daß sie das Ich unter 
Verschiedenen Masken (gleichsam als Nicht -Ich) 
auftreten läßt. 

Die dramatische Spaltung, die „Auseinanderlegung des Ich", ist 
besonders anschaulich in folgendem gegeben. Ein Jurist aus dem 
17. Jahrhundert, Lucas Geizkofler, erzählt in seiner Selbst- 
biographie: Er habe aus seiner Wohnung gesehen, wie ein armer 
Handwerksmann, auf einem Esel sitzend, durch die Straßen 
führt wurde unter großem Zulauf von Buben und Mädels. De- 
Sinn dieses Auftritts war der: Das war die Strafe für diejenieen 
die ihre Weiber schlecht behandelt haben. In Wirklichkeit ließ 
man die reichen Ehemänner bloß eine Buße bezahlen. „Den e h e - 
leuten zum exempel und einer erinnerung wurde 
gemeinglich ein armer schlechter bürger, wel- 
chemmangeldgiebt,dahinbewegt,al8obereiner 
straf würdig und wider sein weih wol verschuldet 
hatte; er wurde dann in etlichen gassen auf dem 
esel herumgef üeret , bekennte sein verbrechen, 
und erinnerte die zusehe r, sie sollen sich an ihm 
spiegeln, und ihreweiber wol undehrlichtractie- 
ren"^)." 

Wir sehen hier ein Schauspiel, an dem sich die Verbrecher (die 
Ehemänner) spiegeln sollen: der Darsteller ist hier ein Symbol des 
Kriminellen, das im Inneren des Zuschauers lebt. 

Aus der Analyse des oben angeführten Verfolgungstraumes sowie 



Der unbewußte 'Widerstand 251 



der Vision „Drohungen" ist ea ersichtlich, daß der „Verbrecher" 
(d. h. der Schuldbewußte) die innere Stimme des Gewissene nach 
außen projiziert. Die soziale Funktion dieser Projektion schafft 
den Ri c h t e r, d. h. der ,3ichter" ist der Stellvertreter des „inne- 
ren Richters". Anderseits sehen wir auch die Tendenz vorhanden, 
den „Verbrecher" nach außen zu projizieren und ihm gegenüber 
die Rolle des unschuldigen Zuschauers anzunehmen. Der „Ver- 
brecher" verkörpert das Unbewußte des Richters, 
der Richter repräsentiert das Gewissen des Ver- 
brechers. 

23. Wir haben früher behauptet, daß das, was vom Ich nicht assi- 
miliert werden kann, abgespalten wird und entweder unbewußt ge- 
macht oder in eine quasi objektive Welt projiziert wird. „Dies durch 
die Verdrängung Beseitigte stellt sich in der Analyse dem Ich ge- 
genüber, und es wird in der Analyse die Aufgabe gestellt, die Wi- 
derstände aufzuheben, die das Ich gegen die Beschäftigung mit dem 
Verdrängten äußert. Nun machen wir während der Analyse die Be- 
obachtung, daß der Kranke in Schwierigkeiten gerät, wenn wir ihm 
gewisse Aufgaben stellen; seine Assoziationen versagen, wenn sie 
sich dem Verdrängten annähern sollen. Wir sagen ihm dann, er 
stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber er weiß nichts 
davon und selbst, wenn er aus seinen Unlustgefühlen erraten sollte, 
daß jetzt ein Widerstand in ihm wirkt, so weiß er ihn nicht zu be- 
nennen und anzugeben. Da aber dieser Widerstand sicherlich von 
seinem Ich ausgeht und diesem angehört, so stehen wir vor einer 
unvorhergesehenen Situation. Wir haben im Ich selbst etwas ge- 
funden, was auch unbewußt ist, sich gerade so benimmt wie das 
Verdrängte, das heißt starke Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt 
zu werden, und zu dessen Bewußtmachung es einer besonderen Ar- 
beit bedarf"*)." 

Freud, dem wir dies Zitat entnehmen, zieht daraus die Folgerung: 

Es bleibt richtig, daß alles Verdrängte unbewußt ist, aber nicht 

alles Unbewußte ist auch verdrängt. Auch ein Teil des Ichs, ein 

Qott weiß wie wichtiger Teil des Ichs, kann unbewußt sein, ist 

eicherhch unbewußt." 

In der oben analysierten Vision „Drohungen" war dem Betref- 
f nden unbewußt geblieben, daß die ihm drohende Person er selbst 
iei Es gibt also wirklich Personen, „bei denen die Selbstkritik und 
das Gewiseen, also überaus hochgewerlete seelische Leistungen, un- 
bewußt sind und unbewußt die wichtigsten Wirkungen äußern"")." 

Ich meine, dies Problem findet leicht seine Lösung. Der Wider- 
stand oder die Verdrängung richtet sich doch gegen einen konkret 
gegebenen Inhalt: der zu verdrängende InhaU und die Verdrängung 
stehen in d e r Beziehung zueinander, daß sie einander voraussetzen. 
Gelingt es also der Verdrängung, den Inhalt unbewußt zu machen, 
so muß sie selbst dadurch auch unbewußt werden. Denn eine be- 



252 Das „transzendentale Snbjekt" 



wußte Verdrängungslendenz würde den zu verdrängenden Inhalt 
voraussetzen, d. h, ihn ehen bewußt lassen. Darum ist es selbstver- 
ständlich, daß ein Widerstand nicht anders als unbewußt sein muß. 
Erst die Aufhebung des Widerstandes macht ihn bewußt'*"). 

24. Das Phänomen der „dramatischen Spaltung" im Traume steht 
auch in Beziehung zu der schon früher berührten Tatsache, daß der 
Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen unzugäng- 
lich aind. „Maury erzählt, daß ihm eine Zeitlang das Wort Mussi- 
dan bei Tag m den Sinn z« kommen pflegte. Er wußte, daß es der 
Name einer französischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines 
Nachts träumte ihm von einer Unterhaltung mit einer gewissen Pei> 
soa, die ihm sagte, sie käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo 
die Stadt liege, zur Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im 
Departement de la Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im 
Traume erhaltenen Auskunft keinen Glauben; das geographische 
Lexikon belehrte ihn aber, daß sie vollkommen richtig sei^").'* Zur 
Aufklärung solcher Art Träume bemerkt nun der scharfsinnige My- 
stiker du Frei: „Wenn ich im Traume im Examen sitze und auf die 
vom Lehrer gestellte Frage die Antwort nicht finde, die alsdann 
mem Nebenmann zu meinem großen Ärger trefflich erteilt, so be- 
weist dieses ganz klare Beispiel vorerst die psychologische Möglich- 
keit der Identität eines Subjekts unter gleichzeitiger Verschieden- 
heit der Personen*")." D. h. die zwei verschiedenen Personen im 
1 räume, von denen die eine die richtige Antwort gibt, die die an- 
Träumers '^^^ ""'^ Einkleidungen, Masken, desselben Ich dea 

Um die Tatsache der „dramatischen Spaltung" beeriffi; \, 
fassen, nimmt du Prel ein „transzendentales Ich" an Wi^ A ^ ^'' 
der Welt nicht durch das menschliche Bewußtsein fda« j^j- T^ 
oder auch Wach-Bewußtsein) erschöpft ist, so ist auch C W 
dea Menschen nicht durch sein Selbstbewußtsein erschöpft TT*"^^" 
Persönlichkeitsgefühl deckt sich nicht mit unserem ganzen T^' 
,,Der Umfang unserer irdischen Person wäre nur der kleinere K ' 
den der größere konzentrische Kreis unseres metaphysischen Sh' 
jekts einschließen würde; das irdische Selbstbemißtsein würde da" 
her seine Strahlen nicht bis an die Peripherie unseres Wesens wer" 
^n In zweiter Linie aber würde sich noch die Frage erheben, ob das 
metaphysische Subjekt an sich unbewußt ist oder nur relativ näm- 
lich weil über die Helligkeitsgrenze des irdischen Selbstbewnßt- 
Beins hmausliegend, wobei dieses Unbewußte nur ein Ungewußtes 
^r uns als irdische Personen wäre««)." „Wie wir in Ansehung der 
Welt unterscheiden zwischen transzendentaler, jenseits des Bewußt- 
seins und empirischer innerhalb des Bewußtseins liegender Wel , 
Te^ßTsetn Ürbl '^P '''""^'" ^'' empirische Ich, die mit Seihst-' 
Sen !-) " " ^"'^ transzendentalen Subjekt zu unter. 

Wie das Bewußtsein seinen Träger hat, nämlich das empirische 



Verschiebimg der Empf i n dun gss et welle 253 

Ich, 8o müssen wir dem Unbewußten auch einen Träger geben, das 
transzendentale Subjekt. Wir wissen, daß das Ich-Bewußtsein eine 
Funktion der Erinnerung ist. Denn nur die Erinnerung häh das 
Selbstbewußtsein zusammen, ohne sie wäre die Identität der Per- 
sönlichkeit aufgehoben. „Bestände keine Erinnerungabrücke von 
Empfindung zu Empfindung, so müßte mit jeder neuen Empfin- 
dung das Selbstbewußtsein neu anheben und von jeder folgenden 
wieder verdrängt werden. Das Persönlichkeitsgefübl würde atoml- 
Btisch zersplittert, wie die Perlen einer Kette, wenn man die Schnur 
herauszieht, auseinander rollen''*'')." Beachten wir, daß das Erin- 
nern eigentlich ein Wahrnehmen psychischer Qualitäten bedeutet 
und daß das Vergessen ein Verdrängungäphänomen ist, so muß 
uns klar werden, daß alles Verdrängte als zu einem Nicht-Ich Ge- 
höriges uns erscheinen wird und dem Nicht-Wahrgenommenen im 
Wesen gleichzusetzen ist. Aber eine Aufbebnng der Verdrängung, 
die einer Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit für psychische 
Qualität gleich ist, wird ein Stück des „transzendentalen Subjekts" 
in das empirische Ich überführen. Auch für du Prel zerfällt unser 
Subjekt nur anscheinend in zwei Hälften „vermöge der 
Schranken des seinen Gegenstand nicht erschöpfenden Selbstbewußt- 
seina".*") Aber durch eine Herabdrückung der „psycho physischen 
Schwelle" kann ein Teil meines unbewußten zu meinem normalen 
Ich hinzugeseblagen werden. „Die Verschiebung der Schwelle 
kommt dem Zuwachs eines neuen Sinnes oder wenigstens der Stei- 
gerung der normalen Empfindung gleich . . .*")." „Mit der Verschie- 
bung der Empfindungsschwelle eröffnet sich also eine transzenden- 
tale, dem Tagesbewußtsein verschlossene Welt und ein transzen- 
dentales Ich. Immer wieder zeigt es sich also, daß das normale Be- 
wußtsein die Welt so wenig erschöpft als das normale Selbstbe- 
wußtsein das Ich. Wir dürfen daher von einem doppelten Bewußt- 
sein, also von einem doppellen Ich, in uns reden, dem diesseits und 

dem jenseits der normalen Schwelle liegenden . . ,*'^)." 

Die Bolle des transzendentalen Subjekts übernimmt bei einem 
anderen Denker, nämlich bei Schopenhauer, der Wille, Wir ha- 
ben früher ausgeführt, wie die ethische EinsteUung auf Grund der 
jj^j-zißstischen Identifikation entsteht. „Denn wenn ich mich mit je- 
dem anderen identifiziere, seine Leiden zu den meinigen mache, 
Bo fällt dadurch die Scheidewand zwischen mir und den anderen. 
Wir alle sind nur eins, nur durch die Formen der Erkenntnis ge- 
forderte Verschiedenheiten. Die weite Kluft zwischen Ich und 
Nicht-Ich, die dem Egoismus zugrunde liegt, ist durch die Verschie- 
denheit des Raumes, die mich von den anderen trennt, empirisch 
begründet. Dem guten Menschen scheint dieser Unterschied nicht 
wesentlich zu sein, die Vielheit der Individuen sind ihm aufgeho- 
ben. Dem moralischen Fühlen liegt (bewußt oder unbewußt) die 
Auffassung zugrunde, daß ,jeneeita aller Vielheit und Verschieden- 
heit der Individuen, die das principium individuationie uns vorhält. 



254 Atman und „Es" 



eine Einheit derselben liege, welche wahrhaft vorhanden, ja, uns 
zugänglich ist, da sie ja eben faktisch hervortrat'***)." 

Die Vielheit der Individuen ist eine Illusion, zugrunde dieser 
Vielheit liegt der eine Wille. Die Welt wird hier gleichsam als ein 
Traum betrachtet, die bunten Figuren dieses Traumes sind die 
Folge der dramatischen Spaltung des einen Willens. 

Der Ursprung dieser Gedanken liegt viele tausende Jahre von uns 
entfernt, in der altindischen Philosophie. Nach dieser ist das schöp- 
ferische Prinzip der Atman (das Selbst). Der Atmaa wird ursprüng- 
lich als Mensch (Urmensch) gedacht, ist zugleich aber die schöpfe- 
rische Allmacht, der Schöpfer der Menschen und der Götter. Die 
Buntheit der geschaffenen Welt wird so verstanden, daß der Atman 
„seine eine Form ausbreitet vielfach". Die Welt ist nämlich gleich- 
sam der Traum des Atman. Von dem Traum des Atman» der der 
sogenannten Wirklichkeit zugrunde liegt, heißt ea in einem philo- 
sophischen Gedicht; 

Allea wird nur im Geist sichtbar. 
Was als Vielheit hier geht und steht; 
Und wenn der Geist von sich selbst kommt, 
I&t die Vielheit nicht sichtbar mehr^'''*). 

Was in diesen Spekulationen zum Ausdruck kommt, wenn wir 
eie aus dem Kosmologischen zurück ins Subjektive introjizieren, ist 
der Gedanke, daß der „dramatischen Spaltung" des Bewußtseins 
eine Wesenheit zugrunde liegt, die frei ist von „Vielheit und Ver- 
schiedenheit". D. h. der innere „Kern" unseres WeBens sieht an- 
ders au8, als es eich im Bewußtsein spiegelt. 

Die Psychoanalyse hat (wie ea scheint, ohne sich klar darüber zn 
«ein) auch ein transzendentales Subjekt eingeführt und nennt 
„Es". Zuerst tat es Groddecfc, dann übernahm Freud von ihm dies^ 
Bezeichnung. 

Wir haben bereits auseinandergesetzt, wie das Ich im Gegensatz 
zum Nicht-Ich steht. Beim Zusammenstoß des Individuums mit der 
Welt der Objekte, im überwinden des Widerstandes der Objekte 
erlebt es diese Objekte und sich selbst zugleich. In diesem Sinne 
definiert nun Freud: „Ein Individuum ist nun für uns ein psychi- 
sches Es, unerkannt und unbewußt, diesem sitzt das Ich oberfläch- 
lich auf, aus dem W-System (Wahrnehmungs-System) als Kern ent- 
wickelt . . . Das Ich ist vom Es nicht scharf getrennt, es fließt nach 
unten hin mit ihm zusammen." das Ich ist der durch den direk- 
ten Einfluß der Außenwelt unter Vermittlung von W-Bw. verän- 
derte Teil des Es, gewissermaßen eine Fortsetzung der Oberflächen- 
differenzierung ... Die Wahrnehmung spielt für das Ich die RoUe, 
welche im Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsentiert, was man 
Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum Es, wel- 
ches die Leidenschaften entbälf'^^ ) ." 

Das Es ist nach dieser Definition, in derselben Weise wie das 



Der innere Ridiler" 255 



transzendentale Subjekt, der zugedachte Träger der un- 
bewußten Erlebnisse, wie daa Ich der Träger der bewuß- 
ten Erlebnisse ist. Die Gefahr dieser neuen Terminologie liegt nur 
darin, daß man leicht geneigt sein kann, im Es einen Erklärungs- 
grund des psychischen Geschehens zu suchen, einen neuen Gott, der 
die menschliche Triebkraft in Bewegung setzt. (Hier rächt sich 
vielleicht der durch die Psychoanalyse entthronte Gott.) 

Die dramatische Spaltung verwandelt das verdrängte Ich in ein 
quasi Nidit-Ich. Diese Maskerade hat fÜr das Unbewußte keine Be- 
deutung, im Kern des Individuums hängen doch die durch die Ver- 
drängung gespaltenen Momente miteinander zusammen. Das drückt 
Freud in seiner neuen Terminologie so aus: „Aber auch das Ver- 
drängte fließt mit dem Es zusammen, ist nur ein Teil von ihm. Das 
Verdrängte ist nur vom Ich durch die Verdrängungswiderstände 
scharf geschieden, durch das Es kann es mit ihm kommunizie- 

ren"')." 

Die wirkliche Erklärung des psychischen Geschehens liegt in dem 
Verdrängungsmechanismus und Ve r d r a n gu n gs - 
motiven, der Gott „Es" trägt zu dieser Dynamik nichts Neues 

25. Im Menschen sitzt gleichsam ein „innerer Richter", der ihn 
zwingt, sich gewissen Forderungen zu unterwerfen. Diesen „inneren 
Richter« nennt Freud das „Über-Ich" (Ichideal). Wir wollen nun 
zu erfahren versuchen, wie dieser „innere Richter entstanden sei. 

Wir haben oben die Vision „Drohungen" angeführt. Dort war der 
Visionär von einer GestaU mit runde n,bÖ8enAugen bedroht. 
Die Analyse zeigte, daß die drohende Gestalt eigentlich der Visio- 
när selber sei, oder richtiger sein nach außen projiziertes Schuld- 
bewußtsein. Was hinter dieser Gestalt eich sonst noch verbirgt, ist 
aus folgender Vision desselben Analysanden ersichtlich. 

Vision. Ein EUd von Wrubel: Der „Dämon" liegt am 

Grunde eines eleinemen Ahsrun<*ßs . . . mit traurigen, b Ö s e n , 

runden Augen. 

Dazu noch die folgende Vision des nämlichen: 

Der Vater als Teufel blickt durch die Spalte der Tür ins Zim- 
mer hinein. 
Die drohende GestaU mit den bösen, runden Au- 
gen" J«t wirklich „jemand, der Macht besitzt", 
nämlichderVater. 

Hierher gehört noch eine Vision unseres Analysanden: 

Der Vater erscheint ... In der Hand hält er ein Messer . . . 
Tanzend nähert sich der Vater dem Dämon und schneidet ihm 
die Nase ab. 

Der Dämon, der in der steinernen Grube liegt, ist unser Analy- 
eand selbst. Ihm droht der Vater und schneidet ihm die Nase ab. 



256 ^^^ Ichidcal 



Das Abachneiden der Nase gehörte früher zu den nicht allzu sel- 
tenen Leibeeatrafen. Der symbolische Sinn dieser Strafe ist aus fol- 
gendem ersichtlich: „Es heißt, daß für daa männliche Glied die 
]Vaae . . . charakteristisch sei: 

Ad forman nasi dinoscitur hasta baiardi^^^)." 

Das Abschneiden der Nase vertritt also symbolisch die Kastra- 
tion"'). Diese Art Symbolisierung, d. h. die Darstellung der Sexual- 
organe durch Teile der oberen Hälfte des Körpers, nennt Freud die 
„Verlegung von unten nach oben". 

Da in den Visionen auch der Vater als Teufel bezeichnet wird, so 
kann die Kastration auch auf den Vater seihst bezogen werden; Der 
Vater kastriert sich selbst. Zu dieser Vision gibt der Analysand noch 
an: „Die Figur des Vaters war so komisch, daß ich lachen mußte." 
Wir dürfen vermuten, daß der Visionär einmal in seiner Kindheit 
dem Vater die Entmannung wünschte (infantile Eifersucht). Nach 
dem Prinzip der Talion überträgt er jetzt diese Strafe auf sich 
selbst. 

Wir sehen hier ein Schuldbewußtsein, gegenüber dem Vater, tmd 
die Bestrafung, vollzogen durch den „inneren Richter", hinter dem 
sich zugleich der Vater verbirgt. 

Warum wirft sich der Mensch den Anforderungen des „inneren 
Richters" unter? Freud antwortet darauf, indem er sagt, der Mensch 
habe ein Ideal in sich aufgerichtet, an welchem er sein aktuelles 
Ich mißt. „Die Idealbildung wäre von selten des Ichs die Bedingung 
der Verdrängung." 

Ursprünglich ist der infantile Mensch narzißatisch und liebt sich 
selbst („primärer Narzißmus"). Nach der Aufrichtung des Ideal- 
Ich gilt nun diesem die Selbstliebe, welche in der Kindheit daa w' Ir' 
liehe Ich genoß. „Der Narzißmus erscheint auf dieses neue ide l 
Ich verschoben, welches sich wie das infantile im Besitz aller wert 
vollen Vollkommenheiten befindet. Der Mensch hat sich hier wie 
jedesmal auf dem Gebiete der Libido, unfähig erwiesen, auf die 
einmal genossene Befriedigung zu verzichten. Er will die uarziß- 
stische Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren, und wenn 
er diese nicht festhalten konnte, durch die Mahnungen während sei- 
ner Entwicklungszeit gestört und in seinem Urteil geweckt sucht 
er sie in der neuen Form des Ichideala wieder zu gewinnen. Was 
er als sein Ziel vor sich hin projiziert, ist der Ersatz für den ver- 
lorenen Narzißmus seiner Kindheit, in der er sein eigenes Ideal 
war'")." 

„Die Anregung zur Bildung des Ichideals, als dessen Wächter das 
Gewissen bestellt ist, war nämlich von dem durch die Stimme ver- 
mittelten kritischen Einfluß der Eltern ausgegangen, an welche sich 
im Laufe der Zeiten die Erzieher, Lehrer und als unabsehbarer, un- 
bestimmbarer Schwärm alle anderen Personen des Rlilieus ange- 
schlossen hatten (die Mitmenschen, die Öffentliche Meinung)"")." 



„Aufrichtung des Objekts im Ich** 257 

Der Mensch gibt also seinen ursprünglichen Narzißmus auf, bildet 
sich aber ein Ideal-Ich, dem fortan die frühere Ich-Liebe gehört. 
Als Modell bei der Bildung des Ideal-Ich scheinen die Eltern gedient 
zu haben. „Die Institution des Gewissens", sagt ferner Freud, „war im 
Grunde eine Verkörperung zunächst der elterlichen Kritik, in wei- 
terer Folge der Kritik der Gesellschaft, ein Vorgang, wie er sich bei 
der Entstehung einer Verdrängungsneigung aus einem zuerst äußer- 
lichen Verbot oder Hindernis wiederholt*''^)." 

Der Vorgang, wie sich das Ideal-Ich hei jedem Individuum bil- 
det, ist unzweifelhaft richtig geschildert. Das ganze Problem des 
„imieren Richters" ist aber damit nicht gelöst. Es ist klar, daß, wenn 
ich in meinem Innern ein Ideal-Ich aufgerichtet und die Ich-Liebe 
auf es verschoben habe, so werde ich mich in den Dienst dieses ge- 
liebten Gebildes stellen und mich ihm gehorsam unterwerfen. Aber ein 
Ideal ist doch nicht nur eine formale Kategorie, es hat bestimmte 
Inhalte, die ich zur Richtschnur meiner Handlungen nehme. Und 
die Frage lautet jetzt, wie komme ich dazu, diese bestimmten In- 
halte zum Ideal zu erheben? Antwortet man mir, diese Inhalte sind 
durch die Imperative der Eltern und Erzieher bestimmt, so frage ich 
weiter, woher haben diese ihre Imperative bezogen? Wiederum 
von ihren Eltern, und diese von ihren? Das bedeutet aber bloß 
eine Verschiebung des Problems. Außerdem wissen wir, daß jede 
Generation nicht nur die Imperative der früheren Generation unver- 
ändert aufnimmt, sondern manches daran streicht, manches modi- 
fiziert. Es wirkt sich also in jeder Generation eine eigene idealbil- 
dende Arbeit aus. So haben wir in jedem Individuum, auch unab- 
hängig von seinen Eltern und Erziehern (denen es keinesfalls un- 
kritisch gegenübersteht) eine autonome idealbildende Potenz anzu- 
erkennen. Die „Ideale" müssen für das idealbildende Ich einen 
inneren Sinn haben! 

26. Bei dem Vorgang der Idealbildung wollen wir noch verweilen. 
Freud sucht diesen Vorgang auch in folgender Weise klarzumachen, 
indem er von dem von ihm eogenannten „sekundären Narzißmus*' 
ausgeht. 

Wenn das Individuum ein Sexualobjekt aufgeben muß, so besetzt 
es mit der frei gewordenen Libido sein eigenes Ich, oder, wie Freud 
sich ausdrückt, „tritt dafür nicht selten die Ichveränderung auf, die 
man als Aufrichtung des Objekts im Ich . . . beschreiben muß". Es 
findet also in diesem Falle „eine Umsetzung einer erotischen Objekt- 
wahl in eine Ichveränderung" statt; da die sexuellen Slrcbungen, 
wie alles Affektive, aus dem „Es" kommen, so ist diese Umsetzung 
der Weg, „wie das Ich das Es bemeistern" kann. „Wenn das Ich die 
Züge des Objektes annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem Es 
als Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu ersetzen, indem es 
sagt: ,Sieh', du kannst auch mich lieben, ich bin dem Objekt so 
ähnlich." 

„Diese Umsetzung von Objektliebe in narzißstische Libido, die 

17 Kaplan, Pjychaanalyse 



258 „Anfrichmng des Objeku im Ich" 



hier vor sich geht, bringt offenbar ein Aufgeben der Sexualziele, 
eine DesexualiBieruog mit sich, also eine Art Sublimierung*'^)." Ich 
■würde sagen, daß die Folge der beschriebenen Umsetzung ein gewis- 
Ber asketischer (entsagender) Zug ist, der notwendig zum Bilde des 
Ideal-Ich gehört. 

Wir betrachten jetzt die Beziehungen des Kindes zu seinen Eltern, 
Wir wissen, daß der Knabe eine zärtliche Objektwahl für die Mut- 
ter hat und eine ambivalente Einstellung zum Vater. Das macht das 
Wesen des sogenannten einfachen Ödipuskomplexes aus. Da 
nun das Kind ursprünglich bisexuell ist, so ergänzt sich seine Be- 
ziehung zu den Eltern zum vollständigen Ödipuskomplex, 
d. b. „der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Einstellung zum 
Vater und eine zärtliche Objektwahl für die Mutter, sondern er be- 
nimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche 
feminine Einstellung zum Vater und die ihr entsprechende eifer- 
süchtig-feindselige gegen die Mutter"/") Das Aufgeben der zärt- 
lichen Objektwahl für den Vater führt den Sohn dahin, dieses auf- 
gegebene Objekt in seinem Ich aufzurichten, was zur Bildung eines 
Über-Ich führt. D. h. das Verbot, das in der ödipusaituation vom 
Vater ausgeht, wird vom Sohn willig aufgenommen, weil er sich mit 
ihm identifiziert, darum seine Prinzipien und Forderungen sich zu 
eigen machen muß. 

Die Beziehung des Über-Ich zum Ich „erschöpft sich nicht in der 
Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein, sie umfaßt auch da» 
Verbot: So (wie der Vater) darfst du nicht sein, das heißt 
nicht alles tun, wag er tut; manches bleibt ihm vorbehalten. Dies 
Doppelgesicht leitet sich aus der Tatsache ab, daß das Ichideal zur 
Verdrängung des Ödipuskomplexes bemüht wurde, ja, diesem Um- 
schwung erst seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des ödinua- 
komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. Da die Eltern 
besonders der Vater, als das Hindernis gegen die Verwirklichung 
der ödipuswünsche erkannt werden, stärkte sich das infantile Ich 
für diese Verdrängungaleistung, indem es dies selbe Hindernis in 
sich aufrichtete. Es lieh sich gewissermaßen die Kraft dazu vom 
Vater aus und diese Anleihe ist eine außerordentlich folgenschwerer 
Art. Das Über-Ich wird den Charakter des Vaters bewahren und je 
stärker der Ödipuskomplex war, je beschleunigter . . . seine Ver- 
drängung erfolgte, desto strenger wird später das Über-Ich als Ge- 
wissen, vielleicht als unbewußtes Schuldgefühl über das Ich herr- 
schen"."") 

Mir scheint in dieser ganzen Konzeption doch ein gewisser Zirkel- 
schluß zu stecken. Das Ichideal ist zu dem Zwecke aufgerichtet 
worden, um mit der Inzestsituation fertig zu werden; anderseits ist 
die Aufrichtung des Ichideals eine Folge der Überwindung derlnzest- 
ßituation! Wenn der Sohn die zärtliche Objektwahl für den Vater 
aufgibt, richtet er das Objekt im Ich auf. Was zwingt aber den Sohn 
jene zärtliche Objektwahl aufzugeben? Eben das Verbot des Vaters! 



Der primäre Boden der Ich-Ideale 259 

Daraus entsteht ursprünglich, eine Feindseligkeit. „Da die Feind- 
seligkeit nicht zu befriedigen ist, stellt eich eine Identifizierung mit 
dem anfänglichen Rivalen her*^^).** 

Ich zweifle nicht daran, daß die hier aufgezeigten Mechanismen 
bei der Bildung des Über-Ich mitgeholfen haben. Aber die inhalt- 
liche Seite der Ich-Ideale ist dadurch letzten Endes doch nicht er- 
klärt. 

Ich meine, der primäre Boden, auf dem die Ichideale entstehen, 
ist der Narzißmus; die anderen Momente spielen die RoUe von mit- 
wirkenden und verstärkenden Kräften. Wie der Narzißmus die Ent- 
stehung der hemmenden Mechanismen bewirkt, haben wir bereits 
in einem anderen Kapitel gezeigt. Hier wollen wir nur kurz das dort 
Gesagte rekapitulieren. 

Warum fordern die Eltern von uns, daß wir in sexuellen Dingen 
nicht ausschweifend sind? Wai'um macht die Menschheit bis zu 
einem gewissen Grade sexuelle Askese zu ihrem Ideal? Warum be- 
trachtet die religiöse Anschauung Geschlechtslust als Sünde? Die 
Tatsache der Aufrichtung des Objekts im Ich {der „sekundäre Nar- 
zißmus") allein erklärt uns das nicht. Groddecfc hat sich sogar zu 
der Behauptung verstiegen: „Woher aber diese Gleichsetzung von 
Geschlechtslust und Sünde kommt, das wird niemals ergründet wer- 
den'«^)." 

Woher diese Gleichsetzung kommt, wissen wir bereits. Der Narzißt 
betrachtet den Koitus magisch, er ist ihm Verlust magischer Kräfte. 
Ein solcher Verlust bedeutet Unheil. Gegen Unheil schützt man sich 
durch Verbote (wemi nicht absoluter, so doch wenigstens einschrän- 
kender Natur). Das ist der Sinn der sogenannten Tabu. Die Über- 
tretung eines Tabu, weil magisch unheildrohend, ist „Sünde". Denn 
ursprünglich bedeutet eben „Sünde" soviel als „Unheil". Aus diesem 
Grunde stammt „diese Gleichaetzung von Geschlechtslust und 
Sünde". Natürlich sind wir heutzutage nicht mehr magisch gesinnt. 
Das heißt, unser „Ich" bJoß ist so aufgeklärt, das „Es" ist aber unter 
der Macht der magischen Äuffaeaung geblieben'"'^). 

Warum darf man seinen Nächsten nicht töten? Im Grunde genom- 
jnen nur darum, weil wir das nicht können. Und warum können wir 
das nicht? Weil wir uns, auf Grund einer narzißstischen Tendenz, 
mit dem Nächsten identifizieren. Und das Verbot und die Unmög- 
lichkeit den anderen zu töten, geht nur so weit als die Identifikation 
ausreicht. Wo sie versagt, wie z. B. während eines Krieges gegen den 
„Feind", mordet man ohne weiteres. Ebenso ruhig schießt der revo- 
lutionäre Terrorist sein Opfer nieder, weil ihn mit ihm das Band 
der Identifikation nicht verbindet. 

Die magische Auffassung und die Identifikation, die beide aus 
dem primären Narzißmus fließen, genügen um alle möglichen Hem- 
mungsmechanismen zu erklären. 

Auch das ist noch zu beachten: Es ist dem Narzißmus eigentüm- 
lich, Ideale aufzurichten. Denn der Narzißt liebt ursprünglich doch 

»7* 



250 Elternerotifc 



etwas ImagiiiärcB, das eigene Bild: der reale Reiz, daa Sinnliche, der 
Genuß, sind hier aufgehoben. Das führt zu schwärmerischer Liebe 
zum Idealen, bloß Gedachten. Ein asketischerZugist dem 
Wesen des Narzißmus zugehörig. 

Wenn der Mensch in der Wirklichkeit seine Ohjektwahl aufgeben 
muß, weil er auf unüberwindliche Schwierigkeiten stößt, flutet seine 
Libido zurück zum Ich. Dann entsteht der sekundäre Narzißmus, der 
zur Idealbildung führen muß. In diesem Sinne darf man natürlich 
auch sagen, das Ich richte das äußere Hindernis in sich auf: Not 
wird zur Tugend, Aber in den meisten Fällen ist diese Not erst durch 
die „Tugend" selbst geschaffen worden. 

27, Die Liebe der Kinder zu ihren Eltern macht sie zum Teil für 
die Imperative dieser gefügig. Diese Liebe ist nur die Antwort auf 
die Liehe der Eltern zu den Kindern. Die Quelle auch der selbstlosen 
Liebe der Eltern zu den Kindern ist aber in der Erotik zu suchen. 
In diesem Sinne sprechen wir von einer „Elternerotik". 

Wir wollen diese „Eltemerotik" durch einige Traumanalysen klar- 
legen. Zuerst der folgende Traum: 

Der Träumende küßt die Hand seiner Freundin ... Die Ge- 
sichtszüge der Freundin verwandeln sich in 
diejenigen des kleinen Söhnchens des Träu- 
mers. 

Der Analysand saß am Tage bei der Freundin und hatte das Ver- 
langen, ihre Hand zu küssen, welchen Wunsch er jedoch nicht zur 
Erfüllung brachte. Sein Söhnchen, das mit der Mutter getrennt vom 
Vater lebt, liebt er wirklich leidenschaftlich. Der Traum charakteri- 
siert die Liebe zum Sohne als wesensgleich mit der Liebe zum 
Mädchen. Damit ist der erotische Charakter der Liebe zu dem Kindp 
gekennzeichnet. „ ,, 

Derselbe Träumer träumte vor mehr als einem Jahr: 

Daa Innere eines Hauses. Es brennt, das Feuer sieht man aber 
nicht . . . Bevor die anderen zur (Rettuug3-)Arbeit treten, will er 
seinen (schlafenden) Sohn forttragen. Er nimmt ihn vorsichtig auf 
den Arm. Der Sohn erwacht und ist unzufrieden. Er (der Träu- 
mende) beruhigt ihn mit den Worten: Dort brennt's! 

Analyse. „Es brennt, das Feuer sieht man aber nicht" — das 
bezieht sich auf die obengenannte Freundin. Dem Träumenden 
scheint, daß die Freundin ihn liebt, daß aber dies Gefühl ihr noch 
nicht zum Bewußtsein gekommen ist. 

Das Gefühl zur Freundin wird durch die Gefühle zum Sohne ge- 
hemmt. Er will ihn darum forttragen, d. h. ihn loswerden. Das Ge- 
wissen wird mit den Worten: „Dort brennt's !" (d. h. ich kann nicht 
anders, weil die Liebe zu stark ist) beschwichtigt. Wir sehen, wie 
die Liebe zum Kinde und die Liebe zum Weibe miteinander in Kon- 
kurrenz treten. 



Elternerotik und Narzißmna 261 

Der Traum hat noch einen anderen Sinn. Es verbirgt sich hier 
nämlich eine Keminiszenz aus der Kindheit. Damals weckte man ihn 
nachts aus dem Schlafe, wickelte ihn schnell in etwas ein und trug 
ihn fort in den Garten, der sich hinter dem Hause befand. Von dort 
aus sah er den Brand eines Nachbarhauses. Das Kind ist somit der 
Träumer selbst („dramatische Spaltung") und die Liebe zum 
Kinde ist eine besondere Form des Narzißmus. 

Die Identifizierung des Ich mit dem Kinde tritt besonders klar 
in dem Glauben der Inder auf. So heißt ea Manu 9, 8 : „Der Gemahl 
steigt in die Gattin hinein, wird dort Embryo und alsdann ge- 
boren . . ." Oder Catapathabrähmana 2, 3, 1, 2b: „atama eva jatam", 
d. b. das geborene Wesen ist mit dem eigenen Selbst identisch^"). 
Dazu bemerkt v. Negelein: „Man wollte den Stamm erhalten, weil 
man durch seine neugeborenen Mitglieder die eigene Seele wieder- 
eretehen ließ***}.'* Die Kinder repräsentieren also unser Ich und die 
Liebe zu den Kindern ist nach außen projizierte Eigenliebe (die 
Liebe zu dem eigenen Doppclgänger). 

Die Identifikation: Vater ^= Sohn enthält implizite auch die um- 
gekehrte Identifikation : Sohn = Vater. Daraus ist schon a priori zu 
schließen, daß sich die Eltemerotik in Irgendeinem Zusammenhang 
mit der infantilen (inzestuösen) Erotik befindet. Ein alter Mann er- 
zählt: „Die Mutter liebte mich mehr als die übrigen Kinder; nicht, 
weil ich der Jüngste war, sondern weil ich den Namen ihres Vaters 
trug, der Rabbiner in unserem Städtchen gewesen. Sie trug sich mit 
der Idee, daß auch ich Rabbiner werde^"*)." Hier ist die Liebe zum 
Sohne die direkte Wiederbelebung der infantilen Liebe zum Vater, 
was sich in der Namensgebung schon kundgibt. Nach der oben zitier- 
ten Auffassung der Inder, ist doch die Tochter mit ihrem Erzeuger 
identisch, ihr Sohn ist aber mit ihr identisch und somit auch mit 
ihrem Vater. 

Ein anderer Herr (derselbe, der die Vision „Drohungen" hatte) 
träumte : 

Winter. Weihnachten oder Fastnacht ... Er ist auf der Straße 
jnit seinem Töchterchen und, wie es seheint, mit der Frau . , . 
Ein Kinderkarneval. Esistsehrlustig. ErunddieFrau 
halten die Tochter bei der Hand und laufen auf 
ßchmalen, beschneiten Wegen unter Tannen. Man ist genötigt, sich 
unter den Bäumen zu bücken. Die Frau geht voraus, er 
folgt ihr; er bleibt stehen, weil das Kind nicht folgen 
konnte. Er faßt es bei der Hand. Die Kleine weint: „Papa, Papa, 
ich habe das rote Käppchen verloren, mein Käppchen, wo ißt 
mein Käppchen?" . . . Er tröstet sie, daß das Käppchen sich zu 
Hause finden werde. Lustig laufen sie Hand in Hand auf den 
sehmalen Wegen unter den Bäimien. Es wird ihnen so leicht zu- 
mute. In seiner Hand ruht das kleine, weiche 
Händchen seiner Tochter. 



262 Lipnaaschka 



Analyse. Der Anfang des Traumea schildert eine Szene aua 
einem glücklichen Familienleben: Vater, Mutter und Kind sind 
beisammen und es ist ihnen sehr woh]. Dann geht die Frau voraus, 
und wir erfahren nichts mehr über ihr Schicksal, sie ist fortgegan- 
gen. Das entspricht der Wirklichkeit, die Frau hat ihn verlassen. 
Die unbefriedigte Libido schlägt die Richtung 
der Elternerotik ein: die Hand der Tochter ruht 
iiiderHanddesVaters. 

Dieser Zusammenhang ist sehr wichtig. Die Verzärtelung der Kin- 
der, die sie physisch und noch mehr moralisch zugrunde richtet, ist 
die Folge des enttäuschten Liebeslebena der Eltern selber, durch die 
übergroße Zärtlichkeit zu den Kindern suchen sie ihre hungernde 
Erotik zu befriedigen. 

In dem angeführten Traum liegt eine Reminiszenz an eine frü- 
here, glückliche Zeit, an eine Jugendliebe verborgen. Im "Winter, 
zur Weihnachtszeit, war der Träumer zum Besuche im Hause jenes 
Mädchens, das er damals liebte. Man veranstaltete einen Karneval, 
an dem auch die Geliebte teilnahm. Im Traume vertritt das Tochler- 
chen die Geliebte. 

Das Töchterchen hat ihr rotes Käppchen verloren. Das rote Käpp- 
chen erinnert den Analysanden an ein russisches Märchen, dessen 
Held Lipunuschka hieß und ein rotes Käppchen trug. In früheren 
Zeiten liebte er es, mit der Frau scherzend, sich mit Lipunuschka 
zu identifizieren. Somit ist das Töchterchen, das im Traume gewis- 
sermaßen als Lipunuschka (mit der roten Kappe) auftritt, er selber 
d. h. auch in diesem Traume ist die Eltemerotik eine Äusdrucks- 
form des INarzißmus. 

Um einen anderen Hintergrund des Traumes zu entdecken 
sen wir das Märchen von Lipunuschka in unsere Betrachtune hi ^*" 
ziehen. Der Analysand erzählt das Märchen in folgender Form- ^^^' 
Es lebten einmal ein Alter und eine Alte, die hatten kei 
Kinder, worüber sie sehr traurig waren. Der Vater (= der Alte- 
der Erzähler hat sich hier versprochen) ging aufs Feld zur Arbeit* 
Als er müde wurde, vernahm er eine dünne Kinderstimme: Ruhe 
aus, Tjatja {=: Papachen)!" Der Alte sah sich um und da be- 
merkte er ein kleines Menschlein. Er fragte, wer es sei. Die Ant- 
wort lautete: „Ich bin dein Sohn Lipunuschka. Ich werde an dei- 
ner Statt die Arbeit verrichten." Als jener daran zweifelte, sprang 
Lipunuschka an den Pflug und fing an zu ackern. Sie gingen 
dann nach Hause. Lipunuschka besorgte auch die ganze häusliche 
Arbeit, und die Alten waren voller Freude über 
ihn. 



Der Sinn des Märchens ist sehr einfach. Das Kind fühlt sich von 
den Eltern zu wenig geschätzt und geliebt. In seiner Weise sucht es 
sich an den Eltern zu rächen und über sie zu triumphieren. Die 
Phantasie des Kindes macht nun die Eltern kinderlos und läßt sie 



Die Jiyelerisclie Verhimmelung der Kinder" 263 

darüber traurig sein. Dann eracheint Lipunuschka, erhebt eich zu 
einem unentbehrlichen und gleichberechtigten Mitglied der Familie 
(durch die großen Arbeitsleistungen) und die Alten sind jetzt voller 
Freude. 

Wir haben oben gehört, daß der Änalysand, mit der Frau scher- 
zend, sich mit Lipunuschka verglich. Dadurch wird die Frau zur 
Stellvertreterin der Mutter. Mit dem Verbalten der Frau ihm gegen- 
über ist er jetzt sehr unzufrieden, sie versteht es nicht und verstand 
es nie, ihn gebührend zu schätzen. Ebeuso verstanden ea niemals die 
Eltern. Indem der Träumer sein eigenes Kind zu Lipunuschka 
macht, vollzieht er eine merkwürdige Doppelidentifikation: Er 
nimmt seinem Kinde gegenüber diejenige Stel- 
lung ein, welche seine Eltern ihm gegenüber in 
seiner Kindheit einnehmen sollten, wie diea da- 
mals sein Verlangen war. Die Elternerotifc iat 
hier die Wunscherfüllung der infantilen Erotik 
(d. h. er macht an seinem Kinde gut, was seine 
Eltern gegen ihn verfehlt haben). — — 

Weil die Liebe der Eltern zu den Kindern echte Erotik ist, so 
tritt sie oft mit der Liebe des Mannes zum Weibe in Konkurrenz. 
Weil wir aber, Menschen wie wir sind, unfähig sind zur wirklichen 
Entsagung, so bringt uns das Haftenbleiben an der Eltemerotik in 
folgenschwere Konflikte, die in ereter Linie für die Kinder große 
Gefahren bergen. Die Liebe zum Kinde, die sich der Liebe zum 
Weibe in den Weg stellt, muß notwendigerweise in versteckten Groll 
Übergehen. 

Die Elternerotik war und bleibt ein mächtiger biologischer und 
kultureller Faktor. Dessenungeachtet soll man die großen Gefahren 
nicht unterschätzen, die in den Übertreibungen der Eltemerotik ver- 
borgen sind. Die übergroße Liebe zu den Kindern schützt nicht vor 
verstecktem Groll gegen sie. Weil wir unsere Kinder zu viel lieben 
Cund sie dadurch nneerer neuen Liebe hindernd in den Weg treten), 
hassen wir sie deshalb. Um diesen Haß zu bekämpfen, lieben wir 
sie noch stärker („Überkompenaation") und überhäufen sie mit 
Zärtlichkeiten und machen sie zu unseren leibeigenen Puppen. Mit 
Recht meint eine bekannte Schriftstellerin, daß „die Eltern, ,die 
für ihr Kind leben', eine schlechte Gesellschaft für diese 
. j" -lOTj V/'enn die Eltern alles ihrer Kinder wegen aufgehen und 
sich jeden Zwang auferlegen, so ist es billig und begreiflich, wenn 
sie von ihren Kindern fordern, sich ihrem Willen zu beugen. Und 
die leibeigenen Puppen tun es, um dann dasselbe von ihren Kindern 
zu fordern. Und so entsteht eine geschlossene Kette von Entsagungen 
und Entbehrungen. „Die hysterische Verhimmelung der Kinder ist 
nur ein Symbol für den unerlaubten Gedanken: man tut zu viel für 
die Kinder und zu wenig für die Erwachsenen. Aber dieser Gedanke 
ist die Wahrheit und sollte ausgesprochen werden dürfen""^").*' 

Wie in der infantilen, so äußert sich auch in der Elternerotik ein 



264 ^^^ autosymbolische Phänomen 

Stück Identifikation. Aber es kommen hier zwei verschiedene 
Arten der Identifikation vor. Zur Illustration sehen wir uns folgen- 
des an. Ein kleiner Knabe, dea der Vater jeden Tag spazierenführt, 
sagt einmal: „Wenn ich groß werde, werde ich auch ein Bubi ha- 
ben." ~ Waat wirst du mit deinem Bubi machen? — „Ich werde 
ihn jeden Tag spazierenfÜbren." Hier tritt eine Doppelidentifika- 
tion zutage: er ist der Vater und Bein Bubi ist sein Stellvertreter. In 
der Identifikation mit dem Vater nimmt er diesen zum Vorbild, zum 
Ideal; in derjenigen mit seinem künftigen Bubi projiziert er sich 
hmau3 und wählt sich zum Liebesobjekt. Das sind zwei Grundfor- 
men der Identifikation: was man sein, und waa man haben 
möchte'""). 

28. Träume sind Halluzinationen des Schlafenden. Man kann aber 
auch im Wachen halluzinieren, das sind dann die Träume im 
Wachen. Herbert Silberer hat nun gezeigt, wie man die sinnlich- 
symbolische Darstellung von Gedanken gewissermaßen provozieren 
kann. Wenn man in ermüdetem Zustande, insbesondere vor dem 
Einschlafen, sich zwingt, einen theoretischen Gedanken weiterzu- 
spinnen, so nehmen die abstrakten Beziehungen konkrete Gestalt 
an und werden halluziniert""). (Das „autosymholische Phänomen".) 
Die Nachprüfung dieses Verfahrens läßt zwar vermuten, daß die 
Erscheinung noch von einem individuellen Faktor abhängt, da es 
nicht jedem gelingen will, die symbolische Halluzination bei sich 
hervorzurufen. Jedoch ändert das an der prinzipiellen Bedeutung 
der erzielten Ergebniese nichts. Nicht jeder auch kann Dichter 
oder Künstler sein; dennoch hat die Erforschung der Psycholoeie 
der künstlerischen Produktion allgemein meoschlichen Wert Sl 
herers Methode bestätigt experimentell, daß unter gewissen' TT 
ständen die Psyche zur sinnlich-symbolischen Darstellung greiftT"^' 

Zur Illustration teile ich zwei symbolische Halluzinationen ( hvr» 
nagogische Visionen") mit, die ich bei mir seihst hervorge'rqf?" 
habe. Unmittelbar vor dem Einschlafen zwang ich mich, über d 
tragischen Helden und den Verbrecher nachzudenken. Es entstand 
dann die ^ 

Vision I: Ein halbdunkles Gemach. Ein Mann und eine Frau 
Ea scheint, der Mann hat die Frau überfallen. Er wird aber von 
der Frau geschlagen. 

Der theoretische Gedanke, der hier nach Ausdruck ringt, ist der 
folgende: „Der tragische Held bedeutet den Verbrecher in uns. Weil 
er die uns von der Gesellschaft suggerierte ethische Norm übertritt 
muß er am Ende zugrunde gehen, analog wie der Verbrecher, der 
seine Taten durch die Strafe sühnen muß." In der Vision sehen wir 
wirklich den Verbrecher dem seine Tat aber nicht gelingt und der 
seine Strafe bekommt (die tragische Situation). Da aber nach psy- 
choanalytischer Auffassung im Unbewußten das SexueUe eine donü- 
nierende Rolle spielt, so erscheint in der Vision nicht der Ver- 
brecher schlechthin, sondern der Sexualverbrecher. 



Das Visionäre und das Denfcen Z65 

Ein anderes Mal denke ich (vor dem EinBchlafen) über die Be- 
ziehungen zwischen dem „Fliegenden Holländer" und den Inzeat- 
gcfühlen nach. Es stellt eich die 

Vision II ein : Der unendliche Sternraum. Der Fliegende Hollän- 
der, in einem schwarzen Mantel eingehüllt, schwebt in dieaem^ 
Räume. (Allmählich verwandelt sich die Szene): Ich sehe vor 
mir, hell beleuchtet, Raphaels „Madonna". (Die Verwandlung 
war derart geschehen, daß der besternte Raum eich zur Leinwand 
des Bildes verdichtete.) 

Die Vision hat den theoretischen Gedanken versinnlicht: „Weil 
er zu viel auf dem Arm der Mutter saß (Raphaels Bild), muß er 
als Erwachsener voll Unruhe sein (das Schweben des Hollän- 
ders)*")." Daß die Begründung erst nach dem, was zu begründen 
ißt, kommt, entspricht (zwar nicht der logischen, aber) der psycho- 
logischen Sukzession ; wir denken vorerst an ein Ding und dann 
suchen wir es aus seinen Existenz- und Entatehungsbedingungen zu 
begreifen. (In Parenthese sei noch bemerkt, daß sich darauf eine 
Regel der Traumdeutung stützt, nach welcher man manche Träume 
„von hinten nach vorn" liest, um sie richtig zu verstehen.) 

Gewöhnlich stehen die Halluzinationen in Beziehung zu dem Uu- 
bewußten; um einen theoretischen Gedanken in eine Halluzination 
umzusetzen, dazu gehören (außer dem individuellen Faktor) noch 
zwei Sachen : ein schlaftrunkener Zustand und eine 
intensive Energiehesetzung des Gedankens. „Eine 
Beziehung der Halluzination zu den Wachgedanken . . . ergibt sich 
nur, wenn diese energiebesetzt waren. Geht man darauf aus, eine 
Umsetzung der Wachgedanken in ein Symbol zu erzielen, so muß 
man sie eben willkürlich mit Aufmerksamkeit besetzen. Geschieht 
dies nicht, so werden sie sich freilich der stets bereiten affektbela- 
denen Komplexe des Einschlafenden bemächtigen und (ohne Rück- 
sicht auf die Wachgedanken) selbst zur symbolischen Darstellung 
ga gelangen suchen"')." Beachtet man, daß ein schlaftrunkener 
oder ihm verwandter Zustand sich wenig eignet, um theoretische 
Gedanken auf die Dauer mit Aufmerksamkeit zu besetzen, so wird 
eg klar, warum der Wissenschaftler seine Probleme nicht auf 
halluzinatorischem Wege löst, warum er nicht Visionär, sondern 
Denker ist. Der Visionär ist der ungehemmte Denker, der darum 
den regredienten Weg der Halluzination geht. 

Herrschen im Individuum starke Affektzu stände, so erschweren 
sie das „Vordringen" der Idee, da sie „die Aufmerksamkeitsfunktion 
eines Teiles ihrer Energie berauben, indem sie sie für die autono- 
men Komplexe in Anspruch nehmen. Die Affekte begnügen eich 
indes nicht damit, die apperzeptive Funktion zu stören. Sie leisten 
außer diesem negativen Effekt auch eine positive Arbeit, indem sie 
vermöge der auf sie gelenkten Aufmerksamkeitsenergie die Kom- 
plexe, denen sie angehören, geltend zu machen suchen".^'^) 



256 WachpbantaEie 



Die oben mitgeteilte Vision II ist nicht nur die Versinnlichung 
einer bestimmten Idee, sie hat noch einen verborgenen Hintergrund. 
Es ist Bchon auffallend, den Holländer in der Kelle eines phantasti- 
schen Aviatikers, statt auf offener See, anzutreffen. Der unendliche 
Stemraum war aber der Schauplatz einer unzähligen Menge stereo- 
typ wiederkehrender Flugträume, die der Autor als ganz kleines 
Kind träumte. Der Fliegende Holländer ist also er selbst. Und wirk- 
lich, in den letzten fünf bis sechs Jahren war er gezwungen, von 
einem Orte nach dem anderen zu wandern, ohne irgendwo festen 
Fuß zu fassen. Die Sehnsucht nach der Heimat ist aber sehr groß. 
Der Fliegende Holländer verwandelt sich darum in das kleine 
Kind, das auf dem Arm der Mutter sitzt und sich dort vor allen Be- 
schwerden ausruht und sicher fühlt. Mit dem theoretischen Gedanken 
hat sich ein Komplex vergesellschaftet und in der hypnagogischen 
Vision haben sie ihren gemeinsamen Ausdruck gefunden. Diese 
Analyse liefert uns zugleich eine sehr wichtige Einsicht : D e r E r - 
wachsenesehnt sich ausden Stürmenund Entbeh- 
rungen des Lebens in den sicheren Hafen der 
Kindheit zurück. Darin ist das Hauptmoment der Macht des 
Infantilen im Seelenleben des Erwachsenen begründet. 

29. Außer den Träumen und den Visionen gibt es noch „Tag- 
träume", d. h. Wachphantasien, die sich ebenso wie Träume analy- 
sieren lassen. Hier ein solcher Tagtraum (stammt wiederum von 
demselben, der die Vision „Drohungen" hatte): 

Er hat in der medizinischen Klinik die Bekanntschaft einer 
echönen jungen Engländerin gemacht. Bald ging die Bekannt- 
schaft in ein Liebesverhältnis über. (Hier unterbricht sich der 
Phantast und fragt sich selber, wie er eigentlich zu der Bekannt- 
Bchaft mit der Engländerin gekommen sei? Dann folgt eine Qeu 
Phantasie) : 

Auf der Straße trifft er mich (L. K.) mit einer mir befreun- 
deten Dame. Ich stelle ihm die Dame vor. Diese macht ihn mit 
ihrer Kusine bekannt, mit deren Hilfe er später die Engländerin 
kennenlernt. 

Analyse. Die „Engländerin" stammt aus einem meiner 
Träume, den ich ihm einmal gelegentlich zur Illustration der 
Traumdeutung erzählt habe. Indem er gewissermaßen meine 
Träume träumt, identifiziert er sich mit mir. Zu jener Zeit sprach 
er oft über das Gefühl der Minderwertigkeit, das man hat, wenn 
man der eigenen Stimmung nicht Herr werden kann und zu frem- 
der Hilfe und Weisheit Zuflucht nehmen muß. Jetzt ist er ebenso 
weise, er ist selbst der Psychoanalytiker, er träumt nach demselben 
Muster wie dieser. Ja, noch mehr! Er übt am Psychoanalytiker 
Rache, indem er ihm die „Engländerin", von der er geträumt, weg- 
nimmt. Die „Engländerin" ist aber nur eine Deckfigur für die mir 
befreundete Dame, denn auch diese studiert Medizin. 



Die mythenbildende Phantasie 267 

Dieser Tagtraum ist übetdeterminiert. Der Psychoanalytiker ist 
der überlegene, dem gegenüber der Analysand sich gedemütigt 
fühlt. Er kann darum den Vater vertreten, der wirklich dem Kinde 
weit überlegen ist und von dem das Kind so oft gedemütigt wird. 
Unser Analysand war auf seinen Vater nicht gut zu sprechen, er 
war seit der frühesten Jugend nioht gut gegen ihn gestimmt. Die 
phantasierte Rache gegen mich war eine „Übertragung" der infan- 
tilen Rachegefühle gegen den Vater, die Liebesaffäre — daa in- 
fantile Inzestgefühl zur Mutter. In Wirkliehkeit hatte der Analy- 
sand die Freundin niemals gesehen, ebenso wie er die Engländerin 
aus meinem Traume bloß entlehnt hatte. 

30. Das Verhältnis zwischen Wachphantasie und Traum ist das- 
selbe wie zwischen dem Gedanken an ein Ding und seiner sinn- 
lichen Wahrnehmung. Der Traum ist eine zur Wahr- 
nehmung gewordene Phantasie. Dasselbe Verhältnis 
besteht zwischen dem Mythos und dem auf der Bühne dargestellten 
Drama. Für das antike Drama ist es ohne weiteres klar: dieses ist 
nur eine Versinnlichung des volkstümlichen Mythos. Wenn dies uns 
für das moderne Drama nicht gleich einleuchten will, so kommt es 
daher, daß die Schulweisheit willkürlich unter „Mythos" nur die 
Phantasieerzeugnisse einer fernen, historischen Epoche — die „Göt- 
tersage" — begreifen will. Da die Götter nur idealisierte Menschen 
sind, so liegt keine prinzipielle Kluft zwischen der Götter- und 
Heldensage. „Aus allgemeinen, verbreiteten Grundtypen erwachsen 
örtlich und zeitlich sehr verschiedenartige Sagen, die natürlich bei 
aller Abweicbung im einzelnen im Kerne doch übereinstimmen . . . 
Der Volksglaube scheint unwillkürlich aus der Veranlagung des 
menschlichen Gemütes zu entstehen . . ., er wird gewissermaßen 
mit jedem Menschen auch neu geboren, dieselbe Anlage, aus der 
die Urbilder entkeimten, schafft immer neue Vorstellungen ähn- 
licher Art. Der Volksglaube bleibt nicht unverändert bestehen, er 
formt sich immer neu"*)." Wir sahen z. B., daß Warenka Olessowa 
ßich von einer griechischen Nymphe oder einer schlesischen Lisse 
nur durch die äußere Hülle unterscheidet. Wir haben darum kei- 
nen Grund, den Mythos zu eng zu fassen oder ihn zu scharf von 
Jen anderen Phantasiebildungen abzugrenzen. „Der mythologi- 
schen Anschauungsweise und Denkart gehören alle Gebilde an, die 
nicht durch verstandesmäßige Kontrollapparate hindurchgegangen 
flind"^)-" Die mythenbildende Phantasie, so können 
wir die bisherigen Ergebnisse formulieren, sucht die uner- 
füllten und unerfüllbaren Wünsche und Stre- 
bungen sowohl des Volkes wie des Individuums 
gedankenmäßig zu erfüllen; der Traum einerseits 
und das (dargestellte) Drama anderseits sind die 
Versinnlichungen {d. h. die vollkommenen Regres- 
sionen) jener wun seh e rf üllenden Gedanken. 

31. Die Sprache des Unbewußten, die wir zu erforschen bemüht 



268 Die Symbole des Bewußten und des UnbewnSien 

waren, ist eine symbolische oder Bildersprache. Auch das Bewußte 
greift oft zum Symbol. Es erscheint uns darum wichtig, das Ge- 
m,einsame wie das Unterscheidende im Gebrauch des Symbols 
von selten des Bewußtseins und des Unbewußten aufzuzeigen. Zu 
diesem Zwecke lassen wir einige lUuBtrationen folgen. „So ist die 
gleich einem Schöpfgefäß gehöhlte Hand eine auf unmittelbarer 
Assoziation beruhende Gebärde für ein ,Trinkgefäß'. Die näm- 
liche Gebärde braucht aber der Indianer, um ,Wasser' auszudrük- 
ken." „So kann die plastische Nachbildung des gehörnten Stierkop- 
fes bei den Neapolitanern, neben ihrer unmittelbaren Bedeutung, 
symbolisch die ,Stärke', als die Haupteigenachaft des Stieres, dann 
die ,Gefahr', zunächst die vom Anstürmen eines wütenden Stiers 
drohende, hierauf die Gefahr überhaupt und endlich infolge einer 
dritten Übertragung den ,Wunsch, vor der Gefahr behütet zu wer- 
den', ausdrücken'**')." Die Symbole des Beivußtseins sind ebenso 
mehrdeutig, wie diejenigen des Traumes und der Mythen. „In 
der Gebärdensprache heißt es nicht: ,er starb, weil er dem Tranke 
ergeben war', sondern: ,trinken, trinken, sterben'. Die Gebärde des 
Trinkens wird mehrmals nacheinander ausgeführt, dann als Zei- 
chen für Tod der Kopf mit geschlossenen Augen auf die rechte 
Hand gelegt und eine weisende Gebärde nach dem Boden hinzu- 
gefügt: ,schlafen da unten'"')." Das heißt, jedem einzelnen 
Symbol haftet eine gewisse Unbestimmtheit an, 
erst aus dem Zusammenhang der Symbole kann man 
deren Sinn ersehen. Ein weiteres gemeinsamce Merkmal der 
bewußten (absichtlichen) und der unbewußten (unabsichtlichen) 
Symbolik liegt darin, daß, wie die eine so auch die andere unmit- 
telbar nur die Gegenwart ausdrückt; die Zeitauadehnung muß 
erst hinzugedeutet werden. Das hängt mit der sinnlichen ansch 
liehen Natur des Symbols zusammen: alles Sinnliche ist Gecp 
wart. **' 

Zu der Gebärdensprache nehmen diejenigen Zuflucht, die sich 
der Lautsprache nicht bedienen können: die Taubstummen und 
die Fremden, die der Landessprache unkundig sind, ebenso sind 
auch die Kinder zu oft genötigt, zur Verständigung sich der Ge- 
bärdensprache zu bedienen. Die Gebärde ist in gewissem Sinne 
die Sprache der geistig Schwächeren, Das gilt aber von jeder Art 
Symbolik. „(Die Bilder) werden um so erwünschter sein und um 
so eifriger gesucht werden, je mehr sieh ein Begriff der sinn- 
lichen Wahrnehmung entzieht und je schwerer eine angemessene 
Vorstellung desselben fäUt. Wenn sich z. B. ein spekulierender 
Weiser die Welt, richtiger die unentwickelte, die Keime aller Dinge 
in sich schUeßende Weltmasse unter dem Bilde eines Eies denkt, 
... — wenn der römische Kaiser als Zeichen der Weltherrschaft 
eine Kugel in der Hand hält, die Erdkugel im kleinen . . ., — oder 
wenn ein Kirchenvater die göttliche Dreieinigkeit unter dem Sche- 
ma eines stehenden Dreiecks oder einer tönenden Harfe zu begrei- 



t 



Die Symbole des Bewußten und des Uobewußien 269 

fen sucht — wenn er für die Ewigkeit und die stete Wiederkehr der 
menschlichen Dinge keine bessere Erklärung als eine Schlange, die 
eich in den Schwanz beißt, zu gehen weiß : so sind es die metaphysi- 
schen Begriffe Gott, Welt, Erdkreis, Ewigkeit, Dreieinigkeit usw., 
die den sinnenden Geist zu dieser Fasaung drängten, die ihm nebel- 
haft vorschwebten, die ihn wie Schemen ängstigten und quälten, 
bis er sie vermittels eines klaren Bildes hewältigte^^^)." 

Sogar eine abstrakte Wissenschaft, wie die Mathematik, mußte 
eine sinnlich-symbolische Phase durchmachen. Die Begriffe der 
Differential- und Integralrechnung, die der moderne Mathematiker 
als abstrakte Relationen zu fassen sich gewohnt hat, wurden anfäng- 
lich mit Hilfe von durch krumme Linien begrenzten Flächenstücken 
fixiert und durch Operationen mit aolchen geometrischen Figuren 
die meisten analytischen Sätze gewonnen. Der strenge Mathema- 
tiker betrachtet es jetzt fast als eine Freveltat in der reinen Ana- 
lysis zur Hilfe der anschaulichen Geometrie zu greifen. „Betrach- 
ten wir das Zustandekonmien des Symbols auf der Linie der Evo- 
lution, so sehen wir es entstehen, wenn der Mensch geistig 
nach etwas greift, was seiner Fassungskraft 
noch zu ferne ist. Umgekehrt kann das Symbol auch entste- 
hen, wenn seine ehemals höhere Fassungskraft abgenommen hat 
(z. B. im Traum und bei geistiger Störung). In beiden Fällen glei- 
tet er beim Versuch, die (dem Symbol zugrunde liegende) Idee zu 
erhaschen, gleichsam ah und verfällt in eine niedrigere als die von 
der Evolution angestrebte Auffassung*'^)." 

Die Symbole, deren sich das Beirußtaein bedient, müssen, da sie 
eine erläuternde Funktion haben, von sachlicher Natur sein, sie 
müssen den Zusammenhang mit der Sache, auf die sie hinweisen 
sollen, leicht zum Bewußtsein bringen. Kleinpaul erzählt z. B. 
folgendes: „In deutschen Dorf schenken entsinne ich mich, die bün- 
dige Notiz: ,Hier wird nicht gepumpt', aber statt des letzten Wor- 
tes gepumpt ein Bild gesehen zu haben, welches einen waaser- 
pumpenden Mann darstellte." Worauf der wasserpumpende Mann 
hindeuten soll, war jedem ohne weiteres klar. Ebenso verständlich 
sind die sogenannten rechtlichen Symbole. So war in alten Zeiten 
„das Setzen des Fußes auf Land oder anderes Gut ein Zeichen des 
Besitzergreifens"."") Oder: „das altn. scotation bestand darin, 
daß ein wenig erde aus dem verkauften oder gepfändeten Grund- 
stück in den aufgehaltenen rockschoß oder Mantel des neuen er- 
werbers geschüttet oder geworfen wurde; das wies ihn in den besitz 
ein".*") Es ist eine bildliche Darstellung der Übergabe des Beaita- 
rechtes (mit Hilfe einer Methode, die sich auf das Prinzip: pars 
pro toto, gründet), welche jedem ganz verständlich sein dürfte. 

„Die Bildersprache ist die deutlichste unter allen, sobald sie ver- 
standen wird. Ja, sobald sie verstanden wird! Und wer kann sagen, 
daß er richtig verstanden ist? . , . Wer in Bildern spricht, hat im- 
mer den Vorteil, daß er an den Verstand appelliert und eventuell 



270 Symbol nnd magische Handlung 

dieBen Verstand in Zweifel ziehen kann. Ein oft benutzter Vor- 
teil!"*^^) Diesen Vorteil nutzt quaai dae Unbewußte aus, welches 
sich des Symbols, nicht um zu erläutern, bedient, sondern umge- 
kehrt, um zu entstellen. Damit hangt es zusammen, daß die mei- 
sten (erläuternden) Symbole des Bewußtseins noch einen verbor- 
genen sexuellen Sinn besitzen (sie sind also überdetermi- 
niert). Das Setzen des Fußes auf Land als Zeichen des Besitz- 
ergreifens, die Gebärde des Rechtslebens, hat aber auch einen weni- 
ger harmlosen Sinn. Denn: „Als Zeichen der Besitzergreifung faßt 
man es auch gewöhnlich auf, wenn der Liebende der Geliebten, der 
Bräutigam der Braut verstohlen auf den Fuß tritt"^)." Die Bedeu- 
tung der Erde als Mutter-Erde, als Symbol des Weibes, kennen wir 
bereits. Es liegt hier wahrscheinlich wieder der Fall vor, wo der 
ursprüngliche sexuelle Sinn (die Besitzergreifung des Weibes) ins 
Harmlose (als Rechtssymbol) umgedeutet wird. 

„Wenn es heißt, daß man, um etwas zu vergessen, sobald man 
daran denkt, den Pantoffel rückwärts über den Kopf werfen solle, 
6o soll damit wohl eben ein Vonsichtun der Giedächtaiskraft sym- 
bolisiert werden'**)." Hier ist die symbolisierende Handlung rein 
Bachlicher, beschreibender Natur. Dennoch ist es auffallend, daß 
man einen Pantoffel werfen solle; warum nicht irgendeinen an- 
deren Gegenstand? Die Antwort läßt sich leicht geben, wenn man 
folgendes berücksichtigt: „Will man eine quälende Liebe loswerden, 
60 schabt man den Kot vom Absatz des rechten Schuhes ab, tut ihn 
in die Schuhe und wirft ihn von einem Wassersteg rückwärts über 
den Kopf ins Wasser und geht, ohne sich umzusehen, nach 
Hause'")." Jener Vergessuugszauber war wohl ursprünglich ein 
Mittel gegen quälende Liebe, die Handlung symbolisierte das Wee- 
gehen vom Sexualobjekt. Daß der Pantoffel das weibliche Ge' 
ßchlechtsorgan symbolisiert, haben wir früher schon hervorgehobe 
So heißt es in Fr. Müllers Faust: „Der Königin von Arraeoni 
Pantoffelflicker (zi^ Liebhaber) möchte er gerne aein'^^)." A„-i, 
die Redensart: ein Pantoffelheld, unter dem Pantoffel usw.^^^) 

Die zuletzt angeführten Beispiele zeigen uns, daß das Zustande- 
kommen des Symbols nicht nur, wie Silberer meinte, davon ab- 
hängt, daß der Mensch nach etwas greift, was seiner Fassungskraft 
noch zu ferne ist. Vielmehr wirkt sich in dieser Weise das magi- 
sche Denken aus. Wenn jemand den Pantoffel rückwärts über 
den Kopf wirft, um eine quälende Liebe loszuwerden, so ist diese 
Handlung doch kein Erläutern von etwas schwer zu Fassendem 
durch ein Symbol. Der so Handelnde erläutert nichts, sondern er 
glaubt etwas, nämlich die ihn quälende Liebe (oder vielleicht die 
ihn quälende Frau) in dieser Weise magisch zu vernichten. Daa 
magische Denken fließt aus dem Narzißmus. Diesem sind aber BUd 
und Abgebildeter (Ich und Icb-Imago) gleichbedeutende Dinge. 
Das involviert die Idee der Stellvertretung. Statt die quälende Frau 
zu vernichten, tut man das mit ihrer Stellvertretung, mit dem Pan- 



Stellvertretender Ersatzanadrack 271 

toffel, der mit ihr assoziativ zusammenhängt und auf sie hinweist. 
Das sieht wie eine Symboliserung aus, denn Symbol ist etwas, 
was auf etwas anderes hinweist. Aber im Symbol fehlt jener Ernst, 
der in der magischen Handlung enthalten ist. 

Auch im Traume und den ihm verwandten Zuständen regredie- 
ren wir auf die magisch-narzißstische Stufe zurück: die „Symbole" 
des Traumes sind eben keine bloß erläuternde Gleichnisse, sondern 
vermeintliche Wirklichkeiten. Dem Träumenden sind die Bilder 
affektbesetzter Ersatz für etwas, was sonst unbewußt bleibt. Dar- 
um möchte z. B. S. Ferenczi den Ausdruck „Symbol" nur für solche 
Dinge (resp. VorBtellungen) reservieren, „denen im Bewußten eine 
logisch unerklärliche und unbegründete Affektbesetzung zukommt 
und von denen analytisch festzustellen ist, daß sie diese affektive 
Übertonung der unbewußten Identifizierung mit einem an- 
deren Dinge (Vorstellung) verdanken, dem jener Affektüberachuß 
eigentlich angehört. Nicht alle Gleichnisse sind Symbole, sondern 
nur jene, bei denen das eine Glied der Äquation ins Unbewußte 
verdrängt ist". Mit Rank und Sachs meint er, daß im psychoanaly- 
tischen Sinne das Symbol „ein stellvertretender anschaulicher Er- 
eatzaufldrucfc für etwas Verborgenes (ist)".**®) 

So eng läßt sich der Ausdruck „Symbol" nicht fassen, schon aus 
Rücksicht auf Sprachgewohnheit. Außerdem haben wir gesehen, 
dafi hinter gewöhnlichen Gleichnissen und verwandten Redensarten oft 
auch das Symbolische in jenem spezifischen Sinne des stellvertre- 
tenden Ersatz ausdruck es für etwas Verborgenes steckt. Es ist aber 
wichtig, auf die unterscheidenden Merkmale zu achten: es gibt also 
erstens stellvertretende Ausdrücke bloß erläuternder Natur (das 
sind die „Symbole" des Bewußten), und solche, die auf etwas Ver- 
borgenes hinweisen (Symbole im psychoanalytischen Sinne). Die 
Symbole des Unbewußten haben mit der magischen Handlung 
das Gemeinsame, daß sie etwas Ernstes immer meinen, sie sind 
keine bloßen Spielereien oder Mittel der Darstellung. 

Manche Redensarten werden erst verständlich, wenn man sie als 
Symbole des Unbewußten bloßstellt- So sagt man z. B. In der 
Grafschaft Ruppin zu einem, der etwas vergessen hat: „Du hast 
dich gewiß an die große Zehe gestoßen*'")." Zu dieser Redensart 
nehmen wir den folgenden Traum hinzu: 

Der Nagel der großen Zehe wachst sehr schlecht, so daß er 
Schmerz verursacht. Er soll darum mit der großen Schere entfernt 
werden, wobei eine weiße Flüssigkeit erscheinen wird . . . 

Analyse. Die „weiße" Flüssigkeit ist nicht schwer als Sper- 
ma zu erkennen. Als bei dem Analysanden zum ersten Male Pollu- 
tionen vorkamen, erschrak er darüber und faßte es als etwas Krank- 
haftes auf. Er forschte über die ihm neue Erscheinung in einem 
Lexikon, wo er eine Krankheit fand, die dort als „Milch-Urin" 
bezeichnet war. „Die große Zehe" bedeutet in diesem Zusammen- 



272 «Ein assoziativ an den Hoaren herbeizuziehender Ersatz" 

Lange den Penis und die Operation der Entfernung dea Nagels ist 
eine Kastration. 

Wir wissen, wann man dem Kinde mit dem „Abschneiden" droht: 
wenn man es bei onanistischen Manipulationen ertappt. Der Traum 
dürfte eine Strafreaktion gegen masturbatorische Gelüste sein. 

Wenden wir die hier gewonnene Einsicht auf die Redensart aus 
der Grafschaft Ruppin an. „Sich an die große Zehe stoßen" ist so- 
viel als onanieren. In jener Redensart liegt ein tiefer psychologi- 
scher Sinn verborgen: Wer nämlich früher Masturbation getrieben 
hat und dann diese Tatsache aus dem Bewußtsein verdrängt, der 
wird vergeßlich, weil das Verges&enwollen eich verallgemeinert und 
auch auf indifferente Tatsachen verschiebt. 

Ein Kritiker der Freudschen Lehren, Semi Meyer, ironisiert über 
die psychoanalytische Methode: „Überall soll für die einfachsten 
Dinge ein assoziativ erst wieder an den Haaren herbeizuziehender 
Ersatz eintreten. Ja, warum geschieht das denn im Traume? Im 
wachen Leben kommt doch derartiges gar nicht 
vor'"")," Darauf ist zu erwidern, daß der Herr Kritiker das 
„wache Lehen", wie es sich in Sitte und Brauch, im Rechte und in 
der Religion offenbart, gar nicht kennt, sonst würde er eine solche 
kühne Behauptung nicht aufstellen. Wenn in Frankfurt „bei Ver- 
pfändung von Grundstücken ein säckchen erde vor geriebt gebracht 
und zu den acten gelegt (wird)""'), so ist das Säckchen Erde wohl 
als Ersatz für das verpfändete Grundstück aufzufassen. Noch 
merkwürdiger ist z. B. der „Clagefurter Gebrauch, den dieb erat zu 
henken und dann zu untersuchen"."^) Das Verbrechen muß ee- 
sühnt werden, das ist dem primitiven Menschen klar, und so heilt 
er denn den Erstbesten, um das Sühnebedürfnis zu befriedigen D 
Gehenkte erscheint somit als Ersatz (Symbol) für den wirklich 
Dieb, dem es vielleicht gar gelungen ist, der Gerechtigkeit zu^ent^ 
gehen. Solche Tatsachen spielten sich zwar in historischen Urzeit 
ah, jedenfalls aber nicht im Traume, sondern im wachen Lebe 
„Die westfälische Redensart: die Krähe bringt mir eine Nuß be- 
deutet: ich bekomme einen Mann'«^)." Es ist klar, daß auch im „wa- 
chen Lehen", — wenn vielleicht nicht so häufig wie im Traume 

„für die einfachsten Dinge ein assoziativ erst wieder an den Haaren 
herbeizuziehender Ersatz" eintritt. 

32. Es tritt an uns nun das Problem heran, wie der visionäre (hal- 
luzinatorische) Charakter des Traumes zustande kommt? Gewiß 
fmden sich auch im Traume Elemente vor, die bloß gedacht oder 
irgendwie gewußt sind. Aber der vorstechende CharakterzuR des 
Traumes ist doch das Visionäre. 

Aus der Psychologie des Denkens (siehe oben IX, 25) wissen 
wir, daß die Vorstellung« die Aktualisierung einer Reproduk- 
tionstendenz (Belebung einer „Gedächtnisspur") bedeutet. Nach- 
dem die „inneren Widerstände" Überwunden sind, kann die Bewe- 
gung, der Prozeß der Aktualisierung entweder die Innervalions- 




Die Regression im Traume 273 

Sphäre ergreifen und als diese oder jene „Tat" zum Abschluß kom- 
men, oder zum halluzinatorischen Erlebnis führen. Die „Vorstel- 
lung" ist der Kreuzpunkt, wo sich die beiden Wege zur Tat (Wirk- 
lichkeit) und zur Vision treffen (siehe das graphische Schema auf 
S. 139). 

Die Voraussetzung des Traumes ist der Schlaf. Dieser aber unter- 
bindet die Motilität (wenn auch nicht in absolutem Sinne). Rich- 
tiger wäre es zu sagen, der in den Schlaf Verfallende verzichtet 
gleichsam auf jeden tätigen Eingriff in den Gang der wirklichen 
Geschehnisse, er zieht sich in sich selbst zurück, er ist der Intro- 
version verfallen. Die Unterbindung der Motilität bewirkt nun, daß 
der aktualisierten Reproduktionstendenz nur der einzige Weg zur 
Vision frei bleibt. Wenn ich im Wachen Hunger oder Durst ver- 
spüre, so unternehme ich das Nötige, um den Hunger oder den 
Durst zu stillen. Wenn ich aber im Schlafe dasselbe verspüre, so 
lasse ich mich aus meiner Introversion nicht stören und halluzi- 
niere das Befriedigungserlebnis. Dasselbe kann aber auch unter 
außerordentlichen Verhältnissen eintreten, so z. B. die Halluzina- 
tionen der in der Wüste von Durst Verschmachtenden. Aber in 
diesem Falle ist die adäquate Handlung durch die realen Umstände, 
die sich nicht bewältigen lassen, gehindert, so daß wiederum der 
einzige Weg, der der aktualisierten Reproduktion offen bleibt, nur 
derjenige der Halluzination ist. 

Der Traum ist eine Regressionserscheinung. Wir dürfen aber 
nicht vergessen, daß die Regression nicht dem Träumen allein zu- 
kommt. „Auch das absichtliche Erinnern und andere Teilvorgänge 
unseres normalen Denkens entsprechen einem Rückschreiten im 
psychischen Apparat von irgendwelchem komplexen Voratellungs- 
akt auf das Rohmaterial der Erinnern ngsspuren, die ihm zugrunde 
liegen. Während des Wachens aber reicht dieses Zurückgreifen nie- 
mals über die Erinnerungsbilder hinaus; es vermag die halluzina- 
torische Belebung der Wahrnehmungabilder nicht zu erzeu- 
gen. Warum ist das im Traume anders?""*) 

Im Wachen ist die Beziehung zur objektiven Welt nicht aufge- 
ceben, die Eindrücke, die auf uns zukommen, stören die Regres- 
sion, so daß sie nicht vollkommen sein kann. „Beim Traume (da- 
seeen) käme vielleicht zur Erleichterung der Regression hierzu das 
Aufliören der progredienten Tagesströmung von den Sinnesorga- 
nen . . .■'°^)." Eine Mittelstellung zwischen Traumzustand und vol- 
lem Wachen nimmt das „autosymbolische Phänomen" ein. Denn 
dieses Phänomen tritt zwar hart vor dem Einschlafen auf, aber 
dennoch im Wachen, Hier versetzt sich der Mensch willkürlich in 
den Introversionszustand, er entschließt sich gleichsam, sich durch 
die Ansprüche der objektiven Umgebung nicht stören zu lassen und 
nur der aktualisierten Reproduktionstendenz hinzugeben. Dann 
kommt es auch wirklich zur Halluzination. 

33. Verwandt mit dem Traume ist in gewissem Sinne das hyste- 

iB Kaplan, F^ychoaimtyse 



274 Traum nnd hysterisches Symptom 

rische Phänomen. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß die hysteri- 
Bchen Symptome (also solche körperliche Seneationen, die sich 
nicht auf verständliche objektive Reize zurückführen lassen) sich 
durch unbewußte (verdrängte) Komplexe determinieren lassen. 
Sie sind also Halluzinationen nicht visueller Natur. 

Stekel erzählt z. B. folgenden Fall: „Unser Patient zeigt eine 
auffallende Vorliebe für den Katholizismus. Er ist Jude und wollte 
sich schon längst taufen lassen. Er leidet an einer typischen Chri- 
ßtusneurose. Er zeigt die charakteristischen Kopf- 
schmerzen um die Stirne, welche dem Dornen- 
kranz entsprechen, hat Spasmen und Verrenkun- 
gen der Extremitäten, welche der Kreuzigungs- 
phantasie konform gebildet erscheinend^*)." 

Zum Vergleich nehmen wir folgenden Traum: 

Er ist Christus. Er wird gekreuzigt (dabei verspürt er weder 
Schmerz noch fühlt er Angst). 

Analyse. Es äußert sich hier der Größenwahn : Kr ist kein 
einfacher, unbedeutender Mann, für den er im Leben gilt; er ist 
der große Held, der Kämpfer für Freiheit und Menschenglück, so 
wie es der Gekreuzigte war. Wenn er auch jetzt unter verschiedenen 
Entbehrungen zu leiden hat, so tut es nichts, das ist das Loa aller 
Großen, wie dies uns die Leidensgeschichte Christi offenbart. 

Wir sehen also, was unser Träumer visuell erlebt, erlebt Stekels 
Patient am eigenen Körper. Die hysterischen Sj-mptome sind psy- 
chogene somatische Sensationen, einfacher ausgedruckt Halluzina- 
tionen der Haut- nnd Muskelsphäre. 

Unerfüllte, unerfüllbare und verdrängte Regungen toben sich im 
Traume in visuellen Bildern aus. Das ist aber nicht der ein * 
Weg: im hysterischen Symptom kommen die verdrängten Reei 
gen durch somatische Zeichen zum Ausdruck. 

Von hier aus finden wir den Weg zur Alltäglichkeit wieder 
Denn eigentlich gehört hierher auch folgende Erscheinung; Wir 
wissen bereits, daß das Tier (wie auch der Mensch) mit der Spei- 
cheldrüsenreaktion nicht nur dann reagiert, wenn die Speise sich 
in seinem Munde befindet, sondern auch dann, wenn es diese aua 
der Ferne bloß sieht oder sogar, wenn es nur die Stimmen der ea 
fütternden Personen vernimmt. In dem einen Falle sprechen wir 
von adäquatem Reiz und physiologischer Reak- 
tion, im anderen Falle aber von symbolischem Reiz und 
psychologischer Reaktion. Im Grunde genommen darf 
man die psychologische Reaktion auch als Halluzination bewerten. 
D. h. die Halluzination wie das hysterische Symptom sind eben 
psychische Gebilde, beruhen auf assoziativer Grundlage, sind Reak- 
tionen auf symbolische, nicht aber adäquate Reize. 

34. Bekanntlich vergessen wir unsere Träume bald. Auch wena 
dies nicht der Fall ist, so ist die Erinnerung des Traumes meiBtema 



Ein erlogener Traom 275 



eine sehr lückenhafte. Es kann uns darum vorgehalten werden, „daß 
wir den Traum, den wir deuten wollen, eigenüieh gar nicht kennen, 
richtiger, daß wir keine Gewähr dafür haben, ihn eo zu kennen, wie 
er wirklich vorgefallen ist". Ea läßt sich auch „ferner in Zweifel 
ziehen, oh ein Traum so zusammenhängend gewesen ist, wie wir ihn 
erzählen, ob wir bei dem Versuche der Reproduktion nicht vor- 
handene oder durch Vergessen geschaffene Lücken mit willkürlich 
gewähltem, neuem Material ausfüllen, den Traum ausschmücken, ab- 
runden, zurichten, so daß jedes Urteil unmöglich wird was der 
wirkliche Inhalt unseres Traumes war"."^) Wer eich aber an den 
Gedanken der psychischen Kausalität gewohnt hat und an dem 
Standpunkt festhält: „Es gibt da nichts Willkürliches", wird sich 
von jenem Zweifel nicht irreführen lassen. 

Das Vergessen der Träume ist die Folge der Verdrängung, die 
auch während des Träumens seihst ihre entstellende Wirkung übt. 
Wir konnten uns früher überzeugen {siehe Kap. IV, Fall III), daß 
ein einziger Anhaltspunkt genügt (dort war es das erinnerte Bruch- 
stück, das Wort „Henoch"), um mit der analjtischen Deuiungs- 
arbeit einsetzen zu können. Wir fanden hinter dem Traumwort 
„Henoch" eine Todeasehnsucht agieren. Die intensive Verdrängung 
dieser Regung hat den ganzen manifesten Trauminhalt zum Ver- 
gessen gebracht. Es ist selbstverständlich möglich, daß das Wort 
„Henoch" selbst im Traume gar nicht vorgekommen war. Jedenfalls 
ist aber dieses Wort als Ersatz für den vergessenen Trauminhalt 
eingetreten. Für die Analyse ist es prinzipiell ohne Unterschied, 
wenn anstatt des ohnedies entstellten Traumiuhaltes eine neue Ent- 
stellung in Form eines Ersatzes tritt. Denn was wir suchen, ist doch 
der latente Inhalt, zu dem wir ebensogut von der Ersatzerinne- 
rung mit Hilfe der Einfälle gelangen können. 

Wie steht ea aber mit den möglichen Ausschmückungen und 
willkürlichen" Ausfüllungen der Erinnerungslücken? Daß auch 
diese nichts prinzipiell Neues bringen, wollen wir durch die Ana- 
lyse eines erlogenen Traumes beweisen. Dieser lautet : 

Die Freundin hat den X. geheiratet. Er {der Träumer) hat 
ßie beide erschossen. 

Analyse. Der Analysand war gegen seine Freundin mißge- 
stimmt und wollte ihr etwas Unangenehmes erzählen. Da fiel ihm 
plötzlich ein, den oben geschilderten Traum als angeblich von ihm 
geträumt zu erzählen (was er jedoch unterließ zu tun). Der X. war 
eine Persönlichkeit, die jene am wenigsten sich als Lehensgefährten 
wünschen konnte, er war seiner ganzen Weltanschauung nach zu 
ryniseh und jedenfalls wußte sie sich in intellektueller Hinsicht 
hoch über ihm stehend. Der „erlogene" Traum verwirklicht eine 
Rache gegen die Freundin wegen ihrer Nichtnaehgiebigkeit gegen- 
über den Liebeswerbungen des Träumers. Der Traum will besa- 
gen: „Einem von dir so hochgeschätzten Mann, wie ich es bin, 

i8* 



276 Die «sekundäre Eearbeitnng" 



willst du nicht nachgeben. Am Ende wirst du die Frau eines so we- 
nig von dir geachteten Mannes, wie X. es ist." Kurz, der „erlogene" 
Traum ist eine Kränkung der Freundin. Daß der Analysand den 
erlogenen Traum der Freundin doch nicht erzählte, hängt mit dem 
Widerstand des erwachten besseren Triebes zusammen, der uns 
verbietet, jemandem, insbesondere einem geliebten Wesen Schmerz 
zuzufügen. 

Der erlogene Traum ist, wie wir sehen, ein vollwertiger Traum, 
er dient ebenso der Wunscherfüllung wie der wirkliche Traum. 
Wir sind nicht imstande etwas auszudenken, was 
nicht in unserem Seelenleben irgendwie deter- 
miniert sei. 

35. Die Lücke, die sich möglicherweise bei der Reproduktion des 
Traumes im wachen Zustande ergebe, gefährdet das Ergebnis un- 
serer Arbeit nicht. Die Veränderungen, die der Traum durch die 
Redaktion des Wachzustandes erfährt, können nicht willkürlich sein. 
„Sie bleiben in assoziativer Verknüpfung mit dem Inhalt, an des- 
sen Stelle sie sich setzen, und dienen dazu, uns den Weg zu diesem 
Inhalt zu zeigen, der selbst wieder der Ersatz eines anderen sein 
mag"^)." Die Veränderungen, die der Wachzustand am Traum- 
inhalte vornimmt, konnten wir früher an dem Traum Nr. 2 gut be- 
obachten. Es wurde dort das anstößige Wort: „nackte" ausgelas- 
sen und die Worte: „aus Marmor", die die Situation ins Harmlose 
umdeuten, eingeschoben. Die „Zensur setzt ihre Arbeit nach dem 
Erwachen mit noch größerem Eifer weiter fort, wobei sie nicht nur 
Auslasaungen und Einschränkungen im Trauminhalte bewirkt, son- 
dern „auch Einschaltungen und Vermehrungen deaselben verschul- 
det"")." Diese nachträgliche Entstellung des Trauminhalts nennt 
Freud die „sekundäre Bearbeitung". 

Eine besonders große Rolle spielt die sekundäre Bearbeitung in 
der Dichtung. So bekennt z. B. Paul Heyse: „Meistens tragen die 
nachtwandlerischen Eingebungen der Phantasie auch darin den 
Charakter der Traumwelt, daß sie eines klaren Zusammenhanges 
entbehren, und erst vom Verstände und künstleri- 
scher Besonnenheit geordnet und von willkür- 
lichen Elementen gereinigt werden müssen, wenn 
sie sich am Licht des Tages legitimieren sollen." {Jugenderinnerun- 
gen, S. 346.) Goethe erzählt von Schiller: „Ich sah ihn . . . ein pom- 
pöses Gedicht von zweiundzwanzig Strophen auf sieben reduzieren." 
Ebenso Goethe selber: beim Faust hat sich ihm „das innere Material 
so sehr gehäuft, daß jetzt das Ausscheiden und Ablehnen 
die schwere Operation ist". (Gespr. mit Eckermann.) Es ist klar, 
die unmittelbaren Eingebungen der dichterischen Phantasie werden 
einer nachträglichen Zensur des Verstandes, einer „sekundären Be- 
arbeitung" unterworfen und erst dann der Öffentlichkeit übergeben. 
„Die Sprache der Poesie ist die Sprache der Erregung . . . Gerade 
das, was uns rätselhaft dünkt, das ist urwüchsiger Natur, das ist die 




Selma LagerlBf ^'^'^_ 



wahre Muttersprache des menschlichen Geschlechtes. Was uns all- 
täglich erscheint, sich beinahe von seibat versteht, ist erst das bpa- 
tere, das im Ernste der Erklärung bedarf. Und die Erklärung, sie 
liegt darin, daß die kühle Erwägung zurückgedrängt hat, was die 
natürliche Beredsamkeit hervorsprudelt^"")." 

Bei Selma Lagerlöf finden sich Notizen über die Art, wie sie 
am Gösta Berling gearbeitet hatte, und da sieht man klar, wie die 
sekundäre Bearbeitung wirkt. 

Zuerst schrieb sie ein Kapitel, das von der Weihnachtsnacht in der 
Schmiede handelte. Es war ihr erstes, „und mehrere Jahre hindurch 

blieb es ihr einziges". ,. --■ 

Nach einigen Jahren kam ein zweites hinzu. Es war die Ge- 
schichte von dem Ball auf Borg und von den Wölfen, die Gösta 
Berling und Anna Stjämhök verfolgten. ., . . . . t 

Dies wurde ursprünglich gar nicht in der Absicht geschrieben, 
es "mit der Saga aufzunehmen, sondern als eine Art Gelegenheits- 
gedicht, das bei einer kleinen Gesellschaft vorgelesen werden 

(Soll 'sie die Novelle in die Saga einfügen?) „Aber sie war ja ein 
Abenteuer für eich, ganz abgeschlossen, sie würde sich sehsam aus- 
nehmen unter den übrigen, die hesser zusammenhingen. Vielleicht 
aber dachte sie dann, wäre es gar nicht so übel, wenn alle Kapitel 
der Saga solche mehr oder weniger in sich abgeschlossene Aben- 
teuer wären. Es würde schwer durchzuführen sein, aber unmöglich 
wäre es nicht. Es würden vielleicht Lücken im Zusammenhang ent- 
stehen. . 

Es verhielt sich aber so, daß sich dies alles in den achtziger 
Jahren zutrug, in der besten Zeit der strengen Wirklichkeitsdich- 
tung. Sie bewunderte die großen Meister dieser Zeit und kam nie 
auf den Gedanken, daß man in der Dichtung eine andere Sprache 
anwenden könnte, als die, deren sich diese bedienten . . . Obgleich 
ihr Gehirn übervoll war an Geschichten von Gespenstern und wil- 
der Liebe, von wunderschönen Damen und abenteuerlustigen Ka- 
valieren, suchte sie von dem allen in ruhiger, realistischer Prosa 

zu schreiben. ... , . i i- i 

Aber als die Saga schließlich fertig war, sah sie gar wunderhch 

" Sie war toll und wild; und mit dem Zusammenhang war es 
nicht besser hesteUt, als daß alle ihre Teile noch immer die alte 
Lust hatten, jeder seine eigene Straße zu ziehen ). , „. „ . 

Wir sehen also, daß der Dichter gewöhnlich mit vorgefaßter Mei- 
nung an sein Produkt herantritt, er mißt es an tradiüoneU gewor- 
denen Maßstäben. Er zwingt somit seine Gestalten, eine Sprache 
zu führen, die nicht ganz die ihrige ist. Und dann sucht der Dich- 
ter in (las Ganze einen Zusammenhang hineinzubringen, der ur- 
sprünglicb vielleicbt fehlte. Anders sesa^t, die Gestalt, unter welcher 
wir die Dichtung zu Gesicht bekomra-n, nicht ihre ursprunghche 
ist, es hat bereits die „sekundäre Bearbeitung" am Werke gewütet 



21B Goethe 

Wir wollen an einigen Gedichten Goethes die sekundäre Bearbei- 
tung vor Angen führen; wir werden uns dann überzeugen, daß 
hier mehr als hloß Btilistieche VerbesseruDg vorliegt. 

a) Im Gedichte „Wechsel" heißt ea: 

Es küßt sich 60 süße die L i p pe der Zweiten, 
Als kaum sich die Lippe der Ersten geküßt. 

So lautet die letzte Redaküon. In der Handschrift H^ hieß es 
aber: 

Es küßt sich 60 süße der B u s e n der Zweiten, 
Als kaum sich der Busen der Ersten geküßt^'"*) . 

Diese Änderung ist von derselben Art und von derselben Intensi- 
tät wie im Traume jenes Jünglings, der die nackten Mädchen durch 
Mädchenfiguren aus Marmor ersetzt. {Siehe S. 206.) Das unmittel- 
bare erotische Gefühl des Gedichts spricht vom Busen des Weibes, 
die Beziehung zur infantilen inzestuösen Sphäre ist dadurch gekenn- 
zeichnet. 

fa) Das Gedicht „Die Bekehrte" erzählt: 

Bei dem Glanz der Abendröte 

Ging ich still den Wald entlang, 

Dämon saß und blies die Flöte, 

Daß es von den Felsen klang . . . 

In einem ersten Abdruck stand aber geschrieben: 

Dämon saß und blies die Flöte, 

Daß mir's in die Seele drang. 

In einem zweiten Abdruck hieß es wieder: 

Dämon saß und blies die Flöte, 

Daß es durch die Seele drang""). 

In der ersten Fassung war die Seele des Mädchens von 
dem Flötenspiel des Knaben stark ergriffen. In der zweiten Fas- 
sung ist die Wirkung des Flötenspiels etwas abgeschwächt, denn die 
Seelenergriffenheit ist hier allgemeiner gefaßt, sie ist nicht mehr 
mdividuelle Äußerung des Mädchens, kein Ausfluß ihrer erotischen 
Stimmung. In der endgültigen Redaktion ist von der Seelenergrif- 
fenheit überhaupt keine Rede mehr. Diese Abstumpfung des Aus- 
druckes mutet wie ein Verdrängungsphänomen an. 

c) Und nun das Gedicht „Auf dem See": 

Und frische Nahrung, neues Blut 
Saug' ich aus freier Welt; 
Wie ist Natur so hold und gut, 
Die mich am Busen hält! 

(Endgültige Fassung.) 



Ein nnanschaulicher Traum 279 



Ich saug' an meiner Nabelschnur 
NunNahrungausderWelt, 
Und herrlich rings ist die Natur, 
Die mich am Busen hält!""*) 

(Fassung der Handschrift 'S}".) 

An der Nabelschnur saugt das Kind die Nahrung aus dem Mut- 
terleib. Somit ist die Welt = die Mutter''""). Die holde Natur, „die 
mich am Busen halt", ist also eine infantile Reminiszenz. Jetzt ver- 
stehen wir recht, warum der Dichter den Kuß auf den Busen durch 
den Kuß auf die Lippen ersetzt! Es liegt dies ganz in der Bichtung 
jener immanenten Entwicklung, die über den Inzest zur sonstigen 
Objektwahl führt. Im Prozesse der Verdrängung der infantilen 
Erotik wird die „Bu^enerolifc" (Bindung an die Mutter) durch die 
„Lippenerotik" (inzestfreie Objektwahl) ersetzt. 

36. Ich will jetzt einen Traum anführen, der frei von sekundärer 
Bearbeitung zu sein scheint. Außerdem ist eine Besonderheit dieses 
Traumes, daß er keine visuellen Momente enthält, er besteht aus- 
schließlich aus „Bewußtheiten". Dieser Traum (a) lautet: 

1. Sie werden verhaftet, gerichtet, aber freigesprochen. Es 
ftcheint, man ist damit unzufrieden. 

2. Es geschieht etwas, ich weiß aber nicht was, 

3. „Die heiligen Russen " {geträumte, aber nicht gehörte 

Worte). (Klingt ironisch.) 

Der Traum ist dreiteilig, wird aber als einheitlicher Traum emp- 
funden. Für das Wachbewußtsein seheint hier kein innerer Zusam- 
menhang gegeben zu sein. Der nicht halluzinatorische Charakter 
des Traumes ist im 3. Teil besonders unterstrichen: die Worte sind 
zwar geträumt, aber nicht gehört'''"'). 

Die Analyse des Traumes geht sehr schwierig: Zunächst fällt dem 
Träumer zum 1. Teil nichts ein. Zum 2. Teil: „Ich weiß wirklich 
nicht, was in mir geschieht! Meine Lebensaituation ist mir unklar 
geworden." Das bezieht sich auf seine Beziehungen zu einer ihm 
nahe stehenden Frau, die in letzter Zeit durch eine Komplikation 
unklar geworden sind, er weiß nicht, ob es gut ist, die Beziehungen 
weiter zu pflegen oder besser sie vollständig abzubrechen. 

Nun hat derselbe vor einigen Monaten folgenden Traum (ß) ge- 
habt, den wir zum Vergleich heranziehen wollen: 

„Ein Zimmer in einem öffentlichen Lokal. An einem Tisch 
sitzen Kerle, spielen Karten und benehmen sich gemein. Ich sitze 
auch dabei. Es kommt noch ein Kerl. Die Vorherigen geraten mit 
dem Neuankömmling in Konflikt und bringen ihn um. (Ich fühle 
die Mitverantwortung für diese Tat. Polizei wird gerufen. Ich 
fürchte zur Verantwortung herangezogen zu werden. Zugleich 
fühle ich aber, es sei recht 80. Ich wurde freigesprochen.") 



280 Analyse 

Vergleichen wir den eingeklammerten Teil dieses Traumes (8) 
mit dem 1. Teil des vorherigen Traumes (a), so merken wir, daß in 
beiden Fällen dasselbe geschildert ist, mit dem Unterschied, daß in 
dem einen FaU „Ich" freigesprochen wird, in dem anderen werden 
„sie freigesprochen. D. h. „Ich" und „sie" bedeuten bloß die „dra- 
matische Spaltung" desselben Individuums (oder wie du Prell in 
solchem Falle sich ausdrückt, „die Identität des Subjekts bei gleich- 
zeitiger Verschiedenheit der Personen"). 

Wir können nun den Traum ( ß) so deuten: Die Kerle, die beim 
lische sitzen und sich gemein benehmen = das Triebhafte; der 
Ankömmling = das Ideal-Ich. Diese beiden Elemente kommen in 
Konflikt miteinander, und das Ich wird von dem Triebhaften über- 
wältigt und geht zugrunde. Zwar wird das Triebhafte freigespro- 
chen, aber wie uns Traum {-xi schildert: „man ist damit unzufrieden". 
In dem Konflikt ist das Ich zugrunde gegangen, was geblieben ist, 
kann nur „mau" (= „Es") sein. Das ist begreiflieh, denn das Ich 
verträgt keine Widersprüche, das Ich muß einheitlich sein. 

,J3ie heiligen Russen — — " Der Träumer ist Russe. „Swjalaja 
Ruß" (das heilige Rußland) ist ein in alten Zeiten oft gebrauchter 
Ausdruck. Wie wenig die Russen aber heilig sind, weiß man zur 
Genüge. In dem Ausdruck, der soviel bedeuten will als „Schein- 
heiligkeit", macht sich der Träumer endlich über sich selbst lustig. 
Wir sehen, in dem Traume (a) steckt viel Zerrissenheit: weder 
die Triebhaftigkeit noch das Ideal-Ich gewinnt hier die Oberhand. 
Daraus wahrscheinlich erklärt sich der unanschauliche (nicht hallu- 
zinatorische) Charakter des Traumes: die Hemmungen wirken noch 
so stark, daß die Repression nicht vollkommen sein kann. Das Feh- 
len aber der „sekundären Bearbeitung" erklärt sich daraus, daß der 
Betreffende durch die psychoanalytische Schulung gelernt hat " 
die Schilderung seelischer Zustände nicht mehr hineinzutragen 1 
dort wirklich gegeben war. Sonst läßt man sich gewöhnlich dur h 
intellektuelle Vorurteile in der Schilderung seelischer 
Erlebnisse leiten und verfälscht sie dementsprechend. 

„Soweit wir den Sachverhalt durchschaut haben, müssen wir 
sagen, der wesentliche Faktor der Traumbildung ist ein unbewußter 
Wunsch . . .'*"')." Legen wir diesen Maßstab an unsere zwei Träume 
an und fragen uns, welche Wünsche in diesen zur Darstellung ge- 
langen. Im Traume (ß) ist es nicht schwer einzusehen: Im nicht 
eingeklammerten Teil dieses Traumes dominiert der Wunsch Trieb- 
mensch zu sein, was nur möglich ist, wenn das Ideal-Ich umge- 
bracht sei; diese letzte Bedingung bringt nun unser Traum zur Dar- 
steUung, wodurch dem Wunsche zur Triebhaftigkeit Genüge getan 
ist. Im eingeklammerten Teil dieses Traumes ist wiederum der 
Wunsch, freigesprochen zu werden, zur Darstellung gebracht. Im 
Traume (a) wirkt nur dieser letzte Wunsch (freigesprochen zu 
werden) traumbildend. Aber dieser Wunsch ist schon von Anfang 
an stark gehemmt und es geUngt ihm nicht, die traumhildende Arbeit 




Die vergleichende Methode 281 

voll Äu beherrschen, darum kommt es eigentlich nicht zu einem 
richtigen Traum. Was wir hier vor uns haben, ist bloß eine gewisBe 
Annäherung an einen Traum. 

Übrigens sind wir beim Traum (a) an die folgenden Worte 
Freuds erinnert: „Man kann Träume von oben und Träume 
von unten unterscheiden, wenn man diesen Unterschied nicht zu 
scharf fassen will, Träume von unten sind solche, die durch die 
Stärke eines unbewußten (verdrängten) Wunsches angeregt werden, 
der sich eine Vertretung in irgendwelchen Tagesresten verschafft 
hat. Sie entsprechen Einbrüchen des Verdrängten in das Wachlehen. 
Träume von oben sind Tagesgedanken oder Tagesabsichten gleich- 
zustellen, denen es gelungen ist, sich nächtlicherweise eine Ver- 
stärkung aus dem vom Ich abgesprengten Verdrängten zu holen. Die 
Analyse sieht dann in der Regel von dem unbewußten Helfer ab und 
vollzieht die Einreihung der latenten Traumgedanken in das Ge- 
füge des Wachlebena. Eine Abänderung der Theorie des Traumes 
wird durch diese Unterscheidung nicht erforderlich^'*'^ ) ." 

Auch unser Traum (a) ist ein solcher „Traum von oben", in dem 
also ein aktueller Seelenkonflikt dominierend ist. 

Wir machen noch auf die Methode aufmerksam, wie wir uns von 
den Einfällen des Analysanden unter Umständen frei machen kön- 
nen, ohne dabei uns nur auf die „Intuition" zu verlassen. Wir haben 
nämlich die beiden Träume (i) und (fi) wie Mythen behandelt und 
an ihnen die vergleichende Methode angewendet r indem wir das 
Freigesprochenwerden der „sie" des einen Traumes mit dem Frei- 
gesprochenwerden des „Ich" des anderen Traumes einander gleich- 
gesetzt haben (d. h. als gleichbedeutend annahmen), fanden wir 
den Schlüssel zu beiden Träumen. Natürlich setzt die Anwendung 
der vergleichenden Methode voraus, daß man mehrere Träume der- 
eelben Person aus weit auseinander liegenden Zeiten vor sich hat. 
In einer längeren Analyse ist das aber öfters der FaU"*""). 

Es kann aber vorkommen, daß auch ohne Zuziehung anderer 
Träume die vergleichende Methode sich anwenden laßt. Hier ein 
Beispiel dafür. Jemand träumt: 

Abenddämmerung. Er sieht durch das Fenster hinaus. Eine 
Flut, die immerfort anwächst. Die elektrischen 
Lampen brennen nicht mehr (eine Folge der Flut). 
Beängstigende, unruhige Stimmung. 

Er geht in eia anderes Zimmer, das aussieht, wie dag Zimmer 
seiner Kindheit. Am Bette der Schwester zündet er 
die elektrische Lampe an. Man kann sie jetzt 
nicht mehr auslöschen, sie brennt immerfort. 
Die unruhige Stimmung verstärkt eich. 

Um diesen Traum zu deuten, brauchen wir keine Einfälle des 
Träumers. Der Traum besteht aus zwei Teilen, die man als zwei 



282 Traum als Kompromißschöpfung 

Träume betrachten kann, um die vergleichende Methode an ihnen 
anzuwenden. In dem ersten Teile heißt es unter anderem: ,4Die 
Lampen brennen nicht mehr"; im zweiten Teile heißt es wiederum: 
„er zündet die Lampe am Bette der Schwester an". Das Brennen 
der Lampen bedeutet soviel als das erotische Brennen. Weil die 
inzestuöse Erotik zu stark ist, in der Sprache des Traumes „immer- 
fort brennt", kann eich die inzestfreie Erotik nicht entfalten. Darum 
brennen die Lampen im ersten Teil des Traumes nicht, sie sind, 
wie es scheint, daran durch eine Flut, die immerfort anwächst, ge- 
stört. In diesem Zusammenhange bedeutet diese immerfort an- 
dauernde Flut, wie im zweiten Teil die immerfort brennenden Lam- 
pen, die inzestuöse Erotik. Die unruhige, beängstigende Stimmung 
ist, wie wir bereits wissen, die Folge der erotischen Entbehrung. 
Man kann sie aber zugleich auch betrachten als die „Gewissens"- 
oder „SieherungB"-Angst, die sich gegen das „Sündhafte" richtet. 

In Wirklichkeit verhielt sich die Sache so: Der Träumer lebte 
seit längerer Zeit in sexueller Abstinenz. Er liebte zu jener Zeit ein 
junges Mädchen, das ihm zwar sehr zugeneigt war, aber vorläufig 
die bloß freundschaftlichen Beziehungen nicht übertreten wollte. 
In Briefen nannte er sie oft: „Meine teuere Schwester." Wir sehen, 
wie diese erotische Entbehrung eine Regression auf das inzestuöse 
Gebiet bewirkt. Die inzestuöse Stimmung aber bewirkt ihrerseits 
eine Unterbindung des normalen Stroms des erotischen Gefühls; es 
entsteht fast eine Art Impotenz. 

37. Der Traum ist eine Kompromiß Echöpfung von Wunach und 
Gegenwunsch, von Trieb und Triebhemmung. Im Traume kommt das 
Verdrängte zum Ausdruck, aber meistens eich den Forderungen der 
Verdrängung ein Stück unterwerfend. Im extremen Fall kann es 
darum auch vorkommen, daß entweder der Wunsch unverhüllt sich 
durchsetzt, oder nur seine Knebelung durch den Gegenwunsch 
durch die Hemmung die Traumszene beherrscht. In die eine Kate* 
gorie gehören jene offenen Wunscherfüllungsträume, wie die Hun- 
ger- und Durststillungsträume sind, sowie auch die ausgesprochenen 
sexuellen Träume (die man auch Pollutionsträume genannt hat) 
wie z. B. Traum Nr. I (dieses Kapitels), wo der Jüngling das Mäd- 
chen, das an sein Bett herantritt, vergewaltigt. In die andere Kate- 
gorie gehören jene Träume, wo sich das andere Extrem durchsetzt 
und die Wunscherfüllung zum Scheitern bringt, das sind die Angst- 
träume. 

Es sei darauf hingewiesen, daß nicht jeder Traum mit scheinbar 
peinlichem InhaU als Angsttraum zu bewerten ist. Wir erinnern 
hier an den oben (dieses Kapitels, 33) angeführten „Cbrislus- 
Iraum , wo das Gekreuzigtwerden sich als im Dienste der Größen- 
«ucht herausateUte, und der Traum als ein Trosttraum zu bewerten 
war. Die Traumanalysen leiten uns zum Schluß, daß die Gefühle, 
die man im Traume äußert, nicht aus den geträumten Situationen 
logisch folgen, sondern, umgekehrt, die Gefühle sind das 



ÄngsttrUume 283 



Primäre, das den Traum erzeugt. Folglich ist nur ein 
solcher Traum ala Angsttraum zu bewerten, in dem der Augataffekt 
irgendwie durchschimmert. 
Ein Herr träumt: 

Er geht mit Herrn NN. Ein Polizeihund läuft auf sie zu, womit 
er unzufrieden iat. Herr NN. wehrt sich mit der linken Hand 
gegen den Hund. (Er erwacht und hat dann als Fortsetzung des 
Traumes die folgende) Vision: Eine große Schildkröte. 

Das Erwachen aus dem Traume entlarvt ihn als einen Angsttraum. 
Denn jeder Traum iat in erster Linie ein „Wächter des Schlafes", 
ein „Bequemlichkeitstraum". Bringt uns aber die Traumsituation 
zum Erwachen, so bedeutet das das Scheitern der Traumfunktion, 
wir haben vor uns einen Angsttraum, wenn auch der Träumer nicht 
auadrückhch den Angataffekt angibt. 

Unaer Träumer hatte vor dreißig Jahren als Kind folgenden 
Traum : 

Er befindet sich am Ufer der . . . (Der Lieblingsort für die 
Spiele mit den Gefährten.) Es erscheint eine riesige Schildkröle, 
die in Galopp auf ihn zurennt. (In großer, herzklopfender Angst 
erwacht er.) 

Analyse. Der Herr NN. ist ein Doppelgänger des Träumers, 
denn er wehrt sich gegen den Hund, mit dessen Erscheinen der 
Träumer unzufrieden ist. Die linke Hand deutet auf etwas Ver- 
botenes hin (was nicht recht ist). Der Hund ist der Vertreter 
der echamloaen Sexualität. Der Traum zeigt uns den Kampf zwi- 
schen der extrem-tierischen („abgeepaUenen") Sexualität und den 
Verdrängungsiendenzen. Das Auftauchen der infantilen Vision zeigt 
uns die Quelle an, woher die sexuelle Konstellation des Traumes 
stammt: die Kindheit, — Zum letzteren Traum {aus der Kindheit) 
gibt der Träumer an: Schildkröten hat er damals am Traumtage 
bei einem widerlichen Kerl gesehen, der als Mieter in ihrem Hause 
wohnte; dieser hatte die Gewohnheit, das Kind zu liebkosen und 
auch zu reizen. Dadurch war, wie es scheint, ein Keim zum homo- 
erotischen Erleben un-I zu dessen Abwehr gegeben. Nun im Zimmer 
dieses Kerls sah er die Tiere am Boden herumkriechen und staunte 
sie neugierig an, aber ohne Angst. Im Traume tritt eine riesige 
Schildkröte auf, wogegen die Tiere in der Wirklichkeit sehr klein 
waren. Wir sehen, wie die lauernde Angst die Impressionen des 
Tages umarbeitet. Die riesigen Dimensionen der geträumten Schild- 
kröte sind der Ausdruck dea riesigen Kampfes zwischen Libido und 
Verdrängung. 

Zur Bekräftigung unserer Deutung führe ich noch einen Kinder- 
traum des nämlichen Herrn an: 

Der „Kerl" befindet sich im Zimmer. Das Kind fühlt sich sehr 
gepeinigt und kann nicht loskommen. 



284 Alpdrücken 



Wir sehen daraus, daß der Angstaffekt der beiden vorherigen 
Träume nicht auf die geträumte Situation (auf den Polizeihund 
und die riesige Schildkröte) zu beziehen sei, sondern ausschließ- 
lich auf die verdrängte oder zu verdrängende Erotik, Die geträumte 
Situation ist nur der Versuch, den Angstaffekt sozusagen rational 
zu begründen. 

Denn neurotische Angst taucht ursprünglich im Bewußtsein 
gegenstandslos auf, entweder in Form unmotivierten Angstanfallea 
oder als „ängstliche Erwartung" oder Unruhe unbestimmter Natur. 
Der Angstzustand wird aber bald vom Bewußtsein irgendwie plau- 
sibel begründet, durch diese oder jene Situation gleichsam moti- 
Tiert. Die Angst ist immer bereit, „sich mit irgendeinem passenden 
Vorstellungsinhall zu verbinden" (Freud). Dadurch wird der Aus- 
dehnungsbereich der Angst gleichsam verringert: in dem Rationali- 
sierungsbestreben äußert sich eine „Eindämmungetendenz", welche, 
„die Abgrenzung krankhafter Phänomene auf 
einzelne schärfer umrissene pathologische Ty- 
pen und Mechanismen" schafft""). 

Es wäre noch richtiger zu sagen, der Angstaffekt wird nach außen 
projiziert und tritt uns von dort als drohende Gefahr entgegen. 
D. h. es liegt im Angstaffekt die Tendenz zur 
Wahnhildung verborgen, 

38. Die Angstneurose hat auch auf dem Gebiete von Mythos und 
Sage zur Schöpfung von Angstgestalten geführt. So insbesondere zu 
den das „Alpdrücken" verursachenden Geistern, wie Alp, Mahr, 
Trude uaw. Die Mahre „iet die Seele einer noch lebenden Person, 
die während des Schlafes den Körper verläßt und sich auf den 
Körper des Mitmenschen setzt und ihn quält. In der Regel ist sie 
weiblicher Gestalt. Oft ist sie die Seele der Geliebten 
die ihren Liebsten im Schlafe drückt. Sie verläßt "n 
Gestalt eines Tieres den Körper und wandelt als Katze Hund 
Maus, sehr oft auch als Strohhalm oder Flaumfeder wahrend der 
Nacht umher. Durch Ast- und Schlüssellöcher kommt sie in die 
Stuben. Sie setzt sich auf des Schlafenden Brust und Kehle daß er 
weder atmen noch schreien kann. Verstopft man Schlüssel- und 
Astloch, so kann man die Mahre fangen. Dann hat man während 
der Nacht in der Regel einen Strohhalm in der Hand. Mit Morgen- 
grauen muß aber die Mahre ihre richtige Gestalt annehmen und 
dann ist sie meist ein nacktes Frauenzimmer"."'*) 
Die Quälgeister sind somit die Sexualohjekte, die Angst — die ver- 
wandelte Liehessehnsucht. 

Wir sehen, daß den mythischen Angstgestalten die animistieche 
WeltauffasBung zugrunde Hegt, die sich wiederum auf den Narziß- 
mus stützt. 

Wir sehen das am klarsten in folgender Erzählung aus einem 
mittelalterlichen Schriftsteller (Prätorius, Wehbeschreibung 2, 16) : 
Zwei Mädchen sitzen nachts am Tisch, und die eine sagt: 



Angstneurotisclie Vision 285 



Geist tue dich entzücken 

Und tue jenen Knecht drücken! 

„Darauf stieg ihr und der anderen Magd gleichsam ein schwarzer 
Rauch aus dem Halse und kroch zum Fenster hinaus, die Mägde 
fielen zugleich in tiefen Schlaf")" — Nach animistischer Auffas- 
eung zerfällt der Mensch in Körper und Seele, die sich vom Körper 
unter gewissen Voraussetzungen trennen kann. Während der schla- 
fende Körper hier ruhig liegenbleibt, wandert der „Geist" fort, um 
jemanden als «Alp" zu belästigen. Die alpdrückenden Frauen be- 
friedigen zur selben Zeit wie die sexuelle Phantasie der Frauen 
selbst, 80 auch die „ängstliche Erwartung" ihrer Sexualobjekte, der 
Männer. 

Daß solchen angslneurotischen Phantasien wirkliche halluzinato- 
rische Erlebnisse zugrunde liegen, ersieht man aus folgendem: Ein 
junger Mann meiner Beobachtung, der viele angstneurotische Sjtu- 
ptome zeigt, übernachtet im Dorfe K. im Hotel. In der Nähe des 
Hotels fließt der Dorfbach vorbei, dessen Rauschen man vernimmt. 
Im Halbachlummer tritt die folgende Vision auf: 

Unter dem Bette kommt plötzlich ein Mann zum Vorschein, 
klettert zu ihm aufs Bett (et hört das Knistern der Bettdecke), 
setzt sich ihm auf die Brust und würgt ihn. Mit großer Mühe und 
Anstrengung gelingt es ihm, zu sich zu kommen und das Gespenst 
zu verscheuchen. 

Diese angsineurotiache Vision ist nicht schwer als Ausfluß einer 
homosexuellen Begierde zu begreifen. Der junge Mann war wirklieh 
in dem Alter von 15 — 18 Jahren häufig homosexuellen Versuchun- 
gen ausgesetzt, tiefe Spuren davon sind noch hinterblieben. Im 
Dorfe K. wohnt ein bekannter Analytiker, mit dem er im Leben 
eine gewisse Komplikation hatte, von dem er sich beeinträchtigt 
fühlte und den er trotzdem zur Konsultation aufsuchte. Er war 
gewissermaßen „aus dem Hinterhalt überfallen". Diese Situation 
benutzt nun die verdrängte Homosexualität und schafft eine angst- 
neurotiacbe Halluzination: er ist von einem Mann, der unter dem 
Bette hervorkommt, überfallen — eine typische Vergewalligungs- 
phantasie. 

Zur weiteren Illustration noch folgende Alpsage: „War noch in 
Reinsbüttel bei Wesselburen bei einem Schmied in der Lehre, da 
ward ich auch einmal vom Nachtmahr geritten. Das war ein unan- 
genehmes Gefühl. Ich konnte gar keine Luft schöpfen und wollte 
schreien, aber konnte nicht. Endlich gelang es mir, das Tier zu 
erwischen. Das war so glatt wie ein Aa P" ) ." Der Aal ist, 
wie die Schlange, ein Phallossymbol. Die verdrängte Masturbation 
äußert sich hier in der peinlichen ängstlichen Vision. Das erschwerte 
Atmen („ich konnte keine Luft schöpfen") ist die bekannle Begleit- 
erscheinung des Koitus. 



286 Di« „BlnUangerin" 



Wie fest der Glaube an die Quälgeister noch fast in unseren Tagen 
im Volke wurzelt, das ersieht man aus einer merkwürdigen Gerichts- 
verhandlung. Am 3. Juli 1891 stand in den Wiener Blättern zu 
lesen: „Eine Frau Fanny StrobI, Bedienerin, verklagte das Mädchen 
Marie Wirzar, weil ihr dieselbe fortwährend offene Korrespondenz- 
karten mit den Titulaturen: Menschenfresserin, Trud, Hexe, ge- 
schickt habe. Eine derartige Karte lautete wörtlich: 

,J)u Blutsaugerin, Du hast mir schon die ganze Brust auege- 
sogen, ich habe nichts mehr als die Haut, jede Nacht fährst Du 
durch den Rauchfang!" 

,J)ie Schreiberin dieser Karte erzählte gestern dem Richter, daß 
ihr die Privalklägerin, seit sie (die Angeklagte) von ihr weggezogen 
sei, keine Ruhe lasse, sie von jedem Dienstplatze wegbringe und sie 
selbst während der Nacht besuche. Richter: Während der Nacht? 
Erklären Sie sich doch deutlicher. — Angeklagte: So eine Trud 
kommt wie ein Wind über die Menschen und betäubt sie. Wenn der 
Mensch zu sich kommen und ausrufen kann: ,JesuB, Maria 
und Josef!' dann läßt sie nach. Die Frau (mit dem Finger auf die 
Privatklägerin weisend) ist eine solche Trud. Sie vertreibt mich aus 
jedem Posten, so daß ich nirgends länger als drei Wochen bleiben 
kann. Gegen 12 Uhr, wenn ich im Bette liege, kommt sie unter dem 
Bette hervor, setzt sich auf mich und saugt mir das Blut aus der 
Brust. Ich bin schon so matt, daß ich gar nicht mehr arbeiten kann. 
Früher war ich stark und gesund, jetzt bin ich ganz mager weil sie 
mir schon alles Blut ausgesogen hat!" ' 

, Jetzt schreit eine Frau aua dem Zuschauerraum: Dös ia aaoU 
wahr! Sie soU ihr a Ruh lassen. Ich hab' selber g'eehen, daß s' f 
der Brust a ganz roten Fleck g'habt hat und am Arm d sie so » 
bissen, daß man urdntlich die Zahn sieht!*" 

„Der Richter wies die Frau mit strengen Worten zur Ruhe u d 
vertagte die Verhandlung behufs Zuziehung des Gerichisn sychia- 

Wir wissen nicht, wie sich der Gerich tspsychiater Über die Marie 
Wirzar geäußert hat. Jedenfalls fand sie im Publikum mit ihren 
Behauptungen Anklang; der Glaube an die Trud ist noch im Volke 
lebendig. In dem angeführten Falle haben wir es mit der verdräng- 
ten Homosexualität zu tun: die vermeintliche Trud besucht die 
Marie Wirzar nachts in ihrem Bette, setzt sich auf sie und saugt 
Uir das Blut aus der Brust. Die Angstwahnideen datieren von der 
Zeit an, da sie von der Frau Strobel wegzog: sie sind durch die un- 
befriedigte, homosexuelle Libido hervorgerufen. 

Der Mechanismus, der den oben geschilderten Angstwahnideen 
(auf homosexueUer Grundlage) zugrunde liegt, ist der folgende: 
Im Unbewußten gilt der Satz: „Ich (die Frau) Hebe sie (die Frau)." 
Dieser Gedanke wird abgewehrt: „Ich liebe sie nicht — ich hasse 
sie ja vielmehr." Das steht aber in Widerspruch mit dem Lieber 




Gewissensangst 287 



gefühl, das Haßgefühl sucht Stützpunkte, muß plausibel begründet 
werden, um bestehen zu können. Zu Hilfe kommt die Projektion: 
„Sie haßt mich, folglich muß auch ich sie hassen." So wird das 
Liebesobjekt in den Verfolger verwandelt, so daß jetzt der Wahn 
behaupten kann: „Ich liebe sie nicht — ich hasse sie vielmehr — 
weil sie mich verfolgt"')." 

Dieser Mechanismus läßt sich aber auch direkt aus der animisti- 
schen Auffassung ableiten: Aus der verdrängten Liebe entsteht 
Angst; animistisch wird aber jeder seelische Zustand, wie jede 
Krankheit auch, auf einen ihn bewirkenden Dämon, auf ein „Ich- 
Wesen" zurückgeführt (da doch für den Animieten jede Wirfcsam- 
keit Seelenhaftea bedeuten muß, hinter jedem Geschehen steht ein 
agierender Gott). Der paranoische Verfolgungswahn begegnet sich 
mit dem animistischen Wahn. 

39. Die neurotische Angst ist die Folge angehäufter Sexualerre- 
gung, sie tritt dann auf, wenn der Äußerung der Libido irgend- 
welche Hemmungen in den Weg treten. Die neurotische Angst ist 
somit die Reaktion auf sexuelle Entbehrung. Diese müssen nicht 
notwendig nur physischer Natur sein. „Vermissen die Sinnesorgane 
nur kurze Zeit, etwa einige Tage, die sie so angenehm erregenden 
und befriedigenden Impressionen, so stellen sich beim Liebenden 
Depressionen des nervösen Zentralorgans ein, wie sie ganz ähnlich 
bei der Entziehung narkotischer Reizmittel, etwa des Morphiums, 
beobachtet werden. Die Sehnsucht ist in der Tat ein der Morphium- 
Bucht verwandter Zustand des Nervensystems^^")," 

Von der neurotischen „E n l b e h r u n g s a n g s t", die durch 
äußere Umstände bedingt ist, muß man jene Angst unterscheiden, 
die durch gewaltsame Verdrängung erst geschaffen wird. Wir kön- 
nen in diesem Falle von „Ve r d r ä n gu n g a a n gs t" sprechen: 
hier ist die Anhäufung des erotischen Affekte« gleichsam künstlich 
hervorgerufen. Wird die Verdrängung aufgehoben, so schwindet die 
Anhäufung und somit auch die Angst. 

Wir haben früher auseinandergesetzt, daß ursprünglich die 
Angst nicht ein Produkt der Verdrängung, sondern 
selbst nur Verdrängungsmechanismue ist. überall wo 
eine magische Gefahr droht, wo ein Tabu verletzt werden kann, 
tritt Angst auf. Später mit der Bildung aus den Tabu Vorstellungen 
einer ethischen Instanz tritt die Angst entweder als Sicherung gegen 
das Verbrechen (Übertretung der ethischen Norm, des Tabuverbotes) 
oder nachträglich als Strafe auf. So entstehen die zwei anderen 
Arten der neurotiachen Angst: die Straf- und die Sicherun geangst, 
die wir beide zusammenfassend als „Gewissensangst" bezeichnen 
können. 

Zur Illustration der Gewisaensangst folgender Fall: 

,JE]in Mörder hatte einen so furchtbaren Traum, in dem seine 
Opfer ihn mit glasigen Augen anstarrten und drohend auftraten, 



288 Angst and "Wiinscherfüllung 

BO daß er den Untersuchungsrichter kommen ließ und ein volle» 
Geständnis ablegte"')." 

Seine Selbstbestrafung in Form von Angst war dem Mörder viel 
flchrecklicher als die Strafen, die ihm von Seiten der Gerechtigkeit 
drohten. — Ist bei Verdrängungeangst Aufgabe der Therapie Auf- 
hebung der Verdrängung, so tritt bei der Strafangst noch die Not- 
wendigkeit der „psychoanalytischen Absolution" (Entwertung der 
Motive der Verdrängung) hinzu. 

Auch die Angstträume mit inzestuösem Hintergrund sind Straf- 
angstträume. So z. B. Traum Nr. 10 (S. 228). Er brachte in der BU' 
dersprache der Mythologie den geschlechtlichen Verkehr mit der 
Mutter zur Darstellung. Der Angslaffekt am Ende des Traumes (da$ 
Zusammenfahren und Erwachen) ist die Reaktion gegen das Un- 
erlaubte (Scheitern der Traumfunktion). Hier hat die Angst den 
Charakter der Selbstbestrafnng, sie ist der Ausdruck des bedrückten 
Gewissens. 

Die Angst- und Strafträume scheinen die Wunscherfüllungslheorie 
des Traumes in Frage zu stellen. Darauf antwortet aber Freud: 
„Eine Wimscherfüllung müßte gewiß Lust bringen, aber es fragt 
eich auch, wem? Natürlich dem, der den Wunsch hat. Vom Träumer 
ist uns aber bekannt, daß er zu seinen Wünschen ein ganz beson- 
deres Verhältnis unterhält. Er verwirft sie, zensuriert sie, kurz, er 
mag sie nicht. Eine Erfüllung derselben kann ihm also keine Lust 
bringen, sondern nur das Gegenteil davon. Die Erfahrung zeigt dann, 
daß dieses Gegenteil ... in der Form der Angst auftritt. Der Träu- 
mer kann also in seinem Verhältnis zu seinen Traumwünschen nur 
einer Summation von zwei Personen gleichgestellt werden, die doch 
durch eine starke Gemeinsamkeit verbunden sind. Anstatt aller 
weiteren Ausführungen biete ich Ihnen ein bekanntes Märchen, in 
welchem Sie die nämlichen Beziehungen wiederfinden werden: Eine 
gute Fee verspricht einem armen Menschenpaar, Mann und Frau 
die Erfüllung ihrer drei ersten Wünsche. Sie sind selig und nehmen 
sich vor, diese drei Wünsche sorgfältig auszuwählen. Die Frau läßt 
eich aber durch den Duft von Bratwürstchen aus der nächsten Hütte 
verleiten, sich ein solches Paar Würstchen herzuwünschen. Flugs 
sind sie auch da; das ist die erste Wunscherfüllung. Nun wird der 
Mann bÖse und wünscht in seiner Erbitterung, daß die Würste der 
Frau an der Nase hängen mögen. Das voUzieht sich auch und die 
Würste sind von ihrem neuen Standort nicht wegzubringen; das ist 
nun die zweite WunscherfüUung, aber der Wunsch ist der des Man- 
nes; der Frau ist diese Wunscherfüllung sehr unangenehm. Sie wis- 
sen, wie es im Märchen weitergeht. Da die beiden im Grunde doch 
eines sind. Mann und Frau, muß der dritte Wunsch lauten, daß die 
Würstchen von der Nase der Frau weggehen mögen"*) ." Das heißt au- 
ßer den Wünschen, die Repräsentanten der partikulären Strebiingen 
sind, gibt es noch einen Wunsch, der aus der Gesamtpersönlichkeit 



Der „Verbrecher in ans" 289 



des Träumers kommt. Jeder einzelne Wunsch, jede einzelne Kegung, 
wenn sie allein zur Herrschaft kommen sollte, kann leicht zur Des- 
organisation, zum Zerfall des Ich führen. Der Wunsch des Ich, sich 
selbst gesund zu erhalten, d. h. die eigene Integrität zu wahren, 
kann sich auch traumbildend auswirken. Wenn in den gewöhnlichen 
Träumen der unbewußte traumbildende Wunsch dem Verdrängten 
angehört, so ist es bei den Strafträumen gleichfalls „ein unbewuß- 
ter Wunsch, den wir aber nicht dem Verdrängten, sondern dem 
,Ich' zurechnen müssen"."^") 

40. Wie sich die Strafangst völkerpsychologisch auswirkt, wollen 
wir an der Hand von Voikssagen zeigen. Hier z. B. eine pommersche 
Sage: 

Vor langen Jahren hat in Saal (Kreis Franzburg) eine Bauern- 
frau mit Namen Brummshagensch gelebt, die öfter Beisende, 
namentlich Vieh- und Pferdehändler, mit üirem Fuhrwerk nach 
Rostock beförderte. Eines Tages hatte sie einen Viehhändler dort- 
hin zu fahren, der eine wohlgefüllte Geldkatze um seinen Leib 
geschnallt trug. Diesen Mann soll Brummshagensch in ihrer Geld- 
gier umgebracht haben. Seitdem aber soll die Bube 
vonihr gewichen sein und nach ihrem Tode ging sie als 
Spuk um, indem sie ins Dorf Kommenden oder aus dem Dorf 
Gehenden aufhockte, ihnen Angst und Beschwerden verur- 
sachte und sie am Weitergehen hinderte. Den Leuten blieb 
Bchließlich nichts anderes übrig, als den Saaler Pastor zu Rate zu 
ziehen. Dieser bannte nun Brummshagensch an eine bestimmte 
Stelle des Saaler Holzes, des sogenannten Kuhläger, und erlaubte 
ihr, von hier jedes Jahr nur um einen Hahnenscbrei näher nach 
Saal heranzukommen. Eine Zeitlang ließ Brummshagensch nun 
nichts mehr von sich hören. Als sie dann aber von neuem in der 
Nähe des Dorfes zu rumoren begann, wurde sie zum zweiten Male 
nach dem Kuhläger gebannt und jetzt wurde ihr gestaltet, alle 
Jahre einen Hahnentritt näher zu kommen. Seitdem ist sie nicht 
wieder aus dem Walde herausgekommen. Im Walde aber 
spukt sie bis auf den heutigen Tag weite r'"). 

Brummshagensch ist der geldgierige Verbrecher, der noch ins- 
geheim in den Menschen lebt. Das alte Weib führt das aus, wozu bei 
den meisten schon der Mut fehlt. Die Reaktion gegen die kriminelle 
Tat ist der starke Angstatfekt: Brummshagensch verliert ihre Ruhe, 
läuft nach dem Tode als Spuk herum, der den Leuten Angst ein- 
flößt. Die Menschen projizieren ihre Angst nach außen und deuten 
sie in eine Angst vor dem Verbrecher um: sie ist aber die Angst vor 
dem „Verbrecher in uns". Die Bannung des Spukgeistes an 
einen bestimmten Ort ist der ethnopsycho logische Ausdruck der 
„Eindämmungstendenz". Die Bannung will aber nicht so leicht 
gelingen, was von der Stärke des kriminellen Komplexes zeugt. 

Die hemmende Funktion der Angst, die die Tat auszuführen hin- 
ig Xoplan, Ptychosnalyse 



290 I*»c „erlösende" Wirkung der Strafe 

dert — die Abwehrreaktion gegen daa Kriminelle — tritt eehr häu- 
fig in den Sagen von Schatzgräbern auf. Hier einige Proben. Ein 
Knecht hört eine Stimme, die ihm in der Nacht zuruft: „Geh dort- 
hin, wo der Schatz begraben liegt, es soll dein Glück sein." Als der 
Knecht an Ort und Stelle war, gewahrte er eine Tür, an welcher 
ein Schloß hing. Als er das Schloß erbrechen will, „sieht er 
plötzlich sich zur Seite eine Gestalt auftauchen, 
welche eine Flinte auf ihn anlegt. Da konnte er 
sich nicht mehr halten und stieß Laute des 
Schreckens aus. In demselben Augenblick verschwand die 
Tür vor seinen Augen". In einer anderen Sage machen sich einige 
Burschen in der Nacht daran, einen Schatz zu heben. Alles war im 
besten Zuge, „als plötzlich ein Wagen angefahren kam, welchen 
ein Kutscher ohne Kopf lenkte. Xu demselben Augenblick, wo der 
Wagen nahe herangekommen war, erhob sich ein gewaltiger Wind, 
die Laterne verlosch und die Schatzgräber liefen entsetzt davon" .''■^) 
Es gibt eine Unmenge solcher Sagen. Ihnen allen ist gemein, daß 
vor der Vollbringung der Tat plötzlich ein Hemmnis eintritt, 
irgendeine Schreckgestalt, die den Helden in Angst versetzt und 
die Tat zu unterlassen zwingt. Wo aber die präventive Angst nicht 
genügt, um die „böse" Tat zu verhindern, wirkt sie sich nachträg- 
lich als Strafangst aus. — 

Daß es Selbstbestrafung geben kann, mutet auf den ersten Blick 
befremdend an. Ist man aber tiefer in die psychologische Erkennt- 
nis eingedmngen, wundert man sich nicht mehr darüber. Denn es 
liegt in der Strafe, in welcher Form sie auch auftritt, eine e r 1 ö - 
aende Wirkung. Den Zusammenhang haben wir schon einmal 
berührt, er ist erstens magischer und dann infantiler 
Natur. 

Der magische Hintergrund der erlösenden Wirkung der Strafe 
liegt im folgenden Ideengang: Wie der Untergang der Sonne die 
Voraussetzung ist für ihr künftiges Aufgehen, so ist der Tod die 
Voraussetzung des Lebens. Das Leiden ist aber eine abgeschwächte 
Form des Todes, sozusagen ein partieller Tod, Aufopferung eines 
Gliedes des Körpers nach dem Prinzip pars pro toto (die ursprüng- 
lichen kriminellen Strafen sind doch meistens Körperstrafen). Be- 
geht jemand ein Verbrechen, so vergeht er sich gegen ein Tabu, 
das droht mit Unheil. Um dieses Unheil abzuwehren, kommt die 
Strafe (nach späterer religiöser Auffassung das Opfer an die Gott- 
heit). Es scheint natürlich, diese Strafe an jenem zu vollziehen, der 
das drohende Unheil heraufbeschworen hat. Wenn aber der Ver- 
brecher nicht zu erreichen ist, so begnügt man sich oft auch mit 
der Bestrafung eines Ersatzes. So bestrafte man in früheren Zeiten 
oft das Bild des Delinquenten. Das gegen den Verbrecher ge- 
Bprochene Urteil wurde an seinem Bilde vollzogen: „das Gemälde 
des Verbrechers auf eben die Art und Weise als er selbst gestraft 
worden, also daß eben dasjenige, was das Bild eines Menschen ge- 



Das AngEterlebnie der Geburt 291 



Wesen, auch das Bild der Strafe vorstellen muß"."") Das heißt die 
Strafe hat erlösenden Wert, sie ist eine magische Handlung, die den 
Zweck hat, das durch Verbrechen verursachte Unheil abzuwehren. 
Obgleich wir bewußt von dieser Auffassung fem zu stehen scheinen, 
benimmt sich aber unser Unbewußtes (in diesem Fall das Ideal- 
Ich), als hält es noch an dieser magischen Auffassung fest. 

Der infantile Mensch betrachtet die Strafe als etwas, was ihm 
Anrecht auf zukünftige Seligkeit gibt. Denn die Eltern überhäufen 
es oft mit verstärkten Zärtlichkeiten, wenn sie es gestraft haben. 
Also auch vom infantilen Standpunkte hat Strafe erlösende Wir- 
kung. Dieser Standpunkt wirkt sich auch religiös aus, indem ins- 
hesondere im Christentum behauptet wird: „Es gibt keinen anderen 
Weg zum Leben und zum wahren inneren Frieden als den Weg des 
Kreuzes" (d. h. des Leidens}'*^^). ^ 

Wir sahen früher, in der Analyse der schleeischen Sage von den 
Wasserlissen, wie der Junge, weil er ein Verbot übertritt, von den 
LiBsen gezüchtigt wird. Ebenso wird der Seher Teireaias von Athena 
geblendet, weil er die Freveltat begeht und seine Mutter im Bade 
belauscht. Der Neurotiker aber bestraft sich selbst, indem er seine 
Krankheitssymptome produziert. Hier wirkt sich noch eine psycho- 
logische Gesetzmäßigkeit aus: Jede Schmerzempfindung nämlich 
ist gewöhnlieh von einem mehr oder weniger intensiven Unlust- 
gefühl begleitet. Die feste Assoziation von Schmerz und Unlust ist 
wie jede Assoziation, umkehrbar, d. h. Unlustgefühle können zu 
Schmerzempfindungen führen. Bei neurotischen Personen kommt 
es so weit, daß das Unlustgefiibl der schuldbeladenen Psyche zu 
einem körperlichen Schmerz wirklich führt"^*)"'^). 

41. Wir haben oben von den Geburts- und Mutterleibephantasien 
gesprochen. Freud sagt über diese Art Phantasien: „Sie enthalten 
sowohl die Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler Menschen, 
lebendig begraben zu werden, als auch die tiefste unbewußte Be- 
gründung des Glaubens an ein Fortleben nach dem Tode, welches 
nur die Projektion in die Zukunft dieses unheimlichen Lebens vor 
der Geburt darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das 
erste A n ga te r 1 e h n i s und somit Quelle und Vor- 
bild des Angstaf f ektea""«)." 

Diese letztere Behauptung Freuds wollen wir naher prüfen. Ob 
der Geburtaakt ein Angaterlebnis sei, darüber läßt sich natürlich 
auf Grund unmitlelbarer Beobachtung nichts entscheiden, weil wir 
doch keine ununterbrochene Erinnerung von dieser Zeit besitzen. 
In der Analyse stoßen wir jedoch auf manche Träume, die solchen 
Schluß nahelegen. Hier z. B. ein solcher Traum: 

In der Umgegend seines Heimatdorfes. Er mit einigen Freun- 
den besichtigen ahe Ruinen. Er zeigt ihnen ein Loch in der Erde 
und erzählt, er erinnere sich, wie er einmal in diesem Loch 
steckengeblieben sei, konnte nicht vorwärts und nicht rückwärts 
und mußte fast ersticken. Er mußte große Angst dabei ausstehen. 



292 1*^8 AngsterlebniB der Geburt 



Wir wissen auch sonst, daß der Traum über ein viel weitgehen- 
deres Gedächtnis verfügt, als das Wachleben. Und wir wissen auch, 
daß Erlebnisse aus der frühen Kindheit meistens nicht als Erinne- 
rungen reproduziert werden, sondern als Wiederholungen in ver- 
schiedenen Symptomen (der „Wiederholungszwang"). Wir müssen 
also annehmen, daß manches, was in unserem wachen Erinnern nie 
reproduziert werden kann, irgendwie unser Traumleben beeinflus- 
sen kann. 

Und jetzt sehen wir uns unseren Traum genauer an. Die Erde 
=^ Mutter. Das Loch in der Erde = Vagina. Das Steckenbleiben in 
diesem Loche, weder vorwärts noch rückwärts können = die Ge- 
burt. Diese wird als ein großes Angsterlebnis angegeben. 

Ich muß noch die Bemerkung beifügen, daß der Analysand keine 
Ahnung von der angsterzeugenden Bedeutung der Geburt hatte, so 
daß er unbeeinflußt in diesem Punkte war. Ich selber verhielt mich 
auch skeptisch zu dieser Behauptung Freuds, erat dieser Traum 
machte mich über diesen Zusammenhang nachdenklich. 

Der Träumer, von dem hier die Rede ist, war ein Mann mit ziem- 
lich starkem Introversionshang. Nun muß für jeden Introvertierten 
das Verweilen im Mutterleibe, wo man von der Beziehung zu der 
Objektwelt befreit ist, wo man vor allen Schwierigkeiten und Be- 
schwerden des Lebens geschützt ist, als höchstes Ideal erscheinen. 
Der Traum will besagen: Wie mir damals das plötzliche Hinein- 
gestoßenwerden in das Leben so viel Angst gemacht hat, ebenso bin 
ich jetzt ängstlich, mich in die Schwierigkeiten des Lebens zu 
werfen"'). 

Wenn auch also die Geburt das erste Angsterlebnis sei, so bringt 
uns diese Einsicht doch keinen Schritt naher zum Verständnis des 
Angstaffefctes, Daß jedes Angsterlebnis seine Quelle und Vorbild 
in der Geburtsangst hat, sehe ich nicht ein. Jedesmal, wo der Mensch 
einer neuen Situation gegenübersteht, die auf seine Kräfte erheb- 
lichen Anspruch stellt, wo er nicht sicher ist, diesem Anspruch zu 
entsprechen{ die Gefahraituation realer oder magischer Natur), ent- 
steht Angst. Warum wir diese Angst unbedingt auf die Geburtsangst 
zurückführen müssen, ist nicht einzusehen'^^^a). 

42. In der Mutterleibsphantasie liegt nicht nur die Sehnsucht 
nach Wiedergeburt, sondern zu gleicher Zeit eigentlich die Sehn- 
sucht nach dem Tode. Aber wohlbemerkt die Sehnsucht nach jenem 
Tode, der als eine Voraussetzung des Lebens oder als eine Form des 
Lebens erscheint. Wir sahen oben, daß Freud der Meinung ist, daß die 
Mutterleibsphantasien den Glauben an die Unsterblichkeit be- 
gründen. 

Wir wollen nun zusehen, wie der primitive Mensch den Tod be- 
trachtet. „Dem altertum war der Tod kein tötendes wesen, bloß ein 
in die unterweit abholendes . . . Hierzu stimmt die jüdische, vom 
Christentum behaltene Vorstellung, des armen mannea seele wird 



Der Tod Im primiliven Bewußtsein 293 

von engein Gottes abgeholt und in Abrahams echoB getragen"^)." 
Nach ahn. Glauben hieß es: 

Zu Odin kommen die Edlen die das Eisen wegrafft 

Und der Troß der Knechte zu Thor^^«), 

Der Tod acheint dem primitiven Bewußtsein nur ein anders ge- 
artetes Leben zu sein. 

Wie wenig ernet der Tod vom Primitiven genommen wird, folgt 
auch aua den verschiedenen Gebräuchen bei der Bestattung. „Eine 
der ältesten Sitten aller germanischen Stämme ist es, dem Toten in 
Beinen Hügel dasjenige mitzugeben, was ihm im Leben teuer und 
wert gewesen ist, was er hier zu seinem Leben gebraucht hat . . . 
Schon aus der Steinzeit findet man Waffen, Handwerfczeuge, 
Schmucksachen in den Gräbern, die folgenden Zeitalter setzen die 
alte Sitte fort; Trinkhömer, Würfel, Ciasbecher usw. treten zu den 
früheren Gegenständen, und als der nordische Wiking ala Seekönig 
den Ozean auf seinen Barken durchfurchte, da bedurfte er des 
Schiffes auch noch nach dem Tode . . . Noch in diesem Jahrhundert 
legt man in Schweden den Toten Tabakspfeifen, Handmesser, ja 
selbst die gefüllte Branntweinflasche in den Sarg"*^")." 

Die Sitte, den Toten ins Grab Waffen, Werkzeug, Schmuck uew. 
mitzugeben, hängt ursprünglich mit magischer Auffassung des Todes 
zusammen. Man dachte sich den Tod als eine geheimnisvolle ma- 
gische Gewalt und fürchtete, von dieser magischen Gefahr irgend- 
wie erfaßt zu werden. Nun gehören nach magischer Auffassung die 
Sachen eines Menschen zu ihm, wie nach unserer Vorstellung die 
Glieder seines Körpers. Das assoziative Denken, das zugrunde der 
magischen Auffassung liegt, zwingt dann den Überlebenden in fol- 
gender Weise zu handeln: Wenn der Tote für den Lebenden eine 
Gefahr bedeutet (die magische Ansteekungsgefahr), so geht die- 
selbe Gefahr auch von den Sachen aua, die dem Toten gehörten, 
die also mit ihm untrennbar verbunden sind, man muß sie also 
ehenso bestatten (oder verbrennen), wie man das mit dem Toten 
selbst tut. Bei manchen Stämmen wird sogar die Hütte, in der je- 
mand gestorben ißt, verbrannt oder jedenfalls verlassen, weil von ihr 
eine Gefahr ausgeht. Aber auf diesem Grunde entstehen dann se- 
kundär Vorstellungen, wo man sich den Toten als fortlebend denkt. 
Denn wenn man dem Toten Sachen mit ins Grab gibt, so ist er 

nicht tot. 

Wie stark diese Vorstellungen sind, sehen wir aus folgendem 
Brauch der Kohls, einer indischen Völkerschaft: „Der Tote, dessen 
Körper man eben verbrannt hat, wird von dem Pahan (Oberprie- 
ster), dem Teufelspriester und den Gästen nach vollendetem Lei- 
chenschmaus auf einem Felde, das ihm angehört hatte, gesucht: 
,Wo bist du jetzt? Bist du in der Chatu (einem aufgestelllen Was- 
sergefäß) oder bist du unter dem Dornstrauch?' Da keine Antwort 
erfolgt, wendet sich der Teufelspriester zu den Umstehenden, die 



294 ^^^ '''"d im primitiven Bewußtsein 

gemütlich ihr Sukul rauchen: ,Nun, was weiß ich, wo er ist?' Jetzt 
wendet sich der Zug zu dem Bauernhause, das der Familie des 
Verstorbenen angehört hatte, zurück. Sie finden es verschlossen; 
mit dem Stocke schlägt der Pahan dreimal auf das niedrige Dach 
und fragt, wer drinnen ist. Er will erforschen, ob der Verstorbene 
sich in seinem Hause aufhalte. Und richtig, eine Stimme antwortet 
au8 demselben: ,Ich bin hier, was bringst du da draußen, bringst 
du Freude oder Schmerz?' Die Antwort lautet: ,Für Trauer bring 
ich Freude' — und sofort öffnet eich die Tür und ein Mann, der 
eich vorher heimlich hinter dieselbe gestellt hatte, tritt heraus. Alle, 
der Pahan an der Spitze, blicken nun in das Haus, um zu sehen, 
ob in der fingerdick auf den Boden gestreuten Asche noch weitere 
Spuren enthalten seien, als die an der Tür von dem Manne herrüh- 
renden. Man ist befriedigt, als man nichts entdeckt. ,Auf seinem 
Felde ist er nicht', sagt einer, ,in seinem Hause auch nicht, wer 
weiß, wo er ist?' ,0b er aber in der Nacht nicht wieder in sein 
Haus kommt?' meint ein anderer; ,wo soll er schlafen, wenn er 
keine Stätte gefunden hat?' ,Gewiß, er kann noch kommen*, be- 
stätigt ein anderer, ,darum macht die Asche glatt und bindet die 
Türe zu, damit niemand hereinkomme'. Nach dieser Weisung wen- 
det sieh der Mann seinem Hause zu und auch die übrigen Gäste zer- 
streuen sich. Kaum graut der Morgen, als sich auch schon vor dem 
Hause eine ziemliche Menge Menschen versammelt hat, die nur auf 
den Teufelaprieater warten, um das Haus zu untersuchen . . . Da 
tritt der unheimlich aussehende Mann auch schon in den Hof und 
. . . nun untersucht der Pahan genau die auf den Boden gestreute 
Asche. Aber so aorgaam er auch bis in den äußersten Winkel spürt, 
er findet nichts und erklärt heraustretend, der Verstorbene müsse 
wohl hei Singbonga, dem guten Gotte . . ., einen Wohnort gefunden 
haben, auf der Erde gehe er nicht umher. Die Freude der Anc*» 
hörigen ist groß und sofort gehen sie daran, das Haus von der Asche 
zu reinigen und wieder wohnlich zu machen'*')." 

Wir sehen hier noch Spuren der ursprünglichen Auffassung: das 
Haus, wo der Verstorbene früher wohnte, ist gefährlich, man nähert 
eich dieser Stätte mit einer gewissen Ängstlichkeit. Später entspringt 
daraus der Gedanke, der Tote kann vielleicht in seinem Hause her- 
umspuken. Das heißt aus der Angst vor der magischen (oder, wenn 
man will, der ansteckenden) Gefahr des Todes entwickelt sich die ani- 
mistische Idee des Spukes, des Herumirrens des Verstorbenen: wie 
die Seele den Körper während des Schlafes zeitweise verläßt und 
irgendwo herumschweift (der Traum), ebenso verläßt die Seele den 
Körper im Tode und spukt dann als Gespenst herum. 

Es ist klar, daß der Tod vom animistischen Standpunkt kein ge- 
fürchteter Zustand zu sein braucht. Das heißt er ist ein gefürchteter 
und nicht gefürchteter Zustand zugleich (Polarität). Dem Primitiven 
ist der Tod nur ein Leben nach dem Tode. Oder das „hier 
nicht anwesend sein". Das ist auch aus dem Folgenden ersichtlich: 



TodesselinBncbt und Ich-Spaltnng 295 



„Der Talmud Berachoth 58 b und demgemäß auch das Synagogen- 
ritual enthält die sonderbare Vorschrift: Wenn man einen Freund 
nach zwölf Monate langer Abwesenheit wiedersieht, so spricht man 
das Dankgebet: Gelobt aeiat du, o Herr König der Welt, der du die 
Toten wieder belebst^^^ )." Die längere Äbweaenheitund 
der Tod sind also ein und dasselbe! Es ist derselbe 
Standpunkt, den auch unsere Kinder öfters annehmen. So erzählt 
z. B. Freud: „Von einem hochbegabten zehnjährigen Knaben hörte 
ich nach dem plötzlichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen 
folgende Äußerung: Daß der Vater gestorben ist, verstehe ich, aber 
warum er nicht zum Nachtmahl nach Hause kommt, kann ich mir 
nicht erklären*"')." 

Weil der animistisch Denkende den Tod nur als „ein Lehen nach 
dem Tod" begreift, kann er leicht verleitet sein, den Tod sich zu 
wünschen. Leo Tolstoi schildert z. B. in seiner „Kindheit" folgen- 
des: Der Jüngling Nikolaus wurde eines Tages wegen einiger Ver- 
gehen vom Lehrer getadelt und vom Vater gezüchtigt. Das Mädchen, 
das er liebte, war ihm nicht geneigt und tanzte lieber mit den 
anderen. Nikolaus fühlte sich darum unglücklich und von aller 
Welt verlassen. Da entspinnt sich bei ihm eine Todesphantaaie: Er 
ist tot und liegt im Zimmer aufgebahrt; alle die Bösen, die ihn bis 
jetzt 30 verkannt haben, sie beweinen und beklagen ihn bitterlich. 
Sie stehen umher, erat jetzt haben sie begriffen, was sie an ihm 
verloren haben. „So wird . . . selbst der eigene Tod gewünscht, teils 
um den Angehörigen Schmerzen zu bereiten, teils um ihnen die 
Erkenntnis abzuringen, was sie an dem stets Zurückgesetzten ver- 
loren haben"M." 

In der geschilderten Todesphantaaie wird das Ich des Nikolaus 
„auseinandergelegt": als toter Körper liegt Nikolaus dort im Zim- 
mer aufgebahrt und wird von den Seinigen beweint; als unsterbliche 
Seele aber steht Nikolaus beiseile, beobachtet die Ereignisse und 
hat seine Freude daran. Diese Ich-Spaltung liegt viel- 
leicht jeder Todesaehnsucht zugrunde. 

So führt uns das Todesprohlem zum Narzißmus zurück. In der 
Narkissos-Sage hieß es, daß der schöne Jüngling sich selbst im 
Wasser erblickend, sich in die eigene Gestalt verliebt und in unbe- 
friedigter Sehnsucht dahinschwindet; an seiner Stelle läßt die Erde 
eine nach ihm benannte Blume aufsprießen (Röscher, Lexikon 
usw.). Hier tritt der Tod als Folge der unbefriedig- 
ten Liebeasehnsucht auf. Auch oben in der Todesphanta- 
aie des Jünglings Nikolaus ist dieses Moment vorhanden: weil sich 
Nikolaus in seiner Liebessehnaucht wie von Seiten des Mädchens so 
auch von selten der Eltern und Lehrer enttäuscht fühlt, eehnt er 
sich nach dem Tod. 

In der Narkissoa-Sage sehen wir noch folgendes: Narkissoa ißt 
gestorben. Aber aua seiner Vereinigung mit der Mut- 
ter-Erde ist neues Leben entstanden. 



296 TodesselinBiiclitstranm 



"Wenn wir das zergliedern, so erhalten wir eigentlich zwei Ge- 
danken: 1. Der Tod ist Voraussetzung des Lebens (d. h. 
wohl Voraussetzung für neues Leben). 2. Der Tod ist Ver- 
einigung mit der Mutter. (Mutterleihsphantaaie. Intro- 
version.) 

43. Aus all dem leuchtet es ohne weiteres ein, daß ea auch Todes- 
sehnsuchtaträume geben muß. Die Todessehnaucht ist eben auch 
ein Wunsch, der traumbildend sich auswirken kann. Wir wollen 
einige Beispiele anführen. 

Traum (a) : Er ist in einem Garten, in dem sich ein Sommer- 
theater befindet. Vor dem offenen Eingang steht viel Publikum, 
80 daß man draußen nicht viel vom Schauspiel zu sehen be- 
kommt ... Er tauscht seine Eintrittskarte gegen eine Sperrsitz- 
karte um und tritt in den Theatersaal ein, welcher ein kleines 
Zimmer ist, wo sich nur wenige Personen befinden . . . Man hört 
die gedämpften Töne einer Orgel ... Er befindet sich wieder im 
Garten, an seiner Seite geht sein verstorbener Freund X. (Selbst- 
mörder.) Im Garten sieht man merkwürdige hölzerne Gebäude, 
ohne Türen und Fenster, 

Analyse. Der Anfang des Traumes versetzt «na in eine Zeit, 
wo der Träumer noch ganz jung war; da besuchte er oft ein sol- 
ches Sommertheater. Gewöhnlich besaß er eine Karte, die nur zum 
Eintritt in den Garten berechtigte; bei großem Andrang bekam 
man meistens nichts vom Schauspiel zu sehen. Der Traum korrigiert 
die damalige ungünstige Situation, indem es dem Träumer jetzt ge- 
lingt, sich eine Sperrsitzkarte zu verschaffen. 

Man hat das Leben so oft mit einem Schauspiel verglichen wo 
das Schicksal das Amt des Regisseurs übernimmt. Der Träum' A 
bekommt aber von diesem Schauspiel (wie früher in seiner Juspn^l^ 
zu wenig zu sehen : Das Theater stellt nur ein klein 
Zimmer vor. Das bezieht sich auf die Dürftigkeit seiner Le- 
bensumstände, auf die Entbehrungen, unter denen er zu leiden hat. 

Die Orgeltöne erinnern den Analysanden an Kirchen. Früher 
liebte er es, mit seiner Frau Kirchen zu besuchen, um der Kirchen- 
musik zu lauschen. Jetzt ist er mit der Frau entzweit, die übrigens, 
wie er meint, an seiner jetzigen Misere schuld ist. Er trägt sich mit 
dem Gedanken, die Frau zu verlassen. Der Traum sucht die jetzige 
trostlose Situation zu korrigieren: an Stelle der Frau geht 
an der Seite des Träumenden der verstorbene 
F r e u n d. Die sich von der Frau abwendende Erotik schlägt den 
Weg zum verstorbenen Freund ein. 

Er befindet sich jetzt in Gesellschaft eines Toten, d. h. im Toten- 
reiche, worauf, wie es scheint, auch die hölzernen Gebäude ohne Tür 
und Fenster (=die Särge) hindeuten. Die gedämpften Töne der 
Orgel sind wohl als die Grabmusik aufzufassen. Er ist also tot, er 




1 



„Zum Tode verurteilt" 297 



selbst ist der Selbstmörder. Die Liebe zum Freunde ist narziß- 
Btiseher Natur (= die Liebe zum eigenen Doppelgänger). 

Die von der Frau sich abwendende Libido geht in horaoaexuelle, 
zugleich in narzißstische Liebe über. Die erotischen Affekte suchen 
ihr Objekt. Im Narzißmus bleibt er aber unbefriedigt, die Erotik 
drängt darum zur Todeseehnsucht. Bei einem altnorwegischen Dich- 
ter (Hävamäl 50) heißt es doch: „Der Baum, der einsam im Dorfe 
steht, stirbt ab und nicht Laub noch Rinde halten ihn fürder 
warm; so ist der Mann, den niemand liebt, was soll 
er länger leben?"'*^=) 

Der verstorbene Freund (der Selbstmörder) stellt den toten Kör- 
per des Träumenden dar. Seine unsterbliche Seele aber bleibt un- 
versehrt und beobachtet ruhig die Ereignisse. Die Ich-Spaltung, die 
der Todessehnsucht zugrunde liegt, tritt hier klar zutage. 

Traum (b) : Man führt ihn irgendwohin, er ist zum Tode ver- 
urteilt. Es gelingt ihm aber zu entfliehen . . . 

Er befindet sich in einem Hause im letzten Zimmer. Er 
hört, wie im nächsten Zimmer die Frau mit jemandem spricht. 
Durch die halboffene Tür bemerkt er einige Personen, an- 
scheinend Spitzel, die ihn suchen. Er springt durch das 
Fenster, läuft um das Haus herum, springt durch ein Fenster 
an der anderen Seite des Hauses wieder hinein; er versteckt sich 
hinter dem Flügel der offen gebliebenen Tür. Er 
denkt sich dabei, daß die Spitzel ihn hier 
schwerlich vermuten werden. 

Analyse. Als er sich zum Schlafen hinlegte, scharrte er am 
Tische, ohne dabei Bestimmtes im Sinne zu haben. Er stößt auf das 
offen liegende Taschenmesser und ergreift es. Sofort legt er es zu- 
rück, denkend: „Was willst du denn!" Dieser sofort zurückgedrängte 
Selbstmordimpuls wird im Traume wieder lebendig. 

Wir wollen mit unserer Analyse vorerst an dem letzten Teil des 
Traumes einsetzen. „Er befindet sich im letzten Zimmer." Das 
letzte Zimmer ist wohl der Sarg. Die Ursache des Selbstmordge- 
dankens ist unmittelbar angegeben: „Die Frau im nächsten Zim* 
mer spricht mit jemandem", also nicht mit ihm, sondern mit einem 
anderen. Auch in diesem Traume ist es die unerfüllte Liebessehn- 
sucht, die zum Selbstmord drängt. 

„Er springt durch das Fenster." Einmal, nach einem heftigen 
Streit mit seiner Frau, wollte er wirklich durch das Fenster sprin- 
gen, wurde aber von der Frau verhindert. „Durch das Fenster sprin- 
gen" bedeutet somit die Ausführung des Selbstmordes. Dem Selbst- 
mordimpulse stellt sich jedoch der Selbsterhaltungstrieb entgegen 
und gewinnt diesmal die Oberhand: dem Träumer gelingt es, der 
drohenden Gefahr zu entgehen. Die umständliche Darstellung dieses 
Kampfes drückt der erste Teil des Traumes viel einfacher aus; „er 
ist zum Tode verurteilt, es gelingt ihm aber zu entfliehen." 



298 ^^^ Kaminfeger ale Todesbote 

Der narzißstische Hintergrund des Traumes gibt sich im Ergrei- 
fen dea Messers vor dem Einschlafen kund. Erinnern wir uns des 
Falles des Zwangsneurotikers, der seine Mutter mit einem Messer 
erstechen wollte. Das Messer ist wohl ein Symbol des männlichen 
Gliedes. Das Ergreifen des Messers gegen sich selbst ist ein narziß- 
Btischer Akt, da er sowohl auto- wie auch objekt-erotisch gedeutet 
werden kann. (Das Messer — der Phallos — wird gegen sich, als 
Objekt, gerichtet.) 

Im Traume werden wirldiche Begebenheiten reproduziert. Der 
Analysand leitete vor einigen Jahren in Rußland eine kleine (ge- 
heime) Arbeiterversammlung. Sie befanden sich damals im letz- 
ten Zimmer des Hauses. Da erschien plötzlich die Polizei. Er 
stand nahe beim Fensler und wollte durch das Fenster die Flucht 
ergreifen. Es war aber schon zu spät und die Teilnehmer der Ver- 
sammlung wurden verhaftet. Im Traume ist er viel glücklicher. Ein 
Jahr später ging er in die Deportation. Nach kurzer Zeit entfloh er 
jedoch. Auf dem Dampfschiff versteckte ihn ein (eingeweihter) 
Schiffsbeamter in seiner Kabine hinter einem Vorhang, die Tür 
blieb aber offen und es gingen Leute in verschiedenen Dienstange- 
legenheiten ein und aus. „Hier können mich die Spitzel jedenfalls 
nicht vermuten", so dachte er damals. 

Der Traum erscheint jetzt als Trosttraum. Er will besagen : „Wie 
du schon einmal den Gefahren entronnen biet, so wird es dir auch 
jetzt gelingen, der Todeegefahr zu entgehen." Wahrlich, „die meisten 
begnügen sich mit den Selbstmordimpulsen", so daß jjnan beinahe 
den Eindruck gewinnt, daß viele Menschen nur 
durch ihre S e 1 b a t m or d p h ant a ai en am Leben er- 
halten werde n."^'") 

Der nämliche Träumer erkrankte, als er kaum sechs Jahre alt 
war, ganz plötzlich und so gefährlich, daß der herbeigeholte Arzt 
seinen Zustand für hoffnungslos erklärte. Nach einigen Tagen war 
er jedoch wieder vollkommen gesund. An jenem Abend, wo er in 
der Nacht erkrankte, ging er mit dem Vater spazieren. Sie waren 
in einem Garten, wo Militärmusik spielte; spät abends kehrten sie 
zurück nach Hause. Nachts erwachte er und weinte wahrscheinlich, 
denn die Mutter war aufgestanden, um zu schauen, was mit ihm 
sei. Vor der Genesung hatte er die folgende Vision: 

Auf dem Dache eines Hauses steht der Kaminfeger, der ihn 
unbedingt mitnehmen will. Aus seiner rechten Hand mit dem 
ausgestreckten Zeigefinger bildet nun das Kind so was wie einen 
Revolver und schießt den Mann oben tot. 

Aus dem Munde der Mutter wie auch der Großmutter weiß er, 
daß er aus seiner Bewußtlosigkeit, die einige Tage dauerte, mit 
den bezeichnenden Worten erwachte: „Jetzt habe ich ihn erschoa- 
een" — , und war bald wieder munter und gesund. 

Diese Vision drückt wohl den Kampf mit dem Tode aus. Der 



n 



Arnold Böcklin 299 



Kaminfeger ist die Figur, mit der man bo häufig die Kinder eln- 
zuBchüchtern sucht, man droht ihnen, der Kaminfeger werde sie 
fortschleppen, wenn sie nicht brav seien. Das Kind merkt aber 
bald, daß ea der Tod lat, der einen für immer wegrafft. Somit wird 
der Kaminfeger zum Todeshoten. 

Das Haus, auf dessen Dach der Kaminfeger stand, befand sich 
als letztes in der Häuserreihe auf dem Wege zu jenem Garten. In 
der Vision befindet sich daa Kind auf diesem Wege allein ohne Va- 
ter. Sollte vielleicht diese Vision zugleich eine Auflehnung gegen 
den Vater bedeuten? Auf dem Wege zur Lust wird das 
Kind vom Vater gestört, es verwandelt diesen in 
den häßlichen Kaminfeger und schießt ihn tot. Die 
Krankheit des Knaben dürfte von hysterischer Art gewesen sein, um 
die Liebe der Mutter (durch das Kranksein) in stärkerem Maße au 
sich zu ziehen'^'O- Nachdem der Störer (wenn auch auf phantasti- 
sche Weise) beseitigt war, konnte das Kind wieder gesund werden. 
Das Kind war durch unbefriedigte Liebessehn- 
Bucht zur Todessehnsucht gedrängt worden, hatte 
aber den Tod überwunden. Ebenso später der Erwachsene, 
wie dies uns die Analyse des Traumes (b) belehrt. Die Reaktions- 
weise des Erwachsenen ist bereits in der Kindheit vorgebildet, „ei- 
gentlich die ersten Kinderjahre den Rhythmus angeben, in dem sich 
das spätere Schicksal des Menschen erfüllt"."'*) 

44, Den narzißatischen Hintergrund der Todessehnaucht treffen 
wir auch bei Arnold Böeklin an. Daß er die Todessehnsucht kannte, 
wäre echon daraua zu vermuten, daß er die „Toteninael"' echuf. Man 
berichtet über Böcklin folgendes: „Im Sommer des Jahres 1880 hat- 
ten die schmerzhaften Leiden (Gelenkentzündung) eine schwere 
Nervendepression des Meisters herbeigeführt. Zu seiner Arbeitsun- 
lust waren Müdigkeit und so starke Melancholie hinzugekommen, 
daß seine Umgebung ernsthaft um ihn besorgt wurde ... Er reiste 
in Begleitung Friedrich Albert Schmidts im Juli nach Ischia, der 
reizenden Neapel vorliegenden Insel, um dort unter der glühenden 
Sonne des schönsten Sommerhimmels und in den blauen Wellen des 
Golfes eine Linderung seiner Schmerzen zu suchen. Jedenfalls aber 
reiste er noch recht hoffnungslos ah, ein nledergeachl agener Sklave 
seines Leidens und seine letzten trüben Worte an die Gattin waren, 
ßiewürdeihnnurgesundodergarnichtinFlorenz 
wiedersehen. Ob ihm der Gedanke an Selbstmord diese Worte 
eingab, oder ob sie bloß den eventuellen Plan einer dauernden 
Übersiedlung nach Süden andeuteten, läßt sich heute nicht mehr 
sagen. Jedenfalls war die damalige Gefühlsdepression Böcklins so 
stark, daß er in den ewigen Stunden des Schmerzes wohl oft mit 
dem Gedanken an einen freiwilligen Tod ernsthaft und überlegt 
gespielt haben mag''^*')." Schmidt hat „aus dem Munde Böcklins 
erfahren, daß in jenen Julitagen des Jahres 1880 der Anblick der 
Festung von lachia mit ihren steinernen Kasematten die Konzep- 



300 Identifikation mit dem Verstorbenea 

tion der ,ToteninBel' angeregt hat".^*") Der Anblick der Festung von 
Ischia wirkte bloß wie der Reiz im Assoziationsexperiment. Daß 
bei Böcklin narzißstische Regungen in der Tat noch aktuell waren, 
folgt aus seiner Arbeitsweise: „Modelle betraten nie sein Atelier. 
Den nackten Körper studierte er im Spiegel an 
sich 8 e 1 b s t^")." Der Narzißmus äußert sich darin ziemlich un- 
verhüllt. Erinnern wir uns nun an das Selbstbildnis Böcklins, wo 
der Tod ihm auf der Geige vorspielt und der Künstler mit gespann- 
ter Aufmerksamkeit zuhorcht. Es ist die symboHsche Darstellung 
der Todessehnsucht und des Narzißmus zugleich. 

45. Die oben entwickelten Beziehungen und Zusammenhänge ver- 
helfen uns auch manchen Totenbrauch und Aberglauben zu be- 
greifen. Hier nur einige wenige Illustrationen. Ana Dithmarschen 
z. ß. wird erzählt: „Früher fand hier (bei Begräbnisfeierlichkeiten) 
ein sogenanntes Chorsingen statt, indem ein Sänger, der 
gleichsam den Verstorbenen repräsentierte, den 
ersten Teil, die erste Hälfte einer Strophe, und der ganze Chor die 
andere Hälfte sang. In St. Annen mußte sogar früher ein 
Knabe ins Grab steigen und so auf dem Sarge ste- 
hend singe n^''^) ," Der Chor trägt hier gleichsam sich selbst zum 
Grab: indem der Chor in der Person des Chorführers sich mit dem 
Toten identifiziert, lebt er gleichsam die eigene Beisetzung mit. 
Es ist die Dramatisierung der narzißstischen Ich-Spaltung. 

Die dramatische Vorführung (und das ist jedes öffentliche Lei- 
chengeleit) bringt die allgemeine Todessehnsucht zum Abreagieren. 
Man ist nun wieder froh und lebenslustig, darum der Leicheil" 
schmaus. „Früher scheint man hei Trauermahlzeiten tüchtig ge- 
recht zu haben. In Ketelsbüttl, Kirchspiel Meldorf in Süddith- 
marschen, soll man sogar nm den Sarg getanzt haben, was auch 
noch vor nicht gar vielen Jahren in Schlichting geschehen ist=*a> « 

Der Zusammenhang zwischen Todessehnsucht und verdrancter 
Erotik ist aus dem folgenden Glauben ersichtlich: „Das Volk er^ 
zählt viele Sagen von gespenstischen Leichenzügen . . . Geistersich- 
tige Leute gab es früher fast in jedem Dorfe, und alle Sagen 
stimmen darin überein, daß einen (gespensti- 
schen) Leichenzug sehen, ein hübscher Anblick sein 
soll, während ein Brautzug häßlich aussehe, da 
die Braut mit dem Haare um die Zähne auf dem 
Wagensitz e°'^)." Wer einen Brautzug häßlich findet, der sieht 
gerne einen Leichenzug: die verdrängte Erotik schlägt in Todes* 
Sehnsucht um. 

Der narzißstische Hintergrund der Todessehnsucht offenbart sich 
auch in der allgemein verbreiteten Sitte, im Hause, wo ein Verstor- 
bener liegt, die Spiegel zu verhängen. Der Spiegel ist doch das äu- 
ßere Hilfsmittel, die Ich-Spaltung (Ich-Verdoppelung) hervorzu- 
rufen. In Königsberg z. B. verhängt man den Spiegel, „weil sonst 
die Leiche sich darin besieht und die Angehörigen auch 



Todessehnsacbt uaA nenrotisclie Angst 301 



später deren Abbild darin erblicken"."*) Hier tritt 
die Identifikation des Spiegelscbauers mit dem Toten klar zutage. — 

Die Identifikation mit dem Toten, die durch alle diese Gebräuche 
und Anschauungen hindurchschimmert, ist der Hauptgrund, warum 
dem Primitiven der Tod als eine gefährliche Magie (als eine magi- 
sche Gefahr) erscheint. Der Tote droht den Lebenden nach sich zu 
ziehen, es geht vom Toten eine gefährliche Anziehungskraft aus, der 
Tod ist gleichsam ansteckend. Darum ist der Mord verabscheuungs- 
würdig, er seUt in der primitiven Gemeinschaft eine gefährliche 
magische Potenz. 

46. W. Slekel berichtet über den Selbstmordversuch „eines hoch- 
begabten Künstlers, der sich von einem Freunde eine große Dosis 
Ziankali geben ließ, dieselbe austrank in der sicheren Gewißheit, 
in den Tod zu gehen. Es hatte sich aber nur um eine gehörige Do- 
sis Bromkali gehandelt, denn der Ärmste erwachte nach einem 
etwas längeren Schlaf mit einem dumpfen Kopf und war dem 
Leben wiedergegeben. Auch dieser Patient litt ebenso wie unter 
Zwangsvorstellungen und Selbstmordimpulsen unter den Vorwür- 
fen, die er eich wegen der bis ins hohe Alter hinein getriebenen 
Onanie machte. Seine schwerste Zwangsvorstellung lautete: E a 
könnte ihm jemand entgegenkommen und an ihm 
einAttentatverüben. Eigentlich eine homosexuelle Remini- 
szenz aus seinem 9. Lebenajahre".^*^) DerSelbstmord ist ein 
gegen sich selber gerichtetes sexuelles Atten- 
tat. 

Zum Vergleich mit diesem Fall führen wir einen Angsttraum an: 

Ein Landstreicher kommt die breite Treppe eines großen Hau- 
ses hinauf und fordert bei ihm {dem Träumer) einige Pfennige, 
er droht mit einem großen Stock. In großer peinlicher Angst 
läuft der Träumende durch die Zimmer des Hauses fort ... Er 
ist draußen. Aus dem Tor des Hauses, das sieh in dasjenige ver- 
wandelte, wo seine Kindheit verflossen war, kommt der Land- 
streicher. 

Analyse. Der Landstreicher ist eine wirkliche vom Analysan- 
den oft gesehene, arm gekleidete Persönlichkeit, die er gewöhnlich 
traf, als er zu seiner Braut ging. Am letzten Tage hatte er 
croße Sehnsucht, die Braut zu sehen, er hatte sie erwartet, sie kam 
aber nicht. Aus diesem und manchen anderen Gründen entschloß 
er sich, die Braut nicht wieder zu sehen. Abends wollte er in den 
Bibliothekkasten einen Bestellzettel werfen; das zu bestellende 
Buch handelte vom Leben der Landstreicher. Dann über- 
legte er sich, daß er morgen in der Bibliothek die Braut möglicher- 
weise treffen könnte, und unterließ darum die Bestellung. 

Die Deutung des Traumes liegt jetzt auf der Hand. Der Land- 
streicher befand sich gewöhnlich auf dem Wege, der den Analy- 
Banden zu seiner Braut führte. Die Vermeidung dieser, d. h. die 



302 TodeBgranen 



Verdrängung der Liebe zu ihr, hat die Form der Vermeidung des 
Laiidatreicliers (des Buches über ihn) angenommen. Am Ende 
kommt der Landstreicher doch, d. h. die Überwindung der Liebe ist 
nicht gelungen, die Verdrängung ist gescheitert. Der wiederauftau- 
chende erotische Affekt hat aber die Verdrängungstendenz gegen 
sich : der Träumer läuft fort. Aus diesem Widerstreit von Trieb und 
Gegentrieb scheint der Angstaffekt zu stammen, der die in das Ge- 
genteil verwandelte Libido ist. 

Der Landstreicher bedroht ihn mit dem Stock. Das kann als ein 
homosexuelles Attentat aufgefaßt werden^"). In Stekels Fall hatte 
der Künstler die Zwangsidee, daß jemand ihm entgegenkommen und 
ein Attentat auf ihn verüben wird. Den Inhalt dieser Zwangsvorstel- 
lung realisiert nun unser Traum: dem Träumer kommt jemand ent- 
gegen, um das Attentat zu verüben. Aber in unserem Traume tritt 
an Stelle des Selbstmordes der Angstaffekt: der Selbstmord 
acheint nun ein Mittel zu sein, um der ungeheue- 
ren Angst zu entgehen. 

Daß ein Zusaro;menhang zwischen Angst und Todessehnsucht ge- 
geben ist, ersieht man auch bei manchem Dichter. So in Schillers 
Don Carlos: 

Ich liebe ohne Hoffnung . . . 
Mit Todesangst. 
Ebenso bei Lenau, Don Juan: 

Daß um dich Schönen weiht ein Todesgrauen, 
Macht dich vielleicht gefährlicher den Frauen, 

Der Zusammenhang zwischen unbefriedigter Libido Angst nud 
Todessehnsucht tritt hier klar zutage. ' 

Die neurotische Angst, wie auch die Todessehnsucht, beide sind 
sie der Ausdruck unbefriedigter Libido; sie können darum einand 
ersetzen. Man kann auch zwischen beiden schwanken, dann t "tt 
leicht eine Synthese beider ein : dieAngstvordemTode 
T o de 8 grauen. Auf dieser Grundlage nimmt der Todesbote die 
Züge eines Alp (Angsldämons) an. 

Der Tod als Angstdämon tritt una z. B. in einer kleinen Erzäh- 
lung von G. P. S. Cabanis: „Fange! Klatsche! Eins, zwei, drei!" 
(in der Wochenschrift „Licht und Schatten", I. Jahrgang, Nr. 2, 
München 1910) entgegen. 

Im Hofe des Schlosses spielen Gerd und Inge Ball. Vom Sims 
des breiten Eckturms hing ein Wildrosenstrauch nieder. 

Gerd war am Werfen. Als Inge nach dem Ball in der Luft 
schaute, fiel ihr Blick auf die Rosen, sie fing und hielt den Ball 
in den Händen, 

„Was guckst du? Wirf!" rief der Junge ungeduldig. 

„Hast du den Rosenstrauch gesehen oben am Turme?" fragte 
die Kleine . . . „Ob wohl einer es wagen würde, einen Zweig von 
dem Strauch zu holen, wenn seine Dame ea forderte?" 



Der Kitoclieninann und das Kind 303 

„Wenn man eich vom Turmfenster aus vorsichtig aufs Gesims 
niederließe und sich an der Brüstung festhielte, könnte man den 
äußersten Zweig wohl erreichen", sagte er überlegend. 

„Fang!" rief Inge und warf den Ball in die Höhe. 

Gerd hatte die Hand am Kinn und sann; der Ball fiel unbe- 
achtet zu Boden. 

„Tolpatsch!" lachte das Mädchen. 

,J)u," sagte der Junge ernst, „jetzt bist du meine Dame, und 
ich bin dein Ritter, und ich hole dir den Zweig." 

^as tust du nicht." 

„Und das tu ich doch!" Und weg war er . . . 

Er war schon im Turme. Sie rannte hinterher, aber er hatte 
die schwere Tür ins Schloß fallen lassen, und das Kind konnte sie 
nicht öffnen. Einen halben, flüchtigen Blick schickte sie nach 
oben. Nein, sie vermochte es nicht, sie wollte es nicht sehen. Auf- 
geschrien hätte sie, und der Bruder wäre dann sicher herabge- 
stürzt. Zerschmettert sah sie ihn schon zu ihren Füßen. Es preßte 
ihr den Hals zusammen, sie drückte die Hand gegen die Augen. 
Dann kniete sie nieder und faltete die Hände. Da fiel ein Schat- 
ten vor ihr ins Gras, sie hob die Augen: ein Mann in langem 
braunen Mantel, mit Stundenglas und Hippe schritt auf die 
Turmpforte zu — der Tod. Inge erbleichte, sie fühlte es, er kam, 
um Gerd zu holen. 

Dag Kind sprang in die Höhe und trat dem Knochenmann in 
den Weg. „Lieber Herr Tod," sagte sie, ,»die Tür ist verschlossen, 
du kannst nicht hinein. Komm! Spiele Ball mit mir. Ich weiß 
ein ganz neues Ballspiel, das heißt: Fange, klatsche, eins, zwei, 
drei, das ist so schön, das mußt du lernen." 

Der Tod blieb stehen und sah verwundert auf das liebliche 
Kind nieder . . . 

„Ich habe aber keinen Ball", sagte der Tod . . . 

Inge sah sich flink um, in ihrer Herzensangst konnte sie den 
Ball nicht entdecken. 

„Weißt du was? wir spielen mit deinem Kopf. Du kannst ihn 
ja doch — herunternehmen . . ." 

„Bitte, bitte", drängte Inge wieder und hob die rosigen Patsch- 
händchen; und da der Tod sich ein wenig zu ihr niederbeugte, 
faßte sie herzhaft zu, obgleich ihr innerlich schauderte, nach dem 
kalten, harten Schädel und hob ihn ab. 

„Siehst du! So!" sagte sie schweratmend, und nun begann sie: 
„Fange, klatsche, eins, zwei, drei", und der Schädel flog klap- 
pernd in die Höhe und in ihre geschickten Händchen zurück . . . 

Der Tod stand und rasselte mit seinen sämtlichen Knochen, 
sprechen konnte er ja nicht, da er seinen Kopf nicht bei sich 
hatte, und nach dem Kinde greifen konnte er auch nicht, weil er 
dazu hätte sehen müssen, und auch hierfür braucht man den 



304 Erotieclie Erinnerungen in der Todesstunde 

Kopf . . . Er stand also und klapperte und streckte die Hände 
zum Fangen aua . . . 

Endlich öffnete sich die Turmpforte, und Gerd trat heraus, 
einen prächtigen Rosenzweig in die Höhe haUend. Da warf Inge 
dem Tod Beinen Schädel zu, lief zum Bruder und hing eich 
schluchzend an seinen Hals. 

Der Tod setzte den Schädel wieder auf, faßte Stundenglas und 
Hippe und ging davon . . . 

Wir sehen hier, wie Bruder und Schwester in die Beziehung von 
Ritter und seiner Dame zueinander treten. Im Namen seiner Liehe 
ist der kleine Ritter zur Heldentat bereit. Vom Momente der Tren- 
nung mit dem geliehten Bruder überfällt die kleine Dame die 
ungeheure Angst. Als Produkt dieser übergroßen Angst ist die Hal- 
luzination des Todes, des Knochenmannes. Todesbote und Angst- 
dämon fallen hier zusammen. — 

Merkwürdig ist es, daß manche Menschen gerade in der letzten 
Stunde des Lebena halluzinatorisch ihre Liebe nochmals erleben. 
So berichtet J. Chr. Heer vom Tode seines Vaters, dem einige Jahre 
vorher derjenige der Mutter vorangegangen war: „Als der Achtzig- 
jährige das Haupt selber ins Sterben neigte, da war sein letzter 
Gedanke bei der Mutter. In jenem Schlaf und Traum, der ihn vom 
Leben in den Tod hiniiberführte, ging beständiges Liebesgeflüster 
über Beine Lippen: ,Beth]i — Rehlein — du liebes, herziges — ich 
streichle dir das dunkle Haar. — Hörst du, wie schön die TöQ 
rauscht? — Nein, in dieser Mondnacht gehen wir nicht 80 bald 
heim!"=") 

Ebenso schildert der Bomholmer Dichter Marlin Andersen Nex5 
wie die alte Bäuerin, die „Großmutter*', stirbt. Da heißt es- 

Großmutter lag eine Weile schweigend da und schöpfte Atem. 
während sie zu einem welken Heidekrautstrauß hinaufstarrte der 
unter dem Balken hing. 

„Den hat er (der verstorbene Mann) wahrhaftigen Gott für 
mich gebunden, das erstemal, als er unser Lager in der blühenden 
Heide machte. Er mocht' die Heide so schrecklich gern. Anders, 
und jedes Jahr nahm er mich aus dem Schlaf heraus und führte 
mich da hinaus, wenn sie blühte, bis zu allerletzt, bis er abge- 
rufen wurd'. Ich war ihm immer neu, wie an dem ersten Tag — 
darum haben das Glück und die Freude auch beständig Wohnung 
in mir genommen . . ." 

„. . . und ich gehe mit Frieden davon und kann ruhig in mei- 
nem Grabe liegen. Ich bin hier auf der Erde um nichts betrogen 
und ich hab' nichts, warum ich wiederkommen müßt' . . ."*").'* 
Die alte Bäuerin wie auch der alte Heer, beide haben die Liebe 
voll gekostet, sie waren mit dem Leben zufrieden, sie sterben ruhig 
und in Frieden. Die Todesangst ist eben bloß ein neurotischer 
Zug. 



Traum als ^^unachertüllnng 305 

Die obigen so verschlungenen Erörterungen kurz zusammenlas- 
eend, können wir nun endgültig sagen: Der Traum (wie auch der 
Mythos) ist eine Wunscherfüllung. Nur muß man noch dabei be- 
achten, daß nicht nur diese Wunscherfüllung nicht offen, sondern 
mannigfaltig entstellt zum Ausdruck kommt; der Wunsch selbst, 
der traumbildend sich auewirkt, kann erstens sich als Angst mas- 
kieren, und zweitens braucht der Wunsch nicht bloß ein Lebens- 
wunsch zu sein, auch der Tod, wie auch das Leid überhaupt, kann 
unter Umständen gewünscht sein. 



I 
ao Kaplan, Psychoanalyse ) 

J 



i 



XIV. Die Affektverwandlung und der 
„primäre Bewegungsimpuls" 

1. Unsere letzteren Ausführungen haben vor uns das Problem der 
„A ffektverwandlung" aufgerollt. Wir sahen, wie sich die 
verdrängte Erotik entweder in Angst oder in Todessehnsucht ver- 
wandelt. Wir müssen uns darauf gefaßt machen, daß Philosophen 
uns einwenden werden, der eine Affekt könne sich doch nicht in 
den anderen verwandeln, wie soll das eigentlich vor sich gehen? Das 
eine Gefühl kann doch nicht seine Qualität ändern und etwas an- 
deres werden! Wir können aber den Philosophen darauf antworten, 
die Sache verhalte sich so, „als oh" die Qualität in eine andere 
übergeht. Oder vielmehr: Auch in der Physik sprechen wir von der 
Verwandlung der einen Qualität, z. B. der Wärme in die andere, 
z. B. in Arbeit. Natürlich sind Wärme und Arbeit alsbestimmte 
wahrnehmbare Qualitäten ineinander unverwandelbar, 
aber jene Verwandlung, die die Physik behauptet und behaupten 
muß, will bloß besagen: die verschwundene Wärmemenge und die 
an ihre Stelle gewonnene Arbeitemenge sind einander „äquivalent", 
treten unter bestimmten Voraussetzungen füreinander ein sind nur 
verschiedene Ausdrücke für dieselbe Wesenheit, die ,'Eneraie*' 
Nichts anderes meinen wir auch mit der „Affektverwandlunc"- der 
eine Affekt tritt an Stelle des anderen. Die Tatsache der Affekt- 
verwandlung" deutet eben darauf hin, daß hinter der wahr- 
nehmbaren Verschiedenheit der Affekte eine 
ihnen allen gemeinsame Natur steht. 

Die Affekt Verwandlung läßt sich auch unter dem Gesichtswinkel 
der Affe ktver Schiebung betrachten. In der neurotischen Angst z. B. 
verwandelt sich die Sehnsucht nach der geliebten Person in den 
gegenteiligen Affekt der Angst. D. b. dieLibidoverschiebt 
sich vom positiven Pol zum negativen, wenn wir die 
Liebe (das „Heimliche") und die Angst (das „Unheimliche") als 
einander polar entgegengesetzt erkennen. 

2. Wir haben früher ausgeführt, daß die Angst ursprünglich eine 
Form der Verdrängung ist: weil der auf autoerotischer bzw. nar- 
zißstischer Stufe stehende Mensch in der sexuellen Hingabe eine 
Beeinträchtigung seiner Persönlichkeit erblickt, also eine ihm 
drohende Gefahr darin sieht, hat er vor dieser Hingabe Angst. Die 
Angst bedeutet also in diesem Falle die Verdrängung des sexuellen 



Das Schamgefühl 307 



Affektes. Die Verdrängung besteht aber hier in nichts anderem als 
in der Verwandlung des sexuellen Affektes in Angst; sie ist eine 
andere Daseinsform des Sexualaffekte a. Spater 
wird diese Beziehung auch umgekehrt (nach dem „Gesetz der In- 
version") : wenn das Individuum auf Schwierigkeiten in der Liebea* 
affäre stößt, so verwandelt eich oft die unbefriedigte Libido in 
Angst. 

Xa nächater Nähe der Affektverwandlung von Liebe in Angst steht 
das Schamgefühl. Wir haben früher gehört, daß die Scham Merk- 
male der sexuellen Aufgeregtheit an sich trägt: das Erröten, die Be- 
nommenheit. Das Schamgefühl dürfte nur die abgcachwäcUte Form 
der neurotischen Angst sein. Das Peinliche, das dem Schamgefühl 
anhaftet, kennzeichnet seinen hysterischen Ursprung: es ist die 
Sehnsucht nach dem Nackten, Begehrenswerten, und doch zugleich 
die Abneigung dagegen. Derselbe Konflikt also wie im Falle der 
Angst, nur graduell von ihr verschieden. Und wirklich, das Scham- 
gefühl geht bei andauernder oder grober Verletzung leicht in Angst 
über. So berichtet Freud: „Eine Anzahl von unzweideutigen Be- 
obachtungen hat mir gezeigt, daß ein erstes Zusammentreffen mit 
dem sexuellen Problem, eine einigermaßen plötzliche Enthüllung 
des bisher Verschleierten, z. B. durch den Anblick eines sexuellen 
Aktes, einer Mitteilung oder Lektüre, bei heranreifenden Mädchen 
eine Angstneurose hervorrufen kann*").*' In solchen Fällen ist die 
Schamhaftjgkeit zu gewaltsam verletzt, das unbewußt Begehrte zu 
plötzlich vor das Bewußtsein gebracht worden, die gewöhnliche 
für das Alltagsleben berechnete Verdrängung genügt nicht mehr, 
weshalb die Scham bis zur Angst sich steigert. 

Das Schamgefühl ist zu wenig exakt erforscht worden, man hat 
ihm, wie mir scheint, nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. 
Ea gibt hier manches Merkwürdiges, was dem entwickelten Bewußt- 
sein des Kulturmenschen rätselhaft erscheint. So äußern manche 
primitive Völker Schamgefühl beim Essen, sie scheuen sich in 
Gegenwart anderer zu essen, es gilt als unanständig nicht abgewen- 
det eine Mahlzeit einzunehmen. Sonst sind die betreffenden Völker 
nicht prüde, die Nacktheit geniert sie weniger*'"). Wie sollen wir 
das begreifen? In erster Linie ist darauf hinzuweisen, daß hier wie- 
derum die Angst vor magischer Gefahr im Spiele ist. Alle Körper- 
öffnungen sind für die Auffassung des Primitiven Pforten, durch die 
böse Geister in den Menschen hineindringen können. Jeder andere 
Mensch, insbesondere aber jeder Fremde, bedeutet für uns eine 
Gefahr, wir wissen nicht, ob er uns gut oder böse gesinnt ist, ob er 
nicht vielleicht seine magische Macht uns zum Schaden ausüben 
wird. Und darum muß man in seiner Gegenwart vorsichtig mit dem 
Essen sein, nicht die Pforte öffnen, durch die er seine böse Magie 
schicken könnte. Diese Angst wird später abgeschwächt: man be- 
trachtet es bloß als nnhöflich in fremder Gegenwart zu essen. 

Der Primitive behandelt das Essen mit derselben Schamhaftig- 
atf* 



308 Sang-, Eß- nnd Trinkeroük 

keit wie wir das Sexuelle. Ea läßt sich vermuten, daß für den Pri- 
mitiven das Eesen nocli eine erotische Bedeutung besitzt. Daß ee so 
ist, kann man verschiedentlich beweisen. Ich will zuerst darauf hin- 
weiaen, daß z. B. die oben, Kap. XIII, 17 — 18, angeführte Analysan- 
din, die unter Schuldbewußtsein litt wegen den „kindlichen Un- 
arten", dasselbe Schuldbewußtsein auch auf das Essen übertrug. Sie 
litt unter einer starken Eßbegierde, verabscheute diese Begierde 
und verfiel ihr doch, machte sich heftige Vorwürfe darüber, ganz 
wie bei der Masturbation. Es war klar, daß sie das Eaaen eroti- 
siert hat. Ebenso macht man oft die Beobachtung, daß Mädchen, die 
unter starker Sexualverdrängung stehen, an Eßunlust leiden: sie 
wollen sich keine Lust gönnen. 

Freud nimmt an, daß die primitivste Äußerung der infantilen 
Erotik im Saugakt gegeben ist. Im Saugen an der Mutterhrust erlebt 
das Kind die erste erotische Lust. Daß es so ist, folgt 
auch daraus, daß viele Dichter das Saugen an der Mutterhrust zum 
Bilde der höchsten erotischen Lust erheben. Bei Goethe z. B. heißt 
CS („Die Braut von Meseina", V, 122): 

Gierig saugt sie seines Mundes Flammen. 

Ebenso heißt es hei Wieland: 

drückt sie mit festem Schluß 
An seine Brust und saugt den längsten Kuß, 
Den Sehnsucht je geküßt, aus ihren warmen Lippen. 
Femer bei Lohenatein: 

Wie sein Rubinenmund nach meinen Äpfeln lechzt 
und als ein saugend Kind an den Granaten zencht. 

(Rosen 25.)"") 

Lohenslein vergleicht direkt den Kuß mit dem Saugen des Kindes 
an der Brust (an den „Granaten")! 

Aus der Saugeroiik entwickelt sich eine Eß- und Trinkerotik. 
Und da sehen wir dann, daß das Essen und Trinken bei primitiven 
Völkern dazu dient, Freundschaft und (^meinschaft zu stiften. Bei 
den Eskimos z. B. liegt „im gemeinsamen Essen . . . der Ausdruck 
der Freundschaft".^''-) „Wie es selbst in zivilisierten Ländern manch- 
mal der Fall ist, so folgt auch beim Eskimo nach gemachtem Kauf 
und Verkaufe eine kleine Mahlzeit , . . Auf ein ausgebreitetes Fell 
legt der Hausherr ein Stück halbgefrorenes Renntierfleisch . . ., 
Bchneidet ein Stück ab und schiebt es dem neben ihm Sitzenden zu. 
Dieses Fleisch macht nun, indem jeder davon ißt, die Runde . . . 
Erst nach beendetem Mahle beginnt das C^spräch"^)." Nach der 
Auffassung der Kajan (Borneo) gehört jeder, der in ihrem Hause 
gegessen hat, zu ihrem Stamm, genießt also ihren Schutz"'''). Auch 
nach arabischer Auffassung gehört ein Fremder, sogar der Feind, 
wenn er nur das Mahl mit den Leuten teilt, zu ihnen^"). 

Das gemeinsame Essen und Trinken, d. h. der gemeinsame 
Genuß, einigt die Menschen, verbindet sie miteinander. Im ge- 



Haß unä Grausamkeil 309 



meinsamen Mahl kommt also das Objekterotische zum Ausdruck. 
Daraus folgt aber, daß das einsame Essen eigentlich ein autoeroti- 
scber Zug, ein Ausdruck der Introversion sei. Anders gesagt, die 
Schambaftigkeit des Primitiven beim Essen ist einer autoerotischen 
Fixierung gleichzusetzen: der Primitive weigert sich durch den ge- 
meinsamen Genuß in Verbindung mit den Mitmenschen zu treten. 

Nicht anders ist aber auch unsere Schambaftigkeit: das unreife 
Mädchen {die Unreife bedeutet doch nichts anderes als das Ver- 
harren in der autoerotischen Phase) widerstrebt eich, in die ero- 
tische Gemeinschaft mit dem Manne einzugeben. — 

3. Auch der Haß kann als Affektverwandlung von Liebe und als 
Sicherung gegen sie auftreten. „,Das Weib ist unser Feind' — wer 
BD als Mann zu Männern spricht, aus dem redet der ungebändigte 
Trieb, der nicht nur sich selber, sondern auch seine Mittel haßt," 
(Nietzsche, Morgenröte, Aphor. 346.) Der Haß ist also die Verdrän- 
gung der Liebe, zugleich aber nur eine andere Daseinsform der 
Liebe. 

Hier einige Dlustrationen. „Ein 24jähriger Mensch enthauptete 
mit dem Beile seine Tante. Er war . . ., da die Mutter zeitig starb, 
bei der Tante erzogen. Diese vergötterte ihn . . . (und) hat, wahr- 
Bcheinlich schon sehr zeitig, mit ihm Unzucht getrieben. Plötzlich 
fing er an, die Tante zu hassen und zu mißhandeln. Der geschlecht- 
liche Umgang mit ihr war ihm zuwider." (Kraft-Ebing.) Was ist 
hier der Haß? — Die erwachte Reaktion gegen die inzestuöse Ero- 
tik, ihre Verdrängung. Der frei gewordene sexuelle Af- 
fektsetztsichbierinHaßum. 

Da die Grausamkeit eigentlich als potenzierter, aktiv gewordener 
Haß sich auffassen laßt, so gehört hierher auch folgender Fall: „Ein 
bekannter Don Juan in Kairo, der ein türkisches Fräulein belästigte, 
fiel auf Anraten ihres Vaters und Bruders einem Racheakte zum 
Opfer. Er wurde in das PalaJa eingeladen, wo die zarle Hand des 
Mädchens das Brechen seines erigierten Penis vollbrachte, um den 
Verführer unschädlich zu machen"^)." Die Türkin entledigt sich 
der sexuellen Aufregung durch den Akt der Grausamkeit. 

Ebenso im folgenden Falle: „Der Weinhändler Bartle hatte schon 
mit 14 Jahren sexuelle Erregungen, jedoch entschiedenen Wider- 
willen gegen Befriedigung derselben durch Beischlaf bis zum Ekel 
eegen das weibliche Geschlecht. Schon damals kam ihm die Idee, 
Mädchen zu schneiden und sich dadurch geschlechtlich zu befrie- 
digen. Er verzichtete aber darauf aus Mangel an Gelegenheit und 
Mut. Neunzehn Jahre alt, schnitt er zum ersten Male ein Mäd- 
chen. Hierbei entleerte er Samen, von mächtiger 
Lust erfüllt . . .'^")-" Hier ist die Grausamkeit eine Verwand- 
lungsform des sexuellen Triebes: die adäquate Befriedigungstorm 
des Triebes wird verdrängt durch Verwandlung in Grausamkeit. 
Die Beziehungen zwischen Haß und Angst liegen auf der Hand: 



310 HaQ, HäOlicbkeit und Angst 



wir hasBcn alles, was nne Angst einzuflößen imstande ist. Man haßt 
den mächtigen Feind, ebenso die alte Hexe, vor der man sich äne- 
etigt. Der Haß ist nicht nur eine Sicherung gegen 
die Liebe, eondern auch gegen die Angst, die an 
Stelle der verdrängten Liebe treten sollte. 

Die Verdrängungstendenz des Hasses drückt sich auch im Begriffe 
des Häßlichen aus: das Häßliche ist uns verhaßt und, umgekehrt, 
erscheint uns zu oft das Verhaßte häßlich. Nach Grimm ist die ur- 
sprungliche Bedeutung von h äßlich haßhabend, feindsehg. So 
z. B.: er redt und redt, iederman musz im zuhören, damit so macht 
er sich unholtselig das alle menschen im heazii ch werden"*). Im 
Russischen heißt hassen nenawidetj; das ist zusammengesetzt 
aus ne =3 nicht und widetj = sehen, d. h. nicht sehen mögen; man 
mag aber auch das Häßliche nicht gern sehen. Dpr häßliche Teufel 
Und die häßliche Hexe sind Gestalten, die Angst einflößen. Auch 
der Tod wird oft in der Gestalt einer alten häßlichen grauenerregen- 
den Frau dargestellt. Es besteht also eine Äquivalenz zwischen Haß, 
Häßlichkeit und Angst. 

In manchen Märchen wird durch den häßlichen Frosch ein ver- 
wünschter Prinz dargestellt, den endlich eine arme Tochter, die Hel- 
din des Märchens, heiratet. Der Frosch stellt „das Sexuell-Unheim- 
liche, Ekelhafte dar. Durch diese Symbolik spricht die ursprüng- 
liche sexuelle Abneigung und SprÖdigkeit des Mädchens".'''''') So- 
lange das Mädchen ihre Erotik verdrängt, ist der Prinz ein häß- 
licher, unheimlicher Frosch ; wird aber die Sexualverdrängung aufge- 
hoben, so verwandelt sich der häßliche Frosch in einen schönen Prin- 
zen. Später werden die Begriffe „Schön" und „Häßlich" verallge- 
meinert und bedeuten in übertragenem Sinne: die Tugend und das 
Laster. 

E? ist wichtig, eich die interessante Reihenfolge zu merken: Die 
Schani, die Angst, der Haß {bzw. das Häßliche und 
Ekelhafte), die Grausamkeit. Die Scham ist die Form 
der nicht allzu starken, die Angst diejenige sehr intensiver Ver- 
drängung. Im Haß und in der Grausamkeit tritt zu der intensiven 
Verdrängung noch ein starkes egoistisches Moment hinzu: die Psv- 
che will sich des Peinlichen, das dem Angstzustande anhaftet, ent- 
ledigen, indem sie es einem anderen zufügt. 

4. Alle die oben geschilderten Zusammenhänge sind merkwür- 
digerweise in Hebbels ,Judilh" anzutreffen. Wir geben darum an 
dieser Stelle eine kurze Analyse dieses Dramas""^"). 

Judith schildert ihre Brautnacht: „Ach, und der Abend war so 
verlockend, so verführerisch, man könnt' ihm nicht widerstehen; 
der warme Wmd hob meinen Schleier, als wollt' er sagen: nun ist'a 
Zeil; aber ich hielt ihn fest, denn ich fühlte, wie mein Gesicht 
glühte und ich schämte mich dessen." Nun kommt Ma- 
nasaes zu ilir. Ihre weiteren Gefühle gibt Judith so wieder: „mir 



Hebbels Judith" 311 



ward wieder schwer und ängstlich, ah ich mich mit Ma- 
nassea allein befand". Im letzten Moment verstärkt sich der Wi- 
derstand und die Scham steigert sieh bis zur Angst, 

Aber der Bräutigam konnte selbst seine Angst nicht überwinden 
und 8o blieb die Ehe unvollzogen, eine Scheinehe, bis der Mann 
nach einigen Monaten starb. Die unbefriedigte Libido ruft bei Ju- 
dith Selbstmordimpulee wach, denen sie durch übertriebene Fröm- 
migkeit Einhalt zu tun wähnt. Denn sie sagt zu ihrer Dienerin Mir- 
za: „Du hast oft gesehen, daß ich manchmal, wenn ich still am 
Webstuhl oder sonst bei einer Arbeit zu sitzen scheine, plötzlich 
ganz zusammenfalle und zu Gott zu beten anfange. Man hat mich 
deswegen fromm und gottesfürchtig genannt. Ich sage dir, Mirza, 
wenn ich das tue, so geschieht's, weil ich mich vor meinen Gedan- 
ken nicht mehr zu retten weiß. Mein Gebet ist dann ein Unter- 
tauchen in Gott, es ist nur eine andere Art von Selbst- 
mord, ich springe in den Ewigen hinein wie Ver- 
zwoifelndeineintiefesWasser — ." Darauf Mirza (mit 
Gewalt ablenkend): „Du boIIbI lieber in solchen Au- 
genblicken vor einen Spiegel treten. Vor dem Glanz 
deiner Jugend und Schönheit würden die Nachtgespenster scheu und 
geblendet entweichen." Als wirksames Heilmittel gegen die Selb8^ 
mordgedanken wird hier der Narzißmus angepriesen. Aber dieser 
Vorschlag findet bei Judith kein williges Ohr: „Ha, Törin, kennst 
du die Frucht, die sich selber essen kann? Du wärest besser nicht 
jung und nicht schön, wenn du es für dich allein sein mußt." Die 
Objekterotik gewinnt also die Oberhand. Als Ephraim (ihr Ver- 
ehrer) ihr von dem schrecklichen Holofernes und seinen Greuel- 
taten erzählt, ruft Judith aus: „Ich möcht ihn sehen!" — Ephraim: 
Wehe dir, wenn du von ihm gesehen würdest! . . . Hätte er dich In 
den Mauern der Stadt gewußt: deinetwegen allein wäre er gekom- 

j„gn!» Judith (lächelnd): „Möcht' ee so sein!" — Und sie geht 

dann ins Lager des Gefürchteten. Das Motiv ist wohl, um ihn zu er- 
Bchlagen und dadurch das Volk Israel von dem mächtigen Feind zu 
befreien. „Aber des Weibes Problem lautet niemals: wie rette ich 
mein Volk?, sondern allzeit: wie werde ich mit dem Manne fertig?" 
f Witteis.) Mit Recht fragt nun später Mirza ihre Herrin: „Du 
rächst von Rache. Eins muß ich dich fragen. Warum kamst du im 
Glanz deiner Schönheit in dieses Heidenlager?" — Judith: „Das 
Elend meines Volkes peitschte mich hierher, die dröhnende Hun- 
cersnot . . Oh, nun bin ich wieder mit mir ausgesöhnt. Di e s al - 
lesha'tt' ich über mich selbst vergessen!^' — Mirza: 
,JDu hattest esvergeesen. Das also war's nicht, was 
d i c h t r i e b , als du deine Hand in Blut tauchtest!"'") Die Idee, 
das Volk zu befreien, war nur das rationale, man möchte fast sagen 
heuchlerische Motiv ihrer Handlungsweise; das wahre, unbewußte 
Motiv hat Judith durch ihr „Versprechen" erst verraten. 

Wir wollen jetzt zusehen — und das war das eigentliche Ziel 



312 Grausamkeit tind Sexnalableliniiiig 



unserer Analyse — , wie sich die Affekte der Judith bei der Begeg- 
nung mit Holofernes entfalten. 

Holofernes: WahrHch, wahrlich, dies Weib ist begehrenswert! 
Judith {richtet sich auf): Ja, ich hasse dich, ich verfluchte dich, 
und ich muß 03 dir sagen, du mußt wissen, wie ich dich hasse, wie 
ich dich verfluchte . . . Nun töte mich! 

Holofernes: Dich töten? Morgen vieUeicht, heute woUen wir 
miteinander zu Bett gehen. 

Judith (für sich) rWieistmirmiteinmalsoleicht! 
Sie ist von Holofernes als Helden so bezaubert, daß sie end- 
lich ausruft: „Gott meiner Väter, schütze mich vor mir 
selbst, daß ich nicht verehren muß, was ich ver- 
abscheue! Er ist ein Mann . . . Ich muß ihn morden, 
wennich nicht vorihm knien soll." 

Wir sehen jetzt klar, was dieser Haß und diese Grausamkeit be- 
deuten: die Ablehnung der Liebe. Weil Judith in ihren heimlichsten 
Gedanken längst Holofernes angehört, anderseits aber ihr Ideal-Ich 
sich dem widerstrebt, verwandelt sich die Erotik in Haß und Grau- 
samkeit. „In die Lippen biß ich ihn, als er mich küßte", erzählt 
Judith. Als sie noch immer schwankt und zu ihrer Tat nicht Mut 
genug fassen kann, da bemerkt sie, wie Holofernes im Schlafe lä- 
chelt: „Er lächelt. Ich kenn's, dies Höllenlächeln; so lächelte er, ala 
er mich zu sich niederzog, als er — Tot' ihn, Judith . . . Willst du 
zögern, bis die wieder hungrige Begier ihn weckt, bis er dich aber- 
mals ergreift und — — (aie haut des Holofernes Haupt ab)." 

Die sexuell erregte Judith schwelgt in erotischen Phantasien die 
grausame Tat aber setzt sich als Abwehrreaktion, als Sicherungstat 
durch. Die Grausamkeit ist die V er w a n d I u n r d c a 
intensiven erotischen Verlangens bei allzu in- 

tensiverSexualablehnung. 

Daß hinter der Grausamkeit öfter die Verdrangungsfunktion ihre 
Arbeit verrichtet, ist auch aus Folgendem ersichtlich. Der berüch- 
tigte Marquis de Sade hat einen literarischen Entwurf hinterlas- 
sen, in welchem unter anderem zu lesen steht: „Beweis, daß die 
Frauen nach den großen Gesichtspunkten der Natur unnütze Ge- 
schöpfe sind, daß diese die ersten Männer ohne Frauen geschaffen 
hat, daß die Frauen von den Männern gefunden (trouvees) worden 
sind, die sie genossen haben, und daß die Art sich so vermehrt hat 
aber daß sie doch nur ein sekundäres Mittel der Natur sind, wo- 
durch sie selbst beraubt wird, sich ihrer ersten Mittel zu bedienen 
Uaü infolgedessen ein ihnen auf wirksame Weise zugefügter Scha- 
den, der alle Frauen vernichte, oder auch der Vor- 
satz der Männer, nie wieder mit Frauen ge- 

schlecht 1, eh zu verkehren, die Natur zwänge, um die Art 
zu erhalten, wieder zu ihren ersten Mitteln zurückzukehren*")." 
Entweder müssen also die Frauen vernichtet werden, oder wenig- 
stena ßoUen die Männer mit den Frauen nicht mehr geschlechüich 



Sadismus und Hochmnt 313 



verkehren: die Grausamkeit und die Sexual ab lehnung sind selbst 
von diesem Hypersadisten einander gleichgestellt. 

5. Die Verbindung der Grausamkeit mit der Äußerung der Libido 
ist eine rätselhafte Erscheinung, die der bisherigen Forschung viele 
Schwierigkeiten bereitete. Um das Rätaelhafte an dieser Verbin- 
dung unserem Verständnis etwas näherzubringen, behaupten manche 
Forscher, daß „der Sexualtrieb der meisten Männer eine Beimen- 
gung von Aggression, von Neigung zur Überwältigung (zeigt), deren 
biologische Bedeutung in der Notwendigkeit liegen dürfte, den Wi- 
derstand des Sexualobjekts noch anders als durch Akte der Wer- 
bung zu überwinden. Der Sadismus entspräche dann einer selbstän- 
dig gewordenen, übertriebenen, durch Verschiebung an die Haupt- 
stelle gerückten, aggressiven Komponente des Sexualtriebes", Freud, 
von dem diese Worte stammen, erklärt einige Zeilen später: „Daß 
Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, lehrt die 
Kulturgeschichte der Menschheit über jedem Zweifel, aber in der 
Aufklärung dieses Zusammenhanges ist man über die Betonung des 
aggressiven Moments der Libido nicht hinausgekommen''^*)." Nun 
hat man aber mit Recht darauf hingewiesen, daß die aggressive 
Komponente der Sexualität noch nicht Sadismus sei: von diesem 
darf man erst dann sprechen, wenn „die Quelle der sexuellen Lust 
vom sexuellen Betätigungsgebiete auf das Gebiet der Aggression 
verschoben wurde. Der Sadist findet die sexuelle Endlust nicht dar- 
in, daß er Gewalt- oder Schmerzzufügung bei einer sexuellen 
Befriedigung ausführt, sondern behufs Besitzergreifung oder 
Schmerzerregung als Endzweck".'''*) Das heißt wenn auch der Li- 
bido eine aggressive Komponente beigemengt ist, ao erklärt sich 
daraus noch keineswegs jene Übertreibung des Grausamkeitsmo- 
mentes, die augenscheinlich dazu führt, die Grausamkeit selbst lust- 
voll zu erleben. 

Wie in der Neurose im allgemeinen, ao spielt auch im Falle des 
Sadiemua das Erlebnis eine viel wichtigere Bolle als ein even- 
tnell angeborenes Moment. Wie schon Milieu und falsche Erziehung 
einer sadistischen Einstellung die Wege bahnen, sehen wir beim 
Marquis de Sade, der von sich selbst erzählt: „Durch meine Mut- 
ter mit ^^"^ höchsten Adel Frankreichs verwandt, durch meinen 
Vater mit den ausgezeichneten Familien des Languedoc in Verbin- 
dung geboren in Paris, inmitten von Reichtum und Luxus, glaubte 
ich sobald ich denken konnte, daß Natur und Glück sich vereinigt 
hätten um ihre Gaben über mich auszuschütten. Ich glaubte es, 
weil man so einfältig war, es mir zu sagen, und dieses lächerliche 
Vorurteil machte mich hochmütig, despotisch und aufbrausend. Es 
schien, daß alles mir nachgeben mußte, daß die ganze Welt meinen 
Launen schmeicheln mußte und daß es mir allein zukam, mit ihr 
nach Belieben umzuspringen^"")." Wenn sich einmal ein solcher 
Hochmut ausgebildet hat, so ist es selbstverständlich, daß jeder noch 
so geringe Widerstand des Sexualobjekta eine Wut in dem selbst- 



314 Wildea „Salome" 



herrlichen Mann auslösen muß. Das heißt, im Sadismus spricht sich 
eine zu starke Betonung des narzißslischen Empfindens aus: der 
"Widerstand dea Sexualobjekta wird als Ich-Verletzung erlebt und 
dementsprechend darauf reagiert. Der Mechanismus bleibt auch in 
diesem Falle der nämliche, wie der früher von uns beschriebene: 
die auf Hemmnisse {innerer oder äußerer Natur) stoßende Libido 
BchlKgt in Grausamkeit um. Feinere Naturen verfallen der Angst- 
neurose, gröbere (die über weniger innere Zucht verfügen) werden 
sadistisch (gegen das Sexualofajekt grausam). 

In Oskar Wildea „Salome" finden wir den angegebenen Zusam- 
menhang zwischen Hochmut und Sadismus wieder. Es ist lehrreich, 
die Szene zwischen Salome und Jochanaan zu verfolgen. 

Salome: Jochanaan! ich liehe deinen Leib ... er ist weiß wie 
der Schnee, der auf den Bergen Judäaa liegt . . . Laß mich deinen 
Leib berühren. 

Jochanaan: Hinweg von mir, du Tochter Babylons . . . 

Salome :DeinLeibi8tab8cheulich,demLeiheines 
Aussätzigen gleicht er . . . Doch dein Haar liebe ich, 
Jochanaan . . . Die langen, dunklen Nachte sind nicht ao schwarz . . . 
Laß mich deine Haare berühren. 

Jochanaan: Hebe dich hinweg, du Tochter Sodoms ... 

Salome: Deine Haare sind schrecklich, sie starren von 
Staub und Schmutz . . . Deine Haare lieb ich nicht! Dein IMund ist 
es, den ich liebe, Jochanaan! . - . Deinen Mund will ich küssen, 
Jochanaan, ich will deinen Mund küssen! 

Wir sehen, wie nach jeder Abweisung von Seiten Jochanaans Sa- 
lomcB Zärtlichkeit ins Gegenteil umschlägt, was sie vorher ao an- 
Eichend fand, scheint ihr jetzt abscheulich. Am Ende, als alle ihre 
Liebeswerbungen von Jochanaan entschieden zurückgewiesen wer- 
de», wird Salome ganz wütend und verlangt von Herodes das 
Haupt Jochanaans. Als sie es bekommt, spricht sie: „Ah, du woll. 
lest mich deinen Mund nicht küssen lassen, Jochanaan, jetzt will ich 
ihn küssen, mit meinen Zähnen werde ich ihn beißen wie eine 
reife Frucht . . . Verschmäht hast du mich, Jochanaan, mich zu- 
rückgewiesen, schmähliche Worte gegen mich gesagt. Wie eine 
Dirne hast du mich behandelt, mich, Salome, die Tochter des 
Herodias, Prinzessin von Judäa, und nun, Jochanaan, ich lebe noch, 
doch du bist tot und dies dein Haupt ist mein." Eine Prinzessin ist 
nicht gewohnt, daß man ihre Wünsche nicht sofort in Erfüllung 
bringt. Der hemmungslose Mensch gerät sofort in Wut, wenn seine 
Libido auf ein Hindernis stößt. Als was erscheint unter diesem 
Gesichtswinkel der Sadist? Als der primitiv infantile hemmungslose 
Mensch, das vollste Gegenteil des (innerlich und äußerlich) ge- 
hemmten Aiigstneurotikers. 

6. Sehr oft tritt der Sadismus als eine infantil-symbolische Hand- 
lung auf. Hier einige Illustrationen, in denen der infantile Hinter- 
grund des Sadismus klar zutage tritt. 



Der infantil-symboIiEdbe Charakter des Sadiamns 315 

Von dem Prinzen Karl von Bourbon-Conde (gestorben 1750) wird 
erzählt: „Im Grunde ist er ein guter, sogar tugendhafter Mensch, 
geistreich, unterhaltend, begierig nach fruchtbringender Tätigkeit. 
Er neigte stets zur ,Einhurecei' (monoputaniame), d. h. dazu, eine 
einzige Dirne zu lieben, und zwar beständig zu lieben und fordert 
auch von ihr unvernünftigerweise unbedingte Treue. Erfährt er das 
Gegenteil, so richtet sich seine Wut aber mehr gegen den Verführer 
als gegen die Verführte. Dann wird er rasend und hat gegen zwan- 
zig blutige Zusammenstöße mit seinen Nebenbuhlern gehabt." „Au- 
ßerdem liebte er sehr die gewaltsamen Entfuhrun- 
gen von Frauen, für welchen Zweck er ein einsam gelegenes 
LusthauB bereit hielt : Immer war seine Liebe mit etwas 
Gewaltsamem, Leidenschaftlichem, Finsterem 
verbunden'^''")." 

Fassen wir die hier verstreuten, charakteristischen Züge zusam- 
men, so leuchtet es sofort ein, daß der Sadismus des Prinzen eine 
Verschiebung des infantilen Inzestes darstellt. Die Frau 
muß gewaltsam entführt werden, weil sie eine Stell- 
verlreterin der Mutter ist, die doch einem anderen angehört. Der 
Prinz neigtzur„Einhurerei" — dies ist die monogamische 
Tendenz des Inzestes. Die Frau muß eine „Hure" sein, d. h. eine, 
die einem anderen bereits angehört hat, dadurch laßt sich ihre 
Identifizierung mit der Mutter leichter bewerkstelligen. Im Falle 
der Untreue richtet sich die Wut des Prinzen nicht gegen die Frau, 
sondern gegen den Nebenbuhler, mit dem es dann zu blutigen Zu- 
sammenstößen kommt. Der letztere Zug ist dem „Kampf mit dem 
Riesen" (= Vater) analog (Kap. XII, 7). In diesem Falle erscheint 
der Sadismus als eine symbolische Handlung, durch die 
die Identifikation der Dirne mit der Mutter bewerkstelligt wird. 

In einem neu aufgefundenen Manuskripte des Marquis de Sade: 
„Les 120 journees de Sodome ou l'Ecole du Libertinage", wo eine 
Unmenge verschiedener sexueller Perversitäten beschrieben wird, 
und wo der Sadismus den breitesten Raum einnimmt, findet sich 
eine Schilderung des Herzogs, des Erfinders der dort beschriebenen 
Abenteuer: „Dieser fünfzigjährige Mann, dieser Riese, dieses 
Meisterwerk der Natur', ist mit erstaunlichen, geschlechtlichen Kräf- 
ten hcabt, die de Sade höchst originell ausmalt. Er ist im Zustande 
der ivresse de volupte' nicht mehr ein Mensch, sondern ein 
wilder Tiger', aus dessen Augen Flammen sprühen, dessen Mund 
schäumt der laut schreit, sich in schrecklichen Blasphemien er- 
geht . . . Seine Körperkräfte sind gewaltig, er ,konnte ein Pferd 
zwischen seinen Beinen ersticken'. Seine gastronomischen Exzesse 
sind nicht weniger enorm, er verschlingt ungeheure Mengen, hält 
dreimal täglich drei sehr lange und reichliche Mahlzeiten, trinkt 
jedesmal dabei zehn Flaschen Burgunder*")." Das Bild des Herzogs, 
das hier entworfen ist, seine übergroße, körperliche Stärke, seine 
Ausschweifungen im Essen und Trinken, das alles stempelt ihn zum 



316 Sa di 8 tische Anffaesang des Koftns 

„Riesen", d. h. dem Vater, wie er dem infantilen Bewußtsein er- 
scheint. Ein Bolchea Ungeheuer kann selbstverständlich auch im 
sexuellen Akte nur Gewalt und Grausamkeit zum Ausdruck bringen. 
Kein Wunder, daß der auf dem infantilen Entwicklungsstadium zu- 
rückgebliebene Erwachsene Sadist wird: in den eadistiachen 

Exzessen wird dann die infantile Identifikation 
mit demVatererlebt. 

Die vom Marquis de Sade verratene sadistische Auffassung des 
Koitus entspricht einer infantilen Sexualtheorie, die entsteht, wenn 
die Kmder „durch irgendeine der häuslichen Zufälligkeiten zu Zeu- 
gen des elterlichen Sexualverkehra werden, über den sie dann doch 
nur sehr unvollständige Wahrnehmungen machen kännen. Welches 
Stück desselben dann immer in ihre Beobachtung fällt, ob die gegen- 
seitige Lage der beiden Personen oder die Geräusche oder gewisse 
Nebenumstände, sie gelangen in allen Fällen zur nämlichen, wir 
können sagen sadistischen Auffassung des Koitns, 
sehen in ihm etwas, was der stärkere Teil dem schwächeren antut, 
und vergleichen ihn, zumal die Knaben, mit einer Rauferei, wie sie 
sie aus ihrem Kinderverkehr kennen, und die ja auch der Bei- 
mengung sexueller Erregung nicht ermangelt".'^^) Dieses infantile 
Mißverständnis klingt noch z. B. in dem bekannten Ausdruck nach: 
«Du gehst zum Weib? — Vergiß die Peitsche nicht!" („Zara- 
thustra".) 

Was ist nach alldem der Sadismus? Eine hemmungslose Reaktion 
des hochmütigen Menschen auf verweigerte Liebe einerseits, ander- 
seits aber ein symbolischer Inzest auf Grundlage eines infantilen 
Mißverstand nisaes des Wesens des Koitus. In beiden Fällen ist er 
aber eine Verwandlungsform der Libido. 

7. Ein Gegenstück zum Sadismus (Lust am Schmerzznfügen und 
Gewak den andern fühlen lassen) ist der Masochismus (Lust am 
eigenen Schmerz und Erniedrigung), dessen infantiler Hintergrund 
auch nicht schwer einzusehen ist. In de Sades Manuskript: Leg 
120 jonrnees de Sodome" findet sich eine Episode, die von einem 
alten Hofmann handelt: „Er muß", so wird dort erzählt, „vorder 
Dirne eine Lektion hersagen wie ein Schulknabe 
muß hei jedem Fehler, den er macht, niederknien, um Schläge auf 
die Hände und das Gesäß zu empfangen, wie die Lehrer in der 
Schule es tun, wobei er mächtig angeschnauzt wird'")." Die Dirne, 
vor der der Alte die Lektion hersagt und die ihn für die dabei ge- 
machten Fehler straft, ist eine Deckfigur für die Mutter. Der Maso- 
chismus ist hier symbolischer Natur, der alte Hofmann schwelgt ein- 
fach in seinen Kindheitserinnerungen. Nicht die Schläge an und für 
steh sind dem Alten so angenehm, sondern sie werden es erst durch 
die bestimmte Szene (Hersagen der Lektion). Nicht der 
Schmerz wird hier erotisch empfunden, sondern 
die l-rau, die den Schmerz unter ganz bestimmten 
Umständen zufügt. 



Masochismns 317 



Auch Judiths Hingahe an Holofernes hat einen masochistiachen 
Hintergrund. Denn sie kommt zum Manne, den eie verachtet, und 
läßt Bich von ihm überwahigen. Wir finden in „Judith" folgendes 
Gespräch: 

Judith: Herr, du müßtest mich verachten, wenn ich — wenn ich 
dich lieben könnte . . . 

Holofernes: Gib mir deine Hand und erzähle mir von deinem 
Haß! 

Judith: Meine Hand? O Hohn, der die Axt an die Wurzeln mei- 
ner Menschlichkeit legt! ... 

Um die Quelle dieser Selbsterniedrigung (des ideellenMaso- 
chismus) zu erfassen, müssen wir uns klarmachen, wer eigent- 
lich Holofernes ist. Er ist das Ungeheuer, vor dem alle zittern, mit 
einem Worte, er ißt der „Riese" — der Vater. Der Vater, der strenge, 
strafende, demütigende Vater, bleibt dennoch in den Augen 
der Tochter der Held, das Ideal der Männlichkeit. Der ungeheuer- 
liche Holofernes ist für Judith „ein Mann", den sie bewundern 
muß, den sie sich auch in ihrem Hasse noch zum MuBter nimmt. So 
sagt sie einmal zu Mirza: „O Mirza, dann werd' ich ein Held sein, 
ein Held wie Holofernes!" Merkwürdig ist auch folgen- 
des. Holofernes erzählt nämlich; „In meinen Jugendtagen hab' ich 
wohl, wenn ich einen Feind begegnete, statt mein eigenes Schwert 
zu ziehen, ihm das seinige aus der Hand gewunden und ihn damit 
niedergehauen." Ebenso aber verfährt Judith mit Holofernes selbst, 
aie erschlägt ihn mit seinem eigenen Schwerte. 

Manche Frau muß vom Manne verschiedene Demütigungen er- 
dulden, um ihn erst recht lieben zu können, sonst gelingt ihr 
scheint's die Identifikation des Geliebten mit dem Vater nicht. Es ist 
kein Zufall und keine Willkür, wenn Nietzsche die Phrase von der 
Peitsche einem Weibe selbst in den Mund legt. Die Selbster- 
niedrigung der Frau wurzelt in ihrem infantilen 
Verhältnis zum Vater. 

Das infantile Erlebnis Bcheint eomit auch für den Masochisuiua 
maßgebend zu sein. Die untergeordnete Stelle, die das Kind in der 
Familie einnimmt, die Demütigungen, die es von seiten der Eltern 
zu erdulden hat, erzeugen im Individuum masochislische Regungen. 
Mit Hilfe des Masochismus versetzt sieh der Erwachsene in bezug 
auf das Sexualobjekt in die Lage des Kindes, die inzestuöse Bin- 
dung äußert sich in der „Wiederholung" kindlicher Situationen. 
Man kann oft die Beobachtung machen, wie ein Kind, das vom Va- 
ter oder der Mutter gestraft worden war, nach einiger Zeit die Liebe 
des ihn Strafenden noch eifriger sucht. Denn die Straftat, die das 
Kind als eine Abwendung der Liebe der Eltern auffaßt, macht es 
noch begieriger nach dieser Liebe. So züchtet die Straftätigkeit der 
Eltern die künftigen Masochisten. Die Einsicht in diesen Zusam- 
menhang dürfte zu weitgehenden, pädagogischen Konsequenzen 
führen. — 



318 Analyse einer maEochistiscben Fraa 

Ich will hier noch einen Fall von masochiatischer Einstellung aus 
meiner Beobachtung einachahen. Es handelt eich um eine Frau, 
deren Ehe nicht zu den glücklichen gehörte. Der Mann war eher 
grob, von Ritterlichkeit keine Spur, an Zärtlichkeit mangelte es 
auch; er hatte immer etwas an ihr auszusetzen, und es machte ihm, 
wie es scheint, Freude, an ihr lausend Minderwertigkeiten heraus- 
zufinden und ihr sie vor Augen zu führen. Die Ehe wurde immer 
mehr unharmonisch, und je mehr die Ehe unharmonischer wurde, 
je mehr die Frau darunter litt, desto weniger konnte sie sich zu- 
sammenraffen und eich davon befreien. In einer der ersten Stunden 
der Analyse erzählt sie folgenden Traum: 

^ Ihr Mann hat sie in einen Keller eingesperrt. Grau, wie in 
einem Kerker. Sie ist verzweifelt, sucht sich zu befreien, es kommt 
ihr aber der Gedanke, der Vater (der längst verstorben ist) wird 
böse sein, wenn eie aus dem Keller ausbricht. 

Es iet klar, daß hier eine Identifikation des Mannes mit dem 
Vater vorliegt. Obgleich jener sie schlecht bebandelt und in letzter 
Zeit ihr sogar untreu wurde, was sie genau wußte, kann sie sich von 
ihm nicht losmachen. Sich vom Manne losmachen, aus dem grauen 
Kerker sich befreien, ist dasselbe als eich vom Vater lossagen. Und 
das kann sie nicht. 

Der Vater hat pie, als die jüngste, sehr geliebt, er war nur unzu- 
frieden, daß sie ein Mädel und kein Bub sei. Er war mit ihr sehr 
zärtlich, zugleich aber auch sehr streng, suchte sie abzuhärten, 
zwang sie in gefährliche Situationen, die Mut fordern, und predigte 
ihr, keine Angst zu haben, in keiner Lage des Lebens, auch vor dem 
Tode keine Angst zu haben. Sie mußte auf hohe Bäume klettern 
eigenwillige Gäule am Zügel führen usw. Sie tat das alles und hatte 
doch große Angst. 

Dieses verfehlte Erziehungssystem züchtete aus dem Mädchen eine 
stark masochistjsche Natur. Denn alles über sich ergehen lassen 
mutig allee ertragen können, bedeutete ihr soviel, als dem Vater 
zum Gefallen zu tun, die Liebe des Vaters durch Mut, Tapferkeit 
und Duldsamkeit zu erwerben. 

Noch am Anfang der Analyse geschah es einmal, als sie zu mir 
ging, daß sie folgende Vision hatte: 

Ihr Vater streckt aus dem Grabe die Hand zu ihr heraus. 
(Dieses Bild steht noch jetzt [während sie das erzählt] vor ihren 
Augen.) 

Hier spricht sich die Angst aus durch die Analyse von ihrer Bin- 
dung an den Vater (und infolgedessen auch an den Manul befreit 
zu werden: Der Vater mahnt sie also aus dem Grabe. Am Ende gab 
sie dieser Mahnung nach und hef aus der Analyse weg. — 

Man übersieht oft den symbolischen Charakter des sado-masochi- 
Btischen Komplexes und sucht ihn dann auf Komponenten des nor- 



Aktiv — passiv 319 



malen Sexualtriebes zurückzuführen. Man sagt z. B.: „Beim Sadis- 
mus sind es aktive Komponenten der normalen Sexualität, welche 
erotische und andere infantile Partialtriebe wiedererwecken. Ana- 
log sind passive Komponenten zur Entstehung des Masochiamus 
nötig." „Der männliche Masochismua ist schwerer zu erklären ala 
der männliche Sadismus. Denn dieser entsteht durch Vereinigung 
ausschließlich aktiver Elemente, der aktiven männlichen normalen 
Sexualkomponente und anderer gleichfalls aktiven Bestrebun- 
gen (Grausamkeit, Aggression, Besudelungslust, Trotz u. a.) . . . 
Analog müßten beim Masochismus passive erogene Triebe und 
andere passive Tendenzen durch eine normale passive Sexualkom- 
ponente reaktiviert werden''"}." Indem man die männliche Erotik 
als aktiv betrachtet, die weibliche dagegen als passiv, kommt man 
zu dem Schluß, daß eigentlich der Masochismus als angeblicher 
Ausdruck der Passivität unmännlich sei. Aus der Schwierigkeit der 
Tatsächlichkeit des männlichen Masochismus zieht man sich dann 
dadurch heraus, daß man behauptet, die aktiven Partialtriebe wer- 
den im Masochismus in eine passive Richtung umgekehrt. „Der 
Masochismus löst den Sadismus ab, er tritt an Stelle des Sadismus. 
Quantitativ ist der Masochismus, wenigstens beim Manne um so 
größer, je intensiver der vorausgegangene Sadismus war. Intensive 
Masochisten stammen aus sadistischen Familien. Ich kenne Falle, 
welche mit fast ausschließlichem Sadismus in meine Behandlung 
kamen, bei welchen ich während der Analyse den Umschlag in den 
Masochismus selbst beobachten konnte'")." 

Der zitierte Autor sagt dann noch: „Wir können es also als Resul- 
tat der analytischen Erfahrung hinstellen, daß gewöhnlich sich der 
Masochismus aus dem Sadismus entwickelt." Er fügt aber beschrän- 
kend hinzu: „Wir werden aber auch direkte Quellen des Masochis- 
mus kennenlernen." Ich meine aber folgendes: Wie wenig die weib- 
liche Sexualität beim genaueren Zusehen (worüber später ausführ- 
licher) passiv ist, ebensowenig ist der Masochismus bloß ein Aus- 
druck von Passivität. Auch der Masochist sucht die bestimmten 
Situationen auf, arrangiert sie gewissermaßen, läuft sozusagen den 
Ohrfeigen nach. Das Bereithalten der Backe, um eine Ohrfeige zu 
bekommen, ist ebenso eine Tal wie die Ohrfeige selbst. Passiv ist 
nur derjenige Dulder, der alles über sich ergehen läßt, weil er nicht 
den nötigen Aufwand, um das Lästige abzuwehren, aufbringen kann. 
Derjenige aber, der das Leiden sucht, weil er daran seine höchste 
Lust erleben kann, ist nicht mehr passiv. Durch den bloßen Gegeu- 
eatz von „aktiv — passiv" läßt sich darum die Beziehung von Sadismus 
und Masochismus nicht erklären. Ebensowenig durch den Gegensatz 
männlich — weiblich. Im Masochismus kommt nicht ausschließlich 
das Weihliche, sondern noch mehr das Kindische zum Ausdruck. 

Richtig ist aber an den Behauptungen des obigen Autors, daß 
der Sadismus später in den Masochismus übergehen kann (wie übri- 
gens auch umgekehrt). Das ist nicht schwer zu begreifen. Im Sadis- 



T 



320 Angst, Selbsünord, Gewissen 



mu8 spricht sich ein Stück infantiler Größenaucht (das Nachahmen 
der falsch verstandenen Rolle des Vaters, wie auch überhaupt der 
Übermut des Narzißten) aus; im Masochismus dagegen kommt die 
Kleinsucht zum Ausdruck. Größensucht und Kleinsucht stehen aber 
in der Beziehung der Polarität zueinander. Das Umschlagen der 
einen Sucht in die andere ist dann eine Verschiebung von dem einen 
Pol zu dem anderen, was eben zum Wesen der Affektverwandlung 
gehört. 

8. Früher, Kap XII, 2 {S. 170), haben wir die sadistische Vision 
eines keuschen Jünglings angeführt, wo er ein Mädchen im Bette 
liegend sieht, dann aus dem Dunkel eine Hand erscheint, die bereit 
ist, den Hals des Mädchens zu ergreifen. Später, Kap. XIII, 38 
(S. 285), brachten wir die angatneurotische Viaion eines jungen Man- 
nes, wo unter dem Bett ein Mann zum Vorschein kommt, der sich 
auf seine Brust setzt und ihn würgt. Wenn wir die beiden Visionen 
miteinander vergleichen, so leuchtet uns ein, daß die Angslneurose 
ein masochistisch gefärbtes Erlebnis sei. Der Angstneurotiker pro- 
duziert Phantasien masochietischen Inhalts. Beachten wir aber noch, 
daß die Szene, wo ich von den Plagegeistern malträtiert werde, doch 
eine Schöpfung meiner eigenen Phantasie ist, so besteht also der 
Masochismus des Angsterlebnissea in nichts anderem, als daß 
ich selbst sadistisch gegen mich bin. 

Dasselbe wiederholt sich in der Selbstmordaktion. Wir haben 
oben gehört, der Knabe Nikolaus (in Tolstois „Kindheit"), der sich 
tief verletzt fühlt, will Rache an Beinen Verwandten nehmen. Er 
will sich sozusagen durch den Selbstmord die Liebe seiner Umge- 
bung erzwingen, will zugleich dieser Umgebung eine empfindliche 
Wunde schlagen. Das ist nicht anders als sadistisch zu bewerten. 
Aber durch diese Racheaktion zerstört er zugleich sich selbst. Auch 
der Selbstmord laßt sich demnach nicht anders auffassen als ein 
sadistischer Akt gegen andere und gegen sich selbst zu gleicher 
Zeit gerichtet, was im Effekt wiederum eine masochistische Aktion 
ergibt. Sadismus und Masochismus sind eng miteinander verknüpft 
Und gehen leicht ineinander über. 

Auch das Gewissen steht in Beziehung zu Sadismus und Ma- 
sochismus. Ein übermäßig empfindliches Gewissen ist einem sadi- 
stisch eingestellten Tyrannen zu vergleichen. Dem gesteigerten Sa- 
dismus des Über-Ich entspricht aber auch ein Masochismus des Ich, 
der nach Strafe verlangt. Freud meint, daß sich hier ein „Strafbe- 
dürfnis seitens einer elterlichen Macht" äußert. „Nun wissen wir, 
daß der in Phantasien so häufige Wunsch, vom Vater geschlagen 
zu werden, dem anderen sehr nahe steht, in passive (feminine) 
sexuelle Beziehung zu ihm zu treten, und nur eine regressive Ent- 
stellung desselben ist. Setzen wir diese Aufklärung in den Inhalt des 
moralischen Masochismus ein, so wird dessen geheimer Sinn uns 
offenbar. Gewissen und Moral sind durch die Überwindung, De- 
sexualisierung des Ödipuskomplexes entstanden; durch den mora- 



Die Qualitätslosigkeit der Affekte 321 



lischen Masochismus wird die Moral wieder sexualieiert, der Ödi- 
puskomplex neu belebt, eine Regression von der Moral zum Ödi- 
puskomplex angebahnt. Dies geschiebt weder zum Vorteil der Moral 
noch des Individuums"^)." 

Wie ich bereits an anderer Stelle ausgeführt, betrachte ich die 
Beziehung des Über-Ich zum Ödipuskomplex als sekundär, 
primär muß das Gewissen aus der narzißstischen Identifikation 
(aus der Überwindung des Narzißmus) abgeleitet werden. Indem 
der Mensch sich mit demjenigen identifiziert, dem er Unrecht zu- 
gefügt bat, leidet er mit. Die Grausamkeit gegen den anderen 
schlägt in eigenes Leiden um, das Sadistische geht in das Maso- 
chistische über. In der moralischen Einstellung zum Leben hat das 
Individuum seinen Narzißmus überwunden, in den Selbstanklagen 
dea schuldbeladenen Bewußtseins regreasiert ea auf die narziß- 
stische Phase zurück, indem es sein Ich wieder zum Zentrum seiner 
Aufmerksamkeit macht. Wie der Hypochondrische ewig um seine 
werte Gesundheit besorgt ist, ebenso ist auch der Übertrieben-Ge- 
wissenhafte um sich selbst zu stark besorgt, nämlich um seine mo- 
ralische Gesundheit. Die übertriebene Gewissenhaf- 
tigkeit ist verkappter Narzißmus. 

9. Um die Tatsache der Affektverwandlung theoretisch zu er- 
fassen, hat ein psychoanalytischer Autor, M. Weißfeld, folgende 
Charakteristika der Affektivität aufgestellt. Erstens, meint er, muß 
die Affektivität als solche, „d. i. als inneres Erlebnis, von ihren 
Objekten oder Zielpunkten unterschieden werden". Denn 
der Affekt läßt sich doch von einem Objekt auf ein anderes ver- 
schieben und bleibt sich als inneres Erlebnis gleich. Als inneres 
Erlebnis ist der Affekt dann q u a 1 i t ä t b 1 o s, ein bloßes Drän- 
gen nach etwas. Die Affekte haben zwar immer Objekte, „sie ha- 
ben aber in sich kein »Was*. Ein ,Wa8' besitzen nur ihre Objekte. 
Diese Qualitätslosigkeit der Affekte annulliert aber nicht ihr Sein. 
Sie sind etwas, obwohl sie kein Wesen haben. Es kommt ihnen keine 
e 8 s e n t i a, wohl aber die e x i s t e n t i a zu. Eben die Abwesenheit 
von einem ,Wa8' ermöglicht es, daß der Affekt sich auf ein neues 
Objekt wirft, denn sonst wäre es ihm unmöglich, sich mit seinen 
Qualitäten, die ja an das vorangegangene Objekt angepaßt sind, au 
das neue Objekt anzupassen". Da ferner die Affekte durch die Na- 
tur ihrer jeweiligen Objekte nicht bedingt sind, können sie eben 
darum sich von ihren alten Objekten losreißen, um sich auf neue 
zu werfen^'^). 

Die hier aufgestellten Charakteristika der Affekte erklären im 
Grunde genommen eigentlich das Phänomen der Affektverschie- 
bung. Da aber die Affefctverwandlung auch unter dem Gesichts- 
winkel der Verschiebung von einem positiven auf einen negativen 
Pol betrachtet werden kann, so wäre damit auch die Affektverwand- 
lung erklärt. 
ai Kaplan, PsychoanalTse 



322 D«r „primäre Bewegungfirapuls" 

Immerhin bleibt die Frage bestehen, wie sollen wir uns das vor- 
stellen, daß die Affektivität zwar auf Objekte gerichtet, aber den- 
noch nicht durch Objekte bedingt sei? Wir haben eingangs dieses 
Kapitels gesagt, daß „hinter der wahrnehmbaren Verschiedenheit 
der Affekte eine ihnen allen gemeinsame Natur steht". Es kommt 
darauf an, das Wesen dieser gemeinsamen Natur zu bestimmen. 

Diese allen Affekten zugrunde liegende gemeinsame Natur nenne 
ich den „primären Bewegungeimpul s". Damit meine ich 
folgendes: Die angehäufte Lebensenergie des jungen Lebewesens 
drängt zur Entladung, das führt zu den verschiedenen Innervati- 
onen, zum Hüpfen und Springen der jungen Tiere; in allen diesen 
Bewegungen liegt ursprünglich kein anderer Zweck als die Selbst- 
genügsamkeit. Der primäre Bewegungsimpuls ist 
noch nicht zweckhaft. Aber durch die ersten noch nicht 
zweckbehafteten Bewegungen kommt das Lebewesen in Berührung 
mit der Objektwelt, erlebt dabei Lust und Unlust, lernt die Ob- 
jekte begehren oder verabscheuen. Von diesem Momente an ent- 
stehen Zwecke und zweckgerichtete Bewegungen. Jetzt verstehen 
wir, daß die Affektivität ihrer primären Natur nach qualitätsloa 
und durch die Objekte nicht bedingt und dennoch (sekundär) auf 
Objekte gerichtet sei. 

Und nun können wir auch den Prozeß der Affektverwandlung 
exakter beschreiben: Die wahrnehmbaren Qualitäten der Affekte, 
das was wir Liebe, Haß, Angst, Zorn usw. nennen, können natürlich 
nicht ineinander verwandelt werden, sie lösen bloß einander ab. 
Was wirklich dabei konstant bleibt, ist der impulsive Charakter, 
der Uinen allen gemeinsam ist, die energetische Größe des „pri- 
mären Bewegungsimpulses", aus dem sich die verschiedenen Affekle 
entwickelt haben. 

Durch die unabsichtlichen Bewegungen, die aus dem „primären 
Bewegungsimpuls" resultieren, kommt das Lebewesen in Berührung 
mit der Welt der Objekte und dann entstehen Erkenntnisse. Erst 
durch den Einfluß der von den Erkenntnissen (Impressionen) bin- 
lerlassenen Erinnenmgsspuren bekommen die Bewegungsimpulse 
den Charakter auf Objekte oder Ziele gerichteter Begehrun- 
gen. Das Begehren oder der Wunsch setzt eine erkannte Welt, eine 
Welt der Objekte voraus. Das Begehren kann sich in Tat umsetzen, 
ist dann an die sachgemäßen Forderungen der Objekte gebunden, 
ist, wie wir uns ausdrücken, dem „Re alitätsprinzip" unter- 
fltellt. Das Begehren kann auch als bloßer Wunsch sich halluzina- 
toriech austoben, sich eine Welt der Vision schaffen, die jener Welt 
der realen Objekte verwandt ist, sie zu ersetzen berufen ist. In der 
Welt der Viaion herrscht das Lust-Unlustprinzip. Das 
Re alitätsprinzip schließt das Lust-Unlustprinzip nicht aus, sondern 
sucht letzten Endes auch Lust zu gewinnen und Unlust aus dem 
Wege zu gehen, aber nicht immer in direkter Weise durch Ignorie- 
rung der Schwierigkeiten, und nimmt zeitweise Unlust in Kauf. 



I 



Jenseits vom Lustprinzip 323 



Wir können darum allgemein sagen, das Begehren ist dem Lust- 
tJnlustprinzip unterstellt. 

Nun aber die Welt dea „primären Bewegungsimpulaes" kennt 
keine Objekte, keine Ziele, sie steht also „Jenseits vom 
Lustprinzi p". 

Wir wissen, daß der Traum unter der Herrschaft der Wunsch- 
erfüllung steht. Die Macht des Wunsches, sich im Traume zu reali- 
sieren, kommt aber, wie wir jetzt vermuten dürfen, nicht davon 
daß er Wunsch sei, sondern ist durch den Tmpulscharakter des 
Wunsches bedingt, bn Wesen des Impulses liegt es, so oder so sich 
durchzusetzen. Obgleich im Laufe der individuellen Entwicklung 
die Impulse sich in Begehrungen (Wünsche) verwandeln, dennoch 
ist es zu erwarten, daß auch im späteren Leben noch manche Im- 
pulse zur Geltung kommen können. Das heißt, es ist nicht ausge- 
schlossen, daß manche Regungen in uns wach werden, die „jenseits 
vom Lustprinzip" stehen. 

Wenn ich z. B., der ich kein Bergkraxler bin, hohe Bergtouren 
mache und in eine Region von steilen Felsen und tiefen Abgründen 
komme, so habe ich ein Gefühl des Unheimlichen, die Schroffheit 
der wilden Bergschluchten ängstigt mich. Ich bewältige aber dieses 
Gefühl bald und setze die Tour fort. Aber in den nächsten paar 
Nächten erlebe ich wieder das unheimliche Bergpanorama und 
ängstige mich wieder. Solche Träume haben, wie Freud nun jetzt 
anerkennt, keinen WunscherfüUungschar akter. Er meint, daß wir 
den Mut zur Annahme finden müssen, „daß es im Seelenieben wirk- 
lich einen Wiedexholungszwang gibt, der sich über das Lustprinzip 
hinaussetzt .»'^) Ich meine die Angst, die in den Bergen unterdrückt 
(verdrangt) wurde, setzt sich nun in den Träumen durch, weil we 
doch ein Impuls ist. Daß sonst unsere Träume den Wunscherfül- 
lungscharakter angenommen haben, hängt bloß davon ab, daß im 
großen und ganzen die Impulse sich in Wünscbe umgewandelt 
haben. Aber der Rest von Impulsivität kann eich noch unter Um- 
ständen rein durchsetzen, und das führt dann zu dem Durcbbrueh 
des Lustprinzips. 

Die Angst ist wahrscheinlich ihrer ursprünglichen Natur nach 
bloß der Impuls wegzulaufen. Der Affekt der Angst entsteht ans der 
Hemmung des Impulses wegzulaufen. Die Energie dieses Impulses 
tobt sich dami nachträglich in den Angstträumen aus. 

Wir waren geneigt anzunehmen, daß in dem Ängstiraum die 
Funktion des Traumes zum Scheitern kommt. Wir müssen aber 
jetzt unsere Ansicht über die Funktion des Traumes korrigieren: 
Das Bewegende des Traumes ist unerledigter 
Impuls, der positiv (vorwärts strebend, aggressiv) als Sehn- 
sucht, negativ aber (sich zurückziehen, fortlaufen) als Angst 
bewußt wird. 

10, Zu den Affektverwandlungen gehört auch jene, wo Liebes- 
sehnsucht in Todessehnsucht übergeht. Die Talsache, daß ein 



31- 



324 Der Tod als Ziel des Lebens 



Mensch den eigenen Tod wünschen, daß er schließlich „Hand an 
sich seiher legen" kann, erscheint uns gewöhnlich rätselliafl. Wir 
waren in der Analyse bis jetzt gewohnt, die Todessehnsucht auf un- 
befriedigte Libido zurückzuführen, den Selbstmord als einen auto- 
erotiachen Akt zu betrachten. Man merke wohl, daß der Ausdruck 
für Selbstmord; „Die Hand an sich selber legen", zugleich die Um- 
schreibung einer autoerotischen (onanistiachen) Handlung ist! 

Nun in letzter Stunde postuliert Freud einen selbständigen 
Todeatrieb, in Gegensalz zu dem Sexualtrieb! Dieser steht 
unter der Macht des Lustprinzips, jener dagegen bedeutet eben den 
Durchbruch des Lustprinzips, ist „Jenseits vom Liistprinzip". 

Wir haben oben gesehen, wie Angatsituationen sich nachträglich 
dem Bewußtsein aufdrängen. Ebenso wissen wir, daß in der Ana- 
lyse {und auch sonst) die Patienten verdrängte unzweckmäßige 
Reaktionen in der „Übertragung" fortwährend neubelebt werden 
lassen. Wir sprechen in solchen Fällen von einem „Wiederholungs- 
zwang". Freud verbindet den Wiederholungszwang mit dem Trieb- 
haften überhaupt, d. h. er macht den Wiederholungszwang zum 
allgemeinen Charakter des Triebhaften. Er meint: „Ein Trieb 
wäre also ein dem belebten Organischen inne- 
wohnender Drang zur Wiederherstellung eines 
früheren Zustande s, welchen dies Belebte unter dem Ein- 
flüsse äußerer Störungakräfte aufgeben mußte, eine Art von orga- 
nischer Elastizität oder, wenn man will, die Äußerung der Träg- 
heit im organischen Leben"^'')." 

Die organischen Triebe sind also konservativ, auf Wiederher- 
stellung von Früherem gerichtet. Aus dieser Bahn werden die orga- 
nischen Kräfte nur durch äußere, störende Einflüsse gedrängt. In- 
dem die konservativen organischen Triebe die aufgezwungenen Ab- 
änderungen des Lebenslaufes aufnehmen und zur Wiederholung 
aufbewahren, machen sie den täuschenden Eindruck von Kräften, 
die nach Veränderung und Fortschritt streben, „während sie bloß 
ein altes Ziel auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. 
Auch dieses Endziel alles organischen Strebens ließe sich angeben. 
Der konservativen Natur der Triebe widerspräche es, wenn das 
Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter Zustand wäre. Es 
muß vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand sein, den das Lebende 
einmal verlassen hat, und zu dem es über alle Umwege der Ent- 
wicklung zurüekstrebt. Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung 
annehmen dürfen, daß alles Lebende aus inneren Gründen 
stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können wir nur sagen: 
Das Ziel des Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: 
Das Leblose war früher da als das Lebende. 

Irgend einmal wurden in imbelebter Materie durch eine noch 
ganz unvorstellbare Krafteinwirfcung die Eigenschaften des Leben- 
den erweckt. Vielleicht war es ein Vorgang, vorbildlich ähnlich 
jenem anderen, der in einer gewissen Schicht der lebenden Materie 



Der Tod als Ziel des Lebens 325 

später das Bewußtaein entstehen ließ. Die damals entstandene Span- 
nung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete danach sich abzu- 
gleichen; es war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen zurück- 
zukehren. Die damals lebende Substanz hatte das Sterben noch 
leicht, es war wahrscheinlich nur ein kurzer Lebensweg zu durch- 
laufen, dessen Richtung durch die chemische Struktur des jungen 
Lebens bestimmt war. Eine lange Zeit hindurch mag so die lebende 
Substanz immer wieder neu geschaffen worden und leicht gestorben 
sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse so änderten, daß sie die 
noch überlebende Substanz zu immer größeren Ablenkungen vom 
urspininglichen Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen 
bis zur Erreichung des Todeszieles nötigten. Diese Umwege zum 
Tode, von den konservativen Trieben getreulich festgehalten, böten 
uns heute das BUd der Lebenserscheinungen. Wenn man an der 
ausschließlich konservativen Natur der Triebe festhält, kann man 
zu anderen Vermutungen über Herkunft und Ziel des Lebens nicht 
gelangen"."") 

Natürlich übersieht Freud nicht, daß seine Lehre hier auf einen 
gewissen Widerspruch stoßen wird. Man kann gegen ihn geltend 
machen, daß es doch einen Selbsterhaltungstrieb, wie auch Macht- 
und Geltungstriebe gibt. Freud meint aber, das sind bloß „Partial- 
triebe, dazu bestimmt, den eigenen Todesweg des Organismus zu 
sichern und andere Möglichkeiten der Rückkehr zum Anorgani- 
schen ah die immanenten fernzuhalten . . .". Der Organismus will 
eben nur auf seine eigene Weise sterben, die Lebenswächter sind 
ursprünglich Trahanten des Todes gewesen. ,iDabei kommt das 
Paradoxe zustande, daß der lebende Organismus sich auf das ener- 
gischste gegen Einwirkungen (Gefahren) sträubt, die ihm dazu 
verhelfen könnten^ sein Lebensziel auf kurzem Wege (durch Kurz- 
schluß sozusagen) zu erreichen, aber dies Verhalten charakterisiert 
eben ein rein triebhaftes im Gegensatz zu einem intelligenten 
Streben''")" 

Diesen Entwicklungsgang durch das Leben zum Tod machen be- 
kanntlich nicht alle Lebewesen durch. „Nicht alle Organismen sind 
dem äußeren Zwang unterlegen, der sie zu immer weiter gehenden 
Entwicklung antrieb. Vielen ist es gelungen, sich auf ihrer niedrigen 
Stufe bis auf die Gegenwart zu bewahren; es leben ja noch heute, 
wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die den Vorstufen der 
höheren Tiere und Pflanzen ähnlich sein müssen. Und ebenso 
machen nicht alle Elementarorganismen, welche den komplizierten 
Leib eines höheren Lebewesens zusammensetzen, den ganzen Ent- 
wicklungeweg bis zum natürlichen Tode mit. Einige miter ihnen, 
die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich die ursprüngliche Struk- 
tur der lebenden Substanz und lösen sich, mit allen ererbten und 
neu erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit 
vom ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese beiden 
Eigenschaften, die ihnen ihre selbständige Existenz ei-möglichen. 



326 Freud und Schopenhacer 



Unter günstige Bedingungen gebracht, beginnen sie sich zu ent- 
wickeln, das heißt, das Spiel, dem sie ihre Entstehung verdanken, 
zu wiederholen, und dies endet damit, daß wieder ein Änleil ihrer 
Substanz die Entwicklung bis zu Ende fortführt, während ein an- 
derer als neuer Keinirest von neuem auf den Anfang der Entwick- 
lung zurückgreift. So arbeiten die Keimzellen dem Streben der 
lebenden Substanz entgegen und wissen für sie zu eriingen, was 
uns als potentielle Unsterblichkeit erscheinen muß, wenngleich es 
vielleicht nur eine Verlängerung des Todesweges bedeutet. Im 
höchsten Grade bedeutungsvoll ist uns die Tatsache, daß die Keim- 
zelle für diese Leistung durch Verschmelzung mit einer anderen, 
ihr ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder 
überhaupt erat befähigt wird"^)." 

Die hier dargestellte Lehre Freuds vom Leben und Tod läßt sich 
kurz auf folgende Behauptungen reduzieren: 1. Das Wesent- 
liche am Triebhaften ist der Wiederholungs- 
zwang. 2. Da dasLeblose früher da ist als das Le- 
ben, so bedeutet dieses den Trieb zur Wiederher- 
stellung des ursprünglichen Zustandes der Leb- 
losigkeit. 3. Dem Todestriebe wirkt entgegen der 
Sexualtrieb. — Diese Lehre Freuds ist eine grundsätzlich 
dualistische, die den Kosmos unter zwei miteinander unver- 
einbare Tendenzen stellt. 

Den Todestrieb nennt Freud auch den Nirvana-Trieb. Es 
ist lehrreich Freuds Lehre mit derjenigen des Buddhismus oder in 
modernisierter Fonrt eines Schopenhauers zu vergleichen. Die pessi- 
miHtischo Weltanschauung geht davon aus, daß das Leben grausam 
»ei, Leben unmöglich ist, ohne anderes Leben fortwährend zu zer- 
ettiren. Da aber der Wille zum Leben ein und derselbe ist. wenn- 
gleich er in der Erscheinung verschiedene Gestalten annimmt, so 
kommt der Wille in der Grausamkeit des Lebens eigentlich in 
Widerspruch mit sich selbst. Die Lösung dieses Widerspruchs ist 
nur möglich durch Verneinung des Willens zum Lehen, also durch 
den Nirvana-Trleb. Das, was also die pessimistische Weltanschau- 
ung als ethische Forderung aufsteUt, macht Freud zum Grundgesetz 
des Naturgeschehens. Das heißt die Freudsche Lehre vom Wesen 
des Lebens und Todes bedeutet eine Naturalisierung der pessimisti- 
schen Weltauffassnng. Der Wille zum Lehen ist ihm nichts andere 
als eben der Wille zum Tod, der Nirvana-Trieh. 

Ich meine, daß über die letzten Dinge sich nichts Endgültiges 
aussagen läßt. Das Rätsel des Lehens ist ein Teüproblem des Rät- 
scls des Seins überhaupt. Unsere Erkenntnis spiegelt nur ein räum- 
lich und zeillich Begrenztes des Seins wider. Über das Ganze können 
wir kerne adäquate Vorstellung bilden. 

Im einzehien aber läßt sich zu Freuds Lehre folgendes bemerken: 
1. Es ist zu bezweifeln, daß der Wiederholungszwang eine grund- 
:zliche Eigenschaft des Triebes sei. Zwar ist er, wie es scheint, 



s 



salz 



Zur Kritik des „WiederholungszwangeB" 327 



für das Kind charakteristisch. Das Kind wird nie müde, vom Er- 
wachsenen die Wiederholung eines ihm gezeigten Spieles zu ver- 
langen, und wenn man ihm eine schöne Geschichte erzählt hat, 
will es immer wieder die nämliche Geschichte hören. Aber, wie 
Freud seihst bemerkt, ist dieser Charakterzug dazu bestimmt, spä- 
terhin zu verschwinden. „Ein zum zweitenmal angehörter Witz wird 
fast wirkungslos bleiben, eine Theateraufführung wird nie mehr 
zum zweitenmal den Eindruck erreichen, den sie das erstemal 
hinterließ; ja, der Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein 
Buch, das ihm sehr gefallen hat, sobald nochmals durchzulesen. 
Immer wird die Neuheit die Bedingung des Genussee sein^*")." 

Wir wissen nämlich, daß jedes Erlebnis eine Gedächtnis- 
apur hinterläßt, die später als Erinnerungsbild aktuali- 
siert wird. Der Wiederholungszwang ist nur ein anderer Ausdruck 
für die Macht der Gedächtnisspureu. Solange der Mensch noch 
wenig reif ist, sein Erfahrungsschatz noch nicht reich genug ist, 
steht er unter dem Einfluß einiger weniger früher stattgehabter 
Erlebnisse. Auf dieser Stufe läßt sich der Mensch durch Bemini- 
fizenzen überwältigen. Verstärkt wird der Wiederholungszwang 
durch die Verdrängung, weil durch sie, wie wir früher bewiesen 
haben, die seelischen Erlebnisse auf ein höheres energetisches 
Niveau gebracht werden. In der an Erlebnissen reicheren Psyche 
treten die verschiedenen Wiederholungstendenzen (Reproduktions- 
tendenzen) miteinander in Konkurrenz und hemmen einander. Da- 
durch wird dem Wiederholungszwang Grenzen gezogen. 

Wir haben gehört, daß „die Neuheit immer die Bedingung des 
Genusses sein wird". Die Wiederholung stumpft den Genuß ab und 
macht ihn schließlich unmöglich. Überhaupt wird das Andauernde, 
Gewohnte, von uns nicht mehr bemerkt, nicht beachtet, nicht perzi- 
piert. Ein Tier bemerkt die ruhende Beute nicht so schnell, 
als wie wenn sie sich in Bewegung befindet. Die Bewegung ist aber 
ein gegensätzlicher Zustand: in jedem Moment tritt der sich be- 
wegende Körper aus der Beharrung in die Verände- 
rung- Eine Tatsache wird bewußt durch die Beziehung der Gegen- 
sätzlichkeit. Das heißt „das Bewußtwerden ist die Folge eines 
Kampfes gegensätzlicher Tendenzen: ein zum Beharren geneigter 
orsanischer Zustand (durch einen früheren Reiz oder das Fehlen 
eines solchen gesetzt) stößt auf einen durch den (neuen) Reiz be- 
stimmten Widerstand".^'*") Die Talsache des Bewußtseins nötigt uns 
den Schluß auf, daß der lebendige Organismus unter der Macht 
zweier Tendenzen steht: unter derjenigen der Beharrung 
und der der energetischen Entladung. Nun betrachtet 
Freud die Beharrungelendenz als für das Leben wesentliches Merk- 
mal, die energetische Entladungatendenz schreibt er aber der fort- 
währenden Einwirkung der äußeren Kräfte zu, die das Lehen über- 
haupt erzeugt haben. Diese Auffassung ist aber ganz willkürlich. 
Denn das Leben dauert eben so lange, wie die es begünstigenden 



328 Sexualtrieb and Todestrieb 

Voraussetzungen andauern. Und zu diesen Voraussetzungen gehört, 
wie anzunehmen ist, eine gewisse Kombination von Beharrungs- 
und Entladungstendenz. 

2. Für Freud ist der Todestrieb die Tendenz zur Wiederherstel- 
lung des Zustandea der Leblosigkeit, aus dem erst durch einen 
äußeren Reiz das Leben entstanden ist. Wir wiesen aus der Analyse, 
daß der Tod eigentlich eine Vereinigung mit der Mutter bedeutet. 
So vereinigt eich in der griechischen Sage der sterbende Narkissoa 
mit der Mutter Erde, und an seiner Statt entsteht eine Blume. Das 
Verlangen, in den Mutterschoß zurückzukehren, ist wiederum eine 
Introversionserscheinung. Dem Introvertierten muß das Verweilen 
im Mutterleihe oder, was dasselbe ist, im Schöße des Todes'") als 
höchst erwünscht erscheinen, denn dort ist er von allen Beschwer- 
den des Lebens befreit, braucht sich keiner Mühe hinzugeben. Der 
Trieb zur Wiederherstellung der Leblosigkeit 
oder der Nirvana-Trieb ist ein Ausdruck der 
Introversionaneigung. Das heißt Freuds Lehre vom We- 
sen des Lebens berücksichtigt merkwürdigerweise nur diese Intro- 
versionsneigung. Als Leben wird willkürlicherweise nur die Intro- 
version betrachtet; die Extraversion, als Ausdruck des Sexualtrie- 
bes, wird in Gegensatz zum Leben (das für Freud mit dem Todes- 
trieb identisch ist) gesetzt. 

3. Freud erkennt an, daß der Sexualtrieb dem Todestrieb ent- 
gegenwirkt, daß durch den Zusammenhang der Generationen gleich- 
sam eine potentielle Unsterblichkeit entsteht. Nun sind aber die 
Keimzellen, die Träger der potentiellen Unsterblichkeit, ein Pro- 
dukt des Lebens. Der Sexualtrieb, der innerhalb des Lebens ent- 
steht, wirkt der Todestendenz in der Natur entgegen. Wir haben 
darum kein Recht, den Lebenstrieb restlos mit dem Todestrieb zu 
identifizieren. Solange wir den Lebenstrieb mit dem Todestrieh 
identifizieren, muß es uns merkwürdig erscheinen, warum der ein- 
zelne sein Lebensziel, d. h. den Tod nicht auf kürzestem Wege er- 
reichen will. Die Erklärung, die Freud gibt, es sei eben ein rein 
triebhaftes Verhalten und kein intelligentes Streben, ist bloJ3 eine 
Verlegenheit serklärung. Geht man aber von der Aussicht aus, der 
Lebenstrieb sei mit dem Todestrieb nicht ganz identisch, dieser sei 
vielmehr nur eine Teilerscheinung des Lebens, dann ist es begreif- 
lich, warum das Leben nicht durch einen Kurzschluß seinem letz- 
ten Ziele zustreben will. Das Leben will sich eben vollkommen 
„ausleben", ausloben, energetisch entladen. Erst nachdem das ge- 
schehen ist, kann der Todestrieb sich auswirken. 

Wenn wir die Freudsche Lehre vom Leben und Tod bloß als ein 
Phantasjeprodukt betrachten, so dürfen wir versuchen, sie rein 
psychologisch zu begreifen. Es wird sich dann zeigen, daß sie nur 
einen Dualismus widerspiegelt, der von Anfang an in Freuds An- 
sichten steckt. Freud geht nämlich von Anfang an von dem DuaUs- 
muB der Ichtnebe und Sexualtriebe aus. Die Ichtriebe rühren 



^ 



n 



Sexualtriebe nnd Iclitriebe 329 



„von der Belebung der unbelebten Natur her und wollen die Unbe- 
lebtheit wieder herstellen, Die Sexualtriebe hingegen — es ist augen- 
fällig, daß sie primitive Zustände des Lebewesens reproduzieren, 
aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes Ziel ist die Verschmelzung 
zweier in bestimmter Weise differentiertcr Keimzellen".''^-) 

Die Analyse der Übertragungsneurosen zwang zuerst dazu, den 
Gegensatz zwischen „Sexualtrieben", die auf ein Objekt gerichtet 
sind, und anderen Trieben, die man vorläufig als „Ichtriebe" be- 
zeichnete, aufzustellen. Dieser Unterscheidung lag das populäre 
Gerede von „Hunger und Liebe" zugrunde. Nun mußte der Begriff 
der „Sexualität" erweitert werden, so daß er vieles einschloß was 
sich nicht der Fortpflanzungsfunktion einordnete. Wandte man 
sich an das Ich selbst, so mußte man auch bald zur Erkenntnis kom- 
men, daß es falsch war, den Libidobegriff nur auf die Energie der 
dem Objekt zugewendeten Sexualtriebe anzuwenden. „In bedächti- 
gerem Fortechreiten fiel es nun der psychoanalytischen Beobach- 
tung auf, wie regelmäßig Libido vom Objekt abgezogen und aufs 
Ich gerichtet wird (Introversion), und indem sie die Libidoent- 
wicklung des Kindes in ihren frühesten Phasen studierte, kam sie 
zur Einsicht, daß das Ich das eigentliche und ursprüngliche Reser- 
voir der Libido sei, die erst von da auf das Objekt erstreckt werde. 
Das Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich als das vor- 
nehmste unter ihnen erkannt. Wenn die Libido so im Ich verweilte, 
wurde sie narzißstisch genannt. Diese narzißstische Libido war na- 
türlich auch die Kraftäußerung von Sexualtrieben im analytischen 
Sinne, die man mit den von Anfang an zugestandenen ,Selbsterhal- 
tungstrieben' identifizieren mußte. Somit war der ursprüngliche 
Gegensatz von Ichtrieben und Sexualtrieben unzureichend eewor- 
den^«^)." 

Durch die Anerkennung des libidinösen Charaktere der Selbst- 
erhaltungstriebe, wurde der ursprüngliche Dualismus der Freud- 
schen Lehre aufgehoben. Freud stand nun plözlich der folgenden 
Frage gegenüber: „Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe libidinöser 
Natur sind, dann haben wir vielleiclit überhaupt keine anderen 
Triebe als libidinöse^**)." Um den DualismuB seiner Lehre zu retten 
setzt nun Freud die Gleichungen fest: Ichtrieh =: Todestrieb imd 
Sexualtrieb :::= Lebenstrieb. „Wir vermuten," sagt Freud, „daß im 
Ich noch andere als die libidinösen Selbsterhaltungstriebe tätig sind. 
... Es bleibt müßlich, daß uns die Analyse bisher immer nur in 
den Stand gesetzt hat, libidinöse Triebe nachzuweisen. Den Schluß, 
daß es andere nicht gibt, möchten wir darum doch nicht mit- 
machen'"''}." 

Die Formulierung des Gegensatzes: Ichtriebe und Sexualtriebe, 
war eine provisorische. Die fernere Forschung hat gezeigt, daß das 
Ich auch unter die Sexualobjekte gehört, da man nicht nur den 
anderen, sondern auch sich selbst in derselben Weise wie den an- 
deren lieben kann. Nun getraut sich Freud, als vorsichtiger For- 



330 Libidiiiöse Tod es sehn sucht 



scher, noch nicht, Ichlihido mit Ichtrieb gleichzusetzen. Denn 
vielleicht wird uns die weitere Forschung doch zeigen, daß im Ich 
noch andere Triebe als bloß libidinöser Natur vorhanden sind. Ich 
muß gestehen, daß mir die strenge Unterscheidung zwischen Ich- 
lihido und Ichlrieb nicht einleuchtet, um so mehr als die tat- 
sächliche analytische Forschung, wie Freud selbst anerkennt, keinen 
Anhaltspunkt für diese Unterscheidung liefert. 

Aber wenn wir auch geneigt sein sollten mit Freud jene Unter- 
scheidung aufrechtzuerhalten, ao können wir dennoch nicht mit 
ihm Ichtrieb mit Todestrieb restlos identifizieren. Denn gerade 
die Tatsache des Todes ist eine der schwerwiegendsten Ichveriet- 
zungen, die Allmacht des Ich zerschellt an der Tatsächlichkeil des 
Todes vollständig. Der größte Teil aller Metaphysik ist doch nur 
zu dem Zwecke erfunden worden, um den Tod irgendwie wegzu- 
diskutiercn. Unsterblich sein bedeutet soviel als allmächtig sein, 
und das Ich will nichts so sehnsüchtig, ala eben allmächtig seinl^"a) 

Auch der schroffe Gegensatz zwischen Todestrieb und Sexual- 
trieb läßt sich nach analytischen Einsichten nicht aufrechterhal- 
ten. Denn die Befriedigung des Sexualtriebes bedeutet eine Auf- 
hebung einer Spannung, die eben doch das Wesen des Todes aus- 
macht (denn Leben ist Spannung, der Todestrieb will nach Freud 
Aufhebung dieser Spannung, Zurückkehr in den Zustand des An- 
organischen). Und darum wird so oft die Todessehnsucht mit der 
Liebesaehnsucht vermengt. So z. B. im folgenden Gedicht Heines 
(aus dem Zyklus „Nordsee"): 

An die blaue Himnxebdecke, 
Wo die schönen Sterne blinken, 
Möcht ich pressen meine Lippen, 
Pressen wild und stürmisch weinen. 

Jene Sterne sind die Augen 
Meiner Liebsten, tausendfältig 
Schimmern sie und grüßen freundlich 
Aus der blauen Himmelsdeeke. 

Nach der blauen Himmelsdecke, 
Nach den Augen der Geliebten, 
Heb ich andachtsvoll die Arme, 
Und ich bitte und ich flehe: 

Holde Augen, Gnadenlichter, 
Oh, beseligt meine Seele. 
Laßt mich sterben und erwerben 
Euch und euren ganzen Himmel! 

Hier fließt die Liebessehnsucht mit der Todessehnsucht in eins 
zusammen. Ebenso sehen wir dies Verschmelzen von Todessehnsucht 
und Erotik bei Goethe (Faust II, 11 854 f.): 




Tod alä erotiecber Zustand 331 

Ewiger Wonnenbraud, 

Glühendes Liebesband 

Siedender Scbmerz der Brust, 

Schäumende Gotteslust, 

Pfeile, durchdringet mich, 

Lanzen, bezwinget mich, 

Keulen, zerschmettert mich, 

Blitze, durchwettert mich. 

„Hier sieht man deutlich, daß die Liebe, der Wonnenbrand, man 
kann wohl sagen, die Zeugung dem Tode gleichgestellt ist: sie 
sichern beide dem Menschen die E w i g k e i t^^*)." 
Einst schrieb Wagner an Mathilde Wesendonk: „Laß uns diesem 
schönen Tode weihen, der all' unser Sehnen und Begehren birgt 
und stillt! Laß uns selig dahinsterben, mit ruhig verklärtem Blick 
und dem heiligen Lächeln schöner Überwindung! Und — keiner 
soll dann verlieren, wenn wir — ■ siegen! . . ." Dazu noch folgende 
Stelle aus Wagners Tagebuch: „Ehe ich die Augen schloß, ging es 
mir lebhaft durch die Seele, wie ich mich sonst immer an dieser 
Stelle in Schlaf gebracht durch die Vorstellung, eben da werde ich 
einst sterben: so würde ich liegen, weun Du zum letztenmal zu mir 
trätest, wenn Du offen vor Allen mein Haupt in Deine Arme schlös- 
sest, und mit einem letzten Kusse meine Seele empfangest! Dieser 
Tod war mir die holdeste Vorstellung . . .''^^)." Es sei noch hinzu- 
gefügt, daß nach jüdischer Sagenüberheferung Moses durch den 
Kuß Gottes stirbt. Gewiß ist auch hier der Kuß Gottes als die 
höchste Liebesbezeugung aufgefaßt. 

Die oben angeführte Frau (S. 313) schwelgte oft in Todesphan- 
tasien. So denkt sie z. B. unterwegs zur Analyse über einen Fall 
von Selbstmord, den sie unlängst in den Zeitungen gelesen: ein 
Mann hat in der Küche den Gashahn geöffnet und dorthin eine 
Katze und einen Hund mitgenommen, beobachtete und notierte 
ganz genau, wie lange es dauerte, bis jedes der Tiere tot war. Sie 
dachte, wie schön es sein muß, so zu sterben, sich bis zum letzten 
Moment beobachtend. — Wenn sie abends am See spaziert und das 
dunltle Wasser sieht, so zieht es sie mächtig an, sich in den See 
zu stürzen, um von der dunklen Masse verschlungen zu werden. 
Es braucht viel Überwindung, um diesem Drang zu widerstehen. — 
Erinnern wir uns an jene Viaion, wo sie die Hand des Vaters aus 
dem Grabe herausgestreckt sieht, so verstehen wir ihre Todesphan- 
tasien: hinter ihrem „Nirwana-Trieb" steckt die starke Sehnsucht 
nach dem toten Vater. 

Aus all dem ist ersichtlich, daß auch der Todestrieb einen eroti- 
schen Zustand darstellen kann. Ob es noch außerdem einen reinen 
desexualiertcn Todestrieb gibt, wer kann das entscheiden? 

11. Nach dieser langen Abschweifung kehren wir zurück zum 
Thema des „primären Bewegungsimpulses". Am Anfang war der 



332 Tao 

Bewegungsimpuls, der noch keine Objekte, und folglich auch keine 
Ziele kennt. Der gehemmte Bewegungsimpuls erzeugt Sehnsucht, 
war er aber negativer Natur, erzeugt seine Hemmung Angst. Erst aus 
dem Zusammenstoß mit der Ohjektwelt entsteht aus dem primären 
Bewegungsimpuls Begehren, Verlangen nach Etwas, Zielstrebigkeit. 
Unter der Welt der Vision müssen wir darum eine Welt der Impulse 
annehmen, das eigentliche „Uabeimßte", das noch nie bewußt war. 
Das Verdrängte, das die Psychoanalyse aufdeckt, iet späterer Her- 
kunft als die Welt des „primären Bewegungsimpulses". 

Chinesische Mystiker haben das, wie mir scheinen will, einge- 
sehen, und diese Einsicht im Begriff „Tao" fixiert. Man übersetzt 
das wort „Tao", da es nun in unseren Sprachen kein ganz passen- 
der Ausdruck eich findet, mit „SINN". Nun heißt es in einem 
chinesischen Gedicht: 

Der SINN, den man ersinnen kann, ist nicht der ewige SINN. 

Der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Name. 

Jenseits des Nennbaren liegt der Anfang der Welt. 

Diesseits des Nennbaren liegt die Geburt der Geschöpfe. 

Darum führt das Streben nach Ewig-Diesseitigen 

Zum Schauen der Räumlichkeit. 

Beides hat einen Ursprung und nur verschiedene Namen. 

Diese Einheit ist das große Geheimnis. 

Und des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis: 

Das ist die Pforte der Offenbarwerdung aller Kräfte^''^). 

Der „ewige SINN" hat keinen Namen, er liegt jenseits des Nenn- 
baten. Der Anfang der Welt, d. h. der Anfang der Weh in uns liest 
jenseits des Nennbaren. Denn das Nennbare, das Räumlich-Ge. 
schaute liegt eine Schicht höher als der „ewige SINN". Das heißi 
unsere Wesenheit fängt früher an als das Gestaltete und das Be- 
nennbare. Diese ewige Wesenheit, der „ewige SINN", ist der Impulg 
in uns, der früher da ist als die „nennbare Welt". 

Der primäre Bewegungsimpuls, sagten wir, bringt uns in Berüh- 
rung mit der Welt der Objekte und auf diese Weise entstehen Wahr- 
nehmung und Vorstellung, die wir kurz die Welt der Vision nennen 
können. Im weiteren Verlaufe entwickelt sich die Sprache als Stell- 
TOrtreterin für die Vision. Denn die visionäre Welt läßt sich in 
Worte umsetzen, mit Worten schildern, wenn auch in abstrakter 
Art. Man sollte darum d r e i seelische Schichten unterscheiden: des 
zielfreien, objektlosen Affektes oder des „primären Bewegunsa- 
impulses , der Vision, des Wortes (begrifflichen Denkens). Bildende 
Kunst und Dichtung, ebenso Mythologie und Rehgion sind in den 
beiden oberen seelischen Schichten verankert, sie bringen unsere 
Sehnsuchte und Befiirchtungen zum Ausdi-uck. Dagegen gibt es auch 
eine Sehnsucht nach der „objektlosen Welt", nnd das ist die 
Mystik. Sie will das Schweigen, will in jene seehsche Tiefe zu- 



^ 



^ 



Das Dynamische des Affektes 333 

rückversinken, wo die Vision noch nicht geboren, das Wort noch 
nicht erklungen. 

Der primäre Bewegungsimpula bedeutet das Dynamische 
desAffefctes. Dies Dynamische offenbart sich uns als Rhyth- 
mus. In diesem äußert sich eine allgemeine dynamische Gesetz- 
mäßigkeit. Denn jede Lebensäußerung wird durch sich selbst ge- 
hemmt, jede Kraftentfaltung muß erlahmen. Jede Wirkung ruft eine 
Gegenwirkung hervor. Die Sukzessivitat von Wirkung und Gegen- 
wirkung, Kraftentladimg und Erlahmung, das Auf und Nieder, das 
ist eben Rhythmus. 

Der Rhythmus bedeutet eine „zeitliche Gestalt" in derselben 
Weise, wie jede räumliche Bewegung erstarrt eine bestimmte Figur 
bedeutet. Der Rhythmus als zeitliche Gestalt wird uns sichtbar als 
Tanz und hörbar als Musik. Die Lust, die mit der Musik verbunden 
ist, folgt aus der ungehemmten Auswirkung primärer Bewegungs- 
impulse**"). 




XV. Der Haßaffekt 

1. Wir haben im vorigen Kapitel den Haß als eine Venvand- 
lungsform der Liebe kennengelernt. Das Gemeineame zwischen 
Liebe und Haß ist jedenfalls die Gebundenheit an eine bestimmte 
Person (an das Haß-, wie an das Liebesobjekt). Je mehr man einen 
haßt, desto mebr hängt man affektiv an ihm, er füllt unser Wesen 
in derselben Weise aus, wie einer, den man vom ganzen Herzen 
liebt. 

Der Haßaffekt ist primär eine narzißstische Reaktionsweiee, ge- 
nauer gesprochen ein Ausdruck der Introversion. Der Introvertierte 
schließt sich von der Objektwelt ab, zieht sich gleichsam in sein 
Schneckenhäuschen zurück. Der Anspruch, den das Objekt auf seine 
Aufmerksamkeit erhebt, erscheint dem Introvertierten als Zudring- 
lichkeit, er wiU den nötigen psychischen Aufwand nicht aufbringen. 
Auf die Zumutung, sich mit dem Objekte abzugeben (d. h. also aus 
der Introversion, der Selbstgenügsamkeit herauszutreten), reagiert 
der Introvertiene mit Haß. Wir können bei unseren Kindern beob- 
achten, wie sie sich gewöhnlich vor neuen Gegenständen und beson- 
ders vor fremden Menschen ängstigen und fortlaufen. Der Fremde 
bedeutet ihnen Gefahr, das Gefährhche aber haßt man. 

Diese Einstellung kommt auch im Völkerlehen znm Vorschein 
Der Haß gegen Fremde tritt als Hypemationalismus und Chauvinist 
m«3 in Erscheinung. Besonders bei den Primitiven wird jeder 
Fremde als Feind und unbestimmte Gefahr angesehen. So sieht man 
z. B. auf Borneo nicht gern einen Fremden in der Nahe von kleinen 
Kindern, ebenso fürchtet man dort die Anwesenheit des Fremden 
bei religiösen Handlungen, weil er die angerufenen Geister er- 
schrecken könnte. Der Introvertierte hat kein Interesse und keine 
Liebe für alles, was außerhalb seines engen Gesichtskreises Hegt. 
Alles, was jenseits dieses Gesichtskreises kommt, empfindet er als 
lästig, gefährlich, und haßt es darum. Durch den Haß schließt sich 
der Introvertierte noch stärker von der Objektwelt ah. 

Und doch bedeutet der Haß eine Relation zum Objekt' Wie 
kommt der Introvertierte dazu? Es ist leicht zu begreifen, was hier 
vorgeht. Die natürliche Einstellung des Introvertierten zum Ob- 
jekt wäre die Indifferenz; der Haß aber ist die Einstellung 
des Introvertjerten zu dem sich aufdrängenden Objekt. So 
kommt es, daß der Haß, ivie die Liebe, objektgerichtet ist. 

Wir wissen bereits, wie auf der Grundlage des Narzißmus ein 



Haß und Liebe 335 



magischer Überbau entsteht. Wir wissen ferner, daß der Narzißt den 
Reiz des Sexualobjektes als Anspruch auf seine magische Kraft be- 
trachtet. Die Äugst, durch das Sexualobjekt magisch untüchtig zu 
werden, ruft den Haß gegen das Sexualobjekt wach. Oder, anders 
auegedrückt, der Narzißstische fürchtet durch die Liebe zum an- 
deren in der Liebe zu sich selbst zu kurz zu kommen. Daraus resul- 
tiert der Haß gegen das Liebe beanspruchende Objekt^*"a). 

Nun ist aber der Narzißt zur Identifikation geneigt. Durch die 
Identifikation hört das Objekt auf „fremd" zu sein: der Haß -wird 
gegenstandslos, und an seiner Statt tritt nun die Liebe (die Ich- 
libido geht in Objektlibido über) . Wird aber die Liebesbeziehung 
abgebrochen, so bedeutet das eine Zurückziehung der Objektbe- 
setzung, an deren Stelle die Ichbeaetzung tritt. Mit der Regression 
auf die narzißstische Stufe nimmt wieder die Objektielation den 
Charakter des Hasses an. So haben wir die zwei zueinander i n - 
Versen Affektverwandlungen: von Haß in Liebe und von Liebe 
in Haß. 

Es kann vorkommen, und kommt auch häufig vor, daß in der 
Objektliebe die narzißstische Einstellung nicht vollkommen über- 
wunden ist, daß der Liebe nicht völlig überwundene Vorstufen des 
Liebens beigemengt bleiben. Gegen die Liebe können sich auch Ab- 
lehnungsinteressen des Ich, das sich irgendwie durch die Objektbin- 
dung beeinträchtigt wähnt, geltend machen. Das bewirkt, daß die 
Liebe „so häufig .ambivalent', d. h. in Begleitung von Haßregungen 
gegen das nämliche Objekt auftritt".'""') 

Einen solchen liebe-baß-erfüUten jungen Mann beobachte ich 
jetzt. Er war der Liebling der Mutter, die ihn vergötterte und da- 
durch zu ihrem Sklaven machte. Mutter und Vater sind vor ein 
paar Jahren auseinandergegangen, es gab viel Streitigkeiten zwi- 
schen den Gatten. Unser junge Mann schrieb an den Vater haßer- 
füllte Briefe. Es wird ihm aber jetzt klar, daß er selber die Kluft 
zwischen Vater und Mutter unüberbrückbar zu machen suchte, daß 
er sie gewiesermaßen auseinander jagte. Und doch haßt er zugleich 
seine Mutter, weil er sich nicht von der infantilen inzestuösen Bin- 
dung losmachen kann. Charakteristisch ist dafür folgender Traum: 

Er geht in sein Heimatsdorf. Auf den Telegraphenstangen hän- 
gen 10 Blumenkränze. 

Der Traum wird verständlich, wenn man erfährt, daß der Träu- 
mer am Tage einen Freund traf, und erfuhr, daß diesem seine Mut- 
ter unlängst gestorben sei. Jetzt geht er selber in die Heimat und 
dort hängen die Trauerkränze, d. h. seine eigene Mutter sei gestor- 
ben. Warum aber 10 Kränze? Darauf der Einfall: 10 Finger, d. h. 
die beiden Hände, Onanie. Der junge Mann schwankt nämlich 
immer zwischen Autoerotismus und Inzest: will er sich von der 
inzestuösen Bindung lossagen, so verfällt er dem Autoerotismus, 



336 Haß und Liebe 



versucht er sich von diesem frei zu machen, so neigt er wieder zum 
Inzest. 

Den Vater haßt er ganz bewußt. Als ich aher diesen Haß einmal 
anzweifelte, fiel ihm dann mit einmal ein, wie oft er als kleiner 
Buh mit dem Vater spazierenging, wie liebevoll und zärtlich der 
Vater zu ihm war, wie glücklich er sich damals fühlte. 

Nun hat die Mutter jelzt einen Geliebten, einen jungen Mann, mit 
dem er früher befreundet war. Diesen Gehebten seiner Mutter haßt 
er womöglich noch mehr als den Vater. Und von diesem seinen 
früheren Freund erzählt er mir, wie intim sie früher miteinander 
waren, wobei es sogar nicht ohne manifeste Homosexualität zuging: 
BIO rauften und balgten sich gern, und einmal kam es zu koitusarti- 
gem Versuch unter ihnen. 

Und seine Beziehung zu seiner Frau hat auch diesen ambivalen- 
ten Charakter. Die junge schöne Frau zieht ihn fcörperhch stark an. 
Aber da er doch nun einmal erotisch der Mutter angehört, können 
seine Gefühle zur Frau nicht tief genug sein. Weil ihn die Frau 
nicht endgültig fesselt, ziehen ihn auch andere Frauen zu stark an. 
Dadurch kommt er in Konflikt mit sich selbst, ist er unzufrieden, 
leidet unter Schuldbewußtsein. Und das weckt in ihm den Haß 
gegen die Frau. 

Diese Beziehung zur Frau kommt z. B. im. folgenden Traum zum 
Ausdruck: 

Er ist mit seiner Frau zum Besuch bei seiner Mutter. Die Frau 
geht in den Kubetall und spricht dort mit der (verstorbenen) 
Großmutter. Er ist unruhig darüber. 

Es ist klar, daß hier ein Todeswunach gegen die Frau zur Dar- 
stellung kommt (denn sie befindet sich im Bereiche der toten 
Großmutter), und zugleich der seelische Zwiespalt. Auch sehen 
wir hier den „Wiederholungszwang*' zur Geltung kommen: die 
ambivalente Einstellung zur Frau, die mit Haß untermischte Liebe 
zu ihr wiederholt die ambivalente Einstellung zur Mutter. 

Es leuchtet uns ein, woher die ambivalente Einstellung unseres 
jungen Mannes zu den verschiedenen Liebesobjekten stammt. Er ist 
nämhch stark autoerotisch veranlagt, für ihn bedeutet das Aufgeben 
des (inzestuösen) Liebesobjektes eine neuerliche Verstärkung der 
autoerotischen Einstellung. Für den Autoerotiker aber gestaltet sich 
die Objektrelation nur in Form des Hasses. 

Ein therapeutischer Erfolg ist auch in solchem Falle nicht aus- 
geschlossen, wenn es gelingt, den überstarken Autoerotismus zu 
dämpfen, was bei guter „Übertragung" möglich ist. 

2. Der Haß tendiert dazu, den Gehaßten zu vernichten, ihm 
jedenfalls Schaden zuzufügen. Seiner Tendenz nach ist der Haß ein 
destruktiver Affekt. Den nach außen gerichteten destruktiven Trieb 
nennen wir Sadismus. Den so verstandenen Sadismus eucht Freud 



Der disharmoniscbe Cbatakter des HasEcs 337 

aus dem nach innen gerichteten Destruktionetrieb, dem Masochie- 
mus, abzuleiten. 

Wir wissen, daß Freud zwei Triebarten im Lebewesen wirksam 
annimmt: den Todeslrieh und den Sexualtrieb. Nun sagt er: „Die 
Libido trifft in (vielzelligen) Lebewesen auf den dort herrschenden 
Todes- oder Destruktionstrieb, welcher dies Zellenweaen zersetzen 
und jeden einzelnen Elementarorganismua in den Zustand der an- 
organischen Stabilität {wenn diese auch nur relativ sein mag) über- 
jMliren möchte. Sie hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb 
unschädHch zu machen, und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum 
großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems der 
Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der Außenwelt 
richtet. Er heiße dann Deslruktionstrieb, Bemächtigungatrieb, Wille 
2ur Macht''")." 

Auch wenn man die Freudsche Lehre vom Todeslrieh nicht in 
ihrem vollen Ausmaße teilt, muß man die Richtigkeit der obigen 
Ableitung anerkennen. Unbefriedigte Libido schlägt entweder in 
Angst oder in Todessebnsucbt um. Diese nach innen gerichteten 
Destruktionskräfte werden dadurch unechädlich gemacht, daß man 
sie nun nach außen richtet. So wendet sich der Destruktionsaffekt 
vom Subjekt zum Objekt, aus dem Masochismus entsteht dann Sa- 
dismus. (Das war auch bei der oben besprochenen masochistisch 
eingestellten Frau der Fall: im Laufe der Analyse wurde sie gegen 
ihren Mann ziemlich aggressiv und gewalttätig, was merkwürdiger- 
weise auf diesen wohltuend wirkte.) 

3. Der Haß, sagten wir oben, ist eine narzißstisohe Reaktiona- 
weise, ein Ausdruck der Introversion und zugleich doch eine Rela- 
tion zum Objekt. Es muß einleuchten, daß der Haß darum einen 
disharmonischen, zwiespältigen Seelenzustand darstellt. Und wir 
machen die Beobachtung, daß der Haß, wenn er länger andauert, 
wie ein Gift wirkt: obgleich die Intention des Hasses darauf aus- 
geht, den anderen zu schädigen, schädigt in Wirklichkeit der 
Hassende sich selbst. 

Der disharmonische Charakter des Hasses war schon einem Spi- 
noza klar. Er stellt Liebe uud Haß einander in folgender Weise ge- 
genüber: „Liebe ist nichts anderes als Freude, begleitet von der 
Idee einer äußeren Ursache; und Haß nichts anderes als Trauer, 
begleitet von der Idee einer äußeren Ursache." (Ethik III. T., Lehr- 
satz 13, Anmerkung.) Dann sagt er im Lehrsatz 23, ib.: „Wer sich 
vorstellt, daß das, was er haßt, in Trauer versetzt wird, wird sich 
freuen . . ." Dazu aber die Anmerkung: „Diese Freude kann kaum 
rein und ohne Kampf des Gemütes sein. Denn sofern man sich vor- 
stellt, daß ein einem selber ähnliches Ding in den Affekt der Trauer 
versetzt wird, insofern muß man sich betrüben . . ." D. h. der Haß 
ist zwar eine narzißstische Reaktionsweise; aber im Narzißmus ist 
auch die Neigung zur Identifikation mit dem Gegenüber (mit sei- 
nem Mitmenschen) begründet. Wenn ich also den anderen hasse 

33, Kaplan, Psychoanalyse 



ogg Der KlasaenhaB 



und ihn durch meinen Haß (in der Wirklichkeit oder auch bloß 
in der PhantaBie) leiden lasse, so muß ich doch {durch Identifi- 
kation) mitleiden. Es ist eigentlich eine Forderung der 
Natur, den Haß durch Liebe {d. h. die Destruk- 
tionskräfte durch libidinöse) zu überwinden. 

4. Unsere ganze Gesellschaftsordnung beruht auf Egoismus, ist 
ein Ausfluß der Liebe des Menschen zu sich selbst. Ideologen der 
bürgerlichen Gesellschaft haben offen oder versteckt den Grund- 
satz aufgestellt, daß der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Prak- 
tisch tritt diese Ideologie in Erscheinung in den imperiahstischen 
Kriegen, in der Untei-jocbung der Kolonialvölker und in der Aus- 
powerung der unteren sozialen Schichten bei sich zu Hause. Die 
menschliche Welt ist erfüllt von Haß, es sind fortwährend destru- 
ierende Kräfte am Werke. 

Der Boniholmer Dichter Martin Andersen Nexö schildert in dem 
Roman „Pelle der Eroberer" unter anderem folgende charakteri- 
stische Episode. Es tobt in Kopenhagen die große Aussperrung. 
Immer mehr Arbeiter werden aufs Pflaster gesetzt, das Elend 
wächst, die Not ist groß, die Erbitterung in den Massen und die 
Verzweiflung sind auch groß. Angefangen hat der Kampf mit dem 
Streik in einer Mctallfabrik, wo man den Arbeitern ihren knappen 
Lohn, der kaum zum Leben ausreichte, erheblich herunterdrücken 
wollte. 

In der Hitze des Kampfes hat Pelle, der an der Spitze der Be- 
wegung stand, Beinen alten gebrechlichen Vater Lasse aus den Au- 
gen verloren. Endlich fand er ihn krank in einer Nische des leeren 
Kellerraumes eines großen Warenap eichers liegen, dort suchten in 
der Nacht viele obdachlos gewordene Proleten Zuflucht. Und der 
alte Lasse liegt in den letzten Zügen und spricht zu seinem Sohn: 
„Es geht doch wunderlich zu hier auf der Welt. Da unten im Spei- 
cherkelier lag ein Maurer, der an den feinsten Palästen der Stadt 
gebaut halte; und der hatte nicht einmal ein Dach über seinem 
Kopf." 

Wir verstehen, daß Menschen, die an den feinsten Paläeten ge- 
baut haben und Beibat kein Dach über ihrem Kopf haben, von 
Haß erfüllt sein müssen. Unter diesem Hasse müßten die unteren 
sozialen Schichten ersticken, wenn die Haß-Energie nicht Abfuhr 
finden könnte im sozialen Kampf. Die destruierende Kraft des Has- 
ses richtet sich nach außen, und indem sie den Feind zur Nach- 
giebigkeit zwingt, schafft sie auch die Ursache des Hasses aus der 
Welt. 

Dabei ist noch folgendes zu bemerken : Der Haß an und für sich 
wirkt nur deslruierend. Aber der Haß des einzelnen gegen seine 
Ausbeuter ist kraftlos und kaim real nichts ausrichten. Diese Sach- 
lage weckt libidinös-soziale Kräfte: die einzelnen verbinden sich zur 
gemeinsamen Sache. Die Liebe zum sozialen Ganzen, dem man an- 
gehört, dessen Sache man verficht, weckt schöpferische Kräfte, die 



Ein Prolelarierscliicksal 339 



berufen sind, eine neue "Weltordnung aufzubauen, wo für den Haß 
kein Platz mebr übrigbleiben wird. 

5. Ich möchte hier noch einen liebe-haß-erfüllten jungen Mann 
vorführen, dessen disharmonischer Seelenzustand nur durch Zu- 
führung sozialer Erkenntnis gelindert werden konnte. 

Ea handelt sich um einen jungen Mann von stark ausgeprägtem 
narzißstischen Typus. Aufgewachsen ist er in einer sehr einfachen, 
halb bäuerlichen, halb proletarischen Umgebung, 

Der Vater war Drucker in einer ländlichen Ortschaft; für die 
sozialen und kulturellen Verhältnisse, in denen er lebte, ziemlich 
intelligent. Ein Mann m.it etwas krankhaft entwickeltem Selbst- 
bewußtsein. Spielte eine Unmenge musikalischer Instrumente, wenn 
auch alles weniger als virtuos: Geige, Bratsche, Klarinette, Klavier 
usw. Hatte auf dem Boden seines Hauses eine Werkstatt, wo er in 
Mechanik verschiedentlich herumdilettantierte. Ein unbedingt be- 
gabter Mann, aus dem etwas Tüchtiges werden könnte, der es aber 
bei dem knappen Lohn und der langen Arbeitszeit zu nichts ge- 
bracht hat. Mit fünfzig Jahren war er bereits ausrangiert und 
dauernd arbeitslos, Der Kapitalismus nahm aus ihm, was er brau- 
chen konnte, und wurf ihn nun schonungslos wie eine ausgepreßte 
Zitrone auf die Straße. 

Die Mutter ist früh gestorben, an deren Stelle eine häßliche mür- 
rische alte Haushälterin trat, die den ganzen Tag Moral predigte 
(die Leute jener Gegend gehörten nämlich zu den verschiedenen 
Sekten). Sie suchte den Knaben zu meistern, zwang ihn auch ver- 
schiedene Arbeiten im Hause zu verrichten, den Boden scheuern, 
die Zimmer machen, lauter Frauenarbeiten, die den Jungen in sei- 
nem männlichen Gefühl verletzten. 

Der Junge konnte zu Hause nicht gut aushalten, wo ihm alles 
so ungemütlich war. Er befreundete sich aber bald mit der „Dofc- 
torfamilie" im Dorfe, wo er freundlich aufgenommen ward und ein 
neues Heim fand. Er konnte dort tagelang verbleiben, in der Biblio- 
thek des Doktors sich Bücher heraussuchen, und wurde von nie- 
mand pedantisch gemeistert. Wenn er zu Hause satt hatte, die Pre- 
digten der mürrischen Alten anzuhören, nahm er seine Mütze und 
sagte: „Jetzt gehe ich heim!" Damit meinte er die „Doktorfamilie". 
Dort lernte er allmählich Verlangen nach Kultur zu haben. 

Später kam er in die Stadt und besuchte eine Handelsschule. 
Dort befreundete er sich besonders mit einem Mitschüler, dem 
Sohne eines Hotelbesitzers, und verkehrte in dessen Familie. Da 
entspinnen sich merkwürdige Beziehungen, die die Seele des Jun- 
gen auf Jahre hinaus disharmonieieren. Nach Absolviening der 
Handelsschule kam nämlich unser junger Mann in das Bureau 
des Hotels als Angestellter und verblieb in dieser Eigenschaft viele 
Jahre, ohne recht zufrieden zu sein und ohne die Kraft zu finden, 
das Ganze von sich abzuschütteln. Wir wollen nun die hier ent- 
standenen Beziehungen näher ins Auge fassen. 



340 Infantile Illusionen 



1 



Wir haben oben gekört, daß die Mutter des Anal^sauden früh 
gestorben sei. Sehr viel Mutterliebe scheint er nicht genossen zu ha- 
ben. Denn er sagt von seiner Kindheit: „Ob meine Mutter mich ge- 
liebt hat? Wenn sie mich nicht einmal durchgeprügelt hätte, wäre 
mir jede Erinnerung an sie entschwunden!" Dann kam die mür- 
rische Alte, die ihn gequält. Er fand aber in der „Doktorfamilie" 
ein zweites Heim, wo er als Kind glücklich war. Als er in die Stadt 
kam und in die Familie seines neuen Freundes geriet, wo er spä- 
ter als Angestellter mit den anderen Famihenangehörigen zusam- 
menwohnte, ergab er sich leicht der infantilen Illusion, es sei sein 
Heim, er sei in der Familie wie damals beim Doktor. Diese Illusion 
ward dadurch gestützt, daß er doch mit dem jüngeren Sohne be- 
freundet und zusammen mit ihm durch die Schule gegangen 
war. Auch die anderen Glieder der Familie waren freundlich zu 
ihm und behandelten ihn nicht wie einen Fremden. Aber seine in- 
fantilen Erwartungen waren überspannt und mußten zu Enttäu- 
schungen führen. 

Die Frau des Hauses, eine ältere Dame von „gut bürgerlicher" 
Gesinnung, in der unser Analysand unbewußt die Mutter sehen 
woUte, gab ihm öfters zu verstehen, daß er bloß Angestellter sei. 
Er haßte die Frau, der er unbewußt doch kindlich zugeneigt war, 
heftig, weil sie ihn zu oft aus dem Himmel seiner Illusionen riß. 
Ihre Schuld bestand darin, daß sie nicht wußte, welche Rolle ihr in 
den infantil-phantastischen Träumereien des jimgen Mannes zuge- 
dacht war. Sie sollte ihm eine liebende Mutter sein und war bloß 
Prinzipalin! Die infantile Enttäuschung nahm in diesem Falle 
den Cliarakter des Klassengegensatzes an- 

Uneer junger Mann war mit dem Sohne stark befreundet. Aus 
vielen Briefen, die die jungen Leute bei verschiedener Gelegenheit 
miteinander wechselten, konnte ich einsehen, daß in früheren Jah- 
ren die beiden viel Zärtlichkeit füreinander hatten. Zur Zeit der 
Analyse hat sich die Sache ziemlich geändert. Die Freundschaft 
der beiden Jünglinge entbehrte gewiß nicht eines bomoerotischen 
Hintergrundes, wobei aber der Freund die Rolle des Führers dem 
anderen gegenüber zu übernehmen bestrebt war. Das verletzte ge- 
wissermaßen das narzißstische Ichgefühl unseres jungen Mannes. 
Als er sich nun von der Bindung an den Freund loslösen wollte, 
ging die Freundschaft (die unbewußte Homoerotik) in Haß über. 

Dieser Vorgang %vurde noch durch das soziale Moment begün- 
stigt. Unser junger Mann saß all die Jahre im Bureau und machte 
Arbeit, die ihn langweilte, die er nicht ausstehen konnte. Er 
achreibt darüber einmal: „Am liebsten wollte ich Tag und Nacht 
heulen ... Ich sitze Tag für Tag auf meinem Bmeau, stelle Ge- 
bäude von Zahlen auf und erhahe wieder Zahlen . . . Zahlen . . . 
Zahlen, und die Seele, die früher träumen und lieben konnte, wird 
einem zu Sägemehl dabei. Die Gefühle, die gleich viel wert sind 
für das Leben, wie für die Rose der Duft, nehmen ab und es bleibt 



I 



Ich-Verletzung 341 



ein satirisches Klappergerippe zurück. Freilich ist es gut bo, ein 
Kaufmann braucht keine Seele . . ." Und er mußte zusehen, wie sein 
Freund, wie übrigens auch die anderen „Freunde", die alle in kei- 
ner Weise begabter waren als er, auf die Universität kamen, ihr „Dok- 
tor" machten, wo er in seinem langweiligen Bureau sitzen mußte, 
und sich ärgern. Denn das tat er reichlich, er ärgerte sich tage-, 
Wochen- und monatelang. Und er fragte sich immer wieder, mit 
welchem Recht dürfen alle diese Bürgersöhnehen zu Bildung und 
Ehren kommen, wo er, der mit ihnen zusammen durch die Schule 
ging und den ungeheuren Bildungshunger hat, davon ausgeschlos- 
sen bleiben muß. Er verachtete und haßte die Gesellschaft der vom 
„Schicksal" so bevorzugten jimgen Leute und darunter auch den 
Freund. Dabei spielte ihm die infantile Illusion einen Streich, denn 
er konnte es gar nicht begreifen, warum man ihm das nötige Geld 
zum Studium vorenthält, wo doch solches für seinen Freund im- 
mer bereit war. Der Arme wähnte sich nämlich zur Familie ge- 
hörig ! 

In seinen Aufzeichnungen, die er auf kleinen Zettelchen machte, 
um die Langeweile des Bureaus zu mildem, finde ich folgende Be- 
merkungen, die für seine Stimmung charakteristisch sind: „Der er- 
zieherische Wille hat in unseren Tagen ungeahnten Aufschwung ge- 
nommen. Mit welcher Mühe, mit welchem Aufwand von Kapital 
macht man heute aus jedem Trottel einen Ingenieur, einen Philo- 
sophen! Wohl bekomm's der Welt!" „Wenn die Wissenschaft be- 
freiend auf die Menschheit wirken soll, ist ee dringend nötig, daß 
sie nicht das Vorrecht einer Kaste bleibt, sondern allen Fähigen zu- 
gänglich wird." „Eb läuft mancher in schmutzigen Kleidern her- 
um. Er braucht sie ja nur auszuziehen. Mancher aber trägt saubere 
Kleider. Womit wollte er sonst seinen Schmutz zudecken?" „Es 
sollte nicht nur heißen: Mehr Kultur, — sondern auch: Mehr Kul- 
turträger!" — In solchen und ähnlichen Sätzen goß er seine Galle 
aus über die, die von dem „Schickeal" und dem Geldbeutel des Va- 
ters besser in der Welt gestellt waren als er. 

Man darf wohl sagen, daß auf jeden strebsamen und eineich- 
tieen Menschen, wenn er zur unteren sozialen Schicht gehört, un- 
sere bürgerliche Gesellschafteordnung mit ihrem Bestreben das Da- 
sein der arbeitenden Massen auf ein möglichst niedriges Niveau her- 
abzudrücken als eine heftige Ichverletzung wirkt. Unter dieser 
Ichverlelzung leiden die sozial niedrig Gestellten stark und suchen 
sich dagegen durch Haß zu wehren (:= die Überführung des Maso- 
chismus in Sadismus). Aber dieser Haß, insbesondere sofern er 
noch nicht die Macht besitzt, den Feind zu vernichten, vergiftet 
allmählich den Hassenden. 

Es ist darauf zu achten, daß der aus sozialen Gründen Hassende, 
ursprünglich bloß aus Neid haßt: der einfache Prolet haßt den 
Bourgeois, weil er selbst Bourgeois sein möchte und ee doch nicht 
kann. Das Bewußtsein des Proletariers ist dadurch gespalten: er 



342 Bewußtsei risspaltang 

ist seinem ursprünglichen Begehren nach Bourgeois, und muß doch 
diesen hassen. Die Aufklärungsarbeit des Sozialismus wirkt sich wie 
eine Verdrängung der bourgeoisen Bestrebungen 
des Proletariats aus. Aber zu oft bricht das Verdrängte aus der 
Verdrängung durch und führt dahin, daß das Proletariat untreu 
Beiner „historischen Mission" wird. 

Diese Bewußtseinsspaltung war auch bei unserem jungen Mann 
■wirksam. Er haßte die bürgerlichen Söhnchen, verkelirte doch 
mit Vorliebe in ihrer Gesellschaft und war bestrebt, in nichts an- 
ders als sie zu erscheinen. Diese Inkonsequenz, die Folge der be- 
sprochenen Bewußtseinsspaltung, macht den Menschen zu einem 
Schwächling, führt dahin, daß er im bloßen Jammern steckenbleibt. 
Charakteristisch ist noch folgendes: Unser junge Mann w^ar Mu- 
ßikliebhaber, er spielte Geige, versuchte auch Cello zu spielen, blies 
ein paar Töne auf der Trompete, handhabte auch die Zither, Sehr 
weit hat er es mit allen diesen Instrumenten nicht gebracht, da ihm 
Zeit zum Üben fehlte, aber hauptsächlich die Langeweile des Sit- 
zens im Bureau ihn in eine solche schlechte Laune versetzte, daß 
er abends nicht mehr imstande war, Musik zu treiben. Das war 
aber nicht das Ausschlaggebende, es wirkte noch etwas mit, was 
viel wichtiger war. Im Hause stand ein sehr schöner Flügel. Er 
hatte gerade die größte Lust Klavier zu spielen. Bald aber merkte 
man, daß er ah und zu auf dem Flügel übt, und nun schloß man 
das Instrument ab. Das verbitterte ihn noch mehr und verstärkte 
seine Haßeinstellung. Es wäre aber für ihn nicht schwer gewesen, 
sich eine andere Gelegenheit zum Klavierspielen zu verschaffen er 
konnte ganz gut einfach ein Klavier sich mieten (über soviel Mit- 
tel verfügte er jedenfalls). Er hat sich das zwar öfters vorgenom- 
men, tat es dennoch nicht. Denn er konnte sich nicht von der Sug- 
gestion freimachen, daß Leute seiner sozialen Position nicht nöt^ 
haben Klavier zu spielen. Wir verstehen, woher diese Suggestion 
die Macht bezog, wirksam zu sein ; Weilerimlnnerns einer 
Seele (d. h, dem Begehren nach) selbst zur oberen 
sozialen Schicht gehörte, konnte er nicht anders, 
als ihre Suggestionen annehmen. Götter, die man im 
geheimen liebt, lassen sich nicht leicht entthronen; und solange 
das nicht geschehen ist, muß man ihren Geboten und Verboten ge- 
horchen ! 

Das Haftenbleiben an einer Illusion war bei unserem jungen 
Manne noch durch das Moment einer unglücklichen Jugendliebe 
bedingt. Die jüngste Tochter des Hauses hat es ihm angetan. Das 
Madchen fesselte ihn über alle Maßen. Aber auch hier trat die so- 
ziale Schranke hmdemd dazwischen. Das Mädchen fühlte sich durch 
die Liebesbezeusnng des jungen Mannes, obgleich sie sonst mit um 
freundschaftlich verkehrte, In ihrer Würde verletzt, und klagte 
ihrem Bruder, daß sein Freund sie belästige. Es kam zu einer Aus- 
einandersetzung zwischen den Freunden. Das wirkte wiederum als 



Die „wohlgeordaete Registratur" 343 



neue Ichverletzung, und führte zur Verstärkung der Erbitterung 
und des Hasses. Aber gerade dieae verunglückte Liebesaffäre fes- 
selte den jungen Mann noch stärker an das Haus. Er haßte das 
ganze Haus, und jedes Glied des Hauses insbesondere. Durch die- 
sen großen Haß war er an das Haus wie mit Ketten gefesselt, er 
konnte das Objekt seines Hasses nicht entbehren. 

Es ist ein häufiges Märchenmotiv, daß ein junger Bauernbursche, 
ein armer Teufel, in die Welt auszieht, das Herz einer schönen Prin- 
zessin erobert und als Mitgift noch ein Königreich bekommt. Der 
Neid des Armen gegen den Reichen hat dieses Motiv hervorge- 
bracht: die soziale Differenz wird durch eine träumerische Utopie 
aufgehoben. In der sozialen Wirklichkeit aber geht es härter zu, die 

sozialen Differenzen lassen sich da nicht durch Träume lösen. 

Vieles an dem geschilderten FaU ließ sich nicht gutmachen. 
Hauptsächlich die Wirkung der Bureauarheit. Es ist ein Beatreben 
unserer Kulturentwicklung, das Leben möglichst zu bureaukratisie- 
ren d. h. möglichst wenig der Initiative und Einsicht des Einzel- 
nen zu überlassen. Die offizieUe Seite des Lebens bekommt immer 
mehr den Charakter einer „wohlgeordneten Registratur" (nach ei- 
nem treffenden Ausdruck Martin Bubers). Es ist für mich ohne 
Zweifel, daß viele Menschen — und gerade die Begabteren, inner- 
lich Reicheren — in der „wohlgeordneten Registratur" ersticken 
müssen. Man konnte das auch bei unserem jungen Manne beobach- 
ten. Ah einmal in dem Geschäfte ein neues Buchhaltungssystem 
eingeführt werden sollte, und es für kurze Zeit darauf ankam, alles 
sozusagen auf den Kopf zu stellen, war er ganz aufgewacht und 
zeigte viel Interesse für die Sache, und seine Vorgesetzten waren 
voll Lob über seine Intelligenz und Arbeitsamkeit. Sonst aber saß 
er im Bureau wie im Halbschlaf, ohne innere Teilnahme, wider- 
willig und voll Haß. Das Buieau aufgeben konnte er aber nicht, 
weil er nicht nur sich selbst unterhalten, sondern ab und zu noch 
seinen arbeitslos gewordenen Vater unterstützen mußte. Das Bureau 
wirkte sich bei unserem jungen Manne in der Verstärkung des 
Introversionszustandes, zu dem er, wie es scheint, auch sonst starke 
Neigung hatte, aus"*"'). 

Das wichtigste schien mir, den Haß des Analysanden, der ihn 
selbst vergiftete, zu mildern. In erster Linie galt es, den infantilen 
HintergiTind seiner Illusionen ihm klarzumachen, und ihn dazu zu 
bringen, mit offenen Augen die soziale Wirklichkeit zu sehen, wie 
sie ist. Die Familie, in der er wohnte, war nicht „seine" FamiUe, 
diesen infantilen Wahn mußte er unbedingt aufgeben. Er war bloß 
„Angestellter", sonst nichts. Es ist besser und für seine psychische 
Gesundheit förderlich, zu der Familie sich rein nüchtera-sachlich, 
ohne infantile schwärmerische Sentimentalität, einzustellen. Es sei 
utopischer Wahn zu glauben, eine bürgerliche Familie würde die 
Leiden eines Proletariers begreifen. 

Femer war es wichtig, seinen Einzelfall aus der Isoliertheit her- 



344 Therapeutische Wirkung 



auszuheben und einer gozialen Determiniertheit zu unterstellen. 
Bis jetzt lebte der junge Mann, wie ein echter Introvertierter, in dem 
Wahn, als sei sein Schicksal etwas Einzigartiges, nur ihm Zuge- 
dachtes, und mußte darum das Ganze als eine Extragraue amkeit er- 
leben. Nun galt es, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß Tausende 
und Abertausende Proletarier sein Los mit ihm teilen. Mit Jammern 
". , ,. ^Ff'" '^* ^^'^'^ °'*'*^'^ ausgerichtet. Nur durch die Tat laßt 
sich die Welt verändern. Wie die Lage des einzelnen Proletariers 
nicht persönliches Schicksal sei, so läßt sieh durch Haßaffekte ge- 
gen einzelne Personen nichts in der Welt ändern. In dem Haß vet- 
puttt er bloß seine ganze Energie und wird kraftlos. Es M'äre rat- 
?f?'i ^°° **^° Personen abzulösen und die Energie dieses 

Aljektes in den Dienst der sozialen Sache zu stellen. 

Der Erfolg unserer Arbeit konnte nur ein teilweiser sein. Der 
Analysand lernte allmählich sein Schicksal unter dem Gesichts- 
winkel der sozialen Determiniertheit zu betrachten und ging nicht 
mehr in den Idealen des bürgerlichen Wohlseins auf. Die sozia- 
Jistiscbe Ideenwelt, die ihm früher als „Gift" erschien, war ihm 
nKiht mehr fremd. Der sozialistischen „Tat" blieb er dennoch fem. 
Denn er war schon zu stark von der Berührung mit der bürger- 
liehen Welt vergiftet. An diese war er noch durch die Wunde, die 
von seiner Jugendliebe stammte, gebunden. Aber immerhin hat 
er die sentimentale Beziehung zu der Familie durch mehr nüch- 
terne ersetzt, und brachte es bald dazu, die SteUe, die er fast ein 
Jahrzehnt bekleidete, aufzugeben, um sie durch eine andere im 
Auslände zu ersetzen. Das war der erste praktische Schritt, sich VOn 
den infantilen Illusionen zu lösen. Die anderen Schritte werden 
hoffentlich auch nicht feblen«""). uLiiriiie werden 



XVL Der Sexualtrieb und seine Dynamik 

1. Mit der populären Meinung, der Geschlechtstrieb trete als 
etivas Fertiges in einem bestimmten Moment des Lebens (Puber- 
tätszeit) plötzlich auf, müssen wir in der Psychoanalyse brechen. 
Ebenso müssen wir die popiJäre Begriffsbestimmung des sexuellen 
Triebes aufgeben. Denn in der AUtageeprache versteht man darun- 
ter jene imwiderBtehliche Anziehung, die das eine Geschlecht auf 
das andere ausübt. Nun wissen wir aber, dai3 es auch Männer gibt, 
die nur von Männern, wie auch Frauen, die nur von Frauen in 
jener eigentümlichen Weise angezogen werden, wie sonst der Mann 
vom Weibe und umgekehrt. Wir sprechen doch in diesem Falle von 
der „Homosexualität". Dann haben unsere Beobachtungen gezeigt, 
daß es auch Mensdien gibt, die weder das Weib, noch den Mann, 
sondern nur sich selbst lieben, von sich selbst sexuell angezogen 
sind. Wir nannten diese Erscheinung den „Narzißmus". Der 
sexuelle Trieb braucht also weder von dem einen 
Geschlecht zu dem anderen zu gehen, noch über- 
haupt auf ein Objekt gerichtet zu sein, da das 
Objekt der Liebe mit dem liebenden Subjekt zu- 
sammenfallen kann. 

Ferner erschöpft die populäre Meinung das Wesen des Sexual- 
triebes im sogenannten normalen Geschlechtsverkehr, der im 
Dienste der Arterhaltung steht. Im Gegensatz dazu müssen wir uns 
auf den entwicklungsgeschiehtlichen Standpunkt stellen, von dem 
aus der Geschlechtstrieb als ein Prozeß erscheint, der verschiedene 
Entwicklungsphasen durchmacht. Der „normale" Geschlechtstrieb 
ist nur der begünstigte Abschluß einer Entwicklungsreihe, deren 
Anfang im Leben des Individuums seibat begründet sein muß. Um 
die Vereinigung der Geschlechtaprodukte zustande zu bringen, muß 
die dazu führende Handlung für die beteiligten Individuen mit Lust 
verbunden sein. Die sexuelle Handlung bestebt aber in einer beweg- 
ten Berübrung (Reibung) der Geschlechtsteile. Die Luat des sexuel- 
len Aktes zerfällt somit in zwei Komponenten: in eine spezifische 
Berührungs- und eine ßewegungslust. Sollten die zwei Arten spezi- 
fischer (erotischer) Lust erat im Sexualakt ihren Ursprung haben? 
Es ist doch wahrscheinlicher, anzunehmen, daß die erotische Be- 
rührungs- und Bewegungslust ursprünglicher sei als die Lust des 
„normalen" Geschlechtsverkehrs. Mit anderen Worten, vom ent- 



1 



346 Hauterotik 



wicklungsgesclüchtlichcn Standpunkte aus sind wir gezwungen, eine 
Haut- und eine Muakelerotik vorauszusetzen. 

Daß es eine Hauterotik gibt, wußten schon die alten Griechen. 
Denn in Demokrits ethischen Fragmenten stellt es zu lesen: „Es 
erregt den Leuten eine angenehme Empfindung, wenn sie sich 
jucken, und es geschieht ihnen dasselbe, wie bei dem Liebes- 
genusse""*)." 

Eine 51jährige Hyeterika Dr, Sadgers bekennt: 

Als Kind haben -ivir uns gern entweder in der Handfläche oder 
an der Innen-(Radial-)seite des Vorderarmes hinauf kitzeln las- 
sen, was uns ein besonderes Lustgefühl bereitete. Gewöhnlich 
machten wir ims Geschwister einander das gegenseitig und am 
liebsten hatte ich mir das alleweil fortsetzen lassen. Auch in der 
Fußsohle haben wir uns wechselseitig gekitzelt, aber das hielten 
wir nicht aus und hauten wild hemm. Ähnlich empfindlich war 
ich unter den Achseln und am Halse, da vertrug ich das Kitzeln 
ebenfalls nicht. Hingegen kitzelte ich mich häufig um die Brust 
herum, femer an den Bauchseiten. An beiden Stellen war es 
direkt ein wohliges Gefühl . . . Wenn es uns juckte, hatten wir 
direkt starke Lustgefühle davon. Da kriegt man nicht genug, 
man hat inuner mehr haben wollen. Den anderen wurde es schon 
zuwider, und ich habe immer von neuem anfeuern müssen : „Noch 
ein bißchen'^"')." 

Wenn schon die ganze Haut erogen erscheint, so sind verschie- 
dene Hautetellen in dieser Hinsicht empfindlicher als die anderen, 
Die besonders empfindlichen Hautstellen (insbesondere die Schleim- 
hautßtellen) nennt Freud „erogene Zonen". Das sind Körperorgane, 
von denen Erregung spezifisch sexueller Natur ausgebt. Die eroce- 
nen Zonen sind nur besonders disponierte Haulatellen, denn in ab- 
geschwächter Form ist die ganze Haut als eine erogene Zone zu be- 
trachten. Auch neigen wir zur Auffassung, daß das Sexualorgan im 
engeren Sinne des Wortes eine erogene Zone ist, die nur in der 
Entwicklung des Organismus eine prävalierende Bedeutung bekom- 
men hat. 

Besonders klar tritt der erotische Charakter der Beriihrungslust 
im folgenden Bekenntnis einer anderen Patientin Sadgers zutage: 

Ich habe jetzt immer ein Jucken im Ohr, worauf ich mit Watte- 
pfropf oder Haarnadel in den Gehörgang fahre und so lange reibe, 
bis eine Flüssigkeit kommt. Diese Gewohnheit habe ich, solange 
ich zurückdenken kann, und zwar von der Mutter her, 
die mir in dieser Weise die Ohren putzte, was 
mir so unangenehm war, daß ich immer schrie. An der Klitoris 
zu reiben, wagle ich jetzt nicht mehr. Ich täte es sehr gerne, 
fürchte aber die Verstärkung meiner Beinschmerzen. Hinge- 
gen onaniere ich jetzt im Ohre, wenn ich erregt 
bin. Das ist dann ein Ersatz für die wirkliche 



Ohroiianie 347 



Masturbation und bereitet mir aucb ein angenehmes Ge- 
fühl. Vielleicht verlege ich es jetzt absichtlich an eine anständige 
Stelle, wo ich es immer tun kann und vielleicht verbinde ich ea 
mit irgendeiner Sexualphantasie. Wenn ich jetzt im Ohre ona- 
niere, habe ich nachher auch Schmerzen, genau so, wie bei der 
genitalen Onanie, und eine Flüssigkeit kommt auch. Wenn 
mich als Kind der (heißgeliebte) Vater schlug 
und ich also unbefriedigt war, da hab ich mir 
durch die Onanie geholfen. Ich ging in den Gar- 
ten oder sonst an einen Ort, wo ich allein war, 
nahm mir ein Buch oder Süßigkeit und m astur- 
bierte, genital oder im Ohre. Das war, solange ich 
mich zurückerinnere'^'"'). 

Die Patientin gebrauchte ganz bewußt die „Ohronanie" an Stelle 
der genitalen Onanie. Das Bekenntnis dieser Patientin ist auch 
sonst beachtenswert. Wir sehen hier, wie durch übertriebene Reiu- 
liclikeitsmanipulationen ein aucb sonst vielleicht dazu disponiertes 
Organ überempfindlich gemacht und dadurch in eine stark erogene 
Zone verwandelt wird. Das enthüllt uns das masochistische Myste- 
rium, wie sich an Schmerzempfindungen Lustgefühle knüpfen kön- 
nen. Durch den schmerzerzeugenden Prozeß wird 
eine bestimmte Hautstelle in eine erogene Zone 
verwandelt, die erotische Lust übertönt dann die 
Unlust der S chm erz e m p f in d u u g='")'"^"). 

2. Eine auegeprägte oder zu früh gereizte Haulerotik disponiert 
in hohem Grade zum Masocbisraus, sie gibt sozusagen den Nähr- 
boden ab, auf dem der masochistische Komplex gut gedeihen kann. 
Die lauernden Strebungen, die bereitliegenden Ideenassoziationen 
fixieren sich an eine bestimmte erogene Zone. Wir sprechen in 
solchem Falle von einem „somatigchen Entgegenkommen". 

Der erste, der auf diesen Zusammenhang aufmerksam machte, war 
bekanntlich Rousseau. Als Kind war er zu einem Dorfpfarrer in die 
Erziehung gegeben. Die Schwester dieses Pfarrers, Fräulein Lamber- 
eier hatte ihn einmal körperlich gezüchtigt. Rousseau erzählt dar- 
über: (Ziemlich lange ließ sie es bei der Drohung bewenden, und 
diese Andi'ohung einer mir ganz neuen Strafe versetzte mich in 
«roßen Schrecken; aber nach ihrer Erdiddung fand ich sie weniger 
schrecklich, als ich sie mir in der Erwartung vorgestellt hatte, ja, 
was noch eigentümlicher ist, dieseZüchtigungflößtemir 
noch größere Zuneigung zu der ein, die sie mir 
erteilt hatte." Über die Auswirkung dieses infantilen Erleb- 
nisses auf die weitere Entwicklung seines Geschlechtstriebes berich- 
tet Rousseau: „Mit meinen Gedanken nur immer bei dem weilend, 
was ich empfunden hatte, wußte ich trotz der oft sehr lästigen Wal- 
lungen des Blutes meine Begierde auf die Art der WoUust zu lenken, 
die mir bekannt war, ohne mich je derjenigen zuzuwenden, die man 



348 Masochismus und Hauterolik 

mir verhaßt gemacht hatte und die doch, ohne daß ich es im ge- 
ringsten ahnte, mit der anderen im engsten Zusamnieniiange 
stand""")." 

Die vom Kinde zu früh genossene Lust der Hauterotik wurde für 
die fernere Sexualentwicklung ausschlaggebend. Die erzieherischen 
Einwirkungen in der Richtung einer Sexualverdrängung begegnen 
sich mit der fixierten Hauterotik (des Gesäßes). Die infantilen Trau- 
men erleichtern die Arbeit der Sexualverdrängung, indem das so- 
matische Entgegenkommen die Fixierung einer primitiven Phase be- 
wirkt und dadurch das Fortschreiten der sexuellen Entwicklung 
hemmt; auch umgekehrt macht eine spätere Sexualverdrängung die 
sexuelle Entwicklung rückgängig: die Erotik flutet zurück imd 
bleibt an eine frühere Phase fixiert. 

Wir wollen noch folgenden Fall zu unserem Thema anführen: 

Ein Knabe von 13 Jahren weilte zum Besuch bei seinem Kame- 
raden auf dem Gute. Die Knaben onanierten abends fast regel- 
mäßig. Eines Abends wurden sie von der Lehrerin hierbei über- 
rascht. Sie holte den Stock, legte jeden der Knaben nacheinander 
über die Sofalehne, zog ihnen das Hemd hoch und ließ den Rohr- 
ßtock niederklatsehen, bis die Gesäßgegend sich verfärbte. Beide 
ließen es sich gefallen. „Es brannte hinten, wie wenn man auf 
Feuer säße, aber dabei stach es so wohlig, wollüstig auf, gerade die 
Sehläge machten es besonders schön, nie war es so schön, wenn 
wir daran spielten, denn wir taten es doch wiedeT*"")." 

Beim Kinde ist das Primat der Genitalzone noch zu schwach an- 
gedeutet, darum läuft es so leicht Gefahr, der Macht anderer ero- 
gener Zonen zu verfallen. 

3. Zu den erogenen Zonen gehört auch die Mundgegend. Die 
primitivste Äußerung der infantilen Erotik ist „das Ludein oder 
Lutschen, das Echon beim Säugling auftritt und bis in die Jahre 
der Reife fortgesetzt werden oder sich durchs ganze Leben erhalten 
kann", es „besteht in einer rhythmischen wiederholten saugenden 
Berührung mit dem Munde (Lippen), wobei der Zweck der Nah- 
rungsaufnahme ausgeschlossen i6t".^°^) „Es ist . . . deutlich, daß die 
Handlung des lutschenden Kindes durch das Suchen nach einer 
— bereits erlebten und nun erinnerten — Lust bestimmt wird. Durch 
das rhythmische Saugen an einer Haut- oder Schleimhautstelle fin- 
det es dann im einfachsten Falle die Befriedigung. Es ist auch leicht 
zu erraten, bei welchen Anlässen das Kind die ersten Erfahrungen 
dieser Lust gemacht hat, die es nun zu erneuern strebt. Die erste 
und lebenswichtigste Tätigkeit des Kindes, das Saugen an der Mut- 
terbrust (oder an ihren Surrogaten), muß es bereits mit dieser Lust 
vertraut gemacht haben. Wir würden sagen, die Lippen des Kindes 
haben sich benommen wie eine erogeneZone, und die Reizung 
ilurch den warmen Milchstrom war wohl die Ursache der Lust- 
empfindung . . . Wer ein Kind gesättigt von der Brust zurücksinken 



Das Lutschen 349 



sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln in Schlaf verfal- 
len, der wird sich sagen müssen, daß dieses Bild auch für den Aus- 
druck der sexuellen Befriedigung im späteren Leben maßgebend 
bleibt''"^)." 

Im „Neurologischen Zentralblatt" 1919, Nr. 20, veröffentlicht Dr. 
S. Galant eine Niederschrift eines völlig gesunden Mädchens über 
seinen Genuß beim Lutschen. Es heißt dort: 

„Das Lutschcrr'. 

Es ist viel zu schön, um das 
wiedergeben zu können. 

Wie verschieden das Gefühl der Erwachsenen und der Kinder 
ist, sehe ich am besten ein, wenn ich an meine Kinderzeit, wo ich 
noch den Lutscher gelutscht habe, zurückdenke. 

Manch Erwachsener denkt: Was gibt's denn eigentlich an einem 
, Lutscher? Wieso kommt es, daß die meisten Kinder so einen Lut- 
scher so gern haben? Ich weiß warum, ich weiß, was so ein Lut- 
scherl alles vermag. Ich glaube, daß ein Lutscher das feinste und 
seligste Gefühl, das man haben kann, zu verschaffen imstande ist. 
Vielleicht nicht viele Kinder haben solange wie ich gelutscht, 
und weil ich selbst, wo ich schon in die Schule gegangen bin, 
den Lutscher nicht entbehren konnte, weiß ich jetzt noch so gut, 
wie herrlich so ein Lutscherl ist. Man hat mir zuletzt den Lut- 
scher weggenommen, ich habe noch gleichwohl im Verstecken 
gelutscht. Manchmal hatte ich noch einen kleinen Stumpf von 
einem Lutscher in der Tasche gehabt. Wenn aber meine Eltern 
und Geschwister dahintergekommen sind, haben sie ihn weit, 
weit weggeschmissen, damit ich ihn nicht mehr finde. Oh, wie 
manches Mal habe ich bitter geweint und meine Mutler um einen 
Lutscher angefühlt, denn die Mutter hat am meisten Erbarmen 
mit mir gehabt. Als ich anfing, in die Schule zu gehen, habe ich 
noch sehr oft gelutscht, aber so, daß es niemand gesehen hat. Man 
hätte mich ja nur ausgelacht, sie wissen ja nicht, wie gut ein Lut- 
scherl sei. Ich habe immer gemeint, es gebe nichts Ähnliebes wie 
ein Lutscher. Und doch gibt es etwas, das ihm gleicht: das ist 
ein Kuß von demjenigen, den man so recht und herzig liebt. 

Nicht alle Küsse gleichen einem Lutscherl: nein, nein, lange 
nicht alle! Man kann nicht achreiben, wie wohlig es einem durch 
den ganzen Körper beim Lutschen geht; man ist einfach weg von 
dieser Welt, man ist ganz zufrieden, und wunschlos glücklich. Es 
ist ein wunderbares Gefühl; man verlangt nichts als Ruhe, Ruhe, 
die gar nicht unterbrochen werden soll. Es ist einfach unsagbar 
schön: man spürt keinen Schmerz, kein Weh und, ach, man ist 
entrückt in eine andere Well. 

Wer die verschiedenen Küsse unterscheiden kann, der kann sich 
auch das Gefühl, das man beim Lutschen hat, ausmalen. Wenn 
aber alle Küsse gleich sind, so nützt alles Schreiben nichts""*). 



350 Erogenität der Mundzone 

Charakteristisch für das Lutschen ist die Anlehnung an eine 
der lebenswichtigen Körperfunktionen, als erotisch betonte Hand- 
lung kennt es noch kein Sexualobjekt, ist autoerotisch, und 
ihr Sexualziel steht unter der Herrschaft einer erogenen 
Zone"«^). 

Die Erogenilät der Lippen-Mund-Zone, der Umstand, daß in der 
ersten Kindheit die Befriedigung der erogenen Zone mit der Befrie- 
digung des Nahrungsbedürfnisses vergesellschaftet war, bedingt die 
Verschiebung dea sexuellen Affektes auf den Eß- und Trinkkom- 
plex: Essen und Trinlten können leicht zu Symbolen sexueller 
Tätigkeit werden. Das sehen wir z. B. auch in folgendem Traume: 

Der Träumende sitzt in einem BeEtaurant und trinkt Tee mit 
Milch, den ihm eine Kellnerin gereicht hat. Er hat seinen Tee 
getrunken und bestellt bei einem hinzutretenden Kellner eine 
weitere Portion, Der Kellner schlägt ihm vor, Tee mit Rum zu 
trinken. Er verlangt aber wieder Tee mit Milch. Der Kellner will 
ihm jedoch nach seinem Vorschlag bedienen; er (der Träumer) 
fordert darum, die Kellnerin soll kommen, welche ihm das Ver- 
langte wirklich bringt. 

Analyse. Tee mit Milch war sein Lieblingsgetränk, als er noch 
zu Hause bei der Mutter lebte. Er hatte schon seit längerer Zeit 
keinen Tee mehr getrunken. Am Traumtage besuchte er eine polni- 
sche Familie, in der Hoffnung, dort den Tee einnehmen zu können, 
was jedoch nicht der Fall war. 

Tee mit Rum trinkt man öfter in Paris, nach welcher Stadt er 
große Sehnsucht hat. übrigens ist Paris die Stadt, wo manche sexu- 
elle Verirrungen so verbreitet sind. Verschiedene Verimingea be- 
geht man leichter, wenn man von Alkohol angeheitert ist. Beachten 
wir noch, daß Tee mit Rum e i n M a n n reicht, Tee mit Milch aber 
e i n M ä d c h e n, so ist der Traum verständlich : erdrücktden 
Kampf zwischen „normaler" und Homoerotik aus. 
Die normale Erotik behält die Oberhand: es kommt die Frau, die 
ihm dag Verlangte bringt. 

Wir sehen, wie unser Traum die Symbolik dea Trinkens im eroti- 
schen Simio gebraucht. Dabei ist noch beachtenswert, daß der Träu- 
mer Tee mit Milch verlangt, was sein Lieblingstrank im Hause 
der Mutter war. Die Beziehung der Erotik zum Saugen an der Mut- 
terbrust ist dadurch unzweideutig angegeben. 

Daß ein Zusammenhang auch zwischen Saugen und Küssen be- 
steht, haben wir früher in einem anderen Zusammenbang gezeigt. 
Auch die eben angeführte Lutscherin bestätigt diesen Zusammen- 
hang. 

Li der Äutoerotik des Saugena selbst liegt schon der Keim des 
Überganges zur Objekterotik verborgen. Nach dem Erscheinen der 
Zähne beim Kinde wird die Befriedigung der Erotik von dem Be- 
dürfnis der Nahrungsaufnahme getrennt, die Nahrung wird jetzt 



Analerotik 351 



nicht mehr ausschließlich eingesogen, sondern gekaut. „Eines frem- 
den Objektes bedient eich das Kind zum Saugen nicht, eonderu he- 
ber einer eigenen Hautstelle, weil diese ihm bequemer i&t, weil es 
sich von der Außenwelt unabhängig macht, die es zu beherrschen 
noch nicht vermag, und weil es sich solcherart gleichsam eine 
zweite, wenngleich mindei-wertige Zone schafft. Die Minder- 
i/ertigkeit dieser zweiten Stelle wird es später 
mit dazu veranlassen, die gleichartigen Teile, 
die Lippen, einer anderen Person zu su c h e n^"')." 
Der Übergang von der Autoerotik zu der Objekt- 
erotik ist somit ein immanenter Entwicklungs- 
prozeß. 

4. Unter den verschiedenen erogenen Zonen spielt die Afteröff- 
nung eine bedeutende Rolle, worauf sich die Analerotik auf- 
baut. 

Ein Herr erzählt aus aeiiiem 7. Lebensjahre: „Er lag krank im 
Bette. Im Nebenzimmer, wo die Familienangehörigen sich befanden, 
erzählte ein fremder Herr, ■wie er eben in einer Droschke fuhr, ihm 
ein Kosak galoppierend entgegenkam, mit der Droschke zusammen- 
stieß und sie umwiirf. Sofort träumt der Kleine: 

Er fährt in einer Droschke. Da kommt ein Kosak im Galopp 
und wirft die Droschke um. In diesem Moment erhebt sich über 
i hn ein Luftballon. (Er erwacht, weil er ein Glas Wasser, das 
nebenan auf einem Stuhl stand, umgestoßen hatte und naß 
wurde.) 

Analyse. Der Analysand gibt an, daß der Luftballon ihn an 
die Klistiere erinnert, mit denen man ihn in der Kindheit viel ge- 
plagt hatte; bei dieser Gelegenheit hatte er die 
ersten sexuellen Erregungen erlebt. 

Der analerotische Charakter des Traumes ist klar. Ein bestimmter 
Komplex „entlehnt" ein fertiges Thema, um es seinen eigenen Zwek- 
ken gemäß fortzusetzen: natürlich muß man umfallen, um die anal- 
erotische Manipulation über sich ergehen zu lassen. 

Auch dieser Traum zeigt uns, wie die verschiedenen Traumen im 
Kindcsalter die vielleicht auch sonst vorhandene Anlage verstärken. 
Die jedem Kinde in gewissem Maße anhaftende Analerotik ist bei 
unserem Träumer schon beträchtlich stark ausgebildet. 

Die Analerotik äußert sich auch in Kunst und Mythos, In der 
erotischen Kunst des 18, Jahrhunderts treffen wir „die auffallende 
Häufigkeit der Darstellung von — K 1 i s t ie r sz e n e n, die in 
höchst raffinierter Weise aufgefaßt werden, indem meist eine junge 
Dame ihre ,globe8 d'arricre' in liislemster Weise dem Kammermäd- 
chen für die erleichternde Operation präsentiert, während der Lieb- 
haber diese pikante Szene von der Tür aus belauscht . . . Dieses 
Sujet war so behebt, daß die vornehmen Damen es sogar auf ihren 
Kleidern und Fächern anbringen ließen".""") 



352 Analerotik 



In einer Kunstsammlung, die dem Münster in Freiburg i. Br, 
angehört, habe ich eine merkwürdige Figur gesehen. Sie ateÜt einen 
Menschen dar, der seinen Kopf mit geöffnetem Munde ganz nach 
unten beugt, so daß der Hintere in die Hohe kommt. Diese Figur 
diente früher am Münster als Wasserrinne, wobei das Wasser durch 
den After herein- und durch den Mund herauskam. Offenbar ein 
Produkt einer analero tischen Phantasie. 

Die Analerotik kommt noch in einer verbreiteten Schimpf- und 
Verachtungsgeste zum Ausdruck. „Seit alten Zeiten erweist der ge- 
meine Mann dem anderen seine souveräne Verachtung dadurch, daß 
er vor ihm den Hintern aufdeckt und vielleicht dazusetzt; Lecken 
sie mich am Arsche! — eine Aufforderung, deren Ausführung in 
rohen Zeiten gelegentlich erzwungen worden ist'"'^)." Das Ersehnte 
wird hier, wie im paranoischen Wahne, mit Hilfe des verachteten 
Mannes zur Darstellung gebracht. In der Geste wird der analeroti- 
sche Komplex umgedeutet: „Ich bin nicht so pervers, aber jenem 
verachteten Kerl gelüstet es nach solchen ekelhaften Dingen^^'a)." 

„Die Afterzone ist ähnlich wie die Lippenzone durch ihre Lage 
geeignet, eine Anlelinung der Sexualität an andere Körperfunk- 
tionen zu vermitteln. Man muß sich die erogene Bedeutung dieser 
Körperstelle als ursprünglich sehr groß vorstellen." „Kinder, welche 
die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnützen, verraten sich da- 
durch, daß sie die Stuhlmassen zurückhalten, bis dieselben durch 
ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen anregen und beim 
Durchgang durch den After einen starken Reiz auf die Schleimhaut 
ausüben können, Dabei muß wohl neben der schmerzhaften die 
WoUufltempfindung zustande kommen^*^*)." Der infantile Analerotis- 
mu8 spricht noch aus manchem derben Witz oder Volksspruch, So 
sagt man in Ostpreußen, wenn man den Drang zum Stuhlgang ver- 
spürt: „Mi öß so fründlich ommen Aarsch""")," 

An dieser Stelle reihen wir noch einen Traum ein, der von dem 
liebe-haß-erfüUten jungen Mann stammt, von dem oben, Kap. XV 1 
die Rede war. Wir sahen dort, daß der junge Mann eine starke Mut- 
terbindung hatte, aus der er sich nicht leicht loslösen konnte. Nun 
bringt er eines Tages folgenden Traum in die Analyse: 

1. Er steigt mit seiner Frau und der Mutter in einen unteren 
Raum, Er bekommt dort einen Blutaturz, aus dem Munde kommt 
das rote Ding in Form einer Blutwurst heraus. Es ekelt ihn un- 
gemein. 

2. Er steigt mit der Frau in einen oberen Raum. 

Analyse. Auf den ersten Blick scheint der Traum die Inzest- 
bindung (im unteren Raum) anzudeuten, und dann den Versuch 
sich davon zu befreien, indem der Träumer nur mit der Frau in den 
oberen Raum steigt, von der Mutter ist keine Rede mehr. 

Mir war aber auffallend, mit welchem intensiven Ekelaffekt der 
Analyaand das Herauskommen der Blutwurst schilderte! Ich dachte 



Änalerotik 353 



an ein analerotisches Erlebnis. Und nun erzälilt dann der Analysand, 
daß er als Kind ziemlich an Veratopfungen gelitten und daß die 
Mutter ihm in den After Zäpfchen eijiführte. Es war nun klar, daß 
die intensive Bindung an die Mutter noch einen analerotiachen 
Grund hatte: der junge Mann liebte sie so heftig und konnte sich 
von ihr nicht frei machen, weil sie diejenige Frau war, die auch be- 
reit war, seine Analerotifc zu befriedigen. 

Immerhin schien es mir noch merkwürdig, warum die Blutwurst 
aus dem Munde kam. Zum Teü lag die Erklärung darin, daß seine 
trau vor einigen Tagen im Traum einen Blutsturz bekommen hatte 
Indem er selbst etwas Ähnliches im Traume erlebt, vollzieht er eine 
Identifizierung mit der Frau. Der Analysand selbst gibt eine andere 
Erklärung, indem er sagt: WeU das Zäpfchen doch in den Anus ein- 
^schoben war, konnte es doch nur durch den Mund herauskommen 
Hier wiederholt unser Analysand die Situation, wie die oben be- 
schriebene Figur aus dem Freiburger Münster: auch da diente der 
Anus ah Aufnahmeöffnung und der Mund als Kloake. Und das hat 
seinen Sinn: Der Analerotiker hat das Bestreben „zurückzuhalten", 
dieser dem Analerotiker eigentümliche „Geiz" führt dazu, der After- 
zone den Charakter einer Ausfuhröffnung zu nehmen. 

In dem oben angeführten Traum mit dem galoppierenden Kosa- 
ken ist das Klistier durch einen Luftballon symbolisch darge- 
gestellt Es liegt die Vermutung nahe, daß die Entweichung des 
Malus hei Analerotikern mit (erotischer) Lust verbunden ist. Daran 
knüpft sich eine merkwürdige „infantile Sexualtheorie". Von einem 
Zwangsneurotiker erzählt E. Jones folgendes: 

Sein Vater, welcher an intestinalen Störungen litt, hatte die 
Gewohnheit, gewaltsam Flatus auszupressen und daraus wurde 
ein Familienscherz. Als Kind ergötzte er sich am Gerüche des 
i- latus seines Vaters und daran, sie mit den seinen zu vergleichen, 
zu welchem Zwecke er stundenlang neben seinem Vater zu sitzen 
pflegte. Jir beobachtete es auch oft, wenn sein Vater unbedeckt im 
Bette lag . . . So kam er ... auf den Schluß, dieHauptsache 
beim Koitus eei das Einblasen eines Flatus in 

den Anus der Frau und diese führe zur Schwan- 
gerschaft. Wenn er den Koitus der Eltern behorchte oder 
seines Vaters Flatus, pflegte er es mit seiner Schwester nachzu- 
ahmen {die im gleichen Zimmer schlief mit ihm). Dabei pflegte 
er auf dem Gesichte zu liegen und sie auf ihm, oder auch Rücken 
an Rücken, um in möglichster Nähe ihres Anus einen Flatus aus- 
zupressen""). 

Dieselhe analerotiaclie Auffassung des Koitus verrät auch eine 
neurotische Patientin Dr. Reitlers: 

Im Alter von etwa 6 oder 7 Jahren bin ich einmal morgens aus 
meinem Betterl aufgestanden, habe die Türe im Schlafzimmer 
memer Eltern geöffnet und mich hiueingeschlichen. Die Eltern 

23 Kaplan, Psychoanalyse 



gg^ Die BeweguHgslust 




echliefen in einem großen Doppelbett. Papa lag auf der Seite, den 
Kücken dem Bettiando zugekehrt. Die Decke hatte sich verscho- 
ben, ebenso daa Hemd, und ich sah den nackten, weit herausge- 
streckten Pope, Ich erschrak heftig, ging auf den Zehen eiligst (^ 

zurück und schloß die Türe so leise, daß weder Papa noch Mama 
erwachten. Ins Bett zurückgekehrt, konnte ich nicht einschlafen. 
Es begann sich folgende Phantasie in meinem Kopfe festzusetzen: 
„Wenn die Eltern das Geheimnisvolle, das die Kinder nicht wis- 
sen dürfen, tun, so pressen sie die nackten Popos aneinander und 
blasen sieh gegenseitig Luft ein"^^)." 

Die heftige Angst, die der Anblick des nackten Popos bei dem 
Mädchen hervorruft, deutet auf verdrängte Analerotik hin; denn 
sonst ist ein solcher AnbUck gar nicht geeignet, Angst einzuflößen. 
Auf Grund des analerotischen Komplexes baut sich dann eme merk- 
würdige infantUe Sexual- und Geburtstbeorie auf: der Geschlechts- 
akt bestehe im Einblasen von Luft in den Anus der Frau und darauf 
ist die Schwangerschaft zurückzuführen''^). 

5. Die Muskelerotik (die Bewegungslast) scheint selten von der 
Hanterotik isoliert aufzutreten. „Daß ausgiebige Muskelbetatigung 
für das Kind ein Bedürfnis ist, aus dessen Befriedigung es außer- 
ordentliche Lust schöpft, ist bekannt. Ob diese Lust etwas nut der 
SexuaHtät zu tun hat, ob sie selbst sexueUe Befriedigung einschließt 
oder Anlaß zu sexueller Erregung werden kann, das mag kritischen 
Erwägungen unterliegen . . . Tatsache ist aber, daß eine Reihe von 
Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der Erregtheit an 
ihren Genitalien während des Raufens oder Ringens mit ihren Ge- 
spielen erlebt, in welcher Situation außer der allgemeinen Muskel- 
anslrengung noch die auBgiebige Hautteröhrung mit dem Gegner 
wirksam wird. Die Neigung zum Muskelstreit mit einer bestimmten 
Person, wie in späteren Jahren zum Wortstreit (,waB sich liebt, das 
neckt sich'), gehört zu den guten Vorzeichen der auf diese Person 
gerichteten Objektwahl. In der Beförderung der sexuellen Erregung 
durch Muskeltätigkeit wäre eine der "Wurzeln des sadistischen Trie- 
bes zu erkennen*'^)." 

Dr. Sadger berichtet zum Thema der Muskelerotik: „Ich behandle 
jetzt eine Jungverheiratete Gattin und Mutter, die präzis angibt, 
seit ihrer Ehe von jedem Balle mit Schuldgefühlen nach Hause zu 
gehen. Trotzdem sie noch keinem Tänzer je das mindeste gewährte, 
plagte sie doch immer die Empfindung, sich dimenhaft benommen 
zu haben, als wäre sie von jenem koitiert worden. Hier und da hat 
sie direkt ein Rauschgefühl. Der Tanz ist nicht bloß ihr selber eiii 
teilweiser Ersatz des Geschlechtsverkehrs, sondern sie vermutet mit 
Fug und Grund das nämliche auch bei vielen ihrer Tänzer*")." 
Ebenso meint Havelock Ellis: „(Der Tanz gewählt) etwas von dem 
Genüsse befriedigten Verlangens. Man kann das besondere bei jun- 
gen Mädchen sehen, die manchmal einen großen Kraftaufwand 




Auge «nd Objekterotik 355 



durch Tanzen treiben und eich eo niclit Ermüdung, sondern Glück 
und Ruhe schaffen; nach dem Beginne geschlechtlichen Verkehrs 
verlieren Mädchen bezeichnenderweise viel von ihrer Tanzlust^")." 

Man darf vermuten, daß das Überwiegen der Muskelerotik in der 
sexuellen Konstitution die verschiedenen Kraftmenschen, von den 
großen Eroberern bis zum Zirkusathleten herab, schafft. Unter un- 
günstigen Verhältnissen des infantilen Lebens (die wir in früheren 
Kapiteln geschildert) entwickeln sich aus den Muskelerotikeni Sa- 
disten. 

Die Hauterotifc in ihren verschiedenen Formen disponiert mehr 
zum künstlerischen und wissenschaftlichen Leben. Denn der Haut- 
erotiker ist weniger geneigt, die Wirklichkeit durch Taten zu be- 
wähigen. Vielmehr will er sie wahrnehmen, auf sich einwirken las- 
sen (d. h. die Lust der erogenen Zonen genießen). Der Muskeleroti- 
ker erledigt sich seiner Komplexe, indem er sie in Taten umsetzt. 
Der Hauterotiker schwelgt aber in den Bildern seiner Phantasie 
(der Künstler) und in den abstrakten Schemen des theoretischen 
Gedankens (der Wissenschaftler, der Denker). 

Wenn wir das Gesagte unter einen früher von uns vertretenen 
Staudpunkt bringen, so können wir das auch so ausdrücken: Der 
Muskelerotiker steht melir unter der Gewalt der energetischen Ent- 
ladungatendenz, der Hauterotiker dagegen unter derjenigen der Be- 
harrungstendenz. 

6. Die Muskelerotik hat ursprünglich autoerotischen Charak- 
ter. Sie nimmt aber, wie uns dies die Raufereien der Kinder zeigen 
bald den objekterotischen Charakter an. Es ist auch bekannt wie 
die Knaben die Mädchen verschiedentlich zu necken lieben 

Auch die Hauterotik ist ursprünglich autoerotisch. Bei normaler 
Entwicklung stellt sie sich bald in den Dienst der Objekterotik. 
„Em gewisses Maß von Tasten ist wenigstens für den Menschen zur 
Erreichung des normalen Sexualzieles unerläßlich. Auch ist ea all- 
gemein bekannt, welche Lustquelle einerseits, welcher Zufluß neuer 
Erregung anderseits durch die Berührungsempfindungen von der 
Haut des Sexualobjektes gewonnen wird^^")." 

Unter den verschiedenen erogenen Zonen nimmt das Auge eine 
besondere Stelle ein, da es von vorneherein mehr der Objekterotik 
zugewendet ist. Das Auge ist, zum Unterschiede von der Haut, ein 
Fernsinnesorgan. „Der optische Eindruck bleibt der Weg, auf dem 
die libidinöse Erregung am häufigsten geweckt wird, und auf dessen 
Gangbarkeit die Zuchtwahl rechnet, indem sie das Sexualobjekt sich 
zur Scbönheit entwickeln läßt"^^)." 

Den erogenen Zonen kommt unter den Verhältnissen des Prima- 
tes der Genitalzone eine wichtige Rolle zu: „Die dem Sexualobjekt 
entlegenste, das Auge, kommt unter den Verhältnissen der Objekt- 
werbung am häufigsten in die Lage, durch jene besondere Qualität 
der Erregung, deren Anlaß wir am Sexualobjekt als Schönheit be- 
zeichnen, gereizt zu werden. Die Vorzüge des Sexualobjekts werden 



oeg Vorlast und Endlnst 



darum auch ,Reize' geheißen. Mit dieser Reizung ist einerseits be- 
reits Lust verbunden, anderseits ist eine Steigerung der sexuellen 
Erregtheit oder ein Hervorrufen derselben, wo sie fehlt, ihre Folge. 
Kommt die Erregung einer anderen erogenen Zone, z. B. der tasten- 
den Hand, hinzu, so ist der Effekt der gleiche, Lustempfindung 
einerseits . . ., weitere Steigerung der Sexualspannimg anderseits, 
die bald in deutliche Unlust übergeht, wenn ihr nicht gestattet wird, 
weitere Lust herbeizuführen." Die Rolle, die den erogenen Zonen 
jetzt zufällt, ist klar: „Sie werden sämtlich dazu verwendet, durch 
ihre geeignete Reizung einen gewissen Betrag von Lust zu heiem, 
von dem die Steigerung der Spannung ausgeht, welche ihrerseits die 
nötige motorische Energie aufzubringen hat, um den Sexualakt zu 
Ende zu führen. Das vorletzte Stück desselben ist wiederum die ge- 
eignete Reizung einer erogenen Zone, der Genitalzone selbst an der 
Glana penis, durch das dazu geeignetste Objekt, die Schleimhaut 
der Scheide, und unter der Lust, welche diese Erregung gewährt, 
wird diesmal auf reflektorischem Wege die motorische Energie ge- 
wonnen, welche die Herausbeförderung der Geschlechtsstoffe be- 
sorgt. Diese letzte Lust ist ihrer Intensität nach die höchste, in ihrem 
Mechanismus von den früheren verschieden. Sie wird ganz durch 
Entlastung hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust und mit ihr 
erlischt zeitwciKg die Spannung der Libido**"^)." Freud bezeichnet 
die Lust, die aus der Erregung erogener Zonen stammt, ah V o r - 
1 u 8 t, zum Unterschiede von der E n d 1 u s t oder Befriedigungslust 
des Sexualaktes. 

Die ursprünglichen QueUen der erotischen Lust werden mit der 
"Reifung des Geschlechtaapparates nicht außer Tätigkeit gesetzt, was 
völlig unökonomisch wäre. Vielmehr werden sie in den Dienet des 
Geschlechtstriebes gestellt und dem Primat der Genitalzone unter- 
geordnet. Einerseits dient zwar die Vorlust als Verlockungsprämie 
im Prozesse der sexuellen EiTegung. Aber die Fixierbarkeit, die 
jeder erogenen Zone zukommt, bedeutet anderseits ein Aufhalten 
der Bewegung zum letzten Ziele. Darin ist der Realisierbarkeit der 
sexualökonomiscben Tendenz der Kulturentiv-ioklung der Weg vor- 
gezeichnet. In der Liebe kommt die zeitweilige Fixierung der ver- 
schiedenen Formen der Vorlust sehr oft zu ihrem Rechte: man be- 
gnügt sich mit dem Anblick der geliebten Person, mit dem Kuß, 
mit dieser oder jener Zärtlichkeit. 

Aus den vorhergehenden Betrachtungen leuchtet es ein, daß die 
Begriffe: Erotik und Geschlechtstrieb sich nicht völlig decken. 
Einerseits äußert sich im Geschlechtstrieb nur die besondere Form 
der Erotik, nämlich diejenige der Endhist. Anderseits ist der Ge- 
flchlechtstrieb ein Produkt (Verschmelzung) von Erotik und Arterbal- 
tungßtrieb. Im präventiven Verkehr ist der Arterhaltungstrieb ausge- 
schaltet. Daß dieser jedoch im Geschlechtstrieb eine Rolle spielt, 
ist leicht in kinderlosen Ehen zu beobachten: Viele fühlen sich in 
einer solchen Ehe nicht ganz glücklich. Die beiden Komponenten 



Lustmechanik 357 



des Geschlechtstriebes sind natürlich bei verschiedenen Individuen 
in verschiedenem Maße entwickelt. 

7. Wir haben his jetzt von zwei Grundarten der Erotik gespro- 
chen: von Haut- und MuskelerotUc, denen Berührungs- und Bewe- 
gungslusi entsprechen. Diese Einteilung ist vom deskriptiven Stand- 
punkt aus berechtigt. Aber dynamisch lassen sich die zwei Arten 
in eine einzige Lust auflösen. 

„Jede andauernde Sensation hat die Tendenz, allmählich zu ver- 
klingen, aufzuhören Sensation zu sein. Wenn man z. B. die Hand 
auf irgendeine Fläche auflegt, so erlebt man die Berührung nur im 
ersten Moment intensiv, schnell sinkt die Sensation auf Null. Da- 
gegen kann man durch eine schwache Hin- und Herbewegung die 
Berührungssensation gleichsam erneuern und sie dadurch auf ihrer 
Höhe erhalten. Die Bewegung ist nur ein Mittel, die Berührung zu 
intensivieren. 

Wir wollen es genauer analysieren: Die höchste Intensität der 
Berührungssensation ist nur im Momente der Berührung selbst ge- 
geben. Die dem Berührungsmomente entsprechende intensive Be- 
rührungssensation können ^vir als ein ,Berührung8diffe- 
Tential' (=sehr kurz andauerndes Erlebnis) bezeichnen. Die be- 
wegte Berührung stellt dann eine Summierung solcher Berübrungs- 
differentiale, ein ,Berührung8integrar, dar. Solange aber 
die Bewegung der bestimmten HautsteUe in derselben Richtung vor 
sich geht, entsteht wiederum die Tendenz zur Herahminderung der 
Intensität des Berührungsintegrals (wegen der Gleichartigkeit der 
einzelnen Berührungsdifferentiale, der steten Wiederholung alöo 
der nämlichen Sensation). Ändert aber die Richtung der Bewegung 
ihr Zeichen, wie das bei der Hin- und Herbewegung immer der Fall 
ist, so wird gleichsam das eine Berührungsintegral, dessen Intensität 
zu fallen anfängt, durch ein anderes, dessen Intensität noch nicht 
vermindert ist, ersetzt. 

Vom Standpunkte also einer ,Luetmechajiik' ist die Bewe- 
gungsluet nur eine Summierung der höchsten 
Intensitäten der B e r ü h r u n g sl u s t"^")." 

8. Auch die Beziehung der erogenen Zonen zueinander und zu 
der Genitalzone läßt sich leicht dynamisch begreifen. Wir sahen, 
daß beim reiferen Individuum unter den erogenen Zonen der Geni- 
talzone das Primat zufällt. Von jetzt an spielen die erogenen Zonen 
eine zweifache Rolle: hei der Reizung einer erogenen Zone ent- 
wickelt sich einerseits Lust („Vorlust")? anderseits aber ist eine 
Steigerung der sexuellen Spannung damit verbunden, wodurch die 
motorische Energie aufgebracht wird, die nötig ist, um den Sexual- 
akt zu Ende zu bringen (die „E"dlu8t"). „Richtig verstanden be- 
deutet das : ein Teil der durch die Reizung der ero- 
genen Zonen geweckten Energie fließt zu der 
Genitalzone über, wodurch der große Effekt bewirkt 
wird^^^")." 



35g Erogene Zonen und Genitalzone 



Die Fälle, wo die Erotik an einer erogenen Zone dauernd fixiert 
bleibt, stellen eine Umkehrung der obigen Beziehung dar. So sahen 
wir oben, wie z. B. eine Patientin Dr. Sadgers, wenn sie aufgeregt 
war, „Ohronanie" trieb. Oder Rousseau, wenn er in „lästige Wal- 
lungen des Blutes" kam, das Begehren hatte, auf das Gesäß ge- 
echlagen zu werden. „Die Genitalzone und die übrigen erogenen 
Zonen stehen also in einer Wechselbeziehung zueinander: die Er- 
regung der einenfcann zu der anderen fließen und 
auch umgekehr t*'-^) ." 

Wir haben oben darauf hingewiesen, daß der Sexualtrieb sei- 
nem Objekte nach Variationen zuläßt: er kann entweder ob- 
jefcterotisch, oder an das Subjekt selbst (narzißstisch) gerichtet sein. 
Wir sehen jetzt, daß auch dem Ziele nach der Sexualtrieb 
Variationen zuläßt: das Ziel des Sexualtriebes ist nicht nur die 
Vereinigung der Genitalien im Sexualakt, sondern auch die Be- 
tätigung dieser oder jener erogenen Zone. Die sexuelle Triebbefrie- 
digung, die an der Tätigkeit einer erogenen Zone gebunden ist, 
nennt Freud „Partialtrieb". Das Wesen des Autoerotismus erschöpft 
sich darin, daß er an der Tätigkeit einer erogenen Zone gebunden, 
bloß „Partialtrieb" bleibt. Unter dem Primat der Genitalzone rich- 
tet sich der Sexualtrieb nicht mehr bloß auf die Tätigkeit einer ero- 
genen Zone ein, sondern eine Sexualperaon tritt in den Kreie 
der libidinÖsen Erlebnisse. Dazwischen liegt der Narzißmus, der mit 
der Objekterotik das Gerichtetsein auf eine Person gemeinsam 
hat, unterscheidet sich von ihm nur dadurch, daß diese Person kein 
Objekt, sondern ein Duplikat des Subjektes ist. 

9. Es ist noch wichtig, darauf hinzuweisen, daß mit der Tätigkeit 
der erogenen Zonen auf das innigste auch d?e „Wirklichkeitsfunk- 
tion" verbunden ist: die erogenen Zonen (wie die ganze Körper- 
oberfläche überhaupt} sind doch zugleich Wabmehmungsorgane. So 
ist z. B. der Mund das Organ der primitivsten Raumerfahning. 
„Der ,Urraum' des Neugeborenen ist die Gegend seines Mundes: 
der Mund ist vermutlich das einzige Organ, das sehen vom ersten 
Tage an auf bestimmte Tasteindrücke mit bestimmten Bewegun- 
gen antwortet (Saugen), und nach etwa drei Wochen hat sich hier 
bereits eine sensomotorische Einstellung ausgebildet, die eine ge- 
wisse Raumdistanz überwindet; wird nämlich die Wange des Kin- 
des mit der Brustwarze berührt, so findet eine Kopfbewegung statt, 
bis der Mund an die Warze hergebracht ist." „Durch das oft stun- 
denlange Saugen an den Fingern müssen ja im Urraumorgan spe- 
zielle Tastwahmehmrungen von diesem Körperteil erzeugt iver- 
den . . .*'^^)." Mit der Saugerotik ist somit die Erkenntnis des Ur- 
und Nabraumes auf das engste verknüpft. Man kann sagen, der 
„Nahraum" ist hauptsächlich an autoerotische Momente gebunden: 
er besteht aus Wahrnehmungen (Erfahrungen), die an eigenen 
Körperteilen gemacht worden sind. Das Auge führt uns in die weite 
Welt ein (in den „Fernraum"), zugleich stellt es uns dem Sexual- 



\ 

Die „Wirklichkeitäfuiiklion" und die erogeneii Zonen 359 



Objekt gegenüber: daa Auge ist das vornehmste Organ der Objekt- 
wahl. Schon aus diesen wenigen Andeutungen muß es einleuchten, 
daßvonderRichtungunsererErotikamEndeauch 
das Schicksal der „Wixklichkeitafunktion" ab- 
hängen muß. Wird die Libido in das autoerotische Stadium zu- 
riickvereetzt und dort dauernd fixiert, so ist es wahrscheinlich, daß 
das betreffende Individuum den Sinn für den „Femraum" und al- 
les, was sich dort befindet und sich dort abspielt, bald verlieren 
wird (Introversion). So beschreibt z. B. A. Maeder einen Dementia- 
praecox-Kranken: „F, E. ist über fünfzehn Jahre in der Anstalt. 
Er hält sich seit vielen Jahren auf der offenen Abteilung mit vielen 
anderen chronischen Patienten zusammen. Er wird bei der Haus- 
ordnung beschäftigt, ist immer allein; wenn unbeschäftigt, 
füllt er Hefte mit Notizen, welche er niemandem zeigt. Er spricht 
halblaut, fast ununterbrochen, antwortet auf seine Stimmen, er- 
teilt Befehle in die Luft, gestikuliert. Dem Anstaltsleben 
gegenüber bleibt er vollständig gleichgültig, er 
macht nie ein Fest mit, er geht früh ins Bett, liegt 
viel tagsüber während der freien Zeit auf einer 
einsamen Bank. Man trifft ihn nie im Hofe. Spontan hat er 
nie etwas zu fragen, auch nie zu klagen. Er dreht sich nicht einmal 
um, wenn ein Arzt vorbeigeht. Er lebt mitten in einer 
Gruppe von über dreißig Patienten wie ein Ein- 
st e d 1 e r ... Er sieht ziemlich vernachlässigt aus, hat einen befrem- 
denden Blick. Kurz, er bietet das klassische Bild einer Dementia 
praecox mit ausgebildeter Verblödung." „Die eigene Person rückt in 
den Vordergrund des Interesses, die Eindrücke der Außenwelt sind 
nur schwach besetzt; dadurch wird die objektive Korrektur immer 
schwächer. Die Selbstüberschätzung wächst maßlos und unge- 
hemmt*'-^)." Wie der Liebende die Vorzüge der Oliebten über- 
schätzt, so überschätzt auch der Dementi a-praecox-Kranke sich 
selbst. Der Autoerotismua macht ihm die ganze Welt entbehrlich 
und so wird er in ihr zum Einsiedler, 

Gegen eine solche Auffassung machte zwar Jung geltend: „Die 
Tataachen liegen so, daß in sehr vielen Fällen die Wirklichkeit 
überhaupt wegfällt, so daß die Kranken nicht eine Spur von psy- 
chologischer Anpassung oder Oricntiei-ung erkennen lassen . . . Man 
muß notgedrungenerweise sagen, daß nicht nur das Erotische, son- 
dern überhaupt das Interesse, d. h. die ganze Realltälsanpassung iu 
Verlust geraten ist"-^)." Wir müssen aber bedenken, daß das „Inter- 
esse'* überhaupt und das „erotische Interesse" von dem ersten Atem- 
Zuge an fast unlöslich miteinander verknüpft sind: die Wahr- 
nehmung der Welt und die erotische Lust fließen durch dieselben 
Organe. 

10. Die bisherigen Betrachtungen erfordern noch eine Ergänzung. 
Freud sagt: „Mit dem Satz, das Prunat der Genitalien sei in der 
frühinfantilen Periode nicht oder nur sehr unvollkommen durch- 



360 Kastratioiiskomplcx 



geführt, würde ich mich heute nicht mehr zufrieden gehen. Die An- 
näherung des kindlichen Sexuallehens an das der Envachsenen geht 
viel weiter und bezieht sich nicht nur auf das Zustandekommen 
einer Ohjeklwahl. Wenn es auch nicht zu einer richtigen Zusam- 
menfassung der Partialtriebe unter das Primat der Genitalien 
kommt, so gewinnt doch auf der Höhe des Entwicklungsganges der 
infantilen Sexualität das Interesse an den Genitalien und die Geni- 
talhetätigung eine dominierende Bedeutung, die hinter der in der 
Reifezeit wenig zurücksteht. Der Hauptcharakter dieser ,inf anti- 
len Genitalorganisation' ist zugleich ihr Unterschied von 
der endgültigen Genitalorganisation der Erwachsenen. Er liegt dar- 
in, daß für beide Geschlechter nur ein Genitale, das männ- 
liche, eine Rolle spielt. Es besteht also nicht ein Genitalprimat, son- 
dern ein Primat des Phallus^-'')." 

Der kleine Knabe setzt bei allen lebenden Wesen ein ähnlichea 
Genitale voraus, wie er es selbst besitzt. Einmal kommt aber der 
Knabe dazu, die Entdeckung zu machen, daß Frauen keinen Penis 
besitzen. „Es ist bekannt, wie (die Kinder) auf die ersten Eindrücke 
des Penismangels reagieren. Sie leugnen diesen Mangel, glauben 
doch ein Glied zu sehen, beschönigen den Widerspruch zwischen 
Beobachtung und Vorurteil durch die Auskunft, es sei noch klein 
und werde erst wachsen, und kommen dann langsam zu dem affek- 
tiv bedeutsamen Schluß, es sei doch wenigstens vorhanden gewesen 
und dann weggenommen worden. Der Penismangel wird als Ergeb- 
nis einer Kastration erfaßt"^*)." 

Diese Auffassung von seilen des kleinen Knaben ist vollkommen 
begreif hch: der kleine Narzißt kann die Welt nicht anders ver- 
stehen, als nach dem eigenen Ebenbilde. Wenn er dann in Konflikt 
mit der Erfahrung kommt, sucht er diesen durch intellektuelle 
Deutungsarbeit zu beseitigen. 

Ferner behauptet dann Freud: „Wir wissen aus der Analyse vieler 
neurotischer Frauen, daß sie ein frühes Stadium durchmachen, 
in dem sie den Bruder um das Zeichen der Männlichkeit beneiden 
und sich wegen seines Fehlens . . . benachteiligt und zurückgesetzt 
fühlen. Wir ordnen diesen ,Penisneid' dem jKastrationskomplex' 
ein"'')." 

Wie ist nun diese Einstellung zu erklären? Warum soll sich das 
Mädchen dem Knaben gegenüber benachteiligt fühlen? 

Es lassen sich dafür einige Gründe vermuten. Einer dieser Gründe 
hängt mit der „Harnerotik" eng zusammen. „Will man den aus die- 
ser Quelle entspringenden Neid in seiner vollen Intensität würdigen, 
so muß man sich vor aUem die narzißstische Überwertung vergegen- 
wärtigen, die die Exkretionsvorgänge beim Kinde erfahren. All- 
machlphantasien, besonders solche sadistischer Natur, lassen sich 
eben talsächlich leichter au den männlichen Urinstrahl knüpfen, 
wie etwa — um unter vielen nur eine herauszugreifen — die mir 



Die magische Grundlage des „Penisneides" 361 

von einer Kuabeiiklasse berichtete: Wenn zwei Knaben über Kreuz 
urinieren, sterbe derjenige, an den sie dabei dächten"^*)." 

Die magische Quelle spielt beim Entstehen des „Penisneides" 
■vielleicht eine viel größere Rolle als der angeführte Autor es vermu- 
tet. Wir wissen, daß in uralter Zeit und noch heutzutage bei vielen 
Völkern, die auf primitiver Stufe stehengeblieben sind, in den 
Ackerbauriten der magische Koitus eine wichtige Stelle einnimmt. 
Zum Zwecke der Forderung der Fruchtbarkeit der erschöpften Na- 
tur werden sexuelle Orgien begangen. In dem magischen Koitus 
aber, der so wichtig ist für das Gedeihen der zukünftigen Ernte, 
ist der Mann die Hauptfigur, von seiner Potenz und Aktivität hängt 
soviel ab! Kein Wunder, daß er im Denken der Frau zu dem wer- 
den mußte, was er tatsächlich im Laufe der Geschichte wurde, der 
zu Beneidende. 

Die Spur einer solchen Denkweise läßt sich in einer buddhisti- 
schen Sage aus Tibet vermuten. Dort wird erzählt: In einem Lande 
lebte ein sehr reicher Hausbesitzer, der keinen Sohn besaß, sondern 
fünf sehr schöne Töchter. Da geschah es, daß der Hausbesitzer 
starb während der Schwangerschaft seiner Frau. Nach dem dort 
geltenden Rechte müßten in solchem Falle, wetm kein männlicher 
Erbe da ist, alle Güter dem König anheimfallen. Die Töchter rich- 
teten aber an den König die Bitte, abzuwarten, bis ihre Mutter nie- 
derkommen wird, dann wird sich zeigen, ob sie einen Sohn oder ein 
Mädchen gebiert. Der König willigte ein. Nach Vollendung der nemi 
Monate wurde ein wie ein Fleischklumpen gestaltetet Sohn gebo- 
ren, welcher weder Olireu, noch Augen, noch Nase, noch Zunge, 
noch Füße, noch Hände, sondern bloß die männlichen Geschlechts- 
teile hatte. Als man das dem König berichtet hatte, entschied 
er: „Hätte er bloß Augen, Ohren, Nase, Zunge, Füße, Hände 
usiv,, so würde ihn dies noch nicht zum Herrn der Güter machen, 
indem mir ein mit den männlichen Geschlechtsteilen Versehener 
dazu befähigt ist, darum mag dieses Kind, weil es die Zeichen der 
Mannheit besitzt, Eigentümer der Güter seines Vaters werden." Zu 
der Zeil wurde die älteste Tochter an einen Mann von gleichem 
Stande verheiratet. Sie bediente ihren Mann in allen häuslichen 
Geschäften, im Hinausbegleiten, Verbeugen, in Worten, mit ehr- 
erbietiger Aufmerksamkeit, wie eine Sklavin ihren Herrn. Der 
Mann, den das befremdete, sprach zu ihr: „Da wir nicht die ein- 
zigen Eheleute sind, sondern es überall dergleichen gibt, warum 
handelst du allein in solcher Weise?" Die Frau enviderte: „Mein 
Vater war unermeßlich reich an Gutem und Besitztum. Während 
ea, obgleich nach seinem Tode fünf Töchter nachgeblieben waren, 
entschieden war, daß der König dieses alles nehmen solle, befand 
sich meine Mutter im Zustande der Schwangerschaft und gebar 
nach Vollendung ihrer Monate einen Namenshalter, der zwar weder 
Augen, noch Nase, noch Zunge, noch Füße, noch Hände hatte, aber 
deswegen, weil er bloß das Zeichen der Erzeugungsfähigkeit besaß, 



og2 Kastration und Bisexualilät 



Herr der Güter wurde. Aus diesem Grunde, und weil der Besitz al- 
ler Sinneawerfczeuge, so viele ihrer sind, gegen den Besitz des allei- 
nigen Zeugungsgliedes nichts gilt, erweise ich dir Aufmerksamkeit 
und Verehrung«^")." * 

Wir sehen, wie hier die Frau die bevorzugte Steile des Mannes 
auf den Besitz des Penis zurückführt, und wegen dieses Besitzes -^ 

ihm „Aufmerksamkeit und Verehrung" erweist. Die große magische 
Bedeutung, die der Mann in den agrarischen Riten hat, hat ihn ver- 
mutlich auch zu der höheren sozialen Position verhelfen. Ais diese 
soziale Position traditionell wurde, konnte auch umgekehrt auf ^ 

dieser Grundlage der Neid der Frau gegen den Mann akut werden. 

Natürlich gibt es noch andere Gründe für das Benachteüigungs- ^ 

gefühl der Frauen. Auf alle diese kann hier nicht eingegangen 

werden"^"). . . „ *' 

Ich möchte aber noch darauf hinweisen, daß der „Penisneid" des 
Mädchens außerdem aus der bisexuellen Anlage zu begreifen ist, 
wie auch der „Kaatrationskomplex" des Knaben zum Teil auf dieser 
Grundlage beruhen muß. 



\ 



r 
( 



> 



Anmerkungen 



^) „]e mehr wh uns anstrengen, uns eelbet zu beobachten, um so sicherer kön- 
nen wir sein, daß wir überhaupt nichts beobachten. Der Psycholog, der sein Be- 
wuQtäeitt fixieren will, wird schließbch nur die eine merkwürdige Tatsache 
wahrnehmen, daß er beobachten will, daß aber dieses Wollen gänzlich erfolglos 
bleibt . ■ .(Die Situation des Selbstbeobachters) gleicht genau der eines Münch- 
bansens, der eich an dem eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen will. Das Objekt 
der Selbstbeobachtung ist ja eben der Beobachter selbst." W. Wundt. Die Auf- 
gaben der experimentellen Psychologie. Essays, 2. Aufl., Leipzig, W. Engel- 
mann, 1906, p. 198. 

-) „Ein Ericben kann nicht gedacht werden, indem, oder in dem Mo- 
mente, in welchem es stattfindet. Sondern das Dnsein des Erlebens einerseits, 
und sein Gedachtsein anderseits, das Dasein desselben in mir und sein Dasein 
für mich, fallen jederzeit zeitlieh auseinander. Oder, was dasselbe sagt, die 
innere Wahrnehmung ist jederzeit rück schauen de Betrachiun g." 
Th. Lippe. Bewußtsein und Gegenstände, Leipzig, "W. Engelmnnn, 1905, p. 41. 

") „Was ist Selbstbeobachtung? Man findet leider in keinem der Werke, welche 
von dieser vortrefflichen Metliode Gebrauch machen, eine Anleitung, worin sie 
bestehe: Man scheint die Selbstbeobachtung für eine ebenso natürliche, aller 
wiesenechaftlichea Anwendung vorausgehende Fähigkeit zu halten wie das Essen 
und Trinken. Und dennoch, wie ungeheuer verschieden nehmen sich die psy- 
chologischen Darsiellimgen aus, die von dieser Methode Gebrauch machen!" 
W. Wundt, a. a. O. p. 196. 

■^ Das gibt auch Wundt unumwunden zu. Er sagt: „Vor allem aber ist das 
psychologische Experiment auf die Zergliederung verhältnismäßig elementarer 
Vorgänge angewiesen, einzelner Vors teil ungs-, Willens-, Erinnerangsaktc; nur in 
geringerem Umfange vermag es noch die Verbindungen dieser einfachen Vor- 
gänge zu verfolgen. Dagegen bleibt ihm die Entwicklung der eigentlichen Denk- 
prozesse, sowie der höheren Gefühls- und Triebformen verschlossen; im faöch- 
aien Falle lassen eich über die äußere zeitliche Aufeinanderfolge auch dieser 
Prozesse einige unzureichende Beobacbliuigen anführen" (a. a. O. p. 208). 

s) Siehe z. B. Henry Watt, Experim. Beiträge zu einer Theorie d. Denkens. 
Arch. f. d. gesamte Psychologie, Bd. 4. Aug. Messer. Experira.-psydiol. Unier- 
Buchungen üb. d. Denken. Ebenda, Bd. 8. Ernst Westfahl. Über Haupt- u. Nobeu- 
aufgabcn bei Reaktionaversuchen. Ebenda, Bd. 21. 

") Die Aufgabe, die wir jemand stellen, ist eine Aulforderung. .Jedes Forde- 
rungserlebnis gebiert aus sich nach Maßgabe seiner Intensität eine entsprechende 
Erfüllungstcndenz." Th. Lipps, a. a. O. p. 108. 

•) „Das Erlebnis des psychisehen Zwanges ist eine letzte Tatsache. Ich kann 
mich getrieben, gezwungen, beherrscht fühlen, nicht bloß durch äußere Mächte 
und andere Menschen, sondern von meinem eigenen Seelenleben. Dies Merk- 
würdige, daß ich mich auf diese Weise mir selbst gegenüberstelle, daß ich selbst 
will und gleichzeitig nicht will, daß ich einer Triebregung folgen will und doch 
gegen sie kämpfe, müesen wir uns vergegenwärtigen, um die besonderen Phä- 
nomene zu verstehen, die wir als Zwangsvorstellungen, Zwa